Was hat unsere Regierung zu verbergen?

Pläne zur Aufweichung des Informationsfreiheitsgesetzes

 

Kurz vor der Sommerpause präsentierte die Bundesregierung noch ihr großes Reformpaket. Damit sorgt sie beispielsweise für weniger Krankheit, weil Kranke schon am ersten Tag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorlegen müssen. Naja, so ein Gang zum Arzt, also frische Luft, soll ja bekanntlich gesund sein. Doch nein, ruderte, der Bundeskanzler nach der ersten großen Aufregung der arbeitenden Bevölkerung zurück, man müsse ja gar nicht am ersten Tag zum Arzt gehen. Nur die AU vorlegen, das reicht schon. Wo ich die bekomme? Na beim Arzt natürlich.


„Wer tatsächlich krank ist, der wird seinen Arzt kontaktieren“, sagte dazu der ehemalige Gesundheitsminister und heutige CDU-Fraktionschef Jens Spahn. Als Grund nennt er, dass wir Deutschen die höchsten Krankheitstagezahl in Europa hätten (In Norwegen sind es im Schnitt 5,9 Wochen pro Jahr, in Spanien 4,9, in Frankreich 4,1 und in Deutschland 3,6 Wochen), da ja viele an Montagen oder Freitagen entschieden, an diesem Tag nicht zur Arbeit gehen zu wollen.

 

 

Ziel der Reformen sei eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und ein Bürokratieabbau, erläuterte er, doch das ging im Protest vieler Bürger weitestgehend unter. Ebenfalls ein wenig unter ging der Plan zur Aufweichung des Informationsfreiheitsgesetzes (IFG). Dieses gibt jeder und jedem das Recht, von den Behörden des Bundes amtliche Informationen zu erhalten, also Auskünfte, Akteneinsicht etc. in alles, was Bundesorgane betrifft. Eben dieses IFG soll eingeschränkt werden, so sieht es das Reformpaket vor.


Während bisher jeder eine Anfrage stellen konnte, soll dies künftig nur noch Personen mit „berechtigtem Interesse“ vorbehalten sein. Organisationen wie Amnesty International oder die Deutsche Umwelthilfe etc. sollen keine Anfragen mehr stellen dürfen, offenbar auch Pressevertreter nicht mehr. Damit sei das IFG de facto abgeschafft, so sieht es der Journalist Arne Semsrott, der unter anderem das Informationsfreiheitsportal FragDenStaat leitet.


Bei jeder Anfrage müsse die Staatsangehörigkeit nachgewiesen werden und vor allem würden „zukünftig pauschal die Namen aller Behördenmitarbeiter*innen geschwärzt werden – also auch von Führungspersonal und prominenten Entscheidungsträger*innen. Damit wäre nicht mehr nachprüfbar, wer für behördliche Entscheidungen verantwortlich ist. Das birgt ein massives Korruptionsrisiko“, so Semsrott. Die Kosten für die Anfragen könnten künftig ziemlich teuer werden und natürlich soll es für die Behörden deutlich einfacher werden, Anfragen abzulehnen.


Ziel des Gesetzes war es, das Vertrauen in den Staat zu stärken und Korruption vorzubeugen. Nun. Die Linke bezeichnete die Pläne als „Angriff auf die Pressefreiheit und auf das Recht der Öffentlichkeit, staatliches Handeln zu kontrollieren“. Es diene der Regierung dazu, sich unkontrollierbar zu machen. „Ein krasser Rückschritt hinter mühsam erkämpfte Bürgerrechte“, heißt es von den Grünen.

 

 

Auch der Deutsche Journalisten-Verband appelliert an Abgeordnete, den von den Koalitionsspitzen von CDU und SPD beschlossenen Plänen nicht die Zustimmung zu verweigern, sie sollten dafür eintreten, dass die Informationsfreiheit in Deutschland am Leben zu erhalten.

 

„Die Maskenaffäre von Jens Spahn, die Kumpelei von Katherina Reiche mit der Milliardärs-Lobby, die CDU-Fördermittelaffären“, all diese Skandale kämen mit dieser Gesetzesänderung nicht mehr an die Öffentlichkeit, spitzt Arne Semsrott es zu, „Das ist der schwerste Angriff auf staatliche Transparenz in der Geschichte der Bundesrepublik“, drückt er es aus, ein „Frontalangriff auf Presse- und Informationsfreiheit.“

 

Bleibt nur die Frage, warum unsere Regierung so wenig Information wie möglich preisgeben will. Und wenn Jens Spahn allen Kranken pauschal unterstellt, sich nur einen freien Tag machen zu wollen, darf an dieser Stelle wohl gefragt werden, was einige Spitzenpolitiker wohl zu verbergen haben, dass sie dieses Gesetz um jeden Preis abschaffen wollen.

 

 

„Es ist Zeit, Position zu beziehen“

Protest gegen AfD-Parteitag an KZ-Gedenkstätte Moringen

 

Ein Straßenfest für Demokratie mit einer Demonstration für Vielfalt und Erinnerung wurde am vergangenen Freitag in Moringen gefeiert. Auslöser war der Parteitag der Northeimer Kreistagsfraktion der AfD direkt neben der KZ-Gedenkstätte. Das hatten viele Bürgerinnen und Bürger als Provokation aufgefasst, so dass zahlreiche Initiativen, Vereine, Gewerkschaften, Parteien und Kirchengemeinden zum Protest eingeladen hatten.

 

Bereits in der Nacht zuvor hatte es eine Mahnwache gegeben und auf der anderen Seite wurden zahlreiche Deutschlandflaggen rund um die Kommandantur des Moringer KZ aufgehängt. Keine Straftat, wohl aber geschmacklos genug, um mehrere hundert Menschen nach Moringen zu holen, um für Vielfalt und Erinnerungskultur Flagge zu zeigen.

 

„Es ist die Zeit wach zu sein. Es ist Zeit, Position zu beziehen. Es ist nicht mehr die Zeit, sich hinter einer Neutralität zu verstecken“, sagte Stefan Wilbricht, Leiter der Gedenkstätte, bei der Auftaktkundgebung. „Unsere Geschichte mahnt uns: Wir müssen alle gemeinsam einstehen für diese Demokratie. Wir müssen alle gemeinsam einstehen für Vielfalt und wir müssen zusammenstehen gegen Spaltung, Menschenverachtung und eine Ideologie, die uns alle nach ihrem Wert messen und teilen soll.“

 

 

Bereits zuvor hatte sich eine Handvoll Personen, die mit einer Flagge verkündeten, das Volk zu sein, an der Seite der Demo-Route aufgestellt. Auch das mutmaßlich eine gezielte Provokation, die Demoteilnehmer wohl davon abhalten sollte, zum Start zu laufen und sie stattdessen in lautstarke Diskussionen zu verwickeln. Es fruchtete nur kurz, was vielleicht auch mit der deutlichen Polizeipräsenz entlang der Strecke zu tun hatte.

 

Von der ehemaligen Domäne aus setzte sich der Zug in Bewegung, um ein deutliches Statement zu setzen. „Northeim ist bunt“, „Einbeck ist bunt“, „Holzminden ist bunt“ war auf den Bannern zu lesen. Das ist doch schon was. Und „Nazis? Hatten wir schon mal, war… [Kothaufen-Emoji]“ Ziel war das bunte Straßenfest mit zahlreichen bunten Ständen vor dem Torhaus. Darunter alle im Bundestag vertretenen demokratischen Parteien, das Bündnis für soziale Gerechtigkeit und gegen Rechtsextremismus im Landkreis Northeim, die Omas gegen Rechts aus verschiedenen Orten und auch aus Osterode, Schüler*innen der KGS Moringen, die Harz-Weser-Werke und viele mehr. Insgesamt zwischen 600 und 1000 Menschen (die Schätzungen der Polizei und des Göttinger Tageblatts bzw. des NDR gehen hier weit auseinander) waren dort.

 

 

Auch die Kirchengemeinde Moringen waren vertreten, hatte sehr aktiv zum Besuch des Festes und zur Teilnahme an der Demo aufgerufen. Auch vor dem Hntergrund, das sozusagen zeitgleich die Synode der Landeskirche in Hannover eine Forderung nach einem AfD-Verbotsverfahren auf den Weg brachte. „Es ist uns als Kirchengemeinde wichtig, hier – mit vielen anderen aus der Zivilgesellschaft – für unsere Gedenkstätte, für den Wert des Erinnerns, für die Menschenwürde zu stehen. Wir schätzen das Leben, wie wir es gegenwärtig in Moringen leben“, formulierte der Kirchenvorstand aus Moringen seine Begründung, „Das gemeinsame Erinnern macht uns bewusst, dass die unantastbare Menschenwürde der Anfang für alles ist, was eine Gesellschaft offen und lebenswert macht. Dass diese offene, inklusive Gesellschaft Bestand hat, dafür stehen wir hier heute.“

 

Auch andere Vertreter*innen aus Kirchengemeinden im Kirchenkreis Leine-Solling waren angereist. „Menschenwürde, Nächstenliebe, Zusammenhalt“, machte ein Banner deutlich, wofür die Kirche steht. „Unser Kreuz hat keine Haken“, verkündete ein anderes. „Jeder Mensch hat einen Namen! Jeder Mensch hat eine Würde! Menschenwürde kennt keine Ausnahme! ‚Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan‘ (Matthäus 25,40)“, formulierte der Reli-LK der KGS Moringen.

 

Damit war eigentlich alles gesagt. Doch eine Pastorin sagte zudem noch, sie sehe die Kirche auch in der Pflicht, diesmal klar Stellung zu beziehen, da sie es damals zu wenig getan habe. Ja, an diesem Wochenende hat die Kirche Position bezogen. Mit Präsenz in Moringen und mit einem deutlichen Beschluss in Hannover.

 

Auf der Bühne sorgten Kaunoka, die KGS-Band, das Künstlerkollektiv Fakten, KlezPo und viele andere für ein abwechslungsreiches Programm, das irgendwann auch vergessen ließ, dass sich nur wenige Meter weiter jene versammelten, für die diese Vielfalt, Offenheit und gegenseitige Toleranz verachtenswert ist. Man wird sie vielleicht nicht los, aber man kann sie übertönen. Wir sind mehr.

 

 

Ausdruck einer wehrhaften Demokratie

Meile der Demokratie in Northeim und eine Partei abseits davon

 

Northeim präsentierte sich am Samstag auffallend bunt und vielfältig. Das Bündnis für soziale Gerechtigkeit und gegen Rechtsextremismus im Landkreis Northeim hatte zur „Meile der Demokratie“ in der breiten Straße eingeladen, auf der sich viele Initiativen, Organisationen etc. mit Infoständen beteiligten.

 

Der Kinderschutzbund, der Jugendbeirat, der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Omas gegen Rechts, die Oase, der Kirchenkreis Leine-Solling, die Paul-Gerhardt-Schule Dassel , etliche Parteien und noch einige mehr standen Seite an Seite für die Demokratie. Es gab einige Worte, unter anderem des Bürgermeisters Simon Hartmann, was unser gesellschaftliches Zusammenleben ausmacht und warum wir es schützen sollten, außerdem verschiedene Aktionen, Musik und Tanz und somit ein buntes Miteinander für alle oder für fast alle.

 

Weit abseits der Demokratie… der Meile der Demokratie stand eine weitere im Bundestag vertretene Partei und hatte an diesem Vormittag zumindest weit weniger Zulauf. Dabei besagen Wahlumfragen ja etwas anderes, die sehen aktuell alle die AfD vor allen anderen.

 

 

Hierzu sei angemerkt, dass der Verfassungsschutz hier in Niedersachsen die Niedersächsische AfD im Februar als als Beobachtungsobjekt von erheblicher Bedeutung hochstufte. Wie zu erwarten war, brachte die AfD einen Eilantrag dagegen ein. Über diese Klage entschied das Verwaltungsgericht Hannover bis zum 1. Juni und zwar mit dem Ergebnis, dass sich verfassungsfeindliche Bestrebungen der AfD Niedersachsen an Agitationen gegen die Menschenwürde sowie gegen das Demokratie- und Rechtsstaatsprinzip belegen ließen.

 

Ein 212-seitiges Einstufungsgutachten, das aus öffentlichen Quellen gesammelte Belege aufzeigt, stützt diese Einschätzung, so dass die AfD in Niedersachsen nach allgemeinem Sprachgebrauch als „gesichert rechtsextremistisch“ zu betrachten ist.

 

Der Niedersächsische Verfassungsschutzpräsident, Dirk Pejril, betonte in einem Interview (noch vor dem 1. Juni): „Die AfD-Niedersachsen macht unseren Staat und unsere demokratischen Institutionen verächtlich. Menschen mit Migrationshintergrund werden von ihr als Bürgerinnen und Bürger zweiter Klasse betrachtet. Sie propagiert unverhohlen die sogenannte Remigration von Millionen Menschen aus der Mitte unserer Gesellschaft. Das ist mit der in unserem Grundgesetz statuierten Menschenwürde unvereinbar.“

 

Auch in Südniedersachsen gebe es „ sehr aktive Parteistrukturen“, so der in Hattorf lebende Pejril. Er erwähnt als Beispiel einen extra geschaffenen Preis der AfD Northeim, der 2024 an den Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke verliehen wurde und der auch damals viele Northeimer zu Protesten auf die Straße rief. Für den Verfassungsschutz ist es ein Zeichen für eine fehlende Distanzierung zu extremistisch eingestuften Landesverbänden der Partei und die gesuchte Nähe auch zu bundesweit bekannten extremistischen Akteuren.

 

 

Die Wahrscheinlichkeit eines Verbotsverfahrens für die gesamte Partei steige durch die Hochstufung in Niedersachsen nach Einschätzung Dirk Pejrils nicht, denn es seien ganz unterschiedliche Verfahren. Allerdings könnten „extremistische Einstufungen von Parteien durch die Verfassungsschutzbehörden der Länder und des Bundes als Indiz für weitere Verfahren herangezogen werden.“

 

Es bleibt also Aufgabe des Bundestages, Bundesrates oder der Bundesregierung, ein Verbotsverfahren auf den Weg zu bringen. Auch über die Erfolgsaussichten vermag er nichts zu sagen, wohl aber über seine Einschätzung, was das für die Arbeit des Verfassungsschutzes bedeuten könnte. „Aus den Erfahrungen vergangener Organisationsverbote lässt sich ableiten, dass Extremisten mit einer gewissen ideologischen Festigung ihre Grundhaltung nicht wesentlich verändern. Sie verschwinden nicht einfach.“

 

 

Allerdings ließen sich Menschen, die noch nicht tief im Extremismus verwurzelt sind, durch staatliche Maßnahmen auch von Irrwegen abbringen“, so Pejril. „Derartige Verbote sind zudem Ausdruck und Instrument einer wehrhaften Demokratie, extremistischen Strukturen entsprechend zu begegnen.“

 

Auch das breite Bündnis derer, die auf der Meile der Demokratie für unsere Gesellschaft, unseren Staat und unsere Werte einstehen, sind Teil dieser wehrhaften Demokratie. Das gilt ebenso, wenn neben der KZ-Gedenkstätte Moringen die AfD Northeim ihren Kreisparteitag abhalten will. Auch hier ist am 19. Juni ein Fest für Demokratie, Vielfalt und Erinnerung geplant. Zu einem Vorbereitungstreffen kamen viele, die sich beteiligen wollen, es werden eine Demo, eine Menschenkette und ein Bühnenprogramm geplant.

 

Fast verhaftet, fast erfroren, aber Dank von Alice Cooper

Nik Kahl und das Tourleben mit Lord of the Lost

 

Musik war immer sein Leben. In Osterode und inzwischen weltweit mit seiner Band Lord of the Lost. Von alten Freunden und Wegbegleitern wird Niklas Kahl zu Hause oft darauf angesprochen, dass er doch gerade noch in Südamerika, Asien oder irgendwo in Europa auf Tour war. „Ja klar, ich poste schließlich auch nur die Dinge, die mir mit der Band so passieren“, sagt er, hier sei er nun mal vor allem Vater, Ehemann und Privatmensch. Und er hat recht, das ist privat und soll privat bleiben.

 

Allerdings gibt es von den Bühnen dieser Welt, von den Hotels oder auch aus dem Tourbus genug zu erzählen. Da Lord of the Lost gefühlt eine jener Bands ist, die immer unterwegs ist, kann Nik viel beobachten, vergleichen, in einen Kontext setzen, was andere so geballt vermutlich nicht erleben. „Ich fühle mich sehr privilegiert, dass ich so viel durch die Welt reisen und mir andere Systeme angucken darf“, sagt er voller Dankbarkeit.

 

„Außer der Antarktis und Afrika waren wir auf allen Kontinenten.“ Und das allein in den vergangenen Monaten. Etwa 80 Konzerte in eineinhalb Jahren, das ist schon sehr viel live. „Die Leute sind überall ganz anders“, stellt er fest, „Wenn du in Argentinien auf der Bühne stehst, denkst du, du bist bei nem Endspiel irgendeiner Weltmeisterschaft, die feiern das Leben so dermaßen! Und wenn du in China bist, gucken die dich aus großen Augen an und wenn der Song vorbei ist, wird ganz kurz applaudiert und dann siehst du die Erwartungshaltung ‚okay und was kommt jetzt?‘.“

 

 

In China werden sie aber vermutlich nicht mehr spielen, nimmt er an. Auch nach Russland können sie nicht mehr „Da wurden wir 2019 schon fast verhaftet“, erzählt er von einem ausverkauften Konzert, bei dem das Publikum begeistert war, aber zwischen den Leuten einige Staatspolizisten mit Kalaschnikow standen und alles genau überwachten. „Das ist wirklich gruselig. Und du kannst davon ausgehen, wenn wir jetzt versuchen würden, in Russland einzureisen, wir am Flughafen direkt verhaftet werden würden. Allein schon, weil wir lackierte Fingernägel haben.“

 

China mache es ähnlich, nur subtiler, aber für beide Regime ist die Band viel zu offen gegenüber Menschen jedweder Couleur ist. So mussten sämtliche Texte beispielsweise vorher eingereicht und beglaubigt werden. In den USA fühle er sich hingegen noch wohl. „Es ist natürlich ein völlig verrücktes Land“, sagt er, sie hatten dort tolle ausverkaufte Konzerte, beispielsweise in New York. „Aber je weiter du ins Landesinnere kommst, desto dümmer und schlimmer wird’s, muss man leider sagen.“

 

In Minneapolis waren sie, als die ICE (United States Immigration and Customs Enforcement) dort gerade massiv ihre Macht demonstrierte, berichtet er. „Uns wurde von Tourmanager gesagt, wir dürften aus dem Gebäude, in dem der Club war, in dem wir spielten, nicht rausgehen. Es sei zu gefährlich.“ Unter Personenschutz sei er dann doch kurz draußen gewesen, weil auf der Kreuzung vor dem Club zwanzig bis dreißig Schlagzeuger saßen, die aus Protest trommelten und so gegen die Zustände demonstrierten. Es war genau jener Club, in dem kurz zuvor auch Bruce Springsteen laut seine Meinung gesagt und gesungen hatte.

 

„Es war geil zu sehen, wie die Leute vor Ort dagegen halten“, sagt er, erzählt aber auch von Menschen mit Migrationshintergrund etc. die aktuell große Angst haben. Durch den Vergleich der Erlebnisse ist er davon überzeugt, dass eine breite Zivilgesellschaft sich gegen ein System zur Wehr setzen kann. Das bleibt für ihn auch nicht nur Beobachtung aus verschiedenen Staaten der Welt, sondern auch Auftrag für uns alle, unsere Demokratie zu schützen. Denn auch hier sieht er die Kultur durch bestimmte Kräfte bedroht.

 

 

Doch Nik redet nicht nur über Politik, sondern hat auch andere Tourgeschichten zu erzählen, so beispielsweise auch, dass er manchmal kaum mehr weiß, in welcher Stadt er am Tag zuvor war, weil letztlich die Arbeit, also die Musik und die Show im Fokus steht. „Es ist auch ein bisschen wie eine Klassenfahrt, nur mit Erwachsenen“, vergleicht er lachend und fügt schnell hinzu: „naja, was man halt so ‚erwachsen‘ nennt.“ Also eher eine Klassenfahrt nur mit den besten Freunden.


Die Band sei jedenfalls wie eine große Familie, was so wichtig ist, wenn man über solch eine lange Zeit auf so engem Raum zusammenlebt. Das beinhaltet definitiv alle, die mit auf Tour sind, denn in einem Bus kann man nun mal niemandem aus dem Weg gehen. „Du hast die krassesten Glücksmomente zusammen, aber auch das komplette Gegenteil.“


Auch damit spielt er wieder auf ein Erlebnis in den USA an. „Wir sind tatsächlich fast gestorben“, erzählt er. Im Tourbus nämlich waren sämtliche Scheiben gerissen, eine der Toiletten war defekt, es war nichts so wie bestellt und es wurde nachts bei -26 Grad draußen extrem kalt. „Ich bin in meiner Koje mit langer Unterhose unter einer Jeans, in der ich geschlafen habe, mit Schal, mit Mütze, mit Winterjacke und allem aufgewacht und hatte zwei komplett durchgefrorene Halbliter-Wasserflaschen neben mir“, beschreibt er. 

 

 

Später fiel dann auch noch der Stromgenerator aus, also gab es auch kein Licht mehr und auch die Lüftung fiel aus. Während die meisten schliefen, konnten zwei nicht zur Ruhe kommen, die dann wiederum bemerkten, dass etwas nicht stimmte und ihnen schwindelig wurde. Tatsächlich drangen Abgase ins Innere und es war ein großes Glück, dass nicht alle geschlafen haben. „Es hat sich angefühlt wie einer dieser U-Boot-Filme, bei denen das Ding manövrierunfähig Richtung Grund sinkt“, kann Nik es inzwischen zum Glück mit Humor erzählen. Gerade in solchen Situationen sei der Zusammenhalt aller enorm wichtig.


Im Positiven erinnert er sich zum Beispiel gerne an ihren Auftritt in Phoenix, dem Wohnort von Alice Cooper. Vorband damals war die Band der Tochter von Alice Cooper, in der dessen Bassist auch Gitarrist ist. „Dann klopft es plötzlich an deiner Garderobe und dann steht Alice Cooper da“, erzählt er davon, „Es war dann so, dass wir am nächsten Tag in L.A. gespielt haben, und ihm hatte es so gut gefallen, dass er dort direkt nochmal zur Show gekommen ist.“ Und noch einmal kam er in die Garderobe, um sich einfach nur zu bedanken.


Solche Geschichten verursachen ja allein beim Zuhören Gänsehaut, und zwar die, die sich gut anfühlt. Nik kann durch seine Erfahrungen inzwischen viele solcher Geschichten erzählen. Nicht nur von der Zeit mit LOTL, sondern auch mit vielen seiner vorherigen Bands, die ihn und eben auch die Musikszene in Osterode prägten. Ihm zuzuhören, wie er über Menschen redet, die im Kleinen, wie im Großen einfach begeistert von Musik sind und sich kreativ ausleben, setzt dem, was wir sonst so aus aller Welt hören, etwas Positives entgegen. Danke dafür, Nik.

 

Das ungeschnittene Interview gibt es auf Youtube:

Die Miss Marple des Harzes trifft auf Spongebob

Ein Live-Hörspiel, das ich so nicht auf dem Zettel hatte

 

Ehrlich gesagt war ich nie Spongebob-Fan. Aber wenn dessen deutsche Stimme, Santiago Ziesmer schon mal im Nachbarort bei einer Lesung ist, wollte ich mir das natürlich nicht entgehen lassen. Und ja, ich wurde überrascht:

 

 

Die Brockenbande ist im Harz inzwischen fast allgegenwärtig, erlebt vielerlei Abenteuer, die Lust auf die touristischen Ziele machen sollen. Ihr Anführer Luke ist auch Held des Buches „Der Junge, der die Zeit besiegte“, in dem er ein Familiengeheimnis lüftet. Das Buch wurde von Martin Bolik geschrieben, Luke wird in den Hörspielen von Erik Elias Bolik gesprochen und Rabe Pjotr, der bei der Brockenbande nicht wegzudenken ist, von niemand geringerem als Santiago Ziesmer, der deutschen Stimme von Spongebob.

 

Diese drei waren am vergangenen Freitag im Kurhaus Bad Lauterberg zu Gast, um das Buch vorzustellen. Allerdings waren sie nicht allein, denn Verleger Helmut Exner hatte auch einen Teil seiner „Bande“ von Harzkrimiautoren mitgebracht. Den Anfang am Abend machte Hans-Joachim Wildner, der gleich aus zwei seiner Bücher las.

 

 

In „Ein später Brief“ geht es wie der Titel schon verrät, um einen Brief, der mehr als fünfzig Jahre lang verschollen war und eine tragische Liebesgeschichte enthüllt. Vieles im Buch sei durchaus autobiografisch und daher „wohl doch eine Liebesgeschichte“, sagte Hans-Joachim Wildner in Richtung seiner Frau Monika. Außerdem hatte er sein neuestes Buch „Jenseits der Glutlinie“ dabei, das sich um eine Erfindung aus Bad Lauterberg dreht, nicht brennbares Papier. Ja, das gibt es wirklich und der Autor führte es selbstverständlich auch vor, womit er noch neugieriger auf seinen Thriller machte.

 

Anschließend lasen Helmut und Sascha Exner aus „Walpurgismord“, dem ersten Buch um Lilly Höschen (Hö-schen, nicht Hös-chen!), der Miss Marple des Harzes. Die derb-humioristischen Regionalkrimis eignen sich nun einmal bestens für eine szenische Lesung, und die boten die beiden ihrem Publikum. Bei seinen Lesungen wird immer wieder deutlich, dass vieles, was Lilly Höschen so einzigartig und bei ihren Lesern so beliebt macht, definitiv auch in Helmut Exner ist und nur allzu gerne aus ihm hervorbricht.

 

 

Martin Bolik nahm sich als Autor eher zurück und überließ das Feld Luke und Pjotr, also seinem Sohn Erik und seinem guten Freund Santiago. Er wusste, was er tat, denn wenn Santiago Ziemer – nicht nur durch Spongebob – definitiv einer der bekanntesten Sprecher Deutschlands ist und eine unverwechselbare Stimme hat, so kann Erik Elias Bolik als Nachwuchs-Synchronsprecher durchaus mithalten.

 

Protr passte perfekt zu Ziesmers Stimme, im Dialog mit beiden Boliks war es weniger Lesung als vielmehr Live-Hörspiel, das auch noch große Lust auf die Geschichte machte, die sich um eine Flucht Im Jahr 1945 in den Harz dreht, um die Schatten des Krieges und um die Kraft der Fantasie. Als Zugabe gab es dann noch eine Szene zwischen Lilly Höschen und Pjotr, in der dieser einräumte, er werde tatsächlich oft darauf angesprochen, dass er wie ein Schwamm aus dem Fernsehen klinge.

 

Die musikalische Umrahmung kam von Lothar Offak, der mit bekannten Oldies Akzente setzte und während der Autogrammstunde der anderen sogar zu spontanen Zugaben bereit war. Alles in allem also ein abwechslungsreicher Abend… und wie Spongebob von Bikini Bottom auf den Brocken zur Brockenbande kam, das könnt ihr auf Youtube hören:

 

In die Abgründe des Horror-Thrillers

Annika Strauss und Sebastian Fitzek präsentierten die tiefste Lesung der Welt

 

Die „tiefste Lesung der Welt“, so war es angekündigt. Die Buchpremiere des neuen Horror-Thrillers von Annika Strauss und Sebastian Fitzek. „REM“, so heißt das Buch und es sollte unter Tage im Bergwerk in Sondershausen vorgestellt werden. Eine ebenso schräge wie coole Idee, ein außergewöhnliches und eben auch einmaliges Live-Event.

 

Die Karten waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft, natürlich. Schließlich sind die Plätze in einem Stollen vermutlich auch begrenzt, sagte ich mir, und Fitzek ist eben Fitzek, der populärste und meistgelesene aktuelle Autor Deutschlands. Allerdings wollte ich mich damit noch nicht zufrieden geben. Immerhin ist Fitzek auch Mordsharz-Autor und auch Annika Strauss war im vergangenen Jahr bei unserem Krimifestival zu Gast. Zur Not, so dachte ich mir, schreibe ich sie an und frage, ob sie mich da noch irgendwie reinbringen kann. Allerdings komme ich mir dabei immer schäbig vor.

 

Also habe ich erst einmal die Veranstalter bzw. Sebastians Management angerufen und gefragt, ob denn noch eine Pressekarte zu haben wäre. Auch die Presseplätze seien sehr limitiert, wurde mir gesagt, aber Mordsharz öffnet durchaus Türen, und so wurde mir zugesagt, dass ich dabei sein kann, also bei der Lesung und auch vorher beim Interviewtermin, wo sonst überwiegend größere Fernseh- und Radiosender teilnahmen. Meine Vorfreude war riesig.

 

 

Das Glückauf-Bergwerk in Sondershausen kannte ich noch nicht, obwohl es nur eine Stunde weg ist. Es soll das älteste noch befahrbare Kalibergwerk der Welt sein, las ich und es wird dort noch immer Salz gefördert. Wusste ich vorher natürlich nicht. Auch nicht, dass diese unterirdische Welt eine Ausdehnung größer als Leipzig haben soll. Allein das klang ja schon ungemein spannend.

 

Durch die Buchmesse und genug anderes habe ich mich im Vorfeld ehrlich gesagt auch wenig mit „REM“ befasst. Aber es geht um Träume, um Träume, die ich nach dem Aufwachen aufzeichnen und so erneut erlebbar machen kann. Das ist definitiv Stoff für guten Horror. Nicht zuletzt, weil ich selber schon Träume direkt nach dem Aufwachen notiert und später Creepypastas daraus geschrieben habe. Bei vielen dieser Geschichten frage ich mich heute noch, warum mein Gehirn im Schlaf sowas hervorbringt.

 

Am Samstag machte ich mich dann also auf den Weg, hatte gesagt bekommen, wo ich mich einfinden muss und dass wir Presseleute vor der Lesung unten einen einstündigen Slot für Interviews, Fotos etc. haben. Ehrlich gesagt freute ich mich aber auch darauf, weil Annika und Sebastian mir durch die Zusammenarbeit bei Mordsharz wirklich ans Herz gewachsen sind, ich beide ungemein spannend und sympathisch finde und mich einfach freute, sie wiederzusehen.

 

Zuerst aber gab es mal eine Schlange von Besuchern und Leute vom Team, die uns Pressefuzzis noch einmal sagten, was wir dürfen und was wir lieber lassen sollten. Zuerst einmal: unbedingt einen Helm aufsetzen! Dann einige Treppen rauf auf den Förderturm, dort zusammen mit etlichen anderen in einen engen Fahrstuhl und wie die Ölsardinen kurz darauf in die Kälte, Dunkelheit und Tiefe hinunterfahren.

 

 

Um mich herum waren einige, denen jetzt ein wenig mulmig wurde. Sebastian hatte irgendwo angekündigt, dass ihn genau diese Atmosphäre reize. Kein Ausweg, Dunkelheit, kein Handyempfang. Ja, das ist wirklich guter Stoff für Albträume. Und für gute Horrorromane. Fast 700 Meter ging es hinab in die Erde. Meine Sinne waren gespannt, meine Fantasie waberte schon in alle möglichen Richtungen, mit jedem Meter, den wir tiefer ins Gestein fuhren, stieg meine Vorfreude.

 

Unten angekommen wurden wir durch riesige Stollen gelotst, das Publikum gleich in den Veranstaltungssaal, wir Presseleute erst einmal in einen Nebenraum, natürlich alles aus dem Fels gehauen und damit wunderbar surreal. Das Team empfing uns, fragte, ob wir noch etwas brauchen und und und, an dieser Stelle muss ich sagen, dass ich solche Pressebetreuung unfassbar großartig finde, vor allem, wenn es familiär und nicht zu steif ist. Den Kolleginnen und Kollegen ging es ähnlich, wobei die Fernsehteams natürlich vor allem mit dem Aufbau für ihre Interviews beschäftigt waren.

 

In der Zeit ließ ich mir den Veranstaltungssaal zeigen, der schon leer unglaublich beeindruckend war. Ein aus dem Stein gehauener Konzertsaal, was allein schon beeindruckend genug ist, dazu aber auch zwei Videowände an den Seiten der Bühne, auf denen das Auge vom Buchcover zu sehen war. Im roten Licht boten allen schon diese beiden Augen so viel Stoff für gute Geschichten.

 

 

Nach einer Weile trafen dann die beiden Autoren ein, Annika begrüßte mich sofort mit einer Umarmung, Sebastian zögerte kurz, brauchte einen Augenblick, bis er wusste, woher er mich kannte. Nun muss ich dazu sagen, dass ich Annika aber auch vorher geschrieben hatte, dass ich da bin. Und bei Sebastian nehme ich an, dass er noch deutlich mehr unterschiedlichen Menschen über den Weg läuft als ich, und mir geht es ehrlich gesagt immer so, dass ich unglaubliche Probleme habe, Menschen einzuordnen, wenn ich sie in einer anderen Umgebung als der üblichen treffe. Auch darüber müsste ich eigentlich mal ne Geschichte schreiben.

 

Jetzt begannen die Fernsehteams jedenfalls mit ihren Interviews, danach war ich ziemlich früh an der Reihe, weil ich sagte, ich brauche nicht lange. Die tiefste Lesung der Welt, fragte ich Sebastian, letztes Jahr hat er bei uns auf dem Brocken die höchste Norddeutschlands gehabt, welche Superlative kommen denn da noch? Nee, es gehe ihm gar nicht um die Superlative, wenn er sowas macht, dann soll es immer auch zum Buch passen, erklärte er. Leuchtet ein. Unter Wasser würde ihn noch reizen, wer weiß, vielleicht ja irgendwann mal.

 

Annika hat ja mit „Nachtfahrt“ ihren ersten Thriller veröffentlicht, obwohl sie sich zuvor als Schauspielerin in Horrorfilmen oder auch Hörspielen den Ruf als deutsche Scream Queen erarbeitet hat. Trotzdem habe ich immer nur über die Fitzek-Premiere gelesen, ob sie sich da ein wenig als „Beifahrer“ fühle, fragte ich sie. Ganz im Gegenteil, es sei eine Arbeit auf Augenhöhe gewesen, die ersten Ideen kamen von ihr, anschließend haben beide nach dem Motto „die bessere Idee schlägt die gute“ gearbeitet.

 

 

Das bestätigte auch Sebastian, der meinte, es habe schon einen Grund, warum Annika Strauss auf dem Cover oben und größer gedruckt als Sebastian Fitzek stehe. Da ich auch von Vincent Kliesch weiß, wie die Zusammenarbeit mit Sebastian läuft – also bei den „Auris“-Romanen – glaube ich das sofort. Und ja, auch ich habe seit ich hier unten bin ziemlich viele Ideen, die ich mit den beiden gerne umsetzen würde.

 

Wenig später geht es dann los, wir alle dürfen in den Saal, die beiden Autoren betreten die Bühne und es geht los. Doch Moment mal – da ist noch jemand auf der Bühne. Und die ersten gelesenen Szenen werden mit Live-Geräuschen untermalt. Es ist niemand anders als der großartige Geräuschemacher Jörg Klinkenberg, den wir mit Die drei ???-Events auch schon bei Mordsharz hatten und der mich nun endgültig dahinschmelzen lässt.

 

Eine Horrorlesung zweier extrem guter Autoren, die auch vor schlimmen Szenen nicht zurückschrecken untermalt mit Sounds, die mich vollkommen in die Geschichte eintauchen lassen. Besser geht es nicht!

 

 

Doch, vielleicht schon. Denn es geht nicht nur um die Geschichte (auf die ich hier gar nicht zu sehr eingehen möchte, da ich sicher noch eine Rezension dazu schreibe), sondern auch um das Miteinander der beiden. Sie sind nun mal auch Entertainer und nutzen den gemeinsamen Auftritt, um über ihre Zusammenarbeit, über Annikas Filme, über manchen Schock ihrer Lektorinnen bei allzu krassen Szenen und vieles andere zu erzählen.

 

Für Sebastian ist es der erste Ausflug vom Thriller- ins Horrorgenre und ich meine seine Begeisterung zu spüren, etwas für ihn Neues angepackt zu haben. Annika mag die unbekanntere der beiden Autoren sein, dafür aber versierter im Horror und genau das scheint es zwischen den beiden so passend zu machen. Für uns als Publikum gehören die beiden (oder vielmehr die drei, da Jörg auch dazugehört) auf jeden Fall zusammen.

 

 

Die Zeit vergeht wie im Flug, es ist genau die Art von Präsentation, die Literatur heute meiner Meinung nach braucht und vor allem macht es neugierig auf das Buch. Zum Ende hin gibt es noch eine gelesene Szene, die im Anschluss zum Vergleich noch einmal aus dem Hörspiel abgespielt wird, also alles in allem eine absolut runde Sache, die keine Wünsche offen lässt.

 

Auch Fragen aus dem Publikum werden noch beantwortet, bevor dann über Tage noch Bücher signiert werden können. Es ist das perfekte Event, eine durchgetaktete Show, die alles biete, aber zum Glück mit so viel Persönlichkeit und echtem Enthusiasmus, dass es nicht künstlich wirkt. Zum Schluss kaufe ich auch noch ein Buch, mache mich dann glücklich auf die Heimfahrt und beginne zu Hause tatsächlich noch mit dem Lesen. Leider war der Tag so lang und aufregend, dass selbst der spannende Einstieg das Zufallen meiner Augen nicht verhindern kann. Vielleicht verrate ich euch irgendwann, welche Träume mich dann heimsuchten. Vorausgesetzt, ich kann mich an sie erinnern oder sie irgendwie aufzeichnen.

 

 

The Show must go on

Hinter den Kulissen der Travestie

 

Im Gegensatz zu glamourösen und schrillen Show wirkt die Garderobe hinter der Bühne provisorisch und bestenfalls pragmatisch. Klapptische, zwei Stühle und an die Wand gelehnte Spiegel. Thomas und Lothar Finze reicht das aber vollkommen aus, dank jahrelanger Erfahrung konzentrieren sie sich ausschließlich auf ihr Make-up, auf ihre Perücken und schließlich die mit Pailletten besetzten glitzernden Bühnenoutfits.

 

Mehr als 30 Jahre standen Lothar und Thomas als Travestie-Duo Kim & Roy auf der Bühne. Oft war es die Bühne im Carte Rouge im Deutschen Haus in Badenhausen, aber auch viele andere, denn ihre Shows kamen durch detailverliebte selbstironische Nummern immer sehr gut an. Vor drei Jahren gab es dann die große Abschiedsshow in der Osteroder Stadthalle, seitdem steht Lothar nur ab und zu als er selbst an Roys bzw. Thomas’ Seite.

 

„Obwohl ich das so lange gemacht habe, brauche ich beim Schminken immer noch Thomas’ Hilfe“, sagt Lothar fast ein wenig entschuldigend. Dabei sind es bloß die langen falschen Wimpern, die Thomas ihm mit sichererer Hand anklebt. Es war das Alter, das ihn dazu trieb, die Rolle der Kim an den Nagel zu hängen. Dabei hat ihm die Travestie nicht nur Spaß gemacht, sie war über die Jahre auch ein Ventil und Anker für ihn, sagt er. Doch alles hat nun einmal seine Zeit.

 

 

Zeit ist auch gefühlt das, was Thomas kaum braucht, um sich in Roy zu verwandeln. „Etwa eine Stunde brauche ich, um mich fertig zu machen, aber wenn es sein muss, schaffe ich es auch in einer halben“, sagt er. Das habe er sich so antrainiert, weil damals im Deutschen Haus ja in der Regel der ganz normale gastronomische Betrieb herrschte, den sie beide beherrschen mussten, bevor sie sich dann manchmal zwischen Tür und Angel für ihre Show zurechtmachen müssen.

 

Inzwischen hätte er mehr Zeit dazu. Es ist eine Show im Deutschen Kaiser in Herzberg, um die Gastronomie und das Drumherum kümmern sich hier andere. Auch ganz angenehm, vor allem, wenn draußen alles klappt. Dennoch braucht Thomas nicht viel Zeit, was auch den Kolleginnen Ottilie S. und Melody Heart auffällt, die heute gemeinsam mit Roy und Lothar den Saal zum Kochen bringen wollen.

 

„Warum hetzt ihr denn so?“, fragen sie zwischendurch und fügen ein gespielt bissiges „Und das in eurem Alter“ hinzu. Ja, solche Sprüche dürfen sein, wenn alle Beteiligten wissen, dass es nicht ernst gemeint ist. Das ist der typische derbe Humor, der auch in der Show stattfindet, es darf schon mal unter die Gürtellinie gehen, nur die Grenze zum Geschmacklosen darf nie überschritten werden. Ein gewisses Niveau war Lothar und Thomas bzw. Kim und Roy immer wichtig.

 

 

Das bezieht sich sowohl auf den Humor, der nie verletzend sein sollte, wie beide sagen, aber auch auf die einzelnen Nummer, die immer eine kleine Geschichte erzählen, mit überraschenden Gags aufwarten, eben bis in jede Geste und sogar die Mimik durchdacht sind. Eines der Highlights für viele Fans (und ja, es gibt etliche, die sich kaum einen Auftritt der beiden entgehen lassen) war und ist „Barcelona“ von Freddie Mercury und Montserrat Caballé. Zum Playback des ikonischen Songs werden Lothar und Thomas auch an diesem Abend in die Rollen der beiden Stars schlüpfen.

 

Zuerst aber erläutert Thomas, warum er sich hinter den Kulissen nicht mehr Zeit lässt. Gewohnheit zum einen, zum anderen wollen sie ihre Gäste bereits beim Einlass begrüßen und sich dabei auch ein wenig Zeit für kurzen Smalltalk nehmen, und außerdem, so räumt er mit einem Lächeln ein, wird das Make-up nicht besser, wenn er sich mehr Zeit nimmt, sondern er nur perfektionistischer und dann wird hier noch mal ein Strich gezogen und dort noch mal gepudert, was letztlich kaum einen sichtbaren Unterschied mache.

 

Melody Heart und Ottilie S. lassen sich trotzdem nicht aus der Ruhe bringen. Brauchen sie auch nicht, denn wer wo auf der Bühne zu stehen hat, wenn alle vier vorne sind, haben sie schon geklärt und sind den Ablauf präzise durchgegangen. „Es ist schön, mit Kollegen zu arbeiten, bei denen das alles so gut klappt“, sagt Lothar. Stress braucht er nicht mehr, dazu war sein Leben bewegt genug.

 

 

Das erzählt er übrigens sehr persönlich und selbstkritisch in seiner Biografie „Ungeschminkt“, die aus gutem Grund den Untertitel „Kampf ein Leben lang“ trägt. Im Buch geht der 1953 Geborene auch auf jene Zeit ein, in der Travestie noch lange nicht von allen als Kultur und Homosexualität von den meisten nicht als normal angesehen wurde. (Ein Interview mit Lothar zu seinem Buch ist auf dem Kanal CrYzZ Storys auf Youtube unter dem Titel „Interview mit Lothar Finze von "Kim und Roy" zu finden.)

 

Nach seinem Abschied als Kim hatte er sich damals eigentlich einen anderen Bühnenpartner an Roys Seite gewünscht, schließlich ist Thomas 17 Jahre jünger und brennt noch immer für seine Shows. Doch daraus wurde letztlich nichts. So steht Lothar jetzt eben für die männlichen Rollen doch noch ab und zu im Rampenlicht, wenn auch, wie er sagt, nur noch als familiäre Aushilfe – The Show must go on.

 

Dass Thomas und er als Team funktionieren, zeigt sich ja auch in Finzes Deko- & Geschenkewelt in der Osteroder Marientorstraße, das seit wenigen Monaten auch ein kleines feines Bistro beinhaltet. Offenbar kommen Gastronomen noch schlechter aus ihrer Haut als Travestiekünstler. Den Gästen allerdings gefällt es, denn der kleine Widerstand gegen die Verödung der Innenstadt wird von vielen begeistert angenommen.

 

 

Jetzt aber geht es um die anstehende Show in Herzberg, nicht mehr lange, dann beginnt der Einlass. Lothar probiert noch eine neue Perücke aus, die er dann aber doch wieder verwirft und zu einer gewohnten greift. Thomas wirft sich in ein grün schillerndes Outfit, zieht noch einmal seine Perücke zurecht und fixiert einige widerspenstige Strähnen mit Haarspray. Ach ja und ein wenig Parfüm kann auch nicht schaden.

 

Wenige Minuten später klappern die Absätze der Pumps auf dem Weg ins Foyer des Deutschen Kaiser. Wie ein wahrer Kaiser ist Lothar natürlich an seiner Seite, so dass sie gemeinsam die Türen öffnen und die davor wartenden Gäste begrüßen. Viele von ihnen kennen die beiden auch seit vielen Jahren, gehören zu denen, die dankbar sind, dass Kim und Roy einen Hauch von verruchter weiter Welt in den Harz brachten. Andere wiederum haben sich noch nie eine Travestieshow angesehen, wirken etwas unsicher, was sie an diesem Abend erwartet.

 

Was sie erwartet, sind natürlich Männer in pompösen Frauenkleidern, Musik zum Mitschunkeln, viele Schlagerhits, aber eben auch „Barcelona“. Dazu zotige Witze, vor allem aber kreative Gags, unter anderem Thomas’ unverwechselbare Mimik, wenn er – ganz Diva – in die Rolle von Whitney Houston schlüpft und „I will always love you“ parodiert. Noch mehr Gefühl schwappt allerdings ins Publikum, als Lothar erklärt, er habe jeden Auftritt in den 35 Jahren gemeinsam auf der Bühne genossen, „aber vor allem habe ich es aus Liebe zu Thomas gemacht.“

 

 

AfD Niedersachsen eindeutig rechtsextremistisch

Verfassungsschutz Niedersachsen gibt Einstufung als Beobachtungsobjekt von erheblicher Bedeutung bekannt

 

„Öffentlich bemüht sich die AfD Niedersachsen und ihr Landesvorstand stellenweise um ein eher gemäßigtes Auftreten. Eine Distanzierung gegenüber den extremistischen Kräften innerhalb der Gesamtpartei findet jedoch nicht statt“, sagt der Niedersächsische Verfassungsschutzpräsident Dirk Pejril. „Vielmehr muss von einem Mittragen, Weiterverbreiten und mitunter aktiven Zugehen auf extremistische Akteure sowie auf die von ihnen vertretene Ideologie gesprochen werden.“

 

Die AfD Niedersachsen, so die Gründe für die Einstufung, vertrete einen ethnisch-kultureller Volksbegriff bzw. ein ethnisch-abstammungsmäßiges Volksverständnis, das im Widerspruch zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung steht.

 

Weiterhin werte sie pauschal Menschengruppen ab, was sich durch Migranten-, Asyl-, Fremden- und Queerfeindlichkeit ausdrückt und mit der in Art. 1 Abs. 1 Grundgesetz (GG) verankerten Menschenwürde und den in Art. 3 GG formulierten Gleichheitsrechten unvereinbar ist.

 

 

Dritter genannter Punkt ist die Verächtlichmachung und Diffamierung des demokratischen Rechtsstaates, seiner Repräsentantinnen und Repräsentanten, Institutionen sowie anderer politischer Parteien, die den Rahmen einer auch zugespitzten Kritik verlasse, den demokratischen Wesenskern der Bundesrepublik Deutschland negiere, die Gewaltenteilung leugne und das System grundlegend herabwürdige, indem sie auf eine Gleichsetzung mit nichtdemokratischen Systemen zurückgreife.

 

Ebenso seien die extremistischen Teilorganisationen „Der Flügel“ und die „Junge Alternative Niedersachsen“ (JA) nach ihrer Auflösung personell und ideologisch in den Parteistrukturen aufgegangen.

 

Eine gezielt betriebene Vernetzung zu rechtsextremistischen Organisationen, die sich vorwiegend auf das breit gefächerte Spektrum der Neuen Rechten konzentriert zeige sich, die in dem festgestellten Umfang die Unterstützung rechtsextremistischer Organisationen und Akteure Verfassungsschutzrelevanz entfalte.

 

Zuletzt wurde festgehalten, dass die AfD Niedersachsen keinen aktiven Gegenpol zu den extremistischen Kräften innerhalb der Gesamtpartei bilde. Vielmehr unterstütze sie die extremistische Ausrichtung der AfD auf Bundesebene und wirke an der Meinungsbildung der Gesamtpartei mit.

 

 

„Die Bewertung des Verfassungsschutzes ist eindeutig: Die größte Gefahr für unsere Gesellschaft geht vom Rechtsextremismus aus und die AfD Niedersachsen ist nach der Einstufung eindeutig diesem Phänomenbereich zuzuordnen“, sagte Daniela Behrens, Niedersächsische Ministerin für Inneres, Sport und Digitalisierung. Die Einstufung müsse auch ein Handeln nach sich ziehen, so die Innenministerin: „Wir müssen Extremisten entlarven, wir müssen sie entwaffnen und wir müssen sie aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Wir werden nicht zulassen, dass unsere Demokratie und unsere von der Achtung der Grundwerte getragene Gesellschaft destabilisiert und umgekrempelt wird.“ Ein Parteiverbotsverfahren auf Bundesebene unterstützt sie, es müsse aber von Bundestag, Bundesrat und Bundesregierung gemeinsam auf den Weg gebracht werden.

 

 

Informationen zur Bedeutung eines Beobachtungsobjektes gibt es hier.

 

 

Ist die Würde des Menschen noch unangetastet?

Das Glaubensbekenntnis unserer Gesellschaft

 

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, steht am Anfang unseres Grundgesetzes. Doch was bedeutet Würde eigentlich? Wie können wir sie fassen? Ein „Achtung gebietender Wert, der einem Menschen innewohnt, und die ihm deswegen zukommende Bedeutung“, definiert der Duden. „Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“, sagt das Grundgesetz weiter.

 

Immanuel Kant machte deutlich, dass jeder Schuh einen Wert hat. Wenn er gebraucht wird. Wenn er kaputt ist, nicht mehr. Der Mensch habe diesen Wert, seine Würde immer. Auch, wenn er krank ist, nicht arbeiten kann etc. Ein interessanter Gedanke in einer Zeit, in der die Politik den Bürgern vorwirft, zu oft krank zu sein und soziale Aufgaben des Staates drastisch einzuschränken versucht.

 

Achtet und schützt unsere Regierung unser aller Würde aktuell noch? In den USA würde ich dem angesichts erschütternder Medienberichte über ICE und dem autokratischen Agieren Donald Trumps widersprechen. Und ja, auch bei uns sehe ich die Menschenwürde angesichts vieler Äußerungen, die noch vor wenigen Jahren niemand gewagt hätte öffentlich auszusprechen, durchaus bedroht.

 

 

Zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust gibt es hier in Osterode eine Gedenkwoche mit vielen verschiedenen Veranstaltungen. In der Berufsschule war ich beispielsweise bei einer Lesung von Carmen Barann und Marie Anne Langefeld, die sich dem Begriff der Würde auf eine literarische Weise annäherten.

 

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ sei das Glaubensbekenntnis der Bundesrepublik, sagten sie. Die Überzeugung, dass alle Menschen die gleiche Würde haben, habe sich als „fundamentaler Prozess“ in der Welt nur langsam durchgesetzt, sagte Schulleiter Dr. Carsten Wehmeyer. Das Grundgesetz schütze diese Überzeugung, „keinerlei Willkür staatlicher Gewalt soll es bei uns je wieder geben“, führte er aus. „Die Menschenrechte und die Demokratie sind unbedingt schützenswert“, betonte auch Johann-Hinrich Witzel, jener Pastor, der die Gedenkwoche federführend zusammen mit der Stadt, dem Kirchenkreis, den Omas gegen Rechts und einigen anderen Akteuren initiierte.

 

Carmen Barann und Marie Anne Langefeld widmeten sich dem Thema Würde in einer Art Überblick von der Bibel über Gedichte bis hin zu Erfahrungsberichten. Was ist überhaupt Würde? Ist uns Menschen Freiheit und Gleichheit eingeboren? Achten wir immer und in jeder Situation die Würde des anderen? In verschiedensten rezitierten Texten beleuchteten sie unterschiedlichste Aspekte.

 

 

„Wir brauchen eine Kultur der Fürsorge und Achtsamkeit“, stellten sie heraus. Die Würde müsse oberstes Prinzip menschlichen Zusammenlebens sein, daher dieser erste Artikel im Grundgesetz. Im Nationalsozialismus wurden marginalisierte Gruppen gezielt und systematisch eingeschränkt, verfolgt, getötet. Der christliche Glaube, schon zu Beginn des Alten Testaments, wenn Gott alle Menschen nach seinem Bild erschafft, steht dem entgegen, Moral und Ethik zu jeder Zeit ebenso.

 

„Würdig mit anderen umzugehen ist eigentlich gar nicht so schwer“, stellten die Referentinnen schließlich fest. Es habe auch mit Selbstbewusstsein zu tun, denn wenn wir lernen, uns selbst zu schätzen, gelingt uns das auch bei anderen.

 

 

Berührt hat mich, dass sich im Anschluss einige der Schüler und der anderen Zuhörer für diese Sichtweisen bedankten. Sie schilderten zudem noch eigene Erlebnisse, in denen Würde verletzt wurde, beispielsweise die junger Menschen im Internet, der Omas gegen Rechts auf der Straße oder von Menschen mit Migrationshintergrund in vielen Alltagssituationen. Gerade diese Diskussion zeigte, dass Angriffe auf die Würde sich in jüngster Zeit mehren und ihr Schutz daher nicht bloßes Lippenbekenntnis sein darf.

 

Gerade so manche persönliche Geschichte machte mich nachdenklich. Immer wieder schienen wir bewusst oder unbewusst die Würde anderer zu verletzen. Da brauchen wir ein geschärftes Bewusstsein. Auf der anderen Seite gibt es aber auch diejenigen, die die Würde bestimmter Gruppen ganz gezielt zu untergraben versuchen. Hier reicht ein Bewusstsein dafür nicht mehr aus, denke ich, hier müssen wir aktiv das Glaubensbekenntnis der Bundesrepublik, die Basis unseres friedlichen Zusammenlebens verteidigen. Nicht mit Gewalt, aber mit einer entschlossenen Haltung.

 

 

Oder doch nicht die Weltherrschaft?

KI ist ein Werkzeug, keine Revolution der Maschinen

 

Künstliche Intelligenz ist eines der ganz großen Themen unserer Zeit. Was kann sie alles ersetzen? Wird sie eines Tages die Weltherrschaft übernehmen? Oder ist sie so selbstreferenziell, dass sie sich schneller als wir denken selbst zerstört? Die Erkenntnis aktuell: Wir wissen es einfach noch nicht.

 

Was wir wissen, ist, dass es inzwischen jedem möglich ist, KI-Tools zu nutzen, sei es, um Fragen beantwortet zu bekommen, Fakten zu checken, Texte zu erstellen oder auch Bilder. Unternehmen gestalten ihre kompletten Internetauftritte mit KI, Influencer unterhalten sich in Streams mit ihrem KI-Assistenten wie mit einem guten Freund, politische Akteure generieren mit KI die Hintergründe, die sie brauchen, um ihre Agenda zu rechtfertigen. Was wir aber auch wissen, ist, dass kaum jemand von uns in der Lage ist, KI-Inhalte sicher als solche zu erkennen, das, was KI als Fakt ausgibt zu verifizieren, kurz: das, was die Algorithmen ausspucken, richtig einzuordnen.

 

Darin besteht die ganz große Gefahr. Wir sind auf dem besten Wege, eine vermeintliche Intelligenz als Quelle für alles Mögliche heranzuziehen, ohne dabei zu sehen, dass die meisten Tools, die uns zur Verfügung gestellt werden, so programmiert sind, dass sie uns immer wieder bestätigen. Kein Zugewinn von Erkenntnis also, sondern Kreiswichsen. Sorry. Es ist nun einmal keine wirkliche Intelligenz, sondern eine Maschine, die unsere Welt der Über-Information schneller durchforsten kann als wir und viele Zusammenhänge besser erkennt als wir. Das ist aber auch alles.

 

 

Das soll an dieser Stelle keinesfalls KI-Bashing werden. Es mag nach diesen Zeilen verwundern, aber ich halte KI für eine großartige Entwicklung und für einen enormen Fortschritt. Das Problem sehe ich aber bei uns, also unserem Umgang mit diesem Werkzeug. Einen solchen muss man nämlich in jedem Fall erst erlernen. Ich setze mich ja auch nicht in ein Auto und fahre einfach los, weil das absolut fatale Folgen hätte. Nicht viel anders ist es bei KI.


Grundsätzlich bin ich dafür, dass Medienkompetenz schon in der Schule einen viel größeren Raum einnehmen müsste. (Das auszuführen würde allerdings ziemlich ausufern.) Und nicht nur in der Schule, sondern auch bei Erwachsenen. Viele aktuelle Probleme resultieren meiner Meinung nach aus mangelnder Medienkompetenz. Das wird durch KI nur verschärft. Also braucht es dringend mehr Wissen, wie ich mit dem Tool umgehen kann.


Nutze ich selbst KI? Für meine journalistische Arbeit absolut nicht. Weder lasse ich Texte von KI vorformulieren, noch setze ich sie bei der Recherche ein. Sicher, es mag hilfreich sein, grundsätzliche Fakten zu checken, das schon. Aber im Lokalen, wo es meist um global gesehen unwichtige Dinge geht und vor allem um Menschen, hilft KI mir wenig.


Das meiste, worüber ich berichte, ist neu, es wurde also noch kaum oder selten darüber geschrieben. Wie sollte ein Programm eine solche Information also finden? Noch dazu sind es meist Menschen, mit denen ich direkt spreche und die mir ihre Geschichte erzählen. Dafür brauche ich keinerlei Technik, sondern Ohren, Hand und Stift und meistens noch viel wichtiger Empathie.

 

 

Beim Schreiben selbst habe ich kürzlich die Erfahrung gemacht, dass ich gebeten wurde, über ein Konzert zu berichten. Leider konnte ich nicht dort sein, so ging die Bitte weiter, doch trotzdem einen Text an die Presse zu geben, den wolle man mir mit KI schreiben und zuschicken. Aus Sympathie sagte ich zu. Das Ende vom Lied war, dass ich den kompletten Text neu formulierte, weil das, was die Maschine ausgespuckt hatte, leider nicht verstanden hatte, worauf es ankam, mit Kultur nun einmal überfordert ist und ja auch sein muss.


Auch für meine Geschichten, die Vertonungen oder meine Bücher nutze ich keine KI. Weil sie nicht in der Lage ist, literarisch zu schreiben? Nein, das würde ich für die kommenden Jahre überhaupt nicht ausschließen. Schon jetzt gibt es auf Youtube unglaublich viele komplett mit KI generierte Videos inklusive Vertonung, auch Songs oder auf Amazon ganze von KI geschriebene und illustrierte Kinderbücher etc. Es wird nicht mehr lange dauern, bis der erste KI-Bestseller in den Buchhandlungen steht, da bin ich ganz sicher.

 

 

Aber ich schreibe ja, weil es mir Spaß macht. Diesen Spaß will ich mir doch gar nicht von einem Tool abnehmen lassen. Auch das Vertonen mache ich gerne, möchte selber einlesen und es nicht eine Maschine für mich machen lassen. Es geht ja schließlich um die Kunst, um die Begeisterung für die Kunst und nicht um Effizienz.


Einen Bereich gibt es dann allerdings doch, wo ich auf KI nicht mehr verzichten will. Über viele Jahre habe ich meine Videos auf Youtube mit eigenen Fotos bebildert. Nun schreibe ich viel Horror oder Fantasy oder Science Fiction. In all diesen Genres ist es nun mal schwer, Fotos zu machen. Bis jetzt kam mir noch kein Vampir vor die Linse, keine Fee und nur selten ein Roboter.


Da mein Kanal sehr klein und nicht monetarisiert ist, kann ich mir keine Illustratoren leisten. Und gerade hier ist KI für mich geradezu eine Offenbarung. Oft reicht es aus, die entsprechenden Beschreibungen aus meinen Texten ins Programm zu kopieren und ich bekomme visualisiert, was ich mir ausgedacht habe. Das ist fast wie Zauberei, macht wirklich Spaß und inspiriert zum Teil auch, die eigenen Beschreibungen zu konkretisieren.

 

 

Ganz aktuell habe ich an meiner Geschichte „Verloren in Kojima-City“ geschrieben. Ein Cyberpunk-Thriller in einer futuristischen Metropole. Vieles, was in meiner Fantasie vorhanden war, habe ich mit KI bildlich dargestellt. Durch diese Bilder war ich selbst noch viel tiefer in der Welt, die ich beschriebe, konnte mich besser hineinversetzen und bin der Meinung, dass mir das beim Schreiben geholfen hat.


Seit etwa einem Jahr nutze ich KI-Tools regelmäßig für Thumbnails und möchte es nicht mehr missen. Es ist für mich einerseits eine Erleichterung, andererseits ein echter Zugewinn an Ausdrucksformen. Daher bin ich absolut kein Gegner von KI und verteufle die aktuelle Entwicklung auch nicht.


Nur denke ich, dass wir, wenn der Hype vorbei ist, einfach nüchtern überlegen müssen, wie wir mit den neuen Möglichkeiten umgehen und diesen Umgang tatsächlich erlernen. Wenn wir das beherrschen, dann ersetzt KI auch nicht alles, dann übernimmt sie nicht die Weltherrschaft und ob sie so selbstreferenziell ist, dass sie sich schneller als wir denken selbst zerstört, werden wir sehen.

 

 

Dem deutschen Volke

2025 – das Jahr, in dem ich das Vertrauen in die Politik verlor

 

Das politische Jahr 2025 begann mit einer Verschärfung der deutschen Migrationspolitik. Eine Abstimmung im Bundestag, bei der die CDU auch auf die Stimmen der AfD setzte, um ihr Zustrombegrenzungsgesetz durchzusetzen. Von vielen wurde das als Tabubruch gesehen, es gab massive Proteste und Demonstrationen im gesamten Land.


Allein die CDU blieb davon unbeeindruckt. So unbeeindruckt, dass Kanzlerkandidat Friedrich Merz einen Tag vor der Bundestagswahl sagte, er werde als Kanzler Politik für die Mehrheit machen, nicht „für irgendwelche grünen und linken Spinner auf dieser Welt". So wurde er dann also der Kanzler für die Mehrheit und nicht für Grüne und Linke. Zu Letzteren zählt SPD offenbar nicht, denn die bildete mit ihm eine Regierung.


Innenminister dieser als „BlackRot“ betitelten Regierung wurde Alexander Dobrindt, der sehr zügig Zurückweisungen Asylsuchender an den deutschen Grenzen in die Wege leitete. Proteste des Parlaments, Hinweise auf EU-Recht und auch Kritik der Justiz wischte er ebenso zügig vom Tisch. Das Berliner Verwaltungsgericht erklärte die Zurückweisung für rechtswidrig, der Richterverband erinnerte an die Gewaltenteilung und warf dem Minister ein unzureichendes Rechtsverständnis vor.

 

 

„Wir erwarten daher von der neuen Bundesregierung eine unverzügliche Klarstellung, dass rechtsstaatliche Prinzipien weiter die Leitlinien ihres Handelns sind und die rechtsprechende Gewalt in der ihr verfassungsrechtlich zukommenden Rolle als Hüterin der Gesetze respektiert wird", hieß es seitens der Neue Rich­ter*in­nen­ver­ei­ni­gung (NRV). Wir hatten nun also eine Exekutive, die mit der Judikative um Macht bzw. staatliche Legitimation rang. Definitiv etwas, das ich für 2025 nicht auf dem Zettel hatte.


Im Parlament sorgte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner wenig später für Aufregung, da sie sich gegen die Regenbogenflagge, insbesondere die auf dem Reichstag aussprach. Sie begründete ihre Haltung damit, dass sie neutral sein müsse. Also offenbar auch neutral in der Frage, was die Gleichbehandlung oder Diskriminierung queerer Menschen angehe. Nun denn.


Neutral, auch im Umgang mit Rechtsextremisten im Parlament, legte Klöckner nach, eine Aussage, die so oder ähnlich im Verlauf des Jahres immer wieder von CDU-Mitgliedern zu hören war. Klöckner setzte diese geforderte Neutralität auch bei T-Shirts, Ansteckern etc. durch. Weniger neutral zeigte sie sich gegenüber Frank Gotthardt, dem Finanzier der Fake News-Schleuder NIUS. Mit dem verbindet sie offenbar mehr, vor allem aber stellte sie dessen Portal auf eine Stufe mit seriösen Tageszeitungen.


Hier schaltete sich nun der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) ein, bezeichnete diesen Vergleich als „inhaltlich falsch und geschmacklos“. Zudem solle die Bundestagspräsidentin doch einmal ihr problematisches Verhältnis zu Sponsoren klären, hieß es. Weiterhin wurde auf die Verhinderung von Frauke Brosius-Gersdorf als Richterin des Bundesverfassungsgerichtes verwiesen, die Gotthardts Portal initiiert habe, weil Frau Brosius-Gersdorf ja auch offen für ein Parteiverbotsverfahren für eben jene Rechtsextremisten im Parlament sei.

 

 

Ebenso wenig wie mit einem Parteiverbotsverfahren befasste sich der Bundestag mit der Aufklärung der sogenannten „Maskenaffäre“ von Jens Spahn, die gesichert mehrere Milliarden Euro kostete und von der erstaunlich viele Menschen aus Spahns Umfeld profitierten. Machtmissbrauch im Amt, so ein Vorwurf, nein, nur normales Krisenmanagement. Damit zumindest wurde vorerst alles vom Tisch gewischt.


Krisenmanagement greift wohl nicht, wenn Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche angekreidet wird, eine Firma zu fördern, an der ihr Lebensgefährte Karl-Theodor zu Guttenberg beteiligt ist. Aber einen Interessenskonflikt wiesen beide natürlich auch vehement zurück, nein, ach was, natürlich nicht, niemand hat von nichts gewusst und alle sind neutral und im Sinne der Mehrheit der Bevölkerung tätig. Korruption, das ist etwas, was es anderswo gibt, aber doch nicht bei uns, nicht in der CDU. Da heißt das Wirtschaftskompetenz… ich meine: diese Regierung steht für Wirtschaftskompetenz!


Darum will ich an dieser Stelle auch schließen - ganz im Sinne einiger Angesprochener aus Selbstschutz. Denn sonst müsste ich mich ja noch weiter damit auseinandersetzen, was diese Regierung auf der anderen Seite von uns Bürgern fordert. Also, dass wir mehr leisten sollen, dafür aber weniger Sicherheiten haben sollten, denn die kosten schließlich eine ganze Menge. Und am Ende würde ich womöglich noch zu dem Schluss kommen, dass ein Staat für mich in erster Linie die Aufgabe hat, für die Bürger zu sorgen. Also für alle Bürger, auch für die linksgrünen und die queeren und insbesondere für die, denen es nicht so gut geht.


Das ist wohl aber nur meine Auffassung dessen, wofür ein Staat und wofür Politik da ist. Dieses Jahr und diese Regierung hat mich jedenfalls gelehrt, dass meine Auffassung offenbar falsch ist und ich sie hinterfragen sollte. Dazu habe ich im kommenden Jahr sicher noch viele Gelegenheiten, denn ich fürchte, es kommt noch viel mehr auf uns zu, was ich in meiner Naivität als korrupt oder als unmenschlich und in der Wortbedeutung asozial empfinden würde, wenn mich unsere Politiker nicht stetig eines Besseren belehren würden. 

 

 

Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten

Tafel, Tierheim, Friendly Fire

 

Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, heißt es. Skandale, Katastrophen oder im Lokalen Unfallmeldungen klicken sich am besten, behaupten viele Medien. Dementsprechend erleben wir tagtäglich unsere Nachrichten und selbst Überschriften in lokalen Tageszeitungen werden immer mehr zu Clickbait. Damit will ich mich nicht zufriedengeben.

 

Ja sicher, eine Schreckensmeldung generiert erst einmal Aufmerksamkeit, keine Frage. Meine Erfahrung ist aber auch, dass viele Menschen solche Meldungen zwar anklicken, aber allerhöchstens überfliegen, meist sogar nur die ersten Zeilen. Weil sie schnell merken, dass es ihnen auf Dauer nicht gut tut. Natürlich werde ich hier bei uns in der Kleinstadt oft darauf angesprochen, warum wohl der Supermarkt um die Ecke abgebrannt sein könnte. Ein Defekt oder doch Brandstiftung? Ja klar, das interessiert. Ebenso werde ich aber auch auf positive Artikel angesprochen.

 

In den letzten Tagen waren das vor allem zwei Geschichten. Eine über eine Zehnjährige, die sich zum Geburtstag lediglich wünschte, dass all ihre Gäste für die Tafel spenden. Und dann eine darüber, dass ein Tierheim zu den Spendenempfängern des diesjährigen Friendly Fire gehört. Beides habe ich wirklich gerne geschrieben und beides schlug relativ hohe Wellen. Die Meldung über die Zehnjährige Spenderin wurde sogar vom NDR aufgegriffen, die Friendly Fire-Geschichte ist ja sowieso in aller Munde, weil ein Spendenstream großer Streamer viele Menschen interessiert. Weil viele eben auch positive Nachrichten wollen.

 

So jedenfalls bin ich überzeugt, dass der sogenannte konstruktive Journalismus, also Nachrichten, die aufbauen, inspirieren und vielleicht sogar jemandem helfen, viel nachhaltiger in Erinnerung bleiben als die sich immer und immer übertreffenden Schreckensmeldungen. Das sage nicht nur ich, das ist seit einigen Jahren durchaus Thema für Journalisten. Darum möchte ich hier diese beiden Artikel noch einmal veröffentlichen. Und ihr könnt ja selber mal testen, wie es mit eurem Interesse für solche Berichterstattung aussieht und ob es euch danach besser geht als nach der Unfallmeldung auf der Bundesstraße oder was auch immer.

 

 

Fangen wir mit Friendly Fire an: Der Tierschutzverein Goslar ist einer der Spendenempfänger des diesjährigen Friendly Fire-Spendenstreams. „Wir haben noch nie was gewonnen, und jetzt sind wir bei Friendly Fire!“, sagt Katja Brentrup, die sich auf Initiative ihrer Tochter Maya hin beworben hat. Während für Maya ein großer Traum in Erfüllung geht, muss manch anderen vielleicht erst einmal erklärt werden, was Friendly Fire eigentlich ist.

 

Das Event wird seit elf Jahren als Stream auf Twitch und es erreichte in dieser Zeit bis zu 120 000 Zuschauer und brachte in den Jahren etwa 10 Millionen Euro Spenden ein. Die Streamer Gronkh und Pandorya, das Team von PietSmiet (Jonathan Apelt, Dennis Brammen, Sebastian Lenßen, Peter Smits und Christian Stachelhaus), PhunkRoyal, FisHC0p, MrMoregame und Der Haider spielen über 12 Stunden lang Spiele oder machen lustige Challanges, während die Zuschauer über die Spendenplattform Betterplace.org spenden können.

 

Der Fantasyautor Mikkel Robrahn gehörte über Jahre mit zum Team, Hella von Sinnen war vor einigen Jahren zu Gast, außerdem gibt es immer wieder Videospiele bzw. Spielepublisher (z. B. Ubisoft, Microsoft oder Bethesda), die das Event unterstützen. In diesem Jahr steht Friendly Fire unter dem Motto „Anno 117 – Pax Romana“, es ist also davon auszugehen, dass es ein antikes römisches Setting geben wird.

 

 

Das Tierheim in Goslar ist zwar nicht antik, es gibt aber einiges, was dringend gemacht werden muss. Spenden sind da mehr als willkommen, auf die ist der Tierschutzverein Goslar und Umgebung e. V. angewiesen. Maya und ihre Schwester Nelly sind durch Mama Katja immer mal wieder im Tierheim gewesen und so in die Arbeit dort hineingewachsen. Ebenso sind beide begeisterte Zuschauer von Friendly Fire bzw. der beteiligten Streamer.

 

„Die Idee war, dass ich einfach mal hinschreibe“, erzählt Maya, „eigentlich hatte ich gar nicht damit gerechnet, dass es etwas wird.“ Dann aber kam die Zusage, dass der Verein in diesem Jahr neben sechs anderen und dem Nothilfefond zu den ausgesuchten Begünstigten gehört. Das wiederum brachte erst einmal Arbeit mit sich, denn die Spendenempfänger sollen sich und ihre Arbeit in einem Video vorstellen, das den Zuschauern auch deutlich macht, wofür sie ihr Geld geben.

 

Gar nicht so leicht, sich in aller Kürze richtig zu präsentieren, stellten beide fest, das Video, das unter anderem auf Instagram zu sehen ist, kann sich aber sehen lassen (Anm. d. Verf.). Darin wird auch deutlich, dass Tierarztkosten aufgebracht werden müssen, was eben eine dauerhafte Herausforderung ist. Außerdem soll das Tierheim energetisch saniert werden, erläutert Katja, das Kaninchenaußengehege wetterfest und einiges mehr. „Das entscheiden wir in Ruhe, wenn wir wissen, wie viel Geld gespendet wird“, sagt sie.

 

Katzenhäuser, Katzenquarantäne, Katzenkrankenstation, Hundehaus, Hundequarantäne, Kleintierraum und ein tierärztlicher Behandlungsraum für im Schnitt 60 Katzen, 10 Hunde und 20 Kleintiere hält das Tierheim am Goslarer Ortsausgang bereit, Pension und Vermittlung inklusive. Definitiv viel Arbeit und jede Unterstützung wert.

 

Gerade für Maya ist die Mitwirkung bei Friendly Fire aber auch wirklich ein persönliches Highlight, da sie seit zehn Jahren insbesondere Fan von Gronkh ist. „Er ist ja gebürtiger Braunschweiger und sollte den Weg nach Goslar kennen, wenn er das Geld also persönlich vorbeibringen will, ist er herzlich willkommen“, sagt sie. Na dann, lieber Gronkh, was ihr mit eurem Spendenstream auf die Beine gestellt habt, ist mehr als beachtlich, dass der Tierschutzverein Goslar dabei ist, eine große Hilfe für viele Tiere und auch Menschen in der Umgebung, die Kirsche auf der Sahnetorte wäre es, wenn Maya auch noch eine Umarmung von dir bekommt!

 

Friendly Fire läuft am Samstag, 6. Dezember, ab 14 Uhr auf twitch.tv/gronkh.

 

 

Und was war mit der Spende an die Tafel? „Spielzeug habe ich genug“, sagt die zehnjährige Selma. Zu ihrem Geburtstag wünschte sie sich daher von allen nur Geld. Soweit nichts Ungewöhnliches. Selma jedoch wünschte sich das Geld nicht für sich, sondern als Spende für die Osteroder Tafel. Und ja, ihre Freunde und ihre Familie waren von der Idee begeistert, so dass letztlich 150 Euro zusammenkamen, die sie Luise Schrader überreichen konnte.

 

An ihrem Geburtstag war sie mit allen gemeinsam übrigens beim Bowling, erzählt sie freudig, das habe richtig Spaß gemacht. In der Schule hat sie in den Projekten zu den „17 Global Goals“, also den 17 Zielen der UN für Nachhaltigkeit, erfahren, dass es viele Kinder gibt, die sich sowas wie Bowling nicht leisten können. Auch in Deutschland.

 

Das bewegt Selma, sie ist sich bewusst, dass es ihr gut geht. Was nicht zuletzt auch an ihren älteren Brüdern liegt, wie sie sagt, und natürlich an ihrer Familie, die nicht auf die Lebensmittel der Tafel angewiesen ist. Dabei spendet sie nicht zum ersten Mal, auch das Tierheim und die Vogelstation hat sie beispielsweise schon bedacht. Jetzt eben die Tafel.

 

Luise Schrader erklärte ihr noch, dass die hier arbeitenden Ehrenamtlichen übrigbleibende Lebensmittel von Supermärkten abholen, dass diese dann hier sortiert und an viele Menschen weitergegeben werden. So können viele Familien sich trotz wenig Geld eine ausgewogenere Ernährung leisten. Gerade im Zusammenspiel mit der Rettung der Lebensmittel, die sonst weggeworfen würden, ein Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit. Das wusste Selma natürlich schon längst, freute sich aber, es noch einmal vor Ort zu hören.

 

Auch die Tafel freut sich über jede Spende, vor allem, wenn schon Kinder den Gedanken der gerechteren Verteilung verstehen und mittragen. So geht ein großer Dank nicht nur an Selma, sondern auch an alle, die erkennen, in welchem Überfluss wir leben und dass eigentlich genug für alle da ist.

 

 

Die Mutter aller Probleme

Merz und das Stadtbild – Was genau meint der Kanzler?

 

„Wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem“, sagte Kanzler Friedrich Merz und löste damit Empörung aus. Alles (mal wieder) eine linksgrüne Hetzkampagne, habe ich mir erklären lassen, der Kanzler sei bloß falsch verstanden worden. Auf die journalistische Nachfrage, wie er das gemeint habe, antwortete Merz süffisant lächelnd, wir sollten unsere Töchter fragen und unterstreiche, was er gesagt hat.

 

Nun habe ich leider keine Tochter, muss also versuchen, mir selbst einen Reim darauf zu machen. Was bedeutet es denn, wenn das Stadtbild im Zusammenhang mit Migranten ein Problem ist? Wenn es um das Stadtbild geht, kann es ja nichts damit zu tun haben, ob ein Mensch hier geboren oder hierher geflohen ist, ob er hier arbeitet, ob er schon mal eine Straftat begangen hat. All das sieht man schließlich niemandem an. Demnach stören Friedrich Merz Menschen mit nicht-deutschem Aussehen.

 

Nein, so sei das natürlich nicht gemeint, musste ich mich belehren lassen. Er habe schließlich auch gesagt, dass er und seine CDU für ein offenes, liberales und demokratisches Deutschland stehen. Nun gut, was meinte er denn dann? In den sozialen Netzwerken wurde ich belehrt, dass es doch um Migranten gehe, die nicht arbeiten, diejenigen, die arbeiten, seien im Stadtbild ja gar nicht zu sehen, weil sie eben auf der Arbeit sind.

 

 

Also kein Achtstundentag für Migranten, damit sie das Stadtbild nicht stören? Ist es das, was der Kanzler im Sinn hat? Nun ja, kein Achtstundentag für niemanden wäre auch möglich, daran arbeitet die Regierung ja gerade fleißig. Ja, dass Migranten, die nicht arbeiten, im Stadtbild kriminelle Dinge tun, könne ja jeder sehen, habe ich mich weiter belehren lassen. Das zu leugnen oder dem zu widersprechen sei linksgrüne Hetze.

 

Aber ist es nicht vielmehr Rassismus, wenn hochrangige Politiker rassistische Ressentiments bedienen und der Widerspruch dagegen demokratische Pflicht? Auf keinen Fall, denn das wiederum mache nur die AfD groß. An diesem Punkt war ich kurz sprachlos. Doch doch, deren Zustimmung in der Bevölkerung wachse, weil die Linksgrünen die wahren und für alle sichtbaren Probleme leugne. Das habe sich in der „grünlinken Dekade“ (ja, wahres Zitat) deutlich gezeigt.

 

Moment. Linksgrüne Dekade? Also die zehn Jahre, in denen Robert Habeck Kanzler und Gregor Gysi Bundespräsident war, oder wie? Nein, natürlich auch die Merkeljahre mitgerechnet. Achso. Aber wären es dann nicht sogar zwei Dekaden? Natürlich nicht, denn Merkel sei ja erst 2015 mit der Massenmigration ins linksgrüne Lager gewechselt. Dass das ein Fehler war, habe damals ja schon Horst Seehofer erkannt, der die Migration als „Mutter aller politischen Probleme“ benannte.

 

 

Mir wurde jetzt zwar ein wenig schwindelig, aber noch wollte ich die Diskussion aufrecht halten. Welche großen Schäden die Migration denn verursacht habe, wollte ich daher wissen. Den Kollaps der Sozialsysteme, des Bildungssystems, der Krankenkassen und vor allem natürlich diesen rasanten Anstieg von Kriminalität, den man ja eben im Stadtbild sehen könne. Nun ja, aber rein statistisch sind die polizeilich erfassten Straftaten im Vergleich zu den Jahren zuvor nicht angestiegen, sondern sogar eher leicht gesunken.

 

Das gilt aber nur, wenn ich mir alle Straftaten ansehe, bestimmte Delikte haben sich seitdem vermehrt. Okay, okay, aber ging es nicht um die Mutter ALLER Probleme. Sei’s drum. Auch warum die Gesamtzahl der Straftaten sinkt, wenn einzelne Delikte eklatant steigen, konnte mir mein Gegenüber plausibel erklären. Zum einen wurde schließlich Cannabis legalisiert, zum anderen seien die Deutschen ja auch im Schnitt viel zu alt, um überhaupt noch Straftaten zu begehen.

 

Die Frage, ob Überalterung einer Gesellschaft die Politik nicht auch vor Herausforderungen stelle und ob das nicht durchaus auch Auswirkungen auf die Sozialsysteme etc. habe, schenkte ich mir. Stattdessen erlaubte ich mir einen Hinweis darauf, dass Studien ja belegen, dass nicht die Herkunft Ursache für Kriminalität ist, sondern die Lebensumstände. Somit könne es ja durchaus auch ein Weg sein, die hier lebenden Migranten zu integrieren, statt sie zum Sündenbock zu machen.

 

 

Aber so viele seinen nun mal dagegen, massenhaft Migranten hier anzusiedeln. Da sei es politisch viel einfacher, niemanden mehr reinzulassen. Dadurch ändere sich aber das Stadtbild noch nicht, wandte ich vorsichtig und mit böser Vorahnung ein. Eben. Darum arbeite unser Innenminister ja auch an Abschiebungen. Auch die haben die Linksgrünen ja immer verhindert, sogar schon seit den 90ern. Wobei sie sich dabei meist auf das Grundgesetz, auf EU-Recht oder die Menschenrechte berufen haben. Das natürlich auch nur, weil auch Europa fest in linksgrüner Hand ist. Die Bevölkerung hingegen wünsche sich etwas anderes.

 

Nun habe ich die Erfahrung gemacht, dass es die Bevölkerung als einheitlich denkende Masse nur in populistischen Narrativen gibt, doch das Argument wurde natürlich auch vom Tisch gewischt. Nein, nein, würden die Grünen und Linken nicht alles blockieren, könne die CDU endlich gute Politik machen. Ach ja und ohne die ebenso immer blockierende SPD natürlich. Das sei ja wohl offensichtlich.

 

Jetzt könne ich verstehen, dass es in der CDU Stimmen gibt, die gegen eine Brandmauer und für eine Koalition mit der AfD sind, merkte ich an. Nur warum die Linksgrünen dann Schuld daran sind, habe ich ehrlich gesagt nicht so ganz verstanden. Und auch nicht, warum ausländisch aussehende Menschen in unserem Stadtbild Sündenböcke für alles sein müssen. Aber ich bin ja auch nur ein Linksgrüner, der nicht die Migration als Mutter aller Probleme sieht, sondern viele andere Faktoren wie eine sich rasant verändernde Welt inklusive Klimawandel, erstarkenden Populismus und auch ein demokratiegefährdendes Verteilungsproblem.

 

 

Horror und Kirche – wie passt das zusammen?

Vortrag von John Sinclair-Autoren an Bord der Flussschifferkirche Hamburg

 

Die Flussschifferkirche in Hamburg ist tatsächlich eine schwimmende Kirche. Allein das macht sie einzigartig. Einzigartig war aber auch die Veranstaltung am vergangenen Samstag. „Gott und Religion im Horrorroman“, ein Vortrag von Florian Hilleberg alias John Sinclair-Autor Ian Rolf Hill und eine Lesung von Lara Möller aus dem gemeinsamen Sinclair-Roman „Fighting with my Demons“.

 

Horror und Kirche, das ist definitiv eine spannende Mischung, außerdem ist Florian Hilleberg ein Autor aus der Nähe von Göttingen, über den ich schon länger schreiben wollte, Warum also nicht nach Hamburg fahren und der Frage auf den Grund gehen, die ja auch mein Schreiben immer wieder aufwirft. Horror und Kirche – passt das überhaupt zusammen?

 

Zunächst einmal sei aber erwähnt, dass die Flussschifferkirche sich an Bord eines ausgedienten Schiffes im Binnenhafen nahe der Speicherstadt befindet. Sie steht jeder und jedem offen, die Idee dahinter war aber die Seelsorge für Binnenschiffer, es gibt regelmäßig Gottesdienste auf Hoch- und Plattdeutsch. Florian Hilleberg schreibt seit zehn Jahren für die Heftroman-Serie John Sinclair, der Geisterjäger aus der Feder von Jason Dark, der seit mehr als 50 Jahren gruselige Monster und Dämonen jagt. Lara Möller schreibt ebenfalls für John Sinclair, veröffentlichte aber auch eine in Hamburg spielende Krimis und etliche Bücher mehr.

 

„Ich war immer schon affin, was Monster, Kreaturen und so weiter angeht“, erzählte Florian Hilleberg. 1989 kaufte er für 1,80 D-Mark sein erstes John Sinclair-Heft, es war die Nummer 575 „Vampir-Gespenster“. Seine Mutter war damals etwas besorgt, doch sein Deutschlehrer beruhigte sie, indem er sagte: „Es ist ganz egal, was der Junge liest, Hauptsache er liest.“ (Tatsächlich ein Satz, den ein Professor, bei dem ich damals Nachhilfe hatte, auch meinen Eltern sagte.)

 

 

Beim Horror sei es die Kontrolle, die wir über das Böse haben, die einen Großteil der Faszination für Bücher ausmache. „Wir haben die Möglichkeit, jederzeit zu entscheiden, ob wir uns weiterhin der Angst aussetzen“, führte Florian Hilleberg aus. Zudem gewinnt John Sinclair meistens, zumindest ist aufgrund der Serie sicher, dass er nicht stirbt.

 

Auch Gut und Böse ist klar verteilt, wobei das Böse ja durchaus ganz eindeutig in der Figur des Teufels auftritt, der in der Serie als feste Größe immer wieder agiert. „Der Einfluss der Religion ist klar erkennbar“, so der Vortragende. Gott hingegen kommt als Figur nicht vor, nicht als handelnde Person jedenfalls. Durch John Sinclairs stärkste Waffe, das Silberkreuz ist aber klar, dass es Gott gibt. Warum also agiert er in den Romanen nicht selbst?

 

„Das liegt im Medium selbst begründet“, holte der Autor aus, weil man es nämlich eigentlich nur falsch machen könne. Der Versuch, Gott darzustellen, führe zwangsläufig zu einer Entmystifizierung. Gott ist allmächtig, erklärte er, er könnte also das Böse mit einem Fingerschnippen besiegen. „Dann wäre die Geschichte auf Seite drei beendet.“ Sollte Gott allerdings nur als Zuschauer auftauchen, wie soll er dann das Gute sein?

 

 

Es ist also im Sinne der christlichen Vorstellung eines allmächtigen und guten Gottes nicht möglich, ihn als handelnde Figur auftreten zu lassen. „Außerdem schreiben wir Autoren ja auch lieber über über das Böse“, fügte Florian Hilleberg lapidar hinzu, denn durch dem Kampf dagegen bekomme der Held erst sein Profil. Er selbst, so schloss er, stelle sich Gott jedenfalls nicht als alten, weisen Mann vor, für ihn bleibe er unfassbar. „Wie langweilig wäre unsere Welt, wenn wir auf jede Frage eine Antwort hätten!“

 

Nach einer Pause las Lara Möller dann aus „Fighting with my Demons“ (Band 2417). Die Geschichte beginnt passenderweise mit einem mittelalterlichen Kloster, das angegriffen wird. Tief unter dem Kloster verborgen lauert ein Geheimnis, eine Kreatur, die die heiligen Mauern im Zaum halten sollen. Jahrhunderte später steht dort eine Kirche, bei der es bei Renovierungsarbeiten zu einem grausigen Mord kommt. John Sinclair wird von den deutschen Kollegen um Hilfe gebeten, er entdeckt ein altes Verlies unter der Kirche, steigt hinab. Aus der Dunkelheit greift ihn ein Skelett an, entreißt ihm das Kreuz…

 

Damit endete die Autorin und machte durchaus neugierig auf die Geschichte. Der Abend in der Flussschifferkirche endete allerdings noch nicht, denn Lara Möller und Florian Hilleberg nahmen sich viel Zeit, um mit den Gästen zu diskutieren, zu plaudern und viele Fragen zu beantworten. Für mich war wieder einmal klar, dass Horrorliteratur und Kirche überhaupt kein Widerspruch sein müssen. Das Vertrauen darauf, dass am Ende das Gute besteht, sorgt in beiden Welten für unerschütterliche Hoffnung.

 

 

Mit Rechten reden?

Mo und die Herzberger

 

"Die Kugel ist für dich, Mo Asumang, die Kugel ist für dich!“, hieß es in einem Neonazi-Song. Er wurde der Filmemacherin und Fernsehmoderatorin im Fernsehen vorgespielt, weil man ihre Reaktion darauf sehen wollte. „Es zieht mir den Boden unter den Füßen weg“, berichtete Mo Asumang bei ihrer Lesung in Herzberg.

 

Im Rahmen der Schulkinotage Demokratie wurde sie eingeladen, da es zum ersten Mal nicht nur Filmvorführungen für Schüler*innen, sondern auch ein offenes Rahmenprogramm gibt. Mo Asumangs Film „Die Arier“ lief am Mittwoch, am Abend zuvor las sie im Gasthaus Deutscher Kaiser aus ihrem Buch „Mo und die Arier“. Gleich zu Beginn eben diese Szene.

 

Ja, sie reagierte auf die Hassbotschaft mit Angst. Als sie anschließend ins Auto stieg, fragte sie sich, ob vielleicht gerade jemand auf sie zielt. Und bis heute, so erzählte sie später, unterliegt sie dem Zwang, erst einmal in den Kofferraum zu gucken, bevor sie mit dem Auto fährt.

 

 

„Ich bin doch bloß eine Migrantin der zweiten Generation“, sagt sie und fragt sich, warum manche Menschen sie deshalb hassen. Diese Frage stellte sie nicht nur sich, sondern insbesondere in ihrem Dokumentarfilm vielen Menschen, die der rechten Szene angehören, die bekennende Neonazis oder Ku-Klux-Klan-Mitglieder sind. Und ja, sie erhielt darauf manche Antworten und immer wieder auf Nachdenklichkeit und Selbstreflexion.

 

Aus diesen Erfahrungen heraus ist Mo Asumang heute überzeugt, dass „mit Nazis redet man nicht“ grundsätzlich falsch ist. Das provoziere eine Abwehrhaltung und treibe diese Menschen nur no0ch mehr in die rechten Bubbles, in denen ihnen vorgesagt wird, was sie zu denken haben. Dem könne nur entgegengewirkt werden, indem man wieder und wieder mit diesen Menschen diskutiert. „Ich stehe für Dialog“, betonte sie.

 

Ja, Dunja Hayali hat sich ganz aktuell für eine Weile aus der (digitalen) Öffentlichkeit zurückgezogen. (Das übrigens, weil sie zum Mord an Charlie Kirk sagte, es sei mit nichts zu rechtfertigen, dessen Tod zu feiern, „auch nicht mit seinen oftmals rassistischen, sexistischen und menschenfeindlichen Aussagen.“ Auf diese Aussage hin, erhielt sie Anfeindungen und Todesdrohungen.) Auch diesen Rückzug kann Mo Asumang verstehen, schließlich weiß sie ja, wie sich sowas anfühlt. Ebenso die Haltung von Esther Bejarano, die sie gut kannte und die ihr immer wieder sagte, sie wolle nicht mit Nazis reden.

 

 

 

Mo Asumang hat sich jedoch für einen anderen Weg entschieden, gründete mit mo:lab einen Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Menschen für diesen Dialog zu schulen und zu stärken. Es müsse ja nicht immer gleich der Mann vom Ku-Klux-Klan sein (der ihr übrigens in eigenen Worten nicht erklären konnte, warum er sie oder insbesondere ihre Hautfarbe eigentlich hasst), es könne ebenso der Sympathisant gewisser Gruppierungen aus dem persönlichen Umfeld sein.

 

„Früher sagte man: Kalle, das kannste so aber nicht sagen, heute kündigen wir Kalle sofort die Freundschaft“, überspitzte sie, warum unsere Gesellschaft immer weiter auseinander zu driften scheint. Sie würde auch gerne Alice Weidel interviewen, weil sie diesen Gegensatz zwischen deren Ideologie und persönlicher familiärer Situation einfach nicht versteht. Allerdings plädierte sie auch dafür, in den Polittalkshows, in denen populistische Politiker eingeladen sind, immer jemanden direkt daneben zu setzen, der die Fakten checkt und geraderückt.

 

Es waren harte Erlebnisse und deutliche Botschaften, mit denen Mo Asumang ihr Publikum konfrontierte. Sie tat das allerdings zunächst im Interview mit Dirk Assel und dann im direkten Dialog mit den Zuhörer*innen so locker und unverkrampft, so dass auch durch diesen Abend deutlich wurde, warum sie so gut mit Menschen ins Gespräch kommt. Quod erat demonstrandum.

 

 

Heimat, Jazz und ein Einhorn

Kultur zur Stärkung der Demokratie – kann das gelingen?

 

Wenn wir zulassen, dass die Demokratie zerstört wird, werden wir es nicht mehr erleben, dass sie erneut aufgebaut wird, meinte Ayda Kırcı bei ihrem Konzert im Theater der Nacht in Northeim. Es war die Nacht der Demokratie am Vorabend des Tages der Demokratie, zu der der Heimat- und Museumsverein für Northeim und Umgebung e. V. eingeladen hatte. Ayda und ihre Band Anatolian goes Jazz präsentierten – wie der Name schon verrät – eine musikalische Symbiose aus türkischen Volksliedern und Jazz.

 

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erklären, dass ich von der HNA diesen Termin bekommen habe, um darüber zu berichten. Wie so oft habe ich mich im Vorfeld nicht groß vorbereitet, teils sicher auch aus Faulheit, aber auch, weil ich oft das Gefühl habe, viel unbefangener und direkter über etwas zu schreiben, zu dem ich keine vorgefertigte Meinung habe. Jedenfalls wusste ich nur, dass im Figurentheater „Theater der Nacht“ eine Nacht der Demokratie mit einem Konzert, einer Mischung aus türkischen Volksliedern und Jazz, stattfinden sollte. Klang für mich erstmal ein wenig wirr, aber wie gesagt, ich wollte mich darauf einlassen.

 

Als ich ankam, posierten vorm Eingang die Vertreter des Heimat- und Museumsvereins mit denen aus der Politik für die typischen Fotos, auf denen sich hinterher immer alle gerne sehen. Etliche Besucher waren auch da, was mich ehrlich gesagt doch ein wenig überraschte. Wenig später tauchten dann zwei auffällige Figuren auf, ein Herr mit Glatze, großer Nase und großem Mund – nein, ich war es nicht – Herr Rupert vom Retoberg, eine der bekannten Figuren des Theaters. Dazu ein Wesen, das man gesehen haben muss, da es sich kaum beschreiben lässt – ein Einhorn.

 

 

Da ich selbst über viele Jahre Figurentheater gespielt habe, kann ich mich dafür auf jeden Fall begeistern und vor allem mich darauf einlassen. Trotzdem wollte ich vom stellvertretenden Vereinsvorsitzenden, Marek Wischnewski, noch einmal genauer wissen, um was es nun eigentlich gehen sollte. In der Kultur sind Verschmelzungen problemlos möglich, erklärte er, durchaus üblich und eigentlich immer bereichernd. Da gehe ich auf jeden Fall mit.

 

Das sollte nun durch das Konzert präsentiert werden, denn die Musik erweiterte den gewöhnten akustischen Horizont. Dass es im Theater der Nacht stattfand, so erklärte mir Sängerin Ayda, hatte vor allem damit zu tun, dass sie diesen Ort sehr mochte und er für sie auch eine Strahlkraft bis nach Hannover hat, woher sie und ihre Band kommen. Okay, auch das leuchtete mir ein. Aber türkische bzw. anatolische Volkslieder und Jazz?

 

Tatsächlich war die Musik sehr gut hörbar, echt etwas Neues, und vor allem toll präsentiert. Dank der oft sehr persönlichen kulturgeschichtlichen Erläuterungen Aydas zu den einzelnen Songs war es gut nachvollziehbar und letztlich auch ohne Kenntnisse der türkischen Sprache in ihrer Emotionalität problemlos zu verstehen.

 

So wie Musik ist auch unsere Heimat in stetigem Wandel, schlug Marek in seiner Anmoderation den Bogen zu dieser ambitionierten Veranstaltung. „Wir wollen Menschen durch Kultur verbinden“, sagte er, das gelinge in Northeim durch das weit über die Grenzen hinaus bekannte Theater der Nacht immer wieder. Den Beweis dafür lieferten ja die „Bewohner“ des Theaters der Nacht, allen voran Rupert vom Retoberg (das Einhorn konnte nicht oder zumindest nur sehr wenig sprechen), die schon beim Empfang mit veganem Buffet den Kontakt zu den Besuchern aus Fleisch und Blut suchten und damit schnell Gespräche in Gang brachten.

 

 

Ayda, die zwischendurch auch von ihrer Familien- und Migrationsgeschichte erzählte, war eben wirklich der perfekte Gast für eine solche Nacht der Demokratie. Sie berichtete zum Beispiel, wie sie in der Grundschule kaum Deutsch sprach, dadurch lange unsicher war, erst später auf dem Gymnasium dank der Musik immer mehr Selbstsicherheit gewann. Solche Geschichten sind ja nun mal der beste Beweis, dass Kulturen zusammenwachsen und einander gegenseitig bereichern können.

 

Die Bedeutung des großen Themas, das über allem schwebte, wurde auch von den Grußworten des Landtagsabgeordneten Sebastian Penno, der stellvertretenden Landrätin Gudrun Borchers und Bürgermeister Simon Hartmann untermauert. Sie machten deutlich, dass Kultur eine Gesellschaft von innen her stärkt und mit Leben füllt. „In den USA erleben wir, wie die Demokratie in atemberaubendem Tempo rasiert wird“, betonte Simon Hartmann, „das muss uns eine Mahnung sein.“

 

Statt weiterer mahnender Worte gab es dann aber gesungene, Worte und Melodien, die letztlich auch deutlich machten, dass die Gefühle der meisten Menschen, ganz egal wo, relativ ähnlich sind. Damit war dieser Abend ein klingender Beweis dafür, dass Vielfalt und Toleranz sehr viel mehr sind als politische Schlagwörter. Und für mich wieder mal die Erfahrung, wie bereichernd es sein kann, wenn ich mich auf Neues einlasse und mir nur ein wenig Mühe gebe, die Ideen und Visionen anderer zu verstehen.

 

 

Besorgte Bürger

Wie erkenne ich rechte Codes und Symbole?

 

Über viele Jahre hieß es seitens der Politik und der Medien immer wieder, wir müssten die Bedenken besorgter Bürger ernst nehmen. Seien es die Bedenken vor Geflüchteten, vor Klimaschutzmaßnahmen oder auch vor Corona. Am Ende stellten sich diese Bürger oft als Rechte oder Rechtsextreme heraus, die vor allem Angst vor Veränderungen und Misstrauen gegen eine offene Gesellschaft schürten.

 

Inzwischen gibt es viele Menschen, die eben wegen dieser Rechten große Sorgen haben, das zeigte sich auch in der Besucherzahl bei den Veranstaltungen der Walkenrieder Woche für Vielfalt und Toleranz des Bündnisses BuntVernetzt. Selbst in einem kleinen Ort wie Walkenried haben viele Angst davor, dass Rechtsextreme die Vereine, die Ortsräte und letztlich unsere gesamte Gesellschaft infiltrieren.

 

Wie lässt sich das verhindern? Woran erkennen wir die Feinde unserer Demokratie überhaupt? Genau zu diesem letzten Punkt bot das Team FRED (Fachstelle für Extremismusprävention und Demokratiebildung) des Landkreises Göttingen einen Workshop an. „(Un)sichtbare Botschaften – Rechte Codes und Symbole erkennen“, darüber wollten viele mehr wissen.

 

 

Einige waren dort, weil sie Symbole im Alltag wahrnehmen, in sozialen Netzwerken, als Tattoos oder Graffiti, dazu bestimmte Zahlen, die für etwas stehen, Begriffe, die sie als Außenstehende nur schwer deuten können. „Früher war es einfacher, die Rechten zu identifizieren, damals liefen die eben alle mit Glatze und Springerstiefeln herum“, brachte es eine Teilnehmerin lapidar auf den Punkt. Das ist heute nicht mehr so und viele haben das Gefühl, zu wenig aufgeklärt und unterstützt zu werden.

 

Die beiden Mitarbeitenden des Team FRED hatten Karten mit verschiedensten Symbolen und Bildern mitgebracht, die sie auf dem Boden ausbreiteten. Okay, ein Hakenkreuz ist für alle eindeutig und als verbotenes Symbol zu identifizieren. Beim Eisernen Kreuz wird es schon schwieriger, da dieses bis heute auch von der Bundeswehr als Symbol verwendet wird. Noch komplizierter wird es bei verschiedenen Runen etc., die je nach Kontext Erkennungszeichen von Rechtsradikalen sein können, während der Thorshammer Mjölnir ebenso in der Metal-Szene oder spätestens seit Marvel in der Popkultur eine große Bedeutung hat.

 

Hinzu kommen Symbole, die inzwischen verfremdet wurden, so dass sie eben nicht mehr verboten sind, oder aber bewusst auf Verwechslungsgefahr hin ausgelegt sind, wie beispielsweise der SS-Totenkopf, der von anderen, harmlosen Totenkopfdarstellungen auf den ersten Blick nicht zu unterscheiden, aber in Deutschland strafbar ist. Oder beispielsweise Taylor Swift, die aufgrund ihres Aussehens wider Willen zu einer Ikone für manche Vorkämpfer einer „weißen Rasse“ wurde.

 

 

Eine Teilnehmerin blieb am Foto eines jungen Mannes hängen, von dem sie zugeben musste: „der sieht doch ganz nett aus.“ Die Aufklärung des FRED-Teams: „Das ist Martin Sellner, einer der führenden Akteure der Neuen Rechten.“ Ja, eben keine Glatze und Springerstiefel, sondern sympathisches und erst einmal gemäßigtes Auftreten, das ganz bewusst an den Tag gelegt wird, um Türen zu öffnen.

 

Genau das macht es ja so schwierig, Extremisten auf den ersten Blick zu erkennen und aus Vereinen oder Ortsräten fernzuhalten. Die Symbole sind selten eindeutig, das auftreten ebenso wenig. Doch sei es gut, sich ein wenig auszukennen, auf Indizien zu achten und dadurch immer mal wieder wachsam zu sein, wem wir unsere Türen öffnen.

 

Dazu wünschten sich etliche der Teilnehmer mehr Information, immer mal wieder Updates und viel mehr Aufklärung in den Medien und vor allem auch vor Ort. So blieben am Ende des Workshops viele Fragen offen, viele Unsicherheiten, bei einigen vielleicht sogar mehr als vorher. Dazu aber das Wissen, dass es gut informierte Fachleute für diese Fragen gibt, vor allem eben Menschen, die sie mit ihren sorgen vor den Rechten ernst nehmen. Denn das, so scheint es in der Bundespolitik und den Medien häufig, wird längst nicht so häufig thematisiert wie die Bedenken auf der „anderen“ Seite.

 

 

Zu arm für Ananas

Warum die Tafel für unsere Gesellschaft wichtig ist

 

Durch aktuelle Debatten zum Bürgergeld und politische Angriffe auf den Sozialstaat geraten auch die Tafeln in die Diskussion. In der vergangenen Woche mischte ich mich in einem sozialen Netzwerk in eine Diskussion zum Thema Armut und Geld für Lebensmittel ein, in der kritisiert wurde, dass Kund*innen der Tafel diese Unterstützung ja nicht bräuchten, wenn sie ihr Bürgergeld nicht für Zigaretten und Tattoos ausgeben würden.

 

Zwar weiß ich nicht, wie viel Prozent der Kund*innen der Osteroder Tafel Raucher oder tätowiert sind, das spielt aber auch keine Rolle. Mir ging es eher darum, dass ich auch Menschen mit geringem Einkommen nicht bevormunden will, weil das durchaus etwas mit Würde zu tun hat. Fast schon vorhersehbar gab es darauf dann einen Kommentar, in dem jemand behauptete: „Ich erinnere mich dass ich mal keine Ananas gekauft habe, weil die mir einfach zu teuer war. Als ich bei der Tafel vorbeikam hatte jeder eine Ananas. Ich dachte einfach nur noch wer arbeitet macht irgendwas falsch in Deutschland.“

 

Hierzu ist Folgendes zu sagen: Die Aufgabe, die sich die Tafel gestellt hat, ist zweierlei. Zum einen natürlich, Lebensmittel vergünstigt an diejenigen weiterzugeben, die sich wenig leisten können. Zum anderen aber auch, Lebensmittel, die in den Märkten nicht verkauft und sonst weggeworfen werden, zu retten. Dieser Aspekt ist in unserer Konsumgesellschaft aus Gründen der Nachhaltigkeit ebenso wichtig. Und aus diesem Grund kann es durchaus dazu kommen, dass ein Markt mal deutlich mehr Ananas einkauft als verkauft werden und dann eine relativ große Menge von der Tafel abholen lässt.

 

 

So kann es passieren, dass an manchen Ausgabetagen die Kund*innen alle mit einer Ananas nach Hause gehen. Es könnte durchaus auch Kaviar sein oder Champagner (auch wenn das praktisch eher selten vorkommt). Fakt ist jedenfalls, dass es für die Bedürftigen nicht nur Lebensmittel gibt, die kurz vorm Vergammeln sind, sondern frische Waren aller Art. Wer da nun neidisch nach unten blickt oder gar tritt, sollte daraus nicht den Schluss ziehen, dass alle, die arbeiten gehen, etwas falsch machen, sondern vielmehr seinen Wertekompass hinterfragen.

 

Der Ursprung der Tafeln war der, dass Menschen feststellten, dass wir zum einen in einer Wegwerfgesellschaft leben und dass zudem Vermögen in unserem reichen Land äußerst ungerecht verteilt ist. Diesem Missstand nahmen sich Menschen ehrenamtlich an, holten Lebensmittel bei Supermärkten etc. ab und gaben sie an diejenigen weiter, die sie am dringendsten brauchen.

 

Darunter faktisch wie statistisch viele Kinder aus armutsgefährdeten Familien und viele Rentner*innen. Wie viele davon rauchen, weiß ich ehrlich gesagt nicht, offensichtlich tätowiert sind definitiv die wenigsten. Fakt ist aber auch, dass sich die Zahl der Tafeln in Deutschland seit Mitte der 90er Jahre vervielfacht hat, um die Jahrtausendwende waren es etwa 250 Tafeln, inzwischen fast 1000. Zur Osteroder Tafel gehören insgesamt elf Ausgabestellen in der Region, die Zahl der Kund*innen ist in den vergangenen zwanzig Jahren stetig gestiegen.

 

 

Grund dafür ist sicher nicht, dass die Deutschen immer fauler werden bzw. erkannt haben, dass sich Arbeit nicht mehr lohnt. Grund ist vielmehr eine immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen arm und reich, die dafür sorgt, dass immer mehr Menschen vom Lohn für ihre Arbeit oder ihrer Rente nicht mehr über die Runden kommen.

 

Gerade deshalb macht es mich ehrlich gesagt wütend, wenn populistische Politiker und andere in einigen Medien lauthals verkünden, dass wir nicht mehr leistungsbereit seien, durch Bürgergeldempfänger wirtschaftliche Probleme hätten und uns den Sozialstaat nicht mehr leisten könnten. Ohne Ehrenamtliche – nicht nur, aber auch bei der Tafel – sähe es in unserem Land noch ganz anders aus. Und an dieser Stelle sei außerdem betont, dass bei der Tafel meist nicht die oberen Zehntausend ehrenamtlich tätig sind, sondern häufig Menschen, die selbst nicht weit von der Bedürftigkeitsgrenze entfernt sind.

 

Diese Menschen sorgen unentgeltlich dafür, dass Tonnen von Lebensmitteln in Deutschland nicht verkommen und dass zahlreiche Familien nicht verzweifeln, weil sie den Kindern keine ausgewogene Ernährung bieten können. Diese Menschen sorgen dafür, dass sich der Staat diese großen Aufgaben (für die er aus meiner Sicht aber verantwortlich wäre) gar nicht leisten muss. Aus diesem Blickwinkel ist vielleicht nachvollziehbar, warum Menschen, die auf die Ärmsten unserer Gesellschaft herabschauen, und insbesondere Politiker, die sie auch noch zu Sündenböcken erklären, mich mehr und mehr sauer machen.

 

 

Hüterin der Schriften

Mein Buch erscheint

 

Nita und Meera leben in Gandhara, der Hauptstadt des Landes Mithila. Als eines Tages eine bisher unbekannte Bedrohung über Mithila und seine Bewohner hereinbricht, muss Meera als Wächterin Gandharas in den Kampf ziehen. Nita wird als Hüterin der Schriften beauftragt, die Kultur und Geschichte, die Aufzeichnungen aller Menschen, die jemals lebten, in Sicherheit zu bringen. Kann es ihr gelingen?

 

„Hüterin der Schriften“ heißt meine Fantasystory, die nächsten Monat als Buch erscheint. Als Selfpublisher habe ich in den letzten Monaten und Wochen eine ebenso aufregende Reise mitgemacht wie meine Protagonistin Nita. So fühlt es sich jedenfalls an.

 

 Die übrigens gerät auf ihrer Suche nach einem sicheren Ort für die Schriften durch ein magisches Portal sogar bis in andere Welten (wenn ihr „Mörderkind“ auf meinem Youtubekanal CrYzZ Storys gehört habt, könnte euch sogar etwas bekannt vorkommen). Auf jeden Fall ist es Nitas Reise, um das, was die Kultur Mithilas ausmacht, zu retten. Denn letztlich ist doch in allen Welten die Kreativität das, was uns ausmacht.

 

 

 Für mich war es eine Reise, die ich so nie geplant habe. Alles fing damit an, dass Melli und Martin von der Band Flaming Row mich fragten, ob ich Lust hätte, die Geschichte für ihr neues Konzeptalbum zu schreiben. Klar hatte ich! Und so setzten wir uns zusammen und ließen erst einmal alle Ideen sprudeln.

 

 Nun ist es so, dass ich Melli und Martin schon ewig kenne, auch damals über das allererste Konzeptalbum „Elinoire“ habe ich schon geschrieben. Damals natürlich journalistisch. Progressive Rock, also sowieso eine Musikrichtung, die sich durch vielfältige Einflüsse auszeichnet, vor allem aber ein Album, für das Martin zahlreiche namhafte Künstler aus der Szene anschrieb, ob sie nicht mitwirken wollten. Alles, was er bekam, fügte er zu einem Gesamtwerk zusammen, auf dem ich bis heute beim Hören irgendwie immer noch Neues entdecke.

 

Auch über die folgenden Veröffentlichungen habe ich in den letzten 15 Jahren immer mal wieder berichtet, die CDs, die sie in kleinerer Besetzung als Melanie Mau und Martin Schnella produzieren, aber natürlich auch über die großen Flaming-Alben, die immer international und bombastisch waren. Dazu kam viel Privates und immer wieder auch gemeinsame Auftritte, bei denen die beiden (oft zusammen mit anderen Musikern) spielten und ich einige meiner Geschichten las. (Manches davon ist auch auf Youtube zu finden.)

 

 

Und nun sollte ich die literarische Vorlage für die nächste große internationale Produktion schreiben. Eine Ehre, das auf jeden Fall, aber auch eine Herausforderung. Fantasy sollte es sein, entschieden wir, aber nicht allzu typisch. Vor allem nicht das, was im Metal oft geradezu klischeehaft bedient wird. Wie wäre es mit weiblichen Helden? Zwei weiblichen Heldinnen, die auch noch ein Paar sind? Okay, warum eigentlich nicht?

 

Dazu fiel mir dann eine Geschichte ein, die ich in ihren Grundzügen schon im Kopf habe, seit ich mit meinem Bruder und meiner besten Freundin damals mit der Ritterburg von Playmobil gespielt habe. Die Burg wurde immer wieder von Drachen angegriffen und von den Rittern verteidigt. In der Geschichte zog einer der Ritter aus, um Hilfe bei einer Zauberin zu suchen, die weit weg in den höchsten Bergen lebte.

 

 

Natürlich ist „Hüterin der Schriften“ eine neue Geschichte, eine ganz eigene. Statt der Drachen habe ich eine andere Bedrohung gewählt, aus Rittern würden eben Wächterin und Hüterin in einer eher asiatisch angehauchten Welt. Aber Grundzüge aus meiner kindlichen Fantasie von damals habe ich einfließen lassen. Im Grunde träumte ich damals schon davon, aus dieser Story einmal ein großes Epos zu schreiben. Diesen Traum habe ich mir jetzt sozusagen erfüllt. Okay, die Geschichte ist mehr eine Erzählung als ein Epos, zugegeben. Dafür aber ist die Musik absolut episch.

 

Während ich jetzt die Korrekturen im Manuskript eingearbeitet habe, meine Wünsche für das Cover immer wieder äußerte und hinterfragte und mich auch nach einer Möglichkeit der Veröffentlichung umgesehen habe, gingen mir viele Gedanken durch den Kopf. Warum nicht schon früher, war einer davon. Nun, weil die Zeit vielleicht einfach noch nicht reif war. Und was hätte der kleine Junge von damals gesagt, wenn ihm jemand erzählt hätte, dass seine Geschichte einmal mit internationalen Musikern vertont wird?

 

Er wäre wahrscheinlich sprachlos gewesen, denn das bin ich ehrlich gesagt auch heute noch. Aber es ist ein großes Abenteuer, ein spannender Schritt und vor allem etwas, das sich sehr, sehr gut anfühlt.

 

Ab September ist „Hüterin der Schriften“ als Buch und als E-Book überall bestellbar, wo es Bücher gibt. Wenig später erscheint dann auch das Album „Keeper Of The Scriptures“ in englischer und deutscher Sprache, als instrumentale Version und sogar als Hörbuch. Für mich immer noch unglaublich. Aber ja, Kreativität ist letztlich das, was uns ausmacht.

 

 

Die Kirche brennt

Größte Holzkirche Deutschlands stand in Flammen

 

Dass eine Kirche brennt, ist für mich als Journalist, der für die Kirche arbeitet, der größte Horror. Genau das ist am Wochenende eingetreten und ich war in den letzten Tagen mit nichts anderem mehr beschätigt. Zum Glück sieht aktuell alles sehr hoffnungsvoll aus, gerade heute, wo ich auch einen Blick ins Innere der Marktkirche in Clausthal-Zellerfeld, der größten Holzkirche Deutschlands und einem Wahrzeichen hier im Harz, werfen durfte. Hier meine Pressetexte der vergangenen Tage:

 

Ein Feuer an der Clausthaler Marktkirche Zum Heiligen Geist versetzte die Feuerwehr, die Anwohner und den Kirchenvorstand in der Nacht von Samstag auf Sonntag in helle Aufregung. Kurz nach Mitternacht geriet die Fassade in Brand, als die Einsatzkräfte der Feuerwehr und der Polizei eintrafen, war eine starke Rauchentwicklung sichtbar.


Küster Daniel Pätzolt war es zu verdanken, dass die Tür schnell geöffnet werden konnte, wobei der Rauch auch schon in den Innenraum gezogen war. Dennoch war es Glück im Unglück, denn durch das schnelle Eingreifen konnte weit Schlimmeres verhindert werden. Selbst die Orgel, die sich direkt hinter der beschädigten Fassade befindet, könnte glimpflich davongekommen sein.


Die Feuerwehren waren mehrere Stunden im Einsatz, die Schadenshöhe kann noch nicht beziffert werden. Die Polizei hat ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der schweren Brandstiftung eingeleitet.

 

 

Am Sonntagmorgen entschied Dorothea Römpage mit Dorothea El-Bathich, dennoch einen Gottesdienst zu feiern. „Es ist ein Grund, dankbar zu sein, wenn es so abläuft“, sagt die Vorsitzende des Kirchenvorstandes. Mit einem Zettel an der Tür der inzwischen versiegelten Kirche lud sie zum Gottesdienst ins Gemeindehaus ein.„Allerdings hatten wir anfangs kein Feuer, um die Kerzen zu entzünden, und ich fand es auch ein wenig makaber, zu fragen, ob jemand ein Feuerzeug dabeihatte“, erzählt Dorothea Römpage mit dem Ansatz eines Lächelns, in dem der Schock der Nacht allerdings noch mitschwingt.


In jedem Fall sind sie und alle anderen dankbar, dass der Schaden nicht noch größer ist und die Feuerwehr so schnell vor Ort war. Alles andere wird sich in den kommenden Tagen regeln.

 

 

„Zehn Minuten später und der Dachstuhl hätte in Flammen gestanden“, vermutet Kirchenvorsteherin Ulrike Schoof von der Brandnacht an der größten Holzkirche Deutschlands. Sie und Ute Wendt waren in der Nacht vor Ort, haben mit angesehen, wie eine große Katastrophe im letzten Moment verhindert wurde.


Kurz nach Mitternacht schlug am Sonntag die Brandmeldeanlage Alarm, der Küster war schnell vor Ort und da er eben nicht nur Küster, sondern auch in der Feuerwehr ist, konnte er den Kamerad*innen Türen öffnen, Wege zeigen, dadurch vermutlich Schlimmeres verhindern. Immerhin konnte der Innenraum der Marktkirche nur mit Atemschutzmasken betreten werden. „Es war so verraucht und dunkel, dass man drinnen gar nichts erkennen konnte“, berichtet Ute Wendt gefasst, aber dennoch mitgenommen von den Ereignissen der Brandnacht.


Der Küster, Daniel Pätzolt, hatte sie beide angerufen und natürlich machten sie sich sofort auf den Weg. An der Kirche angekommen, waren die Feuerwehren bereits im Einsatz, doch immer noch konnten sie Stichflammen oben lodern sehen, weil der Zwischenraum zwischen der Holzverkleidung und der Wand wohl wie ein Kamin wirken musste. Dichter Rauch und verkohltes Holz waren die Folge. Zu dem Zeitpunkt wusste noch niemand, wie groß der Schaden im Innenraum schon war.

 

 

Dann habe Einsatzleiter Sven Küster ihnen deutlich gemacht, wie knapp es tatsächlich war, also in der Tat kurz davor, dass das Feuer auf den Dachstuhl übergreifen konnte und die Feuerwehrleute nichts mehr hätten tun können. „Während wir von Daniel immer wieder Zwischenmeldungen bekommen haben, haben wir vom Bäcker noch Brötchen und Kaffee geholt, der dort schon bereitgestellt war“, erzählen die beiden, „In dem Moment denkst du ja nicht mehr, sondern reagierst nur.“


Später konnten sie dann durch das Loch in der Wand einige Blicke erhaschen. Immerhin steht dort die noch neue Orgel, der natürlich auch große Sorge galt. Wie groß der Schaden allerdings wirklich ist, wird sich erst zeigen, wenn ein Gutachter in die aktuell noch als Tatort versiegelte Kirche darf und sich einen fachkundigen Überblick verschafft.


„Es war schon heftig“, sagen Ute Wendt und Ulrike Schoof, „aber es lief in dieser Nacht alles sehr, sehr gut.“ Somit ist Erleichterung das beherrschende Gefühl, die Dankbarkeit, dass die Feuerwehr und vielleicht noch etwas anderes viel Schlimmeres verhindert haben.


So formuliert es auch Superintendentin Ulrike Schimmelpfeng: „Am Sonntagmorgen waren wir zugleich alle dankbar, dass nicht noch mehr passiert ist. Unser sehr großer Dank gilt  den Feuerwehrmännern und -frauen für ihren couragierten Einsatz.“ Doch sie fügt auch hinzu: „Da die neue, am 1. Advent 2022 eingeweihte Goll Orgel hinter der Wand steht, an der es gebrannt hat, ist unsere Sorge groß, was wir vorfinden, wenn wir die Kirche wieder betreten und Fachleute den Schaden einschätzen können.“

 

 

Auf den ersten Blick sieht es hoffnungsvoll aus. So urteilten Pastorin Mirja Rohr und Kantor Arno Janssen nach der ersten Begehung der Clausthaler Marktkirche. Erstaunlich wenig offensichtliche Feuchtigkeit im Innenraum und auch wenig Ruß. Nur der Geruch nach verbranntem Holz liegt natürlich über allem.


Am Nachmittag hatte die Polizei die Holzkirche, die nach dem Brand in der Nacht von Samstag auf Sonntag wegen des Verdachts auf Brandstiftung versiegelt worden war, wieder freigegeben. Natürlich musste ein erster Blick erfolgen, zum einen, um einen Eindruck der Schäden zu bekommen, zum anderen aber auch, um weitere Folgeschäden möglicherweise zu verhindern.

 

 

Mirja Rohr war erstaunt, dass es der Feuerwehr offenbar gut gelungen war, die Wand zu löschen und die Kirche mit allem darin so gut wie möglich zu schonen. Arno Janssens Blick galt natürlich vor allem der erst 2022 eingeweihten Goll Orgel, die aber ebenfalls einen guten Eindruck machte.


Doch natürlich sind beide nur Laien, nun müssen Gutachter, unter anderem aus dem Bereich der Landeskirche, feststellen, wie groß der Schaden tatsächlich ist. Dazu soll es am kommenden Montag eine Begehung geben, die detailliertere und fundierte Ergebnisse bringen soll. Daraufhin entscheidet sich dann auch, wie es für die Kirchengemeinde weitergeht, das lässt sich nun einmal nicht nach einem ersten Eindruck sagen.

 

Deutschland muss wieder sicher werden

Was ist dran am Gefühl vieler Menschen, dass es in unserem Land immer unsicherer wird?

 

„In Deutschland kann man nicht mehr sicher leben“, behauptet der stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft DPolG, Manuel Ostermann. Damit greift er ein Gefühl der Unsicherheit vieler Menschen auf, fordert, dass Deutschland endlich wieder sicher wird. „Man kann die Realität gerne leugnen, aber das wäre ein Bärendienst für die in Deutschland lebenden Menschen.“ Doch wie sieht die Realität denn aus?


Ja, Anschläge wie in Magdeburg und Tötungsdelikte wie in Augsburg sind eine Tragödie und dürfen nicht passieren. Gerade in den sozialen Medien aber lesen wir täglich davon, täglich fordern auch Politiker (unter anderem ganz vehement auch Bundeskanzler Merz), dass sowas nicht Normalität werden darf, oder schärfer formuliert, dass wir nicht zulassen dürfen, dass Ausländer jeden Tag jemanden mit einem Messer abstechen.


Doch Moment mal. Jeden Tag? Wie hoch ist eigentlich die Tötungsrate in Deutschland? Im Jahr 2023 betrug die Zahl der Mordfälle in Deutschland 214. Mehr als im Vorjahr. Also nicht jeden Tag, aber mehr als jeden zweiten. Statistisch gesehen laufen wir also jeden zweiten Tag Gefahr, ermordet zu werden. Das klingt durchaus beunruhigend.

 

 

Alles eine Folge rot-grüner Politik? Wie gesagt, die Zahl der Morde ist von 2022 auf 2023 angestiegen. Von 211 auf 214 Fälle. Vor der Ampel, 2020 waren es 245. Also stieg die Bedrohung durch den Zustrom von Flüchtlingen und Merkels „Wir schaffen das“? Auch nicht. 2014 gab es in Deutschland 249 erfasste Mordfälle.


Also sehen wir uns alles mal im internationalen Vergleich an. Das United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) erhebt die jährliche Tötungsrate pro 100.000 Einwohner. Die gilt internat

ional als Indikator für den Sicherheitsstandard eines Landes. Sie liegt in Deutschland im Jahr 2021 bei 0,8, also 0.8 Tötungen pro 100.000 Einwohner.
Was bedeutet das eingeordnet in den internationalen Kontext? Nun, in Frankreich liegt die Tötungsrate bei 1,1, in den Vereinigten Staaten bei 6,4, in Russland bei 6,8. In Syrien beispielsweise lag sie 2010 bei 2,2, in Argentinien liegt sie bei 4,3. Die sichersten Länder der Welt sind danach Amerikanisch-Samoa, Monaco, Montserrat, Tuvalu und Vatikanstadt mit einer Tötungsrate von 0. Die meisten Länder dieser Erde aber sind deutlich unsicherer als Deutschland.

 

 

Betrachtet man übrigens die Zahl aller erfassten Straftaten in Deutschland, stellt man fest, dass diese vor zwanzig oder auch dreißig Jahren ebenfalls deutlich höher lag als heute. Unter 6 Millionen Taten waren es laut Statista 2023, während die Zahl 2005 bei 6.391.715 und im Jahr 1995 bei 6.668.717 lag.


Demnach ist die von vielen gefühlte Unsicherheit in unserem Land eine subjektive Wahrnehmung oder aber eine gefühlte Wahrheit, die gezielt befeuert wird. Natürlich ist jeder Tod tragisch, jeder Mord unnötig, jedes Opfer beklagenswert. Aber absolute Sicherheit gibt es nicht, nicht mal, wenn wir populistischen Narrativen folgen, die Menschen bestimmter Herkunft durch rassistische Verallgemeinerungen zur Ursache für Unsicherheit erklären wollen.


Wenn wir so sicher wie möglich sein wollen, müssen wir uns am besten eine Insel im Pazifik suchen, oder aber die, die uns Angst machen wollen, immer wieder zu hinterfragen, was vielleicht ihre Absicht sein könnte. Oder anders gefragt: Erweisen nicht diejenigen, die uns immer wieder Unsicherheit einreden (und auch gleich noch mit ausgestrecktem Finger auf vermeintliche Sündenböcke zeigen) den Menschen in Deutschland einen Bärendienst?

 

 

Die Inhalte finden uns – und unsere Kinder

Digitalbotschafterin spricht über Gefahren für Kinder im Internet

 

„Ich möchte Sie mitnehmen in den Abgrund dessen, was im Netz passieren kann“, sagte Silke Müller zu Beginn ihres Vortrags zum Thema Internet und Kinder- und Jugendschutz. „Sehen wir noch was in den Kindern vorgeht?“, fragte sie und spielte damit auch auf den jungen Amokläufer an einer Schule in Graz an. Auch er war wohl jemand, der sich sehr zurückzog und in Internetwelten flüchtete.


Silke Müller ist Schulleiterin in Wildeshausen bei Oldenburg, Buchautorin und Digitalbotschafterin des Landes Niedersachsen. Nach der schrecklichen Tat in Graz war sie in der vergangenen Woche in Österreich als Expertin für Interviews eingeladen, fand aber dennoch Zeit für einen Videovortrag im Rahmen des Empfanges des Kirchenkreises Harzer Land.


„Es ist mir ein Anliegen, dass wir die sozialen Medien nicht nur nutzen, sondern uns auch mit ihren Herausforderungen auseinandersetzen“, machte Superintendentin Ulrike Schimmelpfeng deutlich, warum Silke Müller als Referentin angefragt worden war. Dazu nämlich hat sie einiges zu sagen, und das tatsächlich aus einem ganz praktischen Blickwinkel. Als Schulleitein nämlich hat sie eine Socialmediasprechstunde ins Leben gerufen, in der Kinder über alles reden können, was sie im Netz zu sehen bekommen, was sie bewegt und auch verstört.

 

 

Zunächst einmal wertfrei, nicht um zu verbieten, sondern um zu verstehen. Das nämlich, so führte die Referentin aus, sei ein großes Problem. Das Handy nimmt heute in der Freizeit – nicht nur bei Kindern – immer mehr Raum ein. Etliche Eltern nutzen elektronische Medien auch viel zu früh, um ihre Kinder ruhig zu stellen. Ja, digitale Teilhabe sei wichtig, betonte Müller, ebenso aber das Wissen um das, was Kinder und Jugendliche im Netz unweigerlich zu sehen bekommen.


Als Beispiele zeigte sie einige virale Videos etc., die erst einmal harmlos erscheinen, letztlich aber bei einer Katze im Mixer oder Gaskammern im Spiel „Roblox“ (die beiden letzten Beispiele zeigte sie natürlich nicht explizit) enden. Bereits Grundschulkinder kennen das alles. Die Algorithmen von TikTok und anderen sorgen dafür, dass nicht die Kinder solche Inhalte finden, sondern solche Inhalte die Kinder finden, ihnen so oder so in die Timeline gespült werden.
Laut Studien, so führte sie aus, fühlen sich 21 % der 7 bis 17-Jährigen einsam. So auch der Täter von Graz. 58 % der 12 bis 19-Jährigen lesen Fake News, 51 % beleidigende Kommentare, 42 % radikale Ansichten, 40 % Verschwörungstheorien (laut JIM-Studie). Jedes dritte Kind erfährt sexuelle Belästigung.


Das heiße nicht, dass wir die Digitalität verteufeln sollen, machte die Referentin deutlich, aber „wir müssen die Schattenseiten in den Griff bekommen.“ Dabei geht es um Kompetenzen, die ihrer Meinung nach bei Kindern wie auch uns Erwachsenen viel zu wenig ausgeprägt seien. Technische Einstellungen auf den Endgeräten oder generelle Verbote reichen absolut nicht aus.

 

 

Hinzu kommen jetzt und in nächster Zukunft weitere Herausforderungen durch künstliche Intelligenzen, die vieles sehr einfach machen, neue Realitäten schaffen und auch gut zur Beeinflussung nutzbar sind. Inzwischen fällt es selbst geschulteren Menschen schwer, KI-Inhalte eindeutig zu erkennen. „Und KI geht nicht wieder weg.“ Darum sei Medienkompetenz ungemein wichtig.


Einige ihrer Lösungen beruhen auf Altersbeschränkungen für Social Media, auf Verboten an Schulen, aber nicht von jeder Schule einzeln geregelt, sondern landes- oder gar bundesweit, und auch in einem generellen Verbot von Kinderfotos im Netz. „Ich erwarte, dass die Politik durchgreift“, forderte Silke Müller. Vor allem aber müssten wir uns mit dem beschäftigen, was unsere Kinder im Netz konsumieren. „Wir haben unsere Kinder an der Stelle verloren, wo wir aufhören, uns für sie zu interessieren.“


Sie sorgte mit ihrem Vortrag bei ihren Zuhörer*innen – zu denen nicht nur geladene Gäste aus dem kirchlichen Umfeld gehörten, sondern ebenso aus der Politik und den Schulen im Harzer Land – für neue Einblicke und Hintergründe und ebenso für ausreichend Diskussionsstoff.

 

 

Kultur überwindet Grenzen

Krimi-Party auf dem Brocken

 

Die Dampflok kämpfte sich den Berg hinauf, vorbei an abgestorbenen Bäumen und zum Teil verbrannten Stümpfen. Ja, die Trockenheit und der Borkenkäfer und nicht zuletzt die ebenfalls durch den Klimawandel bedingten Waldbrände haben das Gesicht des Harzes in den vergangenen Jahren verändert. Was weltweit durch die Medien geistert, wird hier sichtbar. Tragisch. Zumindest auf den ersten Blick. Doch die Natur wird sich erholen, auch das wird hier unterhab des Brocken deutlich. Wenn überhaupt sind wir Menschen am Ende die Leidtragenden.

 

Doch während Roland und ich mit der Brockenbahn nach oben fuhren, redeten wir über ganz andere Zeiten, die die Welt veränderten. Denn noch vor wenigen Jahrzehnten wäre eine solche Fahrt undenkbar gewesen. Die Welt, Europa, Deutschland und auch der Harz waren geteilt, dass wir jemals auf dem Gipfel des Brocken stehen würden, war für mich in meiner Kindheit und Jugend unvorstellbar.

 

Am Pfingstsonntag feierte das Brockenhaus sein 25-jähriges Bestehen, wir waren eingeladen und mir wurde erst auf der Fahrt so richtig bewusst, wie geschichtsträchtig dieser Anlass eigentlich ist. Daher möchte ich euch hier erst einmal meinen Pressetext zu lesen geben:

 

 

Kaum ein Ort in Deutschland ist neben Berlin und der Mauer so sehr mit der deutsch-deutschen Teilung und der Wiedervereinigung verbunden wie der Brocken. Seit 25 Jahren thront auf dem höchsten Berg Norddeutschlands das Brockenhaus und ist einerseits Museum, um an die bewegte Historie des stürmischen Gipfels zu erinnern, andererseits Besucherzentrum des Nationalparks Harz.


Zu Pfingsten wurde es im Jahr 2000 eröffnet, am Pfingstsonntag wurde auch das große Jubiläum gefeiert. In Grußworten und Festreden, unter anderem vom stellvertretenden Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Armin Willingmann, oder dem ehemaligen Leiter des Nationalparks sowie Oberbürgermeister der Stadt Wernigerode, Peter Gaffert, wurde der Entstehungszeit sowie des vergangenen Vierteljahrhunderts gedacht, wo das Brockenhaus von der „Stasi-Moschee“ zum Symbol des heute grenzenlosen Harzes wurde.


Diesen Blick auf den gesamten Harz unterstreicht der heutige Brockenhaus-Geschäftsführer auch immer wieder mit dem Mordasharz-Festival, das in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Niedersachsen stattfindet und jährlich Krimifans an ausgewählte Orte und somit auch auf touristische Pfade in die Region holt und zum festen Bestandteil des kulturellen Angebots in allen drei Bundesländern wurde. Aus diesem Grund wurde auch das Jubiläum mit drei hochkarätigen Krimilesungen gefeiert.


Die Bestsellerautoren Sebastian Fitzek, Sven Stricker und Andreas Gruber waren zu Gast und boten den Gästen in einer von Dietmar Wunder – die deutsche Stimme von James Bond oder John Sinclair – moderierten Gala Einblicke in die Welt ihrer Bücher. Alle drei zeigten sich in bester Erzähllaune, lasen einzelne Passagen und erzählten einige Anekdoten zum Entstehen ihrer Krimis oder auch zu Mordsharz und ihren Erlebnissen im Harz.


Zwischendurch gab es Theater und im Erdgeschoss Livemusik, so dass es eine abwechslungsreiche lange Museumsnacht wurde, an deren Ende es für die meisten Gäste mit einem Sonderzug der Harzer Schmalspurbahnen wieder zurück nach Schierke bzw. Wernigerode ging. Hier schlossen sich auch die meisten derjenigen an, die nachmittags noch mit Andreas Gruber und Ranger Robby Meissner nach oben gewandert waren.

 

 

Soweit also der offizielle Pressetext, der ja durchaus schon deutlich macht, wo ich meine Schwerpunkte setze. Da ich ihn für Mordsharz geschrieben habe, lege ich natürlich auch meinen Fokus auf die Krimiautoren und das Festprogramm, ist ja klar. Aber eben nicht nur deshalb. Das Brockenhaus, das Mordsharz-Festival und eben dieser Abend sind für mich auch geradezu symbolisch.

 

Vor allem ein Symbol dafür, dass aus einem militärischen Ort auch einer der Kultur werden kann. Ein Ort, den kaum Menschen betreten durften, steht inzwischen für ein Festival, vielleicht sogar das einzige, in drei Bundesländern. Grenzenlos. Literatur, die Grenzen überwindet oder gar nicht mehr wahrnimmt, und stattdessen Menschen verbindet. Das war und ist immer der Gedanke unseres Festivals und von Kultur ja ohnehin. Und es ist irgendwie auch ein Symbol dafür, dass wir es alles in der Hand haben. Wir sind es, die diese Welt für uns gestalten, ob nun auf nationaler Ebene oder global und in Bezug auf den Klimawandel. Auch da können wir durchaus beeinflussen, wie die kommenden Generationen auf dieser Welt leben können. An diesem Ort und auf dieser Bahnfahrt ist mir das wieder einmal sehr bewusst geworden.

 

 

Am Ende schuf KI eine Kinderbibel

Warum ich trotz unterschiedlicher Ansichten stolz auf meinen Vater bin

 

KI ist vielleicht das Thema dieser Zeit. Nach dem Siegeszug des Internets ist künstliche Intelligenz der nächste große Schritt unserer technischen Entwicklung. Alles scheint momentan KI-basiert, jeder einzelne kann inzwischen mit ChatGPT brauchbare Texte schreiben oder mit Midjourney Bilder generieren.


Vielen macht diese Entwicklung Angst. Kann sie uns Arbeitsplätze kosten? Können wir bald zwischen menschengemacht und KI-generiert nicht mehr unterscheiden? Entfernt sie uns vom echten Leben? Auch hier bei Youtube und in der Vertoner-Szene, stoße ich in letzter Zeit immer wieder auf Kanäle, in denen eine KI Creepypastas mal mehr mal weniger blechern vorliest, und Amazon wird seit einiger Zeit geradezu überschwemmt von fragwürdigen KI-Bilderbüchern, die Verlagen und Autor*innen das Leben schwer machen.


Also um es kurz zu sagen: Auch ich bin skeptisch, was den übermäßigen Einsatz künstlicher Tools angeht. Dabei ist KI im Grunde ja eben nur genau das: ein Werkzeug. Sicher, für viele noch ein ungewohntes, es kommt eben auf den Umgang damit an. Dann wiederum kann es durchaus hilfreich eingesetzt werden, wie ihr vielleicht gesehen habt, nutze ich in letzter Zeit selbst häufiger KI-Bilder für meine Thumbnails.

 

 

Wie jedes Werkzeug liegt es an uns, was wir daraus machen. Fakt ist aber, dass sich momentan wohl kaum jemand dem KI-Hype entziehen kann. Jede Branche, jedes Unternehmen etc. sollte zumindest mal überlegen, welche Arbeiten wir uns in Zukunft einfacher machen können, wo wir zielorientierter und somit erfolgreicher sein können. Das gilt am Ende sogar für die Kirche bzw. für diejenigen, die Glauben vermitteln wollen. Ein Beispiel aus diesem Umfeld möchte ich euch vorstellen, ehrlich gesagt sogar ein ziemlich persönliches Beispiel. Lasst mich ein wenig ausholen:


Als Jugendlicher schon schleifte mich mein Vater nicht nur in die Kirche, sondern oft auch zu größeren Missionsveranstaltungen und anderen Events, die ich damals ehrlich gesagt zwiespältig aufnahm. Dennoch habe ich später meinen beruflichen Weg in der Öffentlichkeitsarbeit der Kirche gefunden, also muss es ja doch etwas Gutes gehabt haben. (Darüber müsste ich eigentlich mal ein eigenes Video machen.) Jedenfalls stand ich vielem, was mein Vater auf die Beine stellte, um seinen Glauben zu verbreiten, wie auch vielen seiner Ansichten skeptisch gegenüber.


Er hat schon früher sehr oft Leserbriefe geschrieben, wenn er mit dem, was die – ich sag mal – Mainstream-Kirche tat, nicht einverstanden war. Auch gab er immer mal wieder Hefte oder Bücher mit meist sehr konservativem christlichen Inhalt heraus. In den letzten Jahren überarbeitete er eine Jahrhunderte alte Luther-Bibel mit Erläuterungen des Theologen Lucas Osiander und digitalisierte das ziemlich umfangreiche Werk.

 

 

Vor einiger Zeit erzählte er mir dann von seinem neuesten Projekt. Eine auf KI basierende Kinderbibel! Nun muss ich dazu sagen, dass er früher für die IBM arbeitete und die Entwicklung von Computern etc. immer verfolgte. Bis ins Rentenalter. So war es keine allzu große Überraschung, dass er sich mit fast 80 auch noch mit KI befasste. Die Idee einer KI-Kinderbibel aber schien mir dennoch gewagt.


Über Monate hielt er mich auf dem Laufenden, welche Texte der Bibel er per KI zusammenfassen ließ und wie er sie wieder und wieder bearbeitete, bis er damit zufrieden war. Später dann, welche Bilder er dazu erstellte. Diese ließ er von der Grafikerin Renate Aab überarbeiten, die schließlich auch das Layout in die Hand nahm.


Herausgekommen ist letztlich ein kleines Heft mit den wichtigsten biblischen Texten von der Erschaffung der Welt bis zum Wirken der Apostel. Zu Ostern heißt es beispielsweise: „Jesus verabschiedete sich von seinen besten Freunden. Er machte eine Feier mit Brot und Wein. Er nahm Brot und Wein und sagte: ‚Das Brot bin ich, und der Wein ist mein Blut.‘ Das erinnert uns daran, wie sehr Jesus uns liebt. Wir sollen uns bei dieser Feier daran erinnern, dass Jesus für unsere Fehler gestorben ist.“ Das Ganze illustriert mit Bildern, die an Computerspielgrafiken denken lassen.

 

 

„Die erste KI-Kinderbibel“ heißt das Heft, das er dieses Jahr auf der Leipziger Buchmesse präsentierte und das schon etliche Leser fand. Auch namhafte Händler etc. meldeten sich bei ihm und hatten Interesse, eben weil es ein Projekt ist, das die Zeichen der Zeit erkannt hat und ganz neue Wege beschreitet. Ob nun ein großer Partner mit ihm zusammenarbeiten möchte oder ob die nur den Mark checken, um dann eigene Produkte herauszugeben, weiß ich natürlich nicht. In jedem Fall aber war und ist es spannend, diese Reise mitzuerleben.


Ob es mich die KI-Kinderbibel als solche damals als Jugendlicher überzeugt hätte, weiß ich natürlich aus heutiger Sicht nicht. Ein bisschen zu statisch scheinen mir die Texte, manche vielleicht zu belehrend. Und einige Bilder sind schon recht kitschig, andere wiederum aus meiner Sicht ziemlich gelungen.


Letztlich muss ich aber auch kein endgültiges Urteil abgeben, denn zum Glück bin ich ja keine KI, die sehr zügig eine eindeutige Antwort liefern muss. Auf jeden Fall bin ich irgend stolz auf meinen Vater. Weil er in seinem Leben immer für seine Überzeugungen brannte, weil er sich bis ins Alter immer noch mit Neuem auseinandersetzt, weil er solche Projekte anpackt und mit vollem Einsatz zu Ende bringt. Und eben auch, weil mir wieder einmal klar geworden ist, wie unterschiedliche Wege im Glauben sein können und dass jede aktuelle Entwicklung auch mit der christlichen Botschaft kompatibel ist.


Insgesamt bin ich gespannt, wie sehr KI insbesondere auch die Literatur noch verändern wird, und auch, wie sie sich in der Kirche einsetzen lässt. Meine Texte, also die journalistischen für die Kirche und in allen anderen Bereichen und ebenso die Storys hier für diesen Kanal schreibe ich noch zu hundert Prozent selbst. Aber für Recherchen, zum Korrigieren von Fehlern und Überprüfen von Zusammenhängen und und und, wird es in Zukunft noch etliche weit entwickelte Tools geben, die ich mit Sicherheit auch nutzen werde.

 

 

Teranga

Gemeinschaft leben statt Spaltung

 

Die Medien sind voll von Berichten über kriminelle Ausländer, hetzende Rechte und eben Situationen, in denen ein Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen nicht funktioniert. Wie viel davon der Wahrheit entspricht, ist eine Sache. Eine andere ist, dass die stetige Wiederholung negativer Meldungen natürlich dafür sorgt, dass Menschen dem Glauben schenken und so immer mehr Vorurteile aufbauen. Mein Verständnis von Journalismus ist eines, das positive Meldungen und konstruktive Artikel in den Fokus rückt. Die zu finden ist nicht schwer. Daher möchte ich euch nur zwei Beispiele aus der vergangenen Woche vorstellen:

 

Ein interreligiöses Zucker-Osterfest? Kann das funktionieren? Ja, es hat funktioniert. Am vergangenen Freitag hatte das Diakonische Werk im Kirchenkreis Harzer Land dazu in den Garten der Kreuzkirche eingeladen und es wurde ausgelassen gefeiert. Christen wie Muslime gemeinsam, mit mitgebrachten Speisen, die geteilt wurden, mit Spiel und Spaß für Kinder und vielen Gesprächen über Bräuche, Religion und gelebten Glauben.


Der Brauch, dass der Osterhase zu Ostern Eier versteckt, die Kinder dann suchen können, gewann erst ab dem 19. Jahrhundert an Bedeutung. Er hat traditionell mit dem Hasen als Symbol für Fruchtbarkeit und für Christen damit auch für das Weiterleben nach dem Tod zu tun, die Verbreitung vor allem aber mit der industriellen Herstellung von Zucker, die erschwingliche Schokohasen ermöglichte.

 

 

Süßigkeiten spielen auch beim Fest des Fastenbrechens, dem Zuckerfest im Islam eine Rolle, generell gemeinsames Essen mit Verwandten und Freunden. Wie das dann aussehen kann, davon konnten sich die Gemeindeglieder und Besucher der Kreuzkirche überzeugen. Die Tische bogen sie geradezu durch, die Kinder spielten sofort zusammen, nach und nach kamen auch die Erwachsenen ins Gespräch und in den Austausch.

 

Pastorin Johanna Friedlein erläuterte das Entzünden der Osterkerze und die Bedeutung für die Christen, Khulood Al-Shraideh, die das Fest zusammen mit Svenja Rudloff initiierte, erzählte von gemeinsamem Feiern in der Heimat ihrer Eltern, Jordanien. „Dort feiern wir Ostern, das Zuckerfest, auch Weihnachten als Muslime und Christen alle gemeinsam.“ Für sie und ihre Familie und Freunde dort völlig selbstverständlich.


„Religion hindert uns doch nicht, auch mit anderen zu feiern“, sagt sie, „wir leben dort zusammen, haben Freundschaften, bei denen der Glaube doch nicht im Weg stehen sollte, und natürlich feiern wir auch alle gemeinsam.“ Sie sagt es mit einem Strahlen und fügt dann hinzu: „Dass ich als Muslima hier beim Diakonischen Werk arbeite, freut mich sehr. Aber viele moralische Werte im Islam und im Christentum sind ja auch sehr ähnlich.“

 

Nur wenige Tage vorher war ich in einer Grundschule eingeladen, die eine Partnerschule im Senegal hat und diese Freundschaft mit Begeisterung lebt:

 

„Wir reisten als Botschafter zwischen dem Norden und dem Süden dieser Welt, damit wir das Leben unserer Freunde besser kennen und verstehen“, erläuterte Schulleiterin Anke Schwarz den Schülerinnen und Schülern, ihren Eltern und einigen Freunden am vergangenen Mittwoch in der Grundschule Lasfelde. Besagte Freunde sind jene im Senegal, in Kaolack, wo ihre Schule seit 2022 eine Partnerschule hat.


Damit ist eine weitere Brücke zwischen Osterode und Kaolack gebaut, es gibt noch mehr persönliche Kontakte, um, wie Anke Schwarz ja sagt, die Lebensumstände dort besser zu verstehen und für einen für beide Seiten bereichernden Austausch zu ermöglichen. So sagt es auch Tobias Rusteberg, der das Projekt für das Gymnasium und mit viel persönlichem Engagement seit vielen Jahren begleitet. „Es ist so schön zu sehen, wie sich persönliche Freundschaften entwickeln und dass schon im Grundschulalter der Grundstein gelegt werden kann.“

 

 

An diesem Spätnachmittag jedoch ging es für die Schülerinnen und Schüler vor allem darum, dass ihre Klassenräume zu Kinosäalen wurden. Anke Schwarz und Anja Hampe haben ihren Besuch in einem halbstündigen Film dokumentiert, der den Kindern und allen Interessierten gezeigt wurde. „Zusammen unter einem Himmel“ zeigt den Alltag in der Schule im Sengal, zeigt, wie die Kinder dort in deutlich größeren Klassen lernen, wie einfach die Ausstattung der Schule im Vergleich zu unseren Schulen doch ist.


Der Film zeigt aber auch, wie sie dort die gleichen Lieder singen wie hierzulande, wie sie in den Pausen und im Sportunterricht begeistert Fußball spielen. Essen, Freunde, Familie und Frieden, das sind die Bedürfnisse dort wie hier, sagen einige Schülerinnen und Schüler. „Uns verbindet mehr als uns trennt“, stellen die beiden deutschen Lehrkräfte schlussfolgernd fest.

 

 

Außerdem zeigt der Film auch, wie dank des Projekts und der damit verbundenen Spenden beispielsweise eine neue Toilettenanlage gebaut oder Sportgeräte angeschafft werden können. Wie ein Schulgarten bewirtschaftet wird, von dem alle Schülerinnen und Schüler profitieren und überhaupt, wie Bildung dort als große Chance angesehen wird, eben weil sie die Lebensumstände so sehr beeinflusst und letztlich auch hilft, Fluchtursachen zu verringern.


All das war für Kinder und Erwachsene gleichermaßen interessant. Im Anschluss gab es viele Fragen, denen sich die Lehrerinnen nur zu gerne stellten. Ihre Botschaft jedenfalls kam an. Kann Anja Hampe mit einem Satz beschreiben, was der Besuch im Senegal für sie bedeutet? Ihr reicht dazu sogar nur ein Wort: Teranga.


Teranga bedeutet Gastfreundschaft und Solidarität, steht für die Herzlichkeit, die sie dort erfahren hat und auch die Zuversicht, dass alles schon irgendwie gut wird. „Diese senegalesische Gelassenheit versuche ich mir nach den Besuchen hierher rüberzuretten“, sagt sie. Sicher nicht das Schlechteste, was man nach Deutschland mitbringen kann.

 

 

Nichts für Sitzhasen

Wir feiern das Zucker-Osterfest

 

„Für Muslime endet der Fastenmonat Ramadan mit dem Zuckerfest. Auch für Christen gibt es eine Tradition des Fastens, die in die Passionszeit fällt und zu Ostern endet. Zwei Religionen, zwei unterschiedliche Arten, den persönlichen Glauben zu leben, doch eben auch Gemeinsamkeiten. Was liegt also näher, als auch gemeinsam zu feiern?


Hier in Osterode wird am Freitag, 25. April, im Garten der Kreuzkirche das Zucker-Osterfest gefeiert. Eingeladen ist jeder, der Lust darauf hat, der sich vielleicht über den jeweils anderen Glauben informieren und austauschen möchte. Es gibt natürlich eine Ostereiersuche, ein Mitbring-Buffet, Spiel und Spaß für Kinder und eben Gemeinschaft in Zeiten, in denen tiefe Gräben die Gesellschaft und die Welt durchziehen. Organisiert wird das Zucker-Osterfest vom Diakonischen Werk...“

 

 

So lautete meine Ankündigung für diese doch etwas gewagte Veranstaltung, die auch in den Reihen der Kirche nicht bei allen sofort auf Begeisterung stößt. Meine Begeisterung hingegen war gegeben, als Mitorganisatorin Svenja mir davon erzählte und ich wollte nur zu gerne diese Ankündigung schreiben. Sie ging aber noch weiter, weil ich mir die folgenden Absätze nicht verkneifen konnte:


„Eine Anmerkung sei noch gestattet: Vor wenigen Tagen beklagte sich ein AfD-Bundestagsabgeordneter auf der Plattform X über eine schleichende Islamisierung Deutschlands, die sich für ihn daran zeige, dass Osterhasen bei einem Discounter inzwischen nur noch als „Sitzhasen“ verkauft werden. Das Zucker-Osterfest ist eben keine schleichende Islamisierung, sondern ein offensives Aufeinander-Zugehen, ein religiöser und kultureller Austausch, der gegenseitiges Verständnis fördert und somit auch ein Zeichen gegen jene Spaltung, die auf Social Media gerne betrieben wird.


Wenn also in Osterode das Zucker-Osterfest gefeiert wird, dann gibt es Ostereier und auch Osterhasen, obwohl die biblisch gesehen ja nun auch nichts mit dem Christentum zu tun haben. Ach und besagter Schokohase wird im hiesigen Discounter übrigens nach wie vor als Osterhase verkauft, mal sitzend, mal stehend.“

 

 

All das bezieht sich natürlich auf einen Post, der auf X (mal wieder) große Diskussionen auslöste. In der rechts-konservativen Ecke sah man den Untergang des Abendlandes eingeläutet, weil wir ja plötzlich und aus Rücksicht vor Muslimen den christlichen Osterhasen umbenennen. Ist natürlich wie so oft völliger Blödsinn, Panikmache und Fake News.


Sitzhasen gibt es im Handel seit den 50er Jahren, vor allem deshalb, um die Produkte von stehenden Hasen unterscheidbar zu machen. Ist ja nun mal ziemlich blöd, wenn in den Abrechnungen alle Schokohasen nur als „Osterhase“ laufen. Im Regal unseres Discounters waren zu dem Zeitpunkt, als ich mein Exemplar kaufte, sämtliche Hasen als Osterhasen gekennzeichnet. Es gibt sie also noch, die traditionellen abendländischen Osterhasen.


Wo es sie allerdings nicht gibt, ist die Ostergeschichte in der Bibel. Dort ist an keiner Stelle von einem Hasen die Rede, schon gar nicht von einem, der Eier legt. Eine christliche Tradition, die sinnstiftend für meinen Glauben ist, ist der Osterhase (übrigens genau wie der Weihnachtsmann) schon mal nicht. Darum verstehe ich das Gejammer aus angeblich christlichen Beweggründen schon mal nicht.


Warum der sitzende Hase nun ein Symbol der Islamisierung sein soll, kann ich nicht nachvollziehen. Es sei denn, er sitzt eigentlich gar nicht, sondern betet gen Mekka... das muss ich mir noch mal genau ansehen. Nein, aber im Ernst, diese krampfhaft herbeigeredete Diskussion ist wieder mal ein Versuch der Spaltung, ist purer Populismus, ist nichts anderes als Hetze. Und die ist aus meiner Sicht alles andere als christlich und sollte eigentlich auch nicht Teil unserer abendländischen Kultur sein.

 

 

Literatur lebt

Warum die Leipziger Buchmesse so erfolgreich ist

 

Fast 300 000 Menschen besuchten vom vergangenen Donnerstag bis Sonntag die Leipziger Buchmesse. Ein Rekord. Das Buch als Medium ist lebendig wie eh und je, was sicher auch mit der Öffnung der Messe für alle Spielereien rund um Literatur zu tun hat.


In den Messehallen in Leipzig fällt zunächst einmal auf, dass sie von Anime-Charakteren aus One Piece, Naruto, Dragonball etc. von Star Wars-Helden und Schurken, von Drachen, Feen, Kriegern und vielen bunten Gestalten mehr bevölkert werden. Viele davon entstammen der Literatur. Geralt von Riva beispielsweise, der Hexer. Bekannt durch die Videospiele und die Netflix-Serie, aber ursprünglich eben ein Romanheld von Andrzej Sapkowski.


Die Literatur als Ursprung von Popkultur. Daher die Verbindung der Leipziger Buchmesse mit der Manga-Comic-Con. Das ist ein bisschen das Geheimnis der Buchmesse. Dass sie eben nicht streng literarisch bleibt, sondern sich einem breiten Publikum öffnet. Die sogenannte große Literatur gibt es ja auch. Sämtliche großen Verlage sind vertreten, dazu auch kleinere und Nischenverlage, die diese Chance nutzen, um auf sich aufmerksam zu machen, und natürlich viele namhafte Autorinnen und Autoren.

 

 

So war beispielsweise das Mordsharz-Team aus dem Harz angereist, um einige Gäste des Festivals wiederzutreffen, und auch, um mit anderen über die diesjährigen Lesungen im Harz (vom 17. bis 20. September) zu sprechen. So beispielsweise Harzer Hammer-Gewinner Peter Grandl, der zur gleichen Zeit ein Treffen mit etlichen Buchbloggerinnen und Buchbloggern hatte.


Diese Vernetzungen sind es, die die Buchmesse für viele so interessant machen. So bleibt Literatur lebendig und so wird auch dafür gesorgt, dass die Buchbranche rein wirtschaftlich mehr Umsatz macht als Musik, Kino oder Streaming und in Deutschland mit knapp 10 Milliarden Euro Jahresumsatz nur von der Gaming-Branche getoppt wird.


Um noch deutlicher zu machen, was ich ausdrücken will, möchte ich euch noch einen Pressetext anhängen, den ich vor ein paar Jahren über einen Literaturwettbewerb geschrieben habe. Es ging um Beiträge für ein Buch, von denen einige auch mit einem Preis ausgezeichnet wurden. Jene Preisverleihung damals war das Gegenteil der Atmosphäre auf der Buchmesse und meinen Pressetext dazu haben mir manche lange übelgenommen. „Und dann ist der Spaß an Literatur gestorben“, hatte ich ihn betitelt:

 

 

„In den Medien sei häufig zu lesen, Literatur bewege nicht mehr, stellte Verleger B. bei der Preisverleihung des ersten Literaturpreises „...“ fest. Regional sei das allerdings anders, wie er an verschiedenen Projekten und Ausschreibungen, die er seit zehn Jahren initiiert und begleitet, ablesen könne. „Häufig haben wir zwischen 400 und 600 Einsendungen“, sagte er.


Bei der Ausschreibung für das Buch „...“ waren es immerhin mehr als 300 Beiträge, die die Jury zu beurteilen hatte, 60 davon wurden in die von R. herausgegebene Anthologie aufgenommen und acht am vergangenen Sonntag im Ratssaal mit Preisen bedacht.


Dass dieses Projekt ins Leben gerufen wurde, ist auf jeden Fall zu begrüßen. Die Musik- und Kunstszene der Region sei vielseitig und sehr lebendig, „im Bereich Literatur haben wir noch Verbesserungsbedarf“, bemerkte der Bürgermeister und lobte daher die Initiative, auch wenn er selbst meist lieber leichtere Literatur lese und in diesem Sommer beispielsweise die Krimis von Roland Lange und Rüdiger A. Glässer verschlungen hätte.

 

 

Damit war schon einmal angedeutet, wo im breiten Literaturspektrum R. und B. ihr Buchprojekt ansiedeln. Ziemlich weit oben. Noch deutlicher wurde das bei der ersten Laudatio, die die Vorzüge des viertplatzierten lyrischen Textes in bedeutungsschwangeren literaturwissenschaftlichen Phrasen lobte und dem Buch wie auch der Veranstaltung damit das anscheinend nötige Gewicht verlieh. Leider war der Preisträger dann noch nicht einmal anwesend.


Auch die weiteren Laudationes klangen nicht weniger hochtrabend, oberlehrerhaft und damit auf manchen Zuhörer eher einschüchternd, statt Lust auf Literatur zu machen. Es wirkte, als müsse hier die Erhabenheit der Kunst demonstriert und bewusst von allzu profanen Texten abgegrenzt werden. Emotionale Tiefe wurde hervorgehoben, von aus Sprache geschaffenen Landschaften war die Rede und es machte den Anschein, als gehe es hier mindestens um Texte von Thomas Mann.

 

 

Der war allerdings unter den acht Ausgezeichneten – vier im Bereich Lyrik und vier im Bereich Prosa – nicht vertreten und überhaupt spiegelten die Texte diese unnahbare Schwere nicht wider. Einige von ihnen waren sogar humorvoll, auch wenn die Stimmung im Saal ein Lachen zu verbieten schien, und die meisten machten tatsächlich Lust auf das Buch. Grundsätzlich also doch ein Projekt, das zum Harz passt, Literatur mit regionalem Einschlag fördert und unterhaltsam ist?


Warum nur muss es dann so gekünstelt intellektuell und wahrlich abschreckend präsentiert werden? Soll am Ende etwa doch dafür gesorgt werden, dass Literatur nicht mehr bewegt, sondern nur einem elitären Zirkel vorbehalten bleibt? Selbst der eigentlich rührende Vortrag eines Gedichtes eines verstorbenen Teilnehmers durch seinen Urenkel wurde getrübt durch vorherige Anweisungen, wann das Publikum denn klatschen solle. Und auch die Musik der zweier Geigerinnen, deren einen Beitrag R. als „Die Chroniken von Ninja“ ankündigte, ließ den Schluss zu, dass manche Literatur dieses Rahmens würdig ist und andere eben nicht.


Sorry, aber so darf Literatur heute nicht mehr präsentiert werden und so sollte sich insbesondere auch der Harz nicht zeigen. Das ist schade für ein wirklich spannendes Projekt und schade für all die Autoren, die an diesem Wettbewerb teilgenommen haben und deren Texte es sicher wert sind, auch von einem breiten Publikum gelesen zu werden.“

 

 

„Momentan ist Rechtsextremismus das, was uns bedroht“

Interview mit zwei Omas gegen Rechts

 

Die „Omas gegen Rechts“ tauchen seit einiger Zeit immer wieder bei politischen und gesellschaftlichen Veranstaltungen auf, sind auch auf Demonstrationen zwischen Harz und Göttingen unterwegs und haben beispielsweise das Banner für die Opfer des Nationalsozialismus an der Osteroder Marktkirche initiiert. Sie engagieren sich für die Demokratie, gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit.


In den Medien waren sie jüngst vor allem durch die 551 Fragen der Union zur Förderung von NGOs an die Bundesregierung. Hier wurden auch die „Omas gegen Rechts“ und ihre Finanzierung durch staatliche Unterstützung hinterfragt. Die Antwort der Bundesregierung allerdings war eindeutig. Die nämlich betonte die Relevanz zivilgesellschaftlichen Engagements. Der Staat lebe vom Einsatz gegen demokratiefeindliche Phänomene, gemeinnützige Organisationen dürften politisch aktiv sein und sich auch zu tagespolitischen Phänomenen positionieren. Letztlich also Rückenwind für die Omas.


Doch selbst in Osterode und der Region gibt es immer wieder Anfeindungen, sogar Bedrohungen, berichten Ingrid M. und Brigitte M. „Es sind uns Schläge angedroht worden“, erzählen sie, „‚Ihr widerliches Dreckspack, euch sollte man alle erschlagen.‘ Das war das Schlimmste.“ Von den meisten Menschen erfahren sie allerdings sehr viel Freundlichkeit, wenn sie mit ihnen ins Gespräch kommen.

 

 

Diese Gespräche, die Präsenz bei Veranstaltungen sind übrigens auch der Kern der Ortsgruppe in Osterode mit ca. 40 Mitgliedern. Die Ausgaben für Flyer etc. sind überschaubar und kommen von den Mitgliedern selbst, staatliche Gelder erhalten sie hier jedenfalls keine.


Doch wer sind sie eigentlich, diese Omas gegen Rechts, die auf die Straße gehen, statt ein konservatives Bilderbuchklischee zu erfüllen? „Unser Interesse ist, dass unsere Enkel in einer Welt leben können, die so gestrickt ist, dass jeder nach seiner Façon selig werden kann“, schlägt Ingrid den Bogen zum Namen ihrer NGO. Brigitte ergänzt dazu: „Wir wollen uns auch später nicht sagen lassen: Euch war das alles egal, was gelaufen ist, und wir müssen jetzt drunter leiden. Das haben wir unseren Eltern vorgeworfen, diesen Vorwurf wollen wir nicht hören.“


Andererseits ist „Omas gegen Rechts“ natürlich eine Verkürzung, machen die beiden deutlich, es geht natürlich darum, gegen Rechtsextremismus zu sein. „Rechtsextrem ist für uns, wer ein Rassist ist, ein Antisemit, jemand, der gegen die Gleichberechtigung der Frauen ist, jemand, der grundsätzlich gegen Ausländer ist“, sagen sie, auch, wer die Demokratie abschaffen oder untergraben möchte. Sie stehen für die Menschenwürde ein, also explizit für die Gleichwertigkeit aller Menschen.

 

 

„Momentan ist Rechtsextremismus das, was uns bedroht“, begründet Brigitte, warum ihre Gruppierung sich ausgerechnet dies auf die Fahnen geschrieben hat. Natürlich lehnen sie jeden Extremismus und jegliche Gewalt ab, das versteht sich ja von selbst, doch ein Blick auf die Kriminalstatistiken zeigt nun einmal, dass gerade Taten mit rechtsextremer Motivation in den letzten Jahren erschreckend zugenommen haben.


„Wir machen das, weil wir uns Sorgen um unsere Demokratie machen“, betont Ingrid, „Wie schnell man eine Demokratie abwirtschaften kann, sehen wir gerade in den USA.“ Daher sehen sie in der Politik der AfD eine Bedrohung für unsere freie und offene Gesellschaft, ebenso durch Reichsbürger, Querdenker und manche anderen. Und eben durchaus auch in Anfragen wie den 551 Fragen zu NGOs aus dem eher linken Spektrum. „Wir hoffen aber, dass Herr Merz noch zur Vernunft kommt“, räumen sie ein.


Die erstgenannten Organisationen wollen ihrer Meinung nach die Mittel der Demokratie nutzen, um die Demokratie abzuschaffen. Das sei eine Parallele zu 1933 und die Auswirkungen haben einige Omas noch sehr deutlich zu spüren bekommen. Ihr Fundament sei also in jedem Fall das Grundgesetz, das damals ja auch zum Ziel hatte, eine solche Wiederholung der Geschichte zu verhindern.

 

Das ausführliche Interview findet ihr hier:

Diese Wahrheit tut weh

Protest gegen den Auftritt von Tino Chrupalla in Northeim

 

„Diese Wahrheit tut weh“, sagte der AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla bei seiner Rede in Northeim und bezog sich damit auf die Worte des US-Vizepräsidenten J. D. Vance bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Dieser hatte dort die „Masseneinwanderung“ zum größten Problem in Europa wie auch in den USA erklärt und deutlich gemacht, dass in einer Demokratie die Mehrheit des Volkes das Sagen hat.


Wenn heute in Europa und Deutschland Meinungen von Regierungen und Medien als Desinformation bezeichnet werden, so Vance, dann habe er Angst, dass einige Gewinner des Kalten Krieges inzwischen die Seiten gewechselt haben. Das seien antidemokratische bzw. kommunistische Methoden. Durchaus eine Position, die auch die AfD und ihre Anhänger immer wieder einnehmen.


Ebenso sei es nicht hinzunehmen, dass Deutschland und Europa an ihren Einreise- bzw. Asylgesetzen festhalte, wenn ein Mann mit afghanischen Wurzeln in München in eine Menschenmenge rast. Daher müsse die „Masseneinwanderung“ gestoppt werden. Auch das ist eine Argumentation, die die Trump-Regierung wie auch die AfD gemeinsam haben.

 

 

Ein dritter Punkt ist der, dass Vance in München ausführte, dass keine Demokratie – weder die amerikanische, noch die deutsche – überleben werde, wenn sie Sorgen von Millionen Menschen, der Mehrheit des Volkes nicht ernst nimmt, ihrem Willen zuwiderhandelt. Auch das ist ja geradezu eine der Kernaussagen der AfD.


Nun gut, dazu ist zu sagen, dass die meisten Aussagen von Politikern etc. sich nachweisen lassen. Seien es Behauptungen in Talkshows, auf Wahlkampfbühnen oder in anderen Kontexten. Dabei lässt sich durchaus feststellen, dass die Nazis nicht links waren, dass Atomkraft nie wettbewerbsfähig war und diverse andere Aussagen, die schlicht Fake News, also unwahr sind.

 

 

Zur Wahrheit gehört auch, dass Anschläge, die von Menschen mit Migrationshintergrund verübt werden, zwar durch und durch tragisch und verachtenswert sind, aber noch lange nicht den Schluss zulassen, dass „alle Ausländer gefährlich sind“ oder „die Mehrheit der Asylsuchenden straffällig wird“ oder auch „die meisten Straftaten von Migranten begangen werden“. Das sind schlicht falsche Verallgemeinerungen, die nun einmal rassistisch sind.


Zum dritten Punkt ist zu sagen, dass es nur einen Blick auf die Aussagen insbesondere konservativer Politiker bedarf, um festzustellen, dass die Sorgen der sogenannten „besorgten Bürger“ in den vergangenen Jahren viel ernster genommen werden als die der „Gutmenschen“. Außerdem sind 20 Prozent nun einmal keine Mehrheit und auch auf dem Northeimer Marktplatz standen auf der einen Seite etwa 230 AfD-Anhänger, die die Reden von Chrupalla und dessen Parteikollegen hören wollten, auf der anderen Seite aber etwa 400 Menschen unterschiedlicher Gruppierungen.


Der DGB hatte dazu eingeladen, Vertreter der Bürgerbündnisse, der Kirche und viele andere kamen. Unter anderem sprach Marianne König über Schmierereien am und Anfeindungen gegen die KZ-Gedenkstätte Moringen, die symptomatisch für einen Rechtsruck in der Gesellschaft stehen. Genau diesen und zudem eine Abschottung vor Europa und der Welt und ein Ignorieren der wahren Probleme in diesem Land, betrachten sie als größtes Problem dieser Zeit.


Ja, Herr Chrupalla, ja, liebe AfD-Anhänger, diese Wahrheit tut weh.

 

 

Bildung ist der Schlüssel

Schulleiterin Stefanie Henkel über erfolgreiche Integration

 

Auf der einen Seite benötigen wir in Deutschland dringend Fachkräfte in vielen unterschiedlichen Bereichen. Auf der anderen Seite klagen viele über zu viele Zuwanderer und ein dadurch gestiegenes Unsicherheitsgefühl. Beides passt nicht zusammen, dadurch tun sich Gräben in unserer Gesellschaft auf, die gefährliche Folgen haben können.


Dabei gibt es durchaus ein Mittel, um diejenigen, die zu uns kommen, so zu integrieren, keine neuen Probleme entstehen. Der Schlüssel dazu: Bildung. „Ich weiß, was alles möglich sein kann, wenn man Menschen angemessen behandelt, eine Bindung aufbaut und Bildung vermittelt“, sagt Stefanie Henkel, seit fast dreizehn Jahren in der Schulleitung der Hauptschule Neustädter Tor in Osterode und seit fast zehn Jahren Schulleiterin.


Sie hat in ihrem Berufsalltag mit verschiedensten Kindern und Jugendlichen zu tun, erlebte jene Zeit mit, in der viele Geflüchtete nach Osterode kamen, die kein Wort deutsch sprachen und sich hier vollkommen orientieren mussten, und vor allem hat sie viele Menschen auf einem Weg begleitet, der letztlich in ein Leben mit Perspektive führte. Von ihr gibt es kein Gejammer über Schwierigkeiten, dass so viele kulturelle und familiäre Hintergründe in den Klassen zusammenkommen, sie erzählt immer wieder gerne von Erfolgsgesichten (über die ehrlich gesagt in den Medien viel zu selten berichtet wird).

 

 

Natürlich braucht es Zeit, wenn Menschen aus Kriegsgebieten etc. fliehen, alles zurücklassen, vielleicht Traumata verarbeiten und sich auf jeden Fall in eine ganz andere Gesellschaft eingewöhnen müssen. Ist ja klar. Doch Bildung ist der Schlüssel. Bildung und vor allem Lehrkräfte, die sie engagiert vermitteln. Stefanie Henkel ist eine davon, und zum Glück gibt es an den Schulen der Region unzählige weitere.


„Bildung ist ein fundamentales Menschenrecht, das jedem Menschen, unabhängig von Herkunft oder sozialem Hintergrund, zusteht. Sie bildet die Basis für eine gerechte Gesellschaft, von der jede und jeder profitiert und ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Integration“, ist die Schulleiterin überzeugt. „Wenn dies von Anfang an vermittelt wird, stehen fast alle Wege offen und die Gesellschaft kann gewinnen.“

 

 

Das ist ihre Erfahrung, die ja auch durch zahlreiche Studien bestätigt wird. Die große Mehrheit derer, die vor zehn Jahren nach Deutschland kamen, besucht inzwischen eine Schule oder aber hat sie erfolgreich abgeschlossen, arbeitet und wirkt somit dem Fachkräftemangel entgegen. Vom Lagerarbeiter über die Handwerkerin bis zur Pflegekraft sind alle Berufe dabei, und oft sähe es ohne Migration düster aus. Aber es geht eben nur, wenn es hier bei uns Menschen gibt, die denen, die zu uns kommen, Wege aufzeigen und auch erklären, wie diese Gesellschaft tickt.


„Dafür stehen wir an der Hauptschule Neustädter Tor täglich ein. Wir verstehen es als unsere Aufgabe, ein Umfeld zu ermöglichen, welches alle Lernenden dabei unterstützt ihr Potential zu entfalten“, sagt Stefanie Henkel aus voller Überzeugung, dass das der richtige Weg ist, „Zudem möchten wir unsere Schülerinnen und Schüler nicht nur in den Fächern, sondern auch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung weiterbringen.“


Viele ihrer Schülerinnen und Schüler können heute ihre Integrationsgesichte in Deutschland als eine Erfolgsgeschichte erzählen. Vielleicht wird es Zeit, dass wir ihnen endlich einmal zuhören und nicht nur jenen, die trotzdem skeptisch bleiben.

 

 

Unsicher im eigenen Land

Warum eine Brandmauer so wichtig ist

 

Eigentlich war es Neugier, die uns vor zehn Jahren bewogen hat, uns als Paten für Geflüchtete in Osterode zur Verfügung zu stellen. Neugier darauf, wer diese Menschen sind, die zu uns kommen und was sie wohl brauchen, wenn sie sich hier ein neues Leben aufbauen wollen. Ein ziemlich naiver Grund, um in die Flüchtlingshilfe einzusteigen? Ja, auf jeden Fall.


Das merkten wir schnell, als wir beauftragt wurden, einer jungen Familie aus Syrien mit drei kleinen Kindern bei diesen ersten Schritten in einer für sie ganz neuen Welt zu begleiten. Wir zogen los, um Bankkonten einzurichten, Möbel zu kaufen, die Erwachsenen beim ersten Sprachkurs und die Kinder im Kindergarten und in der Schule anzumelden. Außerdem ging es um ganz kleine Dinge, wo sie in Osterode was kaufen konnten, von wo Busse abfuhren, wie das in Deutschland mit der Müllabfuhr läuft und und und.


Es waren turbulente, aber spannende erste Wochen. Schnell wurde mir klar, dass Integration eben nicht von allein passiert, sondern dass wir hier vor Ort Menschen brauchen, die bereit sind, diejenigen, die zu uns kommen, zu integrieren, da es für Deutschland nun einmal keine Gebrauchsanleitung gibt. Letztere begann in dann selbst zu schreiben, also meine Erlebnisse und Erfahrungen in einem Blog im Internet zu dokumentieren. Wenn ich heute auf www.gebrauchsanleitung-deutschland.de gucke, muss ich über vieles schmunzeln.

 

 

Das sahen und sehen nicht alle Menschen so. Zwar habe ich in jener Zeit viel Unterstützung von hilfsbereiten Menschen hier erlebt, allen voran die Ehepaare Augat und Maniatis, die uns Paten koordinierten und uns wiederum halfen, wenn wir mit unseren Familien nicht weiterkamen. Ebenso wurde ich zum Teil aber auch für das, was ich tat bzw. was ich veröffentlichte, angefeindet.


In den folgenden Jahren habe ich erlebt, dass „Gutmensch“ auch ein Schimpfwort sein kann und dass sich entlang der Diskussion um Asylrecht und Hilfe für Geflüchtete tiefe Gräben durch unsere Gesellschaft (und sogar durch die eigene Familie) ziehen. Es gab viele, die Angst hatten, vor dem, was sich durch Migranten bei uns verändern könnte, und es gab einige, die diese diffusen Ängste bewusst nutzten, um populistische, rechte Politik zu machen.


„Unsere“ Flüchtlingsfamilie hat sich hier inzwischen ein neues, sicheres Leben aufgebaut, erwirtschaftet eigenes Geld, die Kinder sind ebenso deutsch, wie sie kurdisch sind. Sie alle sind dankbar, dass Deutschland ihnen diese Chance gab, die sie als Kurden in Syrien niemals hatten.


Damit das möglich ist, brauchte es einen rechtlichen, einen rechtsstaatlichen, einen demokratischen Rahmen. Wenn ich auch in den vergangenen zehn Jahren oft auf unflexible Behörden etc. geschimpft habe, so war ich immer sicher, dass unsere Gebrauchsanleitung für Deutschland eine sozusagen im Sinne des Herstellers war.

 

 

Inzwischen aber bin ich mir dessen nicht mehr sicher. Inzwischen weiß ich nicht mehr, ob es nur noch der rechte Rand ist, der Migranten zu willkommenen Sündenböcken macht. Inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher, ob wir wirklich in jener offenen Gesellschaft leben, die wir uns wünschten.


Die Kirche, für die ich aus tiefer Überzeugung arbeite, sah sich genötigt, eine der stärksten Parteien unseres Landes ebenso zur Barmherzigkeit zu ermahnen wie Bischöfin Mariann Edgar Budde Donald Trump zu dessen Amtsantritt. Spätestens das ist für mich ein Zeichen, dass jene Brandmauer, die auch mir Sicherheit vermittelte, wankt.


Nein, Gräben tun unserer Gesellschaft nicht gut. Aber sie in Richtung der Extremisten zu überschreiten, darf nicht der Weg sein. Es darf nicht der Weg sein, Antidemokraten ins politische Kalkül einzubeziehen, um ein gewünschtes Ergebnis zu erreichen und es darf auch nicht der Weg sein, die Sorgen aufgehetzter und zum Teil hasserfüllter Menschen ernster zu nehmen als die der sogenannten Gutmenschen, die sich in diesem Land ein tolerantes, demokratisches, vielfältiges Miteinander aller wünschen. Dadurch fühle ich mich in diesem Land nicht mehr sicher und ich kenne mindestens eine Familie, die das noch viel deutlicher verspürt.

 

 

Das Leben aktiv mitgestalten

Warum wir Kirche brauchen - vielleicht nötiger denn je - Teil 2

 

Die zweite Veranstaltung, die mir in den letzten Tagen irgendwie unter die Haut gegangen ist, war das Jubiläum unserer Jugendkirche:

 

„Wir wollen Gottesdienste wirklich feiern“, begrüßte Rieke zum Jubiläumsgottesdienst der Jugendkirche Paulus in Bad Lauterberg. Viele, die die Events der Jugendlichen und jungen Erwachsenen seit nunmehr fünf Jahren besuchen, wissen, was das bedeutet. Licht aus, Spot an, die Musik wird laut und es wird getanzt.


Doch diejenigen, die die Gottesdienste der Jugendkirche kennen, wissen auch, was anschließend passiert. Da wurden nämlich auf der großen Videowand Fotos aus den vergangenen fünf Jahren gezeigt und Kim verband sie mit einigen Worten aus der Bibel, die ihrer Meinung nach am besten auf die jeweilige Situation passten. Es ging um Gemeinschaft, um Wagnisse, um große Ziele, um Unsicherheiten, um Vertrauen, das Gott gibt, immer um einen Glauben, der in jeder Lebenssituation mitschwingt.


„Wir wollten groß träumen und für die Region was bewegen“, sagten Rieke und Kim anschließend Lisa in einem kleinen Interview zur Historie ihres Projekts JuKi Paulus. Viel Planung im Vorfeld, besondere Herausforderungen durch Corona, dann aber Eventgottesdienste zu Star Wars, Harry Potter, ABBA, den Beatles und vieles mehr. Das Weihnachtsessen, das an Kundinnen und Kunden der Tafel ausgeliefert wurde zum Beispiel. Oder der Jugendraum, der nach eigenen Wünschen gestaltet ist.

 

 

Oft war die Kirche voll, sie haben Menschen, insbesondere junge Menschen mit ihren Ideen erreicht. Das war von Anfang an das Ziel und ist es nach wie vor. Gelebter Glaube mit viel Freude, weil sich nun einmal alles im Leben auf den Glauben beziehen lässt. Diese Mischung sei es auch für Lisa gewesen, mit dem Team der JuKi in Kontakt zu treten, erzählte sie.


„Prüft alles und behaltet das Gute“, zitierte Pastor Simon Burger die aktuelle Jahreslosung. Wir haben in unserem Leben die Möglichkeit, vieles zu prüfen und uns dann für einen guten Weg zu entscheiden. Wir können mit Gottvertrauen auf die Welt blicken und sie gestalten. „Das passiert hier an diesem Ort“, machte er deutlich. Die Jugendkirche bietet Jugendlichen Freiraum, sich in Kirche einzubringen.


Sein Dank und der Dank der aktiven Mitglieder ging an alle, die sich in die oft großen Planungen und Vorbereitungen einbringen und in den vergangenen fünf Jahren eingebracht haben. Das Technikteam, einige, die aus beruflichen Gründen neue Wege gehen mussten, viele Unterstützer. All das macht die JuKi aus. Und genau deshalb ist auch jede und jeder willkommen, der selbst einmal schauen möchte, was die Jugendkirche eigentlich ist, der sich mit Ideen einbringen möchte, der Teil der Gemeinschaft sein will, herzlich willkommen.

 

 

Die Kollekte in diesem Gottesdienst ging übrigens an ein Hilfsprojekt in Sambia, da die Jugendkirche eben auch immer andere unterstützen will, die nicht solche Chancen im Leben haben. Jeanette Phiri aus Bad Sachsa stellte das Kwathu Children’s Home in Livingstone kurz vor, berichtete über ihre Zeit dort, in der sie half ein Waisenhaus aufzubauen und bis heute mit betreut.


Vor allem wurde an diesem Nachmittag aber gefeiert. Nicht nur im Gottesdienst mit Musik von José Lopèz de Vergara und Maja Garneboge, sondern auch schon zuvor mit einem Konzert von Frank Bode. Und vorher, zwischendurch und hinterher mit ganz viel Begeisterung und auch ein wenig wehmütigen Erinnerungen an so viele Events, für die fünf Jahre eigentlich erstaunlich kurz sind. Sind das wirklich erst fünf Jahre?

 

Und zuletzt möchte ich euch noch meinen Text zur gestrigen Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus als Denkanstoß mitgeben:

 

Sogar der NDR hatte es mehrfach angekündigt: Auf dem Osteroder Kornmarkt gab es eine große Gedenkveranstaltung für die Opfer der Nationalsozialisten vor 80 Jahren, gegen das Vergessen und für eine wehrhafte Demokratie, die sich gegen jeglichen Faschismus stellt. Es war ein Zeichen, dass die Stadt, die Kirche und ein breites Bündnis aus Bürgerinnen und Bürgern, allen voran die Omas gegen Rechts, setzte.


Der 27. Januar ist der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, ein Tag des Erinnerns und der Mahnung. So machte Bürgermeister Jens Augat dann auch deutlich: „Hass und Hetze sind wieder salonfähig geworden.“ Es sei wichtig, dem etwas entgegenzusetzen, denn „Extremismus zerstört das Fundament unserer Demokratie“. Dem stimmten mindestens die etwa 250 Menschen auf dem Kornmarkt zu.


Die Kirche habe damals große Fehler gemacht, ergriff Ulrike Schimmelpfeng, Superintendentin des Kirchenkreises Harzer Land, das Wort. Es sei wichtig, das einzugestehen und daraus Konsequenzen zu ziehen. „Weil wir um diese Fehler wissen, setzen wir alles daran, dass heute jedem Menschen auf der Welt mit Nächstenliebe begegnet wird. Jeder Mensch hat nach unserem christlichen Verständnis von Gott eine Würde bekommen, jeder Mensch ist es wert, gut zu leben.“

 

 

Sie habe mit Menschen zu tun, die aus Deutschland abgeschoben werden sollen, berichtete sie, mit Menschen, die Angst haben, weil ihnen in ihrem Heimatland der Tod droht. Daher forderte sie deutlich: „Finger weg vom Grundrecht auf Asyl!“


Für die Omas gegen Rechts machte Brigitte Maniatis deutlich: „Wir stellen uns gegen Parteien, die die Geschichte verdrehen und damit auf Stimmenfang gehen.“ Und Maie Conrady und Lena Enge, Schülerinnen der Fachoberschule Sozialpädagogik, die sich im Unterricht mit Pastorin Susanne Bachmann-Günther mit dem Thema des Holocaust auseinandergesetzt hatten, schilderten die Schicksale der Menschen hier vor Ort, von Jüdinnen und Juden, die zunächst ausgegrenzt, dann verfolgt wurden, ebenso wie auch Sinti und Roma, queere Menschen, Menschen mit Behinderungen und alle, die nicht ins Idealbild der Nazis passten.


Die rassistische Ideologie war auch in der Provinz, im Alltag eines jeden spürbar, auch an den Schulen, an denen der Hitlergruß zur Pflicht wurde und alles Lehren nur noch dem faschistischen Regime diente. Damit wurde durch diese Gedenkstunde nicht nur der Schrecken für viele Menschen damals nachvollziehbarer, es wurde auch deutlich, was für uns alle auf dem Spiel steht, wenn völkische Kräfte wieder Macht bekommen sollten.

 

Letzte Bastion der Menschlichkeit

Warum wir die Kirche brauchen - vielleicht nötiger denn je - Teil 1

 

Gerade ist eine Predigt in aller Munde, mit der eine Bischöfin einen despotischen Machthaber zu Barmherzigkeit aufruft. Mariann Edgar Budde von der Episkopalkirche der Vereinigten Staaten von Amerika sprach Präsident Donald Trump beim Gottesdienst zu seiner Amtseinführung direkt an und machte deutlich, dass viele Menschen nun Angst um ihre Freiheiten haben. Die Reaktion darauf war unter anderem die Forderung des republikanischen Kongressabgeordnete Mike Collins die Bischöfin nun „auf die Abschiebeliste“ zu setzen.

 

Doch Kirche braucht solche mahnenenden Stimmen. Kirche braucht solche Geistlichen, die sich nicht einer Herrschaft beugen, sondern ihr ins Gewissen reden.
Das war sogar schon zu biblischen Zeiten so und ist heute alles andere als überholt. Dass Mariann Edgar Budde dabei sehr klare Worte fand, aber dennoch respektvoll blieb, unterstreicht ihre Botschaft noch, finde ich. Vielen Machtmenschen, die sich auf die Bibel berufen, waren christliche Inhalte letztlich zu woke. Als jemand, der für die Kirche schreibt, motiviert mich das nur umso mehr, genau diese Bekenntnisse zur Nächstenliebe, zur Toleranz und zur Absage an Despoten weiter zu verbreiten.

 

Wenn ich mir eine Kirche wünschen darf, dann ist es eine, die lebendig ist, in der Menschen einander begegnen. Eine, die Spaß macht, die nicht im Alten verhaftet, sondern Neues wagt. Eine Kirche, die auf dem Fundament des Glaubens etwas aufbaut, das uns Hoffnung und Kraft und die Gewissheit der Liebe Gottes schenkt. Eine Kirche, die uns in Nächstenliebe miteinander verbindet und die auch zu gesellschaftlichen Dingen nicht schweigt. Genau diese Kirche darf ich durch meine Arbeit immer wieder erleben. Das möchte ich euch an drei Beispielen aus den letzten Tagen deutlich machen.

 

 

Das erste Beispiel bezieht sich auf ein Event mit dem klingenden Titel "Alle an einem Tisch". Hier ist der Pressetext:

 

Die Kirche sollte zu einem offenen Treffpunkt für alle werden. Ein gemeinsames Mittagessen, auch für diejenigen, die sonst allein sind oder sich nur schwer eine warme Mahlzeit leisten können. Livemusik, die zeigt, wie viel Kultur das Harzer Land zu bieten hat. Vor allem aber Gemeinschaft und Miteinander, die zum Kern christlichen Glaubens gehören. Spoiler: Das Vorhaben ist mehr als gelungen.


Von Donnerstag bis Sonntag war die Schlosskirche in Osterode geöffnet und hatte ein buntes Programm auf die Beine gestellt. Das sprach sich offenbar rum, denn es wurden immer mehr Menschen, die sehen wollten, was dort eigentlich los war. Dank enger Vernetzung in der Region griff alles ineinander, verschiedene Akteure trugen zum Gelingen bei. Das fing an beim Organisationsteam über die Musiker, die Technik, die vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer und alle, die irgendwo mit anpackten.


Dieser Geist übertrugt sich ganz offensichtlich auch auf die Gäste. Viele nahmen sich Zeit für Gespräche, natürlich für das Essen und für die Musik. Am Samstag spielte die Family Band von Lingen, die mit Pastor Gerhard von Lingen in Osterode eine lange kirchliche Geschichte hat und diese in ihrer Musik lebt und erzählt. Ob nun einfach nur als wohlklingende Hintergrundkulisse oder aber zum Zuhören bei vielsagenden Texten, blieb jedem selbst überlassen.

 

 

Genau diese Ungezwungenheit, die aber viele intensive Begegnungen und Gespräche ermöglichte, machte die Vesperkirche aus. Das sah auch der Präsident des Landeskirchenamtes in Hannover, Dr. Jens Lehmann, so. „Es ist ein anderes Bild von Kirche“, sagte er, und bezog das sowohl auf die ungewöhnliche Sitzordnung als auch auf Inhaltliches. Ein modernes Bild von Kirche, ein gemeinschaftliches. Kirche verbindet, nahm er als Erkenntnis mit, verbindet Menschen aller Altersklassen, aller sozialen Schichten und sogar über Religionsgemeinschaften hinaus.


Dass das im Harz möglich ist, erzähle der Jurist und Verwaltungsexperte aus Pöhlde, den viele auch durch das Diakonische Werk kennen, Kolleginnen und Kollegen in Hannover schon lange. Die Vesperkirche ist für ihn ein weiterer Beweis dafür. Und ja, es war eine lebendige Kirche, eine, die sich um die Menschen drehte, eine, die sich öffnet und dadurch zu einem Safe Space für viele wird. „Alle an einem Tisch – Vielfalt unterm Kirchendach“ wurde durch diese Veranstaltung Wirklichkeit und setzte somit ein kirchliches, aber auch gesellschaftliches Zeichen.

 

Fortsetzung folgt...

 

 

„Mit den Mitteln der Vergangenheit können wir die Zukunft nicht erreichen“

Robert Habeck - der Underdog-Kanzlerkandidat?

 

Was für ein Land wollen wir sein? Eines, das immer schlecht gelaunt über Probleme jammert, oder eines, das nach Lösungen sucht? Mit dieser Frage begann Kanzlerkandidat Robert Habeck seine Rede in Göttingen. Ja, es ist der Wahlkampf der Grünen, aber es war auch eine Erklärung zum generellen Politikverständnis des Bundeswirtschaftsministers und Vizekanzlers.


Während viele Menschen zuvor vor der Stadthalle Schlange standen und auf Einlass warteten oder ihre eigene politische Agenda auf Transparenten kundtaten, besuchte Habeck erst einmal den REWE-Juniorcup in der Lokhalle. Die Wahlkampfveranstaltung eröffneten dann die lokalen Kandidatinnen Viola von Cramon und Karoline Otte.


Habeck wiederum schwärmte erst einmal vom Jugendfußball, den er auch bei seinem Sohn miterleben durfte. Der habe durch das Training gelernt, dass ein Spiel nur gemeinsam gewonnen werden kann. Durch eine ehrenamtliche Trainerin. „Das ist Kernarbeit der Demokratie“, stellte er heraus, denn in einer Gesellschaft gehe es nicht immer nur um bezahlte Tätigkeiten, nicht immer nur um Geld.

 

 

Solche Sozialkompetenz und die Begegnung im öffentlichen Raum seien das beste Mittel gegen eine gesellschaftliche Spaltung, in der jeder nur noch in seiner eigenen Bubble unterwegs ist. „Blasenbildung in der Gesellschaft ist nicht hilfreich“, sagte er und betonte, dass soziale Netzwerke eben kein öffentlicher Raum, sondern auf Gewinn ausgelegte Unternehmen seien.


Dort setze sich die Lüge schneller als die Wahrheit durch, denn so ticken Menschen, wovon der Populismus profitiert. „Wir müssen uns Regeln geben, dass nicht das Schlechteste immer gewinnt“, führte er aus. Wenn ein „Technologieadel“ (er meinte natürlich vor allem Elon Musk) die Welt bestimme, sei das nun einmal ein großes Problem, das Demokratien zerstört.


Die Alternative für ihn ist ein Europa, das sich auf Zusammenarbeit und seine Stärken besinnt. Die sieht er nicht im Wettbewerb um Dumping, bei dem Arbeitnehmer auf der Strecke bleiben, sondern in innovativen Ideen, Technologien und einer Politik, die die gesamte Gesellschaft profitieren lässt.

 

 

Das große globale Ziel dabei sei natürlich, die globale Erwärmung einzudämmen, und da sei Deutschland durch die Politik der letzten Jahre auf einem guten Weg. „Wir sind auf Kurs“, verteidigte er seinen Einsatz für erneuerbare Energien etc., wer jetzt eine Wende fordere, steuere wieder zurück in die Vergangenheit. Was jetzt in Sachen Klimaschutz und Zukunft auf den Weg gebracht ist, werde Früchte tragen, auch für die nachfolgenden Generationen.


„Mit den Mitteln der Vergangenheit können wir die Zukunft nicht erreichen“, unterstrich er und mahnte noch einmal, dass Populismus eine Gesellschaft nicht nach vorne bringe, er führe nur in eine autokratische Gesellschaft. Zukunftsweisend sei nur eine vielfältige, diskussionsfreudige Demokratie.


Ja, als Kanzlerkandidat sei er der „Underdog“, so schloss er, doch von seiner Politik überzeugt, weil es ihm um die Zukunft für dieses Land und die Menschen gehe.

 

 

Sicher, gerade diese letzte Aussage ist das oft von ihm zur Schau getragene Understatement, denn er mag weniger aussichtsreich sein als Friedrich Merz, ist aber nun mal immerhin jemand, der aus seiner Position in der aktuellen Regierung heraus Wahlkampf macht. Und überhaupt ist Robert Habeck ein Medienprofi, der weiß, wie er sich auf einer Bühne präsentiert.


Trotzdem war sein Auftritt rhetorisch gekonnt und inhaltlich strukturiert. In vielem kann ich ihm ohne weiteres zustimmen. Vor allem aber war es eine rein sachliche Wahlkampfveranstaltung. Eine, die politische Überzeugungen erklärte – nachvollziehbar erklärte – und eine Haltung wie Richtung andeutete.


Allein das ist in Zeiten von „Für das, was ihr wollt, müsst ihr nicht die AfD wählen. Dafür gibt es eine demokratische Alternative: die CDU“ oder „Hitler war Kommunist“ und „Windmühlen der Schande“ ja schon ein Grund zur Freude. Sachlichkeit statt dummer Parolen ist etwas, was ich im politischen Diskurs (und besonders in social media) wirklich schmerzlich vermisse!


Besonders ein Punkt hat mich am Ende noch ziemlich nachdenklich gemacht, weil ich den so noch nie betrachtet hatte. Es ging um Wirtschaft bzw. um Schulden, die ein Land machen müsse. Und zwar, um Investitionen zu tätigen, da marode Brücken und Schulklos am Ende die größeren Schulden für die Gesellschaft seien. Das gilt vermutlich auch für eine Politik der Spaltung, der Hetze, der Suche nach Sündenböcken, die am Ende die Demokratie beschädigt. Diese Schulden müssen dann unsere Kinder und Kindeskinder zahlen.

 

 

Tavernenabend

Wie Rollenspieler Weihnachten feiern

 

Als Lokaljournalist suchst du ja immer nach Geschichten, die noch nicht erzählt wurden. Viele Kollegen stöhnen immer, dass das nicht so leicht sei, da in einer ländlichen Region wie unserer schon über alles und jeden berichtet wurde. Ein Chefredakteur einer Zeitung sagte mir mal: „Jeder Mensch in deiner Region hat eine Geschichte. Wenn du es schaffst, dass nur ein Zehntel von ihnen dir ihre Geschichte erzählt, hast du für mehr als zehn Jahre genug Stoff.“


Nach diesem Motto versuche ich immer wieder Menschen zu finden, die besondere Schicksale, Berufe, Fähigkeiten oder Hobbys haben. Oft ist es gar nicht so schwer, jemanden zu finden. So vor etwa zwei Wochen eine Frau, die sich in der LARP-Szene engagiert, also Live-Rollenspiele macht.


Das ist schon lange ein Thema, über das ich mal schreiben wollte, auch wenn es Reportagen von LARP-Events natürlich schon gibt. Sie aber erzählte mir von ihrer Weihnachtsfeier, die eben nicht normal, sondern als Rollenspiel ablaufen sollte, und lud mich dazu ein. Es wurde einer der ungewöhnlichsten Texte, die ich in diesem Jahr geschrieben habe und darum möchte ich ihn euch auch nicht vorenthalten:

 

 

„Es gibt nichts Intensiveres, als im LARP von sich selbst Urlaub zu machen“, sagt Ralf Okunick. LARP, das bedeutet Live Action Role Play. Seit 30 Jahren ist Ralf dabei, heute in Osterode, wo der Allerronn e. V. zum Tavernenabend eingeladen hat. Somit ist Ralf nicht als Ralf hier, sondern als Magier Ibondil Weland, einer von drei Charakteren, die er regelmäßig spielt.


Für den Tavernenabend hielt er den Magier für passend, auch wenn er eigentlich nicht weiß, was am Abend passieren wird. Anders als beim Theater – im wahren Leben ist Ralf freier Schauspieler aus Hildesheim – wissen die Spielenden beim LARP nämlich nicht, was auf sie zukommt. Das mache ihre Rolle umso lebensechter und intensiver. „Im Theater stehst du auf der Bühne und spielst für das Publikum“, erläutert Ralf, „hier spielst du für dich, blendest dein Alltagsleben aus und bist ganz der Charakter.“


Was das bedeutet, zeigt sich, als immer mehr Mitspielende eintreffen. Sobald sie sich in ihre Gewänder geworfen haben, reden sie plötzlich anders, erzählen einander, welch Wagnisse sie in letzter Zeit auf sich genommen haben oder schlicht wie sie heute mit der Kutsche angereist sind. Moderne Begriffe werden vermieden, Dinge aus dem echten Leben werden verklausuliert beschrieben. Zu erzählen gibt es viel, zum Beispiel hat Ralf (und Ibondil somit auch) einen anderen Mitspielenden seit fast zehn Jahren nicht mehr getroffen.

 

 

Von außen betrachtet mag es kurios sein, wenn sich Menschen in aufwendigen und meist sehr detailverliebten Gewandungen über Geschehnisse im Herzogtum Allerronn unterhalten, in dem neben Menschen auch Elfen, Feen, Zwerge oder Orks leben. Zwischendurch bestellten sie an der Theke des Gasthauses Dernedde auch mal alkoholfreies Bier, ob es das in Allerron auch gibt oder ob es dort als Hexenwerk gilt, bleibt ihnen überlassen.


Was an diesem Abend weiterhin passiert, weiß wie üblich beim LARP nur die Spielleitung. Das ist Janina op de Beeck in der Rolle einer Bardin, die zu diesem Abend in die Taverne eingeladen hat. Sie selbst ist seit 28 Jahren Rollenspielerin, organisiert mit dem Verein regelmäßig große Events in der Region. So beispielsweise im Waldpädagogikzentrum in Pöhlde , auf dem Gelände des Harzklubs und der Kirche in Wildemann oder auf der Burg Lohra bei Nordhausen.


Doch zurück nach Allerronn: Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen, das wird auch im Herzogtum gefeiert. Echte Religion ist ebenso wie echte Politik nach den Regeln des Rollenspiels nicht gerne gesehen, somit kann es natürlich auch keine christliche Weihnachtsfeier geben. Die Bardin hat daher zum Will-ich-nicht-mehr-haben-Tag eingeladen, alle Gäste gebeten, etwas zu verpacken und mitzubringen, was er loswerden möchte.

 

 

Was sich nach dem gemeinsamen Essen abspielt könnten Unwissende als Schrottwichteln interpretieren, doch natürlich hat die Bardin noch viel mehr geplant. So gibt es nämlich für die Anwesenden weitere Geschenke, einige davon mit einer unvorhersehbaren magischen Wirkung. Um diese Geschenke wird gewürfelt, es bleibt also spannend, wer welchen Zaubertrank probieren muss.


In einer weiteren Runde werden die Geschenke dann nach den Regeln der Würfel wild hin und her getauscht, was vor allem für viel Spaß und einige kuriose Wendungen sorgt. Keine Kämpfe also, keine wilden Schlachten, keine aufwendig gebauten Steingolems, die sie überfallen, sondern ein gemütliches Beisammensein mit viel Lachen. Auch das kann LARP sein: eine Weihnachtsfeier ohne Weihnachten, von Anfang bis Ende in der Rolle und im Spiel und dennoch ein schöner Ausklang des Jahres.


Einige übernachten am Ende in der Taverne und werden sich erst am nächsten Morgen mit der Kutsche auf den Heimweg machen. Ralf nach Hildesheim, andere sogar noch weiter. Vielleicht sehen sie sich ja beim nächsten Event Anfang Mai wieder. Wer auch einmal reinschnuppern möchte, kann sich gerne beim Verein melden (https://allerronn.jimdofree.com). Die Mitglieder sind für jeden Neuzugang offen und auch, wenn manches recht kompliziert und klingt, sei es gar nicht so schwer, sich in die Welt einzufinden.

 

 

Asoziale Netzwerke

War Social Media eine schlechte Idee?

 

Die Bundesrepublik hat keine Verfassung, weshalb auch der sogenannte Verfassungsschutz ausschließlich ein Instrument der rot-grünen Eliten ist. Im Schulunterricht werden Kinder dazu erzogen, queer zu sein und ihr Geschlecht zu wechseln. Migranten essen Hunde und Katzen und stehlen daher unsere Haustiere. Keine Fake News scheint zu blöd, um nicht in sozialen Netzwerken verbreitet zu werden.


Statistisch werden Falschmeldungen signifikant häufiger geteilt, gelikt und kommentiert. Der Anteil derer, die Social Media (Facebook mit mehr als 3 Milliarden Nutzern immer noch als größte Plattform, gefolgt von Youtube mit 2,5 Milliarden, WhatsApp mit 2 Milliarden, Instagram mit 2 Milliarden und TikTok mit 1,6 Milliarden) nutzen, ist in den letzten zehn Jahren von 1,9 auf über 5 Milliarden Menschen angewachsen (Quelle: Statista). Somit scheint das Internet zur Verdummung der Menschheit eine Menge beizutragen.


Immerhin wurde in den USA gerade ein Präsident gewählt, der die „gefühlte Wahrheit“ als Grundlage seiner Macht entdeckte, und auch bei uns verbreiten insbesondere rechte Kräfte ganz gezielt Unwahrheiten, die das Vertrauen in die Demokratie nicht nur empfindlich stören sollen, sondern dies etlichen Studien zufolge auch erfolgreich tun. Dabei gilt: Eine oft wiederholte bzw. weit verbreitete Nachricht gewinnt an Glaubwürdigkeit. Und das Mittel zur Wiederholung und Verbreitung sind vor allem die sozialen Netzwerke.

 

 

Natürlich, wir nutzen sie alle, gucken uns Katzenvideos an, teilen vermeintlich lustige Bilder in der Familiengruppe oder posten Urlaubsfotos aus dem Harz. Das allerdings ist an dieser Stelle nicht gemeint. Denn neben diesen privaten Posts, die ehrlich gesagt kaum jemanden interessieren, den es nicht direkt betrifft, gibt es Medienprofis, die die sozialen Netzwerke als neuen Markt entdeckt und schon lange erobert haben.


Das fängt natürlich bei der ganz normalen Werbung an, die überall vor- und zwischengeschaltet ist, und geht nahtlos über in Placements für Just Legends-Getränkepulver, das eine Zeitlang bei keinem namhaften Youtuber oder Streamer fehlen durfte, oder Klamotten von Shein oder die Feuchtigkeitscreme Hydro Hype. Diese Produkte lebten (oder leben) allein von der Werbung und von einem zielgruppenorientierten Marketing, das sie besonders angesagt erscheinen ließ.


Insolvenzverschleppung? Modern Slavery bei den Arbeitsbedingungen? Verletzungen von Urheber- und Markenrechten? Von vorne bis hinten nichts als Fake? Hey, das kann schon mal passieren. Bis es auffliegt, lässt sich aber in jedem Fall eine Menge Kohle scheffeln. Und was für Produkte gilt, gilt für Behauptungen und Ideologien oft ganz genauso.


Wer von uns recherchiert denn sofort, wenn er etwas im Netz liest? Wer checkt denn alle Quellen, geht Dingen auf den Grund, macht einen ausgedehnten Faktencheck? Sicher, in meiner journalistischen Arbeit sollte das der absolute Standard sein, doch selbst da rutschen vielen immer wieder Falschmeldungen durch, ich will mich da selbst gar nicht ausnehmen. Und wenn es erst einmal in der Welt ist, wird es in manchen Bubbles nicht nur bereitwillig, sondern ganz bewusst und gezielt geteilt und verbreitet.

 

 

Klargestellt werden muss an dieser Stelle, dass Influencer oder Content Creator im Netz nicht per se negativ zu sehen sind. Zum einen gibt es etliche Kanäle, die ganz gezielt und als Erweiterung unserer journalistischen Verbreitungsformen über Fake News und ihre Urheber aufklären. Zum anderen gibt es auch eine ganze Reihe prominenter Persönlichkeiten im Internet, die ihre Reichweite nutzen, um wirklich Gutes zu tun. Als herausragende Beispiele seien an dieser Stelle die Spendenstreams „Loot für die Welt“ von Doktor Froid (lief zuletzt am 9. und 10. November und brachte mehr als eine halbe Million Euro an Spenden ein) und „Friendly Fire“ von Gronkh, PietSmiet etc. (läuft am 7. Dezember auf Twitch, und das bereits zum zehnten Mal) genannt.


Gerade diese beiden Beispiele zeigen deutlich, dass nicht die sozialen Netzwerke, das Internet das Problem darstellen. Sie sind nur das Medium. Dahinter aber stehen Menschen, die sich dazu entschließen, dieses Werkzeug zu nutzen, um entweder unfassbar viel Kohle zu scheffeln, um ihren Teil dazu beizutragen, dass die Welt brennt oder aber, um einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten, der anderen Menschen hilft.


Diese Entscheidung haben aber nicht nur Politiker, Firmen und Influencer zu treffen, sondern jede und jeder Einzelne von uns. Vielleicht haben wir alle nicht die größte Reichweite, doch die sozialen Netzwerke leben von der breiten Masse, von ihren Milliarden Nutzern weltweit. Und genau die bestimmen auch, welche Inhalte geteilt und verbreitet werden und welche kritisch hinterfragt und gegebenenfalls richtiggestellt werden. Das Netz sind wir.

 

 

„Ich verhungere hier geistig“

Wenn Mut und Vorstellungskraft nicht belohnt werden

 

Wirtschaftlich steht es nicht gut um Deutschland. Das hat natürlich mit internationalen Krisen zu tun, aber auch mit uns selbst. Vor allem mit fehlendem Mut, wirklich etwas Neues zu wagen. Oft genug verstecken wir uns hinter Bürokratie, hinter Bedenken und merken dabei gar nicht, dass wir diejenigen, die wirklich Visionen haben, damit ausbremsen. Besonders deutlich geworden ist mir das an einem Fall, über den ich vor gar nicht langer Zeit geschrieben habe:

 

Der gesamte Raum ist voller Bilder, Skulpturen, Farben, Pinsel, Werkzeuge. Von der Decke hängen fantastische Flugobjekte in einer Art Steampunk-Stil, auf den Bildern immer wieder Bäume, denn die mag Asri Sayrac besonders. Weit verzweigtes nicht sichtbares Wurzelwerk, daraus erwächst ein fester Stamm, der sich dann als Krone breit fächert, das ist es, was ihn fasziniert und auch in mancherlei Hinsicht auf uns Menschen übertragbar ist.


Asris eigene Wurzeln liegen in Istanbul, wo er geboren ist, da seine Eltern aus Georgien dorthin flohen. 1978 kam er nach Deutschland, lebte und arbeitete lange Zeit in Berlin, ist seit 1995 deutscher Staatsbürger. Die Kunst hat ihn sein Leben lang begleitet, er schuf zahlreiche Werke und darüber hinaus auch Netzwerke für andere Künstler wie die Kunstfabrik am Flutgraben in Berlin. Im Sommer 2022 kam er nach Katlenburg, zog auf die Burg, wo er wohnt und auch sein Atelier hat.


Von Anfang an hatte Asri Sayrac dort mehr vor, wollte aus dem Lost Place, als der sich viele der Gebäude derzeit präsentieren, nach Berliner Vorbild ebenfalls einen Ort für Kunst und Künstler schaffen. „Regeln brechen gehört zum Künstler“, sagt er, weshalb er der Gemeinde sein Konzept präsentierte und stieß erst einmal auf großes Interesse und die Zusage, dass etwas passieren wird.

 

 

Bei dieser vagen Zusage sei es seitdem geblieben. Die Räume, in denen er sein Atelier eingerichtet hat, seien kalt und feucht, am Gebäude, für das er schließlich Miete zahlt, wurde seitdem nichts gemacht. „Im Winter kann ich da nicht arbeiten“, sagt Asri und kann die Enttäuschung nur schwer verbergen.


Seine Pläne sehen vor, dass Künstler hier wohnen und arbeiten könnten, mit Stipendien für ein halbes Jahr oder ein Jahr, dazu Symposien und regelmäßige Veranstaltungen für Besucher aus der Region oder auch von weit her. Asris Netzwerk erstrecke sich über ganz Europa, Asien und die gesamte Welt. Die idyllisch gelegene Katlenburg könnte seiner Meinung nach ein Treffpunkt mit großer Strahlkraft werden. Gerade die Verbindung zur Natur könnte ein wiederkehrendes Thema sein, so stellt er es sich vor, doch inhaltlich will er der Kreativität natürlich keine Grenzen setzen.


„Es kann sich viel entwickeln“, sagt er, „doch erstmal müssen wir dafür einen Raum schaffen.“ Die Kunstfabrik am Flutgraben in Berlin trägt sich bis heute selbst durch die Vermietung von Atelier- und Gemeinschaftsflächen. Die Gemeinde müsse also lediglich dafür sorgen, dass die Gebäudesubstanz nicht noch mehr verfällt, doch seit er hier wohne, passiere leider rein gar nichts.

 

 

Bürgermeister Uwe Ahrens sieht das natürlich etwas anders. Asri Sayrac sei in einer Notlage nach Katlenburg gekommen, habe nicht gewusst, wohin mit seiner Kunst, man habe ihn hier aufgenommen, sagt er. Die Wohnung sei auf jeden Fall in Ordnung, die Wirtschaftsgebäude, in denen sich das Atelier befindet, leider nicht beheizbar.


„Das Objekt haben wir vom Land aufs Auge gedrückt bekommen“, so Ahrens, im Zuge der Gebietsreform 1974. Seitdem ist die Gemeinde Katlenburg-Lindau für die Burg zuständig, die Ländereien aber, die Pacht abwerfen, habe das Land behalten. Daher ist es eine große Herausforderung, das Areal instandzuhalten, die allerdings immer gemeistert wurde.


Investoren werden gesucht, doch „es muss wirtschaftlich nachhaltig sein“, sagt der Bürgermeister. Ihm schweben kleinteilige Lösungen vor, denn die Reithalle werde ja für Veranstaltungen genutzt, ebenso finden Trauungen statt, für das Haupthaus wurde vor den Corona-Jahren ein Sanierungsplan aufgestellt, für den jetzt aber Zuschüsse fehlen.

 

 

„Wir haben andere prioritäre Finanzbedarfe“, erläutert er, betont aber auch, dass er einer Zusammenarbeit mit Asri Sayrac nicht abgeneigt ist. Allerdings würde es geschätzt etwa 50.000 Euro kosten, den Atelierbereich zu sanieren, eine Künstlerakademie noch deutlich mehr. Allein könne eine kleine Kommune das nicht stemmen, doch wenn Asri Sayrac eigene Finanzmittel einbringt oder andere, die hier investieren, sei durchaus vieles möglich. Katlenburg sei nun einmal nicht Berlin.


Asri hingegen ist überzeugt, dass er in Zusammenarbeit mit der Gemeinde, mit Künstlern, die er kennt, und auch mit eigenen Mitteln etwas Zukunftsfähiges mit großer Strahlkraft hier aufbauen kann. Willensbekundungen seitens der Kommune habe er viele bekommen, doch bisher nie etwas Konkretes, weil es immer wieder ein Aber gebe.


Sein Blick geht zu den beweglichen Flugobjekten an der Decke, die für ihn Freiheit und ein Fortkommen symbolisieren. Vielleicht ist gerade deshalb das Warten hier für ihn so unerträglich. „Ich verhungere hier geistig“, sagt Asri Sayrac bedauernd, wenn sich nicht bald etwas tue, müsse er weiterziehen.

 

 

Doppelte Fahrtzeit – doppelter Spaß

Warum das 49-Euro-Ticket so wichtig ist

 

In den vergangenen drei Wochen hatten 100% der Züge, mit denen ich gefahren bin, Verspätung. In zwei Dritteln der Fälle war ich sogar doppelt so lange unterwegs, wie ich es laut Fahrplan eigentlich hätte sein sollen. Sicher, das ist nur eine Stichprobe und gewiss keine repräsentative, aber Lust aufs Bahnfahren macht das auf jeden Fall nicht.


Um es zu erklären: Aktuell ist mein Auto in der Werkstatt, so dass ich versuchte, einige berufliche Termine per öffentlichem Verkehr wahrzunehmen. In ländlichen Regionen ist der ohnehin nicht besonders attraktiv, Verspätungen machen es da nicht unbedingt besser. Auf jeden Fall führte es bei mir dazu, dass ich intensiver nach Mitfahrgelegenheiten suchte, mir ein Auto von Freunden lieh oder sogar versuchte, die Termine online oder telefonisch zu erledigen.


Leider ist es auch nicht die erste Erfahrung dieser Art, die ich machen musste. Letztes Jahr nämlich hatte mein Auto schon einmal einen längeren Aufenthalt in der Werkstatt, nach einem Wildunfall musste eine neue Stoßstange her und es gab Lieferschwierigkeiten, die meine Geduld aufs Äußerste strapazierten... aber das ist eine andere Geschichte.

 

 

Jedenfalls hatte ich damals einige Termine in der weiteren Umgebung, musste häufiger vom Harz in Richtung Holzminden fahren und dabei feststellen, dass die Wege mit der Bahn unfassbar lang sind, weil sie im Zickzack-Kurs durch Südniedersachsen führen und ich immer wieder umsteigen und warten muss. Ein Gutes hatte die Sache aber, denn ich hatte ausreichend Zeit, etliche Lost Places, ehemalige Bahnhöfe, sehr genau und völlig ohne Zeitdruck zu erkunden.


Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass Züge auch im ländlichen Raum häufiger und besser aufeinander abgestimmt fahren. Gefühlt komme ich nämlich schneller von Hannover nach Frankfurt oder Berlin als von hier in kleine Orte im Nachbarlandkreis. Von Osterode nach Stadtoldendorf über Herzberg, Northeim und Kreiensen in mehr als zwei Stunden, wo es mit dem Auto gerade mal eine ist. Oder von Osterode nach Holzminden über Herzberg, Northeim, Bodenfelde und Höxter, wobei es nach Bodenfelde mit dem Bus, also Schienenersatzverkehr, geht. Und dann noch vom Bahnhof zum eigentlichen Ziel. Somit sind wir, die wir nicht in den Metropolen leben, unweigerlich aufs Auto angewiesen.


Dabei bin ich eigentlich ein großer Fan des öffentlichen Nahverkehrs. Damals in Osnabrück hatte ich gar kein Auto, weil in der Stadt alles innerhalb von 20 Minuten mit dem Bus erreichbar war, und in anderen Städten fahre ich unglaublich gerne U-Bahn. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass es eben praktisch ist, allerdings muss ich auch zugeben, dass mich U-Bahn-Stationen schon immer faszinieren, und dass es eigentlich nichts Spannenderes gibt, als Menschen in den Bahnen oder auf den Bahnsteigen zu beobachten und im Kopf zu fragen, woher sie wohl gerade kommen oder wohin sie wollen.

 

 

Um es auf den Punkt zu bringen: Wenn es möglich wäre, würde ich auch heute noch durchaus auf mein Auto verzichten können. Wäre gut fürs Klima und auch für den Geldbeutel. Naja, Letzteres zumindest, wenn die Politik sich dazu durchringt, andere Verkehrsmittel als das Auto endlich mal wirklich zu fördern oder zumindest nicht das 49-Euro-Ticket jetzt schon wieder abzuschaffen.


Ehrlich gesagt habe ich auch bis heute nicht verstanden, warum das 9-Euro-Ticket so schnell vom Tisch war, denn letztlich war das für mich damals tatsächlich ein Grund, das Auto ab und zu stehen zu lassen. Zumindest auf den Strecken, die keine extremen Umwege bedeuteten. Jedenfalls bin ich bis heute nicht überzeugt, dass das nicht finanzierbar sein soll, wenn bei jeder Krise, die wir haben, erstmal extrem viel Geld in die Autoindustrie gepumpt werden muss und die dann trotzdem noch schwächelt.


Grade in Zeiten wie diesen, in denen ein Umdenken in Sachen Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Mobilität dringend nötig ist und wir wissen, dass wir grundlegend etwas ändern müssen, verstehe ich nicht, warum unzählige Debatten geführt werden, ob Lithium-Batterien in E-Autos nicht ebenso schlecht für die Umwelt sind wie der CO₂-Ausstoß bei Verbrennermotoren, aber es in Sachen öffentlicher Verkehr immer nur bei Lippenbekenntnissen bleibt. Aber gut, vielleicht landen hier im Harzvorland ja bald die Flugtaxis, die gewisse Politiker schon vor Jahren angepriesen haben. Wenn die dann pünktlich kommen, nehme ich eben die.

 

 

„Ich kann die Angst nicht wegwischen, aber ich möchte etwas dagegensetzen“

Margot Käßmann und die Farben der Hoffnung

 

Klimawandel, Kriege, Pandemie... eine schlechte Nachricht jagt die nächste. Das prägt unsere Zeit und macht vielen Menschen Angst. Jemand habe ihr einmal gesagt, es fühle sich an wie eine graue Glocke, die auf uns lastet, sagte Dr. Margot Käßmann am vergangenen Donnerstag beim Kreislandfrauentag in Osterode.


„Ich kann die Angst und die Sorgen nicht einfach wegwischen, aber ich möchte doch etwas dagegensetzen“, leitete die Theologin auf die Lesung aus ihrem neuen Buch „Farben der Hoffnung“ ein. Doch eigentlich war es keine Lesung, vielmehr nahm sie das Buch, in dem sie Farben mit ganz bestimmten Hoffnungen assoziiert, als Gerüst für eine mutmachende Rede.


„Die Bibel ist voller Hoffnungsgeschichten, die uns leiten können“, machte sie deutlich, auch wenn die Kirche seit einigen Jahren durch eine Vertrauenskrise erschüttert werde. Dennoch sollte Hoffnung unsere Grundhaltung sein. Das habe sie beispielsweise bei Reisen in viele Länder gelernt, in denen es Menschen deutlich schlechter geht als uns hier. Sie habe dort viele Menschen, oft waren es Frauen, erlebt, die zuversichtlich und mutig blieben, so wie es auch die Bibel von Menschen, die unerschütterlich auf Gott vertrauen berichtet.

 

 

Ihre Lieblingsfarbe, so Margot Käßmann, sei Rot. „Weil es ne klare Ansage ist.“ Als erste Frau in vielen Ämtern, die sie bekleidete, habe sie Rot getragen, um sich und anderen zu zeigen, dass sie keine Angst habe. Rot sei aber auch die Farbe der Liebe, und die umfasse nicht nur die erotische Liebe, sondern ebenso die freundschaftliche und die Nächstenliebe.


„Jesus sagte: Liebt eure Feinde. Es ist leicht, Menschen zu lieben, die wir mögen, aber eine Leistung ist es, die zu lieben, die wir nicht lieben. So entsteht Frieden.“ In diesem Zusammenhang ging sie auch auf den Angriffskrieg auf die Ukraine ein, zu dem sie die Position vertritt, dass wir friedliche Konfliktlösungen anstreben sollten und nicht unseren Pazifismus über Bord werfen. „Religiöse Rechtfertigung von Krieg ist für mich Gotteslästerung“, machte sie deutlich.


Wichtig sei ihr auch die Heimatliebe, fuhr sie fort. Die habe bei ihr die Farbe braun, „weil ich mit die Farbe und den Begriff nicht von Nazis wegnehmen lasse.“ Heimat spielte immer in Zeiten von Flucht eine Rolle, erläuterte sie weiter, auch in ihrer eigenen Familiengeschichte. Ihre Mutter und auch ihre Patentante seien damals vor dem Krieg geflohen, die Patentante übrigens nach Osterode, weshalb sie sich auch noch daran erinnere, hier deren Kaninchen gefüttert zu haben.

 

 

Viele Menschen müssen ihre Heimat verlassen, an einem anderen Ort eine neue suchen. Das sei nicht einfach, dauere lange, doch kann und muss ein neuer Ort zur Heimat werden. Auch davon erzähle die Bibel in einigen Geschichten.


Pink stehe für sie für das Glück. Weil es knallt. Für viele habe Glück ja mit Geld zu tun, doch die Forschung besagt, dass allein das soziale Umfeld, also Familie und Freunde, Menschen glücklich macht. Das knallt nicht, hält aber dafür lange an. „Wahrscheinlich ist Zufriedenheit Glück auf Dauer“, so die Theologin. Zufriedenheit, Ruhe und Vertrauen, auch das Vertrauen auf Gott.


Der schenkte den Menschen nach der Sintflut den Regenbogen als Zeichen. Farben als Zeichen für Hoffnung und Zuversicht. Aber auch als Zeichen für unseren Bund mit ihm und als Auftrag, die Schöpfung zu bewahren, so wie er uns und diese Welt bewahrt. Auch und gerade in Zeiten der Angst und Sorge.

 

In den Weiten des Weltalls

Die drei ??? und der telepathische Oktopus - Teil 2

 

„Chimera“ beginnt mit einer Reise durchs All, bei der die Besatzung eines Raumschiffs pflanzliches und tierisches Leben suchen und sammeln soll, um es dann auf der Erde teuer zu verkaufen. Als sie auf dem Mond eines fremden Planeten Leben orten, steuern sie diesen an und stürzen dann aber ab, das Schiff erleidet einen Totalschaden, nur ein kleiner Teil der Besatzung überlebt die Katastrophe.


Zum Glück aber auch der Überlebensexperte Ares, der an Bord zunächst von allen belächelt wurde, da die Raumfahrt ja ach so sicher ist, auf den sich jetzt aber alle stürzen, weil er ihre einzige Hoffnung hier zu sein scheint. Blöd nur, dass Ares gar kein echter Überlebensexperte, sondern ein Hochstapler ist, der absolut keine Ahnung hat, was er jetzt hier auf diesem kargen Mond anfangen soll.


Auch überlebt hat die stellvertretende Kapitänin des Raumschiffs, auf die Ares heimlich steht, so dass er seine Tarnung beibehält und im Brustton der Überzeugung ansagt, was zu tun ist. Zu seiner eigenen Überraschung funktioniert das sogar. Sie richten sich in dem Wrack, so gut es geht, ein, rationieren Wasser und Nahrungsvorräte und schicken immer wieder Erkundungstrupps in die scheinbare Wüste.

 

 

Bald schon entdecken sie eine Art Oase voller seltsamer Pflanzen, die aber bei ihrer ersten Erkundung eine halluzinogene Wirkung auf sie haben. Später entdeckte Ares inmitten dieser Oase dann ein Wesen, das er niemals für möglich gehalten hätte: eine Art Oktopus, der sich an seinem Kopf festsaugt und telepathisch mit ihm kommuniziert.


Damit versteht ihr jetzt den Anfang dieses Textes und ahnt vielleicht auch, was neben dem Survival-Aspekt den Reiz dieser Geschichte ausmacht. Es ist zum einen eine für Science-Fiction typische Erstbegegnung mit einer fremden Art, zum anderen die durchaus philosophische Frage, was mit mir passieren kann, wenn ich nicht mehr der alleinige Herrscher über meine Gedanken bin.

 

 

Die wahre Kunst besteht aber darin, diese Geschichte mit einer Leichtigkeit zu erzählen, die zum Teil durchaus an die Drei ??? erinnert, vielleicht auch, weil Ares in seinem manchmal unbeholfenen Tatendrang ein entfernter Nachfahre von Peter Shaw sein könnte. Zwar schrieb Christoph den Roman unter seinem Pseudonym Christian Montillon, das er auch für Perry Rhodan nutzt, dennoch meine ich, einen für ihn typischen, sehr direkten und authentischen Schreibstil herauslesen zu können.


Es ist eine locker erzählte Geschichte, die aber immer wieder in tiefe Fragen über das Wesen des Menschen, den freien Willen, Gut und Böse etc. abtaucht und dabei unfassbar spannend ist, weil nie klar ist, was als nächstes passiert. Dabei verzichtet Christoph auf all das, was ich bei Science-Fiction nicht mag, also auf allzu komplexe Herrschaftsverhältnisse und sei seitenlange Erläuterung ihrer Entstehung, auf technische Ausführungen, denen ich ohnehin nicht folgen kann, wenn ich kein Raketenwissenschaftler bin, und vor allem auf Belehrungen, wie ich den Text gefälligst zu verstehen habe.


Ja, für mich ist Christoph Dittert schon irgendwie eine literarische Chimäre. Auf der einen Seite dieser fast schon unscheinbare Typ, der Jugendbücher schreibt und sie mit kindlicher Begeisterung seinem Publikum nahebringt und sich dabei freut, wenn Simone Nowicki die quietschenden Reifen von Bobs Käfer mit einem alten Küchengerät untermalt. Und auf der anderen Seite jener Autor, der das gesamte seit 1961 bestehende Universum um einen Weltraumhelden im Kopf hat und dazu noch ganz eigene Welten, denen es keinesfalls an erzählerischer Tiefe fehlt.

 

 

Mit „Chimera“ hat er mich wieder einmal total gefesselt und über 400 Seiten meine Gedanken in verschiedenste Richtungen gelenkt. Aber vielleicht liegt es ja auch daran, dass ich selbst auch eine Art literarische Chimäre bin, einerseits journalistisch unter anderem für die Kirche schreibe und andererseits Horrorgeschichten auf Youtube vertone und Mitveranstalter eines Krimifestivals bin. Vielleicht sind es gerade solche Widersprüche, die Menschen interessant machen, so wie es auch die Brüche und unerwarteten Wendungen sind, die einer Erzählung die nötige Würze geben.


Ja, das ist jetzt alles sehr metaphorisch, aber ich liebe es einfach, wenn ein Buch mich einerseits so fesselt, dass ich die Welt drumherum nahezu ausblende, und andererseits meine Fantasie triggert, Gedankengänge anstößt, die bei mir noch weit über die eigentliche Geschichte hinausgehen. Das ist für mich die Magie von Literatur und auch der Grund, warum ich selbst schreibe. Und es ist auch etwas, was meiner Meinung nach uns Menschen als Spezies ausmacht. Die schöpferische Kreativität, verbunden mit der Fähigkeit, anderen unsere Gedanken so detailliert mitzuteilen und wiederum ihr Denken anzuregen.

 

 

Im Kopf der Autoren

Die drei ??? und der telepathische Oktopus - Teil 1

 

Stell dir eine Art Oktopus vor, der sich an deinem Kopf festsaugt und telepathisch in dein Gehirn eindringt, deine Gedanken manipulieren kann. Eine der schlimmsten Horrorvorstellungen überhaupt, oder? Aber jetzt stell dir vor, du könntest in die Gedanken anderer eindringen und sie wie ein Buch lesen. Das wiederum könnte extrem spannend werden.


Geht es euch nicht auch so, dass ihr manchmal von den Gedankengängen anderer Menschen völlig fasziniert seid? Darum habe ich Philosophie studiert und auch Literatur, denn Bücher waren für mich schon immer nicht nur ein Tor in andere Welten, sondern eben auch in die Gedankenwelten anderer Menschen. Nein, nicht als telepathischer Oktopus, nicht grenzenlos, aber eben ein Stück weit schon. Das ist für mich die Magie der Literatur oder allgemein des Erzählens.


Beim Lesen stelle ich immer wieder fest, wie es meinen Horizont erweitert, wenn ich alles da draußen mal durch die Augen eines anderen sehe oder zumindest in seinen Worten beschrieben. Fast mehr noch als durch ihre Bücher sind es aber manchmal Gespräche mit Autorinnen und Autoren selbst, die solche Blickwinkel ermöglichen.

 

 

Das ist auch der Grund, warum ich so für unser Mordsharz-Festival brenne. Es sind einerseits die Lesungen, es ist aber auch das ganze Drumherum, wenn wir abends mit unseren Gästen noch zusammensitzen. Da gibt es oft die spannendsten Gespräche, auch der Autoren untereinander. So beispielsweise vor ein paar Jahren zwischen Thrillerautor Andreas Gruber, der als Laudator unseres Nachwuchspreises Harzer Hammer inzwischen jedes Jahr bei uns ist, und Christoph Dittert.


Christoph ist einer der Autoren der Drei ??? und wir haben ihn, meist zusammen mit Geräuschemacher Jörg Klinkenberg, der auch bei den Liveshows der Drei ??? für den Sound zuständig ist, beim Festival zu Gast. Zuletzt waren er und Jörg vor der Lesung mit Sebastian Fitzek bei uns und abends beim Essen fragten Sebastian und Andreas ihn dann vor allem über seine Arbeit für die Serie Perry Rhodan aus.


Perry Rhodan ist als Heftromanserie die langlebigste Science Fiction-Serie der Welt und auch die längste fortlaufende Erzählung der Literatur. Ja sogar älter als John Sinclair, auch wenn ich persönlich deutlich mehr Drei ??? und John Sinclair gelesen habe als Perry Rhodan. Letzteres liegt auch daran, dass die Handlung doch recht komplex ist und ich ehrlich gesagt keine Lust hatte, am Anfang anzufangen.

 

 

Ganz anders als Andreas Gruber, der großer Fan ist. Dennoch hatte er in diesem Jahr ein Hühnchen mit Christoph zu rupfen. Als beide sich während unseres Aufbaus fürs Festival trafen, maulte er ihn nämlich an, dass er nur verraten habe, einer der Autoren zu sein, nicht aber, dass er die gesamte Handlung auch konzipiert und sozusagen einer der Masterminds hinter Perry Rhodan ist.


Warum erzähle ich euch das alles? Nun, weil man Christoph Dittert vielleicht unterschätzen könnte, wenn man ihn nur als Autor der Drei ??? kennt. Dabei ist natürlich auch die Serie Kult, ich bin seit Jahren Fan, die Lesungen mit Live-Sounds für mich immer wieder ein Highlight bei Mordsharz.


Auf jeden Fall war Christoph also diesmal mit dem Band „Die Stadt aus Gold“ in Goslar zu Gast, mal nicht mit Jörg Klinkenberg, sondern mit Simone Nowicki, die ihren, wie sie sagt „Sperrmüll“ mitgebracht hat, um die Geräusche zum Buch zu machen. Zu Simone muss ich sdagen, dass auch sie viel zu erzählen hat, nicht nur über ihren ohnehin schon außergewöhnlichen Beruf, sondern weil sie das Geräuschemachen zudem auch noch wissenschaftlich betrachtet und – und das müsste ich eigentlich noch viel ausführlicher erklären, weil es so einzigartig ist – weil sie zusammen mit Orchester und dem Youtuber Staiy in der Hamburger Elbphilharmonie aufgetreten ist.

 

Dort hat Staiy gezockt, also ein Live-Let’s Play eines Videospiels vor Publikum und im Stream gespielt, die Musik dazu kam vom Orchester und die Sounds von Simone Nowicki. Ein solches Event hat es zuvor noch nie gegeben, eine ganz neue Form der Unterhaltung, wie ich finde, die mehr als 160 000 Menschen verfolgten.


Nun gut, aber ich wollte ja endlich zu Christoph und vor allem zu seinem neuesten Buch kommen. „Chimera“ heißt das Werk, ist zuerst als Trilogie und inzwischen auch als Gesamtwerk erschienen, ist (natürlich) Science Fiction und hat mich restlos begeistert.


Vor einiger Zeit hatte Christoph mir schon mal geschrieben, dass es was für mich sein kann, weil mir ja auch sein „Fallender Stern“ so gut gefallen hat (Dazu gibt es auch ein Video hier auf meinem Kanal). Im Anschluss an die Drei ???-Lesung hielt er „Chimera“ kurz hoch und machte Werbung in eigener Sache, was eigentlich so gar nicht sein Ding ist. Natürlich ging ich anschließend zu ihm und wollte unbedingt ein Exemplar haben.


Ja, was soll ich sagen, Mordsharz ist gerade mal zwei Wochen her, eigentlich wollte ich eine Lesepause einschieben, weil ich mich ja fürs Festival durch etliche Bücher zu kämpfen habe, doch dann ergriff die Chimäre Besitz von mir und ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen.

 

Fortsetzung folgt...

 

 

Spitze Nadeln, harte Kerle und zarte Seifenblasen

Soll ich mir ein Tattoo stechen lassen?

 

Habt ihr Tattoos? Manchmal komme ich mich richtig nackt vor, weil meine Haut noch „jungfräulich“ ist. Gefühlt trägt doch inzwischen jeder ein Motiv mit sich herum, das den Charakter unterstreichen oder besondere Erfahrungen im Leben in einem Bild festhalten soll. Tattoos sind Kunst auf der Haut, sind Lifestyle, sind für manche sogar eine Art Sucht.


Wäre ich damals bei meinen Eltern auch nur mit dem Wunsch angekommen, ein Tattoo haben zu wollen, hätte ich für nichts mehr garantieren können. Daher habe ich auch nie wirklich darüber nachgedacht, außer vielleicht nach dem Tod meiner besten Freundin Ari, wo ich überlegte, ihren Namen auf meiner Haut zu verewigen. Letztlich habe ich es nicht getan, da ich sie ja nun mal im Herzen eintätowiert habe.


Wie auch immer, zum ersten Mal fand jetzt in Northeim eine Tattoo Convention statt und ich hatte den Auftrag, darüber zu berichten. Insgesamt 26 Messestände in der Stadthalle, die von mehreren hundert Menschen besucht wurden. Allerdings kamen viele nicht nur her, um sich umzusehen, sondern hatten im Vorfeld bereits Termine gemacht oder begaben sich sogar spontan in die Hand der Künstlerinnen und Künstler, um sich ein neues Tattoo stechen zu lassen.


Für die meisten ist es nicht das erste Mal. Da ist zum Beispiel Jessica aus Hannover, die sich von Lany Davies bereits zum siebten Mal verschönern lässt. Beide lernten sich auf der Tattoo Convention – die Messe ist zwischen Hannover und Coburg, Gummersbach und Gelsenkirchen unterwegs – kennen und sozusagen lieben. „Sie folgt mir auf die Conventions und verfolgt mich inzwischen auch privat“, sagt Lany Davies scherzhaft.

 

 

Dabei hat Jessica erst im April ihr erstes Tattoo stechen lassen, seitdem sind immer neue hinzugekommen. „Wir sind auf einer Wellenlänge“, sagt sie, meint damit die Kunst als solche, aber auch das Vertrauen darin, dass die Künstlerin absolut versteht, was sie sich wünscht, und auch beim Stechen selbst. Zwischen beiden ist eine Freundschaft entstanden, über die sie locker plaudern, während Lany dabei das neueste Motiv vollendet.


Einige Stände weiter sucht Horst (er ist Pastor in Osterode) nach einem ganz bestimmten Tätowierer. Nämlich jener, der ihm kürzlich erst den Fuchs auf seinem Arm gestochen hat. Die Schnauze des Tieres ist nicht ganz so, wie sie sein sollte, es fehlt ein einziger kleiner Strich. Leider fehlt auch der Künstler, doch ein Kollege, der die Arbeit kennt, nimmt sich der Sache an und so wird der Fuchs kurzerhand perfektioniert.


Auf der Bühne sorgen derweil Attixx aus Höxter mit Rock-Coversongs für die passende Eventstimmung, anschließend zeigt Anastasiya, was man mit Seifenblasen alles machen kann. Auch das Rahmenprogramm ist nu einmal wichtig.

 

 

Das Tattoostudio Fateful Ink aus Göttingen hat die Tattoo-Künstlerin Velary aus Polen zu Gast am Stand. Sie hat sich gleich den gesamten Rücken eines Kunden vorgenommen. Eine solche Arbeit dauert Stunden, erfordert Durchhaltevermögen ihres Kunden und ihrerseits natürlich volle Konzentration. Mit Kopfhörern ist es aber eben auch auf einer Convention durchführbar. Ein Kranich entsteht, mutet japanisch an.


Bei den Yakuza haben Tattoos traditionell eine große Bedeutung, stehen für Gruppenzugehörigkeit und Rang. Aber auch bei den alten Ägyptern gab es vor über 5000 Jahren schon Tätowierungen und auch die Gletschermumie Ötzi hat wohl 61 verschiedene Tattoos. Es ist also kein Phänomen unserer Zeit, sondern schon immer und in vielen Kulturen Ausdruck der Individualität oder sakrales Symbol oder was auch immer.


Trotzdem gehe ich selbst so unverziert von der Convention, wie ich gekommen bin. Diesmal noch nicht. Obwohl ich wieder einmal an den Wunsch von damals, mir Aris Namen verewigen zu lassen, denken musste. Meine Eltern würden mir vermutlich auch heute noch eine Gardinenpredigt halten. Allein das wäre es eigentlich wert, oder?

 

Abgelichtet

Dieter Bohlen darf nicht fotografiert werden - Teil 2

 

Das Konzert fing auf jeden Fall richtig gut an. Die Band Paint the Sky hatte sich kürzlich bei einem Bandcontest nämlich die Chance erspielt, als Support für Dieter Bohlen beim Festival aufzutreten. Die Jungs kenne ich schon lange, sogar noch aus früheren Bandprojekten und jetzt treffen sie mit Coversongs wie beispielsweise „Kids“ von MGMT oder „Blinding Lights“ von The Weeknd meinen Geschmack ziemlich gut.


Auch dieser Auftritt vor großem Publikum holte mich ab und war ehrlich gesagt ein ziemlich guter Auftakt für den zweiten Festivaltag. Der Grund, warum sie überhaupt jetzt und nicht am ersten Tag spielten, ist der, dass der Bandcontest zwar damit warb, dass die Gewinner als Vorband für Bohlen auftreten dürfen, beim Wettbewerb selbst aber schnell klargemacht wurde, dass dieser ein Vetorecht hat und somit erst im Nachhinein entschieden wird, ob der Preis überhaupt eingelöst wird.


Na wie auch immer, mir war es so ja viel lieber, weil ich die Jungs hören konnte. Auch hören konnte ich übrigens ziemlich schnell nach meiner Ankunft meinen Namen. Eine Mitarbeiterin der Stadthalle rief nach mir, um mir die freudige Botschaft zu überbringen, dass die Fotos von Leony und Clockclock nun doch nicht mehr dem Management zur Freigabe geschickt werden mussten.


Zur Erklärung: Neben den üblichen Auflagen, dass nur während der ersten drei Songs fotografiert werden darf, kam nämlich zwei Tage zuvor noch eine Mail, dass sämtliche Fotos freigegeben werden müssen. Das bedeutet für mich natürlich einen Mehraufwand und vor allem zusätzlichen zeitlichen Druck.

 

 

Da ich ja wie gesagt wegen der Veranstaltung finanzielle Einbußen hatte und einen anderen Termin abgesagt, hatte ich stattdessen für den nächsten Tag, den Sonntag, andere Termine angenommen. Also rief ich beim Management an und schilderte, dass ich meinen Artikel noch Samstag an die Redaktion schicken müsse, da ich eben Sonntag keine Zeit habe. Wie lange dauert das denn mit der Freigabe der Fotos?


Als Antwort wurde mir gesagt: „Das geht normalerweise relativ schnell, die Künstler wollen die Bilder ja auch schnell auf Social Media hochladen.“ Moment, was? Da musste ich nachhaken. „Wie? Die wollen meine Fotos veröffentlichen?“ Am anderen Ende gab es kurz eine (meiner Meinung nach irritierte) Pause, dann die Antwort: „Nee, es machen ja auch noch andere Leute Fotos.“ Ich glaube, ich muss nicht erklären, dass ich für meine Bilder natürlich niemandem außer dem Eseltreiber ein Nutzungsrecht eingeräumt habe.


Wie auch immer, die Regelung mit der Freigabe hatte sich dann ja spontan geändert, den Grund dafür kenne ich natürlich nicht. Allerdings war ich nicht der Einzige, der irritiert war, eine Kollegin einer anderen Zeitung war ziemlich genervt vom ganzen Hin und Her und meinte, sowas erlebe sie immer nur hier. Dazu sagte ich lieber nichts.

 

 

Zum Glück klappte es dann gut, dass wir für die ersten Songs von Clockclock und später von Leony in den Fotograben geleitet wurden, so dass wir doch noch einen schönen Festivalabend erlebten. Clockclock lieferten guten Elektro-Pop, Leony später Radiopop zu einer Bühnenshow mit Tänzerinnen und tollen Lichteffekten, so dass ich auch mit meinen Fotos recht zufrieden war.


Nicht ganz sicher bin ich mir, ob die Vorgehensweise, also den Harzkurier vom Festival auszuschließen, rechtlich gesehen überhaupt okay ist. Nun ist ein Konzert, ein Festival etc. im juristischen Sinne eine private Veranstaltung, platt gesagt kann der Hausherr also bestimmen, wen er reinlässt. Dennoch ist es mit Blick auf das Presserecht ein wenig komplizierter.


„Ein Zugangsrecht zu privaten Veranstaltungen besteht nicht. Allerdings darf auch der private Veranstalter den Journalisten nicht aus Angst vor schlechter Kritik von der Veranstaltung ausschließen“, heißt es dazu beispielsweise auf der Website der Kanzlei von Christian Solmecke, „Er kann jedoch die Presse allgemein von seiner Veranstaltung ausschließen.“ Allgemein ausgeschlossen wurde die Presse ja nun nicht. Der Grund war eine schlechte Kritik, wenn auch nicht die Angst vor einer schlechten Kritik, sondern eine bereits gedruckte.


Mit der Medienrechtskanzlei WBS bin ich gerade noch in Kontakt, allerdings nicht, weil ich selbst klagen will, sondern weil mich der Fall im Sinne des Presserechts einfach interessiert. Für unsere journalistische Arbeit sehe ich es nämlich als ziemliche Einschränkung ein, wenn es üblich wird, dass von Veranstaltungen nur noch das nach außen dringt, was den Veranstaltern genehm ist.

 

 

Am kommenden Wochenende hätte ich übrigens über ein Konzert von Sarah Connor berichten sollen, aber irgendwie habe ich gerade die Nase voll von Konzerten. Insgesamt muss ich aber nach wie vor sagen, dass mir der Beruf als Journalist wirklich Spaß macht. Wenn ich – fast egal wo – direkt mit Menschen zu tun habe, wenn es ein Geben und Nehmen ist, wenn alle am Ende froh über ein gelungenes Event und eine brauchbare Berichterstattung sind. Sobald ich aber im Vorfeld mit Künstlermanagements, Agenturen, Veranstaltern, Redaktionen etc. zu tun habe, die sich untereinander nur unzureichend absprechen, werde ich in Zukunft viel mehr Aufträge ablehnen.


Da ich durch meinen Beruf ohnehin nicht reich und berühmt werde, kann ich es mir rausnehmen, Menschen, die sich selbst viel zu wichtig nehmen, aus dem Weg zu gehen und stattdessen über jene zu schreiben, die sich über einen Presseartikel freuen, für die ich vielleicht etwas Gutes bewirken kann, deren Geschichten sich wirklich zu erzählen lohnen. Vermutlich sollten wir das sowieso viel häufiger tun und denjenigen, denen es nur um Streicheleinheiten für ihr Ego geht, deutlich weniger Aufmerksamkeit schenken.

 

 

Ausgeladen

Dieter Bohlen darf nicht fotografiert werden - Teil 1

 

Dieter Bohlen kommt in den Harz. Nach Osterode zum „Live am Harz Open Air“. Seit einem Jahr wurde dafür geworben, seit einem Jahr hängen Plakate und wir drucken regelmäßig Anzeigen ab, hatten die Veranstaltung sogar auf unserer Titelseite. Und seit einem Jahr werden in der Redaktion Witze darüber gemacht, wer wohl hingehen muss. Zum Glück hat es mich nur halb getroffen.


Das „Live am Harz Open Air“ ist ein kleines Festival, auf dem ich in den letzten Jahren über Künstler wie Revolverheld oder Wincent Weiss berichtet habe. Die Veranstaltung findet an zwei Tagen statt, bisher war es immer ein Abend Pop, der andere Schlager. Diesmal ist es ein wenig anders, ein Abend Dieter Bohlen mit der „40 Jahre Modern Talking“-Show, am zweiten dann Leony und Clockclock. Beide Acts sagten mir ehrlich gesagt gar nichts und ich habe in unserer Eseltreiber-Redaktion auch deutlich gemacht, dass ich dieses Jahr passe.


Da ich aber nun mal freier Journalist bin, bekomme ich auch Aufträge von anderen Medien, in diesem Falle war es der Harzkurier, der anfragte, ob ich am zweiten Festivaltag übernehmen und vor allem Fotos für eine Fotostrecke liefern könne. Ein Auftrag zum Festpreis, ja, ich gebe zu, ab einer gewissen Smme bin ich käuflich. Natürlich habe ich dem Eseltreiber angeboten, dann auch den Bericht für das Onlinemagazin (mit anderen Fotos) zu schreiben.

 

 

Soweit, so gut, zumindest bis alle Medien vor Ort plötzlich die Mitteilung bekamen, dass Herr Bohlen nicht fotografiert werden darf. Nicht auf der Bühne, nicht dahinter, der Zugang zum Backstage-Bereich ist nicht gestattet und darf auch nicht blockiert werden, hieß es schriftlich. Nun gut, Fotos nur während der ersten drei Songs etc. ist ja durchaus üblich, auch wenn ich nach wie vor nur zum Teil verstehe, worin da der Sinn besteht, wenn jeder im Publikum eh Bilder mit dem Smartphone macht.


Über dieses Fotografierverbot ließ sich ein Kollege des Harzkurier dann in einem Kommentar aus, meiner Meinung nach vollkommen zu Recht, denn gerade für uns freie Journalisten sind es die Fotos, mit denen wir unser täglich Brot verdienen, leider nicht die Texte. Dieser Kommentar traf dann auch auf ziemlich viel Zustimmung, außer anscheinend beim Management von Herrn Bohlen und der Event-Agentur, die das Festival organisiert.


Zwei Tage vorm Festival rief mich die Osteroder Stadthalle an, die eben Veranstalter hier vor Ort ist, das Festival wurde in diesem Jahr in den Park vor der Stadthalle verlegt (laut Pressemitteilung, weil es dort schöner und gemütlicher ist als am vorherigen Veranstaltungsort). Die Nachricht, die sie mir überbringen mussten, war die, dass ich ja akkreditiert sei, aber leider nur noch für den Eseltreiber, nicht mehr für den Harzkurier. Der nämlich sei vollkommen raus, aufgrund des besagten Kommentars.

 

 

Ehrlich gesagt brauchte ich einen Moment, um diese Nachricht zu verdauen. Da hatte also ein Journalist seine (ganz klar als Kommentar gekennzeichnete) Meinung geäußert und ich (der ich nicht beim Harzkurier oder der Funke Mediengruppe, zu der die Zeitung gehört, angestellt bin) sollte deswegen um meinen Verdienst (bei einem Konzert, bei dem Dieter Bohlen nicht einmal auftritt) gebracht werden. Zur Erklärung muss ich sagen, dass ich sogar einen anderen Termin für die Landeskirche Hannovers abgesagt hatte, weil ich im Zweifelsfalle nun mal den Auftrag annehme, den ich zuerst erhalte und nicht den, der am meisten einbringt.


Aufgrund der Meinungsäußerung eines Kollegen, die ja definitiv von der Pressefreiheit gedeckt ist, entsteht mir nun also ein wirtschaftlicher Schaden, so wie es aussieht nur deshalb, weil Herr Bohlen es nicht ertragen kann, sich ohne Weichzeichner auf Fotos zu sehen. Sehe ich das richtig?


Nun gut oder auch nicht gut, das Konzert von Leony und Clockclock gebe ich mir natürlich trotzdem, vielleicht auch nur aus Neugier, wie denn die Mewes Entertainment Group vor Ort mit uns Journalisten umgeht. Okay nein, nicht nur. Sondern auch, weil ich den Leuten hier ihre Berichterstattung nicht nehmen will und die Stadthalle ja nun wirklich nichts dafür kann, sondern man dort sogar noch die Größe hatte, mich persönlich anzurufen und die unangenehme Botschaft eben nicht nur per Mail an die Redaktion rauszuschicken.

 

Fortsetzung folgt...

 

 

Für Toleranz, für Minderheiten, für alle

CSD in der Kleinstadt

 

In Herzberg wurde der erste CSD gefeiert. In einer Kleinstadt im Südharz. Aber ist dieser ganze queere Lifestyle und überhaupt LGBTQIA+ nicht eher was für Großstädte? Nun ja, laut Statistik sind etwa elf Prozent der Deutschen queer, das wären allein in Herzberg mit etwa 12000 Einwohnern immerhin mehr als 1000 Menschen. Und zugegeben, hier im Südharz sind die öffentlich weitestgehend unsichtbar.


Das Jugendforum Harzland hatte die Idee und setzte sie in die Tat um, als Zeichen für Toleranz und um (insbesondere jungen) queeren Menschen aus der Region zu zeigen, dass sie nicht allein sind. „Wir wollten was für alle machen“, erklärt Annika Beushausen die Motivation der Jugendlichen für dieses Event. Als Veranstaltungsort war zunächst Osterode angedacht, auf dem Kornmarkt ist es allerdings wegen des Wochenmarktes am Samstag nicht möglich, vor der Stadthalle wäre das Budget zu hoch gewesen. Seitens der Stadt Herzberg gab es Unterstützung, ebenso von der Jugendpflege und anderen.

 

 

Doch natürlich gab es bereits im Vorfeld auch Kritik. Es seien „Bekloppte“ einer Minderheit, die „dumm rumhüpfen und unbedingt anderen ihre Neigung zeigen müssen“, hieß es beispielsweise auf den Social Media-Kanälen des Eseltreiber unter der Ankündigung. Andere bedauerten die Anwohner und Tiere am Juessee. Daher habe das Jugendforum ein Umweltkonzept erarbeitet, wohlgemerkt für einen See, an dem schon immer Veranstaltungen stattfinden und an dem auch das Freibad liegt.


Zeigen nicht allein solche Diskussionen schon, warum ein CSD auch und gerade in der Provinz wichtig ist? Alles begann dann mit der Parade am Ufer des Sees, bevor auf der Bühne auf dem Skaterplatz einige Redner zu Wort kamen. Sabine Eckstein von den Omas gegen Rechts schlug eine Brücke zu den Olympischen Spielen in Paris und empörte sich darüber, dass dort ausufernd über das Geschlecht einer Boxerin diskutiert wird. Wir müssten endlich akzeptieren, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, sagte sie.


Die Landtagsabgeordnete Pippa Schneider plädierte für „queere Sichtbarkeit“, betonte, wie schwer es Jugendliche im ländlichen Raum immer noch haben und machte deutlich, dass solches Engagement für Toleranz auch wichtig sei, um sich dem gesellschaftlichen Rechtsruck entgegenzustellen. Alexander Saade, ebenfalls Landtagsabgeordneter, erinnerte an den ersten CSD, also den Aufstand in der New Yorker Christopher Street gegen Polizeiwillkür gegenüber queeren Minderheiten. „Die Community hat es nach wie vor schwer“, stellte er fest, „es ist noch ein weiter Weg zu wirklicher Gleichberechtigung.“ Und Mats Müller, Jusos Göttingen, erinnerte daran, dass nur 38 von etwa 200 Ländern weltweit die gleichgeschlechtliche Ehe anerkannt haben, wir also an „verklemmten Weltbildern“ arbeiten müssen.

 

 

Alles andere als verklemmt war es dann an schließend beim Zumba und später bei Livemusik von „Wasted Origin“ aus Einbeck und „MandelKokainSchnapps“ aus Berlin. Es war ein ausgelassenes Fest der Lebensfreude, der Toleranz, der gegenseitigen Achtung – auch und insbesondere für Menschen, die eben anders leben und lieben als man selbst. Das zu respektieren tat niemandem weh, ganz im Gegenteil, es macht unsere Gesellschaft bunter und durch die Akzeptanz von Vielfalt gelassener, fröhlicher, vielfältiger.


Der erste CSD in Herzberg war ein Zeichen dafür, dass Jugendliche auch im ländlichen Raum eine Gesellschaft wünschen, die offen ist, die sich Unbekanntem nicht aus Prinzip in den Weg stellt, die Menschen achtet, die andere Lebensentwürfe hat als den eigenen. Dass genau das heute aber immer noch (oder sogar wieder mehr) angefeindet, zeigt auch, dass wir die Gesellschaft, in der wir leben wollen, selbst gestalten müssen. Toleranz von Minderheiten ist niemals selbstverständlich, sondern immer eine soziale und ethische Herausforderung.

 

Update:

Inzwischen habe ich mich ein wenig auf Facebook umgesehen und etliche Kommentare zum CSD im Südharz entdeckt. So schrieb jemand: "Sollen die machen, was sie wollen, Hauptsache sie bleiben unter sich, lassen uns in Ruhe und versuchen nicht den großen Teil des Volkes zu missionieren." Na immerhin ein wenig Toleranz. Bei anderen sieht das anders aus. "Mittlerweile besteht das Leben nur noch aus Toleranz. Man muss alles tolerieren, auch wenn es nicht zur eigenen Lebenseinstellung passt, weil die Betroffenen zu intolerant sind, andere Meinungen zu tolerieren. Tolle neue Welt", schrieb jemand anderes und ich bin mir nicht sicher, was ich ihm darauf antworten würde.

 

Dafür gibt es ja andere, die sich exakt mit Toleranz auseinandersetzten. "Denen ihr Problem ist es, dass Toleranz nur für ihresgleichen gilt. Dann lieber Null Toleranz allem gegenüber." Auch das macht mich sprachlos, doch es kam noch expliziter. "Für mich ist das erzwungene Toleranz ganz knapp an Terror", behauptet jemand, während jemand anderes wohl witzig sein wollte und meint: "Kann man CSD mit Corona vergleichen, breitet sich rasend schnell aus und gibt es dagegen schon einen Impfstoff?"

 

Natürlich wird es auch politisch, denn jemand ist überzeugt: "Wird wohl auch wieder eine Anti AfD Feier gewesen sein." Es ist also nicht jene Partei, die sich offen gegen Toleranz und Vielfalt stellt, nein es sind Toleranz und Vielfalt, die gegen die AfD sind. Ein bekanntes Muster in deren Argumentation, kennt man ja nicht anders. Ganz sicher nicht von Sympathisanten der AfD kam allerdings ein letzter Kommentar, der eben auch wirklich das Letzte ist: "Das sind entartete Menschen."

 

 

Christian Dolle

Freier Journalist

Marienvorstadt 22, 37520 Osterode

Tel: 0175 4713247