Nachbarschaftshilfe groß geschrieben

Unterkunft in der Not - Teil 2

 

Kurz darauf war es dann soweit und unser Landkreis musste eine Unterkunft für wenig später ankommende Flüchtlinge bereitstellen. Nun erfordert es ohnehin nicht eben wenig Aufwand, eine Sporthalle einigermaßen wohnlich zu gestalten. Na gut, wohnlich war nie wirklich ein Kriterium. Aber zumindest sollten etwa 100 Menschen dort übernachten, sich waschen, essen und irgendwie leben können.

 

Als Journalist hatte ich das Glück, dabei sein zu dürfen und diese Verwandlung mit anzusehen und zu dokumentieren. Am frühen Vormittag rückten Kräfte der Feuerwehr, des DRK und des THW an, dazu einige spontane Helfer und natürlich der obligatorische Einsatzstab. Großer Bahnhof nennt man das wohl umgangssprachlich und genau das war es auch. Innerhalb weniger Stunden wurden Bauzäune angeliefert, um die Halle in kleinere Parzellen abzuteilen. Außerdem kam eine Lkw-Ladung mit Feldbetten und Bettzeug, dazu notwendige Hygieneprodukte für jeden einzelnen.

 

Die Helfer machten sich daran, die Bauzäune aufzustellen – doch es muss unbedingt noch Plane besorgt werden, denn um ein Minimum an Intimsphäre zu wahren, wollten die Trennwände doch wenigstens blickdicht sein. Im Fernsehen gibt es immer wieder Sketche, wie jemand am Aufbau eines Liegestuhls verzweifelt – mit Feldbetten ist das nicht anders. Die Hygieneartikel waren da, doch natürlich in riesigen Kartons.

 

 

Einige machten sich umgehend daran, Tüten mit Duschgel, Zahnpasta, Zahnbürste und so weiter für jeden der Ankommenden zu packen. Andere kontaktierten eine Firma, die auf die Schnelle Planen für die Bauzäune liefern konnte, wieder andere organisierten bei einer anderen Firma schnell noch Mülleimer und Handfeger für jede Parzelle, denn alles andere würde nach wenigen Tagen pures Chaos bedeuten. Und wieder andere hatten endlich den Dreh mit den Feldbetten raus und erklärten den Umstehenden, wie diese dann doch aufgebaut werden konnten, ohne dass die bei der leichtesten Berührung wieder zusammenbrachen.

 

Von der Tribüne aus gesehen ging es zu wie in einem Ameisenhaufen, ebenso hektisch, aber auch ebenso wundersam organisiert. Ehrlich gesagt konnte ich an diesem Tag nur staunen, wie gut hier jeder mit jedem zusammenarbeitete und wie effektiv eine solche Aktion wirklich ablaufen kann. Und wenn gar nichts mehr ging, wurde Rat beim Hausmeister eingeholt, der über jede Steckdose, jeden Wasseranschluss und auch sonst über alles in seiner Halle Bescheid wusste und beinahe den Eindruck vermittelte als habe er sowas schon hundertmal gemacht.

 

Am Nachmittag gab es dann im vorderen Viertel eine Art Gemeinschaftsraum mit Tischen, Kaffeemaschine und einer Theke für die tägliche Essensausgabe, dahinter eine freie Fläche, auf der vor allem die Kinder Platz zum spielen haben sollten und wo sogar das DRK noch einen Geräteraum frei hatte, den sie als Kleiderkammer einrichteten. Die hintere Hälfte waren sozusagen die Schlafräume, für die auch über die gesamte Zeit den Helfern nur in dringenden Fällen der Zugang gestattet werden sollte.

 

 

Auch als der Bus mit den ersten Flüchtlingen ankam, durfte ich noch mit dabei sein. Angeblich kam der direkt aus Passau, war also einmal quer durch die Republik gefahren, was man den Aussteigenden leider auch ansehen konnte. Viele von ihnen wirkten extrem eingeschüchtert, verstanden kaum, was mit ihnen passierte. Nur die Kinder waren erst einmal froh, sich endlich wieder bewegen zu können und rannten überall herum. Erstaunlicherweise lief auch das „Einchecken“ völlig problemlos ab und ging deutlich zügiger als ich erwartet hatte.

 

In den nächsten Tagen fragte ich immer mal wieder an, ob ich aus der Halle berichten durfte und ob es Neuigkeiten gab. Immer wieder bekam ich zu hören, wie viele Bürger sich in die bereitliegenden Helferlisten eingetragen hatten. Tatsächlich wuchs hier in diesen Wochen etwas zusammen, es wurden ganz deutlich die Wege für eine Integration geebnet und es entstanden sogar Freundschaften. Schließlich gab es ja einige Monate später als Rainer und ich uns schon längst um „unsere“ Familie kümmerten die große Wiedersehensparty, zu der wir gingen und auf der wir erlebten, wie schön ein ehrliches Miteinander und ein Willkommen aussehen konnte.

 

Das, was ich hier erlebte, die Hilfsbereitschaft und die nachhaltige Kraft, die ein solches Willkommen haben kann, machte mir unglaublich viel Mut. „Als die Kanzlerin vollmundig versprach: „Wir können das schaffen!“, muss sie die Osteroder Hilfskräfte vor Augen gehabt haben“, schrieb ich in einem meiner Pressetexte. Und genau für diese Texte bekam ich irgendwann von einem der Zuständigen beim Landkreis sogar ein Lob, als er nämlich sagte, es seien auch solche Berichte, die Wege ebnen und es Kritikern schwerer machen, haltlose Bedenken in die Welt zu setzen.

 

Willkommen in der Nachbarschaft

Unterkunft in der Not - Teil 1

 

Es verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Bis zu 100 Flüchtlinge sollten in den nächsten Wochen in die Sporthalle einziehen. Überraschend kam die Nachricht jedoch nicht. Wenige Wochen, nachdem klar war, dass Til Schweiger seine Flüchtlingsunterkunft nicht bei uns eröffnen würde, erbat das Land überall von den Kommunen Amtshilfe und es wurden in aller Eile Notunterkünfte eingerichtet. Kein Wunder, denn die bisherigen Erstaufnahmestellen reichten schon lange nicht mehr aus.

 

Was mich allerdings ärgerte war zum einen die Selbstverständlichkeit, mit der Politiker die Situation als eine plötzlich über uns hereinbrechende Herausforderung darstellten und zum anderen die Berichterstattung in den Medien, die anfangs geradezu himmelhoch jauchzend über die große Hilfsbereitschaft der Deutschen berichtete, um nur wenige Monate später einen völlig anderen Tenor anzuschlagen.

 

Zugegeben, die große Hilfsbereitschaft war da. Allerdings war sie auch nicht so flächendeckend und überbordend wie manche Journalistenkollegen es darstellten. Das bekam ich direkt bei mir in der Nachbarschaft mit, denn besagte Sporthalle, die zur Notunterkunft werden sollte, liegt direkt bei mir um die Ecke und ich parke meist mein Auto auf dem dazugehörigen Parkplatz.

 

„Hast du schön gehört...“, raunten sich die Nachbarn zu, meist erst einmal abwartend, wie sich das Gegenüber dann zum Thema Flüchtlinge äußert. So richtig hatte sich am Anfang noch kein Meinung durchgesetzt und viele waren erst einmal abwartend. Irgendwann hörte ich dann nur eine Nachbarin zur anderen sagen: „Na, wenn die jetzt alle kommen... also ich habe jedenfalls schon mal einen Knüppel hinter die Tür gestellt.“

 

 

Dann verbreitete sich das Gerücht, der Landkreis habe von alldem nichts gewusst und müsse die Sporthalle nun in aller Eile zweckentfremden und vor allem den Schulen und Vereinen verbieten, dort ihren Sportunterricht bzw. ihr Training zu machen. Gut, wenn in einer Halle Feldbetten aufgebaut werden, weil dort Menschen übernachten sollen, lässt sich nur schwer Fußball spielen. Dennoch missfiel mir von Anfang an der Unterton, mit dem diese Geschichte weitererzählt wurde. Und eine völlige Überraschung der Verantwortlichen beim Landkreis legte ja angesichts zahlreicher Notunterkünfte in Nachbarlandkreisen die Vermutung nahe, wir leben hier hinterm Mond.

 

Noch einen Tag später sprach mich dann eine Nachbarin direkt an, ob ich denn als Journalist nicht schon Genaueres wisse. Wusste ich nicht. Sie offenbar schon. „Das sind ja auch alles junge Männer und die vergewaltigen ja auch so viele Frauen“, informierte sie mich. Okay, das wusste ich als Journalist allerdings tatsächlich noch nicht. „Jedenfalls hab ich Angst und werde in den nächsten Wochen bestimmt nicht mehr alleine rausgehen“, setzte sie noch hinzu.

 

Es klingt fies und ist politisch absolut unkorrekt. Doch in diesem Augenblick konnte ich es mir nicht verkneifen, an ihrem nicht eben schlanken, dafür aber in einen engen knallbunten Jogginganzug gepressten Körper herunterzugucken und zu denken: „Mädel, wenn sich jemand diese Sorge nicht machen muss, dann du.“

 

 

Zum Glück konnte ich mir zumindest verkneifen, es laut auszusprechen. Dafür setzte ich mich daraufhin sofort an den Computer und schrieb einen Presseartikel mit dem sehr persönlichen Titel „Wir bekommen neue Nachbarn“. Darin rollte ich das Thema sehr persönlich auf und informierte nicht nur über die Sachlage, sondern auch über das, was ich von den Anwohnern mitbekam. „Einige waren skeptisch, was es für uns bedeutet, manche plapperten all jene Parolen nach, die sie irgendwo aufgeschnappt hatten“, schrieb ich. „Viel Angst vor dem Fremden schwang da mit.“

 

Allerdings auch, dass ich mir stattdessen viel mehr Angst um die Menschen machte, die da kommen sollten. Würden die in einer Turnhalle menschenwürdig untergebracht sein? Wie lange konnte man das jemandem zumuten, der gerade vor dem Krieg geflohen war und vielleicht nahe Menschen zurückgelassen hatte? Dass ich mich all das wirklich fragte, wurde mir so richtig eigentlich erst in dem Moment bewusst als ich den Text verfasste. Daher hieß es dann weiter: „Jetzt werden einige Flüchtlinge nebenan leben. Bin ich da nicht gefordert, Hilfe zu leisten? Schritte auf sie zuzugehen? Ihnen beim Start in der Fremde Wege aufzuzeigen? Zumindest habe ich einmal gelernt, dass man sich Menschen und erst recht Nachbarn gegenüber so verhält. Offen auf jeden zugehen, einander kennenlernen, vielleicht zu Freunden werden. So sollte es doch sein, oder nicht?“

 

Tatsächlich war das die Zeit, in der ich mir zum ersten Mal Gedanken darüber machte, wie ich selbst helfen könnte. Nicht nur durch gutgemeinte Pressetexte, sondern mit tatkräftiger Unterstützung an Ecken und Enden, wo es dringend nötig ist. Wie so vieles schob ich den Impuls, endlich aktiv zu werden allerdings auch dann noch weiter hinaus. Bis schließlich Rainer mich fragte, ob wir uns nicht um eine Flüchtlingsfamilie kümmern wollen. Aber das ist jetzt gar nicht die Geschichte, die ich erzählen wollte.

 

 

 

Fortsetzung folgt...

 

Eine Zeitmaschine für Erwachsene

Heaven is a Place on Earth - Teil 2

 

Wir fünf Erwachsenen setzen uns an einen Tisch, holen uns erst einmal Kaffee und freuen uns auf einen entspannten Nachmittag. Der dauert allerdings nicht allzu lange. In einer Ecke gibt es eine Bahn mit Trikes, in die allerdings ein Euro gesteckt werden muss, damit sie fahren. Sowas kennen sie vom Autoscooter auf dem letzten Jahrmarkt und betteln natürlich, dass sie damit fahren dürfen.

 

Nach dem einen oder anderen Euro ermutigen wir sie, doch auch mal die anderen Sachen auszuprobieren, mit eher mäßigem Erfolg. Erst später wird mir klar, dass sie bei vielen Dingen einfach nicht wissen, wie sie es handhaben müssen. Die Rutschen sind ziemlich einfach. Der Bällepool vor allem für M. ein Riesenspaß, vor allem, wenn er drin sitzt, einen Ball nach dem anderen quer durch die Halle wirft und sich freut, wenn Monika und ich hinterherlaufen, um sie wieder einzusammeln. Doch schon beim überdimensionierten Vier gewinnt stehen sie rastlos davor und wissen nicht, wozu man die großen Plastikplättchen in das durchlöcherte Gestell stecken muss. Auch Spielen will eben gelernt sein, stelle ich fest, und was für uns selbstverständlich ist, gibt es vielleicht anderswo einfach nicht.

 

 

So dauert es nicht lange, bis auch wir überall herumklettern, vieles mitmachen, Hilfestellungen geben und immer wieder bewundernd zum Ausdruck bringen, was die Kinder schon alles können. Tatsächlich macht es mir schon bald mehr Spaß als Kaffeetrinken und langsam kommt das innere Kind in mir zum Vorschein. Was hätte ich drum gegeben, wenn es für uns früher ein solches Spielparadies gegeben hätte.

 

Damals tat es allerdings auch der Spielplatz im nahegelegenen Wald mit Rutsche, Schaukel und Wippe. Immerhin gehörten wir ja noch zu jener Generation, die im Sommer den ganzen Tag draußen war, auf Bäume kletterte, auch mal runter fiel, ohne dass es gleich ein Beinbruch war und sich ohne ständige Aufsicht der Eltern oder elektronischer Spielgefährten beschäftigen konnte.

 

Ich glaube, in den Sommerferien bekamen unsere Eltern uns manchmal sechs Wochen lang kaum zu Gesicht und uns reichte diese Freiheit vollkommen aus. Natürlich war es auch toll, abends das große Playmobil-Piratenschiff mit in die Badewanne zu nehmen und danach noch „Wetten Dass“ gucken zu dürfen, doch ich glaube, dass wir tatsächlich eine Generation war, die ihre Spiele noch deutlich mehr aus der eigenen Fantasie heraus entwickelte.

 

Jetzt merke ich, dass die drei bei vielem hier im ersten Moment gar nicht genau wissen, was sie mit den Möglichkeiten anfangen sollen. Das mag daran liegen, dass hallenfüllende Klettergerüste aus buntem und überall gepolsterten Plastik in Syrien eher selten sind, vielleicht aber auch doch an von anderen vorgegebener Fantasie aus dem Kinderfernsehen, die eben einfach keinerlei Kreativität erfordert.

 

 

Nach und nach zeigen wir den Dreien, was sie alles nutzen können und tatsächlich probieren sie mehr und mehr aus. M. ist ganz aufgeregt und will uns unbedingt die Rutsche zeigen, auf die er sich ganz allein hinauf und auch wieder runter getraut hat. D. und ich müssen dann beweisen, das wir uns das auch trauen. Als nächstes fragt S., was das für seltsame Platten mit Netz in der Mitte sind. Rainer leiht dann auch gleich mal Tischtennisschläger aus und weiht sie in die Geheimnisse dieses Sports ein. Wenige Minuten später steht A. vor uns, möchte gerne auf Trampolin, traut sich aber alleine nicht.

 

Mit mehr und mehr Begeisterung machen wir alles mit, haben unseren Kaffee längst vergessen und toben bald schon ebenso ausgelassen wie die Kinder. Als S. mir dann plötzlich zuruft „Der Boden ist Lava!“ merke ich, dass heutige Kinder eben doch ziemlich schnell Fantasie entwickeln, wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt. Die Fantasie, sich vorzustellen, wie ich daraufhin mit ihr über die Gerüste klettere, mich durch enge Röhren zwänge und am Ende tatsächlich in einer Röhrenrutsche steckenbleibe, wünsche ich allerdings niemandem.

 

Die Zeit verfliegt an diesem Nachmittag wie im Flug und als wir schließlich zum Aufbruch blasen, meckern die Kinder auch nur ganz kurz darüber. Kaum sitzen wir im Auto, fallen ihnen die Augen zu, so sehr haben sie sich ausgetobt. Uns macht das ebenso glücklich wie ein paar Tage später die Mail vom Paritätischen, in der uns mitgeteilt wird, dass sämtliche Kosten aus dem Spendentopf zurückgezahlt werden. Im ersten Moment erscheint mir das geradezu unfassbar, doch dann muss ich zugeben, dass es kaum bessere Investitionen gibt als in das Glück von Kindern, die sich das nach teils traumatischen Erfahrungen in der alten Heimat und auf der Flucht ganz unabhängig von allen politischen Standpunkten und Konflikten der Erwachsenen einfach verdient haben.

 

Ein Paradies für Kinder

Heaven is a Place on Earth - Teil 1

 

Manchmal ist es so einfach. Beim Einkaufen entdecke ich zufällig Stoffbälle mit Smiley-Gesichtern drauf und nehme einfach mal drei mit. Zwar bin ich fest davon überzeugt, dass die Kinder sich streiten werden, wer welche Farbe bekommt, aber da kein Rosa dabei ist, könnte es sein, dass die Mädchen sich nicht die Köpfe abreißen. Und wenn doch, dann haben sie ja immerhin einen Smileyball, den sie sich stattdessen auf den Hals setzen können.

 

„Was ist in der Tüte?“, fragt S. als sie mir die Tür öffnet. Schon als ich das erste Mal irgendetwas für die Kinder in einer Tüte mitgebracht hatte, war ich total erstaunt, dass sie meine Antwort: „Das zeige ich euch erst später“ so einfach akzeptierten. Während es mit F. und D. irgendetwas zu klären gab und die Kinder sich langweilten, stand die Tüte die ganze Zeit im Flur herum, aber keines der Kinder hatte sie heimlich ausgepackt. Und auch jetzt begrüßen die drei mich erst einmal mit einer Umarmung und erzählen, was es im Kindergarten so Neues gibt, ohne dabei zu quengeln.

 

Allerdings spanne ich sie auch nicht lange auf die Folter und packe die weichen Bälle aus, mit denen ich sie gleich mal bewerfe. Sofort geht das wilde Spiel durchs Wohnzimmer los und es dauert eine ganze Weile, bis S. ihrer Schwester gegenüber deutlich macht, dass der gelbe Ball ihrer ist. A. mag den grünen aber ohnehin viel lieber und M. gibt sich mit dem blauen zufrieden. So weit, so gut.

 

Viel spannender wird es allerdings als D. dazukommt, A. im Vorbeigehen den Ball wegnimmt und ihn mit einem geschickten Wurf in der immer noch auf dem Tisch stehenden Papiertüte versenkt. Kein Gezeter, kein Streit, sondern sofortige Begeisterung. „Papa halt die Tüte mal hoch!“, fordern die Kinder und sofort spielen wir eine Runde Basketball. Danach halte ich die Tüte, F. kommt dazu und es geht weiter.

 

 

Da heißt es immer, Kinder könnten sich heute nicht mehr beschäftigen und kämen nicht mehr ohne elektronisches Spielzeug aus. Wer setzt solche Lügen in die Welt? Mit Enthusiasmus und ein bisschen Fantasie sind Kinder so leicht zu begeistern, und sei es für eine alte Papiertüte. Ich glaube, wichtig ist bloß, dass wir ihnen genug Raum zum Spielen bieten und ihre Bedürfnisse ernst nehmen.

 

Um genau die, die Bedürfnisse der Kinder, ging es Rainer und mir auch als wir unseren Plan ausgeheckt haben. „In letzter Zeit habe ich das Gefühl, wir füllen nur noch Formulare aus und regeln alles, was nötig ist“, sagte er neulich zu mir, „und eigentlich habe ich mir das ein wenig anders vorgestellt.“ Geht mir ganz genauso. All der Papierkram ist zwar wichtig und ich weiß immer noch nicht, wie das Familien schaffen, die niemanden um Hilfe bitten können, aber eigentlich wollen wir unseren Fünfen mehr bieten als nur Unterstützung im deutschen Bürokratiedschungel.

 

„In Bad Sachsa gibt es einen Indoor-Spielplatz“, fiel mir irgendwann ein. Rainer war sofort begeistert, wir beschlossen, ein Wochenende abzuwarten, wenn Monika herkommt und dann alle gemeinsam dorthin zu fahren. Der Termin wurde gemacht, D. und F. verrieten wir nicht, worum es ging und sagten nur, es werde eine Überraschung für die Kinder. Eine Überraschung für ich war es als Rainer mir dann vor zwei Tagen sagte, wir könnten für solche Aktionen beim Paritätischen Unterstützung beantragen. Dort gäbe es nämlich einen Fördertopf für Freizeitaktionen, die Paten mit ihren Flüchtlingsfamilien machen.

 

 

Heute war es nun also soweit und als Monika und Rainer ankamen, verteilten wir die Kinder und uns Erwachsene auf unsere zwei Autos und fuhren los. Kaum waren wir aus der Stadt raus, fing S. auf dem Rücksitz an zu quengeln. Meine Musik stört sie, ob es denn noch lange dauert und warum wir denn langsamer fahren als Rainer und Monika. Im Falle der Musik muss ich ihr zustimmen. Meine CD von Unzucht ist noch im Player und Dark Rock ist vielleicht wirklich nicht das, was man auf der Fahrt ins Kinderparadies hören sollte. Die Bollywood-CD kommt deutlich besser bei ihr an, vor allem, weil ich kurz darauf etwas Gas gebe und Rainer überhole.

 

Da verkürzt sich die Fahrtzeit von ganz allein und kurz darauf halten wir auch schon im Parkdeck, suchen den Eingang und stehen nach ein paar Schritten vor einer Welt aus Klettergerüsten, Rutschen, Trampolinen und anderen Gerätschaften, die die Kinder sofort magisch anziehen. „Könnten Sie erst noch die Schuhe ausziehen“, werden wir von der netten jungen Dame am Empfang noch gebeten, dann stürmen S., A. und M. auch schon los. Wir Erwachsenen setzen uns an einen der Tische, bestellen erst einmal Kaffee und freuen uns auf einen entspannten Nachmittag.

 

Erst einmal geht das auch gut. Die Kinder toben wir alle anderen auch, die Halle ist überschaubar groß und auf dem Boden größtenteils mit weichen Matten ausgestattet und unser Tisch so zentral, dass wir unsere Wirbelwinde im Blick haben, wenn sie oben in die Röhrenrutsche hinein- und unten wieder herausklettern. Alles super, fast so einfach wie Kinder vor dem Fernseher zu parken. Denken wir jedenfalls. Und es stimmt auch. Zumindest für die erste Viertelstunde.

 

Fortsetzung folgt...

 

 

 

Verliebt, verlobt, verheiratet

Leben in unterschiedlichen Welten - Teil 2

 

Irgendwann ein paar Tage später als wir F. und D. besuchen, läuft im Fernsehen mal nicht das übliche Cartoonprogramm der Kinder. Auch, wenn wir uns längst haben belehren lassen, dass Kinder auf diese Weise ja angeblich am besten Deutsch lernen, und auch, wenn ich Tom & Jerry sowie einigen Animeserien durchaus selbst etwas abgewinnen kann, nervt es uns immer noch kolossal, dass die Glotze anscheinend dauerhaft läuft. Diesmal jedoch keine Cartoons, sondern das Video einer arabischen Hochzeit.

 

D. bittet uns, eine Weile mitzuschauen, denn die großen und teuren Hochzeiten sind nun mal ein wichtiger Bestandteil seiner Kultur und gerade in diesem Moment offenbar auch eine wichtige Erinnerung an die Heimat. Tatsächlich lasse ich mich von dem schicken Ambiente, der tollen Musik und den ausgelassenen Menschen im Video sofort mitreißen. Es sind wohl Aufnahmen von der Hochzeit des Freundes eines seiner Cousins oder noch weiter verzweigte Verwandtschaft, für mich aber kaum weniger opulent als so manche Szene aus einem Bollywood-Blockbuster.

 

Alle tanzen in großen Kreisen als folgten sie einer mir unbekannten Choreografie, es wirkt aufeinander abgestimmt und eben wie der Tanz einer großen zusammengehörenden Hochzeitsgesellschaft. Auch das ist meiner Meinung nach ein Unterschied zu uns, denn wenn ich tanze, dann war das meist für mich allein in einer Disco. Dabei konzentrierte ich mich dann auf Beats und Melodien und blendete die anderen Leute oft sogar völlig aus. Und selbst auf hiesigen Hochzeiten gibt es doch allerhöchstens Paartänze, aber es kommt so gut wie nie dieses intensive Gemeinschaftsgefühl auf.

 

 

„Also den ganzen Tag könnte ich mir das Gedudel nicht anhören“, raunt Rainer mir zu, „irgendwie klingt das alles gleich und nervt auf Dauer.“ Mir geht es da völlig anders und ich bekomme sogar Lust zu tanzen. F. und D. bemerken das, freuen sich offenbar darüber und irgendwann stellt er fest: „Du musst auch endlich heiraten.“ Es ist nicht das erste Mal, dass die beiden mir das sagen, im Spaß haben sie sogar schon arrangiert, dass ich eine Cousine heiraten soll, wenn die denn eines Tages nach Deutschland kommen sollte.

 

Dass ein erwachsener Mann nicht verheiratet ist, ist für sie vielleicht nicht gerade unvorstellbar, wohl aber ein Makel, ein Unglück oder irgendetwas dazwischen. Die Familie ist das absolut Größte Glück auf Erden. Dem stimme ich ja auch zu, vor allem, wenn ich diese Rasselbande erlebe und mir im Moment kaum etwas Erfüllenderes vorstellen kann als ihnen deutsche Besonderheiten zu erklären und dabei manches zu hinterfragen, was uns so selbstverständlich erscheint.

 

Trotzdem bin ich im Moment aber auch gerne Single und weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich D. und F. das plausibel machen soll. Oft ist es ja schon schwer genug, verheirateten Freunden zu erklären, warum ich nicht verzweifle oder meine Oma zu überzeugen, dass ich weder schwul noch selbstmordgefährdet bin. Schwul zu sein wäre manchmal vielleicht eine Erklärung, die eher akzeptiert würde als meine Beteuerung, dass mir im Moment eigentlich nichts fehlt. Leider bin ich nicht schwul, sondern wohl einfach nur jemand, der kein Problem mit dem Alleinsein hat.

 

„Ich hatte ja mal eine Familie“, erläutere ich, „acht Jahre war ich mit einer Frau zusammen, die zwei Kinder hatte. Wir waren zwar nicht verheiratet, aber in Deutschland muss man nicht unbedingt verheiratet sein.“ Für F. und D. ist das ganz offensichtlich schwer nachvollziehbar. Hier unterscheiden sich unsere Kulturen dann eben doch sehr deutlich. Oder eigentlich nicht die Kulturen, sondern vielmehr die Gesellschaften. Unsere hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr viele Freiheiten erkämpft, sehr viel Individualität und dabei viele Traditionen über Bord geworfen.

 

Dabei ist es meiner Meinung nach noch gar nicht so lange her, dass auch bei uns vieles anders war, die Menschen gänzlich anders dachten und vieles, was uns damals unvorstellbar erschien, mittlerweile an der Tagesordnung ist. Zum Beispiel eben die wilde Ehe, die gleichgeschlechtliche Ehe (okay, das ist noch nicht so lange normal und da gibt es leider noch viele, die – neutral ausgedrückt – sehr traditionell denken) oder eben gar keine Ehe. Der unverheiratete Onkel war auch in deutschen Familien noch vor gar nicht allzu langer Zeit jemand, der zumindest bemitleidenswert ist.

 

Überhaupt wird mir in den letzten Monaten häufig sehr deutlich bewusst, welchen Wandel unsere Gesellschaft in den letzten hundert Jahren durchlaufen hat. Vielleicht unterscheidet sich unsere Welt ja gar nicht so sehr von der arabischen, vielleicht ist es nur, dass wir die Freiheit des Einzelnen als höchstes Gut auserkoren haben und uns vielmehr daran orientieren als an religiösen Traditionen. Und letztlich muss ich das erst einmal sehr wertfrei feststellen, denn nicht jede Abkehr von Religion und Tradition muss auch positiv sein.

 

 

Wieder ein paar Tage später bestimmen wieder die Kinder das Fernsehprogramm. Es läuft allerdings keine der üblichen Trickfilmserien, sondern eine Sendung über das Leben von Kindern in Südamerika. Gezeigt wird ein Junge aus einer ärmeren Gegend Brasiliens, der als Schuhputzer auf den Straßen São Paulos unterwegs ist, um Geld für seine Familie zu verdienen, die anders nicht über die Runden kommt.

 

„Viele Kurden in Syrien müssen das auch“, erzählt uns D. Auch er habe früh arbeiten müssen. Immerhin ist er der einzige Sohn in der Familie und da seine Schwestern nun mal nicht arbeiten durften, musste er schon immer zum Unterhalt beitragen. „So lange ist es noch gar nicht her, dass es das auch in Deutschland gab“, sage ich nachdenklich. Heute ist es für viele unvorstellbar, aber ich glaube vor hundert Jahren gehörten Schuhputzer auch in unseren Städten noch zum alltäglichen Straßenbild.

 

Mir wird wieder einmal bewusst, wie gut ich es eigentlich habe, welches Glück es ist, dass ich in dieser Zeit in diesem Land geboren wurde. Kein Verdienst, keine Leistung, sondern einfach ein glücklicher Umstand, zu dem ich nichts beigetragen habe. Als ich in F.s, D.s und auch in die nachdenklichen Gesichter schaue, habe ich den Eindruck, dass auch sie gerade sehr dankbar dafür sind, jetzt hier in dieser manchmal noch etwas fremden, doch friedlichen und weitgehend sicheren Gegend der Welt angekommen sind.

 

Ja? Nein? Vielleicht?

Leben in unterschiedlichen Welten - Teil 1

 

Wieder einmal gilt es, Formulare auszufüllen. Diesmal geht es erneut um den Asylantrag, und zwar acht engbedruckte Seiten lang. In einem Brief wurden D. und F. aufgefordert, all die Fragen zu persönlichen Daten, zu ihren Fluchtgründen und vor allem zu genau der Form von Asyl, die sie hier beantragen, ausführlich zu beantworten.

 

Die beiden sind damit natürlich vollkommen überfordert und haben Rainer und mich daher um Hilfe gebeten. Dass wir mit dem Bürokratenchinesisch genauso überfordert sind wie die beiden, konnten sie ja nicht ahnen. Sie gehen offenbar davon aus, dass in Deutschland auch Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller den ganzen Tag nichts anderes tun als Formulare auszufüllen.

 

„In Syrien gibt es nicht so viel Papier“, stellt D. wieder einmal fest. Dort gehe man zum Amt, sage, was man will, legt ein paar Scheine auf den Tisch und bekommt dann das Geforderte. Nun bin ich natürlich gegen jede Form der Korruption und kann das nicht gutheißen, aber wenn ich überlege, wie viele Anträge wir in den letzten Monaten schon ausgefüllt haben, kommen mir Zweifel, ob das nicht auch unter Folter fällt und damit gegen die Menschenrechte verstößt.

 

 

Wenn ich genauer darüber nachdenke, scheinen wir Deutschen unsere Formulare aber tatsächlich zu lieben. Dazu brauche ich mich nur an meine Schulzeit zurück zu erinnern. Damals, in der fünften Klasse bekam ich erstmals ein Formular, auf dem ich etwas ankreuzen musste, was dann – zumindest aus damaliger Sicht – weitreichende Folgen für mein ganz persönliches Leben hatte.

 

Es war nämlich so, dass Tina (oder wie immer sie hieß), mir in der großen Pause einen Zettel zusteckte, auf dem die berühmte Frage stand: „Willst du mit mir gehen? Kreuze an: Ja, Nein, Vielleicht.“ Wenn ich es mir recht überlege, saß ich damals genauso lange vor diesem Zettel wie jetzt vor dem Formular zum Asylantrag für F. und D. Welche Auswirkungen hat es, wenn ich mein Kreuz hier oder dort mache? Tue ich das Richtige? Reißt mir jemand den Kopf ab, wenn ich das Falsche ankreuze?

 

Nun bin ich inzwischen etwas selbstbewusster als damals. Ehrlich gesagt war ich damals ein ziemlicher Schisser und steckte den Zettel erst einmal zwei Tage in den Schulranzen, bevor ich endlich meinen besten Freund um Rat fragte. Natürlich solle ich Ja ankreuzen, riet er mir, schließlich wollten alle Jungs aus der Klasse mit Tina gehen. Blöderweise hatte Tina auch an fast alle Jungs aus der Klasse Zettel verteilt und einige waren einfach mutiger und schneller als ich, so dass sie längst mit einem anderen zusammen war als ich mit meinem Zettel ankam.

 

 

Aus dieser Erfahrung habe ich offenbar gelernt. Jedenfalls frage ich Rainer sofort um Rat und wir beschließen, gleich morgen zur Migrationsberatungsstelle zu gehen und dort nachzuhaken, was wir wie beantworten müssen. Alle Fragen zu persönlichen Daten, bei denen wir uns sicher sind, beantworten wir allerdings noch jetzt. D. und F. sehen uns gespannt und (bilde ich mir zumindest ein) mit ein wenig Bewunderung dabei zu. Ja, gelernt ist gelernt, wer schon in der Schule damit aufwächst, die Frage nach der ersten großen Liebe von einem angekreuzten Feld auf einem Zettel abhängig zu machen, hat vielleicht auch nicht weniger Bürokratie im Alltag verdient.

 

Die Dame bei der Beratungsstelle ist am nächsten Tag völlig begeistert, dass wir schon so vieles ausgefüllt haben. Den Rest würde ohnehin sie machen, sagt sie, meistens kommen Flüchtlinge zu ihr, die gar nicht wissen, was sie mit dem Schreiben vom Amt anstellen sollen. Kein Wunder, in den meisten Herkunftsländern gibt es ja auch keine Zettel mit „Ja, Nein, Vielleicht“, sondern sogar viel häufiger noch arrangierte Ehen, bei denen sich die Eltern um alle Weichenstellungen für die Zukunft kümmern. Das allerdings ist ein anderes Thema, über das ich mich jetzt nicht auslassen will.

 

Fortsetzung folgt...

 

 

Am Ende nix gewesen

Erst Schweigen, dann Schweiger - Teil 2

 

Immerhin verurteilte Gabriel in seiner Mail an mich schon damals scharf all diejenigen, die in sozialen Medien Hasskommentare schrieben und nicht zuletzt bei hier Ankommenden das Bild eines kaltherzigen und Ausländer hassenden Volkes entstehen lassen könnten. Dennoch dauerte es bekanntlich einige Jahre, bis der Bundestag sich mit dem Thema befasste und versuchte, diese Einstellung in einen ziemlich umstrittenen Gesetzesentwurf zu pressen.

 

Nun denn. Alles, was die Aufnahme von Flüchtlingen erleichterte, die Bürokratie in jener Zeit kurz- oder langfristig herunterschraubte und die überfüllten Erstaufnahmestellen entlastete, damit Menschen dort nicht unwürdig auf engstem Raum zusammengepfercht werden mussten, begrüßte er ausdrücklich und schloss damit zwischen den Zeilen auch Til Schweigers medienwirksamen Vorstoß für eine Vorzeige-Unterkunft in Osterode ein.

 

Andere Lokalpolitiker sahen das ganz ähnlich und in dem Projekt insbesondere auch eine Chance für die Stadt, die damit in einem jetzt leerstehenden Gebiet eine ganz neue Infrastruktur bekäme. Das alles erstaunte mich wenig, deutlich mehr schon, dass die Gegenseite, die besorgten Anwohner, sich in dieser Zeit nur sehr verhalten äußerten. Zwar gab es in den sozialen Medien hin und wieder ziemlich eindeutige Kommentare unter den entsprechenden Pressemitteilungen, doch vergleichsweise wenig, zumindest viel weniger als ich befürchtet hatte.

 

 

Insgesamt schien in jenem Sommer in ganz Deutschland ja einiges in Bewegung gekommen und statt rechter Parteien wuchs erst einmal die Hilfsbereitschaft und das ehrenamtliche Engagement für Flüchtlinge. Die kaltherzigen Deutschen waren also deutlich in der Minderheit und ich kann bis heute nur immer wieder sagen, wie sehr mich das beeindruckte.

 

Letztlich war das auch die Zeit, in der in mir der Wunsch aufkeimte, selbst etwas zu machen. Nicht nur über die alte Kaserne zu schreiben, sondern mich bei ihrem Umbau zu einer kurzfristigen Heimat für Flüchtende selbst einzubringen. Immerhin wurde von einigen Stellen deutlich gesagt, es würden auch ehrenamtliche Helfer benötigt und ich hatte das Gefühl, viele in unserer Stadt wollten sich gerne engagieren.

 

Leider waren die besorgten Bürger nicht die einzigen, von denen man wenig hörte, sondern auch der Besitzer des Geländes, der ja angeblich in so engem Kontakt mit Til Schweiger stand und seine Pläne voll unterstützte. Doch erst einmal passierte nichts. Keine beginnenden Umbaumaßnahmen und auch keine Interviews mit der Presse, wann es denn nun endlich losging.

 

Auch ich hatte mehrfach versucht, den Mann zu erreichen, am Telefon hatte er mir sogar ein Treffen auf dem Kasernengelände zugesagt, zu dem er dann aber leider nicht erschien. Allmählich griff die Vermutung um sich, er habe mit dem großen Medienwirbel nur die Preise hochtreiben wollen, doch Stadt und Land seien nicht darauf eingegangen. Dann wiederum hieß es, seine Firma sei schon lange insolvent und er habe ausschließlich einen Weg gesucht, um an Kohle zu kommen. Nun will ich mich dazu nicht weiter auslassen, Fakt ist nur, dass am Ende aus unserem Vorzeige-Flüchtlingsheim nichts wurde.

 

 

In der Zeitung hieß es irgendwann, in den alten Gebäuden seien Asbest und andere Giftstoffe gefunden worden, so dass eine Unterbringung von Menschen dort unmöglich wäre. Allerdings gab es auf den Gelände eine Sporthalle, die immer noch von einem privaten Betreiber genutzt und inklusive Hüpfburg und anderen Spielgeräten für Kindergeburtstage vermietet wurde. Ich sprach mit dem Mann, der über die angeblichen Giftstoffe nur herzlich lachen konnte und sich sicher war, man hätte ihm sein Unternehmen schon längst dicht gemacht, wenn es dort Anzeichen einer Gefährdung gäbe.

 

Til Schweiger immerhin setzte sein Projekt schließlich in Osnabrück um, in einem alten Bundeswehrkrankenhaus. Für einen letzten Presseartikel dazu telefonierte ich mit einer Journalistin in meiner alten Heimat, die mir über den schnellen Fortschritt der dortigen Umbauarbeiten berichtete und zudem erzählte, dass es auch in der deutlich größeren Stadt damals eine große Welle der Hilfsbereitschaft gab, während die kritischen Stimmen deutlich in der Minderheit blieben. So wurde immerhin am Ende doch noch Menschen geholfen und ich werde die Geschichte daher irgendwie in guter Erinnerung behalten.

 

 

Nachtrag: Zufällig habe ich durch einen guten Freund aus Osnabrück gerade erfahren, dass einige Flüchtlinge in der dortigen Einrichtung auch heute - fast zwei Jahre nach der Eröffnung - noch immer in Containern leben. Angesichts deutlich gesunkener Zuwanderung seit 2015 und den damaligen vollmundigen Versprechungen hat mich das tief erschüttert und ich wollte es zunächst nicht glauben. Doch erst jetzt läuft dort eine Ausschreibung, wer denn die Räumlichkeiten einrichten kann, um das bisherige Provisorium zu beenden.

 

Kein leeres Genuschel

Erst Schweigen, dann Schweiger - Teil 1

 

Til Schweiger will ein Flüchtlingsheim in Osterode bauen. Die Nachricht schlug damals ein wie eine Bombe. Zum einen, weil viele den Schauspieler wohl schon mit Maurerkelle und Bierflasche an ihrem Gartenzaun lehnen sahen, zum anderen, weil es nach Monaten des Schweigens endlich etwas Neues gab von der leerstehenden Kaserne, die zur Erstaufnahmeeinrichtung umgebaut werden sollte.

 

Schon mit Bekanntwerden der Pläne für die Erstaufnahmestelle war die Stimmung hier ja hochgekocht und es gab kaum noch ein anderes Thema. Gab es zu der Zeit ja aber deutschlandweit nicht. Die Welt schien außer Kontrolle zu geraten, die sogenannte „Flüchtlingswelle“ entzweite die Nation und Bund, Länder und Kommunen suchten verzweifelt nach Lösungen. Persönlich war ich von Anfang an für den Umbau der Kaserne, zum einen, weil ich die Zustände in der überfüllten Erstaufnahmeeinrichtung in Braunschweig gesehen hatte, zum anderen, weil ich dachte, dass es für Osterode eine große Chance sein könnte.

 

Dann passierte sehr lange erst einmal gar nichts. Ich habe in jener Zeit ein Interview mit Jürgen Trittin geführt, der zum einen betonte, dass es dringend Zeit wird, von den Planungen zur tatsächlichen Umsetzung überzugehen, und zum anderen daran erinnerte, dass die Kaserne damals nach Abzug der Bundeswehr „verscherbelt“ worden sei und man alles auch viel billiger hätte haben können. Aber hinterher ist man eben immer schlauer.

 

 

In jedem Falle wurden langsam die Stimmen immer lauter, die nachfragten, wann es denn nun endlich losgeht mit dem geplanten Umbau, denn der noch nicht korrigierte Termin für den Einzug der ersten Flüchtlinge stand sozusagen vorm noch nicht renovierten Tor. Und dann titelte eine benachbarte Tageszeitung plötzlich mit Til Schweiger, der sich persönlich in Osterode für den Umbau einsetzen wollte.

 

Auch ich ging der Sache journalistisch nach, bemühte mich um ein Gespräch mit dem Besitzer des Grundstücks, mit der Pressestelle von Schweigers Produktionsfirma und mit unseren Lokalpolitikern. Letztere waren selbst relativ überrascht von dem prominenten Bauherrn, Til Schweiger fand angeblich keine Zeit, sich zu äußern und der Grundstücksbesitzer war wie schon die gesamte Zeit seit der ersten öffentlichen Informationsveranstaltung nicht erreichbar. Trotzdem schien ja etwas an der Geschichte dran zu sein, zum einen weil Schweiger ja im Fernsehen durchaus Zeit fand, sich über seine Pläne einer Luxus-Flüchtlingsunterkunft mit Freizeitangeboten, Werkstätten und Traumatherapie auszulassen, zum anderen, weil auch die Pressestelle des Innenministeriums informiert war und sein Engagement sehr begrüßte und zu unterstützen versprach.

 

„Kein leeres Genuschel“ titelte ich damals, zugegeben etwas provokant und flapsig. Nun muss ich zugeben, dass ich Til Schweiger noch nie etwas abgewinnen konnte, weder in seinen Filmen, noch wie er sich in der Öffentlichkeit präsentierte. Zudem verstehe ich den Mann einfach nicht, muss mich immer extrem anstrengen, um mitzubekommen, was er sich eigentlich zurechtnuschelt. In diesem Fall allerdings wuchs mein Respekt vor ihm, ich fand es äußerst mutig, ein solches Projekt zu unterstützen und sich öffentlich politisch so klar zu positionieren. Da verzieh ich ihm auch gerne, dass er einen kleinen Lokaljournalisten nicht Rede und Antwort stehen wollte.

 

 

Dafür hatte ich auch genug andere Ansprechpartner, denn sämtliche Lokalpolitiker vom Bürgermeister bis zum Bundestagsabgeordneten ließen sich sehr gerne von mir interviewen. Sogar meine Mail an den damaligen Vizekanzler Sigmar Gabriel, die ich an sein Wahlkreisbüro geschickt hatte, kam beantwortet zurück und ich glaube bis heute, dass Gabriel die Zeilen selbst geschrieben hat. Seine Presseabteilung hätte vorm Abschicken die Rechtschreibfehler korrigiert, denke ich.

 

Jedenfalls bezog auch Gabriel in dieser Mail klar Stellung, ging auf rechte und „besorgte“ Stimmen in den sozialen Medien ein und freute sich darüber, dass endlich etwas in Bewegung kommt und die Aufenthaltsdauer der Flüchtlinge in den Erstaufnahmestellen mit einer weiteren Einrichtung vielleicht verkürzt werden kann.

 

Meine Meinung von Sigmar Gabriel war wiederum eine recht hohe, ich hatte ihn mal auf einer Veranstaltung erlebt, bei der er eine flammende Rede über deutsche Rüstungsexporte in alle Welt und auch in Krisenregionen gehalten hatte und in der er sich sehr deutlich dafür aussprach, diese drastisch herunterzufahren, weil damit auch wir eine Mitschuld in den Krisenherden und an immer mehr Flüchtlingen in der Welt tragen. Allerdings war das noch, bevor er Vizekanzler wurde und selbst jede Menge dieser Waffendeals unterzeichnete. Rhetorisch war er für mich allerdings immer noch jemand, an dessen Überzeugungskraft ich gerne zurückdenke. Gut, Rhetorik ist leider nicht alles.

 

Fortsetzung folgt...

 

Messen mit zweierlei Maß

Wenn das Jugendamt zweimal klingelt - Teil 2

 

Ich bin beruflich unterwegs, in Gedanken aber immer noch beim überfallartigen Besuch des Jugendamtes und einigermaßen sauer auf die offensichtlich voreingenommenen Mitarbeiter. Daher kann ich mich auch nicht zurückhalten als ich mich später noch mit einem Bekannten unterhalte und erzähle ihm die Geschichte. L. ist Sohn eines französischen Vaters und einer deutschen Mutter und durchaus in beiden Kulturen zuhause.

 

„So ärgerlich das alles ist“, sagt er mir, „hier in Deutschland hast du noch Glück mit den Behörden.“ Als Glück hatte ich die haltlosen Vorwürfe bisher nicht angesehen, gebe ich zurück. Und überhaupt: wenn uns bis jetzt jemand das Leben schwer gemacht hat, dann waren das unflexible Mitarbeiter bei allen möglichen Ämtern. „Weißt du“, erzähle ich, „egal, wenn wir bisher um Hilfe oder Rat gebeten haben, die ganz große Mehrheit hat immer alles getan, um F. und D. zu unterstützen. Insbesondere Leute mit arabischen oder türkischen Wurzeln haben sich immer geradezu ein Bein ausgerissen. Nur bei den Behörden beißen wir immer wieder auf Granit und bekommen das Gefühl vermittelt, wir verlangen Unmögliches.“

 

L. nickt, wirft dann aber ein: „Eben. Viele hier haben einfach keinen Bock, sich zu bemühen und wollen euch abwimmeln. In Frankreich ist das aber noch viel schlimmer. Dort ist es ganz normal, Rassist zu sein und das andere auch spüren zu lassen.“ Das gibt mir jetzt doch zu denken. „Nicht ohne Grund fährt Le Pen so gute Wahlergebnisse ein“, fügt L. hinzu, „und nicht ohne Grund passierten die meisten Terroranschläge in den letzten Jahren bei uns. Ob du es glaubst, oder nicht, aber was die Integration von öffentlicher Seite angeht, gibt sich Deutschland wahrscheinlich von allen europäischen Ländern noch die größte Mühe.“

 

Mühe geben alleine reicht aber nicht, kontere ich, manchmal habe ich das Gefühl, ohne Ehrenamtliche würden viele Flüchtlingsfamilien an unserer Bürokratie völlig verzweifeln und am Ende als unintegrierbar eingestuft werden, bloß weil sie Formblatt XY nicht richtig ausgefüllt haben. Genau das sei in Frankreich der Normalfall, meint L., während hier ja wenigstens ab und zu hilfsbereite Menschen hinter den Schreibtischen sitzen.

 

 

Ich beschließe, optimistisch zu bleiben und fahre einigermaßen beschwichtigt nach Hause, wo mich Rainer auf dem Anrufbeantworter um Rückruf bittet. „Das Jugendamt war gerade wieder da“, begrüßt er mich als er gleich nach dem ersten Klingeln abhebt. „Du verarschst mich“, platzt es aus mir heraus. Leider nicht. Die zwei Mitarbeiter waren in der Tat erneut bei D. und F., weil sie den Vater und mutmaßlichen Täter ja beim ersten Besuch nicht angetroffen haben und der Fall somit noch nicht abgeschlossen war.

 

Allerdings hatten sie den beiden ihren Besuch diesmal angekündigt, vermutlich um sicherzugehen, dass diesmal auch wirklich beide Eltern zuhause sind. Daher hatte F. Kuchen gekauft und Kaffee gekocht und D. hatte Rainer angerufen und ihn zur Unterstützung dazugebeten. Freunde einzuladen ist ja sein gutes Recht, finde ich, die Mitarbeiter des Jugendamtes sahen das allerdings anders und waren wohl ziemlich – nun, sagen wir mal – angepisst.

 

„Mit mir wollten sie eigentlich gar nicht reden“, erzählt mir Rainer immer noch vollkommen aufgebracht, „auch als ich ihnen angeboten habe, ihnen das beschissene Bett zu zeigen, haben sie mich vollkommen ignoriert.“ Stattdessen haben sie F. und besonders D. unmissverständlich klargemacht, dass Eltern in Deutschland ihre Kinder nicht schlagen dürfen.

 

„Da bin ich dann ziemlich deutlich geworden und haben denen gesagt, was ich von solchen Unterstellungen halte“, erzählt Rainer weiter. „Gut so!“, platzt es aus mir heraus. Auch wenn ich nicht dabei war, kann ich mir die Szene dank seiner Schilderung bildlich vorstellen und merke, wie sich auch in meinem Bauch Wut zusammenballt. „Hat allerdings nichts gebracht. Als Antwort bekam ich dann nur wortwörtlich zu hören, sie könnten auch anders und es gebe Mittel und Wege, die Familie zu kontrollieren, wenn wir uns nicht kooperativ zeigen.“

 

 

Für einen Moment weiß ich darauf nichts zu sagen. All der Optimismus, den ich dank L. hatte, verpuffte geradezu explosionsartig. Zurück blieb Wut, Fassungslosigkeit und ein ziemlich schneller Entschluss. „Das können wir so nicht auf uns sitzen lassen!“, entschied ich. Zu genau dieser Erkenntnis war Rainer auch schon gekommen. Er wollte sich in einem Brief an die Behörde wenden und auch nicht locker lassen, eher er nicht eine Antwort bekam, wie so etwas passieren darf, obwohl nachweislich kein Grund für ein Eingreifen des Amtes vorlag.

 

Ich hingegen entscheide, mal wieder offiziell als Pressefuzzi aufzutreten und mich mit der Führungsebene in Verbindung zu setzen. „Da bekomme ich vielleicht schneller eine Reaktion“, vermute ich, „denn eine Schlagzeile 'Jugendamt misst bei Deutschen und Ausländern mit zweierlei Maß' wollen die bestimmt nicht riskieren.“ Trotz der berechtigten Aufregung beschließen wir allerdings, doch noch ein paar Tage zu warten, bis wir die Diskussion etwas weniger emotional angehen können. „Egal, was wir tun, wir dürfen D. und F. damit auf keinen Fall schaden“, mahne ich. Rainer macht das nur noch wütender. „Genau das ist ja das Problem“, poltert er, „die rühren sich entweder gar nicht oder aber kommen dir so und du kannst kaum etwas machen, weil die Herren Beamten am längeren Hebel sitzen.“ Je länger mir dieser Satz in den Ohren nachklingt, desto mehr Vertrauen in unseren Staat frisst er auf.

 

Jedem Verdacht nachgehen

Wenn das Jugendamt zweimal klingelt - Teil 1

 

Das Klingeln des Telefons reißt mich aus dem Schlaf. So früh ist es eigentlich gar nicht, aber ich habe gestern noch lange an einem Text gesessen, den ich unbedingt noch fertig bekommen wollte. Dementsprechend müde bin ich jetzt als ich mich melde. Dann jedoch bin ich schlagartig wach. „Guten Morgen, mein Name ist B. vom Jugendamt“, sagt die Stimme am anderen Ende, „Sie betreuen doch die syrische Familie...“ „Worum geht es denn?“, unterbreche ich die Stimme und bin sofort in Alarmbereitschaft.

 

S. ist heute nicht im Kindergarten und A. hat daraufhin wohl erzählt, sie sei geschlagen worden, berichtet die Stimme vom Amt und will wissen, ob ich übersetzen kann, wenn er der Familie jetzt einen Besuch abstattet. „Sorry, aber dass die beiden ihre Kinder schlagen sollen, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen“, platzt es aus mir heraus. Sie müsse jedem Verdacht dennoch nachgehen, hält die stimme dagegen, wenn ich allerdings nicht übersetzen kann bin ich bei dem Gespräch allerdings auch nicht erwünscht.

 

Einen Moment überlege ich, ob ich trotzdem hinfahre, entscheide mich dann aber dagegen und rufe erst einmal Rainer an. Auch er will aus einem ersten Impuls heraus sofort zu F. und D. fahren und auch er zügelt sich dann erst einmal. „Geben wir dem Jugendamt eine Stunde Zeit und treffen uns dann dort“, entscheiden wir, so viel Unheil werden sie wohl in der Zwischenzeit nicht anrichten.

 

 

Genau sechzig Minuten später stehen wir schließlich beide vor der Tür, F. öffnet auf unser Klingeln und wirkt einigermaßen verstört. Vom Amtsbesuch haben wir erfahren, sie solle sich aber keine sorgen machen, wir kümmern uns, beruhigt Rainer sie, während ich erst einmal nach den Kindern sehe. S. strahlt mich sofort an und zeigt mir ein neues Spielzeug. Auf meine vorsichtige Frage, warum sie nicht im Kindergarten war, erzählt sie, ihr Bett sei zusammengebrochen, sie habe sich den Kopf gestoßen und jetzt eine Beule.

 

Wie bei allen Asylanten wurde die Wohnung ja möbliert zur Verfügung gestellt, allerdings mit den günstigsten Möbeln eingerichtet, die überhaupt erhältlich sind. Gerade über die drei Kinderbetten haben wir uns schon oft geärgert. Statt fester Lattenroste sind sie nur mit billig verbundenen Brettern ausgestattet, die bei jeder größeren Belastung durchrutschen. Gerade bei Kindern, die nun einmal auch auf ihren Betten hüpfen ist das nicht ungefährlich, aber es reicht auch schon, wenn wir Erwachsenen uns auf die Bettkante setzen.

 

Während S. den nächtlichen Unfall inzwischen verdrängt hat, wirkt A. allerdings ziemlich verstört. Zunächst mag sie gar nicht mit mir reden, eigentlich mit niemandem, auch nicht mit D., der jetzt von F. alarmiert vom Sprachkurs nach Hause kommt. Er lässt sich erst einmal die ganze Geschichte erzählen, dann kümmert er sich um seine jüngere Tochter und beruhigt sie etwas. Was die beiden sagen, verstehe ich natürlich nicht, aber ich befürchte, A. hat ein schlechtes Gewissen, weil sie weiß, dass sie das ganze Chaos irgendwie in Gang gesetzt hat, und D. macht ihr klar, dass es nicht ihre Schuld ist. Zumindest beruhigt sie sich bald wieder und ringt sich dann sogar ein Lächeln ab.

 

Für uns ist die Schuldfrage ebenso schnell geklärt. Zum einen regen wir uns darüber auf, dass der Kindergarten nicht zuerst bei uns anruft, obwohl sie uns ja sonst auch kontaktieren, zum anderen macht es insbesondere Rainer wütend, dass das Jugendamt bei einer solchen Geschichte sofort aktiv wird, während sonst oft tagelang niemand erreichbar ist und auf seine Anrufe in einer anderen Sache es auch niemand für nötig hält, mal zurückzurufen.

 

 

„Ganz ehrlich, wenn bei eine ausländischen Familie etwas passiert, stehen die sofort auf der Matte, aber bevor sie bei deutschen Familien den Arsch hochkriegen muss sonstwas passieren.“ Recht hat er ja. Dennoch mahne ich ihn zur Ruhe als er dann zum Smartphone greift und sich beim Amt beschweren will. Der Text, den er auf den Anrufbeantworter spricht, ist dann zum Glück mit Bedacht gewählt, wenn auch unmissverständlich. Damit, dass sich jemand zurückmeldet, rechnen wir allerdings trotzdem nicht.

 

Wenig später ruft Rainer auch noch beim Kindergarten an und macht auch dort seinem Ärger Luft. Ich schlucke solche Dinge meist erst einmal herunter, aber in diesem Fall muss ich schon einsehen, dass es falsch wäre, alles einfach so hinzunehmen. „Und?“, frage ich als er auflegt. „War eigentlich ein gutes Gespräch. Die Leiterin stellt sich zwar vor ihre Mitarbeiter und sagt natürlich, dass jeder Verdacht häuslicher Gewalt ernst genommen werden muss, aber sie hat mir auch wortwörtlich gesagt, dass die sonst auf ihre Hinweise nicht so schnell reagieren und selbst sie manchmal ewig wartet, bevor das Jugendamt sich bei ihr zurückmeldet.“

 

Bevor ich mich aber zu sehr in die Denkweise der Damen und Herren beim Jugendamt und ihre eventuellen Klischees arabischer Erziehungsmaßnahmen hineindenke, kümmern wir uns lieber um D. und F. und beruhigen sie schließlich ist ja alles ein offensichtliches Missverständnis und kann schnell zu den Akten gelegt werden. In dem Punkt haben wir uns allerdings geirrt, wie sich einige Tage später herausstellt.

 

Fortsetzung folgt...

 

Die Welt gehört in Kinderhände

Wir gehören zur Familie - Teil 2

 

Jetzt gerade versteht er mich überhaupt nicht, als ich ihm sage, er soll auf dem Gerüst nicht noch eine Etage höher klettern, weil das ja gefährlich werden könnte. F.s Warnung rauscht ebenso an ihm vorbei. Für ihn gibt es nur noch das zu bezwingende Klettergerüst auf dem Schulhof und eben auch die bewundernden Blicke einiger älterer Schulkinder, die ihm zusehen, wie er der Gefahr heldenhaft ins Auge sieht. M. der Eroberer.

 

Überhaupt scheint dieses Kind keine Angst zu kennen, auch zuhause klettert er mit Vorliebe auf den Wohnzimmertisch und springt dann einem von uns völlig ohne Vorwarnung in die Arme. Da war schon manchmal eine richtig schnelle Reaktion gefragt, bevor es zu ernsthaften Verletzungen kommt. Neulich erzählte uns D., M. habe ihn gefragt, warum ausgerechnet er immer so viele Schrammen und Beulen habe.

 

Noch während ich daran denke, gibt es plötzlich einen Knall, der sich verdächtig nach Kinderstirn auf Holz anhört, und M. der Eroberer wirft sich seiner Mutter heulend in die Arme. Die sieht mich schulterzuckend an, tröstet ihn und fünf Minuten später ist er schon wieder auf dem Klettergerüst.

 

 

Letztlich sind wir ja froh, dass es so ist. In der Anfangszeit nämlich hatten wir das Gefühl, die Kinder halten sich fast nur in der Wohnung auf. Kein Wunder, dass alle drei da über sämtliche Möbel tobten. Vor allem, weil sie in den ersten Monaten ja auch noch kaum Spielzeug hatten. Mag ja sein, dass in Syrien vieles anders ist, aber dass Kinder viel Bewegung brauchen und dass es für sie kaum etwas Besseres gibt als draußen herumzutoben, ist wohl auf der ganzen Welt so.

 

Darum haben wir uns ja auch bald auf die Suche nach dem nächstgelegenen Spielplatz gemacht und Rainer hat einen Fußball und ein altes Kinderfahrrad mitgebracht, damit wir auf der Straße spielen konnten. Der erste zerbrochene Gartenzwerg bei den Nachbarn ließ dann nicht lange auf sich warten. M. war gegen ihn angetreten und hatte den Kampf eindeutig für sich entschieden. Blöderweise musste er auch noch über seine Heldentat lachen, während es uns unglaublich peinlich war, zumal wir die Nachbarn noch nicht kannten.

 

Zerknirscht klingelte ich und beichtete, was passiert war. Das ältere Ehepaar nahm es zum Glück mit Humor. Vermutlich hatten sie sowas in der Siedlung früher schon häufiger erlebt. Damals, als auch deutsche Kinder noch auf der Straße spielten, statt sich gegenseitig auf Facebook zu mobben. Überhaupt kann ich mich eigentlich nur daran erinnern, dass wir als Kinder im Sommer immer alle gemeinsam auf der Straße gespielt haben. Heute sehe ich bei mir in der Nachbarschaft selten Kinder gemeinsam spielen. Sind die wirklich alle nur auf elektronische Medien angewiesen?

 

Über die Reaktion der Nachbarn bin ich jedenfalls mehr als glücklich, vor allem, weil ich auf keinen Fall möchte, dass M. der Eroberer sich einen Ruf als M. der Zerstörer einhandelt. Aber vielleicht war der Gartenzwerg ja auch ein Geschenk der ungeliebten Schwiegertochter und sie sind klammheimlich froh darüber, dass er endlich nicht mehr den Garten verschandelt.

 

 

Eine noch coolere Reaktion habe ich vor vielen Jahren nur mal bei der Mutter meines guten Freundes O. erlebt. Sie hatten gerade neu gebaut als eines schönen Nachmittags der Fußball des Nachbarsjungen durch gerade erst eingesetzte Panoramafenster krachte. O.s Mutter blieb trotz Baustellenstress und eines nicht unerheblichen Schreckens völlig gefasst und brachte den Ball sogar noch zurück. Auf meine Verwunderung meinte sie nur: „Ach, O. hat früher in der gesamten Nachbarschaft so viele Scheiben zerschossen, eigentlich haben die das andere Panoramafenster auch noch gut.“

 

Mich beeindruckt das bis heute und ich habe mich immer bemüht, bei Kindern ebenso zu reagieren. Meist gelingt es mir auch. Die Belohnung, bei den Kindern beliebter Spielgefährte zu sein ist jedenfalls einiges mehr wert als der möglichen Verärgerung unangemessen laut Luft zu machen.

 

Doch Spielgefährte hin oder her, jetzt unterbrechen wir erst einmal alles, weil S., D. und Rainer aus dem Büro der Rektorin zurückkommen. Alle drei strahlen uns an. „Es spricht gar nichts dagegen, dass S. im nächsten Jahr Schulkind wird“, fasst Rainer zusammen. Die Lehrer haben einen guten Eindruck und die Sprache lerne sie im Kindergarten sowieso ganz schnell. Besser kann es ja gar nicht sein. Nur mein Plan, jetzt nach Hause zu gehen, der geht leider nicht auf. A. und M. haben ja schon auf dem Schulhof gespielt, erklärt mir S. ganz sachlich, sie allerdings noch nicht. Also müssen wir noch bleiben, damit sie die Spielgeräte auch noch austesten kann. Okay, rein logisch und analytisch hat sie ohne jeden Zweifel das Zeug zum Schulkind, das muss ich zugeben.

 

Gebt den Kindern das Kommando

Wir gehören zur Familie - Teil 1

 

Von Anfang an war eines unserer wichtigsten Ziele die Anmeldung der Kinder im Kindergarten. Viel schneller als jeder Erwachsene können sie sich an eine neue Umgebung gewöhnen, viel schneller eine neue Sprache lernen und viel schneller neue Freunde finden, sagten wir uns. Noch dazu sind Kinder nun einmal diejenigen, die am allerwenigsten für die Kriege und Lebensumstände in ihrer Heimat können und die es daher unbedingt verdient haben, so schnell wie möglich ein Leben in sicheren Bahnen zu führen.

 

Heute dürfen wir S. sogar in der Grundschule anmelden, die sie dann ab dem nächsten Jahr besuchen darf. Darauf bin ich ehrlich gesagt ein wenig stolz. Immerhin hat es eine Weile gedauert, bis die drei einen Kindergartenplatz bekommen haben. „Ich kann sie ja nicht vorziehen, während andere Kinder schon viel länger auf der Warteliste stehen“, hatte die Leiterin uns damals bedauernd erklärt. Das mussten wir leider einsehen.

 

Dafür wurden wir dann aber gemeinsam mit F. und D. zu einer Besichtigung mit erstem Kennlerngespräch eingeladen und wurden als Paten fast wie Familienmitglieder betrachtet. Sowas bringt ehrlich gesagt ein paar Glücksgefühle mit sich. „Ich schreibe mir mal Ihre Namen auf und trage Sie in der Liste derer ein, die die Kinder aus dem Kindergarten abholen dürfen“, hatte eine Mitarbeiterin uns damals gesagt, „es kann ja sein, dass mal etwas ist und Sie hier statt der Eltern auftauchen.“

 

Tatsächlich haben wir bis heute einen ziemlich engen Draht und werden tatsächlich ab und zu angerufen, wenn etwas besonderes vorfällt oder manchmal auch einfach, um uns über Fortschritte zu informieren. Das ist, glaube ich, nicht selbstverständlich, erleichtert allerdings vieles und gibt Rainer und mir ein echt gutes Gefühl. Verantwortung zu tragen ist ja generell ein schönes Gefühl und auch das, auf die Familie aufpassen zu könne und sie in gewisser Weise zu beschützen. Mir bedeutet das jedenfalls sehr viel.

 

 

Ich hoffe, mit der Schule wird es ähnlich laufen. Die ist übrigens gleich nebenan und auch dort werden wir und vor allem S. sehr freundlich empfangen. Während Rainer mit D. und seiner Tochter ins Büro der Rektorin geht, um alles nötige zu besprechen, bleibe ich mit F. und A. und M. draußen auf dem Spielplatz. Sofort erobern die beiden das Klettergerüst mit der großen Rutsche, zu der allerdings ein paar für kleiner Kindergartenkinderbeine weit auseinanderliegende Stufen fühlen. A. sieht mich mitleidig an und fragt, ob ich sie hochheben kann. Mache ich natürlich. Nun will M diesen besonderen Service natürlich auch genießen und auch ihm gewähre ich es.

 

F. lässt mich machen und hält sich erst einmal im Hintergrund. Ich weiß nicht genau, ob sie es genießt, mal ein paar Minuten nicht ständig mit mindestens einem Auge auf die Kinder schauen zu müssen. Immerhin ist sie mit ihren 22 Jahren noch sehr jung und die drei sind nicht ihre leiblichen Kinder. Noch immer bewundere ich, wie sie diese für sie anfangs doch bestimmt nicht leichte Aufgabe hinbekommt und das auch noch liebevoll und so, dass die drei auch noch auf sie hören.

 

Über die Familiengeschichte wissen wir ja immer noch relativ wenig. Da wir nicht zu viel nachbohren wollen und immer nur darauf warten, dass die beiden von sich aus etwas erzählen, erfahren wir nur ab und zu etwas aus ihrer Zeit vor der Flucht. Schließlich wollen wir ihnen aber Brücken bauen, damit sie hier ankommen können, und nicht in der Vergangenheit stochern und alte Wunden aufreißen. Daher betrachte ich auch nach wie vor alles, was sie uns erzählen, als großen Vertrauensbeweis.

 

 

D. hat uns nur wenig von der leiblichen Mutter seiner Kinder erzählt. Mit ihr war er wohl von Syrien in den Irak gegangen, weil sie als kurdische Familie dort bessere Chancen hatten, erzählte er einmal. F. lernte er aber dann wieder in Syrien kennen, meine ich und seine erste Frau, so erzählte er neulich mal, sei auch geflohen und wohl inzwischen irgendwo in Europa.

 

Gar nicht nachzufragen klappt natürlich nicht immer, schließlich bin ich auch ein Stück weit neugierig. So hat er mir dann auch erzählt, dass die Mutter seiner Kinder wohl auch auf dem Weg nach Deutschland sei, er ihr aber nicht erzählen will, wo er sich genau aufhält, weil er Angst davor hat, sie wolle ihm die Kinder dann wieder wegnehmen. Wie das jetzt allerdings alles genau zusammenhängt, habe ich nicht verstanden, zum Teil weil die Geschichte doch komplizierter scheint, zum Teil aber auch, weil solche Gespräche auf Deutsch leider immer noch eine echt große Hürde darstellen.

 

Bei den Kindern ist das inzwischen bedeutend leichter. Die sprechen, soweit ich es beurteilen kann, inzwischen ebenso gut deutsch wie arabisch. S. sowieso, sie schnappt im Kindergarten so viel auf, dass ihr dabei gar nicht auffällt, wie sie die fremde Sprache lernt. A. ist leider allgemein ziemlich zurückhaltend und spricht nicht allzu viel, bei ihr bin ich mir allerdings sicher, dass sie fast alles, was wir sagen, versteht. Und M. lernt das Sprechen ja sowieso gerade erst und genießt den großen Vorteil aller mehrsprachig aufwachsenden Kinder, dass es für ihn selbstverständlich ist, mit seinen Eltern auf arabisch zu plappern und mit uns auf deutsch. Sein sich ständig erweiternder Wortschatz existiert einfach doppelt. Der kleine Nachteil an der Sache ist dann allerdings, dass er – je nach Bedarf – auch gerade mal die Sprache nicht versteht, in der man ihm etwas verbietet.

 

Fortsetzung folgt...

 

Ein Prozent anders

Lesen erweitert den Horizont - Teil 2

 

Somit müssten wir, so Grönemeyer, die natürliche Angst vor dem Fremden überwinden, um in einer immer enger zusammenwachsenden Welt, die ja ebenfalls ein Fakt ist, Stabilität erreichen zu können. Das hieß seiner Meinung nach aber keinesfalls, dass wir alle gleich sein sollen, denn zweitens müssten wir den Mut finden, uns nicht von der Wirtschaft zum Konsumenten und gläsernen Kunden machen zu lassen, sondern uns zu unserer Individualität bekennen und diese auch in all ihren Facetten ausleben.

 

Auch das war definitiv eine These, der ich zustimmen konnte. Und hier lag tatsächlich vielleicht auch das Neue an seinem Manifest, denn diese Verbindung zwischen genetischer Ähnlichkeit und dem Aufruf zur Individualität hatte ich so noch nie gefunden. Andersherum schon eher, wenn nämlich Unternehmen und Werbung die Menschheit in Käufergruppen einteilen, die sie dann aufgrund bestimmter gleicher Merkmale gezielt bewerben können.

 

 

Hier ging es aber offenbar darum, dass eine Gemeinschaft immer nur durch starke Persönlichkeiten und Heterogenität lebt und sich weiterentwickeln kann. Auch das war für mich keine neue Erkenntnis, aber immerhin war der Weg zu dieser Einsicht einer, den ich so noch nicht kannte. „Ob wir nun Christen, Juden, Moslems, Hindus, Freidenker oder Anhänger eines anderen Glaubens sind, wir dürfen nicht nur die Gemeinschaft der Gleichgesinnten im Blick haben, sondern sollten auf die Vielfalt des Lebens schauen“, hieß es im Buch.

 

Das reichte mir, um eine positive Rezension zu schreiben, doch letztlich blieben es banale Wahrheiten. Erst als ich meinen Text längst fertig hatte, kam mir der Gedanke, dass es in unserer Zeit vielleicht gerade darum geht. Darum, dass jemand diese banalen Wahrheiten, die uns eigentlich seit der Zeit der Aufklärung bekannt sind, noch einmal deutlich ausspricht. Immerhin gibt es genug Populisten, die gequirlten Blödsinn brabbeln und damit viele Leute verunsichern und ihnen Angst machen. Genauso muss es auch die anderen geben, die die alten Werte unserer Kultur in neue Worte fassen und diese dagegenhalten.

 

Natürlich werden diese Worte weniger gehört als die kämpferischen. Natürlich ist es leichter an das Nationalbewusstsein zu appellieren als an die Einsicht, dass wir als Menschen alle auf dem gleichen Planeten leben. Doch in einer Zeit, in der Reiche gegen Arme, der Westen gegen die arabische Welt und „Wir sind das Volk“-Schreihälse gegen erklärte Gutmenschen in Stellung gehen, ist es vielleicht wichtig, nicht in diesen Lagern, sondern in den Kategorien Menschheit und Individuum zu denken.

 

Kurz vor der Grönemeyer-Rezension schrieb ich – diesmal nicht für die Kirche – eine über ein Jugendbuch der Journalistin Annabel Wahba. In „Tausend Meilen über das Meer“ erzählt sie die Geschichte eines syrischen Jugendlichen, der mit seiner Familie zunächst nach Ägypten und von dort aus allein über das Mittelmeer nach Deutschland flieht. Das Spannende an dem Buch war einerseits, dass es auf den Gesprächen der Autorin mit einem 15-Jährigen minderjährigen Flüchtling, also auf einer wahren Begebenheit basierte und viel mehr noch, dass sie nicht auf die Tränendrüse drückte und nur die schrecklichen Erlebnisse der Flucht schilderte, sondern einen Schritt weiter ging.

 

 

Das Buch endete nämlich nicht mit der Ankunft in Deutschland, sondern fing da eigentlich erst richtig an. Der Junge kommt in eine deutsche Schule, in der ihm alles fremd ist, doch er hat keine Zeit, sich erst einmal in Ruhe zu integrieren, sondern gerät schon bald in die typischen Teenagerprobleme. Als die Jungen nämlich merken, dass er ein guter Fußballer ist, entsteht sehr schnell eine Konkurrenzsituation. Bei den Mädchen wiederum kommt er als Sportler gut an, was aber die Ablehnung der Jungen nur verstärkt. Schon bald verfängt er sich in einem Geflecht aus erster Liebe, Mobbing und Unsicherheiten, das wohl auch keinesfalls vom Kulturkreis, sondern lediglich von dieser blöden Pubertät abhängt.

 

Genau das hat mir an dem Buch unglaublich gefallen, vor allem, weil die Autorin alles so lebensnah erzählte. Je mehr ich mich darin vertiefte, desto mehr kam ich zu der Erkenntnis, dass die bei uns lebenden Flüchtlinge ja nicht nur mit der Integration zu kämpfen haben, sondern dazu auch noch mit all den Problemen, die auch unseren Alltag erschweren. Vielleicht sollten wir also gar nicht alles immer nur aus dem Blickwinkel verschiedener Kulturkreise betrachten, sondern eben zum einen als menschlich und zum anderen sehr individuell.

 

Zumindest nahm ich mir fest vor, so manches, womit F. und D. nicht klarkamen, nicht mehr als interkulturelles, sondern als generelles Problem anzusehen. Mit irgendwelchen Behördenformularen, die es auszufüllen gilt, habe ich ebensolche Probleme wie die beiden, Kinder im Kindergarten auf einen neuen Lebensabschnitt zu schicken ist auch für deutsche Eltern ein gewichtiger Schritt und auch bei vielen meiner deutschen Freunde gibt es bestimmte Gewohnheiten, Ticks oder wie immer man es nennen will, mit denen ich mich erst einmal anfreunden muss. Vieles hat wohl tatsächlich damit zu tun, dass wir Menschen zwar genetisch zu mehr als 99 Prozent gleich gebaut sind, dieses eine letzte Prozent aber für unglaublich viele Missverständnisse sorgen kann.

 

99 Prozent gleich

Lesen erweitert den Horizont - Teil 1

 

Grönemeyer kommt. Nein, nicht Herbert, sondern sein Bruder Prof. Dr. Dietrich. Der singt zwar nicht, dafür aber versteht man jedes Wort. Und er hat ja auch durchaus etwas zu sagen. Immerhin ist der Arzt für seine ganzheitliche Medizin bekannt und dafür, dass er nicht nur den Körper, sondern auch den Geist und die Seele seiner Patienten betrachtet. Nun sollte er den Festvortrag bei unserem großen Fest zum Luther-Jahr halten. Hat vermutlich auch damit zu tun, dass er im Harz geboren ist und daher vielleicht hier eher zusagt als anderswo.

 

Wie auch immer, da ich nun mal die Pressearbeit für den Kirchenkreis mache, sollte ich auch dieses Großevent ankündigen. Allerdings gehört das Schreiben von Ankündigungen für mich seit jeher zu den journalistischen Aufgaben, die ich weniger gerne erledige. Man kämpft sich durch immer gleiche PR-Texte, recherchiert ein wenig im Internet und schreibt am Ende einen Text, der fast wortwörtlich auch schon mal in Bochum, in Mannheim und in Stuckenborstel in der Zeitung stand. Nicht gerade preisverdächtig und eben auch stinklangweilig.

 

Ein Interview ist oft eine echt gute Alternative. Zudem hatte ich mit Mail- und Telefoninterview schon häufiger gute Erfahrungen gemacht. Jedenfalls mit sogenannten Medienprofis, also Leuten, die selbst kaum Zeit haben, sich für mehrere Stunden mit einem kleinen Lokaljournalisten in einem hübschen Café zu treffen. Blöd nur, dass ich über Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer kaum etwas weiß, geschweige denn über den Vortrag, den er halten würde.

 

 

Allerdings hatte der Mediziner gerade ein neues Buch veröffentlicht: „Wir – Vom Mut zum Miteinander“. Klang ja recht vielversprechend, ausschlaggebend war dann aber ehrlich gesagt die Seitenzahl von gerade einmal 71 Seiten. Das klang machbar. Und schließlich habe ich Literaturwissenschaft studiert und bin über Buchrezensionen überhaupt erst zum Journalismus gekommen. Was lag also näher als das Buch zu lesen, zu rezensieren und dann vielleicht als eine zweite Ankündigung ein darauf basierendes Interview nachzuschieben?

 

Nun muss ich allerdings zugeben, dass es sich in diesem Fall doch leichter anhörte als es letztlich war. Denn die ersten Kapitel kamen mir belanglos und voller Allgemeinplätze vor. Grönemeyer ließ sich über Fortschritt, den Reichtum der Industrienationen und die oft würdelosen Bedingungen für den ärmeren Teil der Weltbevölkerung aus. Dann über Humanismus und unsere Pflicht, jeden Menschen gleich zu behandeln, da wir eben auch von jedem gleich behandelt werden wollen und so weiter und so fort.

 

Um all das zu wissen, brauche ich keinen Grönemeyer, dachte ich mir, all das haben vor ihm auch schon andere geschrieben. Einen Verriss zu schreiben, kam aber auch nicht infrage, schließlich ging es ja darum, unsere eigene Veranstaltung zu bewerben. Also biss ich mich durch und hoffte auf etwas mehr Substanz dieses Büchleins, das immerhin mit „Ein Manifest“ untertitelt war. Ich gebe zu, so richtig packte er mich bis zum Schluss nicht.

 

 

Erst als ich über meine Rezension nachdachte und anfing, seinen Text im Kopf auseinanderzunehmen und mir für meinen Artikel zurechtzulegen, wurde mir nach und nach klar, wie der Autor eigentlich argumentierte. Es ging ihm letztlich um nicht weniger als um das friedliche Zusammenleben der gesamten Menschheit. Und das könnte, so verstand ich ihn, eigentlich so einfach sein. Ist es in unserer globalisierten Welt aber nicht, gerade in den letzten Jahren scheint es durch die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich, durch die uneingeschränkte Herrschaft des Kapitalismus und vor allem durch religiöse oder nationalistische Fanatiker sogar schwerer denn je.

 

Gut, den Ausgangspunkt hatte ich kapiert und konnte dem auch voll zustimmen. Nun sind es aber laut Grönemeyer nur zwei Faktoren, die die Welt dem Frieden ein gutes Stück näher bringen können. Zum einen müssten wir Menschen begreifen, wie ähnlich wir alle einander sind, wie wenig Unterschied Hautfarbe, Kultur etc. doch ausmachen. „Gerade weil unsere Erde aus dem Gleichgewicht zu geraten droht, unser Leben – das aller und das des Einzelnen – seine Balance verlieren könnte, wächst ein neues Bewusstsein für diese Gefahr, das Verlangen nach der Gemeinsamkeit aller Menschen“, schrieb er, „Geschwisterlichkeit, das ist für mich als Naturwissenschaftler auch ein naturgegebenes Faktum. Denn die DNA aller Menschen ist ja zu mehr als 99 Prozent identisch.“ Grundsätzlich auch keine neue Erkenntnis, das aber aus einem medizinischen Blickwinkel zu sehen ist durchaus interessant, dachte ich mir und freundete mich langsam mit dem Buch an.

 

Fortsetzung folgt...

 

Nur mit Übersetzer

Ärger mit Ärzten - Teil 3

 

Na gut, immerhin etwas. Die erste richtig positive Überraschung erleben wir dann allerdings in der Apotheke. Eine junge Asiatin bedient uns und sobald sie merkt, dass F. im Deutschen nicht ganz sicher ist, läuft sie erst einmal nach hinten. „Das hier ist eine Liste, auf der Dosierungshinweise und solche Dinge in verschiedenen Sprachen stehen“, erklärt sie als sie mit einem Formular zurückkommt. „Diese Tabletten“, sie deutet auf eine der Schachteln, die sie ebenfalls mitgebracht hat, „müssen einmal am Tag genommen werden, am besten auf nüchternen Magen. Und diese sollte sie dreimal am Tag, zu jeder Mahlzeit nehmen.“ Dann macht sie auf dem Formular einige Kreuzchen, zeigt es F. und wartet auf deren verstehendes Nicken. Manchmal kann die Sprachbarriere eben auch ganz einfach überwunden werden.

 

 Eine Weile geht es mit den Tabletten gut und F. meint auf unsere Nachfragen immer, es gehe ihr wieder gut. Jedenfalls ein paar Wochen lang sagt sie das, dann klagt sie plötzlich erneut über Schmerzen. Wieder im Unterleib. Und natürlich versprechen wir sofort, ihr zu helfen.

 

Diesmal ist es Rainer, der bei seinem Hausarzt anruft, um einen Termin zu machen. Ich verlasse mich darauf, dass alles gut geht, denn mit dem, was kommt, hätte ich tatsächlich nie gerechnet. Einige Stunden später ruft Rainer mich an und regt sich tierisch auf. Es dauert eine Weile, bis ich zwischen allem Fluchen heraushören kann, was eigentlich vorgefallen ist. „Die Ärztin sagte, sie würde gerne einen Termin machen, aber nur, wenn wir einen Übersetzer mitbringen.“ „Wo sollen wir den denn so schnell hernehmen?“, frage ich, „Da müssen wir doch auch erst einen Antrag bei der Stadt stellen. Und F. hat schließlich Schmerzen.“

 

 

Rainers Wut kann ich nur zu gut verstehen, doch er setzt noch einen drauf. „Nun kenne ich die Praxis ja und darum sagte ich, dass eine der Sprechstundenhilfen doch Türkin ist, ob sie denn nicht übersetzen könne“, er macht eine unheilvolle Pause, „da meinte die Ärztin, es könne ja wohl nicht Aufgabe ihrer Angestellten sein, als Übersetzer zu fungieren.“ Während er noch ein wenig flucht, bin ich einigermaßen sprachlos. Rein arbeitsrechtlich hat die Frau vielleicht ja sogar alle Argumente auf ihrer Seite, aber so wenig Hilfsbereitschaft von jemandem, dem der hippokratische Eid etwas bedeuten sollte, macht auch mich ziemlich sauer.

 

Bockig, und vielleicht auch, weil wir uns dem Stress nicht aussetzen wollten, verspreche ich, bei einem anderen Arzt einen Termin zu machen, einem, der einen ausländisch klingenden Namen hat. Vielleicht haben wir dort mehr Glück. Ich rief an, habe eine nette weibliche Stimme am anderen Ende, nenne meinen Namen. Soweit alles gut. Dann allerdings sage ich ihr, dass ich nicht für mich, sondern für eine Syrerin, die wir betreuten, einen Termin bräuchte. „Oh, das tut mir leid, aber der Doktor nimmt im Moment gar keine neuen Patienten mehr auf“, bekomme ich daraufhin zur Antwort und das Gespräch ist beendet.

 

Jetzt werde ich richtig sauer. Dass ich dann bei einer dritten Ärztin anrufe und es dort mit einem Termin für F. klappt, ist mir gar nicht mehr so wichtig. Viel wichtiger sind mir die folgenden Termine, zuerst mit meiner Chefin, die mir grünes Licht gibt, und dann offiziell als Journalist, dem ganz zufällig schlimme Zustände bei der Behandlung von Flüchtlingen zu Ohren gekommen sind, zuerst bei Rainers Hausarzt, um mir deren Version der Geschichte anzuhören und dann beim Sprecher der hiesigen Ärzteschaft.

 

 

Normalerweise spiele ich die Pressekarte in persönlichen Fällen ungern aus, doch diesmal kann ich mich nicht zurückhalten. Der Hausarzt versichert mir, dass meine Informationen natürlich nicht ganz korrekt seien, so habe sich das alles nicht zugetragen. Selbstverständlich würden sie jedem Patienten helfen, erst recht, wenn es um akute Schmerzen gehe. Seine Frau habe in diesem Fall, den er persönlich natürlich nicht genau kennt, sicher nur dazu geraten, einen Übersetzer mitzubringen, damit alles reibungsloser läuft.

 

Der Sprecher der Ärzteschaft versichert mir wenig später, dass ein Fall, wie ich ihn schildere natürlich nicht passieren dürfe und er sich das hier auch nicht vorstellen könne. „Meine Informationen besagen etwas anderes und Sie müssen verstehen, dass wir einer solchen Geschichte im Sinne des öffentlichen Interesses nachgehen müssen“, kontere ich. Unter Ärzten gebe es genau wie in Apotheken Vordrucke in unterschiedlichen Sprachen, die die Kommunikation erleichtern, erklärt er mir und er sei natürlich gerne bereit, mir das in einem Pressegespräch einmal zu erläutern.

 

Auf das Pressegespräch warte ich bis heute. Die ersten beiden Termine, die ich mit ihm mache, muss er leider aus dringenden medizinischen Gründen absagen, doch er verspricht, sich umgehend wieder bei mir zu melden, wenn er Zeit findet. Die Zeit sucht er wohl immer noch und leider ist meine Wut inzwischen auch weitestgehend verraucht, so dass ich nicht mehr nachhake. Bringt ja leider letztlich sowieso nichts. Zumindest habe ich auch schon von etlichen anderen gehört, dass sie ähnlichen Stress mit Ärzten hatten, die sich wohl solange wie möglich weigern, ein zweisprachiges Patientengespräch zu führen.

 

Außerdem überwiegt in unserem speziellen Fall am Ende tatsächlich das Positive. Ihren Termin hat F. nämlich schließlich bei einer Frauenärztin und deren Diagnose lautet: in neun Monaten werden sich die Unterleibsschmerzen von selbst erledigt haben.

 

 

Nur als Ausnahme

Ärger mit Ärzten - Teil 2

 

Der Arzt kritzelt einige Notizen in ein Formular, dann sagt er: „Melden Sie sich damit in der Notaufnahme, die kümmern sich dort um alles weitere.“ Ich folge mit F. den Schildern durch die Gänge des Krankenhauses. Vor allem sie scheint jetzt richtig zuversichtlich zu sein. Gut so.

 

 In der Notaufnahme gibt es eine Anmeldung, dort geben wir das Formular ab, und es gibt ein Wartezimmer, in dem nehmen wir kurz darauf Platz. Scheint mir irgendwie auch typisch deutsch zu sein. Allein in unserer Zeit als Paten haben wir gefühlt schon unzählige Stunden wartend vor irgendwelchen Ämtern verbracht. Weil es hierzulande nun einmal immer ordentlich der Reihe nach geht.

 

Ich erinnere mich an einen Termin mit D., den er neulich um neun Uhr bei der Stadt hatten. Wie immer habe ich ihn sehr zeitig abgeholt, um bloß nicht zu spät zu kommen und einen schlechten Eindruck zu vermitteln. So waren wir zehn Minuten vor der Zeit dort und haben artig vor der Tür gewartet. Um etwas fünf vor neun habe ich dann mal angeklopft und auch die Klinke heruntergedrückt. Die Tür war verschlossen. Um Punkt neun hat die Mitarbeiterin sie dann geöffnet. Von innen. Sie bat uns, noch fünf Minuten zu warten, dann würde sie uns hereinrufen.

 

Ehrlich gesagt war ich ebenso fassungslos wie D. Die nette Mitarbeiterin hat sich offensichtlich in ihrem Büro eingeschlossen, um bloß nicht vor der Zeit von Antragstellern gestört zu werden. Hatte ich so auch noch nicht erlebt. „In Syrien ist das anders“, machte D. mir klar. Dort warte man nicht vor Büros bis man dran ist, dort bekomme man auf den Ämtern eh nur einen Termin, wenn man genügend Bakschisch zahle. Da ist mir das deutsche System dann vielleicht doch lieber.

 

 

Trotzdem nervt mich das Warten, vor allem, weil ich eigentlich schon längst wieder zuhause sein wollte. Mehr als fünf Jahre unseres Lebens verbringen wir im Schnitt mit Warten, habe ich mal gelesen. Ob in Deutschland mehr als in Syrien oder anderswo weiß ich nicht. Aber die meiste Zeit davon wohl vor dem Computer, wenn irgendwelche Programme laden, gefolgt von der Zeit, die wir im Stau stehen und natürlich in den Wartezimmern der Ärzte.

 

Gerade die Zeit könnte man sich ja mit dem Lesen der dort herumliegenden Zeitschriften vertreiben. Blöderweise neige ich aber dazu, mir immer die Dinge aus diesen Zeitschriften zu merken, die ich garantiert nie im Leben brauche. Die nehmen dann in meinem Kopf Platz ein, den ich eigentlich mit sinnvolleren Fakten füllen könnte. Also warte ich mit F. ohne Zeitschrift und tatsächlich ist sie dann auch bald dran.

 

„Worum geht es denn?“, will der junge Mann an der Anmeldung wissen. „Sie klagt über Unterleibsschmerzen“, antworte ich, „mehr kann ich Ihnen nicht sagen, das müsste aber auf dem Formular stehen, das ich Ihnen gegeben habe.“ Er nickt und liest sich den Zettel noch einmal durch. Dann nickt er wieder und fragt: „Sie sind der Ehemann?“ Als Antwort schüttele ich den Kopf und erläutere: „Nein, nur ehrenamtlicher Pate, ich habe sie hergefahren.“

 

 

„Eigentlich hätten Sie zuerst einen Termin beim Hausarzt machen müssen und der hätte Sie dann gegebenenfalls zu uns überwiesen“, belehrt er mich. „Weiß ich ja, aber sie klagte über akute Schmerzen, und ich dachte, hier sei die Chance am größten, dass jemand Arabisch spricht“, versuche ich mich zu erklären. Wieder nickt der Mann. „Ist schon gut, das stimmt ja eigentlich auch, aber eigentlich soll es so eben nicht sein. Das sollte schon die Ausnahme bleiben.“

 

Wie auch immer, F. wird von einem Arzt in ein Behandlungszimmer begleitet und ich nehme noch einmal im Wartezimmer Platz. Diesmal blättere ich dann doch eine Zeitschrift durch und entdecke darin zuerst einen Artikel über unleserliche Handschriften, weil niemand mehr mit der Hand schreibt und auf der folgenden Seite dann einen über Krankenhauskeime. Sehr schnell beschließe ich, jetzt doch nicht mehr zu lesen und stattdessen lieber aus dem Fenster zu starren.

 

Nach einigem Starren kommt F. zurück ins Wartezimmer, strahlt und hält mir ein Rezept unter die Nase. Da ich es natürlich nicht lesen kann, platze ich noch einmal ins Behandlungszimmer und frage den Arzt, wie es denn jetzt weitergeht. F. soll sich erst einmal die beiden Medikamente besorgen und wenn sie nach drei Tagen immer noch Schmerzen hat, soll sie sich beim Hausarzt melden.

 

Fortsetzung folgt...

 

Nur im Notfall

Ärger mit Ärzten - Teil 1

 

F. klagt über Unterleibsschmerzen. Seit drei Tagen hat sie die und es wird nicht besser, sondern schlimmer. „Dann müssen wir mal mit ihr zum Arzt“, stellt Rainer nüchtern fest, „am besten so schnell wie möglich.“ Absolut richtig, nur jetzt am späten Nachmittag ist natürlich kein Arzt mehr zu erreichen. Und morgen? „Ich bin morgen leider den ganzen Tag unterwegs. Kannst du in deiner Mittagspause einen Termin machen?“ „Kann ich schon, aber den direkt morgen wahrzunehmen, schaffe ich auch nicht und dann ist erstmal Wochenende.“

 

Einen festen Hausarzt haben F. und D. noch nicht. Das ist wieder eine dieser Sachen, zu denen wir bis jetzt nicht gekommen sind. War vielleicht doof, das auf die lange Bank zu schieben, aber da weder ie beiden, noch die Kinder bisher krank waren, gingen lauter andere Dinge eben erst einmal vor. Zumindest wissen wir aber, dass wir bei der Ausländerbehörde Behandlungsscheine bekommen, die wir im Fall der Fälle möglichst vor einem Arztbesuch abholen sollen, es ist grundsätzlich aber auch im Nachhinein möglich.

 

Wir sehen uns an, dann F. und schließlich entscheide ich: „Also gut, ich fahre jetzt mit ihr ins Krankenhaus. Da ist auch die Chance am größten, dass jemand Kurdisch oder Arabisch spricht.“ Mir ist schon klar, dass man dort nur im Notfall aufschlagen sollte, aber ich fürchte, manchmal muss man im Leben auch dreist sein, um ans Ziel zu kommen.

 

Unterleibsschmerzen. Frauenprobleme also. Früher in der Schule war das eine beliebte allwöchentliche Ausrede, um nicht am Sportunterricht teilnehmen zu müssen. Im wahren Leben kann es allerdings auch etwas Ernstes sein. Mehr weiß ich dazu nicht und darum halte ich es für angebracht, so schnell wie möglich jemanden zu konsultieren, der sich mit sowas auskennt.

 

 

Wenige Minuten später sitze ich mit F. im Auto und als ich den Motor starte, schleicht sich plötzlich ein Lächeln auf F.s Gesicht. „Bollywood“, sagt sie und deutet aufs Radio. Tatsächlich läuft eine meiner Bollywood-CDs und sie scheint die Songs zu kennen. Bisher habe ich zwar immer wieder erlebt, dass D. und F. auf ihrem Smartphone arabische Musik hören, auf westliche haben sie allerdings kaum reagiert.

 

 Gerade Musik, so dachte ich dann immer, ist etwas, was die Kulturen trennt. Weil mit ihr Emotionen und oft auch kollektive Erinnerungen verbunden sind. Die Hits der 80er, der 90er und das Beste von heute, was bei uns im Radion rauf- und runtergedudelt wird, bedeuten Menschen aus anderen Kulturen eben nichts. Bei mir sind damit meist Erinnerungen an Partys, an romantische Stunden oder an was auch immer verbunden, wodurch diese Songs auch dann noch etwas in mir auslösen, wenn sie mir eigentlich längst zu den Ohren heraushängen müssten.

 

Mit den Songs aus bekannten Bollywoodfilmen scheint dieses Phänomen auch kulturkreisübergreifend zu funktionieren. Sicher bei uns nicht in dem Maße wie mit amerikanischen Popsongs, aber immerhin so, dass sie bei F. und mir Ähnliches auslösen. Ich nehme mir fest vor, mir das zu merken und immer eine Bollywood-CD im Auto zu haben, für den Fall, dass ich sie mal brauche, um die Stimmung aufzuhellen. Noch dazu freut es mich ganz ehrlich, dass ich endlich mal einen Beifahrer habe, der mich nicht schräg von der Seite ansieht und mich bittet, das fürchterliche Gejaule auszumachen. Das ist nämlich die weitaus häufigere Reaktion.

 

 

Am Krankenhaus angekommen melden wir uns am Empfang und ich erkläre nachdrücklicher als ich eigentlich will: „Wir brauchen erstens einen Arzt und zweitens jemanden, der Kurdisch oder Arabisch spricht.“ „Um was geht es denn überhaupt?“, bremst die freundliche Dame mich aus. Okay, sie hat ja Recht. „Wir betreuen eine syrische Familie“, erläutere ich deutlich verbindlicher und deute auf F., „und sie klagt über Unterleibsschmerzen, die seit einigen Tagen schlimmer werden.“

 

Jetzt wendet die Dame sich F. und und fragt: „Was sind denn das genau für Beschwerden, die Sie haben?“ F. versteht die Frage nicht, sieht hilflos zu mir. Ich erläutere, dass F. unsere Sprache noch nicht so gut spricht und wir deshalb hergekommen sind, weil wir dachten, hier sei die Chance am größten, jemanden zu treffen, dem sie all das in ihrer Muttersprache erklären kann. Endlich hat sie die Situation erfasst und tauscht ihre anfängliche Reserviertheit mit Hilfsbereitschaft.

 

Sie klickt im Computer herum und murmelt: „Da muss ich mal sehen, wer heute Dienst hat. Kurdisch und Arabisch, sagten Sie?“ Ich nicke. Nur wenig später hat sie einen Kollegen ausfindig gemacht, ruft ihn an, schildert ihm die Situation und verspricht uns, er sei in fünf Minuten bei uns. Ist er auch tatsächlich, begrüßt mich knapp und wendet sich dann an F. Ich weiß nicht, ob sie Arabisch oder Kurdisch miteinander sprechen, ehrlich gesagt klingt beides für mich noch immer ziemlich gleich. Immer wieder bin ich froh, dass ich mit Englisch und Französisch in der Schule zwei Sprachen gelernt habe, die mit unserer wenigstens verwandt sind. Und vor allem zwei, die dieselbe Schrift benutzen. Denn auch wenn ich die arabische Schrift wunderschön finde, sieht sie für mich immer mehr nach dekorativen Ornamenten aus als nach Buchstaben, Wörtern und Sätzen, die Regeln folgen, die ist irgendwann einmal begreifen könnte.

 

Fortsetzung folgt...

 

Wer soll das alles essen?

Syrische und deutsche Spielregeln - Teil 2

 

Reihum zu würfeln und ausschließlich eigene Spielfiguren dann auf ein klar definiertes Feld zu setzen, kommt mir mit einem Mal sehr deutsch vor. Für die Kinder ist es viel spannender, die Figuren dorthin zu setzen, wo es ihnen am besten gefällt und einfach so lange zu würfeln bis man selbst keine Lust mehr hat oder Bruder oder Schwester einem den Würfel entreißen. Ob das allerdings pädagogisch wertvoll ist und selbst die Entlastung der Eltern bezweifle ich stark. Vor allem, weil der wütend weggeworfene Würfel der gläsernen Schranktür gefährlich nahe kommt.

 

Als F. und D. mitspielen, geht es deutlich besser. So jung sie selber auch sind, sie schaffen es immer wieder spielend, die Kinder zu beruhigen und so zu beschäftigen, dass alle drei zufrieden sind. Nur S. mault noch, weil sie das Spiel doch gerne einmal richtig durchgespielt hätte. „Wir spielen es noch mal, wenn A. und M. nicht dabei sind“, verspreche ich ihr. „Nachher?“, fragt sie und strahlt mich an. Zu gerne würde ich es glaubhaft versprechen, doch da die Kinder beim momentanen Wetter draußen eben nur das gemeinsame Schlafzimmer und das Wohnzimmer zur Verfügung haben, ist es gar nicht so leicht, ihnen allen gerecht zu werden.

 

Ebenso haben wir oft das Gefühl, F. nicht ganz gerecht zu werden. Immerhin ist sie eine junge Frau und – nun ja, wir müssen es uns wohl eingestehen – sind nicht mehr ganz so junge Männer. Sie kümmert sich so rührend um die Kinder, die ja nicht einmal ihre eigenen sind, und gibt sich uns gegenüber so aufgeschlossen, dass wir selbst manchmal vergessen, dass das Frauenbild in ihrer Heimat sich doch deutlich vom hiesigen unterscheidet.

 

Noch dazu geht D. von Anfang an fleißig zu seinen Sprachkursen, doch bis die Mädchen ihren Kindergarten- und M. seinen Krippenplatz hatten, war F. währenddessen zuhause und hatte dementsprechend wenig Kontakte außerhalb der Familie. Auch wenn sie relativ aufgeschlossen ist, denke ich manchmal, dass ihr eine beste Freundin fehlen muss oder überhaupt Frauen, mit denen sie sich über – nun ja – Frauenthemen unterhalten kann.

 

 

Überhaupt glaube ich ja, dass es staaten- und religionsübergreifende Themen gibt, durch die alle Frauen dieser Welt sofort ins Gespräch kommen können und sich dann auch umgehend blendend verstehen. Darum wurden und werden sämtliche Kriege auch immer von Männern geführt. Weil wir diese Männerthemen eben nicht haben. Selbst beim angeblichen Männerthema Fußball kommt es ja schneller zum Streit als ein Schiri überhaupt anpfeifen kann.

 

Wie auch immer, wir sind jedenfalls froh, dass Monika ihren Besuch angekündigt hat und „unsere“ Familie endlich einmal kennenlernen möchte. Auch D. freut sich sehr darüber, doch am meisten leuchten F.s Augen als wir ihnen den Besuch ankündigen. Und das, da bin ich mir sicher, hat nicht nur mit der sprichwörtlichen orientalischen Gastfreundschaft zu tun, sondern eben auch mit diesen ominösen Frauenthemen, von denen ich keine Ahnung habe.

 

Letztere werden mir wohl auch weiterhin verschlossen bleiben, aber von der orientalischen Gastfreundschaft bekommen wir am Wochenende einen bleibenden Eindruck. Schon als wir ins Treppenhaus kommen, empfängt uns ein würzig-vielversprechender Duft. „Du hast doch aber gesagt, dass sie sich bloß keine Umstände machen sollen“, fragt Monika sofort an Rainer gewandt. Selbstverständlich hat er. Und selbstverständlich hat das nichts gebracht.

 

Die Kinder machen uns sofort die Tür auf, fallen erst uns und dann Moni völlig unbefangen um den Hals. D. ist auf dem Balkon und grillt, F. ist in der Küche und brutzelt irgendetwas. Dabei ist der Tisch im Wohnzimmer schon jetzt so voll, dass er sich beinahe durchbiegt. Es mag syrische Tradition sein, vielleicht auch Dankbarkeit oder auch der Wunsch, einmal zu zeigen, was sie kulinarisch drauf haben. Ganz offensichtlich nämlich eine Menge. Zumindest sehen all die verschiedenen Gerichte, bei denen wir nur von wenigen wissen, was es genau ist, verführerisch aus. Trotzdem sehen wir uns an und sagen wie aus einem Mund: „Wer soll das denn alles essen?“

 

 

Kurz darauf serviert D. sein Grillfleisch und F. bringt noch drei weiter Schüsseln aus der Küche, dann setzen wir uns und beginnen damit, uns genüsslich durch alles durchzuprobieren. Besonders das wie eine Mischung aus Spinat und Grünkohl schmeckende Grünzeug hat es uns angetan und wir rätseln noch, was es denn nun genau ist. „Molokhia“, erklärt F., doch wie das genau auf Deutsch heißt, weiß sie leider auch nicht*. „Egal, ist gesund“, beendet D. die Diskussion und füllt jedem von uns noch einen Löffel auf.

 

Es schmeckt wirklich hervorragend, doch es ist eben wirklich auch eine durchaus für 20 Personen ausreichende Menge. Irgendwann müssen wir die Segel streichen, ob das nun nach syrischer Tradition unhöflich ist, oder nicht. „Wenn wir in Syrien Gäste haben, dann essen alle so viel, bis sich keiner mehr bewegen kann“, erklärt D. und bietet uns noch einmal Nachschlag an. „Ich kann mich jetzt schon nicht mehr bewegen“, wehrt Moni ab und ich erkläre, ich würde mich so langsam wie ein gestrandeter Wal fühlen. Als ich F. und D. das entsprechende Foto im Bildwörterbuch rausgesucht habe, können auch sie darüber lachen und nehmen es uns offenbar nicht übel, dass wir Deutschen so früh schlapp machen.

 

Fürs Verdauungskoma bleibt allerdings keine Zeit, denn auch die Kinder wollen etwas von uns haben und jetzt endlich mit uns spielen. Als Überraschung hat Moni ein Mikadospiel mitgebracht, eigentlich ja auch eine gute Idee. Trotzdem befürchten Rainer und ich nach unseren jüngsten Erfahrungen, dass die Kinder mit den spitzen Stäbchen allerlei Dinge anstellen könnten, für die sie nicht gedacht sind. Also bilden wir erst einmal Teams, so dass jedem Erwachsenen ein Kind zugeordnet ist und wir im Zweifelsfalle eingreifen können.

 

Was dann passiert habe ich ehrlich gesagt schon seit Jahren nicht mehr erlebt. Wo wir am Anfang noch darauf achten, den Kindern die Regeln begreiflich zu machen, steigern wir uns mehr und mehr in das Spiel hinein, vergessen die Zeit völlig und spielen Runde um Runde mit wachsender Begeisterung. Vielleicht braucht es manchmal gar keine Frauenthemen, vielleicht gibt es sogar Dinge, die Männer und Frauen auf der ganzen Welt verbinden. Gemeinsam Spaß haben gehört auf jeden Fall dazu.

 

 

*Später google ich, dass Molokhia auf Deutsch „Langkapselige Jute“ heißt. Bei manchen Dingen ist es wohl besser, sie nicht zu übersetzen.

 

Wer ist an der Reihe?

Syrische und deutsche Spielregeln - Teil 1

 

Rainer und Monika führen seit mehr als zwanzig Jahren eine Fernbeziehung. Sie haben sich damals im Urlaub kennengelernt, erst war es nur ein Flirt, dann blieb nach der Rückkehr aber doch etwas, das sich wie Liebe anfühlte. Er fuhr immer häufiger zu ihr nach Bielefeld, bald dann jede Woche und es wurde eine echte Beziehung daraus.

 

Zu ihr zu ziehen oder sie hierher, war immer eine Überlegung, doch nie mehr. Trotzdem schafften sie es mit dieser Wochenendbeziehung, die Kinder großzuziehen, sich dort eine gemeinsame Wohnung zu suchen und nach vielen Jahren dann auch endlich mal zu heiraten. Es war eine der schönsten Hochzeiten, bei denen ich je zu Gast war, weil es völlig unverkrampft, ja irgendwie erwachsen und ohne diesen ganzen Stress und den unbedingten Willen zum Perfektionismus ablief.

 

Ehrlich gesagt war nicht nur die Hochzeit, sondern ist ihre gesamte Beziehung für mich der Inbegriff von Romantik. Von außen betrachtet ist es sicherlich stressig, jeden Freitag zweihundert Kilometer hin und sonntags zweihundert Kilometer zurück zu fahren. Trotzdem hat Rainer seinen Job hier nie aufgegeben und verlagert sein Privatleben größtenteils aufs Wochenende. Dass die beiden dabei immer noch verliebt sind wie am ersten Tag und mit jedem Stress fertig zu werden scheinen, bewundere ich sehr.

 

 

Außerdem bin ich natürlich ganz egoistisch und froh, dass Rainer noch hier ist, denn selbst Freundschaften über eine solche Entfernung wirklich intensiv zu pflegen, ist nun mal nicht einfach. Noch dazu muss ich bei allem Spaß, den unsere ehrenamtliche Arbeit macht, auch ganz klar sagen: ganz allein würde ich es nicht schaffen. Dazu sind es einfach zu viele Behördengänge, Anträge und Sprachschwierigkeiten, die dann ja noch mehr ins Gewicht fallen würden.

 

Da wir uns die Arbeit aber teilen, bleibt genug Zeit, damit wir auch emotional für D., F. und die Kinder da sein können. Und vor allem, auch mit ihnen zu spielen. Genau das brauchen S., A. und M. nämlich. Solange sie noch nicht in den Kindergarten gehen, sind sie ja fast immer mit ihren Eltern allein in der Wohnung, zumal es in der Nachbarschaft wenig Kinder im gleichen Alter zu geben scheint. Auch das war bei uns damals vollkommen anders.

 

Meine Eltern haben Anfang der 80er Jahre ein Haus in einer Neubausiedlung gekauft, genau wie dutzende andere Familien auch, die beruflich auf einem geraden Weg waren und sich das ersehnte Eigenheim endlich leisten konnten. Somit waren wir Kinder in der Straße fast alle im gleichen alter und noch dazu so viele, dass immer jemand zum Spielen da war. Ich weiß gar nicht, ob es sowas heute noch gibt oder ob es nicht typisch für den Wohlstand der 80er ist.

 

Andererseits kommen auch gerade viele Flüchtlingsfamilien nach Deutschland, die sich wie F. und D. eine bessere Zukunft für ihre Kinder wünschen, vor allem eine, die nicht von Krieg und Verlust geprägt ist. Somit könnte auch hier gerade eine Generation heranwachsen, die viel gemeinsam hat und sich vielleicht in zwanzig Jahren ebenso an Kindersitze und Anschnallpflicht im Auto, kalte Winter mit viel Schnee, die DRK-Kleiderkammer, die täglichen Anrufe in der Heimat und die vielen anderen neuen Eindrücke eines fremden Landes erinnert wie wir damals ans samstägliche Baden mit dem Playmobil-Piratenschiff, nach dem wir dann noch Wetten Dass gucken durften. Zumindest wünsche ich mir das.

 

 

Allerdings könnte es bis dahin auch ein weiter Weg werden. Rainer hat heute nämlich ein Spiel mitgebracht, dass wir mit den dreien ausprobieren wollen. Gar nicht so einfach. Auf Deutsch klingen die Regeln ziemlich einfach, auf Arabisch würde ich vermutlich auch nichts verstehen. Noch dazu findet A. es viel spannender, die Spielfiguren alle in einer Reihe aufzustellen und nicht sortiert nach Farben auf ihren Startfeldern. M. hingegen ist von den Würfeln fasziniert, allerdings weniger von ihrer eigentlichen Funktion als vielmehr davon, wie weit man sie durch Zimmer schleudern kann. S. will unbedingt mit uns spielen, überlegt nach einer Weile aber sehr angestrengt, wie sie ihre nervigen kleinen Geschwister loswerden kann.

 

Mensch ärgere dich nicht müssen wir in diesem Falle wörtlich nehmen und alle Kraft aufbringen, um ruhig und gelassen zu bleiben. Haben wir zu viel erwartet? Spielt man in Syrien überhaupt Brettspiele? Ja, natürlich, auch D. und F. können Schach und wollten sich sogar schon Figuren und ein Brett kaufen. Nur wie verbreitet Spiele für Kinder sind, weiß ich nicht. Auch bei uns wurden die wahrscheinlich nur erfunden, weil die Winter so lang sind und Eltern nicht wussten, wie sie ihre Sprösslinge über all die Monate in der Wohnung beschäftigen sollten.

 

Okay, später kam dann auch ein pädagogischer Aspekt dazu. Den würden wir ja gerade auch gerne im Blick haben, viel wichtiger ist allerdings, dass die Würfel nicht gleich auf nimmer Wiedersehen unterm Sofa verschwunden sind und A. das rote Männchen nicht verschluckt. Wir sollten unsere Ziele deutlich kleiner stecken, merken wir.

 

Fortsetzung folgt...

 

Euphorisierendes ehrenamtliches Engagement

Vom Untergang des Abendlandes - Teil 2

 

„Es wird immer schwieriger, die frei in der Gesellschaft herumwabernden Werte zu begründen“, machte er letztlich auch deutlich, warum die Kirche es heute oft so schwer hat, Menschen zu erreichen. Mich beeindruckten seine Ausführungen und beschäftigten mich noch lange. Wenn ich andere Glaubensrichtungen verdamme, ist es natürlich einfacher, meine eigene als die richtige hinzustellen. Allerdings möchte ich nicht in einer Zeit oder einem Land leben, in der mir die Obrigkeit vorschreibt, woran ich zu glauben habe. Ehrlich gesagt würde ich nicht einmal in einem Staat leben wollen, der allen meine Überzeugungen aufdrückt.

 

So wichtig mir mein christlicher Glaube auch ist, mein Glaube an die persönliche Freiheit ist mindestens ebenso groß. Und ehrlich gesagt denke ich auch, dass das nicht einmal ein Widerspruch ist. Genaugenommen sagt die Bibel ziemlich klar, dass Gott uns als freie Menschen geschaffen hat, die wir immer zwischen richtig und falsch, zwischen gut und böse wählen können. Das gilt im Großen wie im Kleinen und ist meiner Meinung nach letztlich das, was uns ausmacht.

 

 

Trotzdem oder gerade deshalb schätze ich auch, dass mein Glaube mir Orientierung gibt und mir eine Ethik vorgibt, mit der es sich gut leben lässt. Ein wichtiger Aspekt darin ist für mich wie gesagt die Nächstenliebe. Genau deshalb machte es mich froh und vielleicht sogar ein wenig stolz, dass unser Kirchenkreis in der Flüchtlingsdebatte schon ziemlich früh Farbe bekannte. Damals war es nicht nur der Superintendent, sondern auch noch einige andere, die ganz klar feststellten: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, heißt es in der Bibel, damit ist eigentlich alles zu diesem Thema gesagt.“

 

Das galt ja nicht nur für unseren Kirchenkreis, sondern für die gesamte Landeskirche. Als plötzlich alle Medien darüber berichteten, dass unser Landesbischof Flüchtlinge bei sich aufgenommen hatte, beeindruckte mich das sehr. Nicht, weil ich an der Einstellung der Kirche zweifelte, sondern weil ich sie im Hinblick auf die deutliche Zurückhaltung im Dritten Reich als feiger eingeschätzt hatte.

 

Umso mehr freut es mich im Moment, wenn sie Stellung zu gesellschaftlichen Fragen bezieht und sich nicht heraushält. Vor allem freut mich aber, dass die Verkündung der Standpunkte nicht nur dem Landesbischof überlassen wird, sondern dass sich eben auch die Pastoren hier zu Wort meldeten und das mitunter eben so eindringlich wie unser Superintendent auf diesem Neujahrsempfang.

 

Durch die Orientierungslosigkeit, führte er übrigens weiter aus, sind heute viel weniger ethische Systeme der Maßstab allen Handelns, sondern oft fast ausschließlich persönliche Bedürfnisse. Auch damit liegt er meiner Meinung nach nicht so falsch, zumindest habe ich das Gefühl, dass viele Leute heute und wahrscheinlich gerade die sogenannten Verfechter des christlichen Abendlandes mit Kants kategorischem Imperativ nichts mehr anzufangen wissen.

 

 

Wer das christliche Abendland retten wolle, müsse es ganz sicher nicht vor dem Islam retten, sagte er und wenn ich es richtig deute, verkniff er sich dabei nur mühsam einen Seitenhieb auf polarisierende Medien oder populistische Politiker. Die Überlegung, ob es überhaupt gut sei, dieses untergegangene Abendland der Verschmelzung von Staat und Kirche zu retten, äußerte er dagegen laut. All das mögen keine gänzlich neuen Ansichten sein, mir tat es aber gut, sie von einem Mann der Kirche einmal so differenziert in einen Kontext gestellt zu bekommen.

 

Die Lust werde zum Indikator für ein erfülltes Leben, meinte er, also ein rein subjektives und sogar von der momentanen Situation abhängiges Empfinden. Alles andere macht ja auch keinen Sinn, wenn das Vertrauen in jegliche moralische Instanz erschüttert ist. Das Handeln wird also nicht mehr nach moralisch richtig oder falsch bestimmt, sondern allein dadurch, ob es das persönliche Glück vermehrt. „Doch Glück entsteht nicht allein durch Lust“, schloss er und fügte augenzwinkernd hinzu, „deshalb macht ehrenamtliches Engagement oft glücklicher als eine heiße Nacht.“

 

Was das angeht, muss ich ihm absolut Recht geben. Bevor ich mich jetzt allerdings darüber auslasse, wieviel deutlicher mir manche Glücksmomente mit D., F. und den Kindern in Erinnerung geblieben sind als so mancher Sex, sollte ich dieses Kapitel wohl lieber beenden. Allerdings nicht, ohne an dieser Stelle einmal zu betonen, wie froh ich bin, dass ich evangelisch bin und dass unsere Geistlichen einen solchen Vergleich überhaupt ziehen können.

 

Pointierte pastorale Provokation

Vom Untergang des Abendlandes - Teil 1

 

Wenn ich bekenne, dass ich Christ bin, bekomme ich von anderen oft zu hören, welche Schuld die Christen bei den Kreuzzügen, der Eroberung Südamerikas und so weiter auf sich geladen haben. Der Hinweis, dass es dabei ja nicht um den Glauben an sich, sondern um Machtansprüche der katholischen Kirche oder weltlicher Herrscher ging, trifft meist auf taube Ohren. Eigentlich ganz genau wie in vielen Diskussionen über islamischen Fundamentalismus, wenn jemand verzweifelt klarzustellen versucht, es seien ja nicht alle Muslime so drauf.

 

Wahrscheinlich hat sich jede Religion und überhaupt jede Ideologie mit ihren negativen Auswüchsen herumzuärgern, weil wir Menschen es nun einmal beherrschen, tatsächlich alles ins Negative verdrehen zu können. Da wird dann ein Glaube, der grundsätzlich auf Nächstenliebe und durchaus nützlichen Moralvorstellungen beruht, dann missbraucht, um Kriege zu führen und sich über Andersdenkende zu erheben. Das war schon immer so und wird vermutlich auch immer so sein.

 

Deutlich bewusst wurde mir das bei einem Neujahrsempfang der Kirche, bei dem es thematisch um das christliche Abendland ging. Ein Pastor im Ruhestand zeigte dabei sehr pointiert auf, wie Europa überhaupt zum christlichen Abendland wurde, nämlich durch nichts anderes als durch das Schwert. Die jeweiligen Landesherren bestimmten, welches die richtige Religion war und natürlich konnte das zwischen Christen, Juden und Muslimen nicht gutgehen. Zwischen Katholiken und Protestanten auch nicht. Und ebenso wenig zwischen Kirche und Staat.

 

 

Das christliche Abendland war also im Grunde etwas, das von Konflikten geprägt war und mehr eine Sehnsucht nach einer einheitlichen Kultur ausdrückte als etwas natürlich Gewachsenes. Vor allem wurde es aber schon immer als etwas hingestellt, was verteidigt werden müsse, egal gegen wen, je nachdem, was gerade angesagt war, mal gegen die Juden, mal gegen den Kommunismus und heute wohl gegen die Islamisierung.

 

 Besonders beeindruckte mich an diesem Abend dann unser Superintendent, der sich als Mann der Kirche hinstellte und ohne mit der Wimper zu zucken behauptete: „Das christliche Abendland ist längst untergegangen.“ Natürlich war das provokativ gemeint und verfehlte auch seine Wirkung nicht, weder bei den Zuhörern, noch am nächsten Tag in den regionalen Medien. Allerdings blieb es nicht bei der pointierten Provokation, sondern er belegte seine These auch noch schlüssig.

 

 

Die europäische Kultur vergangener Zeiten sei nicht mehr unsere heutige, meinte er. Die Kirche und der Glaube erheben längst nicht mehr den Anspruch, sich in die weltliche Ordnung einzumischen. Vielmehr leben wir inzwischen in einem Zeitalter der klaren Trennung zwischen Staat und Kirche, was aus seiner Sicht sowohl positive wie auch negative Aspekte habe. Die positiven liegen auf der Hand, so führte er aus, wenn man sich den Frieden hier ansieht, die Religionsfreiheit und gänzlich fehlende Anfeindungen gegen die evangelische Kirche.

 

Ehrlich gesagt habe ich das noch nie so gesehen. Ich habe mir nie wirklich Gedanken darüber gemacht, wie es wäre, wegen meines Glaubens ausgegrenzt oder angefeindet zu werden. Musste ich mir nicht machen. In früheren Jahrhunderten war das selbst hier in meiner ach so geschätzten Heimat deutlich anders.

 

Allerdings gebe es auch eine negative Seite, erläuterte unser Superintendent weiter. Diese Toleranz gegenüber anderen Wertvorstellungen führe nämlich auch dazu, dass jeder Mensch sich selbst Gedanken über Moral machen muss und daher nicht selten zu einer Orientierungslosigkeit. Wir leben in einer Zeit, in der das Wissen immer größer wird, in der jeder sich spezialisieren muss und damit aber die Gesamtheit aus dem Blick verliere. Das hat bei vielen Menschen zur Folge, dass sie sich gerade in den grundsätzlichen Fragen des Lebens unsicher fühlen und sich nach absoluten Wahrheiten sehnen.

 

Fortsetzung folgt...

 

Die passende Zeit wird kommen

Glaubensfragen - Teil 2

 

Mit der zweisprachigen Bibel komme ich nicht so schnell voran, denn, ich gebe zu, ich habe es schon fast wieder vergessen als ich zwei Tage später in Hannover bin und nach einem Termin noch Zeit habe, durch die Innenstadt zu bummeln. Seit ich in der Kleinstadt wohne, mache ich das echt gerne, gar nicht unbedingt zum Shoppen, sondern vielmehr, um dem Maler zuzusehen, der mit Kreide ein ebenso flüchtiges wie großartiges Kunstwerk aufs Pflaster zaubert, oder bei Straßenmusikern stehenzubleiben und mich nicht selten zu fragen, warum andere, die weit weniger Talent haben, Plattenverträge bekommen. Aber darum soll es ja jetzt gar nicht gehen.

 

Als ich nämlich gedankenverloren durch die Fußgängerzone laufe, stoße ich fast mit einem jungen Mann zusammen, der mir ein unscheinbares Büchlein unter die Nase hält. „Das Neue Testament“ steht in goldenen Buchstaben darauf. „Darf ich dir eine Bibel schenken?“, fragt er und weist auf den Büchertisch, den ich, obwohl ich direkt darauf zulaufe, gar nicht wahrgenommen habe. Keine Zeugen oder so, sondern ein evangelischer Verein, der in Innenstädten kostenlos Bibeln verteilt. „Danke“, wiegele ich fast schon automatisch ab, „ich hab' schon 'ne Bibel.“

 

Dann werde ich aber doch noch wach und füge hinzu: „Allerdings könnte ich eine auf Arabisch brauchen.“ Jetzt lächelt er, führt mich zum Büchertisch und hakt nach: „Aber du bist kein Araber, oder?“ Kurz erzähle ich ihm, dass ich mich gemeinsam mit einem Freund um eine syrische Flüchtlingsfamilie kümmere und dass wir neulich bei einem Gespräch über Religion mal wieder an der Sprachbarriere gescheitert sind. „Dann nimmst du deiner Familie eine zweisprachige Bibel mit, und vielleicht lesen sie ja mal darin und finden Antworten“, sagt er und drückt mir das Neue Testament in Arabisch und Deutsch in die Hand.

 

 

Zurück in Osterode ruft Rainer mich an, dass er gerade bei F. und D. ist und fragt, ob ich auch noch vorbeikomme. Die Bibel nehme ich gleich mit und drücke sie den beiden in die Hand, ohne weiter darauf einzugehen. Die passende Zeit, um ihnen zu erklären, warum es mir wichtig ist, wird schon noch kommen. Im Moment bleibt dazu keine Zeit, denn die Kinder freuen sich, mich zu sehen und noch jemanden zum Herumtoben zu haben. Soll mir recht sein. Genaugenommen genieße ich das sehr und bin immer noch froh, dass alle drei keine Berührungsängste zeigen und meistens ausgelassen sind als ob sie nie etwas anderes als dieses heile Familienleben erlebt haben.

 

Vor allem bei M. scheint es echt so zu sein, dass er alle Erinnerungen an die Flucht längst verdrängt hat, bei den Mädchen, insbesondere bei A., kommt es mir manchmal so vor als tauchen einige Bilder aus der Vergangenheit wieder auf. Doch im Moment verblassen diese Bilder neben der momentanen Familienidylle wohl.

 

„Die Zeugen waren übrigens schon wieder da“, reißt mich Rainer aus meinen Gedanken. Schon nach dem ersten Besuch hatte er seiner Frau Monika davon erzählt, die nur vehement gefordert hatte: „Warum habt ihr die nicht gleich wieder vor die Tür gesetzt?“ Also frage ich ihn, ob er sie diesmal rausgeschmissen hat, und er antwortet: „War gar nicht nötig. F. hat die Tür gar nicht erst aufgemacht.“

 

Für einen Moment überlege ich, ob ich sie mit meiner Bibel zu sehr bedränge oder ob ich wie so viele Christen in unserem Land eigentlich zu übervorsichtig bin, wenn es um Glaubensfragen geht. Natürlich will ich niemandem meine Meinung aufdrücken oder irgendwie religiöse Gefühle verletzen, doch das heißt ja noch lange nicht, dass ich meine eigenen Überzeugungen verbergen muss, oder? Schließlich lebe ich als Protestant in der Tradition Martin Luthers, und dem war es wichtig, dass jeder die Bibel in seiner Sprache lesen kann, um selbst darüber nachzudenken und sich eben nicht von anderen den Glauben erklären lassen zu müssen.

 

 

Eine Antwort, darauf, noch dazu eine erstaunliche, bekomme ich dann als ich das nächste Mal bei F. und D. bin und die Kinder gerade im Kinderzimmer beschäftigt sind. Von sich aus schneidet D. das Thema Christen und Muslime erneut an. Er erzählt mir, dass er als Kurde für viele Syrer ohnehin nur ein Muslim zweiter Klasse ist, für die Fundamentalisten des IS sowieso, aber auch für viele andere. Offenbar macht ihm das zu schaffen und wirft Fragen auf.

 

Unterschiedliche Strömungen gibt es auch im Christentum, mache ich ihm klar. Schließlich ist es noch nicht so lange her, dass es auch hierzulande Glaubenskriege zwischen Katholiken und Protestanten gab, zumindest aber gewisse Vorbehalte, Einschränkungen und gegenseitige Abgrenzung. Für mich steht einfach fest, dass Religion etwas Persönliches ist und keinesfalls gesellschaftliche Auswirkungen auf was auch immer haben sollte. Aber das ist eben nur meine Ansicht und auch bei uns in Deutschland gibt es genug Menschen, die anders denken.

 

„Bei euch Christen ist es aber so, dass ihr immer anderen helfen wollt“, sagt D. jetzt, „bei Muslimen ist das anders.“ Ja, die Nächstenliebe ist für mich so ziemlich der wichtigste Aspekt meines Glaubens, versuche ich ihm klarzumachen. Doch auch da bin ich mir nicht sicher, ob sich das verallgemeinern lässt.

 

Jehovas Zeugen waren schon da

Glaubensfragen - Teil 1

 

D. hält mir eine Broschüre unter die Nase. Darauf prangt eine ziemlich kitschige Christus-Darstellung zwischen arabischer Schrift, die ich ja leider nicht lesen kann. Also blättere ich erst einmal ziemlich ratlos darin herum und entdecke weitere pathetische Bilder, die auf mich die gegenteilige Wirkung von dem haben, was die Grafiker vermutlich beabsichtigten.

 

Nun habe ich ohnehin Vorbehalte gegen allzu plakativ dargestellten Glauben. Meine Beziehung zu Gott ist für mich etwas sehr Persönliches und eher Stilles und seit jeher sind mir jene Menschen, die ihre Religiosität allzu offensichtlich und womöglich auch noch kämpferisch zur Schau stellen äußerst suspekt. Das gilt in erster Linie für alles, was mir zu fundamentalistisch vorkommt, aber auch für jene schwärmerische Form des Glaubens, den wir als Jugendliche im Konfirmandenunterricht bei einigen in der Gemeinde engagierten Damen so überaus lächerlich fanden.

 

Egal, beim Anblick der bunten Bildchen kommt mir allmählich ein Verdacht und die verlässlich in unserer Schrift angegebene Webadresse im Impressum bestätigt ihn schließlich. Es ist ein Heftchen der Zeugen Jehovas, die, wie D. mir erzählt, gestern geklingelt haben, um mit ihm mal über Gott zu sprechen. Was das angeht, sind sie eindeutig schneller als die Katholiken und Protestanten, allerdings sind wohl auch sie ziemlich schnell an der Sprachbarriere gescheitert.

 

 

Dennoch haben sie D. die Broschüre dagelassen und ihn ganz offensichtlich dazu gebracht, sich eingehend damit zu beschäftigen. Zumindest hat er die Texte gelesen und hat jetzt an mich einige Fragen zu unserer Religion. Leider scheitert es auch hier vor allem an der Sprache, dass ich nicht immer verstehe, worauf er hinaus will und ihm eben auch nur einen Bruchteil von dem begreiflich machen kann, was ich ihm gerne über meinen evangelischen Glauben mitgeben möchte. Trotzdem sträubt sich in mir alles dagegen, ausgerechnet den Zeugen Jehovas die Deutungshoheit über das Christentum zu überlassen.

 

Wieder zuhause schreibe ich umgehend eine Mail an die Pressestelle unserer Landeskirche und erkundige mich, ob es nicht auch von uns Materialien gibt, mit denen wir muslimische Flüchtlinge über unsere Kirche und unseren Glauben informieren können, ohne dabei gleich zu missionieren und sie zu bedrängen. Immerhin schreibe ich unter anderem für die Kirche, da sollte ich die Verbindungen doch auch nutzen. Außerdem bekomme ich auch noch am selben Tag eine Antwort, an wen ich mich wenden könne, um eine zweisprachige Bibel zu bekommen.

 

Die nächste Mail schiebe ich dann allerdings erst einmal auf die lange Bank. Zum einen, weil ich andere Dinge im Kopf habe, zum anderen, weil eine zweisprachige Bibel eigentlich nicht das ist, was ich mir vorgestellt habe. Wäre ich in einem muslimischen Land, würde ich mir niemanden wünschen, der mir einen Koran in die Hand drückt, sondern vielmehr jemanden, der mich an die Hand nimmt und mir einige Grundzüge des Islam erläutert.

 

 

Auch wenn ich für mich selbst eine religiöse Überzeugung habe, muss die noch lange nicht für andere gelten, denke ich. Daher habe ich schon immer mehrere Schritte rückwärts gemacht, wenn mich jemand von seinen Ansichten zu überzeugen versuchte und das übrigens nicht nur in Sachen Religion. In allem, was nicht faktisch eindeutig ist, möchte ich gerne die Chance bekommen, erst einmal selbst nachzudenken und mir eine eigene Meinung bilden, bevor ich einen Standpunkt einnehme. Wer das nicht akzeptieren kann und mir seine Sichtweisen aufzudrücken versucht, der muss bei mir mit einem ausgeprägten Fluchtreflex rechnen.

 

Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich gleich an den ersten Tagen als wir unseren türkischen Nachbarn I. und seine Familie kennenlernten, ihn bat, D. doch mal die hiesige Moschee zu zeigen und ihn vielleicht einigen Leuten vorzustellen, wenn er das will. Mir jedenfalls wäre es wichtig, in der Fremde andere Christen zu treffen, weil mir das eben in gewisser Weise vertraut ist und damit Sicherheit gibt.

 

Außerdem kam ich neulich mal unangekündigt vorbei und die Kinder empfingen mich an der Tür mit den Worten „Papa betet gerade.“ Ich nickte D. nur zu und gab ihm zu verstehen, dass ich ihn nicht stören wollte. Sowas hat für mich mit Respekt gegenüber jedem Glauben und vor allem gegenüber jedem Menschen zu tun. Etwas irritiert war ich allerdings, dass D. zum Beten auf einem einfachen Handtuch kniete, so dass ich I. kurz darauf fragte, ob es hier denn nicht irgendwo Gebetsteppiche zu kaufen gebe. „Brauchst du nicht“, kam prompt die Antwort, „ich habe noch einen, den ich ihm geben kann.“

 

Fortsetzung folgt...

 

Vier Männer und eine Lampe

Mehr Licht, weniger Salz - Teil 2

 

Somit kann ich durchaus verstehen, dass die Lampe D. und F. nicht gefällt, allerdings waren wir alle erst einmal froh, dass sie überhaupt vorhanden war. Nun geht es den beiden jedoch gar nicht um Geschmack, sondern um die Helligkeit. „In Syrien sind Lampen heller“, macht er uns klar. Und vermutlich schöner, füge ich in Gedanken hinzu und bleibe bei dieser Auffassung bis D. anfängt, mein Bildwörterbuch zu wälzen.

 

Als er schließlich gefunden hat, was er sucht, hält er uns das Bild einer schlichten Neonröhre unter die Nase und fragt, wo er so eine kaufen könne. Rainer und ich sehen uns fragend an. Meint er das gerade ernst? Will er sich tatsächlich eine Neonröhre ins Wohnzimmer hängen? Das wäre dann definitiv der Gegenentwurf zur typisch deutschen Gemütlichkeit der 80er. Trotzdem versprechen wir natürlich, am nächsten Tag mit ihm in den Baumarkt zu fahren und uns dort einmal umzusehen.

 

Gesagt, getan und so durchstöbern wir tags darauf zu dritt die Lampenabteilung, die von farbigen, blinkenden LEDs bis hin zum Fake-Kronleuchter nahezu alles zu bieten hat. D. sieht sich alles an, doch schüttelt immer wieder den Kopf. Er möchte eine helle Lampe, sagt er und zeigt mit den Händen eine lange Röhre. Dann entdeckt er in einer Ecke tatsächlich einen unscheinbaren Pappkarton mit schlichten Neonröhren für fünf Euro darin. Super Sonderangebot, weil die vermutlich eh kaum jemand kauft, und wenn, dann nur für die Garage oder so.

 

Doch D. strahlt übers ganze Gesicht, versichert uns noch mehrfach, dass das genau die Wohnzimmerlampe ist, die er sich vorstellt und wir begleiten ihn schließlich zur Kasse. „Hast du sowas schonmal anmontiert?“, fragt mich Rainer. „Nö, du?“ Okay, dann gilt es also, das nächste Problem in Angriff zu nehmen.

 

 

Rainer ruft nun seinen Bruder an, der verspricht, noch heute herzukommen. Er habe eigentlich schon die ganze Zeit gehofft, dass er auch einmal helfen kann, sagt er, um sich selbst um eine Flüchtlingsfamilie zu kümmern, fehle ihm die Zeit, doch er findet unser Engagement so gut, dass er sofort alles stehen und liegen lässt. Sowas gibt es eben auch.

 

Die Zeit, die er bei der Anfahrt eingespart hat, haben wir aber schon bald wieder raus. Natürlich lässt sich die Lampe nicht so einfach anbringen, wie wir zunächst dachten. Theoretisch geht es nur darum, auszumessen, wo genau sie unter die Decke soll, die Anschlüsse durch die Halterung zu fummeln und dann zwei Löcher zu bohren. Leider ist günstig eben manchmal auch billig, was in diesem Fall bedeutet, dass die Halterung aus ziemlich biegsamen Plastik ist und sich schon dann komplett verzieht, wenn wir die Kabel hindurchfriemeln. Dadurch ist sie in sich schief, die Löcher für die Schrauben stimmen nicht mehr mit unseren Markierungen überein und überhaupt sind die Schrauben viel zu dick für die vorgefertigten Löcher.

 

„Was habt ihr da eigentlich für einen Scheiß gekauft“, fragt Rainers Bruder nun schon zum dritten Mal und inzwischen bricht sogar D. mit uns in schallendes Gelächter aus, weil er einen neuen deutschen Satz gelernt hat und vielleicht auch etwas über die Qualität deutscher Sonderangebote in Baumärkten. Jedenfalls stehen jetzt seit fast einer Stunde vier Männer um eine Plastiklampe herum und verzweifeln langsam, weil alles nicht so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt haben.

 

 

Die Kabel sind störrisch und wollen einfach nicht in den dafür vorgesehenen Halterungen bleiben, die mitgelieferten Schrauben sind inzwischen durch andere ausgetauscht, die nicht nur durch die Löcher passen, sondern sogar noch lang genug sind, um in der Decke stecken zu bleiben und überhaupt sieht die ganze Lampe nun nicht mehr einfach und schlicht, sondern sehr modern gewunden aus. Die Leuchtstoffröhre passt nun allerdings nicht mehr rein. Also muss das Teil noch einmal ab, zurechtgebogen werden, die Kabel anders herum hinein, dann wieder an der Decke fixiert werden und so festgeschraubt, dass sie nur noch in der Mitte etwa zwei Zentimeter durchhängt.

 

Immerhin aber hängt sie und D. ist auch noch glücklich. Er hat jetzt mehr Licht und wenn ich ehrlich bin, ist das vom Prinzip her tatsächlich praktischer als die düstere 80er-Jahre-Funzel. Über Geschmack lässt sich ohnehin streiten und ich erinnere mich noch an die entsetzten Gesichter meiner Eltern, als ich mir damals eine Schwarzlicht-Neonröhre in mein Zimmer hängte. Rückblickend war die vermutlich schlimmer als das krumme Ding, das jetzt bei F. und D. im Wohnzimmer hängt.

 

„Wie können wir dir danken?“, fragen wir schließlich noch Rainers Bruder, doch der winkt großzügig ab. „Braucht ihr nicht“, sagt er, „wenn überhaupt, dann ladet mich irgendwann mal zu 'nem Bier ein und alles ist gut.“ Rainer und ich sehen uns an, fangen an zu lachen und sagen dann fast gleichzeitig: „Glaub uns, das willst du nicht wirklich...“

 

Bier aus den sieben Weltmeeren

Mehr Licht, weniger Salz - Teil 1

 

Als Rainer und ich bei F. und D. ankommen, sind der Vermieter und seine Frau gerade zu Besuch. Sie erklären den beiden gerade wortreich, dass sowohl sie als auch die Familie unten den Garten selbstverständlich nutzen dürfen, aber dementsprechend auch einige Pflichten haben und beim Rasenmähen helfen sollen. Rainer guckt mich an und ohne Worte weiß ich, dass er sagen will: „Wir halten uns aus der Diskussion raus, das ist nicht unser Bier.“

 

Wie es sich für einen etwas kühlen, aber sonnigen Nachmittag auf dem Balkon gehört stehen übrigens tatsächlich einige Dosen Bier auf dem klapprigen Gartentisch. Von D. stammen die nicht, bin ich mir fast sicher und als ob der Vermieter meinen Gedanken gelesen hat, bestätigt er: „Ich hab' mal 'n paar Dosen mitgebracht, richtig gutes deutsches Bier kennen die da ja gar nicht.“ Ich sage nichts dazu, stelle nur im Stillen fest, dass D. nicht gerade den Eindruck macht als würde er unter diesem Umstand sonderlich leiden.

 

Auch Rainer ist gerade ziemlich einsilbig als die Vermieterin ihm erklärt, wo im Keller Besen und für den Winter auch der Schneeschieber und Streusalz verstaut sind. Ist, wie gesagt, nicht unser Bier. Trotzdem frage ich mich, ob es in Syrien im Winter überhaupt schneit. Grundsätzlich ist es wärmer als hier, soviel haben F. und D. uns schon deutlich zu verstehen gegeben als wir für die Kinder warme Jacken kauften.

 

 

Ich erinnere mich noch gut an eine Tour durch den Harz mit der aus Kuba stammenden Frau meines Vaters und ihrem gemeinsamen Sohn, die bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal Schnee sahen. Sie war mindestens ebenso begeistert wie der Kleine und beide konnten gar nicht genug bekommen von diesem seltsamen weißen Zeug, das man in der Karibik nur aus dem Fernsehen kennt. Weniger begeistert war sie von dem wunderbaren alten Fachwerkhaus, in dem ich wohne. „Warum wohnst du in einer Ruine?“, fragte sie mich und erläuterte mir später den kubanischen Aberglauben, dass die Seelen früherer Bewohner in alten Häusern zu spüren sind und jeder, der es sich leisten kann, somit alles daransetzt, ein neues Haus zu bauen, in dem er der erste Bewohner ist. Wenn ich richtig informiert bin, dann ist dieser Glaube auch in Afghanistan und der arabischen Welt relativ verbreitet. Insofern können F. und D. ja froh sein, dass sie nur in einem Haus aus den 70er Jahren untergekommen sind. Die einzigen, die uns hier immer wieder mal auf den Geist gehen werden, sind die Vermieter, vermute ich mal.

 

Irgendwann verabschieden sich die beiden und ich habe den Eindruck, dass auch D. und F. nicht so traurig darüber sind. Unser aller Blick fällt auf die Bierdosen auf dem Tisch. Ich frage D., ob er als Moslem überhaupt Alkohol trinkt und er macht uns klar, dass er und seine Familie das längst nicht so streng sehen wie andere Muslime. Trotzdem trinke er sehr selten Alkohol und F. gar nicht. Da blitzt sie dann doch wieder auf, die unterschiedliche Rolle von Mann und Frau in der arabischen Welt.

 

 

Wenn das Bier aber schon mal hier ist, will er uns zeigen, wie man es in Syrien – wenn überhaupt – trinkt. Nämlich nicht pur, sondern mit Zitrone und Salz. „Salz?“, rutscht es mir heraus und ich sehe ihn fragend an. Er konsultiert noch einmal die Übersetzungs-App und bestätigt dann: „Salz.“ Bevor wir noch etwas sagen können, verschwindet er in der Küche und kommt kurz darauf mit drei gefüllten Gläsern zurück.

 

Noch vorsichtig nippe ich daran. Bier mit Zitrone, okay. Aber Salz geht gar nicht. Vor allem, weil es auch nicht gerade wenig ist. Das Gemisch schmeckt ehrlich gesagt als habe es jemand durch alle Weltmeere gezogen und zieht in meinem Mund alles zusammen. Rainer meint, ich soll mich nicht so anstellen und trinkt tapfer noch einen Schluck. Ich rede mich allerdings damit raus, dass ich ja mit dem Auto da bin und dass Alkohol im Verkehr hierzulande gar nicht geht. Das ist zwar nur die halbe Wahrheit und vielleicht auch etwas unhöflich, aber D. und F. können darüber lachen und nehmen es mir nicht übel.

 

Kurz darauf kommen wir an den nächsten Punkt, an dem syrischer und deutscher Geschmack offenbar deutlich auseinander gehen. „Mehr Licht“, versucht D. uns zu erklären, worauf er hinaus will. Ich gehe mal nicht davon aus, dass er damit auf Goethes angebliche letzte Worte anspielt, so gut kennt er sich in der deutschen Kulturgeschichte dann doch noch nicht aus.

 

 Außerdem zeigt er dabei auf die Wohnzimmerlampe, ein Modell aus dunklem Eichenholz mit floral verzierten Glaseinsätzen. Die stammt zwar nicht aus der Zeit Goethes, war aber meiner Meinung nach in den 80ern ebenso oft in deutschen Wohnzimmern vertreten wie der Faust in den Bücherregalen. Vielleicht sogar noch häufiger. Bei meinen Eltern hing damals ein ganz ähnliches Ungetüm, das dann auch tatsächlich erst vor einigen Jahren einer moderneren Variante weichen musste.

 

Fortsetzung folgt...

 

Weihnachtsstimmung ganz süß

Lahmacun mit Kinderpunsch - Teil 2

 

M., A. und S. scheinen die Rufe auch zu hören, jedenfalls stürmen sie sofort los und würden wahrscheinlich in laufender Fahrt aufspringen, wenn wir sie nicht zurückhalten würden. Schnell ordere ich ein paar Chips und kann nun wiederum D. nur mit Mühe davon abhalten, alles zu bezahlen. „Du willst schon das Essen bezahlen, also lass mich“, fordere ich und drückte ihm seinen Geldschein wieder in die Hand. Grundsätzlich finde ich es ja sympathisch, dass er sich so ungern zu etwas einladen lassen will, doch wenn man keine eigenen Kinder hat, nutzt man eben jede Gelegenheit, um auch mal eine Freude machen zu können.

 

Die leuchtenden Augen der drei als sie endlich aufsteigen dürfen, sind es jedenfalls wert, allerdings fällt die Auswahl bei all den Fahrzeugen und Reittieren unglaublich schwer. So sind wir dann auch die nächsten Minuten vollauf damit beschäftigt, A. und insbesondere M. davon abzuhalten, während der Fahrt immer wieder vom Hubschrauber auf das Nilpferd und dann vielleicht aufs Motorrad zu wechseln.

 

Da gibt es doch diese Scherzfrage, die ungefähr so geht: Du fährst mit deinem Auto in konstanter Geschwindigkeit, neben dir reitet ein Einhorn genauso schnell wie du und vor dir ein Schwein, das eindeutig größer ist als du, was machst du? Antwort: Steig vom Kinderkarussell ab und trink weniger Glühwein! M. hat zwar keinen Glühwein getrunken, das mit dem Absteigen beherrscht er aber perfekt und zwar immer genau dann, wenn wir gerade nicht hinsehen. Das Karussell stoppt, wir entschuldigen uns bei dem Betreiber, er startet wieder und sobald wir auch nur einmal unseren Blick abwenden, beginnt das Spiel von Neuem.

 

 

Hoffentlich ist Rainer bald hier, denke ich, denn ich möchte ihm die Aufsicht gerne aufs Auge drücken. Erst einmal übernimmt jedoch F., ihr reicht es nämlich und sie nimmt M. auf den Arm und lässt ihn unter Protest von außen zugucken. Die Mädchen fahren glücklich weiter im Kreis und können gar nicht genug bekommen. „So viele Dinge für Kinder gibt es in Syrien nicht“, stellt D. fest und ist ebenfalls ganz begeistert vom deutschen Weihnachtsmarkt.

 

Dann taucht endlich Rainer auf und wird von allen drei Kindern erst einmal so stürmisch begrüßt als sei er der Weihnachtsmann persönlich. Es geht eben auch ohne Rauschebart und rote Mütze und vor allem auch ohne einen Sack voll Geschenke. Diese Freude der drei, wenn wir einfach nur da sind und mit ihnen spielen, überwältigt und berührt mich jedes Mal wieder.

 

Noch stärker ist im Moment nur das Gefühl des Hungers, das sich knurrend aus meinem Bauch meldet. Jetzt, wo wir alle da sind, kann D. uns endlich in die kulinarischen Besonderheiten seiner Kultur einweihen, denkt er. Dass ich insbesondere zu Studienzeiten nicht eben selten Lahmacun beim Türken um die Ecke gegessen habe, weil es einfach lecker und preisgünstig war, erzähle ich ihm vorsorglich erst einmal nicht. Als Rainer nämlich verkündet: „Ich hab' gerade schon ein Fischbrötchen gegessen“, ist D. schon enttäuscht genug. Ob nun aus Heißhunger oder um eventuellen Experimenten aus dem Weg zu gehen, weiß ich nicht, nach kurzem Zögern, lässt er sich dann aber auch noch zu einem zweiten Gang überreden. Naja, norddeutsches Fischbrötchen und türkische Pizza, besser kann Integration eigentlich kaum schmecken.

 

Mir persönlich ist es lieber als alles typisch Weihnachtliche, was es hier so gibt, und auch, dass das Kinderkarussell mit elektronischen Beats unterlegte Kinderlieder statt Last Christmas und anderer Unerträglichkeiten spielt, stört mich nicht im Geringsten. Schön ist die Musik zwar trotzdem nicht, aber ich konzentriere mich eben aufs Kinderlachen von M., A. und S. Letztere hat inzwischen festgestellt, dass das Karussell ja gar nicht mal so schnell und gefährlich ist und versucht in jeder Runde mit mir abzuklatschen, wenn sie an mir vorbeifährt.

 

 

Dabei Lahmacun zu essen, ohne mich von oben bis unten zu bekleckern oder wahlweise vors galoppierende Schweinchen zu fallen, erfordert meine volle Konzentration, macht mich aber auch ausgesprochen glücklich. So glücklich, dass ich nach drei Runden beschließe, uns allen einen Kinderpunsch auszugeben, wobei ich nicht weiß, ob es echt die Sehnsucht nach billigem Glühwein ist, oder ob ich nur ein paar Minuten Ruhe vom Karussell brauche.

 

„Kinderpunsch?“, fragt Rainer skeptisch als ich für uns alle das gleiche bestelle. „Na, wir müssen sie nachher nach Hause fahren. So durchgefroren werden die Kinder bestimmt nicht noch eine Dreiviertelstunde zu Fuß laufen wollen.“ Schicksalsergeben stimmt er zu und bedauert sehr, dass Karussells immer nur im Kreis und nicht ausnahmsweise mal bis vor die Haustür fahren.

 

Der Kinderpunsch ist im Nachhinein doch keine so gute Idee, der ist nämlich erst viel zu heiß und sobald ich diesen einen, richtigen Augenblick verpasst habe, ist er ziemlich schnell kalt und dafür aber so unglaublich süß, dass ich das Gefühl habe, rosafarbene Einhörner würden auf meiner Zunge tanzen. F., D. und Rainer ergeht es ähnlich und selbst die Kinder lassen schließlich den Rest stehen. Dabei haben Süßigkeiten bei allen dreien meist keine lange Lebenserwartung. Egal. Zum deutschen Weihnachtsmarkt gehört das nun mal dazu. Zumindest stellt sich selbst bei mir zum ersten Mal seit Jahren wieder so etwas wie Weihnachtsstimmung ein.

 

 

Nachtrag: Mein Anflug von Weihnachtsstimmung verflüchtigte sich ziemlich schnell wieder, als ich gestern die Nachrichten aus Berlin hörte. Dass so etwas passiert, ist schrecklich, unfassbar und darf einfach nicht sein. Leider gibt es aber nun einmal Gutes wie Böses auf der Welt. Darum machte es mich heute wütend, als ich von meinem Bruder hörte, er traue sich gar nicht mehr mit seinen Kindern auf den Weihnachtsmarkt und wisse nicht, wie er sie überhaupt noch schützen soll. Allerdings sei ja abzusehen gewesen, dass sowas in unserem Land irgendwann passiere, schlug meine Mutter den gleichen Ton an, unsere Politik sei mehr oder weniger selbst schuld. Ich wollte und will gar nicht näher darauf eingehen, ich muss nur sagen, dass meine Erfahrungen der letzten Monate mir gezeigt haben, dass das Gute stärker ist und dass wir unsere Gesellschaft positiv beeinflussen können, wenn wir uns nur ein kleines bisschen Mühe geben.

 

Integration ganz besinnlich

Lahmacun mit Kinderpunsch - Teil 1

 

Weihnachten ist dem Ursprung nach neben Ostern das christlichste aller Feste, der Weihnachtsmarkt eine typisch deutsche Tradition, die sich in alle Welt verbreitet hat. Somit muss ein Besuch auf dem örtlichen Weihnachtsmarkt doch für jeden, der sich hier integrieren will, eigentlich verpflichtend sein, oder nicht? Inklusive Glühwein und Christstollen natürlich und der insbesondere in ländlichen Regionen ohne sonstige eigene Spezialitäten immer häufiger angebotenen Weihnachtsbratwurst des örtlichen Schlachters, die sich von der Sonstjahresbratwurst meist lediglich durch eine mit Sternen oder Tannenbäumen bedruckte Serviette unterscheidet.

 

Wir wollen unseren Weihnachtsmarkt auf jeden Fall mit D., F. und den Kindern unsicher machen und sie in die Geheimnisse deutscher Vorweihnachtsstimmung einweihen. All die Fragen, ob es da aus religiösen Gründen zu Gewissens- oder anderen Konflikten kommen kann, stellen sich meiner Meinung nach nicht, denn ich befürchte, die Mehrheit der deutschen Muslime ist mit der eigentlichen Weihnachtsbotschaft vertrauter als viele Einheimische, die schon im September die ersten Dominosteine aufkaufen, sich ab Mitte November einen Lichterbogen ins Fenster stellen und spätestens ab dem ersten Advent jeden dritten Tag mit Kollegen, Freunden, Verwandten und allen, die sich nicht wehren können, einen kleinen Bummel über den Weihnachtsmarkt machen. Die christliche Botschaft ist egal, aber wem nicht bis zum 24. Dezember mindestens einmal vom billigen Punsch aus dem Tetrapack zum überhöhten Preis schlecht geworden ist, der ist kein richtiger Deutscher, dem fehlt es am echten Sinn für Besinnlichkeit.

 

Zum Glück gibt es auf unserem kleinen, aber feinen Weihnachtsmarkt sogar zwei Karussells, so dass wir uns sicher sind, mindestens den Kindern eine Freude machen zu können. Gerade nach unseren Jahrmarktserfahrungen haben wir die ja wieder als die Attraktion kennengelernt, die sie früher auch für uns waren, obwohl es für viele Kinder heute ja weit moderne Fahrgeschäfte sein müssen, damit sie überhaupt wenigstens von ihrem Smartphone aufblicken.

 

 

Rainer und ich fühlen uns super als wir F. und D. unseren grandiosen Vorschlag unterbreiten und sind dann ein wenig enttäuscht als D. sagt, er sei seit der Eröffnung schon mindestens dreimal dort gewesen. Zum Glück geht der Satz noch weiter und er sagt: „Ich war schon oft da, das ist eine gute Idee mit F. und Kindern, und euch lade ich dann zu dem Stand ein, an dem es Lahmacun gibt.“ Tatsächlich ist die Bude mit türkischen Spezialitäten auf unserem Markt ebenso Tradition wie vieles andere und für mich neben dem Wagen des asiatischen Imbiss eine meiner Hauptanlaufstellen.

 

Mit meiner Begeisterung für allzu deutsche Traditionen ist es ja ohnehin nicht so weit her. Ich kann mich nicht für Fußball begeistern, vor allem nicht für das Schwenken unserer Flagge bei internationalen Turnieren, der deutsche Schlager ist für mich ein Grund zum Ohrenzuhalten und man kann mich eben auch mit diesem ganzen Weihnachtskitsch jagen. All das brauche ich nicht und es fällt für mich eigentlich in die Kategorie Deutschtümelei und hat damit den gleichen Stellenwert wie der amerikanische Patriotismus, den wir eben bloß in so reiner Form nicht ausleben dürfen.

 

Oder durften? Zumindest in letzter Zeit scheint es ja in gewissen Kreisen – und damit meine ich nicht nur die klassischen Rechten – wieder eine Hinwendung zu allem zu geben, was vermeintlich typisch deutsch ist. Meine Auffassung ist da eine andere, die geht eher auf eine christlich geprägte Moral und ein humanistisches Weltbild zurück als auf die moderne Form dessen, was meiner Meinung nach schon im Nachkriegs-Heimatfilm ein falsches idyllisches Bild unseres Landes prägte. Doch das führt jetzt zu weit. Hier soll es ja schließlich um den Spaß am Karussellfahren gehen.

 

 

Jedenfalls verabreden wir uns mit F. und D. für den kommenden Tag auf dem Marktplatz, damit auch wir endlich mal zu Fuß gehen können und somit auch den ersten Glühwein des Jahres trinken können. „Wir kommen dann mit dem Bus hin und ihr fahrt uns mit dem Auto nach Hause?“, fragt D. und sieht uns erwartungsvoll an. Rainer und ich wechseln einen kurzen Blick, zucken mit den Achseln und sagen dann zu. Dann gibt es eben Kinderpunsch für alle.

 

Als ich am nächsten Tag ankomme, laufen mir S. und M. schon an der Ampel entgegen. A. ist wie immer etwas zögerlicher, wobei ich immer noch nicht genau weiß, ob es einfach ihr Naturell ist, das typische Verhalten eines mittleren Kindes oder ob sie vielleicht doch Dinge erlebt hat, die es ihr schwer machen, so unbefangen auf Menschen zuzugehen wie ihre Schwester und ihr Bruder. Nach einer Weile kommt sie aber doch angelaufen und ich setze die beiden anderen ab, um nun sie auf den Arm zu nehmen und zu begrüßen. Immerhin lächelt sie zufrieden und hat zumindest wohl kein grundsätzliches Problem mit Nähe.

 

Zu sechst laufen wir auf die beleuchteten Buden und die über den Platz schallende Weihnachtsmusik zu, Rainer kommt erst etwas später, schrieb er mir gerade noch, er muss im Büro noch irgendetwas erledigen. Na, dann warten wir eben eine Weile, denke ich mir, doch Warten ist leider etwas, was kleine Kinder überhaupt nicht können. Schon gar nicht, wenn sich neben ihnen ein Karussell geradezu auffordernd im Kreis dreht und die Pferde und Feuerwehrautos fast schon hörbar nach ihnen rufen.

 

Fortsetzung folgt...

 

Vorurteile in den Köpfen

Bewegende Einblicke im Grenzdurchgangslager Friedland - Teil 3

 

Die Wartezeit nutzte ich für Gespräche mit Menschen, die etwas abseits unseres Journalistenpulks standen. So traf ich zum Beispiel den Lagerpastor, der hier mit einem kleinen Team für soziale und karitative Arbeit zuständig war. „Jeder hier ist am Limit, auch die Kollegen müssen immer öfter jemandem ihr Herz ausschütten“, erzählte er mir.

 

Außerdem kam ich mit einem jungen Mann aus Afghanistan ins Gespräch, der zu meiner Überraschung hervorragend deutsch sprach. Schon in seiner Heimat habe er insgesamt sieben Sprachen gelernt, jetzt sei er allerdings auch schon fünf Monate hier und habe ja kaum etwas anderes zu tun als seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Schon mehrfach habe er sich als Dolmetscher angeboten, wollte gerne bei den Aufnahmeanträgen und einigen anderen Formalitäten helfen, da die neu ankommenden Flüchtlinge meist verunsichert und überfordert seien und die offiziellen Dolmetscher natürlich ebenso überlastet wie alle anderen Mitarbeiter. Doch die deutschen Gesetze ließen es natürlich nicht zu, dass er einen solchen Job ohne offizielle Zulassung übernimmt, erzählte er niedergeschlagen.

 

 

Bevor ich länger darüber nachdenken oder mich gar aufregen konnte, kam wieder Bewegung in die Menge und es ging zur offiziellen Presseerklärung der beiden Thomase. Es begann mit allgemeinem Blabla über die momentane politische Situation, über steigende Flüchtlingszahlen und zu wenigen Unterbringungsmöglichkeiten. Schließlich war das das beherrschende Thema des Sommers und die Lage spitzte sich immer mehr zu. Gehandelt wurde seitens der Politik bisher leider viel zu wenig.

 

„Friedland ist seit vielen Jahren ein Symbol für die Hilfsbereitschaft Deutschlands“, sagte Thomas Oppermann. Daran, dass sich an der Überbelegung hier schnell etwas ändern müsse, bestehe kein Zweifel. Konkreter wurde er leider nicht. Sein Kollege de Maizière kam immerhin auf Ausschreitungen der Rechten in vielen Teilen Deutschlands zu sprechen. Durch die Flüchtlinge sei die Kriminalitätsrate nicht gestiegen, betonte er, wohl aber durch die Anschläge gegen Unterkünfte oder geplante Unterkünfte.

 

Diese verurteilte er scharf und stellte fest: „Das ist nicht die Mehrheit.“ Die nämlich weise die nötige Willkommenskultur auf, die wir jetzt bräuchten. An diesem Nachmittag beeindruckte der Außenminister mich und ich schätzte ihn dafür, dass er klar Stellung bezog. Nur wenige Wochen später erlebte ich ihn in einem Interview im Heute Journal, wo er eine Ankommenskultur der Flüchtlinge forderte und deren Unzufriedenheit mit den Zuständen in überfüllten Erstaufnahmestellen anprangerte. Selbst Marietta Slomka wirkte für einen Augenblick sprachlos und ich fragte mich, ob er an diesem Tag in Friedland vor lauter Journalisten und Fernsehkameras überhaupt etwas von den Zuständen mitbekommen hatte.

 

 

Ich selbst war erst etliche Monate später wieder in Friedland. Inzwischen waren nur noch etwa 300 Menschen dort untergebracht, die Situation hatte sich deutlich entschärft, während von der Willkommenskultur in unserem Land meiner Meinung nach wenig geblieben war.

 

Dafür war in Friedland ein Museum eröffnet worden, das sich mit Fluchtgeschichte und der Geschichte des Grenzdurchgangslagers seit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigte. Im Rahmen eines Artikels über ehrenamtliche Paten durfte ich an einer Führung teilnehmen und darüber berichten. Von Anfang an erstaunte mich, dass es hier nicht nur um sachliche Fakten ging, sondern dass die Ausstellungen und Zeitdokumente mehr sagen wollten.

 

Sie dokumentierten eindrucksvoll, wie die Vertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten in Nissenhütten untergebracht, wie Menschen jenseits des Eisernen Vorhangs hier aufgenommen und wie infolge des Vietnamkrieges Boatpeople aus Südostasien hier medizinisch versorgt wurden. „Fluchtgeschichte wiederholt sich“, stellte die Museumsführerin unumwunden fest und zeigte auch auf, dass es zu jeder Zeit heftigen Widerstand gegen die Flüchtlingspolitik und kontroverse politische Diskussionen gegeben hatte. Im Grunde immer mit denselben Argumenten der Gegner. Das, so sagte sie, habe der Integration jeder dieser Flüchtlingsgenerationen nachhaltig geschadet und auch darum gebe es dieses Museum. Damit sich manche Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen und am Ende die Humanität stärker ist als unbegründete Vorbehalte.

 

Politiker im Deutschkurs

Bewegende Einblicke im Grenzdurchgangslager Friedland - Teil 2

 

Irgendwann ging ich dann doch auf eine Gruppe junger Leute zu, die vor einer der Wohnbaracken stand und das Geschehen aufmerksam beobachtete. „Where are you from?“, sprach ich sie an und erfuhr, dass sie aus dem Irak kommen. Seit einigen Wochen waren sie bereits hier und uns Deutschen sehr dankbar für die Aufnahme und Unterbringung. Ganz offensichtlich haben sie in anderen Ländern deutlich schlechte Situationen erlebt und können sogar der Enge hier etwas Positives abgewinnen.

 

So hätten sie mehr Möglichkeiten, Freundschaften zu schließen und das sei nun einmal wichtig, um sich in einem fremden Land zurecht zu finden, erklärten sie mir. Allerdings sei es meist so, dass Iraker sich mit Irakern anfreunden und Syrer mit Syrern. Zwischen den verschiedenen Nationen komme es schon hin und wieder zu Streitigkeiten, schließlich bedeuten die Ungewissheit, die Enge und nicht zuletzt auch die Langeweile, die das quälende Warten mit sich bringt, für jeden hier besondere Anspannung. Auch das ist vermutlich normal und in so einer Situation unbvermeidbar.

 

Warum ich denn hier sei, fragten sie schließlich und ich erzählte ihnen, dass ich aus dem nahegelegenen Osterode komme, wo gerade über die Einrichtung einer weiteren Erstaufnahmestelle diskutiert wurde. Dann solle ich unbedingt auf die Verhältnisse hier hinweisen, baten sie eindringlich, immerhin müssten sie oft stundenlang fürs Mittagessen anstehen und sämtliche Mitarbeiter seien vollkommen überlastet. Jede weitere Einrichtung, so waren sie überzeugt, könne helfen, Verfahren schneller einzuleiten und gebe ihnen eher die Chance für einen Neuanfang oder zumindest ein Leben, bei dem sie nicht auf Notversorgung angewiesen sind. Ich versprach, ihr Anliegen im Rahmen meiner Möglichkeiten nach außen zu tragen und spürte dabei eine Verantwortung, die plötzlich auf meinen Schultern lastete.

 

 

Als dann Bewegung in die Masse der Journalisten kam, riss ich mich zusammen und wuselte mich durch die Leute, um eine möglichst gute Kameraposition zu erlangen. Das wollten natürlich alle und es herrschte einiges Gedränge als die schwarzen Limousinen anrollten und der Landrat, dann der Vertreter des Landesinnenministeriums und schließlich zuerst Thomas Oppermann und mit ein wenig mehr Verspätung auch Thomas de Maizière ausstiegen.

 

Zwischen uns Journalisten standen auch viele der Flüchtlinge, neugierig, was der ganze Rummel denn sollte. Natürlich hatte sich längst bei allen herumgesprochen, dass es hier um sie und ihre Situation ging und einige hofften auf ein Interview mit einem deutschen Fernsehteam, dem sie ihre Lage schildern konnten. Doch dazu war erst einmal keine Zeit.

 

Der Terminplan war eng und nach dem großen Händeschütteln folgte eine Führung des Einrichtungsleiters durchs Lager und bis zur sogenannten Friedlandglocke, die 1949 von Flüchtlingen gestiftet worden war und deren Klang ein Appell an das Recht auf Heimat und Selbstbestimmung sein soll. Beides war mir hier ehrlich gesagt nur sehr begrenzt begegnet. Vielmehr dokumentierten die Verhältnisse die deutliche Überforderung unseres Staates mit der gegenwärtigen Situation und auch dessen Unfähigkeit, in Zeiten wie diesen sonst geltende behördliche Vorgänge zum Wohle der Menschen abzukürzen.

 

 

Die Einrichtung sei für 700 Menschen ausgelegt, derzeit waren mehr als 3000 hier, erläuterte der Einrichtungsleiter den Gästen. Die Zahlen sprachen für sich, gaben aber nur unzureichend das wieder, was hier zu sehen war und was sich tatsächlich nur mit dem Wort „Ausnahmezustand“ beschreiben ließ. Leider äußerten sich die Politiker erst einmal nicht dazu, eine Presseerklärung war erst für später angesetzt.

 

Zuvor gab es einen Einblick in einen Deutschkurs, wie uns gesagt wurde ohne Presse, damit die Situation möglichst natürlich bleibt. Na klar, so natürlich eine Unterrichtsstunde mit zwei Spitzenpolitikern und deren Beraterstab sowie dem Vertreter des Landes und dem Landrat, beide vermutlich ebenfalls mit mindestens einem Mitarbeiter an ihrer Seite, eben sein kann. Vor allem, wenn es sich, so hörte ich gerüchteweise, um eine extra für diesen Termin ausgewählte Gruppe besonders eifriger Deutschlernender handelte, da man de Maizière und Oppermann natürlich beeindrucken wollte.

 

Für mich klang das nach einer Art folkloristischem Theater, das die Einrichtung nach außen zwar gut aussehen ließ, an den eigentlichen Problemen aber vorbei ging. Meiner Meinung nach hätten die Menschen hier vor Ort viel vehementer mehr Erstaufnahmeeinrichtungen fordern müssen, denn da draußen wurden gerade mehr und mehr Sporthallen zu Notunterkünften erklärt und im Fall unserer leerstehenden Kaserne, die ja zur Erstaufnahmestelle umgebaut werden sollte, war bis zu diesem Zeitpunkt außer der vollmundigen Absichtserklärung noch nichts Konkretes passiert.

 

Fortsetzung folgt...

 

Matratzenlager auf den Fluren

Bewegende Einblicke im Grenzdurchgangslager Friedland - Teil 1

 

Als ich zum ersten Mal im Grenzdurchgangslager Friedland war, hatten sich dort Bundesinnenminister Thomas de Maizière und der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann zu einem Besuch angekündigt. Es war die Zeit, in der die Erstaufnahmeeinrichtungen bundesweit aus allen Nähten platzten, rechte Demonstranten richtig laut wurden und noch kaum ein Spitzenpolitiker sich in einer Einrichtung hatte blicken lassen.

 

Somit war der Besuch ein riesiger Medienrummel und alle, die damit zu tun hatten, unglaublich hektisch. Da ich unbedingt auch berichten wollte, nutzte ich meinen Kontakt zum niedersächsischen Innenministerium und Philipp versprach tatsächlich, beim Bundesinnenministerium mal anzufragen, ob ich mich um eine Akkreditierung bewerben durfte. Zwei Tage später erhielt ich eine Mail, ich sollte mich bei einem Mitarbeiter melden, der mich dann am Telefon sagte, ich müsse an eine bestimmte Mailadresse schreiben, von dort aus bekam ich dann den Link zu einem Online-Formular, in das ich wiederum etliche persönliche Daten eintragen durfte. Na gut, es ging hier nun mal um ein brisantes Thema, da muss das wohl so sein.

 

Danach hörte ich erst einmal tagelang nichts. Nun bin ich nur ein kleiner Lokaljournalist und in solchen Abläufen nicht gerade firm, also schickte ich eine Woche vor dem Pressetermin eine Mail, wann ich denn eine Bestätigung für meine Anfrage bekäme. Die gäbe es nicht, hieß es in der Antwort, wenn ich mich ordnungsgemäß angemeldet habe, dann sei ich damit automatisch auf der Liste. Ein wenig seltsam, aber mir sollte es nur recht sein.

 

 

Am betreffenden Tag war ich dann eine Stunde zu früh in Friedland, weil ich mit langen Wartezeiten und strengen Kontrollen rechnete. Eigentlich ist das „Lager“ ein Dorf im Dorf, das nach dem Zweiten Weltkrieg für Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten entstand und zu allen Zeiten grundsätzlich nicht abgeschottet war. So war es auch an diesem Tag. Sämtliche Tore waren offen, ich konnte ohne weiteres reinlaufen und dort niemand nahm auch nur Notiz von mir. Ziemlich seltsam im Gegensatz zu dem vorherigen bürokratischen Aufwand, dachte ich mir und meldete mich daher trotzdem mal am Haupteingang.

 

Der nette Mitarbeiter wollte weder meinen Ausweis noch sonst etwas sehen, sondern schickte mich nur in die Richtung, wo die beiden Thomase empfangen werden sollten. Ehrlich gesagt hatte ich mit einer peinlich genauen Durchsuchung aller Taschen gerechnet und mit haufenweise Anweisungen, was ich fotografieren durfte und was nicht. So jedoch tat ich es den zahlreichen Kollegen gleich, packte meine Kamera aus und hielt erst einmal drauf. Zumindest auf die Gebäude und größere Menschenansammlungen. Einzelne Gesichter abzulichten, wenn ich mir nicht sicher war, ob die Leute meine Frage um Erlaubnis richtig verstanden, traute ich mich nicht. Schließlich würde ich als Flüchtling in einem fremden Land auch nicht zum Pressemotiv werden wollen.

 

Da mich niemand stoppte, folgte ich den anderen Journalisten auch in die Gebäude, wo insbesondere die Fernsehteams schon überall ihr Equipment aufgebaut hatten. Die Aufnahmen von überfüllten Fluren, in denen Menschen dicht an dicht auf nichts als einer Matratze lebten, waren ja später auch überall zu sehen. Mich schockierte es allerdings richtig. Selbst auf den Treppenabsätzen waren provisorische Betten aufgebaut, Privatsphäre oder auch nur den Hauch einer zivilisierten Ordnung gab es hier nicht mehr.

 

 

Es war wortwörtlich ein Ausnahmezustand und erst jetzt wurde mir so richtig bewusst, was es für diese Menschen bedeuten musste, wenn sie wochenlang und monatelang hier ausharren musste, bevor sie überhaupt für eine Asylprüfung zugelassen wurden. Hier stand die Zeit still, weil die Bürokratie nicht mehr hinterher kam und mit Menschenwürde haben Übernachtungen in Fluren, zwischen Mülltonnen und Büros meiner Meinung nach wenig zu tun.

 

Gerne hätte ich mich mit einigen Flüchtlingen unterhalten, aber erstens traute ich mich nicht, sie einfach so anzusprechen, da viele eben gerade beim Zähneputzen, beim Stillen oder anderen sehr privaten Tätigkeiten waren, und zweitens fehlten mir in diesem Moment einfach die Worte und ich war sprachlos. Letztlich wusste ich ja, was mich erwartet, doch es so hautnah mitzuerleben, wie viele hier auf den kahlen Fluren einfach zum Alltag übergingen, traf mich mitten in die Magengrube.

 

Fortsetzung folgt...

 

Anhörung

Vor dem Asyl steht in Deutschland die Bürokratie - Teil 2

 

Sofort am nächsten Morgen rufe ich Rainer an und schildere ihm das Problem. Zum Glück schaltet er in solchen Sachen schneller als ich und ruft sofort beim Bundesamt an. Vielleicht lässt sich der Termin ja verschieben. Für mich beginnen quälende Stunden, in denen ich zwischendurch immer wieder Bahnverbindungen checke oder versuche, meine Termine am Montag doch noch zu verlegen.

 

Dann endlich ruft Rainer mich wieder an. Schon bevor er überhaupt etwas sagt, kann ich durchs Telefon hören, wie geladen er ist. „Was ist das eigentlich für ein Chaosverein?“, flucht er, „Erst geht stundenlang überhaupt niemand ans Telefon und dann ist es nicht möglich, mich mit jemandem zu verbinden, der auch nur ansatzweise zuständig ist. Wenn wir so arbeiten würden, wäre unsere Firma längst pleite.“ Treffender kann man die deutsche Bürokratie nicht beschreiben, glaube ich.

 

„Lass mal deinen Frust weg und sag mir, was am Ende herausgekommen ist“, drängele ich. „Beim Bundesamt selbst haben die überhaupt nichts mit der Terminvergabe zu tun“, schimpft er unbeeindruckt und ehrlich gesagt berechtigterweise weiter. „also musste ich direkt in Friedland anrufen und hatte nach vier geschlagenen Stunden endlich eine Frau Sch. am Apparat, die überhaupt etwas mit den Anhörungen zu tun hat.“ Langsam werde ich ungeduldig und zerknülle mit der freien Hand energisch den Zettel, auf dem ich die Bahnverbindungen notiert habe.

 

„Jedenfalls hat sie mir dann gesagt, dass D. und F. nicht schon um acht Uhr da sein müssen, sondern dass es auch um elf Uhr ausreicht. Auf mein Drängen hat sie dann wohl sogar ein Vermerk gemacht, damit die Kollegen am Montag das auch wissen“, schließt Rainer endlich. Wir beide atmen auf und verabreden uns eine halbe Stunde später bei D. und F.

 

Dort angekommen ändert sich die Situation noch einmal von Grund auf. Wir haben I. zum Übersetzen dazugeholt und er übersetzt erst einmal, dass D. mit anderen Syrern gesprochen hat, die ihm eine ganz neue Möglichkeit aufgezeigt haben. „Eine Familie, die zur Anhörung muss, kann dort für eine Nacht kostenfrei untergebracht werden“, berichtet er. Das wollen D. und F. tun, zum einen, weil sie dann in aller Ruhe am Sonntag losfahren können, zum anderen, weil sie sich mit Landsleuten abstimmen wollen, was man bei der Anhörung erzählt und was man lieber verschweigt oder zumindest verschleiert.

 

 

Klingt nach einer gar nicht mal schlechten Idee. Zumindest ist es wahrscheinlich sinnvoll, sich im Vorfeld ein wenig auf das Gespräch vorzubereiten. „Bleibt aber immer bei der Wahrheit“, rate ich, „ich glaube, es wäre doof, wenn irgendwann später rauskommt, dass ihr etwas falsches ausgesagt habt.“ Er habe ohnehin nichts anderes vorgehabt, beteuert D. und ich frage mich, ob er überhaupt lügen könnte. Irgendwie kann ich mir das bei ihm schwer vorstellen, so unsicher wie er manchmal wirkt.

 

„Könnt ihr uns denn Sonntag zum Bahnhof bringen?“, fragt er zum Schluss noch und natürlich versprechen wir es. Trotzdem bin ich mindestens genauso aufgeregt wie er und F., Rainer übrigens auch. Nur die Kinder scheinen sich auf den Ausflug zu freuen, so wie sie alles voller Neugierde und Begeisterung aufsaugen.

 

Den ganzen Montag über sind meine Gedanken bei unseren fünf Reisenden. Erwischen sie beim Umsteigen den richtigen Zug? Kommen sie pünktlich an? Erzählen sie das, was relevant für ihren Asylantrag ist? Dabei heißt es immer, Flüchtlinge aus Syrien werden zu 90 Prozent als asylberechtigt anerkannt. Das sollte mich doch beruhigen. Trotzdem bleiben zehn Prozent Unsicherheit und die machen mir zu schaffen.

 

Immerhin kommen F. und D. nicht direkt aus einem Kriegsgebiet, sondern sind geflohen, weil sie Angst hatten, der Krieg komme zu ihnen. Dazu kommt natürlich die Chancenlosigkeit und die Sorge um die Zukunft der Kinder, was zwar menschlich gesehen ein guter Grund ist, um eine sicherere Heimat zu suchen, nur weiß ich eben nicht, ob das auch unsere strengen Bedingungen erfüllt oder ob sie damit vielleicht als Wirtschaftsflüchtlinge eingestuft werden könnten.

 

Andererseits hätte ich selbst es vermutlich ebenso gemacht. Ein Land, in dem Kurden vielleicht nicht direkt verfolgt, aber zumindest eingeschränkt werden, in dem ein Terrorregime alles in Schutt und Asche legt und in dem neben der fragwürdigen Regierung auch internationale Kräfte für Unsicherheit sorgen, bietet wenig Argumente zum Bleiben. Vor allem, wenn es um die Sicherheit und Zukunft der Kinder geht. Dafür würde ich auch ohne zu zögern alles aufgeben und mir einen Ort der Zuflucht suchen.

 

 

Wenn es Deutschland treffen sollte, bliebe allerdings die Frage, wo diese Zuflucht sein könnte. Für unsere Großeltern waren die USA das gelobte Land. Das sehe ich heute etwas anders. Australien wäre kulturell ähnlich und schön weit weg. Doch die lassen kaum jemanden rein, fürchte ich. Vielleicht wäre Japan eine Überlegung wert. Dort mit der fremden Sprache und Kultur als Journalist Fuß zu fassen, könnte allerdings schwer werden.

 

Als wir am Montagabend eine SMS von D. bekommen, dass sie alle wohlbehalten wieder zuhause angekommen sind, fällt uns beiden ein Stein vom Herzen. Sofort fahren wir hin und lassen uns soweit es möglich ist alles erzählen. I. ist leider nicht da, so dass wir wieder mal auf Hände und Füße zurückgreifen müssen, doch das, was F. und D. uns auf kurdisch erzählen, klingt positiv. Zumindest lächeln sie, die Kinder wirken entspannt und sie sagen immer wieder das typische „alles gut“, das uns schon so oft in der Form weitergeholfen hat, dass es immerhin beruhigt und Hoffnung vermittelt.

 

Jetzt müssen wir auf das Ergebnis der Anhörung warten, dann ist erst einmal ein weiterer Meilenstein geschafft und sie dürfen vorerst bleiben, weitere Anträge stellen, sich um einen offiziellen Sprach- und Integrationskurs kümmern und sich weiterhin mit der deutschen Bürokratie herumärgern. Dass ich das einmal als erstrebenswertes Ziel ansehe, hätte ich auch nie gedacht.

 

Termindruck

Vor dem Asyl steht in Deutschland die Bürokratie - Teil 1

 

D. und F. müssen zur Anhörung beim BAMF, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Dazu haben sie am Montag um acht Uhr in der Erstaufnahmeeinrichtung in Friedland zu sein. Das erfahren wir aus einem Brief, der uns am Donnerstag vorher erreicht. Zum Glück hat D. sofort gesehen, dass dieser Brief wohl wichtig sein muss und direkt bei Rainer angerufen. Der wiederum hat mich informiert, weil wir jetzt überlegen müssen, wie wir das logistisch hinbekommen.

 

„So kurzfristig bekomme ich keinen Urlaub“, stellt Rainer bedauernd fest. Ich übrigens auch nicht, ich habe am Montag Termine, die ich nicht verlegen kann, schon gar nicht innerhalb von drei Tagen. Überhaupt frage ich mich, warum so wichtige Termine derart kurzfristig angesetzt werden. Der Brief trägt auch tatsächlich das Datum des heutigen Tages, es scheint also gängige Praxis des Bundesamtes zu sein, Flüchtlingsfamilien drei Tage im Voraus zu einem Termin zu laden, der über nicht weniger als ihr Bleiberecht und damit ihre Zukunft entscheidet. Noch dazu ist der Text ausschließlich auf Deutsch verfasst, weshalb D. uns ja überhaupt um Hilfe gebeten hat.

 

„Was machen denn Familien, die keine Betreuer haben?“, frage ich Rainer. „Die gehen zum Amt, bekommen dort einen Termin für nächsten Mittwoch und bei der Gelegenheit wird ihnen dann übersetzt, dass sie die wichtige Anhörung leider verpasst haben“, antwortet er sarkastisch und mit einigem Groll.

 

 

Das wiederum wollen wir unbedingt vermeiden, müssen uns jetzt also eine Lösung einfallen lassen. Sie mit dem Auto hinfahren fällt leider flach, zum einen weil wir beide arbeiten müssen, zum anderen weil wir alle fünf sowieso nicht in ein Auto bekommen hätten. Schade eigentlich, denn grundsätzlich wäre ich bei der Anhörung gerne mit dabei gewesen. Oder zumindest auf dem Weg dorthin.

 

Bleibt also nur die Fahrt mit dem Zug. Wir werden wohl eine Fahrkarte kaufen und ihnen ganz genau erklären müssen, wo sie umsteigen sollen. Schon beim Gedanken daran, werde ich nervös. Wenn ich mir vorstelle, mit drei kleinen Kindern in einem fremden Land, dessen Sprache und Schrift ich nicht verstehe, zu einem so wichtigen Termin unterwegs zu sein, dann übersteigt ein Happy End mein Vorstellungsvermögen. Trotzdem müssen wir es versuchen.

 

Am Abend erzähle ich noch Freunden von der meiner Meinung nach frechen Terminvorgabe, die allerdings erst einmal erzählen: „Kennen wir. War bei unseren Flüchtlingen genauso.“ Noch während ich mich aufrege, erzählen sie weiter, dass in ihrem Fall der Brief aber zwei Wochen zuvor ankam, die Familie sie nur erst kurz vor knapp gefragt hat, ob sie sie hinfahren können. „Du weißt ja, deutsche Pünktlichkeit ist in manchen Teilen der Welt nicht so angesagt und sowas wie Terminstress kennen viele nicht.“

 

Grundsätzlich stelle ich mir eine Welt ohne Terminstress wesentlich glücklicher vor. Zumindest, wenn ich nicht derjenige bin, der auf jemand anderen wartet. Ach, egal, jedenfalls war es bei uns ja anders. „Der Brief ist aber echt erst heute angekommen“, gebe ich zurück, „wir haben extra aufs Datum geguckt.“ D.s schlechtes Gewissen, wenn er uns erst in ein paar Tagen den Brief gezeigt und somit aus eigener Schuld den Termin verpasst hätte, mag ich mir gar nicht vorstellen. Auch wenn er die deutsche Pünktlichkeit vielleicht nicht mit der Muttermilch aufgesogen hat, so kenne ich doch kaum einen Menschen, der so sehr bemüht ist, Absprachen einzuhalten und sich an hiesige Gegebenheiten anzupassen.

 

 

„Sag mal“, haken meine Freunde jetzt nach, „fährt so früh überhaupt schon ein Zug?“ Für einen Augenblick erstarre ich und habe das Gefühl, alles um mich herum würde sich drehen. Tatsächlich sind es nur meine Gedanken, die kreisen und sich schließlich zu einer unangenehmen Gewissheit formen. „Ehrlich gesagt bin ich mir ziemlich sicher, dass der erste Zug ab Osterode überhaupt erst um sieben fährt und das wird dann nix.“

 

Mit diesem Gefühl im Bauch checke ich online die Bahnverbindungen. Tatsächlich erweist sich Osterode in diesem Fall als Provinznest und eine Fahrt nach Göttingen ist vor sieben Uhr nur mit dem Bus über Katlenburg möglich, in Friedland wären F. und D. dann erst deutlich nach acht Uhr. Immer vorausgesetzt, sie kommen überhaupt richtig an.

 

„Ach, bei uns war es so, dass wir mit unserer Familie um acht Uhr da waren und dann bis halb zwölf warten mussten, bis wir überhaupt drankamen“, versuchen meine Freunde mich ein wenig zu beruhigen. Funktioniert nur bedingt, vor allem aber macht es mich noch wütender. Okay, es mag ja sein, dass die auf ihre Asylantragsprüfung wartenden Flüchtlinge ihre Zeit relativ frei einteilen können. Für ehrenamtliche Betreuer gilt das allerdings nicht. Und leider bin ich mehr und mehr davon überzeugt, dass allein schon die Antragstellung und nebenbei bemerkt auch viele andere Formalitäten ohne Hilfe für Menschen aus anderen Kulturen nicht zu schaffen sind. Soll das unsere Form der Integration sein?

 

Fortsetzung folgt...

 

Eingebrannte Schreckensbilder

Ein schmaler Grat zwischen Spaß und Schrecken - Teil 2

 

Ganz hoch im Kurs steht bei uns erst einmal der Jahrmarkt, D. zeigt uns auf dem Smartphone sogar Fotos von sich und F. im Breakdance. Damals, so lässt er I. übersetzen, konnten sie das Fahrgeschäft und den ganzen Rummel noch unbeschwert genießen. Heute sei das so wohl nicht mehr möglich, obwohl er sich sehnlichst wünscht, mit seiner gesamten Familie, also seinen Eltern und Schwestern und deren Kindern in seiner Heimat bald wieder ein Fest besuchen zu können.

 

Die Angst vor der Zukunft für seine Kinder gab schließlich den Ausschlag, wegzugehen, erzählt er weiter. Er möchte, dass sie in Sicherheit und glücklich aufwachsen. Darum machte er sich auf den Weg nach Deutschland, weil er gehört hatte, hier sei das möglich. Rainer und ich hören gebannt zu, was er erzählt und was I. mit immer schwerer werdender Stimme übersetzt.

 

Zum ersten Mal erzählt D. nämlich auch von der Flucht, wie sie zu Fuß über die Grenze in die Türkei kamen und schließlich ebenso zu Fuß und auf Lkw weiter durch Europa bis sie endlich die deutsche Grenze erreichten. Zwischendurch mussten sie das Mittelmeer überqueren, in einem kleinen Schlauchboot, mit dutzenden anderen Flüchtlingen. „Das Wasser stand uns bis hier“, erzählt D. zieht mit der Hand in Brusthöhe eine Linie, „F. hatte M. im Arm und ich A., damit beide nicht untergehen. Aber S. rutschte uns mehrfach weg, glitt unter Wasser und wir mussten sie wieder rausziehen. Dreimal hat sie nicht mehr geatmet und ich musste sie wiederbeleben...“

 

 

Jetzt versagt D. die Stimme und auch F. ist anzusehen, mit welcher Wucht die Erinnerungen plötzlich wieder da sind. Für einen Moment herrscht Ruhe und es schnürt uns allen die Kehlen zu. „Lass uns für heute aufhören“, sage ich ziemlich hilflos zu I. Und dieser Bär von Mann dreht seinen Kopf zu mir, blickt mich mit feuchten Augen an und sagt: „Ja, ich kann nicht mehr. Sonst muss ich gleich losheulen.“

 

Außerdem kommen die Kinder in diesem Moment wieder ins Zimmer und wir müssen ohnehin das Thema wechseln. Zwar wirken alle drei nicht als seien die Erinnerungen an diese Überfahrt bei ihnen präsent, doch angeblich können Traumata ja auch viel später auftreten. Vielleicht haben wir im Moment einfach Glück, dass sie alles verdrängen können und die neuen Eindrücke überwiegen. Und vielleicht hilft es sogar, wenn wir ihren Alltag neben all den wichtigen formalen Dingen mit positiven Erlebnissen füllen. So jedenfalls reime ich es mir küchenpsychologisch zusammen.

 

Auf jeden Fall kann der Jahrmarktbesuch keine schlechte Idee sein. Ich selbst habe es als Kind und Jugendlicher geliebt, wenn bei uns auf dem Festplatz die Buden und Karussells aufgebaut wurden und ich erinnere mich auch immer noch gerne an meine erste große Liebe zurück, deren Familie damals einen Hot Dog-Stand hatte, in dem sie ab und zu aushalf. Jedes Jahr freute ich mich auf ein Wiedersehen mit ihr, zumindest solange, bis ich einmal mitbekam, dass die etwas mit einem Jungen aus der Parallelklasse hatte und ich damit bei ihr aus dem Rennen war.

 

Für die erste Liebe sind S., A. und M. noch zu jung, doch als wir sie am Sonntag ins Auto verfrachten und zum hiesigen Festplatz fahren, werden ihre Augen immer größer und insbesondere M. zappelt unruhig in seinem Kindersitz herum. Kaum aus dem Auto ausgestiegen, sind alle drei kaum noch zu halten, an der Straße müssen wir sie am Kragen festhalten, aber Verkehrsregeln sind in solchen Situationen schließlich auch bei in Deutschland aufgewachsenen Kindern zweitrangig.

 

Sie stürmen sofort auf die Fahrgeschäfte zu, insbesondere M., aber auch die Mädchen, sind jetzt völlig aus dem Häuschen. Sie wollen unbedingt überall mitfahren, am besten gleichzeitig und nie wieder aussteigen. Wir einigen uns auf den Autoskooter, D. steigt mit M. in einen Wagen, Rainer mit A. und ich mit S. Die Fahrt geht los und S. will unbedingt selbst steuern. Natürlich lasse ich sie und muss sehr schnell wieder einmal feststellen, dass ich ein unglaublich schlechter Beifahrer bin. Rainer ergeht es mit A. kaum besser. Schon nach wenigen Minuten sind wir ordentlich durchgeschüttelt, spüren jede Kollision deutlich in den Knochen, während die Mädchen laut lachen und sichtlich Spaß haben.

 

 

Nur M. ergeht es anders. Auch wenn er sonst in allem der Draufgänger ist, keine Höhe scheut und es ihm beim Toben sonst nicht zu wild zugehen kann, klammert er sich jetzt ängstlich an seinen Vater und verdrückt die ersten Angsttränchen. D. fährt sofort an die Seite, so dass F. den Kleinen aus dem Wagen ziehen kann, dann dreht er weiter seine Runden und nimmt natürlich vor allem Kurs auf Rainer und mich.

 

Nach einer Weile haben auch wir genug und überreden die Mädchen erst einmal, zum Kinderkarussell weiterzugehen. Die Fahrt in einem Feuerwehrauto findet M. wesentlich toller als den Autoskooter und auch A. und S. begeistern sich sofort für ein Pony und eine Mickey Mouse, die sich im Kreis drehen. Ihnen scheint vor allem wichtig, dass sich an diesem Tag alles um sie dreht, dass wir uns um sie kümmern und dass sie so lange Spaß haben dürfen, wie sie wollen.

 

Nach einer Weile wollen sie dann doch noch einmal zurück zum Autoskooter und gehen mit F., D. und Rainer schon einmal vor, während ich noch bei M. bleibe, der mit seinem Feuerwehrauto noch längst nicht dort angekommen ist, wo er hinfahren wollte. Als wir nach einer ganzen Weile nachkommen, steht Rainer schließlich mit den Mädchen am Rand und sieht ihnen beim Zuckerwatteessen zu, während nun D. und F. ihre Runden drehen.

 

Erst jetzt fällt mir wieder einmal auf, wie jung die beiden eigentlich noch sind und dass auch sie vermutlich einiges nachzuholen haben, was der Krieg in ihrer Heimat unmöglich machte. Wir lassen sie fahren, drücken ihnen die restlichen Chips in die Hand und verdrücken uns dann mit den Kindern zur großen Hüpfburg. Den dreien gefällt auch das und sie sind noch lange nicht müde und ihre Eltern haben sich diesen Moment unbeschwerter Zweisamkeit in jedem Fall verdient.

 

Eine spontane Idee

Ein schmaler Grat zwischen Spaß und Schrecken - Teil 1

 

Wieder einmal sitzen wir mit F. und D. sowie dem Nachbarn I. im Wohnzimmer. Die Kinder turnen um uns und auf uns herum bis F. sie energisch in ihr Zimmer schickt. Immerhin haben wir die Anmeldung zum obligatorischen Integrationskurs und andere Formalitäten zu besprechen. Dabei würden auch Rainer und ich viel lieber mit S. A. und M. spielen, zumal Rainer wieder einmal einige aussortierte Spielsachen aus Bielefeld mitgebracht hat.

 

Beim letzten Mal waren es etliche Kuscheltiere. Die kamen bei den Kindern zwar super an, doch nicht, weil sie mit ihnen kuscheln wollten, sondern um sie zuerst ordentlich auf dem Sofa, später dann sogar in der Glasvitrine zu arrangieren. Anfangs hat mich das irritiert bis ich dann auch von anderen hörte, dass das Konzept Kuscheltiere in der arabischen Welt wohl relativ unbekannt ist.

 

Etwas Ähnliches habe ich mal aus Indien gehört, wo ein Bollywood-Schauspieler in einem Interview mal gefragt wurde, warum in den Filmen so selten Haustiere auftauchen. „Sehen Sie“, antwortete er mit einem Hauch britischen Understatements, „wir haben hier eine große Überbevölkerung und jede Menge Kinder. Da können die meisten Menschen nicht auch noch Tiere zu ihrer Familie dazuzählen.“

 

 

Trotzdem haben Rainer und ich uns vorgenommen, den Kindern die Spielsachen, die wir ihnen mitbringen, zu erklären oder vielmehr gemeinsam mit ihnen damit zu spielen. Völlig uneigennützig, versteht sich. Auch den nächstgelegenen Spielplatz wollen wir uns demnächst mal vornehmen, denn wir haben den Eindruck, dass die Kinder überwiegend im Haus beschäftigt werden.

 

„Am Wochenende ist übrigens Jahrmarkt“, fällt mir plötzlich ein. „Gute Idee, aber was mache ich dann mit Monika?“, fragt Rainer. Er führt immerhin seit mehr als zwanzig Jahren seine Fernbeziehung und die gemeinsamen Wochenenden sind beiden logischerweise heilig. Ab und zu kommt sie zwar auch her, meist fährt er jedoch rüber nach Bielefeld, wie eben auch an diesem Wochenende. Solch kurzfristige Planänderungen, das weiß ich aus eigener Erfahrung, kommen bei vielen Frauen nicht so gut an. Leider kommen mir gute Ideen nun einmal meist spontan. Darum bin ich schließlich Single und Rainer seit vielen Jahren in einer glücklichen Beziehung. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Monika reagiert anders als erwartet und macht uns übers Handy klar, dass das eine tolle Idee ist und die Kinder ohnehin ein bisschen Spaß und Normalität brauchen. Auch D. und F. sind sofort begeistert, vom Jahrmarkt, vor allem aber von Monika, die sie unbedingt kennenlernen wollen. Diesmal schaffe sie es nicht, aber beim nächsten Volksfest würde sie auf jeden Fall dabei sein, verspricht sie. Inzwischen kenne ich sie gut genug um zu wissen, dass sie eine solche Zusage auf keinen Fall brechen wird.

 

 

Wir freuen uns also alle aufs Wochenende, laden auch I. und seine Familie ein, uns zu begleiten und kommen so wieder einmal ins Plaudern. Okay, wir plaudern mit I. und er plaudert mit D. und F., aber die wichtigen Dinge übersetzt er wechselseitig, so dass es sich tatsächlich wie ein gemütlicher Abend unter Freunden anfühlt.

 

Das empfinde ich inzwischen immer deutlicher, es ist längst kein Ehrenamt mehr, bei dem die Betonung auf der letzten Silbe liegt, sondern tatsächlich ein Freundschaftsdienst geworden, wobei die zweite Worthälfte hier nur dann zutrifft, wenn wir es mit den Behörden zu tun haben. Umso mehr stößt mir immer wieder sauer auf, dass viele von Rainers und meinen Freunden häufig wissen wollen, was es Neues von „unseren Syrern“ gibt, während meine Familie dieses Thema überhaupt nicht anspricht. Nein, stimmt nicht, mein Vater fragt schon nach, ihn interessiert sogar ziemlich genau, welche Fortschritte in Sachen Integration wir machen und wie unsere Schützlinge sich hier einleben. Bei meiner Mutter, immerhin ehemalige Grundschullehrerin, ist das anders. Sie spricht mich nie auf unsere Flüchtlingshilfe an, sondern bringt höchstens mal ihre Sorgen über unser Land vereinnahmende Muslime zum Ausdruck.

 

Allerdings habe ich auch schon von einigen anderen Ehrenamtlichen gehört, dass sie im Familien- oder Freundeskreis für ihr Engagement kritisiert und sogar angefeindet werden. „Mir hat mal jemand ganz direkt gesagt: 'Ihr werdet schon sehr bald sehen, was ihr von eurer Flüchtlingshilfe habt und wohin sie unser Land führt'“, hatte mir erst kürzlich eine Bekannte erzählt. Menschlichkeit und Nächstenliebe stehen wohl nicht mehr so hoch im Kurs.

 

Fortsetzung folgt...

 

Bombay und ein Abschied vom Himmel

Culture Clash - Teil 2

 

Genau diesen Eindruck hatte ich eigentlich auch durch meine Arbeit für ein Bollywood- und Indienmagazin. Gerade in diesem Land, in dem so viele Menschen unterschiedlichster Religionen zusammenleben, geht es meiner Meinung nach erstaunlich friedlich zu. Natürlich kommt es auch in Indien immer mal wieder zu Konflikten, teil blutig und voller Hass auf Andersgläubige. So musste ich zum Beispiel über die Terroranschläge in Bombay im November 2008 berichten und sammelte in meinem Artikel Fakten über weitere Auseinandersetzungen mit religiösem Hintergrund.

 

Die gab es zwar, doch in einem Land mit mehr als 350 Einwohnern pro Quadratkilometer und oft noch sehr strengen Traditionen erschienen sie mir relativ selten. Vor allem wurden viele dieser Ausschreitungen schon wenig später medial aufbereitet und erschienen immer wieder Filme, in denen die Gewalt als abscheulich und überflüssig dargestellt wurde. Nicht selten waren die, wie beispielsweise Mani Ratnams „Bombay, aufwendig produziert und drastisch in ihrem Appell für ein friedvolles Miteinander (ja, ich gebe zu, es ist einer meiner Lieblingsfilme) und wurden zu Kassenschlagern. Offenbar hält also doch die Mehrheit der Menschen nichts von Gewalt und sehnt sich nach einem konfliktfreien Miteinander.

 

 

Allerdings ist dazu eben manchmal auch ein Bruch mit allzu strengen Traditionen nötig. Das machte mir insbesondere Hamed Abdel-Samad klar, den ich bei mehreren Vorträgen und in persönlichen Gesprächen erleben durfte. Der Politikwissenschaftler und Publizist beschreibt in seinem ersten Buch „Mein Abschied vom Himmel“ sehr eindringlich seine eigenen Erfahrungen mit dem Islam und wie er sich von vielem abwendet. Außerdem ist er aber auch ein brillanter Analyst, wie ich erstmalig durch einen Vortrag zur Revolution in Ägypten erfahren durfte. Damals sprach er über die Ursachen für den Protest im Land, die er vor allem im Verhindern wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritts durch die Religionsführer sieht.

 

„Es waren 18 Millionen Menschen auf der Straße, um gegen Präsident Mubarak zu protestieren, ich glaube, das hat es vorher noch nie gegeben“, schilderte er seine Eindrücke vom Frühjahr 2011. Die „Facebook-Generation“ habe sich vernetzt und gegen die alten erhoben, nicht zuletzt weil sie aus dieser Welt des Hasses ausbrechen wollten. Nach der Revolution hätten allerdings die etablierten Gruppierungen ihren Einfluss wieder gestärkt, so dass die konservativen Kräfte erst einmal wieder erstarkten, meinte er.

 

Für Ägypten sah Hamed Abdel-Samad damals eine Chance, um das Land zu modernisieren, zu stabilisieren und in die globalisierte Zukunft zu führen. Für Syrien, so sagte er damals, zweifle er mittelfristig an einer solchen positiven Entwicklung. Es sei ein interner Kampf der Kulturen, den das Land ausfechten müsse, einer, wie er zur Zeit der Aufklärung auch in Europa stattgefunden habe.

 

 Hamed Abdel-Samad ist als Islamkritiker nicht unumstritten, erntete auch hierzulande viel Kritik als er beispielsweise den Dialog mit der AfD suchte. Wer ihm aber länger zuhört oder seine Bücher liest, erfährt, dass es ihm nicht um eine Verteuflung des Islam als solches, sondern um eine Erneuerung, fast wie die Reformation im Christentum, geht. Und vor Anhängern der Alternative für Deutschland hielt er deshalb Vorträge, weil er fest daran glaubt, dass es möglich ist, den besorgten Bürgern ihre Ängste zu nehmen, und weil er ein radikaler Vertreter von Demokratie und Meinungsfreiheit ist.

 

 

Ganz sicher stimme ich ihm nicht in allen Ansichten zu, das muss auch nicht sein, doch mit seinen Vorträgen über den Islam und über den Wunsch nach einer Revolution in der arabischen Welt machte er mich sehr nachdenklich. Mag sein, dass doch etwas dran ist an der Gefahr, die von allzu verhärteten Traditionen ausgeht. Mag sein, dass es noch lange dauert, bevor eingefahrene Strukturen in vielen Gesellschaften aufgebrochen werden. Mag sein, dass der ursprüngliche Islam und die moderne Welt nicht zusammenpassen. Doch ich glaube fest an die Sehnsucht nach Frieden, die allen Menschen gemein ist und die mindestens ebenso stark ist, wie alle Machtinteressen der Herrschenden.

 

Natürlich bin ich von meiner Kultur überzeugt und möchte sie nicht aufgeben. Muss ich aber auch nicht. Genauso wenig muss ich aber jemand anderen zwingen, meine Kultur anzunehmen. Will ich auch gar nicht. Was ich will ist, dass die anderen mich so leben lassen, wie ich es will. Dann lasse ich auch sie ihr Ding machen und es gibt keinerlei Probleme. Klingt vielleicht zu einfach und naiv, aber genau so funktioniert die Welt im Grunde. Davon bin ich nach wie vor überzeugt.

 

Der Weg dahin ist kein Verschanzen hinter den eigenen Traditionen, sondern ein Kennenlernen und Respektieren der fremden. Dann erkenne ich, dass diese nicht auf Konflikte ausgerichtet sind und erkenne manchmal sogar Gemeinsamkeiten. Genau das ist es, warum ich so froh bin, D., F., S., A. und M. kennenlernen zu dürfen und hautnah mitzuerleben, wie dieses Nebeneinander zweier Kulturen auch ohne einen Kampf funktionieren kann.

 

9/11 und der arabische Frühling

Culture Clash - Teil 1

 

Den Kampf der Kulturen, also eine gewollte Feindschaft zwischen der westlichen und der arabischen Welt, habe ich nie so richtig wahrgenommen. Zwar hörte ich früher auch von meinen Eltern immer wieder, dass Christen und Muslime nicht in Frieden miteinander leben können und sogar, dass sie es gezielt auf die Unterwanderung unserer Kultur abgesehen haben, doch je älter ich wurde, desto mehr fehlten mir die Anhaltspunkte für diese These.

 

 Dabei habe ich die zerstörerischen Folgen des fundamentalistischen Islamismus mit eigenen Augen gesehen. Im Sommer 2002, also genau ein Jahr nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center war ich mit meinem Bruder in New York. Wir machten einen dreiwöchigen Trip durch die USA: Auto mieten, losfahren und einfach Land und Leute entdecken. Dabei durfte Ground Zero natürlich nicht fehlen.

 

 

Was wir dort sahen, war ein unglaublich großes Loch im Boden, bei dem die Vorstellung schwer fiel, dass dort noch vor kurzem das höchste Gebäude dieser Stadt gestanden hatte. Es war eine riesige Baugrube, die Kellergeschosse und auch Teile der U-Bahn noch deutlich erkennbar. Mitten inzwischen der umstehenden Wolkenkratzer Manhattans klaffte es wie eine Wunde auf, was dort geschehen war, erschien mir immer noch unvorstellbar. Besonders schockierte mich eine Straße weiter das Schaufenster eines kleinen Klamottenladens. Die Scheibe war zwar ersetzt worden, doch sonst wurde alles so belassen wie unmittelbar nach dem Anschlag. Die ausgelegten Waren waren voller Staub und Glasscherben, so dass ich mir zumindest ausmalen konnte, wie sich die in die Türme gesteuerten Flugzeuge und der Einsturz in der unmittelbaren Umgebung ausgewirkt hatten.

 

Diese Bilder werde ich wohl nie vergessen, doch waren sie für mich immer das Ergebnis schrecklicher Taten Einzelner und keinesfalls ein Zeichen dafür, dass die verschiedenen Religionen auf dieser Welt nicht in Frieden zusammen leben können. Auch in der Folgezeit machte mir George W. Bush deutlich mehr Angst als ein angeblich bedrohlicher Islam. Gewalt geht schließlich immer von Menschen aus, nicht von Religionen. Mein Bruder zog aus diesen Eindrücken offenbar andere Schlüsse und legte mehr und mehr eine Islamophobie an den Tag, die insbesondere durch meine Mutter befeuert wurde.

 

Für mich blieben alle Anschläge und Gräueltaten Ausdruck eines gefährlichen und durch und durch abscheulichen Fundamentalismus, aber nie ein Indiz für eine vom Islam ausgehende grundsätzliche Gefahr. Durch meine beruflichen Erfahrungen festigte sich diese Meinung noch, zum Beispiel durch das Gespräch mit einer Frau, die in der Süd-Sahara von Al-Qaida-Terroristen entführt und drei Monate lang gefangen gehalten wurde. Ihre Liebe zu Nordafrika hätte das nicht beeinträchtigt, erzählte sie, da sie auf all ihren Reisen viel mehr positive Erfahrungen mit den Menschen dort gesammelt hätte.

 

 

Später erlebte ich dann den Nah-Ost-Korrespondenten Ulrich Kienzle bei einem Vortrag über den arabischen Frühling. Darin machte er zunächst einmal deutlich, dass es „die arabische Welt“ als eine gemeinsam agierende Kraft nicht gebe, sondern stattdessen viele Strippenzieher mit zum Teil sehr eng gefassten eigenen Interessen. Auslöser für Konflikte sei häufig das allmählich zur Neige gehende Öl und die damit verbundene Machtpolitik der USA, die Aufstände und Umbrüche wertete er als Bewegung einer Jugend, die Anschluss an das 21. Jahrhundert haben will.

 

Mehr noch als diese Zusammenhänge und seine Einordnung in einen plausiblen Kontext beeindruckte mich die Gelassenheit und das Augenzwinkern dieses gestandenen Journalisten, mit dem er über sehr persönliche Erlebnisse während allerlei Diktatorenbesuchen und von der Kriegsberichterstattung erzählte. Zwischen den Zeilen ließ er sehr deutlich spüren, dass die Welt der Mächtigen die eine, die der kleinen Leute, die eigentlich nur in Frieden leben wollen, die andere war.

 

Vorgedrängelt wird nicht

Tafeln wie die Könige - Teil 2

 

Wenige Tage später begleite ich D. noch einmal zur Tafel. Diesmal haben wir ganz regulär eine Nummer und sind nicht die ersten, die drankommen. Bevor wir aber an der Reihe sind, müssen wir eine neue Nummer ziehen und hier heißt es dann Schlange stehen. Wer zuerst da ist, darf sich zuerst einreihen, vorgedrängelt wird nicht, wer zwischendurch zum Rauchen nach draußen geht, verliert dadurch nicht seinen Platz in der Schlange. Finde ich super, weil es für mich in gewisser Weise auch ein Unterschied zu den Regularien des Kapitalismus ist.

 

Allerdings sind wir mit dem Prinzip noch nicht so ganz vertraut, stellen uns also erst einmal artig hinten in der Schlange an. Dass vor uns noch ein paar ältere Damen dran sind, die nebenan auf den Stühlen Platz genommen haben, können wir ja nicht ahnen. Allerdings werden wir schon bald von einer Dame darauf hingewiesen. „Na, wenn er meint, er muss den Platz da haben, soll er ihn behalten“, sagt sie mit Blick auf D. „Entschuldigung“, entgegne ich sofort, „wir wussten nicht, dass Sie vor uns dran sind. Bitte gehen Sie vor.“

 

Mit geradezu theatralischer Geste winkt sie ab und erläutert: „Nein, lassen Sie ihn ruhig, wir werden uns daran wohl sowieso noch gewöhnen müssen.“ In mir gehen plötzlich alle Alarmlampen an. „Wie meinen Sie das?“, hake ich nach. „Na, dass wir Frauen uns hinten anstellen müssen. Das ist bei denen eben so und damit werden wir uns hier wohl abfinden müssen.“ Etwas ungehaltener als ich eigentlich will, widerspreche ich mit einem entschiedenen „Nein, ganz sicher nicht, wenn Sie zuerst dran sind, dann werden wir uns nicht vordrängeln und das war auch nie unsere Absicht.“

 

 

Mir nimmt sie das vielleicht ab, doch D. scheint sie per se nicht zu trauen und schüttelt resigniert den Kopf. „Doch, doch, junger Mann, Sie in Ihrem Beruf müssen das ja anders sehen“, setzt sie an. Anscheinend hält sie mich für einen hauptamtlichen Gutmenschen oder so, auf jeden Fall klingt ihre Meinung ziemlich unerschütterlich. „Aber gegen all die, die wir hier reinlassen, haben wir keine Chance, die werden uns schon noch beibringen, dass wir uns hier bald überall hinten anstellen müssen.“

 

Ich will ja gar nicht abstreiten, dass es Zugezogene gibt, die sich vermutlich nie an die Gleichberechtigung gewöhnen werden. Allerdings liegt es auch zum großen Teil an uns und wie wir mit mitgebrachten patriarchischen Strukturen umgehen, denke ich. Außerdem spüre ich, dass es mich verletzt, wenn diese fremde Frau D. eine solche Haltung unterstellt. Vor allem, weil es überhaupt nicht der Realität entspricht. F. trägt nicht einmal Kopftuch, sie hatte von Anfang an kein Problem damit, uns die Hand zu geben, so wie ich es schon oft von anderen gehört habe und auch sonst macht sie keinen unterdrückten Eindruck. Und D. ist in meinen Augen alles andere als ein Macho.

 

Zwar ist sie es immer, die bei unseren Besuchen in der Küche verschwindet und dann mit frischem Kaffee zurückkommt, doch wenn es darum geht, die Gläser abzuräumen, packt er genauso mit an. Außerdem mag ich es, wie liebevoll er mit den Kindern umgeht, wie er mit ihnen spielt, mit welcher Geduld er die Kleinen anzieht, wenn wir zum Spielen rausgehen, und wie er auch oft der erste ist, der etwas auffängt, was M. plötzlich vom Tisch zu werfen versucht. All jene Vorurteile über südländische Familienstrukturen ziehen hier einfach nicht, finde ich. Genau genommen läuft bei den beiden vieles harmonischer und gleichberechtigter als früher bei meinen Eltern.

 

 

Daher bin ich erst einmal sauer, entgegne dann aber doch nichts und sage abschließend nur: „Wir dürfen uns aber auch nicht nach hinten drängen lassen, sonst können diejenigen, die es nicht sowieso schon wissen, das auch nicht lernen.“ Die Frau überzeugt das wenig und sie weigert sich vehement, sich in der Schlange wieder vor uns zu stellen. Vielleicht braucht sie das Erlebnis, um zuhause von ihren schlechten Erfahrungen mit dreisten Ausländern berichten zu können.

 

„Denk dir nichts dabei“, höre ich plötzlich eine Stimme von der Seite. Sie gehört einer Frau, die bei mir in der Nachbarschaft wohnt, die ich vom Sehen her kenne, mit der ich aber bisher nur wenige Worte gewechselt habe. „Hier wird viel geredet, da muss man nicht auf alles hören“, schaltet sich nun auch ein Jugendlicher ein, den ich von der Schule kenne, für die ich die Pressearbeit mache. Beide schaffen es, mich zu besänftigen und nicht weiter über den Vorfall nachzudenken. Allein D. wirkt immer noch verunsichert und guckt etwas schuldbewusst als wir schließlich vor der Frau unsere Nummer ziehen.

 

Vorbei an der Schlange

Tafeln wie die Könige - Teil 1

 

Die Tafeln sind in Deutschland zum Sinnbild eines abgehängten Teils der Gesellschaft geworden. Nur, wer nicht anders kann, bezieht von dort seine Grundnahrungsmittel und wenn, dann auf jeden Fall so, dass es Nachbarn und Bekannte nicht mitbekommen. Dass ich selbst einmal bei der Tafel in der Schlage stehen werde, habe ich ehrlich gesagt auch nicht gedacht, dabei ist es nicht nur nicht schlimm, sondern sogar eine tolle Erfahrung.

 

Als ich mit D. das erste Mal dort bin, müssen wir uns zunächst anmelden. Es wird überprüft, ob er und seine Familie berechtigt sind, außerdem wird die Anzahl und das Alter der Kinder notiert und natürlich auch, dass sie Muslime sind, also kein Schweinefleisch bekommen wollen. Anschließend müssen wir drei Euro bezahlen und eine Nummer auf einem Papierschnipsel ziehen.

 

„Die Nummern werden jedes Mal neu gezogen, damit wir eine zufällige Reihenfolge haben und es nicht zum Vordrängeln kommt“, erklärt uns eine Mitarbeiterin und fügt hinzu: „Aber da Sie heute zum ersten Mal da sind, dürfen Sie sich ganz vorne anstellen.“ Kurz darauf sind wir tatsächlich die ersten, die in den Raum der Ausgabestelle vorgelassen werden. Immer einer nach dem anderen, damit kein Gedränge und für die Mitarbeiterinnen kein Stress entsteht.

 

Uns erwarten von oben bis unten gefüllte Regale mit allerlei Waren, die das Herz begehrt, davor ein Tresen mit lächelnden Mitarbeiterinnen, die uns eine große Kiste bereitstellen und fragen, was wir denn haben möchten. D. ist zunächst noch zögerlich, kann anscheinend kaum fassen, dass er für so wenig Geld ein so großes Angebot präsentiert bekommt. Mir geht es ehrlich gesagt nicht anders.

 

 

Genaugenommen erinnert mich die ganze Situation an die Geschichten aus der sogenannten guten alten Zeit als Oma noch zum Tante-Emma-Laden ging oder an Loriots „Pappa ante portas“ („Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein...“). Leider kann D. weder im Ganzen vorlesen, was er auf der Liste hat, noch alles einzeln nacheinander durchgehen. Er kann nur nicken oder den Kopf schütteln. Erschwerend hinzu kommt, dass er bei manchen Dingen nicht einmal weiß, was es ist, da es die in Syrien wohl nicht gibt.

 

Mit Kartoffeln kann er offenbar nicht so viel anfangen und auch den Blumenkohl beäugt er sehr lange sehr kritisch. Irgendwann zückt er sein Smartphone, so dass wir bei manchen Sachen weiterkommen und er kapiert, was die Deutschen ihm da in die Einkaufskiste packen. Die als „für Tiefkühl- aber echt lecker“ angepriesenen Fertiggerichte lehnt er kategorisch ab, dafür freut er sich umso mehr als ihm noch Pudding für die Kinder eingepackt wird.

 

Kurz darauf merke ich, wie schlecht vorbereitet ich bin, denn eigentlich sollen die Waren jetzt von den Kisten in mitgebrachte Tüten oder Körbe umgepackt werden. „Na gut, wenn Sie versprechen, die Kiste beim nächsten Mal wieder mitzubringen, dürfen Sie sie ausleihen“, bekommen wir gesagt, dann ist mein erster Einkauf bei der Tafel vorbei und wir schleppen unsere reiche Beute zum Auto.

 

 

Zuhause sind F. und die Kinder genauso begeistert wie wir, ab jetzt werden wohl die meisten Einkäufe bei der Tafel erledigt. Die Berührungsängste, die viele Deutsche mit dieser Einrichtung haben, sind ihnen fremd, sie sind einzig und allein dankbar für die Unterstützung und die tollen Lebensmittel, die sich ja wirklich in nichts von denen im Supermarkt unterscheiden. Vermutlich würden die beiden die Welt nicht mehr verstehen, wenn sie wüssten, wie viel in Deutschland zu viel produziert und hinterher vernichtet wird oder dass die meisten unserer Waren eine Reise um die halbe Welt hinter sich haben. Mir geht es im Grunde nicht anders, nur schiebe ich solche Gedanken meist weit weg, um nicht in einer bodenlosen Kapitalismuskritik zu versinken.

 

Na klar, ich kaufe die meisten meiner Lebensmittel auch in Discounter. Oft sehe ich nur auf den Preis, blende alle anderen Überlegungen aus. Nach wie vor bin ich auch überzeugt, dass die Verantwortung nicht auf die Verbraucher abgewälzt werden darf, sondern das Politik und Wirtschaft hier für Nachhaltigkeit sorgen müssen. Ebenso wie ich auch die Großen und Mächtigen in der Pflicht sehe, sich um die Ungerechtigkeit und die Krisen auf unserem Planeten zu kümmern. Trotzdem sind es am Ende viele kleine Ehrenamtliche, die die geliehene Kiste von der Tafel wieder zurückbringen. Und überhaupt sind es solche Einrichtungen, die bei der sich immer weiter vergrößernden Kluft zwischen Arm und Reich dafür sorgen, dass manches von dem, was die Großverdiener sich in die Taschen schaufeln, wieder an die zurückfließt, die es nötig haben.

 

Fortsetzung folgt...

 

Kommt Zeit, kommt Unrat

Die deutscheste aller Tugenden ist die Mülltrennung - Teil 3

 

Auch das empfinde ich in gewisser Weise als typisch deutsch, diese Empörung über Nachbarn, die sich nicht der Norm entsprechend verhalten. Mit Unordnung in jeglicher Hinsicht, mit Ungewissheit und Unbestimmtheit kann der Deutsche nicht umgehen. „Was sollen denn die Nachbarn denken“ habe ich in meiner Kindheit häufig als Argument für alles mögliche gehört. Im Stillen habe ich mich immer schon gefragt, was die Nachbarn das denn angehen soll, aber aus irgendeinem Grund scheint eine Handlung in unserer Gesellschaft immer dann verwerflich zu sein, wenn die Nachbarn sich darüber das Maul zerreißen. Was hinter verschlossenen Türen passiert, ist ziemlich egal, aber wehe, wenn es bei der nächsten Müllabfuhr ans Licht kommt.

 

Das Plakat in arabischer Übersetzung drücke ich D. in die Hand und versuche ihm noch einmal klar zu machen, wie wichtig es ist. Integration ist in Deutschland nur möglich, wenn ich den Müll richtig trenne, nicht nach 18 Uhr den Rasen mähe und regelmäßig die Fenster putze. Früher gehörte auch noch die samstägliche Autowäsche aller rechtschaffenen Familienväter dazu, doch das hat sich aus Umweltschutzgründen ja zum Glück erledigt.

 

Um weiterhin Nachbarschaftsstreit vorzubeugen, nehme ich noch ein Plakat auf Dari mit, klingle an der Wohnung unten. Verstehen können sie mich leider weder auf Deutsch, noch auf Englisch, so dass ich einfach mal hoffe, sie halten unser Land nicht für völlig bekloppt, wenn ein Fremder ihnen ein Plakat zur Mülltrennung in die Hand drückt. Außerdem hoffe ich, dass sie zur Mehrheit derer in Afghanistan gehören, die Dari sprechen und damit überhaupt etwas mit dem Plakat anfangen können.

 

 

Am nächsten Tag klingelt mein Telefon. „Sind Sie der Ehrenamtliche, der die Familie A. betreut?“, fragt mich eine männliche Stimme. Sie stellt sich als ehrenamtlicher Betreuer der neuen Mieter vor, freut sich erst einmal, mich kennenzulernen, hat aber natürlich auch ein Anliegen. Zum einen habe die Vermieterin ihn auf das Mülltrennungsproblem angesprochen, das wir dringend lösen müssen. Zum anderen habe er von „seiner“ Familie erfahren, dass von oben immer Windeln herunter geworfen werden. „Vielleicht macht man das in Syrien so, hier geht das aber nicht“, erklärt er mir. Und wo wir gerade dabei sind, erwähnt er auch gleich noch mal nachdrücklich, wie laut die Kinder „unserer“ Familie doch seien, dass sie nachts herumlaufen und „seine“ Familie dadurch nicht schlafen könne.

 

Wenn der Bürgerkrieg in Deutschland nicht aufgrund falscher Mülltrennung ausbricht, dann definitiv wegen Ruhestörung. Vielleicht ist Ruhe sogar das noch größere Gut in unserer Gesellschaft. Auch das habe ich in meiner Studentenzeit gelernt, doch das ist eine andere Geschichte.

 

Jedenfalls verspreche ich, mich um fliegende Windeln und nächtliches Getrampel zu kümmern, gleich am Abend, denn dann wollen Rainer und ich sowieso noch einmal hinfahren und zusammen mit Nachbar I. als Übersetzer den Krieg vereiteln.

 

 

Als ich ankomme, fängt mich erst einmal eine Fahrradfahrerin ab, die mir erklärt, sie wohne ein paar Häuser weiter, habe schon mit anderen Nachbarn gesprochen, die sich alle über den nicht abgeholten Müll beschwert hätten. Ich nicke und sehe zu, dass ich aus der Schusslinie komme. Bevor ich klingeln kann, treffe ich allerdings auf Rainer, der auch nicht gerade ruhig und gelassen wirkt. „Unsere Vermieterin hat mir gerade einen wortreichen Vortrag gehalten“, erzählt er, „vor allem teilte sie mir mit, dass sie und ihr Mann den nicht abgeholten Müll jetzt mit beiden Familien zusammen sortiert haben.“ Na, das ist doch erst einmal positiv. „Das schon“, presst Rainer weiter mit mühsam unterdrücktem Ärger heraus, „aber als sie gönnerhaft meinte, jetzt habe sie uns aber einen großen Gefallen getan, hätte ich ihr am liebsten den Hals umgedreht. Was glaubt die denn, wozu wir hier sind? Wenn ich zuhause meinen Müll nicht anständig trenne, ist es schließlich auch meine Vermieterin, die mir aufs Dach steigen muss und nicht irgendein ehrenamtlicher Mülltrennbeauftragter wider Willen!“

 

Erst einmal beschwichtige ich ihn, muss mir anhören, dass ich zu gutmütig sei, dann erklären wir D. und F. gemeinsam mit I., meinen Anruf vom Vormittag. Natürlich ist es in Syrien nicht üblich, Windeln über den Balkon zu entsorgen und natürlich tun sie das auch hier nicht. Allerdings können wir M. nicht gänzlich von einem Verdacht freisprechen, vielleicht hat er seine Hinterlassenschaften tatsächlich einmal in den Garten geworfen.

 

Zum Glück können wir jetzt alle darüber lachen und zum Glück ist das Müllproblem damit auch ein für allemal aus der Welt. Ein wenig anders ist es mit den nächtlichen Spaziergängen der Kinder, denn alle drei wachen manchmal auf, haben wohl Alpträume und laufen dann ins Elternschlafzimmer. Sicher sind es keine durch Entwurzelung hervorgerufenen Psychosen, sage ich mir und muss kurz an Eva Herman denken, doch wahrscheinlich grausame Erinnerungen an Kriegs- und Fluchterlebnisse, die auch mich schlaflos machen würden. Allerdings fürchte ich, dass es hierfür keine Plakate mit Hinweisen gibt.

 

Was du heute kannst entsorgen...

Die deutscheste aller Tugenden ist die Mülltrennung - Teil 2

 

In der ersten Woche klappt sogar wirklich alles gut und die blauen Behelfssäcke werden anstandslos abgeholt. In der zweiten Woche zieht allerdings eine Familie aus Afghanistan in die Wohnung unter F. und D., eine Familie, die logischerweise auch keinen Schimmer von deutscher Mülltrennung hat. Und die Mülltonnen sind leider immer noch nicht da. Inzwischen werden es ziemlich viele blaue Säcke, die an die Straße zu stellen sind.

 

Eine Bekannte hat mir in der Zwischenzeit von ihrem letzten Ägypten-Urlaub erzählt, bei dem sie in den Einkaufstraßen vom Kairo überall Müll am Straßenrand gesehen habe und selbst auf dem Weg zu den Pyramiden noch. „Unser deutsches System der Mülltrennung gibt es in vielen Ländern nun einmal nicht und genauso wie wir schockiert vom dortigen Müll am Straßenrand sind, müssen sich viele Flüchtlinge logischerweise hier umstellen“, fasst sie kühl zusammen. In den kommenden Tagen wünsche ich mir noch mehrmals, dass viel mehr Leute das Problem so nüchtern betrachten wie sie.

 

Stattdessen werden wir inzwischen sogar von anderen Nachbarn auf Überreste eines wohl aufgeplatzten blauen Sacks auf dem Gehweg angesprochen. Das gehe so nicht, schließlich spielten ja auch Kinder in der Straße und irgendwann kämen dann die Ratten. Wir sollten uns doch an den Landkreis wenden, dort könnten wir Mülltonnen beantragen. „Keine Sorge, die Vermieter haben das bereits getan, es wird also so nicht mehr vorkommen“, sage ich und hoffe, dass die nette Nachbarin zwischen den Zeilen herausgelesen hat, dass eigentlich nicht ich der Adressat für ihre Beschwerde bin.

 

 

Als ich mit D. sowieso in der Stadt unterwegs bin, fahren wir kurz beim Landkreis vorbei, um zu fragen, wann wir denn mit den Tonnen rechnen können, da sich die blauen Säcke mittlerweile im Hausflur stapeln. „Also eigentlich geht das sehr schnell. Wann haben sie die Tonnen denn beantragt?“, hakt die Dame vom Amt nach. Da ich ihr die Frage natürlich nicht beantworten kann, sieht sie im Computer nach, vergewissert sich noch einmal, dass ich ihr die richtige Adresse genannt habe und offenbart mir dann, dass die Vermieter bis jetzt leider noch keinen Antrag gestellt haben. Gut, sie sind wohl zwischen all seinen anderen Heldentaten und ihrer uneingeschränkten Loyalität noch nicht dazu gekommen.

 

Was dann passiert, hätte ich im bürokratischen Deutschland nie für möglich gehalten. „Wie viele Personen wohnen denn jetzt insgesamt in dem Haus, wissen Sie das?“ Ich antworte pflichtschuldig, ohne zu ahnen, worauf sie hinaus will. „Und wie war noch gleich der Name des Vermieters?“ Nachdem sie den Namen in den Computer getippt hat, sieht sie mich lächelnd an und erklärt: „Okay, die Vermieter haben jetzt Tonnen beantragt, die müssten dann übermorgen geliefert werden. Wenn es nicht klappt, rufen Sie mich einfach noch mal an, ich kenne den Fall ja jetzt.“ Dazu drückt sie mir noch zwei Rollen gelbe Säcke in die Hand.

 

Tatsächlich sind die Tonnen dann auch zwei Tage später da und ich möchte mir fast schon selbst ein Superman-Kostüm zulegen. Allerdings wäre das schon eine Woche später in der Restmülltonne gelandet, denn die wurde natürlich ebenso wie aller anderer Müll nicht abgeholt. Zuerst ist es Rainer, der mir am Telefon erzählt, die Vermieterin habe ihn deswegen angerufen und uns gebeten, F. und D. die Mülltrennung noch einmal zu erklären. Als ich D. tags darauf abhole, weil wir irgendetwas anderes beim Sozialamt zu klären haben, fängt sie mich ab, öffnet die Tonnen und hält mir einen ausschweifenden Vortrag darüber, was wo hinein gehört.

 

 

„Ja, wir kümmern uns drum, das verspreche ich, aber jetzt muss ich los, weil das Amt sonst schließt.“ Die Ausrede, die nicht einmal eine ist, beeindruckt sie wenig. „Aber das geht so nicht, der Müll muss ordentlich getrennt werden, die haben das diese Woche nicht mitgenommen und werden es so auch nächste Woche so nicht mitnehmen und das wird am Ende eine Riesenschweinerei, weil die da knallhart sind und...“, redet sie ohne Pause weiter. Irgendwann schnappe ich mir D. und wir fahren einfach los.

 

Im Auto ärgere ich mich dann über mein devotes Verhalten, denn schließlich könnte sie sich ja genauso gut um das Problem kümmern. Wenn ich meinen Müll nicht anständig trenne, ist es schließlich auch meine Vermieterin, die mir aufs Dach steigen muss und nicht irgendein ehrenamtlicher Mülltrennbeauftragter wider Willen.

 

Trotzdem fahre ich nach unseren Besorgungen in der Stadt mit D. noch beim Landkreis vor, wo ich noch einmal nach den tollen mehrsprachigen Plakaten zur Mülltrennung frage. Inzwischen fühle ich mich ziemlich mies, weil ich ganz am Anfang noch darüber lächelte, dass man sich damit brüstete, diese Plakate in acht oder neun verschiedenen Sprachen kostenlos zu verteilen. Mittlerweile bin ich fest davon überzeugt, dass damit sogar ein Bürgerkrieg in Deutschland verhindert werden kann.

 

Fortsetzung folgt...

 

Aller Anfang ist Müll

Die deutscheste aller Tugenden ist die Mülltrennung - Teil 1

 

Auf eines der schwierigsten Themen bei der Integration wurden wir zum Glück schon vorbereitet. Dutzende von Ehrenamtlichen sind daran bereits gescheitert, ganze Straßenzüge haben sich dadurch mit Flüchtlingen angelegt und manch Nachbarschaftsverhältnis soll dadurch zu einem erbitterten Krieg geworden sein. Die Rede ist natürlich von der Mülltrennung.

 

Vielleicht ist es sogar das deutscheste aller deutschen Themen. Wenn wir auch in Sachen soziale Ungerechtigkeit oder Ausbeutung Afrikas oder Waffenlieferungen in Krisenregionen inzwischen abgestumpft und gleichgültig geworden sind, sobald der Nachbar etwas in die Biotonne stopft, was dort nicht hineingehört, ist das deutsche Gerechtigkeitsempfinden geweckt und selbst die größten Couchpotatoes hält nichts mehr in ihren durchgesessenen Fernsehsesseln.

 

Als ich damals von Osnabrück hierher zog, musste ich die Erfahrung selbst machen, denn während dort Dosen in den gelben Sack gehörten, werden sie hier zusammen mit dem Altglas gesammelt, das ich dort wiederum zum Container bringen musste, während es hier vor die Tür gestellt wird. Ich brauchte damals etwa zwei Wochen, um mich umzugewöhnen und lernte in dieser Zeit viele meiner neuen Nachbarn kennen. Zum Teil waren das fürsorgliche Ratschläge wie: „Pass besser auf, die nehmen das sonst rigoros nicht mit und es kann richtig teuer werden“, zum Teil aber auch entrüstete Beschimpfungen.

 

 

Wenn ich mir das heute in Erinnerung rufe, kann ich mir ungefähr ausmalen, wie schwer das Mülltrennen für Menschen aus anderen Kulturkreisen sein muss. Allerdings haben wir als „unsere“ Familie einzieht ja erst einmal weder schwarze noch blaue Tonnen und statt gelber nur blaue Behelfssäcke vom Landkreis. Dort kommt erst einmal alles rein, schließlich sind die Vermieter für die Beantragung der Tonnen zuständig.

 

Dass sie das machen wollen, erklärt Frau Vermieterin uns und D. dann auch bei einem ihrer Besuche. Uns gegenüber ziemlich generös, was wir angesichts der vernünftig zurechtgemachten Wohnung erst einmal kommentarlos hinnehmen. Von Bekannten haben wir schließlich auch von Vermietern gehört, die sich überhaupt nicht kümmern und mit Hilfe der Flüchtlinge nur versuchen, gutes Geld für ihre schäbigen Wohnungen zu bekommen, in die kein deutscher Mieter mehr einziehen würde.

 

An der Erklärung für D. und F. scheitert die Vermieterin aufgrund der Sprachbarriere, doch sie vertröstet uns wie schon so oft mit den Worten: „Wenn mein Mann kommt, macht der das. Er kann denen das dann auch erklären, er hat ja schon mit vielen Flüchtlingen zu tun gehabt.“ Dieses „der macht das schon“ bezieht sich auf einige notwendige Reparaturen, auf diverse Anschaffungen, bei denen wir bisher noch keinen Erfolg oder schlicht keine Zeit gehabt haben und natürlich auf die Beseitigung aller Verständigungsprobleme. Selbstverständlich bin ich mehr als gespannt auf diesen Supermann.

 

 

Dass er schließlich in Jogginghose und Schlappen vor uns steht, werte ich erst einmal als Understatement. Doch wie er erzählt, dass er schon in einer Flüchtlingsunterkunft gearbeitet hat und immer dann gerufen wurde, wenn alle anderen nicht weiterkamen, passt weniger dazu. Auch dass er mit dem klemmenden Fenster genauso wenig weiterkommt wie wir zwei Tage zuvor, bringt das in schillernden Farben gemalte Bild seiner Gattin leicht ins Wanken. Sein „dann müssen sie eben das andere öffnen“ zeigt aber immerhin, dass er durchaus in der Lage ist, für jedes Problem eine Lösung zu finden.

 

So verhält es sich dann auch mit unserem Sprachproblem. Während wir uns wegen des Mülls immer noch mit Übersetzungs-App und Bildwörterbuch abmühen, packt er einfach seine geballte internationale Sprachkompetenz aus und erklärt: „The Plastik you must put in the yellow Sack and the paper gehört in an extra box that you stellt dann an die Straße... ähm at the street.“ Wie schade, dass wir seine Hilfe nicht schon viel eher in Anspruch genommen haben.

 

Ich muss mir auf die Lippen beißen, aber nicht mal, weil er scheinbar fest davon überzeugt ist, dass jeder Syrer Englisch – und insbesondere sein Englisch – verstehen kann, sondern vor allem wegen der anhimmelnden Blicke, die seine Frau ihm dabei zuwirft. D. und F. verstehen zwar kein Wort, nicken aber eifrig, um nicht unhöflich zu erscheinen. Die Vermieter überzeugt das natürlich umso mehr davon, das Problem ein für allemal gelöst zu haben.

 

Fortsetzung folgt...

 

Verschwurbelte Verschwörungstheorien

Als ich den Hund von Eva Herman auf dem Schoß hatte - Teil 2

 

Besonders absurd klingen all diese Aussagen vor dem Hintergrund gerade dieser Veranstaltung. Im Folgenden wird nämlich erklärt, dass der Erlös von nun an vermehrt auch Flüchtlingskindern zugute kommen soll, Sprachkurse und Therapien zur Traumabewältigung sollen finanziert werden. Außerdem tritt der Musiker Volker Schlag auf und singt: „Flieg, Käfer, flieg, Vater ist im Krieg, Mutter ist in Pepperland, Pepperland ist abgebrannt.“ Einigen, die Herman und Popp zuvor noch applaudiert haben, treibt es bei dem Song die Tränen in die Augen.

 

Zum Schluss tritt noch der aktuelle Supertalent-Gewinner auf. Jay Oh sieht seinen Sieg bei der Fernsehshow erstaunlich nüchtern, denn eigentlich ist er Sozialarbeiter und fühlt sich wohl in seinem Job. Er spricht auch über seine koreanischen Wurzeln. Seine Eltern kamen vor vierzig Jahren nach Deutschland, er wurde hier geboren. Genau diese Verhaftung in zwei Kulturen helfe ihm in seinem Job oft, Vertrauen aufzubauen und Probleme zu verstehen, die jemand ohne Migrationshintergrund vielleicht nicht so gut nachvollziehen kann.

 

 

Am Ende des Abends bleibt bei mir ein schaler Nachgeschmack. Irgendwie amüsiere ich mich, dass Eva Herman trotz ihrer Sorge um die rein deutsche Bevölkerung mit ihrem Auftritt Projekte für Flüchtlingskinder mitfinanziert, zum anderen lassen mir ihre reichlich kruden Aussagen aber auch keine Ruhe. Immerhin bezeichnete sie meine Kollegin S. und mich ja als „die versammelte Weltpresse“ und fordert alle Journalisten dazu auf, nicht alles zu glauben, sondern sich selbst ein Bild zu machen.

 

Bei Youtube verschaffe ich mir erst einmal ein Bild über sie und Andreas Popp. Nicht nur Schwarz auf Weiß, sondern in Farbe und bewegten Bildern. Tatsächlich gibt es eine Menge Videos aus dem eigenen Hause, das den wohlklingenden Namen Wissensmanufaktur trägt, inklusive Talkshows und sogenannter Enthüllungen. Nach und nach wird mir klar, wie die beiden die Welt sehen. So behauptet sie beispielsweise, Flüchtlinge würden in Europa von den Hilfsorganisationen bei ihrer Einreise mit Smartphones ausgestattet, damit sie alle untereinander vernetzt sind. Ich denke kurz daran, wie ich D. geholfen habe, für sein Handy den passenden Anbieter zu finden, damit er in die Heimat telefonieren kann und frage mich, was ich wohl laut Eva Herman damit angerichtet habe.

 

Die Schleuser, die die Flüchtlinge ins Land bringen, sind nämlich von den USA finanziert, und die wiederum wollen Europa destabilisieren, um ihre eigene Weltherrschaft zu festigen. Auch Andreas Popp ist der Meinung, dass die Welt gezielt in Brand gesetzt wird, um die Vormachtstellung der USA zu gewährleisten. Daran ist ja vielleicht sogar ein Fünkchen Wahrheit und erst recht an seiner These, dass das Geldsystem die Geschicke der Welt mehr regiert als jedes politische.

 

„Grund allen Übels ist die menschliche Gier“, sagt er und darin stimme ich ihm uneingeschränkt zu. Nur die Schlussfolgerungen, die der Klardenker daraus zieht, erscheinen mir allerdings ziemlich nebulös. So führt er zum Beispiel aus, dass wir mit unseren Waffen gezielt Länder in der arabischen Welt destabilisieren, um ganz bewusst Flüchtlinge zu erzeugen, die dann in unser Land kommen und hier die existierende Bevölkerung ersetzen sollen. Das alles sei doppelter Völkermord, erläutert er in verschwurbelten Sätzen, die, einmal aufgedröselt, noch absurder klingen als beim ersten Hören.

 

 

Grundsätzlich kann ich mich für Verschwörungstheorien ja durchaus begeistern. Mir gefällt die Vorstellung, dass in der Wüste von Nevada Außerirdische vor der Welt versteckt werden und ich freue mich, dass Rainer jedes Wochenende zu seiner Frau nach Bielefeld fährt, obwohl die Stadt ja angeblich nicht existiert. Bis jetzt ist er immer noch wieder zurückgekommen. Doch die Theorien von Andreas Popp beinhalten einigen Sprengstoff, dessen er sich bewusst sein müsste, auch wenn er beteuert, als Wissenschaftler natürlich nicht die „Unterschichten“ bedienen zu wollen.

 

Wenn Eva Herman davon spricht, der Flüchtlingsstrom führe unweigerlich dazu, dass deutsche Hauseigentümer mit humanitären Argumenten enteignet werden, um die neue Bevölkerung unterzubringen, dann ist das für mich geradezu ein Musterbeispiel dafür, wie aus der rechten Ecke Ängste geschürt werden, die die Fremdenfeindlichkeit anfachen. Und wenn sie als weiteres Argument anführt, dass Flüchtlingskinder durch die Entwurzelung eine Psychose erleiden, dann ist das nichts anderes als mit scheinheiliger Fürsorglichkeit getarnter Rassismus in seiner deutlichsten Form.

 

Liebe Eva Herman, Ihren süßen Hund nehme ich gerne mal wieder auf den Schoß. Aber ich habe besseres zu tun als mir noch einmal Ihre Aussagen und Ansichten anzuhören. Lieber kümmere ich mich um unsere Flüchtlingsfamilie, die zum Glück keine Psychose erlitten hat, sondern dem lebensbedrohenden Terror in ihrer Heimat entkommen und bei uns in Sicherheit ist.

 

Vage Versatzstücke

Als ich den Hund von Eva Herman auf dem Schoß hatte - Teil 1

 

Plötzlich habe ich den Hund von Eva Herman auf dem Schoß. Und dabei ist das noch nicht einmal das Skurrilste an diesem Abend, der mich noch lange beschäftigen soll. Es ist eine Charity-Veranstaltung, ein Live-Talk, dessen Erlös einer Hilfsorganisation für Kinder zugute kommt. Dazu werden jedes Mal mehr oder weniger prominente Gäste eingeladen, meist sind es ehemalige Teilnehmer der diversen Castingshows, deren Namen ich normalerweise nicht kenne und mir ehrlich gesagt auch gar nicht merken will. Oft sind aber auch Leute dabei, die aus dem ganz großen Rampenlicht verschwunden sind und die dadurch umso interessanter sind, erst recht, wenn sie vor kleinem Publikum mehr von sich preisgeben als vor den großen Kameras.

 

In diese letzte Kategorie gehört vielleicht auch Eva Herman, die seit ihrem Rauswurf bei der Tagesschau zwar fleißig publizierte, aber nie wieder die Aufmerksamkeit erreichte wie mit ihren Ausführungen zu den klassischen Geschlechterrollen, die ja im Dritten Reich noch so viel mehr in Ordnung waren als heute. Das letzte, was ich von ihr gelesen habe, war ein Artikel über die letzte Loveparade, in dem sie mehr oder weniger die These vertrat, die Anhänger der Spaßgesellschaft, also die Besucher des Events, seien selber Schuld, wenn sie solche Veranstaltungen besuchen und in der bewusst gesuchten Gefahr umkommen.

 

Inzwischen ist sie mit dem ehemaligen Unternehmer, heutigen Wirtschaftsdozenten mit eigenem Institut und selbsternannten „Klardenker“ Andreas Popp verbandelt, mit dem sie an diesem Abend auch gemeinsam auftritt. Allerdings haben beide ihren süßen Hund Yvette mit dabei und als sie auf die Bühne geholt werden, drücken sie meiner Kollegin S., mit der ich in der ersten Reihe auf den Presseplätzen sitze, die Leine in die Hand.

 

 

S. freut sich im wahrsten Sinne des Wortes tierisch darüber, Yvette weniger, die möchte nämlich lieber zu Herrchen und Frauchen ins Rampenlicht. Zunächst wird sie von S. auf den Schoß genommen, dann mogelt sie sich allerdings zu mir rüber, um noch ein bisschen näher an der Bühne zu sein, schließlich beendet der Moderator ihr Leid und verkündet unter großem Applaus, dass es ihn nicht stören würde, wenn sie mit aufs Sofa kommt.

 

So weit, so gut, doch was Yvette dann mit anhören muss, hätte ich keinem Hund zumuten wollen. Im Grunde sind es gar nicht mal krasse Thesen, die die beiden von sich geben, denn vieles deuten sie bloß an. So sagt Eva Herman beispielsweise: „Was im Moment in Deutschland passiert, macht uns Sorge.“ Und Andreas Popp fügt hinzu: „Wer das benennt, hat mit Gegenwind zu rechnen.“ Es geht natürlich um Flüchtlingspolitik, um unkontrollierte Zuwanderung und darum, dass wir das, was unsere Regierung angezettelt hat, gar nicht schaffen können.

 

Zunächst mal sind alles nur allzu bekannte Versatzstücke, deren Inhalte ich mir als Zuhörer selbst zusammenreimen kann. So richtig konkret werden die beiden selten, doch dankenswerterweise bohrt der Moderator weiter. Popp erklärt beispielsweise, er nehme an demokratischen Wahlen nicht mehr teil, da er dann ja seine Stimme abgeben müsse und die würde er gerne behalten. Und Eva Herman bedauert alle Kollegen wie Claus Kleber und Ulrich Wickert bei den großen Nachrichtensendungen und der Mainstream-Presse, da die ja Tag für Tag Fakten präsentieren mussten und müssen, deren Wahrheitsgehalt sie eigentlich bezweifeln. Das braucht sie zum Glück nicht mehr, sie darf jetzt sagen, was sie denkt.

 

 

„Dann tu es doch endlich“, möchte ich ihr zurufen und tatsächlich holt sie noch ein wenig weiter aus. Die Welt werde immer grässlicher, meint sie und das liegt natürlich daran, dass Flüchtlinge gezielt in unser Land geholt werden, um dem die Bevölkerung sukzessive auszutauschen. Wer ihr nicht glaubt, könne es Schwarz auf Weiß im Internet nachlesen, na wenn das nicht mal eine präzise Untermauerung einer solchen These ist.

 

Schuld an allem ist das System, pflichtet Popp ihr bei, denn das habe ganz eindeutig die „Vermischung der Rassen“ zum Ziel. Beim Wort „Rassen“ horcht Yvette kurz auf, schließlich passt der Begriff nun mal besser zu Hunden als zu Menschen, dann döst sie auf den Knien ihres Herrchens langsam ein. Würde ich auch gerne, nur leider brodelt es inzwischen so sehr in mir, dass es mir nicht gelingt.

 

Fortsetzung folgt...

 

Abtanzen und Musik machen

Musik kennt keine Sprachbarrieren - Teil 2

 

Als die ersten Kinder anfangen, vor der Bühne zu tanzen, schnappe ich mir A., die zwar mit dem Fuß wippt, sich allerdings noch nicht mehr traut. Mir ist es egal, was die Leute über mich denken, eine so junge Tanzpartnerin bekomme ich nicht jeden Tag. A. taut merklich auf und hat Spaß. So viel Spaß, dass schon bald ihre Schwester vor mir steht und auch ihren Tanz einfordert. Um keine von beiden zu enttäuschen, tanzen wir zu dritt im Kreis, nur wenig später zu viert, weil auch M. mitmachen möchte.

 

F. und D. sehen ihren Kindern und mir zu, er legt ihr den Arm um die Schultern, es dauert nicht lange, dann tanzen auch sie mit den Kindern. Einige andere machen mit, die Partystimmung ist echt und keinesfalls aufgesetzt. Wie auf jeder Party werden irgendwann einige Songs im Refrain, solche Sachen wie „Westerland“ auch komplett mitgesungen. Mitgesungen von den Deutschen. Während die Flüchtlinge staunend zusehen. Sie mögen zwar hier gut angekommen sein, doch sie kennen noch so vieles nicht, was für uns Alltag ist, gemeinsame Geschichte, vielleicht das, was ein Volk ausmacht.

 

 

Irgendwann ist es Abend, die Kinder werden müde. Bevor wir uns auf den Heimweg machen, zieht Martin mich zur Seite. Er bietet freitags ein Musikprojekt für Flüchtlinge und Ehrenamtliche an. „Habt ihr vielleicht Lust, mal mitzumachen?“, fragt er. „Na klar, gerne“, antworte ich ohne Zögern. Es geht ihn nicht um einen Pressebericht, erst recht nicht um seine Person. Das weiß ich, dazu kenne ich ihn lange genug. Er hat heute gemerkt wie D., F. und vor allem die Kinder sich für die Musik begeistern konnten und hofft, dass er ihnen auch darüber hinaus etwas geben kann.

 

Erst als der Freitag immer näher rückt, kommen mir leise Zweifel. Ein Musikprojekt. Ein Projekt, bei dem die Teilnehmer Musik machen sollen. So richtig. In echt. Am Ende soll sogar eine Art Band entstehen. Klingt im Prinzip super, nur ist das letzte Mal, dass ich Musik gemacht habe eben mehr als zwanzig Jahre her und damals beendete eine Vier minus im Zeugnis meine aktive Bühnenkarriere.

 

Na gut, hier geht es nicht um mich. F. und D. freuen sich auf den Freitag und ich muss ja auch nicht jedes Mal dabei sein. Schließlich muss ich arbeiten. Das weiß auch Martin. Was er nicht weiß ist, dass ich weder Taktgefühl noch sonstige musikalische Talente habe. Ein bisschen Angst, mich zu blamieren, habe ich jetzt schon.

 

Da wir uns an den Busfahrplan halten müssen, kommen wir ein paar Minuten zu spät. Macht aber nichts. „Schön, dass ihr da seid“, kommt es ehrlich von Martin, außerdem haben sich die anderen gerade erst in einen großen Stuhlkreis gesetzt. Die anderen, das ist in diesem Falle eine bunte Mischung aus Migranten aus aller Welt und einigen Deutschen, viele von ihnen kennen sich bereits aus der Zeit in der Notunterkunft.

 

F. und D. kennen noch niemanden, sitzen daher auffallend ruhig neben mir. Die Kinder kennen auch niemanden, doch da im Nebenraum andere Kinder und vor allem jede Menge Spielzeug zu finden ist, haben sie kein Problem, sich sofort ins Getümmel zu stürzen. Warum eigentlich können wir uns diese Gabe, mit der Kinder offen auf andere zugehen, als Erwachsene nicht bewahren?

 

Martin präsentiert uns jetzt eine Kiste mit Boomwhackers. Sie sehen aus wie überdimensionierte Strohhalme, bunte Plastikröhren in unterschiedlichen Längen. Schnell bringt er uns bei, dass sie je nach Länge einen höheren oder tieferen Ton erzeugen, in der Gruppe lässt sich so also eine Melodie spielen. Mir ist relativ schnell klar, welche Intention hinter dieser Art des Musikmachens steckt, bei dem Lied, das Martin mit uns einübt verpasse ich am Anfang trotzdem meistens meinen Einsatz.

 

 

In dieser Gruppe macht das allerdings nichts, viele von uns sind zuerst noch zögerlich. Gerade dadurch macht es allerdings Spaß und nach und nach geben wir alle uns untereinander mit Blicken Zeichen, wer jetzt dran ist und allmählich wird die Melodie erkennbar. Noch ein wenig später bleiben wir alle sogar einigermaßen im Takt, so dass sich das, was wir mit unseren Riesenstrohhalmen trommeln tatsächlich nach Musik anhört.

 

Als nächstes Level kommt nun noch der Text hinzu, den wir beim trommeln mitsingen sollen. Anfangs noch sehr, sehr leise, werden einige dann mutiger, ziehen immer mehr von uns mit. „Regentropfen fallen sacht in der warmen Sommernacht. Und ich höre wie die Tropfen leise an mein Fenster klopfen“, erklingt es schließlich im Raum, auch die, die kein oder noch nicht so gut Deutsch sprechen, singen mit.

 

Zwischendurch wird übers Englische und dann auf Arabisch, Farsi und Paschtu übersetzt, was sie da eigentlich singen. „Also vom Stil her könnte es auch ein orientalisches Lied sein, die sind auch so schwärmerisch und verträumt“, platzt eine Teilnehmerin heraus und sorgt für zustimmendes Gelächter. Viel Übersetzung braucht es an diesem Nachmittag nicht mehr. Irgendwie scheint es als haben wir in der Musik eine Sprache gefunden, mit der wir uns auch ohne Worte verständigen können.

 

Doch gerade als die Stimmung fast schon zu schwärmerisch wird, platzen die Kinder aus dem Nachbarraum herein. Die Jüngeren, also auch S., A. und M. sind total begeistert und wollen mittrommeln. Das klingt dann allerdings eher nach Heavy Metal als nach orientalischer Musik. Und die Älteren sehen ihre Eltern zunächst einmal sehr skeptisch an. Sie sind eben in dem Alter, in dem man anfängt, sich nicht mehr vorbehaltlos auf alles einzulassen.

 

Abwarten und Tee trinken

Musik kennt keine Sprachbarrieren - Teil 1

 

Wir sind auf einer Party eingeladen. Vor ein paar Wochen sind die letzten Flüchtlinge aus einer Sporthalle, die als Notunterkunft diente, ausgezogen. Etwa drei Monate waren sie dort untergebracht, fühlten sich wohl und schlossen mit den ehrenamtlichen Helfern sogar Freundschaften. Jetzt hat das DRK zur großen Wiedersehensparty eingeladen. Mit gemeinsamem Kaffeetrinken und Livemusik.

 

Zum Teil bin ich eingeladen, um darüber zu berichten, aber eben nur zum Teil. Zum anderen hat sich herumgesprochen, dass wir eine Flüchtlingsfamilie ganz in der Nähe betreuen und so wurden wir alle eingeladen. Rainer kann leider nicht mitkommen, doch D., F. und vor allem die Kinder freuen sich sehr darauf, einmal rauszukommen und etwas abseits von dringenden Notwendigkeiten zu erleben.

 

Als wir ankommen, werden wir sofort von Anja und Martin begrüßt. Die beiden sind Musiker, jene Musiker, die mit ihrer Band schon in der Sporthalle für Abwechslung gesorgt haben und auch heute hier spielen werden. Ich kenne sie schon lange, mag sie selbst ebenso gerne wie ihre Musik und freue mich auf den Nachmittag. F., D. und die Kinder sehen sich noch etwas abwartend an, schließlich wissen sie noch nicht, was sie erwartet.

 

 

Erst einmal Tee und Kaffee und Kuchen. Doch als die Kinder sich noch ein Stück aussuchen und ich auch F. klarmache, dass sie und D. sich etwas nehmen dürfen, werde ich erst einmal vom Verantwortlichen des DRK zur Seite gezogen, der sich offenbar verpflichtet fühlt, die Presse mit Informationen zu versorgen. Ist ja nett gemeint und ich höre ihm auch gerne zu, nur sehe ich aus dem Augenwinkel immer wieder zu dem Tisch hinüber, an dem die Kinder ihren Kuchen in sich hineinschaufeln, ihre Eltern aber wie Falschgeld daneben sitzen.

 

Von Flüchtlingen und Helfern sei die Idee zu diesem Fest gekommen, man habe alle eingeladen, die innerhalb der drei Monate in der Sporthalle untergebracht waren und tatsächlich seien die meisten auch gekommen, manche sogar aus weiter entfernten Orten, denen sie im Rahmen des Asylverfahrens zugewiesen wurden. So sehr mich das auch beeindruckt, so sehr möchte ich mich jetzt erst einmal zu D. und F. setzen und sie mit Kaffee versorgen. Ich entschuldige mich so höflich wie möglich, doch gerade ist mir das Ehrenamt mal wichtiger als der Job.

 

Zum Glück findet sich bald jemand, den die beiden aus ihren ersten Stunden beim Sprachkurs kennen und auch noch jemand, der uns beim Übersetzen hilft, so dass wir wenigstens ein wenig Smalltalk machen können. Drei Monate waren D., F. und die Kinder selbst in einer Erstaufnahmestelle untergebracht, bevor ihnen gesagt wurde, dass sie jetzt nach Osterode ziehen müssen. Sie wissen noch nicht viel über die Stadt, wollen wissen, wie groß sie ist und ich merke, dass ich ihnen noch viel zeigen muss. Dann fragen sie auch wieder nach Zugverbindungen nach Hannover oder Dortmund, wo sie Landsleute kennen. Auch darum werden wir uns kümmern müssen.

 

 

Da sie sich mit anderen syrischen Gästen irgendwann in ihrer Muttersprache unterhalten, nutze ich die Zeit, um mir die aufgebauten Stellwände anzusehen. Bilder von den „Bewohnern“ der Sporthalle sind darangeheftet. Zum Teil sind es Informationen über die Herkunftsländer in verschiedenen Sprachen, zum Teil Zeichnungen, das meiste allerdings sind Dankesbriefe. Dort wird sich für die herzliche Aufnahme bedankt, für die Zeit, die die Ehrenamtlichen geopfert haben, und die wiederum bedanken sich für Begegnungen, die sie ohne die Notunterkunft nie hätten erleben können.

 

Das alles ist so anders als das, was ich oft im Fernsehen oder in den Zeitungen zu sehen bekomme. Es ist ein deutliches Zeichen von Menschlichkeit, von gegenseitigem Aufeinanderzugehen. Ich stelle fest, dass es viel mehr dem entspricht, was auch ich empfinde als die angeblich allgegenwärtige Angst, die die Flüchtlinge bei vielen Menschen auslösen. Dass es die auch gibt, ist mir vollkommen bewusst, doch ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie stärker sein soll als die Anteilnahme an Schicksalen und auch die Neugier auf die, die da zu uns kommen.

 

Die ersten Klänge der Band reißen mich aus meinen Gedanken. Ich schnappe mir S. und A. und stelle mich mit den beiden Mädchen vor die improvisierte Bühne. M. ist auf dem Arm seiner Mutter eingeschlafen, wird jetzt aber wach und findet das, was um ihn herum passiert unglaublich spannend. Ist es ja auch. Vielleicht ist das, was Anja, Martin und die anderen spielen nicht das, was man in Afghanistan, Syrien oder Nordafrika so hört, doch es ist tolle Musik und die scheint schnell allen zu gefallen.

 

Fortsetzung folgt...