Die Zukunft ist ungewiss

Bei Anruf Angst - Teil 2

 

Erst einmal vergeht etwas Zeit, ohne dass wir wieder von der Mutter der Kinder hören. Rainer und ich sind uns aber sicher, dass sie sich wieder melden wird. Und D. und F. wissen es auch. Dennoch ziehe ich es vor, mit ihnen nicht weiter darüber zu sprechen. Zum einen könnten wir in etwas herumstochern, das die beiden nur noch mehr beunruhigt, zum anderen weiß ich gar nicht so genau, ob ich überhaupt das Recht dazu habe, in einer so persönlichen Sache weiter zu bohren.

 

Rainer sieht das allerdings deutlich pragmatischer. So möchte er am liebsten, dass wir uns einen Plan zurechtlegen, für den Fall, dass sich die Frau wieder meldet. Außerdem regeln wir die Überweisungen des Hartz IV auf D.s Konto und kümmern uns auch um seine Ausgaben oder vielmehr darum, dass diese Ausgaben nicht zu viel werden. Hier in Deutschland ist das wahrscheinlich das Persönlichste, was man überhaupt für jemanden tun kann.

 

Wenn ich überlege, dann weiß ich von keinem meiner Freunde, wie es auf deren Konten aussieht und auch nicht bei meiner Familie. Persönliche Lebenskrisen wie Scheidungen, Sorgerechtsstreit und manches andere, weiß ich von vielen aus meinem engeren Umfeld allerdings doch. Ist es also normal, dass der Kontostand privater ist als die seelischen Nöte und Sorgen? Oder ist das ein Zeichen dafür, wie seltsam verdreht unsere Welt eigentlich ist?

 

 

Bei mir ist es eigentlich generell so, dass ich die meisten Probleme mit mir selbst abmache und kaum jemandem davon erzähle. Es fällt mir ehrlich gesagt schwer, um Hilfe zu bitten, nicht, weil ich zu stolz dazu wäre, sondern vielmehr, weil ich niemanden damit belasten will. Umgekehrt lasse ich aber meist alles stehen und liegen, wenn jemand, der mir nahesteht, meine Hilfe braucht. Wenn ich mich mit D. unterhalte, habe ich immer das Gefühl, dass solche Dinge in seiner Welt anders laufen.

 

Zum einen scheint mir die Familie viel enger als bei uns zusammenzuleben und das Wort Privatsphäre eine deutlich unwichtigere Rolle zu spielen als bei uns. Zum anderen scheint man sich aber auch im Bekanntenkreis viel häufiger um Hilfe zu bitten. Während man bei uns inzwischen für fast alles einen Fachmann ruft, so scheint mir dort eine Kultur der Nachbarschaftshilfe viel weiter verbreitet. Zumindest höre ich das aus dem heraus, was D. mir von früher erzählt und ich sehe es ja auch ganz direkt, wenn er hier inzwischen aus dem Deutschkurs viele Leute kennt, die er im Fall der Fälle um Hilfe bittet oder ihnen wiederum Unterstützung anbietet.

 

Neulich erst kamen wir mal wieder auf die Betten der Kinder zu sprechen, deren Lattenroste bei jeder Gelegenheit aus dem Gestell rutschen und auf dem Boden landen. Ich schlug D. vor, mal neue zu kaufen, doch er winkte ab und meinte, er habe gerade welche von einem Freund bekommen. Dafür habe er diesem Freund beim Umzug geholfen und alles sei gut. Klar, sowas gibt es bei uns auch, und doch, so scheint es mir, nicht in dieser Regelmäßigkeit und nicht mit dieser Selbstverständlichkeit.

 

 

Doch auch, wenn gegenseitige Hilfe in D.s früherer Heimat selbstverständlich war, bedankt er sich bei uns immer noch jedes Mal sehr überschwänglich für alles, wobei wir ihm unter die Arme greifen. Liegt es vielleicht daran, dass wir Deutschen in der Welt den Ruf haben, eben nicht immer uneigennützig zu helfen? Oder hat es damit zu tun, dass er uns nur selten etwas zurückgeben kann? Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr nehme ich mir vor, mich wenigstens zum Essen einladen zu lassen, wenn F. gekocht hat und solche Dinge. Mir wäre es schließlich auch äußerst unangenehm, wenn ich Freundschaftsdienste nicht erwidern könnte.

 

Wir sitzen übrigens gerade beim Essen als das Telefon klingelt und ich an D.s Stimme höre, es muss etwas sehr Ernstes sein. Zwar verstehe ich kein Wort dessen, was er auf Arabisch sagt, doch seine Stimmlage und F.s Gesichtsausdruck verraten Rainer und mir ganz deutlich, um was es geht.

 

Zum Glück sind die Kinder an diesem Abend schon früh im Bett. Bestimmte Dinge müssen sie nicht unbedingt hautnah mitbekommen, denke ich mir. Als D. auflegt, diskutiert er erst einmal aufgebracht mit F. und sie ebenso aufgebracht mit ihm. In ihren Stimmen schwingt Sorge mit, vielleicht sogar Angst. Nein, bei ihr ist es Sorge, sage ich mir nach ein paar Minuten, bei ihm tatsächlich Angst. Dann endlich sieht er uns an und übersetzt: „Das war meine frühere Frau. Sie will die Kinder sehen...“

 

Anmerkung: Das Bild oben stammt auch wieder vom syrischen Künstler Aiman Aldarwish, der nach seiner Ankunft in Deutschland mit seiner Familie in einer Erstaufnahmestelle im Harz untergebracht war. Dort knüpfte er erste Kontakte, die schließlich dazu führten, dass er seine Bilder hier ausstellen konnte und somit auch weiterhin seiner Passion nachgehen konnte. Ihn und seine Werke lernte ich in St. Andreasberg kennen und muss zugeben, dass ich seitdem ein bisschen Fan von seiner Kunst bin.

 

Die Vergangenheit meldet sich zurück

Bei Anruf Angst - Teil 1

 

„Meine frühere Frau hat angerufen!“, begrüßt mich D. mit einiger Aufregung schon auf der Straße, noch bevor ich mein Auto richtig geparkt hatte. Es ist genau jene Situation, mit der wir schon lange gerechnet haben. „Sie ist jetzt in Deutschland“, fügt D. hinzu, also genau das, was ich geahnt habe. Und seine zitternde Stimme bestätigt mich in meiner Annahme, dass die Geschichte jetzt erst losgehen wird.

 

Nun wusste ich ehrlich gesagt nicht viel über D.s erste Ehe mit der Mutter seiner Kinder. Nur, dass sie ihn verlassen hatte, um allein nach Europa zu gelangen, er plötzlich mit drei Kleinkindern alleine dastand und schließlich F. kennenlernte. Bereits als er uns das zum ersten Mal erzählte, stellten Rainer und ich uns darauf ein, dass diese Geschichte uns irgendwann einholen könnte. Jetzt war es also soweit.

 

Als wir nach oben gehen, erzählt er noch einmal genauer, was passiert ist. Dass seine erste Frau in Europa ist, hatte er schon früher erzählt und auch, dass sie nicht wissen soll, wo er sich genau aufhält. Ansonsten weiß ich eben nur, dass diese Frau ihn und die Kinder damals verlassen hat, um allein aus dem Kriegsgebiet zu fliehen.

 

Da ich weder die Umstände in Syrien und im Nordirak genau kenne, noch die persönlichen, erlaube ich es mir nicht, ein moralisches Urteil zu fällen. Vermutlich gibt es wie bei jeder Geschichte zwei Seiten und vermutlich ist in diesem Fall alles recht komplex, zu komplex jedenfalls als dass ich mir überhaupt ein Bild machen könnte. Überhaupt bin ich ja der Meinung, dass wir Mitteleuropäer uns immer viel zu schnell ein Bild von allen möglichen Konfliktregionen in der Welt machen und unsere Maßstäbe und Wertvorstellungen anlegen, um Zusammenhänge zu bewerten, von denen wir schlicht keine Ahnung haben.

 

 

Doch darum geht es jetzt nicht. Jetzt geht es darum, dass D.s frühere Frau in Deutschland ist und zu ihm Kontakt aufgenommen hat. Bis jetzt habe sie sich nur erkundigt, ob es ihm und den Kindern gutgehe und ihrerseits vermeldet, dass sie wohlbehalten aus der Heimat geflohen und Europa durchquert hat. Doch dabei wird es nicht bleiben. Das weiß ich und das weiß auch D.

 

F. weiß das auch, doch sie sagt an diesem Tag wenig, hält sich sehr zurück, vielleicht auch vor allem Rainer und mir gegenüber. Auch das ist wieder mal ein Zug an ihr, den ich sehr bewundere. Gerade, wenn ich bedenken, wie ich mit Anfang Zwanzig war. Auf keinen Fall wäre es mir damals gelungen, die Verantwortung für drei Kinder zu übernehmen, aus der Heimat zu fliehen und mir in einer fremden Kultur ein neues Leben aufzubauen.

 

In den kommenden Wochen könnte dieses neue Leben komplett auf den Kopf gestellt werden, doch F. bleibt besonnen. Das nötigt mir ein großes Maß an Bewunderung ab, vor allem, weil ich ahne, dass gerade sie sich so manches hier anders und wahrscheinlich leichter, unbeschwerter vorgestellt hat.

 

Manchmal frage ich mich, wie es wohl war als D. sie nach der Flucht seiner ersten Frau kennengelernt hat. Hat sie sich so sehr in ihn verknallt, dass ihr alles andere egal war? Oder ahnte sie, worauf sie sich einlässt und hat es in Kauf genommen, weil sie wusste, das sie stark genug dafür ist? D. scheint mir im Moment jedenfalls nicht stark.

 

 

„Sie ist eine falsche Frau, eine böse Frau, ich habe Angst“, sagt er schließlich über die Mutter seiner Kinder. Wahrscheinlich spielt dabei auch die Verbitterung eine Rolle, dass sie ihn wohl von einem Tag auf den anderen mit den Kindern allein ließ. Damals lebten sie im Nordirak, erzählte er mir, weil sie als Kurden in Syrien große Angst vor den sich anbahnenden Veränderungen im Land hatten. Doch auch im Irak wurde die Lage bedrohlicher, was wohl der Grund für die Flucht war.

 

Für einige Zeit lebte D. mit den Kindern in einer Wellblechhütte und eine Weile sogar in einem Zelt. Davon hat er mir Fotos gezeigt. Diese Fotos hat er auf seinem Handy gespeichert, gleich neben Videos vom farbenfrohen Haus seiner Eltern vor dem Krieg und von pompösen Hochzeiten zu Zeiten als die Unruhen gerade erst begannen. Fotos vom Krieg selbst habe ich mal auf dem Handy eines Irakers sehen dürfen/müssen. Bilder aus Bagdad, auf denen all das zu sehen war, was selbst die Nachrichtensendungen hier nicht ausstrahlen.

 

Wie viele solcher Bilder D., F., seine frühere Frau und die Kinder gesehen hatten, kann ich nur mutmaßen. Direkt danach zu fragen traue ich mich bis heute nicht. Zumindest aber gehe ich davon aus, dass es durchaus gute Gründe für jeden gibt, aus Angst um Leib und Leben, dieses Land zu verlassen und nach einem sicheren Ort zu suchen. Ob es auch Gründe für eine junge Mutter gibt, ihre drei Kinder dort zurückzulassen, da bin ich mir nicht sicher. Aber, wie gesagt, ich kenne die Umstände nicht.

 

 

Fortsetzung folgt...

 

 

Anmerkung: Das Bild oben stammt vom syrischen Künstler Aiman Aldarwish, der nach seiner Ankunft in Deutschland mit seiner Familie in einer Erstaufnahmestelle im Harz untergebracht war. Dort knüpfte er erste Kontakte, die schließlich dazu führten, dass er seine Bilder hier ausstellen konnte und somit auch weiterhin seiner Passion nachgehen konnte. Ihn und seine Werke lernte ich in St. Andreasberg kennen und muss zugeben, dass ich seitdem ein bisschen Fan von seiner Kunst bin.

 

 

Geförderter Fanatismus

Schreckgespenst Salafismus - Teil 2

Jede Form von Extremismus lasse sich am effektivsten durch Prävention vermeiden, ist der Polizist überzeugt, wenn Vorurteile Fakten weichen. Material zur Aufklärung über islamistischen Salafismus, dschihadistische Propaganda und Islamfeindlichkeit gibt es mittlerweile einiges von der Polizei, vom Bund und den Ländern. Doch die ersten Kontakte zu Extremisten werden meist über das Internet geknüpft, so dass es für die Polizei äußerst wichtig ist, immer die sozialen Netzwerke im Blick zu behalten. „Wir werten viele Äußerungen aus und überprüfen sie“, erläutert der Experte, „in Einzelfällen werden Nutzer auch beobachtet.“

 

Am meisten bringt aber immer noch das persönliche Gespräch oder eben der Umgang mit denjenigen, gegen die es Vorurteile gibt. Aus genau diesem Grund besuchte ich wenig später eine weitere Informationsveranstaltung, auf der diesmal nicht nur der Polizeiexperte zum Thema Salafismus sprachen, sondern auch Vertreter der örtlichen muslimischen Gemeinde und ein Islamwissenschaftler.

 

Muslime haben das größte Interesse, gewaltbereiten Salafismus zu bekämpfen, denn sie sind am häufigsten Opfer von Terrorismus. Außerdem ist es ihre Religion, die durch die fundamentalistische Auslegung in aller Welt mehr und mehr mit Skepsis oder gar Angst betrachtet wird. Das machte Bacem Dziri vom Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück gleich zu Beginn deutlich.

 

Der Einladung waren tatsächlich viele Menschen gefolgt, die nun in einem kleinen Raum des ehemaligen Güterbahnhofs saßen. Der Güterbahnhof war längst nicht mehr in Betrieb und vor einigen Jahren hatte die muslimische Gemeinde hier in Eigenleistung ihre Moschee gebaut. Seitdem lud die Gemeinde einmal im Jahr zum Gemeindefest und Tag der offenen Tür ein, das ich auch gerne besuchte, wenn ich nicht darüber berichten musste. Einfach, weil es schön war und man interessante Gespräche über verschiedene Kulturen und Religionen führen konnte. Viele andere aber ließen sich dort nicht blicken, weil sie trotz allem Vorbehalte hatten.

 

 

Den Anfang machte an diesem Tag wieder der Polizeiexperte. Anschließend sprach jemand von der Beratungsstelle zur Prävention neo-salafistischer Radikalisierung des Landes Niedersachsen und machte deutlich, wie die professionelle Propaganda des sogenannten Islamischen Staates den Dschihad als eine Art Jugendkultur inszeniert und damit erstaunlich erfolgreich ist. Und schließlich wurde direkt in die Moschee eingeladen, wo Bacem Dziri die theologische Dimension des Salafismus aus muslimischer Sicht darstellte.

 

Der Salafismus, der auf dem Wahhabismus basiert, sei keinesfalls die einzig konsequente Umsetzung des Islam und auch nicht, wie es oft dargestellt wird, die älteste und reinste. „Religiosität ist ihnen wichtiger als Religion“, sagte Dziri und machte deutlich, dass es innerhalb des Islam verschiedenste Auslegungen des Koran gibt, von denen die fundamentalistische eine ist, die nicht traditionell verankert ist und historisch begründet werden kann. Muslime bewahrten und pflegten beispielsweise immer schon alte Kulturgüter, während deren Zerstörung eindeutig einer modernen Ideologie entspringt.

 

 

Gleiches gilt für die vom IS propagierte Schwarz-Weiß-Sicht auf die Welt. Hier werden Antipathien gezielt genutzt, um Hass zu schüren. „Sie profitieren sehr davon, dass es äußere Feinde gibt“, sagte der Theologe und sprach auch über die Bedeutung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit islamischer Theologie wie am Osnabrücker Institut. Junge Muslime können nur durch eine Beschäftigung mit ihrem Glauben gefestigt werden und sich so vor radikalen Ideologien schützen.

 

Allerdings haben die Salafisten vor allem in Europa großen Erfolg mit ihrer Art der Frontenbildung und bieten insbesondere für junge und desorientierte Menschen Orientierung, Anerkennung und eine Distanz zu vielem, was sie an der Gesellschaft ihrer Elterngeneration stört. Auf Unmut folgt eine Identifizierung mit dem Salafismus, dann eine Ideologisierung und schließlich die Mobilisierung, hieß es schließlich. Befragungen von aus dem sogenannten Dschihad Zurückgekehrten zeigen, dass sie oft erst vor Ort in Syrien realisieren, worauf sie sich eingelassen haben.

 

Auf die erschreckenden Fakten folgte eine Einladung zum gemeinsamen Abendessen, das die Frauen der Gemeinde liebevoll vorbereitet hatten. So wurde der Abend noch lang und zwischen gefüllten Weinblättern und anderen Spezialitäten wurde mir, dass es hier um ein Problem geht, dem Muslime, Christen und andere gemeinsam etwas entgegensetzen müssen. Denn letztlich ist es immer auch ein Scheitern von Integration, das Parallelgesellschaften ermöglicht und durch Verbitterung Extremismus fördert. Somit wäre eine gelungene Integration dann auch die beste Prävention.

 

Gefährliches Halbwissen

Schreckgespenst Salafismus - Teil 1

 

Den arabischen Frühling habe ich wie so viele andere damals voller Hoffnung, aber eben auch sehr oberflächlich mitverfolgt. Die Revolutionäre waren die Guten, die gestürzten Diktatoren die Bösen und am Ende würden alle für eine neue, demokratische Ordnung sorgen. Zuerst sah es ja auch wirklich so aus.

 

Dank Hamed Abdel-Samad, den ich mehrmals live erleben durfte, setzte ich mich dann mit der Situation in Ägypten etwas genauer auseinander und erkannte, dass die Verhältnisse doch deutlich komplizierter sind. Nicht nur in Ägypten, sondern auch in Iran, in Afghanistan – auch hier hatte ich jeweils das Glück, mehrere Vorträge von Landsleuten und Experten zu hören – und schließlich auch in Syrien.

 

Die Lage in Syrien schien mir besonders komplex und undurchsichtig und genau das vermittelte ja irgendwann auch die hiesige Berichterstattung. So richtig durchschaut habe ich die Fehden zwischen dem Assad-Regime, der Al-Nusra-Front, dem IS und der Freien Syrischen Armee wahrscheinlich bis heute nicht. Nur in einem bin ich mir sehr sicher: es ist deutlich komplizierter als die Schwarz-Weiß-Malerei vieler hiesiger Medien.

 

 

So wie der arabische Frühling hierzulande damals als Hinwendung zu unserem Wertesystem hochstilisiert wurde, so wurde der Salafismus verteufelt und schon früh als Instrument der angst eingesetzt. Ein Schreckgespenst, das auch uns bedrohte. Da ist sicher auch etwas dran, doch auch in diesem Fall wurden immer wieder Parolen nachgeplappert, ohne eigentlich zu wissen, was dahinter steckt.

 

Einen kleine, aber äußerst hilfreichen Einblick bekam ich vor einiger Zeit durch einen Islamismus-Experten der Polizei. Der warnte vor dem langen Arm des sogenannten Islamischen Staates ebenso wie vor dem gefährlichen Halbwissen, mit dem hier nicht selten der Eindruck vermittelt wurde und noch wird, dass jeder Mensch aus dem arabischen Kulturkreis zur Gewalt im Namen Allahs bereit ist und einen tiefen Hass auf unsere westliche Welt in sich trägt.

 

„Die Salafisten sind nur eine kleine Gruppe von etwa 0,3 Prozent der Muslime“, erläuterte der Polizeiexperte, eine kleine, aber gefährliche Minderheit, die sich auf die strikte Islamauslegung der Altvorderen beruft. Daher lehnen sie sowohl andere muslimische Lebensweisen als auch die demokratische Ordnung Europas ab und richten sich ausschließlich nach den Gesetzen der Scharia des 7. Jahrhunderts. Gefährlich wird es, wenn die Anstrengung auf dem Weg zu Gott, der Dschihad, ihrer Auslegung nach alles bekämpfen muss, was ihrem Verständnis von muslimisch widerspricht.

 

 

Dieses Ziel verfolgt der sogenannte Islamische Staat mit einer radikalen Entschlossenheit, die brutales Töten glorifiziert, Selbstmordattentäter zu Märtyrern macht und den Terror zum heiligen Krieg erklärt. Als wäre all das nicht schon erschreckend genug, setzt er gezielte Propaganda ein, um auch junge Menschen in Europa zu erreichen, und hat damit Erfolg. Etwa 750 Menschen aus Deutschland seien bereits in die vom IS besetzten Gebiete gezogen, erläuterte er mir vor etwa drei Jahren, 120 davon inzwischen nicht mehr am Leben.

 

Der gewaltbereite Islamismus ist damit auch zu unserem Problem geworden, sagte er, sowohl für Jugendliche, die sich von der martialischen Propaganda angesprochen fühlen, wie auch für andere Muslime, die durch die Verunsicherung im Land unter eine Art Generalverdacht geraten. „Viele fühlen sich in eine Ecke gedrängt, damit macht man viel kaputt.“ Wenn dann von der anderen Seite noch allzu deutsche Propaganda hinzukommt, macht das die Sache nicht besser.

 

Brisante Fälle seien in unserer bisher nicht vorgekommen, Auffälligkeiten und Überprüfungen hingegen schon. Sogenannte „Gefährder“, also nach Kriterien des Bundeskriminalamtes als gefährlich eingestufte Personen, gebe es hier ebenfalls keine, was nicht heißt, dass die Polizei die Entwicklung der Szene nicht im Auge behalte. „Das Problem ist da, aber es ist gering“, stellte er fest. Das gelte übrigens auch für die hiesige rechte Szene, in der es aus seiner Sicht derzeit „relativ ruhig“ sei.

 

Fortsetzung folgt...

 

 

Wir hätten lieber einen König

Beständigkeit statt Veränderung - Teil 2

 

Wenn ich mit D. über Syrien oder über den Islam rede, dann bestärkt er mich noch in meiner Meinung. Diese Freiheit, die er und seine Familie hier kennenlernen, gab es in seiner Heimat nicht. Gerade als Kurde durfte er nicht einmal sein eigenes Leben voll und ganz bestimmen, geschweige denn irgendetwas darüber hinaus. „Hier sind alle Menschen gleich“, sagt er manchmal voller Bewunderung, „und hier darf sich jeder frei entscheiden.“

 

Doch mir scheint als sei uns dieses riesengroße Glück manchmal nicht mehr bewusst. Natürlich gibt es Grenzen der persönlichen Freiheit und ich glaube auch nicht, dass es gut wäre, wenn immer nur die Masse über alles entscheidet. Manches gehört nun einmal in die Verantwortung von Fachleuten. Aber in den Bereichen, in denen wir Weichen stellen können und dürfen, sollten wir es da nicht auch tun?

 

Der Kabarettist Volker Pispers behauptete in seinen Programmen immer wieder, der Deutsche wolle eigentlich gar keine Demokratie. Ein nicht unerheblicher Prozentsatz der Bevölkerung hätte viel lieber eine Monarchie, in der ein gütiger König uns die Bürde der Entscheidungsfindung abnimmt. Das sei übrigens auch der Grund, warum Angela Merkel seit Jahren immer wieder gewählt wird, auch wenn sie keinerlei politischen Standpunkt hat.

 

 

Die Beständigkeit ist uns Deutschen anscheinen viel wichtiger als die Veränderung. Das mag an einem relativ hohen Lebensstandart liegen, muss wohl aber auch eine besondere Mentalität sein, die Neues erst einmal generell fürchtet. Und selbst in den Kirchengemeinden sind viele wohl der Ansicht, dass am besten alles so bleiben soll, wie es ist – ungeachtet schwindender Mitgliederzahlen und leerer Gottesdienste. Es gibt ja auch diesem blöden Spruch, dass es in Deutschland keine Revolution geben könne, weil wir dafür unerlaubt abgesperrte Rasenflächen betreten müssten.

 

Auch das ist übrigens ein Punkt, den wir F., D. und den Kindern erst einmal beibringen mussten. Obwohl es im Stadtpark tolle gepflegte Rasenflächen gibt, dürfen wir dort nicht einfach ein Picknick machen, Fußballspielen oder sonstwas. In der arabischen Welt sei das anders, dort treffen sich Menschen einfach dort, wo Platz ist und wo es schön ist. Wir hingegen haben viel mehr Rechte, halten uns aber auch unglaublich gerne an Regeln, ob unsinnig oder nicht. „Der Sabbat ist für den Menschen gemacht und nicht der Mensch für den Sabbat“, heißt es schon in der Bibel. Aber woher sollen wir das auch wissen, wenn uns die Kirche so egal ist wie es bei dieser Wahl den Anschein machte?

 

Manchmal frage ich mich, was wohl wäre, wenn wir in unserem Land unzumutbare Zustände hätten. Was müsste passieren, damit wir uns wirklich gegen eine Regierung auflehnen? Und damit meine ich nicht den dämlichen „Wir sind das Volk“-Protest der sogenannten Wutbürger. Ich meine keinen destruktiven Nationalismus, sondern eine wirkliche progressive Revolution. Kein hasserfüllter Schritt zurück, der letztlich auch wieder nur darauf abzielt. Beständigkeit als höchstes Gut zu verkaufen, sondern den Mut zu wirklicher Veränderung, wenn der Karren in den Dreck gefahren ist.

 

 

Etwas, was mit dem arabischen Frühling vergleichbar ist, kann ich mir in unseren Breiten leider echt nicht vorstellen. Schließlich gingen auch die großen Umbrüche in der Vergangenheit bei uns selten vom Volk aus. Vom Mauerfall und der Wende vielleicht einmal abgesehen. Da haben Deutsche tatsächlich einmal eine friedliche Revolution in Gang gebracht, die auch nachhaltig ein System verändert hat. Aber das waren eben auch nicht die satten Wohlstandsdeutschen, sondern die anderen.

 

Geht es uns vielleicht wirklich noch zu gut, dass wir uns Sorgen über ein paar Flüchtlinge machen, die angeblich unser Sozialsystem unterwandern und zerstören, statt uns den globalen Problemen wie dem Klimawandel oder der sozialen Ungerechtigkeit zu widmen? Oder sind wir einfach zu bequem, um zumindest zu versuchen, herannahende Katastrophen für die nachfolgenden Generationen noch abzuwenden und mummeln uns lieber in unsere altbekannte Angst vor dem Fremden und vor der Veränderung ein?

 

Vielleicht ist es weit hergeholt, dass mich eine Kirchenvorstandswahl auf solche Gedanken bringt, aber je mehr ich durch D. und seine Familie mitbekomme, worauf es ankommt, wenn man nichts mehr hat und alles neu aufbauen muss, desto häufiger packt mich die Wut. Die Wut auf die Bequemlichkeit in diesem Land, die sich in einer endlosen Schleife aus Pessimismus und Meckerei äußert, und auch die Wut auf mich selbst, dass es mir nicht gelingt, mit meinem Texten Menschen wachzurütteln oder aber auch nur all das verständlich auszudrücken, was mir eigentlich durch den Kopf geht.

 

Sie hätten das Recht zu wählen

Beständigkeit statt Veränderung - Teil 1

 

Eine Wahlbeteiligung von 15 Prozent. Diese Zahl zieht mich heute doch ein wenig runter. In den vergangenen Wochen gab es für mich beruflich kaum ein Thema, das mich so gefordert hat wie die Kirchenvorstandswahl. Immer wieder habe ich für unsere beiden Kirchenkreise Pressemitteilungen geschrieben und das Prozedere sowie die Bedeutung für die Gemeinden erläutert. Ganz zu schweigen von den Artikel zuvor, in denen ich darum warb, dass sich überhaupt jemand als Kandidat aufstellen lässt.

 

Am Tag vor der Wahl habe ich darüber berichtet, dass in einer Gemeinde sogar mit einem Konzert und einer Andacht „reingefeiert“ wurde und am Wahltag selbst schrieb ich über unseren Landesbischof Ralf Meister, der den wahrscheinlich jüngsten Wähler – der war gerade am Tag zuvor 14 geworden – bei dessen Urnengang begleitete. Mehr Pressearbeit geht kaum.

 

Und nun haben ganze 15 Prozent – in den Kirchenkreisen, für die ich schreibe, waren es 17 bzw. 24 Prozent – der hiesigen Christen mitbestimmt, wer die Geschicke in ihrer Gemeinde in den kommenden Jahren leiten wird. Dabei ist die Arbeit im Kirchenvorstand nun wirklich viel mehr als sonntags mit dem Klingelbeutel durch die Kirche zu laufen. Unser Landessuperintendent Eckhard Gorka sagte mir mal, dass die Kirchengemeinden in ländlichen Gebieten etwa 60 Prozent des kulturellen Angebots bestreiten. Sie organisieren Konzerte, Gemeindefeste, Basare und so viel mehr, wenn die Kommunen es finanziell kaum wuppen können.

 

 

 

Daher finde ich durchaus, dass so ein Kirchenvorstand äußerst wichtig ist, erst recht in einer Region wie unserer, wo so viele Leute sich fortwährend beklagen, dass ja nichts los sei und früher alles besser war. In den Kirchenvorständen hätten sie zumindest die Gelegenheit, einiges mitzugestalten, denn in der Kirche kann für vieles dann durchaus Geld locker gemacht werden und Sponsoren sind für kirchliche Veranstaltungen auch relativ leicht zu finden.

 

Doch offenbar ist es vielen viel zu mühsam, den Ort, in dem sie leben, mitzugestalten. Immer nur meckern ist viel einfacher. In der Politik ist es ja letztlich nicht anders. Auch da finden sich oft kaum genug Kandidaten für einen Gemeinde- oder Stadtrat, weil „die da oben ja sowieso machen, was sie wollen.“

 

Diesen Satz höre ich in den letzten Jahren irgendwie ständig. „Die machen mit uns ja sowieso, was sie wollen.“ Aber auch nur, wenn wir es mit uns machen lassen. Immerhin leben wir in einem System, in dem wir ein Mitspracherecht haben. Doch ich habe mehr und mehr das Gefühl, dass es mit unserer Demokratie nicht so weit her ist. Die ist viel zu anstrengend und blöderweise gehört man dann auch noch manchmal zur Minderheit und wird überstimmt.

 

Gut, aus politischer Sicht kann ich die Demokratieverdrossenheit im Moment sogar verstehen. Wenn ich überlege, welcher Kindergarten uns in Atem gehalten hat, bevor wir nach der Bundestagswahl nun endlich eine Regierung haben, dann wundert mich der scharfe Ton nicht. Den schlage ich durchaus auch selber an, wenn es mal wieder vor allem um Macht und Ämter und das eigene Ego geht statt um die vielen Probleme, die wir dringend anpacken müssen.

 

 

 

Aber generell bin ich nach wie vor davon überzeugt, dass wir das beste System haben, das bis jetzt erfunden wurde. Politisch und ehrlich gesagt auch religiös. Unsere politische Demokratie mag noch nicht besonders alt sein und sie kam zustande, ohne dass wir als Volk dafür kämpfen mussten. Doch aus religiöser Sicht war es kein geringerer als Martin Luther, der für das Mitspracherecht von Laien in der Kirche kämpfte und letztlich sogar eine Abspaltung von der katholischen Kirche in Kauf nahm.

 

Auch, wenn es in Zeiten der Ökumene nicht sonderlich populär klingt, für mich ist das immer noch ein Meilenstein und auch ein Grund, warum ich gerade der evangelischen Kirche angehöre. Die ist durch und durch basisdemokratisch, jeder kann in vielen Punkten mitreden und darf sich einbringen und allzu viele starre Dogmen gibt es zum Glück nicht.

 

Fortsetzung folgt...

 

 

Essen bis zum Umfallen

Lass dich überraschen - Teil 2

 

Bis Montag ruft D. mich noch mehrfach an. „Was sollen wir Rainer denn schenken?“, fragt er einmal. „Ihr müsst ihm gar nichts schenken. Wenn ihr Essen macht und auch noch eine Überraschungsparty schmeißt, dann braucht ihr doch kein Geschenk mehr“, antworte ich. „Aber bei euch macht man das doch so, dass man sich auch noch etwas kauft“, entgegnet er. „Aber nicht, wenn man gleichzeitig der Eventmanager ist. Dann hat man nämlich ohnehin über seine Verhältnisse Geld für Essen und vor allem Süßigkeiten ausgegeben.“ Damit gibt er sich zum Glück zufrieden.

 

Der letzte Anruf kommt dann am Montagnachmittag. Ob ich vielleicht etwas früher da sein kann. Klar kann ich, wenn sie noch Hilfe brauchen, sowieso. Nein, Hilfe nicht, ich soll ihm nur kurz vorher sagen, welche Musik er anmachen soll. Sein arabischer Musikgeschmack trifft zwar meinen, wie er weiß, aber eben Rainers nicht so wirklich. Ob mein Musikgeschmack Rainers immer hundertprozentig trifft, lasse ich mal dahingestellt. Zum Geburtstag habe ich jetzt eine CD mit Irish Folk Songs gefunden, aber ansonsten geht das bei uns doch schon ziemlich auseinander.

 

Allerdings will ich D. auch nicht sagen, dass die Musik gar nicht so wichtig ist. So akribisch, wie er den Abend vorbereitet und bei der langen Zeit, die F. in der Küche verbringt, könnte das abwertend klingen. Also bin ich dann eine halbe Stunde früher da und durchstöbere YouTube nach einer halbwegs erträglichen Version eines Geburtstagsliedes. Dass es eine 24-Stunden-Endlosschleife von Happy Birthday gibt, wusste ich noch nicht, allerdings wundert es mich auch nicht. Dass es so schwer wird, ein Video zu finden, das einigermaßen dezent im Hintergrund laufen kann, dann schon.

 

Schließlich finde ich dann doch noch eine Version von „Wie schön, dass du geboren bist“ und verpflichte die Kinder, mitzusingen, wenn Rainer reinkommt. S. ist sofort begeistert. „Das singen wir in der Schule auch immer und ich kann den ganzen Text“, strahlt sie. M. kann den Text natürlich erst recht, behauptet er, um mit seiner großen Schwester mitzuhalten und A. hält sich wie meistens zurück.

 

 

Wenige Minuten später stürmt dann F. ins Zimmer. Rainers Auto ist gerade vorgefahren. Schnell zündet sie also noch die Kerzen auf der großen und ziemlich bunten Torte an, macht das Licht aus, dann hören wir auch schon die Schritte auf der Treppe. Das Partyfieber, in das D. F. und die Kinder sich hineingesteigert haben, hat mich mittlerweile auch ergriffen, muss ich zugeben. Vor allem rührt mich die Energie, mit der sie alles perfekt machen wollen.

 

Rainer öffnet die Tür, D. startet das YouTube-Video und wir fangen an zu singen. S. ausgesprochen laut und deutlich für eine Erstklässlerin, M. singt auch, aber ich bin mich nicht ganz sicher, welches Lied, und A. kann auch ohne vorherige Ankündigung gut mithalten und wächst meiner Meinung nach gerade ein wenig über sich hinaus. Rainer tut angemessen überrascht, doch die Rührung in seinem Blick ist alles andere als gespielt.

 

Zum Glück nötigt F. ihn, die Kerzen auszupusten und die Torte anzuschneiden, bevor es auch mich ergreift. Auch wenn wir nur in einem kleinen mit günstigsten Möbeln ausgestatteten Wohnzimmer sitzen, haben D. und F. es geschafft, diesen Geburtstag wirklich zu zelebrieren. Ich weiß, es ist ihre Art, danke zu sagen, sie wollen nicht immer nur diejenigen sein, die Hilfe annehmen, sondern auch mal uns zum Staunen bringen. Und das schaffen sie. Mit Herzlichkeit, mit Enthusiasmus und mit ansteckender Fröhlichkeit.

 

Natürlich gibt es wenig später viel zu viel Essen. Hühnerbeine – weil Rainer die über alles liebt – mit Reis und Kartoffeln und Salat und danach eben Torte und Kuchen und Kekse und und und. Es sei eine russische Torte, erklärt D. als ich das ziemlich künstlich gefärbte Stück auf meinem Teller zunächst ein wenig skeptisch betrachte. Die deutschen Torten seien so mächtig, meint er. Nach all dem Essen, das gut und gerne auch für Rainers und meine gesamte Verwandtschaft gereicht hätte, kann ich nur noch ergeben nicken.

 

 

Die Kinder sind natürlich schnell mit essen fertig und machen sich dann über die Luftballons her, mit denen F. das Zimmer geschmückt hat. Luftballontennis gehört zu den Geburtstagsfeiern unbedingt dazu. Bis auch der letzte Ballon geplatzt ist. Das dauert dank M.s Übereifer meist zum Glück nicht zu lange.

 

Von der Form her fühle ich mich dem Ballon jetzt nicht unähnlich, nur habe ich keinesfalls das Gefühl, leicht umher zu schweben. Trotzdem kann ich die Kinder nicht enttäuschen und spiele natürlich mit. F. und D. auch, und das sogar mit viel Spaß an der Sache. Weil es heute mal nicht um die Neubeantragung des subsidiären Asyls oder um die Verlängerung von Hartz IV oder andere typisch deutsche Dinge geht. Sondern weil wir einfach mal die Freundschaft genießen, die sich in den letzten Monaten entwickelt hat und die wir alle nicht mehr missen möchten.

 

„Weißt du, was ich gerade denke“, sagt Rainer als wir nach einer ganzen Weile die Tür hinter uns zuziehen und zu unseren Autos gehen. „Was denn?“ „Dass wir eigentlich doch schon eine Menge geschafft haben. Die Kinder können auf deutsch Geburtstagslieder singen und D. und F. wissen schon in ziemlich vielen Dingen, wie Deutschland funktioniert.“ Lächelnd nicke ich. Und umgekehrt habe auch ich in dieser Zeit schon vieles erlebt, was mich ungemein bereichert hat.

 

Feste feiern, wie sie fallen

Lass dich überraschen - Teil 1

 

Rainer hat Geburtstag. Und das wollen F. und D. unbedingt feiern. Schon vor einigen Tagen haben sie mich an die Seite genommen und mir erzählt, dass sie eine Überraschungsparty planen. Leider ist Rainer an seinem Jubeltag gar nicht da, sondern bei Monika in Bielefeld. Das können die beiden gut verstehen, wenn sie ja auch sonst manchmal mit unseren privaten Lebensentwürfen ein wenig überfordert sind.

 

Ein Paar, das sich seit mehr als 20 Jahren kennt, seit mehr als fünf Jahren auch verheiratet ist, aber mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt lebt, das gibt es in Syrien nicht. Auch Rainers Begründung, das hänge mit den Jobs der beiden zusammen, überzeugt D. und F. wenig, wenn in Syrien sei die Familie wichtiger als die Arbeit. Und mir erzählen die beiden ja sowieso andauernd, dass sie mir eine Frau wünschten, denn es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Soweit ich weiß, ist auch das keine ausschließlich islamische Weisheit.

 

Überhaupt habe ich nicht selten den Eindruck, dass in F.s und D.s Heimat und ihrem kurdischen Familienkreis Werte gelten, die auch bei uns vor einigen Jahrzehnten noch hoch gehandelt wurden. Nur sind sie bei uns oft eine kapitalistischen, globalisierten und damit rein an Gewinn und messbarem Erfolg orientierten modernen Welt gewichen. Es sind nicht die Flüchtlinge, die unsere Werte untergraben, sage ich mir immer wieder, sie führen uns nur vor Augen, wie sehr wir sie selbst ausgehöhlt haben.

 

 

Zu den syrischen Werten scheint aber auch zu gehören, dass Familienfeste so opulent wie möglich gefeiert werden. Bis jetzt haben wir das nur bei den Kindergeburtstagen erlebt. Geburtstage Erwachsener seien nicht so wichtig und werden nicht gefeiert, erklärte und D. mal. Doch wenn eines der Kinder Geburtstag hat, dann steht N. Den ganzen Tag in der Küche, um verschiedenste Gerichte zu kochen, und D. kauft sämtliche Geschäfte in der Umgebung leer, die Süßigkeiten im Sortiment haben.

 

Wenn wir am Abend zu Besuch kommen, ist im Wohnzimmer ein zweiter Tisch aufgebaut, weil ein Tisch all das gar nicht tragen könnte. Es gibt eine riesige Geburtstagstorte, auf der das Geburtstagskind ein ganzes Sortiment an Kerzen auspusten darf und der ganze Raum ist über und über mit Luftballons dekoriert. D. macht dann auf YouTube „Happy Birthday“ in der Dauerschleife an und N. hilft beim Anschneiden der Torte.

 

Anschließend wird gegessen. In Syrien angeblich immer bis nichts mehr übrig ist und alle Gäste sich kaum noch bewegen können, bei uns tritt Prämisse zwei in Kraft, ohne dass Prämisse eins erfüllt ist. Erst gibt es warmes Essen, dann Torte und allerlei Süßigkeiten. Und wenn wir uns dann wirklich kaum noch rühren können, ist M. meist der erste, der uns drängelt, mit ihm mit den Luftballons Tennis zu spielen.

 

Eigentlich kann es schöner kaum sein, stelle ich immer wieder fest und genieße die Kindergeburtstage sehr. Somit wäre es auch schade, Rainers Party ausfallen zu lassen. Also tue ich etwas, was man nach unseren Werten eigentlich nicht tun darf und verrate ihm, dass eine Überraschungsparty geplant ist. Vielleicht ändert er ja seine Pläne, denke ich mir.

 

 

„Ich habe mit Monika aber Konzertkarten“, stöhnt er auf, „eine irische Tanzshow, auf die wir uns auch schon seit Monaten freuen.“ Mist. Also muss die Überraschungsparty wohl oder übel verschoben werden. „Wann bist du wieder hier?“ „Am Montag.“ „Gut, dann sage ich F. und D., dass sie sich am Montag überraschen sollen. Also sei dann gefälligst auch überrascht.“ Er verspricht es.

 

Zum Glück nehmen unsere beiden Partyplaner es mit Zeit und Datum nicht so genau, wenn sie nicht müssen und es macht ihnen überhaupt nichts aus, die Sache zu verschieben. Haben sie umso mehr Zeit, um noch weitere Dinge vorzubereiten. Und ich, um eine Woche nichts zu essen, damit ich an dem Abend dann wenigstens richtig hungrig bin.

 

Fortsetzung folgt...

 

 

Endlich die Familie ernähren

Arbeit kommt, Arbeit geht - Teil 2

 

Am nächsten Morgen schlage ich gemeinsam mit ihm noch einmal im Dönerladen auf und wir versuchen, die ganze Situation zu erklären und eine zweite Chance herauszuhandeln. „Es kommt nicht wieder vor, versprochen“, beteuern wir auf Deutsch. Was D. mit dem Inhaber auf Kurdisch bespricht, verstehe ich leider nicht. Leider aber wohl die Gesichtsausdrücke der beiden. Und die verraten eindeutig, dass es keine zweite Chance geben wird.

 

Am Ende kommt der Inhaber noch einmal auf mich zu. „Es ist ja nicht nur, dass er nicht abgesagt hat“, erklärt er mir, „D. spricht auch einfach noch nicht gut genug Deutsch. Das kann ich nicht machen, denn wenn ich Kunden habe, muss er deren Bestellungen verstehen und auch darauf antworten können.“ So leid es mir für D. tut, aus unternehmerischer Sicht kann ich den Mann sogar verstehen. Ich nehme ihm ab, dass er D. gerne eine Chance geben würde, aber leider gibt es eben auch etliche andere Flüchtlinge, die ihre Sprachkurse bereits absolviert haben und dementsprechend zuverlässiger sind. Schade.

 

„Ich muss besser und schneller lernen, dann klappt es beim nächsten Mal“, erklärt D. als wir wieder zuhause sind. Seine Mutlosigkeit ist gewichen und ich spüre sowas wie Entschlossenheit. Deutschland gibt ihm Chancen, mehr als sein Heimatland, eine davon will er nutzen, erklärt er mir. „Erst mache ich meine Schule, dann kaufe ich mir ein Auto, dann suche ich mir einen Job. Das Geld spare ich, damit ich mir ein Haus kaufen kann und damit es meinen Kindern hier gutgeht.“ An der Reihenfolge seiner Vorhaben könnten sich vielleicht noch geringfügige Änderungen ergeben, bremse ich ihn. Außerdem muss unbedingt auch F. noch unsere Sprache lernen, damit sie sich unter Leute traut. Es ist also wohl doch noch ein langer Weg, der sich für mich im Moment wie ein endloser langer Tunnel anfühlt.

 

 

Zunächst einmal führt dieser Tunnel durch zahlreiche Anträge, die as am Nachmittag noch auszufüllen gilt, damit D. und seine Familie überhaupt ihr Geld bekommen. Rainer ist inzwischen ein wahrer Fachmann, habe ich das Gefühl, während ich selbst dann immer froh bin, bis jetzt noch nie Hartz IV beantragt zu haben bzw. es noch nie musste. „Wie sollen das eigentlich diejenigen Flüchtlinge schaffen, die keine deutschsprachigen Helfer an ihrer Seite haben?“, frage ich immer wieder. „Gar nicht“, antwortet Rainer trocken und mit ein wenig Zynismus in der Stimme, „es gibt ja schon genügend Deutsche, die nicht genau wissen, was sie alles beantragen können und denen damit vieles durch die Lappen geht.“

 

Je mehr ich über diese Dinge nachgrüble, desto kritischer stehe ich der Bürokratie in unserem Land gegenüber. Und wenn ich dann noch in der Zeitung lese, dass die Schere zwischen arm und reich fast nirgendwo so weit auseinanderklafft wie in unserem reichen Deutschland, dann macht mich das echt wütend. Weniger als 50 Personen besitzen in unserem Staat so viel wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung, habe ich neulich gelesen. Wahrscheinlich sind das genau die 50 Personen, die genau wissen, wie sie welche Anträge auszufüllen haben, um Vergünstigungen zu bekommen, Steuern zu sparen und überhaupt all das absahnen, was andere sich hart erarbeiten.

 

Immerhin habe ich selbst lange genug für einen Arbeitgeber gearbeitet, der auf der einen Seite zu den größten Medienverlagen des Landes gehörte, aber andererseits aus dem Tarifvertrag ausgestiegen ist, weil er sich das angeblich nicht leisten konnte. Am Ende habe ich dort für geringfügig weniger Gehalt gearbeitet als ich mit Hartz IV bekommen hätte und durfte scheinheilig über die Tarifverhandlungen anderer Branchen schreiben, bei denen sich die Zeitung über schlechte Arbeitsbedingungen ausließ.

 

 

Bevor ich mich jetzt in dieses Thema hineinsteigere, setzt D. an, wie dankbar er ist, dass er hier in Deutschland überhaupt Geld vom Staat bekommt. In Syrien sei das nicht so. Gerade als Kurde dürfe er dort auf keinerlei Unterstützung hoffen, ganz im Gegenteil. „Meine Schwester hat eine lange Ausbildung als Krankenschwester gemacht“, erzählt er, „aber als sie damit fertig war, durfte sie nicht arbeiten, weil sie Kurdin ist.“

 

Auch er selbst hätte in seiner alten Heimat kaum eine Chance, sich einen Beruf auszusuchen, sagt er. Zum einen würden ihm auf vielen wegen Steine in den Weg gelegt, zum anderen musste er schon früh arbeiten, damit die Familie überhaupt über die Runden kam. Genau aus diesem Grund sei er ja auch bereit, hier in Deutschland jeden erdenklichen Job anzunehmen, wenn er denn seine Familie davon ernähren kann.

 

Überhaupt sei Deutschland ein so tolles Land, fügt er noch hinzu, nicht etwa weil er hier Unterstützung des Staates bekommt, sondern weil hier alle Menschen gleich behandelt werden und jeder die gleichen Chancen hat – Männer und Frauen. In seiner Euphorie wage ich es nicht, etwas Einschränkendes dazu zu sagen. Im Grunde stimmt es ja. Auch wenn unser System in vielem vielleicht etwas behäbig und verkopft ist, so grenzt es prinzipiell niemanden aus und ermöglicht ein Leben, von dem so viele Menschen auf dieser Welt nur träumen können.

 

Einmal Döner für alle

Arbeit kommt, Arbeit geht - Teil 1

 

„Ich will endlich arbeiten“, sagt D. Endlich nicht mehr auf andere angewiesen sein, sondern selbst für sich und seine Familie sorgen zu können. Verstehen kann ich ihn gut. Seit ihnen der subsidiäre Schutz zuerkannt wurde, bezieht er zwar Hartz IV und das ist nach meinem Dafürhalten durchaus eine finanzielle Basis, auf der eine fünfköpfige Familie über die Runden kommen kann, doch befriedigend ist die Situation damit noch lange nicht.

 

Zuerst einmal würde mich diese Ungewissheit des einjährig gewährten subsidiären Schutzes verrückt machen. Offiziell bedeutet das, sie sind in unserem Land nicht asylberechtigt, doch sie genießen vorläufig den Schutz unseres Staates, weil ihnen in der Heimat ernsthafter Schaden droht. Das Grundrecht auf Asyl wird jenen gewährt, die aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe verfolgt werden. Wenn ich alles zusammenfasse, was D. mir so über die Situation der Kurden in Syrien erzählt hat und wenn ich dazu in den Nachrichten höre, dass sich türkische Panzer, ach nein, an die Türkei verkaufte deutsche Panzer, gegen die syrischen Kurden richten, dann ist dieser Punkt meiner Meinung nach erfüllt.

 

Dennoch haben sie nun einmal nur den für dieses Jahr gewährten subsidiären Schutz und wir haben es leider auch versäumt, gegen diese Entscheidung zu klagen, weil wir erst zu spät erfahren haben, dass das möglich und in einigen Fällen wohl sogar recht vielversprechend ist. Auch das wurmt mich im Nachhinein ungemein und ich ärgere mich, dass wir zwar helfen, wo wir können, aber leider am Ende oft doch nicht so viel erreichen, wie wir uns vorgenommen haben.

 

 

Für F. und D. ist es natürlich noch viel schlimmer, denn die beiden sehen, wie sehr ihnen hier geholfen wird und wollen gerne auch endlich einmal etwas zurückgeben. Zudem baut er sich gerade ein neues Leben auf und insbesondere die Kinder erleben Deutschland im Kindergarten und in der Schule als ihre Heimat, schlagen sozusagen Wurzeln und sind oft nur noch über das Handy mit ihrem früheren Leben und den Menschen dort verbunden. Wie lange all das hier aber Bestand hat, ist vollkommen ungewiss.

 

Klar, dass D. sich diesen Status sichern will, indem er endlich einen Job hat und sich seine Zukunft ganz aktiv aufbauen will. „Erstmal musst du deine Sprachkurse bestehen“, antworte ich immer wieder, obwohl ich weiß, dass er das eigentlich nicht hören will. „Ich würde viel besser Deutsch lernen, wenn ich auf der Arbeit unter lauter Deutschen wäre, die mit mir den ganzen Tag Deutsch sprechen“, hält er mir vor und ich kann nur zustimmend nicken.

 

Ein paar Tage später begrüßt D. uns schon an der Tür völlig euphorisch. „Ich habe einen Job!“, verkündet er stolz. Na gut, erst einmal Probearbeiten. Im Dönerladen. Dort kann er nach der Schule arbeiten, zunächst mal für zwei Wochen und dann entscheidet sich, ob er der Aufgabe tatsächlich gewachsen ist, habe der Inhaber, ebenfalls ein Kurde, versprochen. Der Punkt mit dem Deutsch lernen unter Deutschen ist damit wohl nicht so ganz erfüllt. Aber immerhin. Wir freuen uns für ihn.

 

Vor allem, freue ich mich, weil er sich diesen Job selbst gesucht hat, ganz ohne unsere Hilfe oder die des Jobcenters. Er hat sich umgeschaut, weil er es hier zu etwas bringen will. Das ist für mich das wichtigste Signal und gibt mir Hoffnung. Noch dazu ist sein Plan, dass er uns, F. und die Kinder dann jede Woche einmal zum gemeinsamen Döneressen einlädt auch durchaus verlockend.

 

 

Leider löst sich dieser Plan schon wenige Tage später in Luft auf. A. ist im Kindergarten von der Rutsche gefallen und muss ins Krankenhaus. Rainer und ich waren in dem Moment leider beide nicht zu erreichen. Und da F. nicht genug Deutsch spricht, so dass sie sich traut, die Kinder in ein deutsches Krankenhaus zu bringen, ist D. von der Schule aus mit einem Freund, der ein Auto hat, sofort losgefahren.

 

Als er mich schließlich doch auf dem Handy erreicht, ist alles schon vorbei, A. geht es gut und sie ist längst wieder zuhause. D. aber auch, denn als er viel zu spät bei seiner Probearbeitsstelle auftauchte, die er natürlich in der Eile auch nicht über den Notfall informierte, konnte er sich sämtliche Einladungen zum Döneressen erst einmal abschminken. „Aber was sollte ich machen?“, fragt er mich hilflos und mit einer Spur Verzweiflung in der Stimme.

 

Fortsetzung folgt...

 

Gefangen in der Fake-News-Blase

Rettet unsere Demokratie - Teil 2

 

Gerade in Deutschland bestehe das Problem, dass uns die Demokratie „geschenkt“ wurde, meint Henze weiter, „daher sind wir zwar gute, aber keine kämpferischen Demokraten geworden.“ Genau aus diesem Grund treibt ihn seit langem die Frage um, wie wir sie in einer Krise stärken wollen. Laut Umfragen würde sich ein nicht kleiner Teil der Bevölkerung statt des jetzigen Mehrparteiensystems eine einzige Partei wünschen, die den Volkswillen repräsentiert.

 

Auch das glaube ich selbst zu beobachten. Wenn viele hier über unsere Politik, den Staat oder was auch immer meckern, dann habe ich nicht selten das Gefühl, sie können kaum richtig unterscheiden, an wen sie ihre Wut adressieren müssen. Oft haben sie schlicht zu wenig Ahnung von Zusammenhängen und Zuständigkeiten. „Der Bürgermeister muss doch mal dafür sorgen, dass die jungen Leute hier nicht alle wegziehen“, höre ich häufig. Bloß kann eben der Bürgermeister wenig daran ändern, dass die Chancen in einer ländlichen Region eben nicht so rosig sind.

 

Ebenso groß scheint mir die Verwirrung auf höherer Ebene. Unsere Politiker können nun mal nicht dafür sorgen, dass morgen die Sonne scheint. Aber genau das fordern leider viele und ich habe dann wirklich den Eindruck, dass sie weniger Ahnung haben als D., der fleißig seine staatskundlichen Fragen büffelt. Vielen Deutschen würde es wahrscheinlich nicht schaden, wenn sie mal gezwungen wären, einem Flüchtling unser Deutschland zu erklären.

 

 

„Demokratie ist Streit“, sagt Henze weiter, sie lebt von der Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen und von einer Diskussionskultur. Gerade die Teilhabe zeige sich in kleineren Städten besonders, wo ohne Vereine, Kirchen und andere Akteure ein gesellschaftliches Leben nicht stattfinden kann. Was die Auseinandersetzungen angeht, fordert er: „Wir brauchen eine andere Streitkultur. Jeder diskutiert doch nur noch im eigenen Saft.“

 

Insbesondere in den sozialen Netzwerken zeige sich, dass sich Überzeugungen und Fake News rasant verbreiten, weil die meisten von uns sozusagen in einer Blase leben und nur noch Nachrichten aus eben dieser wahrnehmen. Jeder hat seine eigenen Informationsquellen, was oft dazu führt, dass wir uns auch unsere eigenen Fakten zurechtlegen. „Die USA machen es uns vor“, sagt Henze, was einige Zuhörer und auch mich mit dem Kopf nicken lässt und für den Moment davon befreit die eigene Mediennutzung zu reflektieren.

 

Aber ist es bei mir nicht auch so? Seit ich mit Rainer beschlossen habe, dass wir uns um eine Flüchtlingsfamilie kümmern, haben wir Kontakt zu anderen Ehrenamtlichen, zu Institutionen, die helfen, und zu den Nachbarn mit eigenem Migrationshintergrund. Ist das nicht in gewisser Weise auch eine Blase? Zumindest bekomme ich meine Informationen fast ausschließlich von Flüchtlingen und jenen, die alltäglich mit Flüchtlingen zu tun haben.

 

Andererseits habe ich nicht das Gefühl, dass ich gewisse Teile der Realität ausblende. Berichte über Anschläge, zu denen sich der IS bekennt, sehe ich mir in den Nachrichten nach wie vor an, manchmal sogar gemeinsam mit D. und F., die ja im übrigen ebenso entsetzt über solch unfassbare Taten sind wie ich. Auch fundamental-islamische Strömungen in der Welt und auch bei uns sehe ich nach wie vor als gefährlich an. Nur weigere ich mich eben, diese Bedrohungen zu verallgemeinern und auf ganze Volksgruppen zu projizieren.

 

 

Jedenfalls bilde ich mir ein, mich offen zu informieren, ehrlich gesagt sogar mit weiterem Horizont als früher, weil ich durch D. und seine Familie einen weiteren Blickwinkel kennengelernt habe. In den Blasen, die Arnd Henze anspricht, sind die Blickwinkel sehr eingeschränkt, bewusst oder unbewusst, und die Leute verweigern sich allem, was ihren Vorurteilen widerspricht. Weil es nun einmal leichter ist, die Welt in Schwarz und Weiß einzuteilen und damit für alles schnell Sündenböcke zu finden.

 

Um dem vorzubeugen müssen wir auf breiter Basis und eben auch inhaltlich diskutieren, fordert Henze für einen Journalisten nicht überraschend, Themen konkret anpacken und nicht ideologisch. Und das wiederum dürfe angesichts der globalisierten Welt nicht nur innerhalb nationaler Grenzen passieren, sondern auf europäischer Ebene. Auch in diesem Punkt kann ich ihm nur zustimmen, denn unsere Welt ist auf der einen Seite viel zu komplex und auf der anderen viel zu global geworden um die großen Probleme nur innerhalb nationaler Grenzen zu betrachten. Wenn vieles auf die Kluft zwischen Arm und Reich zurückzuführen ist, dann hat das mit einzelnen Staaten wenig zu tun.

 

Laut Arnd Henze ist es das Projekt Europa, das uns Sicherheit garantiert, weil es auf der Basis gemeinsamer demokratischer Grundsätze errichtet wurde. „Die Frage von Europa ist eine Frage von Krieg und Frieden“, spitzt er seine Ansicht zu, Europa schütze uns vor den Alternativen aus Moskau, Peking und vielleicht auch Washington. Ganz bestimmt auch Washington, füge ich für mich hinzu, denn gerade dort ist das Denken in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse noch weit verbreitet. Dabei würde es unserer Welt so viel besser gehen, wenn die Kategorien Freund und Feind keine so große Rolle mehr spielen und wir endlich begreifen würden, dass wir letztlich alle in derselben Blase sitzen und diese entweder zum Schweben oder zum Untergehen bringen können.

 

Vom System überrollt

Rettet unsere Demokratie - Teil 1

 

Einige Tage später sitzt D. über seinen Unterlagen und büffelt für seinen Integrationskurs. In diesem geht es ja nicht nur um Sprache, sondern auch um politische Bildung und das Verständnis unseres gesellschaftlichen Systems. Finde ich äußerst löblich, auch wenn ich mich frage, ob Multiple Choice-Fragen zum Grundgesetz etc. wirklich so viel Erleuchtung mit sich bringen oder letztlich nicht doch viel mit Auswendiglernen zu tun haben, so wie es schon zu meiner Schulzeit in vielen Fächern der Fall war.

 

Umso dankbarer bin ich, dass D. nicht nur einfach stumpf die passenden Antworten zu den jeweiligen Fragen büffelt, sondern mich bei vielen um eine Erklärung bittet. Warum ist der Bundespräsident denn bei uns das Staatsoberhaupt, wenn er in den Nachrichten immer nur von Bundeskanzlerin Merkel hört? Ist es bei uns wirklich so, dass per Gesetz jeder die gleichen echte hat? In seiner Heimat habe er die als Kurde definitiv nicht. Und was genau bedeutet eigentlich, dass die Würde des Menschen unantastbar ist?

 

 

Nach und nach muss ich zugeben, dass einige der Fragen es in sich haben, wenn man ihnen genauer auf den Grund geht. Würde ist nun mal ein sehr weit gefasster Begriff und ihre Unantastbarkeit kann durchaus subjektiv sein. Zudem sind viele Fragen dabei, die selbst ich nicht einfach so beantworten kann. Und ich vermute mal, auch viele andere Deutsche nicht. Gut, die Bundesländer und ihre Hauptstädte bekommen viele vielleicht noch hin. Doch dass Niedersachsen an neun andere Bundesländer angrenzt, erfordert schon etwas mehr, finde ich.

 

Wenn jeder Flüchtling, der zu uns kommt, all diese Fragen tatsächlich versteht und sicher beantworten kann, dann brauchen wir uns um unsere Demokratie jedenfalls keine Sorgen zu machen. Außer vielleicht Sorgen, die aus einer ganz anderen Ecke herrühren. Genau mit denen werde ich dann am Abend konfrontiert als ich über eine Veranstaltung mit dem ARD-Korrespondenten Arnd Henze berichten soll.

 

„Was wird aus unserer Demokratie?“ Diese Frage müssen wir uns heute stellen, meint Arnd Henze, nicht nur in Berlin und den Hauptstädten dieser Welt nachgedacht werden, sondern auch in kleineren Städten und Gemeinden, die die wichtige Basis eines demokratischen Systems bilden. Auch er selbst stammt aus einer mittelgroßen Stadt, erzählt er, aus Einbeck, wo er auch zum Thema Populismus und wie wir damit umgehen können eingeladen wurde.

 

 

Viele Einwohner sind an diesem Abend da und ich merke schnell, dass sie dieser ganze Themenkomplex ebenso interessiert wie auch verunsichert. Unsere Welt scheint wirklich im Umbruch, zumindest stelle ich immer wieder fest, dass dieses ganze Thema sozialer Ungleichheit, Fanatismus, Flucht und die Angst vor Überfremdung oder wie immer man es nennen will, viele Menschen zutiefst verunsichert. Noch dazu habe ich das Gefühl, dass sich auch um mich herum grob gesehen zwei Lager bilden, deren Sicht auf die Welt extrem unterschiedlich ist und von denen die eine Seite begierig alles aufsaugt, was ihre Meinung untermauert, ohne dabei nach dem Wahrheitsgehalt zu fragen.

 

Arnd Henze scheint das ähnlich zu beurteilen. Zumindest stellt er erst einmal fest, dass Populismus diejenigen anspricht, die sich von der Politik übergangen fühlen. Denen bietet er einfache Lösungen für komplexe Probleme und demonstriert die Stärke des kleinen Mannes. Besonders auffällig sei das derzeit in den USA, doch ebenso auch bei uns. „Es fordert die ganze demokratische Welt heraus“, macht der Journalist deutlich.

 

Motor der Demokratie waren immer Fortschritt und Wohlstand, führt er aus, wenn die jedoch wegbrechen, dann ist das System in Gefahr. Nicht zuletzt durch die Finanzkrise vor einigen Jahren wurde das Vertrauen brüchig, kein Wunder, wenn Banken mit vielen Millionen gerettet, aber die Probleme der Bevölkerung wie in Griechenland dennoch nicht gelöst werden. Zudem bieten Russland und China Gegenmodelle zu unserem demokratischen System an, die wunderbar funktionieren.

 

Mir gefällt, wie nüchtern er analysiert und Dinge zueinander in Beziehung setzt. Vieles von dem, was er sagt, empfinde ich ganz vage ebenso, ohne es aber klar auf den Punkt bringen und so artikulieren zu können. Zumindest ist all das, was im Moment auf der ganzen Welt passiert ein global zusammenhängendes Problem, bin ich mir sicher, und einer der Hauptauslöser dafür ist ein dramatisches Auseinanderklaffen von Arm und Reich, wobei es eben immer mehr Menschen gibt, die vom kapitalistischen System überrollt werden und dementsprechend nach Alternativen suchen.

 

Fortsetzung folgt...

 

Wir alle stehen hinter dir

Der Ernst des Lebens beginnt - Teil 2

 

Dann ist er endlich da, der große Tag. Monika hat für S. eine Schultüte gebastelt, die Rainer am Wochenende zuvor mitgebracht hat und die wir nun randvoll mit Süßigkeiten, Spielzeug und auch ein paar nützlichen Dingen stopfen. F. und D. sind ohnehin aufgeregt genug, so dass wir uns dieses Ritual nicht haben nehmen lassen. Für A. und M. haben wir natürlich auch Kleinigkeiten besorgt, weil ich glaube, dass es ungerecht ist, wenn die beiden ihrer großen Schwester bei ihrer Einschulung nur zusehen müssten.

 

Noch vor ein paar Tagen habe ich mich mit D. darüber unterhalten, doch so ganz kann er den Rummel um die Einschulung nicht nachvollziehen. In Syrien sei es kein solch großes Fest für die ganze Familie, wie er es hier jetzt miterlebt. Zudem würden die kleineren Geschwister dort lernen zuzusehen, wenn es nicht um sie geht und damit auch lernen, dass sie nicht immer im Mittelpunkt stehen. M. würde das ja sogar gut tun, räume ich ein, denn er schafft es ja immer wieder, uns alle um den Finger zu wickeln und am Ende derjenige zu sein, um den sich alles dreht. Dieses Recht scheint er als einziger Sohn dann aber doch irgendwie zu haben.

 

Damit will ich nicht sagen, dass F. und D. ihn den Mädchen vorziehen, aber es ist schon so, dass er sich manchmal mehr rausnehmen darf als seine Schwestern. Zumindest wird er wesentlich weniger dazu angehalten, auch mal zurückzustecken, und ich glaube, das hat nicht nur damit zu tun, dass er der jüngste und wildeste der drei ist.

 

Egal, heute geht es vor allem um S. und die ist natürlich dementsprechend aufgeregt als sich am frühen Morgen alle Kinder und Eltern in der Kirche treffen. Dort wird von den Kindern der vierten Klasse etwas vorgeführt, es wird gesungen und die Pastorin spricht ein paar Worte. Für mich ist das alles nicht ungewöhnlich, doch schon bald merke ich, wie neu und fremd die Situation für F. und D. ist. Weibliche Geistliche sind meines Wissens in den Religionsgemeinschaften dieser Welt eher die Ausnahme als die Regel. Ein Gottesdienst zur Einschulung vermutlich auch und angesichts eines säkularen Staates mit im Grundgesetz verankerter Religionsfreiheit vermutlich auch nur mit Tradition zu erklären.

 

 

All das scheint D. und F. aber sehr zu gefallen. Den Kindern ebenso. S. ist vorne zwischen den anderen Kindern natürlich aufgeregt, A. sieht mich irgendwann groß an und fragt, ob sie sich weiter nach vorne setzen darf, um besser sehen zu können, und selbst M. ist auffallend ruhig und scheint zu spüren, dass hier etwas gewichtiges passiert. Mich beeindruckt mal wieder, mit welcher Offenheit D. und F. solche für sie fremden Rituale verfolgen und sich bemühen, möglichst viel davon genau zu beobachten und gegebenenfalls mitzumachen. Ob ich das umgekehrt in einer fremden Religionsgemeinschaft ebenso machen würde, weiß ich nicht.

 

Anschließend gehen dann alle rüber in die Schule, wo in der Aula gemeinsam gesungen, getanzt und ein kurzes Theaterstück vorgespielt wird. Alle Stühle sind mit Verwandten restlos belegt und einige von uns müssen an der Seite auf dem Boden sitzen. Mache ich mit A. und M. auch, weil die beiden von weiter hinten ohnehin nichts sehen könnten. Jetzt allerdings muss ich M. immer wieder davon abhalten, auf die Bühne zu stürmen, denn sowohl die sieben Zwerge als auch den mysteriösen Zauberspiegel von Schneewittchens Stiefmutter findet er ungemein interessant.

 

 

Zum Glück ist er nicht der einzige von den Kleineren, die immer mal wieder am Kragen gepackt und zurückgehalten werden müssen. Auch ein anderer Junge rennt immer mal wieder los und kann von seinem Vater nur mühsam eingefangen werden. Der andere ist M.s bester Freund aus dem Kindergarten, erfahre ich später. Warum nur wundert mich das nicht?

 

Den Erstklässlern werden schließlich feierlich ihre Schultüten überreicht, es wird gemeinsam das Schullied gesungen, das besagt, dass die ganze Klasse hinter jedem Einzelnen steht und ihm den Rücken stärkt oder so ähnlich. Anschließend hat S. die erste Schulstunde ihres Lebens, danach werden dann die üblichen Fotos gemacht und allmählich werden die Feiern nach Hause oder in die umliegenden Gasthäuser verlegt. Bei uns fällt das alles etwas kleiner aus, wir packen noch mit S. gemeinsam die Schultüte aus und es gibt ein Stück Kuchen im Kreise der Familie. Ehrlich gesagt war das zu meiner Zeit auch nicht anders und mir gefällt es deutlich besser als eine große, aufgesetzte Familienfeier.

 

Am Ende verabschiede ich mich, weil ich noch arbeiten muss und D. muss noch für seinen Sprachkurs lernen. „Wenn ich dann lesen und schreiben kann, können wir zusammen lernen, Papa“, sagt S. voller Stolz. „Und wenn ich richtig gut Deutsch spreche, dann helfe ich dir bei deiner Arbeit“, fügt D. an mich gewandt hinzu. Auf dem richtigen Weg sind wir jedenfalls.

 

Vor der Bildung steht der Konsum

Der Ernst des Lebens beginnt - Teil 1

 

S. kommt in die Schule. Endlich ist es soweit, sie freut sich, dass sie den Kindergarten erfolgreich absolviert hat und auch ihre Eltern und ebenso wir sind absolut stolz auf unsere Große. Das zumindest ist das erste Gefühl. Das zweite ist dann der Schreck vor allem, was noch zu erledigen ist. Dabei sind die Anmeldungen und alles Formale ausnahmsweise mal nicht das Problem. Die zukünftige Klassenlehrerin, die Rektorin und nicht zuletzt die Sekretärin der Grundschule sind hier äußerst hilfsbereit und wissen auch genau, was zu tun ist. Schließlich ist S. nicht das erste Kind, das sie einschulen und eben auch nicht das erste, dessen erwachsene Bezugspersonen leicht überfordert sind.

 

Die Überforderung zeigt sich dann am deutlichsten als wir feststellen, was noch alles angeschafft werden muss. Zunächst mal braucht S. unbedingt einen Schulranzen. Da natürlich nicht irgendeinen, sondern einen, mit dem sie sich vor ihren Freundinnen nicht blamiert. Waren die Dinger zu meiner Zeit eigentlich auch schon so teuer? Und gab es damals auch schon so viele verschiedene Modelle mit unterschiedlichen Funktionen, die der Fachverkäufer alle in einem wissenschaftlich anmutenden Vortrag erläutert? Es gibt sogar Ranzenpartys, auf denen die augenscheinlichen Hightech-Produkte vorgeführt werden, diejenigen mit besonderen ebenso wie diejenigen mit integrierter Tasche für das Pausenbrot und etliches mehr.

 

Also ehrlich, da fehlt doch bloß noch der Raketenantrieb, den sie vor der Wohnungstür startet und der sie dann vor der Schultür wieder sicher absetzt. Ich glaube sogar, dass ein solches Modell gekauft werden würde, womit dann der Begriff „Helikoptereltern“ eine völlig neue Bedeutung bekommen würde. Wir entscheiden uns am Ende trotzdem für eine mittelpreisige Version. Das ist aus wirtschaftlicher Sicht vielleicht nicht ganz klug, aber auch F. und D. sind ja der Meinung, dass es ihren Kindern an nichts mangeln soll.

 

 

Sehe ich auf jeden Fall genauso. Schon als ich klein war, gab es bei uns zuhause immer diese Diskussionen, ob dieses oder jenes sein muss und Belehrungen, dass ich nicht jeden Trend mitmachen muss bzw. dass die Anerkennung der Klassenkameraden meinen Werkt als Mensch nicht ändert. Eltern können ja so irren! Damals wie heute gab es kaum Entscheidenderes als dazuzugehören, zumindest aber nicht der Außenseiter zu sein. Und natürlich definierten sich die Außenseiter zunächst einmal über Statussymbole. Wer bestimmte Markenprodukte nicht hatte, der war freigegeben zum Mobbing, was damals allerdings noch nicht so hieß und auch noch nicht so geahndet wurde wie heute.

 

Letztlich ist es in unserer Gesellschaft der Erwachsenen nichts anderes. Dein Auto sagt deutlich mehr über dich aus als eine Fülle von Charaktereigenschaften, Kleider machen Leute und der äußere Schein entscheidet oft viel mehr über deine Karrierechancen als spezifische Fähigkeiten. Das zumindest hatten D. und F. in ihrer Zeit hier bereits gelernt, auch wenn sie dieser Erkenntnis viel weniger Bedeutung beimaßen als viele Deutsche es unterbewusst doch tun.

 

Jedenfalls bin ich der festen Überzeugung, dass Kinder es deutlich leichter haben, wenn man ihnen den Schritt in unsere Konsumwelt nicht verwehrt. Damit sie nicht wie Schafe in diesem System mitlaufen und irgendwann aus Versehen selbst zu Wölfen werden, sollte man es ihnen aber auch sehr intensiv erläutern und als verlogene Scheinwelt zeigen. Doch das ist eine andere Sache. Dazu haben wir bei unseren Vorbereitungen auf die Einschulung sowieso keine Zeit.

 

 

Vielmehr sind wir alle vier damit beschäftigt, die Hefte mit der richtigen Lineatur zu suchen, Mappen und allen Farben des Regenbogens – natürlich aus Pappe, der Umwelt wegen – und dann Bunt- und Bleistifte im richtigen Härtegrad, verschiedene Pinsel und allerlei übriges Zeug zu beschaffen. Wenn wir die Tüten ansehen, die sich mittlerweile in der Küche stapeln, glaube ich, dass sich selbst in einem Großraumbüro nicht annähernd so viel Büromaterial befindet wie im Besitz eines Schulanfängers.

 

S. packt voller stolz immer wieder neue Dinge in ihren pinkfarbenen Prinzessinnenranzen und schultert ihn, um dann ob des Gewichts hintenüber zu fallen und wie ein Käfer auf dem Rücken zu liegen. Vielleicht ist gerade dieses Gefühl ja auch gewollt und soll die Kinder schon einmal auf das vorbereiten, was im Leben noch auf sie zukommt.

 

Je näher der große Tag rückt, desto aufgeregter werden wir alle und auch A. und M. haben wir inzwischen damit angesteckt. A. will es möglichst bald ihrer großen Schwester gleichtun und freut sich schon jetzt darauf, wenn auch sie in einem Jahr diese Schwelle zum Erwachsenwerden erreicht. Für uns wird das zugegebenermaßen mehr und mehr zu einer Horrorvision. M. hingegen bleibt locker und stellt immer mal wieder fest, dass es im Kindergarten viel schöner ist, weil es da Spielzeug statt Schulbüchern gibt. Kluges Kind.

 

Fortsetzung folgt...

 

Anmerkung: Ja, ich weiß, dass die Geschichte von der Einschulung etwas zu spät kommt. Aber wie gesagt, hatte ich in den vergangenen Monaten wenig Zeit - leider auch für diesen Blog - und außerdem habe ich nie behauptet, unsere Erlebnisse in Echtzeit zu erzählen. Daher hoffe ich also, ihr seht es mir nach.

 

 

Blick zurück nach vorn

Rufmord, Mord und Nächstenliebe - Teil 3

 

Vor unserem Krimifestival habe ich allerdings noch eine Podiumsdiskussion mit den hiesigen Bundestagskandidaten vorzubereiten. Möglicherweise war es etwas leichtfertig von mir, für die Moderation zuzusagen, andererseits kann ich mir eine solche Chance ja auch nicht entgehen lassen. Und schlechter als die Kanzlerduelle im Fernsehen kann es eigentlich nicht werden, sage ich mir immer wieder.

 

Am Tag der Tage haben die Kandidaten aller Parteien zugesagt, auch der Herr von der AfD, der angeblich noch nie in einer solchen Runde aufgetaucht ist. Ich habe mir ganz fest vorgenommen, ihn sehr neutral zu behandeln und vor allem, ihn auch zu anderen Themen als zu Flüchtlingen und Migration zu befragen. Meiner Meinung nach bin ich recht gut vorbereitet und die Diskussion läuft auch einigermaßen gut an. Manchen Redner muss ich unterbrechen, weil er sich in einer rhetorischen Endlosschleife verliert, andere muss ich mit einigem Nachhaken dazu bringen, nicht immer wieder in auswendig gelernte Wahlkampfreden zu verfallen, aber im Großen und Ganzen läuft es gut.

 

Der AfD-Mann weiß aber auch genau, wie er provoziert und schafft es relativ schnell, einige aus der Runde und vor allem aus dem Publikum gegen sich aufzubringen. Die ereifern sich, während der Kandidat auffallend ruhig bleibt und sich mehr und mehr auf seine Außenseiterposition zurückzieht. „Lassen Sie mich doch auch einmal zu Wort kommen“, beklagt er sich mehr als einmal. Lasse ich. Zum Thema Rentenkonzept seiner Partei hat er allerdings nicht viel zu sagen. Dennoch merke ich, dass mir die Diskussion langsam entgleitet. Wie auch in den großen Medien geht es plötzlich nur noch darum, wie rechts, wie rassistisch, wie schlimm die AfD ist. Genau das habe ich eigentlich vermeiden wollen.

 

 

 

Im Schlussstatement macht der Kandidat dann noch einmal sehr deutlich, was seine Ansichten sind. „Wenn Sie nicht wollen, dass in ein paar Jahren die Muslime in Deutschland in der Mehrheit sind und uns aus unserem eigenen Land vertreiben, dann müssen Sie meine Partei wählen“, sagt er und lässt mich erschöpft, fassungslos und angewidert die Veranstaltung beenden. Abends fahre ich dann noch zu F. und D. und erzähle bewusst nichts von den Strömungen, die es in der deutschen Politik eben auch gibt. Stattdessen genieße ich es, dass die Kinder in der Mehrheit sind und wir ein wenig um den besten Platz auf dem Sofa kämpfen könne, von dem sie mich immer wieder vertreiben.

 

Ich genieße das gemeinsame Toben besonders, denn auch in den folgenden Tagen habe ich wegen unseres Festivals schon wieder keine Zeit für irgendetwas anderes. Das Festival selbst genieße ich allerdings auch, vor allem, weil wir in diesem Jahr mal wieder tolle Autoren dabei haben. Unter anderem eben Zoë Beck. Sie liest aus ihrem neuen Thriller, in dem es um Drogenpolitik und eine immer resoluter werdende Gesellschaft geht. Im anschließenden Talk erläutert sie, wie sie auf ein solches Thema kommt und dass Literatur für sie eben immer auch eine politische Seite hat.

 

Zwischendurch kommen wir auch auf die anstehende Wahl zu sprechen und sie betont in einem Nebensatz, wie wichtig es ist, überhaupt wählen zu gehen. „Aber bitte“, sagt sie ans Publikum gewandt, „wählen Sie keine Parteien rechts von der CDU, was dabei herauskommen kann, lesen Sie ja in meinem Buch.“ In der anschließenden Pause werde ich von zwei Besuchern angesprochen, die jetzt unbedingt mal ihren Frust loswerden möchten. „Wie kann die Frau es wagen, eine Wahlempfehlung auszusprechen und dann auch noch die AfD so zu verunglimpfen“, empören die beiden sich, das sei mehr oder weniger Rufmord und stehe einer Autorin nicht zu.

 

Dieser Ausbruch lässt mich erst einmal ratlos zurück. „Was 'n los?“, fragt mich Zoë, die merkt, dass ich in Gedanken bin. Kurz erzähle ich ihr vom Feedback unserer Zuhörer, worauf nun auch sie etwas aufgebracht reagiert. „Das war nicht einmal eine Wahlempfehlung. Wenn die sich angesprochen fühlen, dann sollten sie vielleicht einfach mal drüber nachdenken“, sagt sie. „Stimmt, aber wenn ich drüber nachdenke, dann juckt es mir in den Fingern, noch einmal dazu ganz direkt dazu aufzurufen, nicht die AfD zu wählen“, gebe ich zurück. Sie ist mir mir vollkommen einer Meinung. „Von mir aus stelle ich mich den ganzen Abend auf die Bühne und gebe Wahlempfehlungen gegen rechte Parteien“, bietet sie an.

 

 

 

Geht aber leider nicht, denn jetzt ist Volker Kutscher mit seiner Lesung dran. Und der ist immerhin eines der Highlights unserer drei Festivaltage. Immerhin sind seiner Bücher um Kommissar Gereon Rath in den 1930er Jahren allesamt Bestseller und außerdem steht die Serie „Babylon Berlin“, die auf seinen Krimis basiert, gerade in den Startlöchern und ist in allen Feuilletons Thema. Im Buch und jetzt auch in der Lesung beeindruckt mich besonders, wie er seinen Ermittler zuhause mit der Familie über die immer deutlicher in Erscheinung tretenden Nazis diskutieren lässt. Der Sohn möchte in die Hitlerjugend eintreten, weil da eben alle mitmachen, Gereon Raths Frau ist strikt dagegen und er selbst weiß nicht, was so schlimm daran sein soll.

 

Selten habe ich Geschichte aus dieser Zeit so wenig historisch und dafür aber lebensnah beschrieben gehört. Der moralische Zeigefinger und der besserwisserische Blick aus heutiger Zweit fehlt hier völlig, was es umso eindringlicher macht. Auch im Interview beeindruckt Volker Kutscher mich, weil er eben auch da sehr zurückhaltend ist und sich nicht wie so viele andere – und ich zähle mich leider dazu – von gewissen Umständen oder Meinungsäußerungen provozieren lässt und dann anfängt, die eigene Meinung auszuwalzen. Bei ihm habe ich das Gefühl, er möchte seine Leser nicht beeinflussen, sondern tatsächlich nur zum Nachdenken bringen. Das bewundere ich zutiefst.

 

„Geschichte wiederholt sich nicht, das wäre zu einfach“, sagt er, „Aber geschichtsvergessende Menschen neigen leider dazu, Fehler zu wiederholen.“ Am Abend nach dem Abbau rede ich noch lange mit ihm und Zoë über Politik im Allgemeinen, über die Situation, in der wir unser Land im Moment sehen, und über diejenigen, die Meinungsfreiheit für sich einfordern, aber sie anderen nicht gewähren wollen. Es scheint leider wirklich so zu sein, dass wir uns in einer Zeit befinden, die dazu verlockt, längst vergangene Fehler noch einmal zu machen.

 

Mitten aus dem Leben

Rufmord, Mord und Nächstenliebe - Teil 2

 

 F., D. und die Kinder sind mal wieder begeistert vom Leben in Deutschland, von der Freundlichkeit der Menschen hier und ich wiederum bin begeistert, wie einfach manchmal alles sein kann. Mehr Zeit habe ich dadurch trotzdem nicht. Denn direkt nach dem Luther-Fest steht zum einen die Bundestagswahl an, über die ich als Journalist wohl oder übel berichten muss, zum anderen laufen die Planungen für unser Krimifestival jetzt auf Hochtouren und ich habe auch da genug zu schreiben und auch zu lesen.

 

Das tolle am Krimi ist ja, dass er nicht nur spannend sein kann, sondern nicht selten auch politisch und gesellschaftlich relevanter als vieles, was sonst so gedruckt wird. Vor ein paar Jahren beispielsweise hatten wir Zoë Beck zu Gast, die aus ihrem Buch „Schwarzblende“ las. Das Buch beginnt in einem Londoner Park, wo zwei junge Männer mit Macheten einen Passanten ermorden und anschließend die Flagge des Islamischen Staates schwenken. So weit eine reale Begebenheit, aus der Zoë Beck dann allerdings einen äußerst gut recherchierten und die Thematik differenziert betrachtenden Krimi konstruiert.

 

Kameramann Niall, der alles mit dem Handy filmt wird von den Tätern aufgefordert, das Video auf YouTube hochzuladen. Als die beiden später von der Polizei überwältigt werden, landet auch Niall im Gefängnis und bekommt zu spüren, dass allein die Angst vor islamistischem Terror den Rechtsstaat in seinen Grundfesten erschüttert. Wieder auf freiem Fuß recherchiert er die Beweggründe der Täter, erfährt vieles über misslungene Integration und daraus resultierende Wut und nicht zuletzt auch über politische Kräfte, die genau diese Wut schüren, um ihre Resultate für die eigenen Zwecke zu nutzen.

 

 

 Sowohl das Buch beeindruckte mich damals als auch die Autorin, mit der ich im Interview über ihre Recherchen und ihre Ansichten zum Thema Islamismus, Populismus und Fremdenfeindlichkeit sprach. Und eben diese Zoë Beck sollte in diesem Jahr wieder bei unserem Festival lesen. Während ich ihr neues Buch las, das natürlich ein ganz anderes Thema behandelte, aber ebenso auf gesellschaftliche Probleme Bezug nahm, fiel mir auf, wie sehr ich mich in den letzten Jahren verändert hatte, zumindest was meinen Bezug zu Migranten in unserem Land betraf.

 

Damals hatte ich mit Muslimen wenig zu tun, wusste kaum etwas über den Islam und lehnte bestimmte politische Positionen nur generell ab, weil sie mir menschenfeindlich erschienen. Inzwischen habe ich mich beruflich und eben auch privat sehr viel mehr mit alldem beschäftigt. Da ist zum eine das rein theoretische Wissen, das ich mir angelesen habe, zum anderen sind es aber auch ganz besonders die Gespräche mit D. und seiner Familie, die viel in mir bewirkt haben.

 

Klar, es ist immer noch schwer, einfach so ein Gespräch mit ihm zu führen, denn sobald es über Alltägliches hinausgeht, macht uns die Sprachbarriere immer noch schwer zu schaffen. Doch die wenigen Dinge aus seiner Heimat, seine Fragen zu unserem Land und vor allem seine Gründe, noch einmal neu anzufangen und alle Hoffnung auf das Unbekannte zu setzen, bewegen mich. All das tut er, damit es seinen Kindern einmal besser geht. Damit sie mittelfristig nicht in einem Land aufwachsen müssen, in dem der Terror und der Krieg alles zerstört, und damit sie langfristig nicht als Kurden immer wieder spüren müssen, dass sie sozusagen Menschen zweiter Klasse sind, sondern in einer Gesellschaft leben, von der er nicht viel weiß, aber ganz sicher, dass hier jeder Mensch die gleichen Rechte hat.

 

 

Allein diese große und unerschütterliche Hoffnung macht mir klar, wie gut ich es habe, ausgerechnet in diesem Teil der Welt geboren zu sein. Das ist nichts, was ich mir in irgendeiner Weise erarbeitet oder verdient habe, sondern pures dummes Glück. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr ärgert es mich, dass einige bereit sind, dieses Glück mit allen Mittel zu verteidigen. Sicher, es ist nur menschlich. Aber dennoch sollten wir irgendwann einmal überlegen, ob es nicht vielmehr unsere Pflicht ist, dieses Glück zu teilen und die Welt damit ein Stück besser zu machen.

 

Je häufiger ich solche Gedanken habe, desto naiver kommen sie mir vor. Wenn ich dann aber weiter ganz unvoreingenommen abwäge, dann sind es letztlich genau diese naiven Ansichten, die uns davon abhalten, die Welt zu einer Hölle verkommen zu lassen. Martin Luther hatte seinerzeit den naiven Wunsch, dass nicht eine hierarchische Kirche, sondern allein das Wort Gottes unsere Moral bestimmt. Krimis sind häufig so naiv, dass am Ende der Böse vom Guten besiegt wird. Warum bitte soll das nicht funktionieren?

 

Fortsetzung folgt...

 

Fernab der Wirklichkeit

Rufmord, Mord und Nächstenliebe - Teil 1

 

Durch meine Arbeit habe ich viel zu wenig Zeit für D., F. und die Kinder. Rainer fährt in letzter Zeit oft alleine hin, regelt allen Papierkram und was noch so anfällt. Allerdings lässt er allmählich auch durchblicken, wie sehr ihm das stinkt. Zu Recht. Doch die bevorstehenden Wahlen, unser Krimifestival und nicht zuletzt das große Fest zum Lutherjahr nehmen mich beruflich so sehr in Anspruch, dass ich zu nichts anderem mehr komme.

 

Gut, vielleicht habe ich mir im Moment auch etwas zu viel vorgenommen, aber so ist das leider als Selbstständiger. Da zeigt sich wieder einmal, dass ehrenamtliche Arbeit etwas für Frührentner und andere mit zu viel Zeit ist. Allerdings merke ich auch sehr deutlich, wie eng mir „unsere“ Familie inzwischen ans Herz gewachsen ist. Wenn ich sie nicht mindestens einmal in der Woche sehe, fehlen sie mir und auch im Job nehmen sie indirekt immer größeren Raum ein.

 

Bei meiner Arbeit für die Kirche bin ich unglaublich froh, dass die sich damals, als so viele nach Deutschland kamen, sehr eindeutig positioniert hat. Die Nächstenliebe ist das Gebot der Stunde, darum gilt es, Menschen in Not zu helfen. So einfach ist das. Immer wieder kann ich daher also über Hilfen für Flüchtlinge schreiben und über Projekte zur Integration berichten. Na gut, so einfach könnte es sein.

 

 

Politisch sieht es da schon anders aus. Da wird eifrig über gefährlichen Salafismus diskutiert, über die Islamisierung des Abendlandes, über Lügenpresse und alles, was sich sonst noch anbietet. Sicher ist mit der Nächstenliebe nicht alles zu erklären und zu lösen, aber im Grunde doch eine ganze Menge. Politisch hingegen bekomme ich mehr und mehr das Gefühl, dass ganz gezielt Angst geschürt wird, um damit viele Wähler manipulierbar zu machen. Und die etablierten Parteien lassen sich von den Rechten vor sich hertreiben.

 

Natürlich weiß ich, dass uns ein einfaches „ach, die Flüchtlinge warten ja alle nur drauf, sich unserem System anzupassen“ nicht der Realität entspricht. Furcht vor Muslimen zu schüren, die vor gewaltbereiten Islamisten oder anderen Gruppierungen aus ihrem Heimatland fliehen, bringt uns aber auch nicht weiter. Und vor allem bringen uns dich ewig um dieselben Argumente kreisenden Diskussionen nicht weiter. Ich stelle jedenfalls fest, dass ich schon seit Monaten keine Polittalkshow gesehen habe und bilde mir sogar ein, ich könnte, wenn ich den Fernsehton ausstelle, allesamt mitsprechen.

 

Mit dem, was Rainer und ich im Alltag und im Kampf gegen die Hürden der deutschen Sprache und vor allem der deutschen Behörden erleben, hat all das wenig zu tun. Wenn in den Nachrichten über einen islamistischen Terroranschlag berichtet wird, sind F. und D. ebenso entsetzt wie wir und er hat mir schon mehrfach gesagt, dass er überhaupt nicht verstehen kann, dass Menschen, die hier in Deutschland freundlich aufgenommen werden, so etwas tun.

 

Immer mal wieder wird gefordert, Muslime in Deutschland müssten sich deutlicher von solchen Taten distanzieren. Warum sollte sich D. von etwas distanzieren, vor dem er mit seiner Familie geflohen ist. Deutlicher als seine Heimat und alle geliebten Menschen zu verlassen kann man sich doch von den Entwicklungen in einem Land nicht distanzieren, oder?

 

 

Und gibt es ein deutlicheres Zeichen für Integration, als dass wir gemeinsam auf unser Reformationsjubiläum gehen und F. und D. dort sehr interessiert wissen wollen, was es damit eigentlich auf sich hat? Wir feiern 500 Jahre Luther an einem Wochenende in der gesamten Stadt mit Konzerten, Vorträgen, Gottesdiensten und am Samstag auch mit einem großen Markt aller Kirchengemeinden aus der Umgebung.

 

Rainer und Monika kommen her und natürlich treffen wir uns auch mit D. und F. und den Kindern. Für die gibt es viel zu entdecken, Spiel, Spaß, Musik und natürlich noch ein Eis und Kuchen und und und. D. will von mir wissen, wer überhaupt dieser Martin Luther war und ich bemühe mich, ihm zu erläutern, warum es bei uns Christen Protestanten und Katholiken gibt, während er daraufhin versucht, mir die Unterschiede zwischen sunnitischem und schiitischem Islam klarzumachen. Ich befürchte, wir beide sollten mit dem neuerworbenen Wissen lieber in keine Quizshow gehen.

 

Fortsetzung folgt...

 

Erhebende Erkenntnisse über unser Land

Land des Lächelns - Teil 2

 

Während die Kinder von uns allen lange nicht mehr gesehen werden, landen die ersten Bratwürste auf dem Grill, wir alle stoßen an und es wird munter drauflos geplaudert. F. und D. sind deutlich ruhiger, können unseren Gesprächen leider nur unzureichend folgen. Aber die nette Stimmung bekommen sie natürlich mit und immer mal wieder versuchen wir, auch sie in die Gespräche einzubeziehen. Dazu müssen wir alle ein wenig langsamer und vor allem nicht durcheinander reden. Wäre umgekehrt in Syrien sicher nicht anders.

 

Grundsätzlich ärgere ich mich manchmal, dass D. in seinem Sprachkurs nicht deutlichere Fortschritte macht. Er beklagt sich zum einen darüber, dass Deutsch leider eine sehr komplizierte Sprache ist, zum anderen ist ihm der Unterricht viel zu theoretisch und er glaubt, bei normalen Unterhaltungen mit Nachbarn oder beim Einkaufen hilft ihm das Gelernte zu wenig weiter. Erinnert mich ehrlich gesagt sehr an meine eigene Schulzeit. In Englisch wollte ich immer das lernen, was mir half, Songtexte, die mich interessierten, oder andere Dinge aus meiner direkten Lebenswelt zu übersetzen. Die im Unterricht gelehrte Grammatik interessierte mich herzlich wenig. Leider schlug sich das auch in den Zeugnissen nieder.

 

Heute bin ich ehrlich gesagt froh über viel Theorie. Zwar fehlt mir inzwischen wieder die Sprachpraxis, weil ich mich nun mal selten auf Englisch unterhalte, aber all das, was ich in Englisch strukturell lernte, hat mir nicht zuletzt im Studium weitergeholfen, weil ich ja Deutsch nie systematisch erlernt hatte. Insofern kann ich D. und F. nur immer wieder zureden, sich durch den Stoff zu beißen.

 

 

Apropos beißen, als wir mit dem Essen fertig sind, holt Rainers Bruder Zigarren hervor und bietet uns zur Feier des Tages eine an. Ich verzichte, da ich immer ein wenig Angst habe, nach einer Zigarre auch wieder Lust auf Zigaretten zu bekommen. D. greift aber gerne zu und genießt dann in vollen Zügen. Ich wiederum sehe zu Rainer rüber, der ebenfalls eine pafft und ich glaube, wir beide genießen in diesem Moment, dass der Abend so wunderbar gelaufen ist.

 

Noch schöner wird es als wir nach langem Kampf die Kinder von den Pferden loseisen können und D. auf dem Heimweg noch einmal bekräftigt, wie gut ihm der Abend gefallen hat. Dann aber fügt er noch einen Satz hinzu, der mich nachdenklich macht. „Die Deutschen sind alle so nett.“ Jeder hier würde gleich lächeln, das sei in Syrien anders, sagt er. Ich zucke mit den Schultern, lasse es aber so stehen. Wenn ich mich in den sozialen Medien umsehe oder die Nachrichten im Fernsehen gucke, bekomme ich im Moment einen ganz anderen Eindruck. Ehrlich gesagt habe ich das Gefühl, dass sich unsere Willkommenskultur innerhalb weniger Monate in eine gespaltene Gesellschaft gewandelt hat, in der Parolen in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen sind, die es viele Jahrzehnte davor nicht gab.

 

Überhaupt habe ich uns Deutsche eigentlich nie als besonders freundliches, offenes oder herzliches Völkchen empfunden. Nun halte ich nichts von Verallgemeinerungen, aber mir schien trotzdem der Großteil derer, die mir so auf den Straßen entgegenkommen, eher verkniffen und alles andere als nett. Selbst im eigenen Freundeskreis habe ich einige Leute, bei denen das Glas grundsätzlich halb leer ist und die die Enttäuschung darüber deutlich nach außen tragen.

 

D.s Satz fällt mir nach ein paar Tagen wieder ein. Unser Ministerpräsident ist in der Stadt, macht Wahlkampf und ich darf darüber berichten. In diesem Fall trifft er auf eine Gruppe amerikanischer Austauschschüler, die auch gerade hier weilt. (Sorry, aber der Wortwitz musste sein.) Erst einmal bin ich beeindruckt, dass Stephan Weil erst kurz zuvor erfährt, um was es bei dem Termin geht und dann aber ziemlich elegant auf englisch mit den Jugendlichen über Politik hüben und drüben plaudert.

 

 

Noch mehr beeindruckt mich aber der Inhalt dieser Diskussion, denn die US-Kids beklagen sich mehr als deutlich über die Wahlkämpfe in ihrer Heimat, nicht nur über den jüngsten und dessen Resultat, sondern generell wie die Politik sich dort verkaufe. Dagegen loben sie unsere Politik des Konsens zwischen allen Parteien und loben sogar das Kanzlerduell zwischen Merkel und Schulz. Weiter überrascht mich, was sie grundsätzlich über Deutschland sagen, nämlich: „Die Deutschen sind alle so nett und jeder hier lächelt immer gleich.“ Stephan Weil ist darüber ebenso erstaunt wie ich, freut sich dann aber über diese Außenwahrnehmung.

 

Später denke ich mir, dass auch ich mich einfach freuen sollte. Vielleicht muss ich mein eigenes Bild meiner Heimat noch einmal überdenken. Hier in der Region treffe ich ja tatsächlich meist auf freundliche und aufgeschlossene Menschen. In meinem Job habe ich bis jetzt selten jemanden erlebt, mit dem sich kein nettes Gespräch und daraus dann eben auch ein positiver Pressetext ergeben hat.

 

Möglicherweise haben wir uns ja auch verändert und sind gar nicht mehr die unfreundlichen Deutschen, die wir vielleicht einmal waren. Von Ausnahmen einmal abgesehen. Aber ein Volk kann sich ja durchaus auch ändern oder wird sogar logischerweise durch die sich wandelnde Welt verändert. Seit der Zeit des Wirtschaftswunders als viele nur rücksichtslos nach vorne strebten, hat sich viel verändert. Einiges sicher zum Negativen, aber manches vielleicht auch positiv. Zumindest würde ich mich drüber freuen, wenn es so ist und sich unterm Strich nicht nur die Hassparolen, sondern auch unsere Herzlichkeit vermehrt haben.

 

Religiöse Rituale am offenen Feuer

Land des Lächelns - Teil 1

 

Wir sind bei Rainers Bruder zum Grillen eingeladen. Nicht nur wir, sondern auch D. und F. und die Kinder. Nach der Arie mit der Lampe wollten er und seine Frau sich ja schon immer noch mehr einbringen und boten uns immer Hilfe an, wenn wir welche bräuchten. Jetzt aber geht es nicht nur um Hilfe, sondern um echtes Familienleben, und das finde ich schon beeindruckend. Onkel und Tanten mit ihren Kindern werden da sein und eben auch wir, sozusagen ebenfalls als Familie. Mehr Integration geht nicht, vor allem, weil es ja kaum etwas deutscheres gibt als Grillen.

 

Erst nach der ersten Freude fällt uns auf, dass gerade das typisch deutsche für viele fast schon religiöse Züge tragende Ritual des Grillens durchaus kulturelle Unterschiede zutage fördert. „Hast du eigentlich dran gedacht, dass F. und D. kein Schweinefleisch essen?“, fragt mich Rainer unvorbereitet. „Ja, okay, dann besorge ich eben noch Geflügelfleisch...“ Auf die Antwort grinst er nur. „Du weißt aber schon, dass mein Bruder nur einen Grill hat und dass das muslimische Putensteak streng genommen nicht auf dem gleichen Rost wie das deutsche Schweinekotelett zubereitet werden darf?“

 

Mist, daran hab ich natürlich nicht gedacht. Heißt das jetzt, wir müssen einen zweiten Grill kaufen und den neben dem Familiengrill aufbauen? Und hat das dann noch was mit vorbildlicher Integration zu tun? Rainer bezweifelt jedenfalls, dass alle Verwandten das einfach mit einem Lächeln es als ebenso selbstverständlich erachten wie wir. Nach kurzem Grübeln machen wir es wie immer, pfeifen auf politische Korrektheit und erklären D. einfach, dass wir zum Grillen eingeladen sind und dass da nun mal auch Fleisch auf dem Grill landet, das nicht halal ist. Er freut sich so sehr über die Einladung, dass er umgehend meint, es wäre doch überhaupt kein Problem, immerhin seien wir in Deutschland und nicht in Syrien und hier werde eben anders gegrillt als in seiner alten Heimat.

 

 

Es ist nicht das erste Mal, dass ich froh bin, wie gelassen er mit religiösen Vorschriften umgeht. Andererseits kann ich seine Einstellung absolut nachvollziehen, denn auch ich würde mich in einem fremden Land so weit und so gut wie möglich anzupassen versuchen. Eigene Verhaltensweisen aufzugeben, gehört wohl dazu und vielleicht fällt das auch leichter, wenn man merkt, dass andere ebenso große Schritte auf dich zu machen. Bei bestimmten religiösen Überzeugungen wäre für mich trotzdem Schluss und ganz sicher auch bei so manchen kulinarischen Herausforderungen.

 

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf kaufe ich schließlich ein, Putensteaks und Hähnchen-Grillspieße, aber auch Maiskolben und Grillkäse. Man kann ja nie wissen. Zugegeben, ein wenig nervös bin ich ja doch. Zum einen möchte ich, dass sich F., D. und die Kinder herzlich aufgenommen fühlen, ohne dass es krampfig wird, zum anderen möchte ich natürlich auch einen guten Eindruck hinterlassen, im besten Fall eben die Erkenntnis, dass neue Mitbürger eine Bereicherung sind.

 

Letzteres merke ich auch D. und insbesondere F. an als wir schließlich vor Rainers versammelter Verwandtschaft stehen. F. ist nervös und das liegt meiner Meinung nach nicht nur an der Sprache. Sie hat die Kinder immer im Blick, ansonsten aber ist sie äußerst zurückhaltend und scheint noch zu überlegen, wie sie sich wohl verhalten muss bei einem deutschen Grillabend. D. ist etwas freier und hilft gleich mit, ausreichend Stühle um den Gartentisch zu stellen. Am leichtesten fällt es natürlich den Kindern. Die Mädchen laufen sofort mit den etwas älteren Töchtern von Rainers Cousin oder so herum und M. immer hinterher.

 

 

Zwischendurch fällt mir auf, dass auch ich außer Rainers Bruder und dessen Frau niemanden so richtig kenne, nicht weiß, wie sie ticken oder über was wir uns heute unterhalten könnten. Allerdings habe ich weder eine sprachliche, noch eine kulturelle Barriere, die es zu überwinden gilt, die einzigen Regeln, die ich mir bei solchen Festen auferlege lauten: keine Politik und vor allem auf keinen Fall keine Tipps zum besseren Grillen!

 

Eigentlich hätte ich D. und F. noch viel deutlicher machen müssen, dass Grillen in Deutschland fast schon einem strengen religiösen Ritual gleicht und dass daran schon Freundschaften und Ehen zerbrochen sind, bloß weil einer dem anderen sagte, er solle eine Aluschale unter das Fleisch legen oder eben nicht. Grillen ist typisch deutsch, die einzige Gelegenheit, bei der sich deutsche Männer freiwillig eine Schürze umbinden – vorzugsweise eine mit witzigem Spruch drauf. Auf jeden Fall aber sollte niemand demjenigen, der am Grill steht, ins Handwerk pfuschen, es sei denn, er möchte selbst mit dem Gesicht voran in der Holzkohle landen.

 

Da F. und D. von alldem aber nichts wissen, halten sie sich ohnehin raus und beobachten gespannt, was der Abend noch bringt. Die Kinder sind inzwischen längst verschwunden, denn auf der Weide neben dem Haus gibt es Pferde und die sind ohnehin viel spannender als wir Erwachsenen. Die Sprachschwierigkeiten gibt es bei unseren drei Süßen ja ohnehin kaum noch, doch gemeinsam vor Tieren auf einer Wiese zu stehen und sie mit einem Büschel Gras in der Hand anzulocken, bedarf sowieso keiner weiteren Worte.

 

Fortsetzung folgt...

 

 

 

Nachbarschaftshilfe groß geschrieben

Unterkunft in der Not - Teil 2

 

Kurz darauf war es dann soweit und unser Landkreis musste eine Unterkunft für wenig später ankommende Flüchtlinge bereitstellen. Nun erfordert es ohnehin nicht eben wenig Aufwand, eine Sporthalle einigermaßen wohnlich zu gestalten. Na gut, wohnlich war nie wirklich ein Kriterium. Aber zumindest sollten etwa 100 Menschen dort übernachten, sich waschen, essen und irgendwie leben können.

 

Als Journalist hatte ich das Glück, dabei sein zu dürfen und diese Verwandlung mit anzusehen und zu dokumentieren. Am frühen Vormittag rückten Kräfte der Feuerwehr, des DRK und des THW an, dazu einige spontane Helfer und natürlich der obligatorische Einsatzstab. Großer Bahnhof nennt man das wohl umgangssprachlich und genau das war es auch. Innerhalb weniger Stunden wurden Bauzäune angeliefert, um die Halle in kleinere Parzellen abzuteilen. Außerdem kam eine Lkw-Ladung mit Feldbetten und Bettzeug, dazu notwendige Hygieneprodukte für jeden einzelnen.

 

Die Helfer machten sich daran, die Bauzäune aufzustellen – doch es muss unbedingt noch Plane besorgt werden, denn um ein Minimum an Intimsphäre zu wahren, wollten die Trennwände doch wenigstens blickdicht sein. Im Fernsehen gibt es immer wieder Sketche, wie jemand am Aufbau eines Liegestuhls verzweifelt – mit Feldbetten ist das nicht anders. Die Hygieneartikel waren da, doch natürlich in riesigen Kartons.

 

 

Einige machten sich umgehend daran, Tüten mit Duschgel, Zahnpasta, Zahnbürste und so weiter für jeden der Ankommenden zu packen. Andere kontaktierten eine Firma, die auf die Schnelle Planen für die Bauzäune liefern konnte, wieder andere organisierten bei einer anderen Firma schnell noch Mülleimer und Handfeger für jede Parzelle, denn alles andere würde nach wenigen Tagen pures Chaos bedeuten. Und wieder andere hatten endlich den Dreh mit den Feldbetten raus und erklärten den Umstehenden, wie diese dann doch aufgebaut werden konnten, ohne dass die bei der leichtesten Berührung wieder zusammenbrachen.

 

Von der Tribüne aus gesehen ging es zu wie in einem Ameisenhaufen, ebenso hektisch, aber auch ebenso wundersam organisiert. Ehrlich gesagt konnte ich an diesem Tag nur staunen, wie gut hier jeder mit jedem zusammenarbeitete und wie effektiv eine solche Aktion wirklich ablaufen kann. Und wenn gar nichts mehr ging, wurde Rat beim Hausmeister eingeholt, der über jede Steckdose, jeden Wasseranschluss und auch sonst über alles in seiner Halle Bescheid wusste und beinahe den Eindruck vermittelte als habe er sowas schon hundertmal gemacht.

 

Am Nachmittag gab es dann im vorderen Viertel eine Art Gemeinschaftsraum mit Tischen, Kaffeemaschine und einer Theke für die tägliche Essensausgabe, dahinter eine freie Fläche, auf der vor allem die Kinder Platz zum spielen haben sollten und wo sogar das DRK noch einen Geräteraum frei hatte, den sie als Kleiderkammer einrichteten. Die hintere Hälfte waren sozusagen die Schlafräume, für die auch über die gesamte Zeit den Helfern nur in dringenden Fällen der Zugang gestattet werden sollte.

 

 

Auch als der Bus mit den ersten Flüchtlingen ankam, durfte ich noch mit dabei sein. Angeblich kam der direkt aus Passau, war also einmal quer durch die Republik gefahren, was man den Aussteigenden leider auch ansehen konnte. Viele von ihnen wirkten extrem eingeschüchtert, verstanden kaum, was mit ihnen passierte. Nur die Kinder waren erst einmal froh, sich endlich wieder bewegen zu können und rannten überall herum. Erstaunlicherweise lief auch das „Einchecken“ völlig problemlos ab und ging deutlich zügiger als ich erwartet hatte.

 

In den nächsten Tagen fragte ich immer mal wieder an, ob ich aus der Halle berichten durfte und ob es Neuigkeiten gab. Immer wieder bekam ich zu hören, wie viele Bürger sich in die bereitliegenden Helferlisten eingetragen hatten. Tatsächlich wuchs hier in diesen Wochen etwas zusammen, es wurden ganz deutlich die Wege für eine Integration geebnet und es entstanden sogar Freundschaften. Schließlich gab es ja einige Monate später als Rainer und ich uns schon längst um „unsere“ Familie kümmerten die große Wiedersehensparty, zu der wir gingen und auf der wir erlebten, wie schön ein ehrliches Miteinander und ein Willkommen aussehen konnte.

 

Das, was ich hier erlebte, die Hilfsbereitschaft und die nachhaltige Kraft, die ein solches Willkommen haben kann, machte mir unglaublich viel Mut. „Als die Kanzlerin vollmundig versprach: „Wir können das schaffen!“, muss sie die Osteroder Hilfskräfte vor Augen gehabt haben“, schrieb ich in einem meiner Pressetexte. Und genau für diese Texte bekam ich irgendwann von einem der Zuständigen beim Landkreis sogar ein Lob, als er nämlich sagte, es seien auch solche Berichte, die Wege ebnen und es Kritikern schwerer machen, haltlose Bedenken in die Welt zu setzen.

 

Willkommen in der Nachbarschaft

Unterkunft in der Not - Teil 1

 

Es verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Bis zu 100 Flüchtlinge sollten in den nächsten Wochen in die Sporthalle einziehen. Überraschend kam die Nachricht jedoch nicht. Wenige Wochen, nachdem klar war, dass Til Schweiger seine Flüchtlingsunterkunft nicht bei uns eröffnen würde, erbat das Land überall von den Kommunen Amtshilfe und es wurden in aller Eile Notunterkünfte eingerichtet. Kein Wunder, denn die bisherigen Erstaufnahmestellen reichten schon lange nicht mehr aus.

 

Was mich allerdings ärgerte war zum einen die Selbstverständlichkeit, mit der Politiker die Situation als eine plötzlich über uns hereinbrechende Herausforderung darstellten und zum anderen die Berichterstattung in den Medien, die anfangs geradezu himmelhoch jauchzend über die große Hilfsbereitschaft der Deutschen berichtete, um nur wenige Monate später einen völlig anderen Tenor anzuschlagen.

 

Zugegeben, die große Hilfsbereitschaft war da. Allerdings war sie auch nicht so flächendeckend und überbordend wie manche Journalistenkollegen es darstellten. Das bekam ich direkt bei mir in der Nachbarschaft mit, denn besagte Sporthalle, die zur Notunterkunft werden sollte, liegt direkt bei mir um die Ecke und ich parke meist mein Auto auf dem dazugehörigen Parkplatz.

 

„Hast du schön gehört...“, raunten sich die Nachbarn zu, meist erst einmal abwartend, wie sich das Gegenüber dann zum Thema Flüchtlinge äußert. So richtig hatte sich am Anfang noch kein Meinung durchgesetzt und viele waren erst einmal abwartend. Irgendwann hörte ich dann nur eine Nachbarin zur anderen sagen: „Na, wenn die jetzt alle kommen... also ich habe jedenfalls schon mal einen Knüppel hinter die Tür gestellt.“

 

 

Dann verbreitete sich das Gerücht, der Landkreis habe von alldem nichts gewusst und müsse die Sporthalle nun in aller Eile zweckentfremden und vor allem den Schulen und Vereinen verbieten, dort ihren Sportunterricht bzw. ihr Training zu machen. Gut, wenn in einer Halle Feldbetten aufgebaut werden, weil dort Menschen übernachten sollen, lässt sich nur schwer Fußball spielen. Dennoch missfiel mir von Anfang an der Unterton, mit dem diese Geschichte weitererzählt wurde. Und eine völlige Überraschung der Verantwortlichen beim Landkreis legte ja angesichts zahlreicher Notunterkünfte in Nachbarlandkreisen die Vermutung nahe, wir leben hier hinterm Mond.

 

Noch einen Tag später sprach mich dann eine Nachbarin direkt an, ob ich denn als Journalist nicht schon Genaueres wisse. Wusste ich nicht. Sie offenbar schon. „Das sind ja auch alles junge Männer und die vergewaltigen ja auch so viele Frauen“, informierte sie mich. Okay, das wusste ich als Journalist allerdings tatsächlich noch nicht. „Jedenfalls hab ich Angst und werde in den nächsten Wochen bestimmt nicht mehr alleine rausgehen“, setzte sie noch hinzu.

 

Es klingt fies und ist politisch absolut unkorrekt. Doch in diesem Augenblick konnte ich es mir nicht verkneifen, an ihrem nicht eben schlanken, dafür aber in einen engen knallbunten Jogginganzug gepressten Körper herunterzugucken und zu denken: „Mädel, wenn sich jemand diese Sorge nicht machen muss, dann du.“

 

 

Zum Glück konnte ich mir zumindest verkneifen, es laut auszusprechen. Dafür setzte ich mich daraufhin sofort an den Computer und schrieb einen Presseartikel mit dem sehr persönlichen Titel „Wir bekommen neue Nachbarn“. Darin rollte ich das Thema sehr persönlich auf und informierte nicht nur über die Sachlage, sondern auch über das, was ich von den Anwohnern mitbekam. „Einige waren skeptisch, was es für uns bedeutet, manche plapperten all jene Parolen nach, die sie irgendwo aufgeschnappt hatten“, schrieb ich. „Viel Angst vor dem Fremden schwang da mit.“

 

Allerdings auch, dass ich mir stattdessen viel mehr Angst um die Menschen machte, die da kommen sollten. Würden die in einer Turnhalle menschenwürdig untergebracht sein? Wie lange konnte man das jemandem zumuten, der gerade vor dem Krieg geflohen war und vielleicht nahe Menschen zurückgelassen hatte? Dass ich mich all das wirklich fragte, wurde mir so richtig eigentlich erst in dem Moment bewusst als ich den Text verfasste. Daher hieß es dann weiter: „Jetzt werden einige Flüchtlinge nebenan leben. Bin ich da nicht gefordert, Hilfe zu leisten? Schritte auf sie zuzugehen? Ihnen beim Start in der Fremde Wege aufzuzeigen? Zumindest habe ich einmal gelernt, dass man sich Menschen und erst recht Nachbarn gegenüber so verhält. Offen auf jeden zugehen, einander kennenlernen, vielleicht zu Freunden werden. So sollte es doch sein, oder nicht?“

 

Tatsächlich war das die Zeit, in der ich mir zum ersten Mal Gedanken darüber machte, wie ich selbst helfen könnte. Nicht nur durch gutgemeinte Pressetexte, sondern mit tatkräftiger Unterstützung an Ecken und Enden, wo es dringend nötig ist. Wie so vieles schob ich den Impuls, endlich aktiv zu werden allerdings auch dann noch weiter hinaus. Bis schließlich Rainer mich fragte, ob wir uns nicht um eine Flüchtlingsfamilie kümmern wollen. Aber das ist jetzt gar nicht die Geschichte, die ich erzählen wollte.

 

 

 

Fortsetzung folgt...

 

Eine Zeitmaschine für Erwachsene

Heaven is a Place on Earth - Teil 2

 

Wir fünf Erwachsenen setzen uns an einen Tisch, holen uns erst einmal Kaffee und freuen uns auf einen entspannten Nachmittag. Der dauert allerdings nicht allzu lange. In einer Ecke gibt es eine Bahn mit Trikes, in die allerdings ein Euro gesteckt werden muss, damit sie fahren. Sowas kennen sie vom Autoscooter auf dem letzten Jahrmarkt und betteln natürlich, dass sie damit fahren dürfen.

 

Nach dem einen oder anderen Euro ermutigen wir sie, doch auch mal die anderen Sachen auszuprobieren, mit eher mäßigem Erfolg. Erst später wird mir klar, dass sie bei vielen Dingen einfach nicht wissen, wie sie es handhaben müssen. Die Rutschen sind ziemlich einfach. Der Bällepool vor allem für M. ein Riesenspaß, vor allem, wenn er drin sitzt, einen Ball nach dem anderen quer durch die Halle wirft und sich freut, wenn Monika und ich hinterherlaufen, um sie wieder einzusammeln. Doch schon beim überdimensionierten Vier gewinnt stehen sie rastlos davor und wissen nicht, wozu man die großen Plastikplättchen in das durchlöcherte Gestell stecken muss. Auch Spielen will eben gelernt sein, stelle ich fest, und was für uns selbstverständlich ist, gibt es vielleicht anderswo einfach nicht.

 

 

So dauert es nicht lange, bis auch wir überall herumklettern, vieles mitmachen, Hilfestellungen geben und immer wieder bewundernd zum Ausdruck bringen, was die Kinder schon alles können. Tatsächlich macht es mir schon bald mehr Spaß als Kaffeetrinken und langsam kommt das innere Kind in mir zum Vorschein. Was hätte ich drum gegeben, wenn es für uns früher ein solches Spielparadies gegeben hätte.

 

Damals tat es allerdings auch der Spielplatz im nahegelegenen Wald mit Rutsche, Schaukel und Wippe. Immerhin gehörten wir ja noch zu jener Generation, die im Sommer den ganzen Tag draußen war, auf Bäume kletterte, auch mal runter fiel, ohne dass es gleich ein Beinbruch war und sich ohne ständige Aufsicht der Eltern oder elektronischer Spielgefährten beschäftigen konnte.

 

Ich glaube, in den Sommerferien bekamen unsere Eltern uns manchmal sechs Wochen lang kaum zu Gesicht und uns reichte diese Freiheit vollkommen aus. Natürlich war es auch toll, abends das große Playmobil-Piratenschiff mit in die Badewanne zu nehmen und danach noch „Wetten Dass“ gucken zu dürfen, doch ich glaube, dass wir tatsächlich eine Generation war, die ihre Spiele noch deutlich mehr aus der eigenen Fantasie heraus entwickelte.

 

Jetzt merke ich, dass die drei bei vielem hier im ersten Moment gar nicht genau wissen, was sie mit den Möglichkeiten anfangen sollen. Das mag daran liegen, dass hallenfüllende Klettergerüste aus buntem und überall gepolsterten Plastik in Syrien eher selten sind, vielleicht aber auch doch an von anderen vorgegebener Fantasie aus dem Kinderfernsehen, die eben einfach keinerlei Kreativität erfordert.

 

 

Nach und nach zeigen wir den Dreien, was sie alles nutzen können und tatsächlich probieren sie mehr und mehr aus. M. ist ganz aufgeregt und will uns unbedingt die Rutsche zeigen, auf die er sich ganz allein hinauf und auch wieder runter getraut hat. D. und ich müssen dann beweisen, das wir uns das auch trauen. Als nächstes fragt S., was das für seltsame Platten mit Netz in der Mitte sind. Rainer leiht dann auch gleich mal Tischtennisschläger aus und weiht sie in die Geheimnisse dieses Sports ein. Wenige Minuten später steht A. vor uns, möchte gerne auf Trampolin, traut sich aber alleine nicht.

 

Mit mehr und mehr Begeisterung machen wir alles mit, haben unseren Kaffee längst vergessen und toben bald schon ebenso ausgelassen wie die Kinder. Als S. mir dann plötzlich zuruft „Der Boden ist Lava!“ merke ich, dass heutige Kinder eben doch ziemlich schnell Fantasie entwickeln, wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt. Die Fantasie, sich vorzustellen, wie ich daraufhin mit ihr über die Gerüste klettere, mich durch enge Röhren zwänge und am Ende tatsächlich in einer Röhrenrutsche steckenbleibe, wünsche ich allerdings niemandem.

 

Die Zeit verfliegt an diesem Nachmittag wie im Flug und als wir schließlich zum Aufbruch blasen, meckern die Kinder auch nur ganz kurz darüber. Kaum sitzen wir im Auto, fallen ihnen die Augen zu, so sehr haben sie sich ausgetobt. Uns macht das ebenso glücklich wie ein paar Tage später die Mail vom Paritätischen, in der uns mitgeteilt wird, dass sämtliche Kosten aus dem Spendentopf zurückgezahlt werden. Im ersten Moment erscheint mir das geradezu unfassbar, doch dann muss ich zugeben, dass es kaum bessere Investitionen gibt als in das Glück von Kindern, die sich das nach teils traumatischen Erfahrungen in der alten Heimat und auf der Flucht ganz unabhängig von allen politischen Standpunkten und Konflikten der Erwachsenen einfach verdient haben.

 

Ein Paradies für Kinder

Heaven is a Place on Earth - Teil 1

 

Manchmal ist es so einfach. Beim Einkaufen entdecke ich zufällig Stoffbälle mit Smiley-Gesichtern drauf und nehme einfach mal drei mit. Zwar bin ich fest davon überzeugt, dass die Kinder sich streiten werden, wer welche Farbe bekommt, aber da kein Rosa dabei ist, könnte es sein, dass die Mädchen sich nicht die Köpfe abreißen. Und wenn doch, dann haben sie ja immerhin einen Smileyball, den sie sich stattdessen auf den Hals setzen können.

 

„Was ist in der Tüte?“, fragt S. als sie mir die Tür öffnet. Schon als ich das erste Mal irgendetwas für die Kinder in einer Tüte mitgebracht hatte, war ich total erstaunt, dass sie meine Antwort: „Das zeige ich euch erst später“ so einfach akzeptierten. Während es mit F. und D. irgendetwas zu klären gab und die Kinder sich langweilten, stand die Tüte die ganze Zeit im Flur herum, aber keines der Kinder hatte sie heimlich ausgepackt. Und auch jetzt begrüßen die drei mich erst einmal mit einer Umarmung und erzählen, was es im Kindergarten so Neues gibt, ohne dabei zu quengeln.

 

Allerdings spanne ich sie auch nicht lange auf die Folter und packe die weichen Bälle aus, mit denen ich sie gleich mal bewerfe. Sofort geht das wilde Spiel durchs Wohnzimmer los und es dauert eine ganze Weile, bis S. ihrer Schwester gegenüber deutlich macht, dass der gelbe Ball ihrer ist. A. mag den grünen aber ohnehin viel lieber und M. gibt sich mit dem blauen zufrieden. So weit, so gut.

 

Viel spannender wird es allerdings als D. dazukommt, A. im Vorbeigehen den Ball wegnimmt und ihn mit einem geschickten Wurf in der immer noch auf dem Tisch stehenden Papiertüte versenkt. Kein Gezeter, kein Streit, sondern sofortige Begeisterung. „Papa halt die Tüte mal hoch!“, fordern die Kinder und sofort spielen wir eine Runde Basketball. Danach halte ich die Tüte, F. kommt dazu und es geht weiter.

 

 

Da heißt es immer, Kinder könnten sich heute nicht mehr beschäftigen und kämen nicht mehr ohne elektronisches Spielzeug aus. Wer setzt solche Lügen in die Welt? Mit Enthusiasmus und ein bisschen Fantasie sind Kinder so leicht zu begeistern, und sei es für eine alte Papiertüte. Ich glaube, wichtig ist bloß, dass wir ihnen genug Raum zum Spielen bieten und ihre Bedürfnisse ernst nehmen.

 

Um genau die, die Bedürfnisse der Kinder, ging es Rainer und mir auch als wir unseren Plan ausgeheckt haben. „In letzter Zeit habe ich das Gefühl, wir füllen nur noch Formulare aus und regeln alles, was nötig ist“, sagte er neulich zu mir, „und eigentlich habe ich mir das ein wenig anders vorgestellt.“ Geht mir ganz genauso. All der Papierkram ist zwar wichtig und ich weiß immer noch nicht, wie das Familien schaffen, die niemanden um Hilfe bitten können, aber eigentlich wollen wir unseren Fünfen mehr bieten als nur Unterstützung im deutschen Bürokratiedschungel.

 

„In Bad Sachsa gibt es einen Indoor-Spielplatz“, fiel mir irgendwann ein. Rainer war sofort begeistert, wir beschlossen, ein Wochenende abzuwarten, wenn Monika herkommt und dann alle gemeinsam dorthin zu fahren. Der Termin wurde gemacht, D. und F. verrieten wir nicht, worum es ging und sagten nur, es werde eine Überraschung für die Kinder. Eine Überraschung für ich war es als Rainer mir dann vor zwei Tagen sagte, wir könnten für solche Aktionen beim Paritätischen Unterstützung beantragen. Dort gäbe es nämlich einen Fördertopf für Freizeitaktionen, die Paten mit ihren Flüchtlingsfamilien machen.

 

 

Heute war es nun also soweit und als Monika und Rainer ankamen, verteilten wir die Kinder und uns Erwachsene auf unsere zwei Autos und fuhren los. Kaum waren wir aus der Stadt raus, fing S. auf dem Rücksitz an zu quengeln. Meine Musik stört sie, ob es denn noch lange dauert und warum wir denn langsamer fahren als Rainer und Monika. Im Falle der Musik muss ich ihr zustimmen. Meine CD von Unzucht ist noch im Player und Dark Rock ist vielleicht wirklich nicht das, was man auf der Fahrt ins Kinderparadies hören sollte. Die Bollywood-CD kommt deutlich besser bei ihr an, vor allem, weil ich kurz darauf etwas Gas gebe und Rainer überhole.

 

Da verkürzt sich die Fahrtzeit von ganz allein und kurz darauf halten wir auch schon im Parkdeck, suchen den Eingang und stehen nach ein paar Schritten vor einer Welt aus Klettergerüsten, Rutschen, Trampolinen und anderen Gerätschaften, die die Kinder sofort magisch anziehen. „Könnten Sie erst noch die Schuhe ausziehen“, werden wir von der netten jungen Dame am Empfang noch gebeten, dann stürmen S., A. und M. auch schon los. Wir Erwachsenen setzen uns an einen der Tische, bestellen erst einmal Kaffee und freuen uns auf einen entspannten Nachmittag.

 

Erst einmal geht das auch gut. Die Kinder toben wir alle anderen auch, die Halle ist überschaubar groß und auf dem Boden größtenteils mit weichen Matten ausgestattet und unser Tisch so zentral, dass wir unsere Wirbelwinde im Blick haben, wenn sie oben in die Röhrenrutsche hinein- und unten wieder herausklettern. Alles super, fast so einfach wie Kinder vor dem Fernseher zu parken. Denken wir jedenfalls. Und es stimmt auch. Zumindest für die erste Viertelstunde.

 

Fortsetzung folgt...

 

 

 

Verliebt, verlobt, verheiratet

Leben in unterschiedlichen Welten - Teil 2

 

Irgendwann ein paar Tage später als wir F. und D. besuchen, läuft im Fernsehen mal nicht das übliche Cartoonprogramm der Kinder. Auch, wenn wir uns längst haben belehren lassen, dass Kinder auf diese Weise ja angeblich am besten Deutsch lernen, und auch, wenn ich Tom & Jerry sowie einigen Animeserien durchaus selbst etwas abgewinnen kann, nervt es uns immer noch kolossal, dass die Glotze anscheinend dauerhaft läuft. Diesmal jedoch keine Cartoons, sondern das Video einer arabischen Hochzeit.

 

D. bittet uns, eine Weile mitzuschauen, denn die großen und teuren Hochzeiten sind nun mal ein wichtiger Bestandteil seiner Kultur und gerade in diesem Moment offenbar auch eine wichtige Erinnerung an die Heimat. Tatsächlich lasse ich mich von dem schicken Ambiente, der tollen Musik und den ausgelassenen Menschen im Video sofort mitreißen. Es sind wohl Aufnahmen von der Hochzeit des Freundes eines seiner Cousins oder noch weiter verzweigte Verwandtschaft, für mich aber kaum weniger opulent als so manche Szene aus einem Bollywood-Blockbuster.

 

Alle tanzen in großen Kreisen als folgten sie einer mir unbekannten Choreografie, es wirkt aufeinander abgestimmt und eben wie der Tanz einer großen zusammengehörenden Hochzeitsgesellschaft. Auch das ist meiner Meinung nach ein Unterschied zu uns, denn wenn ich tanze, dann war das meist für mich allein in einer Disco. Dabei konzentrierte ich mich dann auf Beats und Melodien und blendete die anderen Leute oft sogar völlig aus. Und selbst auf hiesigen Hochzeiten gibt es doch allerhöchstens Paartänze, aber es kommt so gut wie nie dieses intensive Gemeinschaftsgefühl auf.

 

 

„Also den ganzen Tag könnte ich mir das Gedudel nicht anhören“, raunt Rainer mir zu, „irgendwie klingt das alles gleich und nervt auf Dauer.“ Mir geht es da völlig anders und ich bekomme sogar Lust zu tanzen. F. und D. bemerken das, freuen sich offenbar darüber und irgendwann stellt er fest: „Du musst auch endlich heiraten.“ Es ist nicht das erste Mal, dass die beiden mir das sagen, im Spaß haben sie sogar schon arrangiert, dass ich eine Cousine heiraten soll, wenn die denn eines Tages nach Deutschland kommen sollte.

 

Dass ein erwachsener Mann nicht verheiratet ist, ist für sie vielleicht nicht gerade unvorstellbar, wohl aber ein Makel, ein Unglück oder irgendetwas dazwischen. Die Familie ist das absolut Größte Glück auf Erden. Dem stimme ich ja auch zu, vor allem, wenn ich diese Rasselbande erlebe und mir im Moment kaum etwas Erfüllenderes vorstellen kann als ihnen deutsche Besonderheiten zu erklären und dabei manches zu hinterfragen, was uns so selbstverständlich erscheint.

 

Trotzdem bin ich im Moment aber auch gerne Single und weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich D. und F. das plausibel machen soll. Oft ist es ja schon schwer genug, verheirateten Freunden zu erklären, warum ich nicht verzweifle oder meine Oma zu überzeugen, dass ich weder schwul noch selbstmordgefährdet bin. Schwul zu sein wäre manchmal vielleicht eine Erklärung, die eher akzeptiert würde als meine Beteuerung, dass mir im Moment eigentlich nichts fehlt. Leider bin ich nicht schwul, sondern wohl einfach nur jemand, der kein Problem mit dem Alleinsein hat.

 

„Ich hatte ja mal eine Familie“, erläutere ich, „acht Jahre war ich mit einer Frau zusammen, die zwei Kinder hatte. Wir waren zwar nicht verheiratet, aber in Deutschland muss man nicht unbedingt verheiratet sein.“ Für F. und D. ist das ganz offensichtlich schwer nachvollziehbar. Hier unterscheiden sich unsere Kulturen dann eben doch sehr deutlich. Oder eigentlich nicht die Kulturen, sondern vielmehr die Gesellschaften. Unsere hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr viele Freiheiten erkämpft, sehr viel Individualität und dabei viele Traditionen über Bord geworfen.

 

Dabei ist es meiner Meinung nach noch gar nicht so lange her, dass auch bei uns vieles anders war, die Menschen gänzlich anders dachten und vieles, was uns damals unvorstellbar erschien, mittlerweile an der Tagesordnung ist. Zum Beispiel eben die wilde Ehe, die gleichgeschlechtliche Ehe (okay, das ist noch nicht so lange normal und da gibt es leider noch viele, die – neutral ausgedrückt – sehr traditionell denken) oder eben gar keine Ehe. Der unverheiratete Onkel war auch in deutschen Familien noch vor gar nicht allzu langer Zeit jemand, der zumindest bemitleidenswert ist.

 

Überhaupt wird mir in den letzten Monaten häufig sehr deutlich bewusst, welchen Wandel unsere Gesellschaft in den letzten hundert Jahren durchlaufen hat. Vielleicht unterscheidet sich unsere Welt ja gar nicht so sehr von der arabischen, vielleicht ist es nur, dass wir die Freiheit des Einzelnen als höchstes Gut auserkoren haben und uns vielmehr daran orientieren als an religiösen Traditionen. Und letztlich muss ich das erst einmal sehr wertfrei feststellen, denn nicht jede Abkehr von Religion und Tradition muss auch positiv sein.

 

 

Wieder ein paar Tage später bestimmen wieder die Kinder das Fernsehprogramm. Es läuft allerdings keine der üblichen Trickfilmserien, sondern eine Sendung über das Leben von Kindern in Südamerika. Gezeigt wird ein Junge aus einer ärmeren Gegend Brasiliens, der als Schuhputzer auf den Straßen São Paulos unterwegs ist, um Geld für seine Familie zu verdienen, die anders nicht über die Runden kommt.

 

„Viele Kurden in Syrien müssen das auch“, erzählt uns D. Auch er habe früh arbeiten müssen. Immerhin ist er der einzige Sohn in der Familie und da seine Schwestern nun mal nicht arbeiten durften, musste er schon immer zum Unterhalt beitragen. „So lange ist es noch gar nicht her, dass es das auch in Deutschland gab“, sage ich nachdenklich. Heute ist es für viele unvorstellbar, aber ich glaube vor hundert Jahren gehörten Schuhputzer auch in unseren Städten noch zum alltäglichen Straßenbild.

 

Mir wird wieder einmal bewusst, wie gut ich es eigentlich habe, welches Glück es ist, dass ich in dieser Zeit in diesem Land geboren wurde. Kein Verdienst, keine Leistung, sondern einfach ein glücklicher Umstand, zu dem ich nichts beigetragen habe. Als ich in F.s, D.s und auch in die nachdenklichen Gesichter schaue, habe ich den Eindruck, dass auch sie gerade sehr dankbar dafür sind, jetzt hier in dieser manchmal noch etwas fremden, doch friedlichen und weitgehend sicheren Gegend der Welt angekommen sind.

 

Ja? Nein? Vielleicht?

Leben in unterschiedlichen Welten - Teil 1

 

Wieder einmal gilt es, Formulare auszufüllen. Diesmal geht es erneut um den Asylantrag, und zwar acht engbedruckte Seiten lang. In einem Brief wurden D. und F. aufgefordert, all die Fragen zu persönlichen Daten, zu ihren Fluchtgründen und vor allem zu genau der Form von Asyl, die sie hier beantragen, ausführlich zu beantworten.

 

Die beiden sind damit natürlich vollkommen überfordert und haben Rainer und mich daher um Hilfe gebeten. Dass wir mit dem Bürokratenchinesisch genauso überfordert sind wie die beiden, konnten sie ja nicht ahnen. Sie gehen offenbar davon aus, dass in Deutschland auch Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller den ganzen Tag nichts anderes tun als Formulare auszufüllen.

 

„In Syrien gibt es nicht so viel Papier“, stellt D. wieder einmal fest. Dort gehe man zum Amt, sage, was man will, legt ein paar Scheine auf den Tisch und bekommt dann das Geforderte. Nun bin ich natürlich gegen jede Form der Korruption und kann das nicht gutheißen, aber wenn ich überlege, wie viele Anträge wir in den letzten Monaten schon ausgefüllt haben, kommen mir Zweifel, ob das nicht auch unter Folter fällt und damit gegen die Menschenrechte verstößt.

 

 

Wenn ich genauer darüber nachdenke, scheinen wir Deutschen unsere Formulare aber tatsächlich zu lieben. Dazu brauche ich mich nur an meine Schulzeit zurück zu erinnern. Damals, in der fünften Klasse bekam ich erstmals ein Formular, auf dem ich etwas ankreuzen musste, was dann – zumindest aus damaliger Sicht – weitreichende Folgen für mein ganz persönliches Leben hatte.

 

Es war nämlich so, dass Tina (oder wie immer sie hieß), mir in der großen Pause einen Zettel zusteckte, auf dem die berühmte Frage stand: „Willst du mit mir gehen? Kreuze an: Ja, Nein, Vielleicht.“ Wenn ich es mir recht überlege, saß ich damals genauso lange vor diesem Zettel wie jetzt vor dem Formular zum Asylantrag für F. und D. Welche Auswirkungen hat es, wenn ich mein Kreuz hier oder dort mache? Tue ich das Richtige? Reißt mir jemand den Kopf ab, wenn ich das Falsche ankreuze?

 

Nun bin ich inzwischen etwas selbstbewusster als damals. Ehrlich gesagt war ich damals ein ziemlicher Schisser und steckte den Zettel erst einmal zwei Tage in den Schulranzen, bevor ich endlich meinen besten Freund um Rat fragte. Natürlich solle ich Ja ankreuzen, riet er mir, schließlich wollten alle Jungs aus der Klasse mit Tina gehen. Blöderweise hatte Tina auch an fast alle Jungs aus der Klasse Zettel verteilt und einige waren einfach mutiger und schneller als ich, so dass sie längst mit einem anderen zusammen war als ich mit meinem Zettel ankam.

 

 

Aus dieser Erfahrung habe ich offenbar gelernt. Jedenfalls frage ich Rainer sofort um Rat und wir beschließen, gleich morgen zur Migrationsberatungsstelle zu gehen und dort nachzuhaken, was wir wie beantworten müssen. Alle Fragen zu persönlichen Daten, bei denen wir uns sicher sind, beantworten wir allerdings noch jetzt. D. und F. sehen uns gespannt und (bilde ich mir zumindest ein) mit ein wenig Bewunderung dabei zu. Ja, gelernt ist gelernt, wer schon in der Schule damit aufwächst, die Frage nach der ersten großen Liebe von einem angekreuzten Feld auf einem Zettel abhängig zu machen, hat vielleicht auch nicht weniger Bürokratie im Alltag verdient.

 

Die Dame bei der Beratungsstelle ist am nächsten Tag völlig begeistert, dass wir schon so vieles ausgefüllt haben. Den Rest würde ohnehin sie machen, sagt sie, meistens kommen Flüchtlinge zu ihr, die gar nicht wissen, was sie mit dem Schreiben vom Amt anstellen sollen. Kein Wunder, in den meisten Herkunftsländern gibt es ja auch keine Zettel mit „Ja, Nein, Vielleicht“, sondern sogar viel häufiger noch arrangierte Ehen, bei denen sich die Eltern um alle Weichenstellungen für die Zukunft kümmern. Das allerdings ist ein anderes Thema, über das ich mich jetzt nicht auslassen will.

 

Fortsetzung folgt...

 

 

Am Ende nix gewesen

Erst Schweigen, dann Schweiger - Teil 2

 

Immerhin verurteilte Gabriel in seiner Mail an mich schon damals scharf all diejenigen, die in sozialen Medien Hasskommentare schrieben und nicht zuletzt bei hier Ankommenden das Bild eines kaltherzigen und Ausländer hassenden Volkes entstehen lassen könnten. Dennoch dauerte es bekanntlich einige Jahre, bis der Bundestag sich mit dem Thema befasste und versuchte, diese Einstellung in einen ziemlich umstrittenen Gesetzesentwurf zu pressen.

 

Nun denn. Alles, was die Aufnahme von Flüchtlingen erleichterte, die Bürokratie in jener Zeit kurz- oder langfristig herunterschraubte und die überfüllten Erstaufnahmestellen entlastete, damit Menschen dort nicht unwürdig auf engstem Raum zusammengepfercht werden mussten, begrüßte er ausdrücklich und schloss damit zwischen den Zeilen auch Til Schweigers medienwirksamen Vorstoß für eine Vorzeige-Unterkunft in Osterode ein.

 

Andere Lokalpolitiker sahen das ganz ähnlich und in dem Projekt insbesondere auch eine Chance für die Stadt, die damit in einem jetzt leerstehenden Gebiet eine ganz neue Infrastruktur bekäme. Das alles erstaunte mich wenig, deutlich mehr schon, dass die Gegenseite, die besorgten Anwohner, sich in dieser Zeit nur sehr verhalten äußerten. Zwar gab es in den sozialen Medien hin und wieder ziemlich eindeutige Kommentare unter den entsprechenden Pressemitteilungen, doch vergleichsweise wenig, zumindest viel weniger als ich befürchtet hatte.

 

 

Insgesamt schien in jenem Sommer in ganz Deutschland ja einiges in Bewegung gekommen und statt rechter Parteien wuchs erst einmal die Hilfsbereitschaft und das ehrenamtliche Engagement für Flüchtlinge. Die kaltherzigen Deutschen waren also deutlich in der Minderheit und ich kann bis heute nur immer wieder sagen, wie sehr mich das beeindruckte.

 

Letztlich war das auch die Zeit, in der in mir der Wunsch aufkeimte, selbst etwas zu machen. Nicht nur über die alte Kaserne zu schreiben, sondern mich bei ihrem Umbau zu einer kurzfristigen Heimat für Flüchtende selbst einzubringen. Immerhin wurde von einigen Stellen deutlich gesagt, es würden auch ehrenamtliche Helfer benötigt und ich hatte das Gefühl, viele in unserer Stadt wollten sich gerne engagieren.

 

Leider waren die besorgten Bürger nicht die einzigen, von denen man wenig hörte, sondern auch der Besitzer des Geländes, der ja angeblich in so engem Kontakt mit Til Schweiger stand und seine Pläne voll unterstützte. Doch erst einmal passierte nichts. Keine beginnenden Umbaumaßnahmen und auch keine Interviews mit der Presse, wann es denn nun endlich losging.

 

Auch ich hatte mehrfach versucht, den Mann zu erreichen, am Telefon hatte er mir sogar ein Treffen auf dem Kasernengelände zugesagt, zu dem er dann aber leider nicht erschien. Allmählich griff die Vermutung um sich, er habe mit dem großen Medienwirbel nur die Preise hochtreiben wollen, doch Stadt und Land seien nicht darauf eingegangen. Dann wiederum hieß es, seine Firma sei schon lange insolvent und er habe ausschließlich einen Weg gesucht, um an Kohle zu kommen. Nun will ich mich dazu nicht weiter auslassen, Fakt ist nur, dass am Ende aus unserem Vorzeige-Flüchtlingsheim nichts wurde.

 

 

In der Zeitung hieß es irgendwann, in den alten Gebäuden seien Asbest und andere Giftstoffe gefunden worden, so dass eine Unterbringung von Menschen dort unmöglich wäre. Allerdings gab es auf den Gelände eine Sporthalle, die immer noch von einem privaten Betreiber genutzt und inklusive Hüpfburg und anderen Spielgeräten für Kindergeburtstage vermietet wurde. Ich sprach mit dem Mann, der über die angeblichen Giftstoffe nur herzlich lachen konnte und sich sicher war, man hätte ihm sein Unternehmen schon längst dicht gemacht, wenn es dort Anzeichen einer Gefährdung gäbe.

 

Til Schweiger immerhin setzte sein Projekt schließlich in Osnabrück um, in einem alten Bundeswehrkrankenhaus. Für einen letzten Presseartikel dazu telefonierte ich mit einer Journalistin in meiner alten Heimat, die mir über den schnellen Fortschritt der dortigen Umbauarbeiten berichtete und zudem erzählte, dass es auch in der deutlich größeren Stadt damals eine große Welle der Hilfsbereitschaft gab, während die kritischen Stimmen deutlich in der Minderheit blieben. So wurde immerhin am Ende doch noch Menschen geholfen und ich werde die Geschichte daher irgendwie in guter Erinnerung behalten.

 

 

Nachtrag: Zufällig habe ich durch einen guten Freund aus Osnabrück gerade erfahren, dass einige Flüchtlinge in der dortigen Einrichtung auch heute - fast zwei Jahre nach der Eröffnung - noch immer in Containern leben. Angesichts deutlich gesunkener Zuwanderung seit 2015 und den damaligen vollmundigen Versprechungen hat mich das tief erschüttert und ich wollte es zunächst nicht glauben. Doch erst jetzt läuft dort eine Ausschreibung, wer denn die Räumlichkeiten einrichten kann, um das bisherige Provisorium zu beenden.

 

Kein leeres Genuschel

Erst Schweigen, dann Schweiger - Teil 1

 

Til Schweiger will ein Flüchtlingsheim in Osterode bauen. Die Nachricht schlug damals ein wie eine Bombe. Zum einen, weil viele den Schauspieler wohl schon mit Maurerkelle und Bierflasche an ihrem Gartenzaun lehnen sahen, zum anderen, weil es nach Monaten des Schweigens endlich etwas Neues gab von der leerstehenden Kaserne, die zur Erstaufnahmeeinrichtung umgebaut werden sollte.

 

Schon mit Bekanntwerden der Pläne für die Erstaufnahmestelle war die Stimmung hier ja hochgekocht und es gab kaum noch ein anderes Thema. Gab es zu der Zeit ja aber deutschlandweit nicht. Die Welt schien außer Kontrolle zu geraten, die sogenannte „Flüchtlingswelle“ entzweite die Nation und Bund, Länder und Kommunen suchten verzweifelt nach Lösungen. Persönlich war ich von Anfang an für den Umbau der Kaserne, zum einen, weil ich die Zustände in der überfüllten Erstaufnahmeeinrichtung in Braunschweig gesehen hatte, zum anderen, weil ich dachte, dass es für Osterode eine große Chance sein könnte.

 

Dann passierte sehr lange erst einmal gar nichts. Ich habe in jener Zeit ein Interview mit Jürgen Trittin geführt, der zum einen betonte, dass es dringend Zeit wird, von den Planungen zur tatsächlichen Umsetzung überzugehen, und zum anderen daran erinnerte, dass die Kaserne damals nach Abzug der Bundeswehr „verscherbelt“ worden sei und man alles auch viel billiger hätte haben können. Aber hinterher ist man eben immer schlauer.

 

 

In jedem Falle wurden langsam die Stimmen immer lauter, die nachfragten, wann es denn nun endlich losgeht mit dem geplanten Umbau, denn der noch nicht korrigierte Termin für den Einzug der ersten Flüchtlinge stand sozusagen vorm noch nicht renovierten Tor. Und dann titelte eine benachbarte Tageszeitung plötzlich mit Til Schweiger, der sich persönlich in Osterode für den Umbau einsetzen wollte.

 

Auch ich ging der Sache journalistisch nach, bemühte mich um ein Gespräch mit dem Besitzer des Grundstücks, mit der Pressestelle von Schweigers Produktionsfirma und mit unseren Lokalpolitikern. Letztere waren selbst relativ überrascht von dem prominenten Bauherrn, Til Schweiger fand angeblich keine Zeit, sich zu äußern und der Grundstücksbesitzer war wie schon die gesamte Zeit seit der ersten öffentlichen Informationsveranstaltung nicht erreichbar. Trotzdem schien ja etwas an der Geschichte dran zu sein, zum einen weil Schweiger ja im Fernsehen durchaus Zeit fand, sich über seine Pläne einer Luxus-Flüchtlingsunterkunft mit Freizeitangeboten, Werkstätten und Traumatherapie auszulassen, zum anderen, weil auch die Pressestelle des Innenministeriums informiert war und sein Engagement sehr begrüßte und zu unterstützen versprach.

 

„Kein leeres Genuschel“ titelte ich damals, zugegeben etwas provokant und flapsig. Nun muss ich zugeben, dass ich Til Schweiger noch nie etwas abgewinnen konnte, weder in seinen Filmen, noch wie er sich in der Öffentlichkeit präsentierte. Zudem verstehe ich den Mann einfach nicht, muss mich immer extrem anstrengen, um mitzubekommen, was er sich eigentlich zurechtnuschelt. In diesem Fall allerdings wuchs mein Respekt vor ihm, ich fand es äußerst mutig, ein solches Projekt zu unterstützen und sich öffentlich politisch so klar zu positionieren. Da verzieh ich ihm auch gerne, dass er einen kleinen Lokaljournalisten nicht Rede und Antwort stehen wollte.

 

 

Dafür hatte ich auch genug andere Ansprechpartner, denn sämtliche Lokalpolitiker vom Bürgermeister bis zum Bundestagsabgeordneten ließen sich sehr gerne von mir interviewen. Sogar meine Mail an den damaligen Vizekanzler Sigmar Gabriel, die ich an sein Wahlkreisbüro geschickt hatte, kam beantwortet zurück und ich glaube bis heute, dass Gabriel die Zeilen selbst geschrieben hat. Seine Presseabteilung hätte vorm Abschicken die Rechtschreibfehler korrigiert, denke ich.

 

Jedenfalls bezog auch Gabriel in dieser Mail klar Stellung, ging auf rechte und „besorgte“ Stimmen in den sozialen Medien ein und freute sich darüber, dass endlich etwas in Bewegung kommt und die Aufenthaltsdauer der Flüchtlinge in den Erstaufnahmestellen mit einer weiteren Einrichtung vielleicht verkürzt werden kann.

 

Meine Meinung von Sigmar Gabriel war wiederum eine recht hohe, ich hatte ihn mal auf einer Veranstaltung erlebt, bei der er eine flammende Rede über deutsche Rüstungsexporte in alle Welt und auch in Krisenregionen gehalten hatte und in der er sich sehr deutlich dafür aussprach, diese drastisch herunterzufahren, weil damit auch wir eine Mitschuld in den Krisenherden und an immer mehr Flüchtlingen in der Welt tragen. Allerdings war das noch, bevor er Vizekanzler wurde und selbst jede Menge dieser Waffendeals unterzeichnete. Rhetorisch war er für mich allerdings immer noch jemand, an dessen Überzeugungskraft ich gerne zurückdenke. Gut, Rhetorik ist leider nicht alles.

 

Fortsetzung folgt...

 

Messen mit zweierlei Maß

Wenn das Jugendamt zweimal klingelt - Teil 2

 

Ich bin beruflich unterwegs, in Gedanken aber immer noch beim überfallartigen Besuch des Jugendamtes und einigermaßen sauer auf die offensichtlich voreingenommenen Mitarbeiter. Daher kann ich mich auch nicht zurückhalten als ich mich später noch mit einem Bekannten unterhalte und erzähle ihm die Geschichte. L. ist Sohn eines französischen Vaters und einer deutschen Mutter und durchaus in beiden Kulturen zuhause.

 

„So ärgerlich das alles ist“, sagt er mir, „hier in Deutschland hast du noch Glück mit den Behörden.“ Als Glück hatte ich die haltlosen Vorwürfe bisher nicht angesehen, gebe ich zurück. Und überhaupt: wenn uns bis jetzt jemand das Leben schwer gemacht hat, dann waren das unflexible Mitarbeiter bei allen möglichen Ämtern. „Weißt du“, erzähle ich, „egal, wenn wir bisher um Hilfe oder Rat gebeten haben, die ganz große Mehrheit hat immer alles getan, um F. und D. zu unterstützen. Insbesondere Leute mit arabischen oder türkischen Wurzeln haben sich immer geradezu ein Bein ausgerissen. Nur bei den Behörden beißen wir immer wieder auf Granit und bekommen das Gefühl vermittelt, wir verlangen Unmögliches.“

 

L. nickt, wirft dann aber ein: „Eben. Viele hier haben einfach keinen Bock, sich zu bemühen und wollen euch abwimmeln. In Frankreich ist das aber noch viel schlimmer. Dort ist es ganz normal, Rassist zu sein und das andere auch spüren zu lassen.“ Das gibt mir jetzt doch zu denken. „Nicht ohne Grund fährt Le Pen so gute Wahlergebnisse ein“, fügt L. hinzu, „und nicht ohne Grund passierten die meisten Terroranschläge in den letzten Jahren bei uns. Ob du es glaubst, oder nicht, aber was die Integration von öffentlicher Seite angeht, gibt sich Deutschland wahrscheinlich von allen europäischen Ländern noch die größte Mühe.“

 

Mühe geben alleine reicht aber nicht, kontere ich, manchmal habe ich das Gefühl, ohne Ehrenamtliche würden viele Flüchtlingsfamilien an unserer Bürokratie völlig verzweifeln und am Ende als unintegrierbar eingestuft werden, bloß weil sie Formblatt XY nicht richtig ausgefüllt haben. Genau das sei in Frankreich der Normalfall, meint L., während hier ja wenigstens ab und zu hilfsbereite Menschen hinter den Schreibtischen sitzen.

 

 

Ich beschließe, optimistisch zu bleiben und fahre einigermaßen beschwichtigt nach Hause, wo mich Rainer auf dem Anrufbeantworter um Rückruf bittet. „Das Jugendamt war gerade wieder da“, begrüßt er mich als er gleich nach dem ersten Klingeln abhebt. „Du verarschst mich“, platzt es aus mir heraus. Leider nicht. Die zwei Mitarbeiter waren in der Tat erneut bei D. und F., weil sie den Vater und mutmaßlichen Täter ja beim ersten Besuch nicht angetroffen haben und der Fall somit noch nicht abgeschlossen war.

 

Allerdings hatten sie den beiden ihren Besuch diesmal angekündigt, vermutlich um sicherzugehen, dass diesmal auch wirklich beide Eltern zuhause sind. Daher hatte F. Kuchen gekauft und Kaffee gekocht und D. hatte Rainer angerufen und ihn zur Unterstützung dazugebeten. Freunde einzuladen ist ja sein gutes Recht, finde ich, die Mitarbeiter des Jugendamtes sahen das allerdings anders und waren wohl ziemlich – nun, sagen wir mal – angepisst.

 

„Mit mir wollten sie eigentlich gar nicht reden“, erzählt mir Rainer immer noch vollkommen aufgebracht, „auch als ich ihnen angeboten habe, ihnen das beschissene Bett zu zeigen, haben sie mich vollkommen ignoriert.“ Stattdessen haben sie F. und besonders D. unmissverständlich klargemacht, dass Eltern in Deutschland ihre Kinder nicht schlagen dürfen.

 

„Da bin ich dann ziemlich deutlich geworden und haben denen gesagt, was ich von solchen Unterstellungen halte“, erzählt Rainer weiter. „Gut so!“, platzt es aus mir heraus. Auch wenn ich nicht dabei war, kann ich mir die Szene dank seiner Schilderung bildlich vorstellen und merke, wie sich auch in meinem Bauch Wut zusammenballt. „Hat allerdings nichts gebracht. Als Antwort bekam ich dann nur wortwörtlich zu hören, sie könnten auch anders und es gebe Mittel und Wege, die Familie zu kontrollieren, wenn wir uns nicht kooperativ zeigen.“

 

 

Für einen Moment weiß ich darauf nichts zu sagen. All der Optimismus, den ich dank L. hatte, verpuffte geradezu explosionsartig. Zurück blieb Wut, Fassungslosigkeit und ein ziemlich schneller Entschluss. „Das können wir so nicht auf uns sitzen lassen!“, entschied ich. Zu genau dieser Erkenntnis war Rainer auch schon gekommen. Er wollte sich in einem Brief an die Behörde wenden und auch nicht locker lassen, eher er nicht eine Antwort bekam, wie so etwas passieren darf, obwohl nachweislich kein Grund für ein Eingreifen des Amtes vorlag.

 

Ich hingegen entscheide, mal wieder offiziell als Pressefuzzi aufzutreten und mich mit der Führungsebene in Verbindung zu setzen. „Da bekomme ich vielleicht schneller eine Reaktion“, vermute ich, „denn eine Schlagzeile 'Jugendamt misst bei Deutschen und Ausländern mit zweierlei Maß' wollen die bestimmt nicht riskieren.“ Trotz der berechtigten Aufregung beschließen wir allerdings, doch noch ein paar Tage zu warten, bis wir die Diskussion etwas weniger emotional angehen können. „Egal, was wir tun, wir dürfen D. und F. damit auf keinen Fall schaden“, mahne ich. Rainer macht das nur noch wütender. „Genau das ist ja das Problem“, poltert er, „die rühren sich entweder gar nicht oder aber kommen dir so und du kannst kaum etwas machen, weil die Herren Beamten am längeren Hebel sitzen.“ Je länger mir dieser Satz in den Ohren nachklingt, desto mehr Vertrauen in unseren Staat frisst er auf.

 

Jedem Verdacht nachgehen

Wenn das Jugendamt zweimal klingelt - Teil 1

 

Das Klingeln des Telefons reißt mich aus dem Schlaf. So früh ist es eigentlich gar nicht, aber ich habe gestern noch lange an einem Text gesessen, den ich unbedingt noch fertig bekommen wollte. Dementsprechend müde bin ich jetzt als ich mich melde. Dann jedoch bin ich schlagartig wach. „Guten Morgen, mein Name ist B. vom Jugendamt“, sagt die Stimme am anderen Ende, „Sie betreuen doch die syrische Familie...“ „Worum geht es denn?“, unterbreche ich die Stimme und bin sofort in Alarmbereitschaft.

 

S. ist heute nicht im Kindergarten und A. hat daraufhin wohl erzählt, sie sei geschlagen worden, berichtet die Stimme vom Amt und will wissen, ob ich übersetzen kann, wenn er der Familie jetzt einen Besuch abstattet. „Sorry, aber dass die beiden ihre Kinder schlagen sollen, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen“, platzt es aus mir heraus. Sie müsse jedem Verdacht dennoch nachgehen, hält die stimme dagegen, wenn ich allerdings nicht übersetzen kann bin ich bei dem Gespräch allerdings auch nicht erwünscht.

 

Einen Moment überlege ich, ob ich trotzdem hinfahre, entscheide mich dann aber dagegen und rufe erst einmal Rainer an. Auch er will aus einem ersten Impuls heraus sofort zu F. und D. fahren und auch er zügelt sich dann erst einmal. „Geben wir dem Jugendamt eine Stunde Zeit und treffen uns dann dort“, entscheiden wir, so viel Unheil werden sie wohl in der Zwischenzeit nicht anrichten.

 

 

Genau sechzig Minuten später stehen wir schließlich beide vor der Tür, F. öffnet auf unser Klingeln und wirkt einigermaßen verstört. Vom Amtsbesuch haben wir erfahren, sie solle sich aber keine sorgen machen, wir kümmern uns, beruhigt Rainer sie, während ich erst einmal nach den Kindern sehe. S. strahlt mich sofort an und zeigt mir ein neues Spielzeug. Auf meine vorsichtige Frage, warum sie nicht im Kindergarten war, erzählt sie, ihr Bett sei zusammengebrochen, sie habe sich den Kopf gestoßen und jetzt eine Beule.

 

Wie bei allen Asylanten wurde die Wohnung ja möbliert zur Verfügung gestellt, allerdings mit den günstigsten Möbeln eingerichtet, die überhaupt erhältlich sind. Gerade über die drei Kinderbetten haben wir uns schon oft geärgert. Statt fester Lattenroste sind sie nur mit billig verbundenen Brettern ausgestattet, die bei jeder größeren Belastung durchrutschen. Gerade bei Kindern, die nun einmal auch auf ihren Betten hüpfen ist das nicht ungefährlich, aber es reicht auch schon, wenn wir Erwachsenen uns auf die Bettkante setzen.

 

Während S. den nächtlichen Unfall inzwischen verdrängt hat, wirkt A. allerdings ziemlich verstört. Zunächst mag sie gar nicht mit mir reden, eigentlich mit niemandem, auch nicht mit D., der jetzt von F. alarmiert vom Sprachkurs nach Hause kommt. Er lässt sich erst einmal die ganze Geschichte erzählen, dann kümmert er sich um seine jüngere Tochter und beruhigt sie etwas. Was die beiden sagen, verstehe ich natürlich nicht, aber ich befürchte, A. hat ein schlechtes Gewissen, weil sie weiß, dass sie das ganze Chaos irgendwie in Gang gesetzt hat, und D. macht ihr klar, dass es nicht ihre Schuld ist. Zumindest beruhigt sie sich bald wieder und ringt sich dann sogar ein Lächeln ab.

 

Für uns ist die Schuldfrage ebenso schnell geklärt. Zum einen regen wir uns darüber auf, dass der Kindergarten nicht zuerst bei uns anruft, obwohl sie uns ja sonst auch kontaktieren, zum anderen macht es insbesondere Rainer wütend, dass das Jugendamt bei einer solchen Geschichte sofort aktiv wird, während sonst oft tagelang niemand erreichbar ist und auf seine Anrufe in einer anderen Sache es auch niemand für nötig hält, mal zurückzurufen.

 

 

„Ganz ehrlich, wenn bei eine ausländischen Familie etwas passiert, stehen die sofort auf der Matte, aber bevor sie bei deutschen Familien den Arsch hochkriegen muss sonstwas passieren.“ Recht hat er ja. Dennoch mahne ich ihn zur Ruhe als er dann zum Smartphone greift und sich beim Amt beschweren will. Der Text, den er auf den Anrufbeantworter spricht, ist dann zum Glück mit Bedacht gewählt, wenn auch unmissverständlich. Damit, dass sich jemand zurückmeldet, rechnen wir allerdings trotzdem nicht.

 

Wenig später ruft Rainer auch noch beim Kindergarten an und macht auch dort seinem Ärger Luft. Ich schlucke solche Dinge meist erst einmal herunter, aber in diesem Fall muss ich schon einsehen, dass es falsch wäre, alles einfach so hinzunehmen. „Und?“, frage ich als er auflegt. „War eigentlich ein gutes Gespräch. Die Leiterin stellt sich zwar vor ihre Mitarbeiter und sagt natürlich, dass jeder Verdacht häuslicher Gewalt ernst genommen werden muss, aber sie hat mir auch wortwörtlich gesagt, dass die sonst auf ihre Hinweise nicht so schnell reagieren und selbst sie manchmal ewig wartet, bevor das Jugendamt sich bei ihr zurückmeldet.“

 

Bevor ich mich aber zu sehr in die Denkweise der Damen und Herren beim Jugendamt und ihre eventuellen Klischees arabischer Erziehungsmaßnahmen hineindenke, kümmern wir uns lieber um D. und F. und beruhigen sie schließlich ist ja alles ein offensichtliches Missverständnis und kann schnell zu den Akten gelegt werden. In dem Punkt haben wir uns allerdings geirrt, wie sich einige Tage später herausstellt.

 

Fortsetzung folgt...

 

Die Welt gehört in Kinderhände

Wir gehören zur Familie - Teil 2

 

Jetzt gerade versteht er mich überhaupt nicht, als ich ihm sage, er soll auf dem Gerüst nicht noch eine Etage höher klettern, weil das ja gefährlich werden könnte. F.s Warnung rauscht ebenso an ihm vorbei. Für ihn gibt es nur noch das zu bezwingende Klettergerüst auf dem Schulhof und eben auch die bewundernden Blicke einiger älterer Schulkinder, die ihm zusehen, wie er der Gefahr heldenhaft ins Auge sieht. M. der Eroberer.

 

Überhaupt scheint dieses Kind keine Angst zu kennen, auch zuhause klettert er mit Vorliebe auf den Wohnzimmertisch und springt dann einem von uns völlig ohne Vorwarnung in die Arme. Da war schon manchmal eine richtig schnelle Reaktion gefragt, bevor es zu ernsthaften Verletzungen kommt. Neulich erzählte uns D., M. habe ihn gefragt, warum ausgerechnet er immer so viele Schrammen und Beulen habe.

 

Noch während ich daran denke, gibt es plötzlich einen Knall, der sich verdächtig nach Kinderstirn auf Holz anhört, und M. der Eroberer wirft sich seiner Mutter heulend in die Arme. Die sieht mich schulterzuckend an, tröstet ihn und fünf Minuten später ist er schon wieder auf dem Klettergerüst.

 

 

Letztlich sind wir ja froh, dass es so ist. In der Anfangszeit nämlich hatten wir das Gefühl, die Kinder halten sich fast nur in der Wohnung auf. Kein Wunder, dass alle drei da über sämtliche Möbel tobten. Vor allem, weil sie in den ersten Monaten ja auch noch kaum Spielzeug hatten. Mag ja sein, dass in Syrien vieles anders ist, aber dass Kinder viel Bewegung brauchen und dass es für sie kaum etwas Besseres gibt als draußen herumzutoben, ist wohl auf der ganzen Welt so.

 

Darum haben wir uns ja auch bald auf die Suche nach dem nächstgelegenen Spielplatz gemacht und Rainer hat einen Fußball und ein altes Kinderfahrrad mitgebracht, damit wir auf der Straße spielen konnten. Der erste zerbrochene Gartenzwerg bei den Nachbarn ließ dann nicht lange auf sich warten. M. war gegen ihn angetreten und hatte den Kampf eindeutig für sich entschieden. Blöderweise musste er auch noch über seine Heldentat lachen, während es uns unglaublich peinlich war, zumal wir die Nachbarn noch nicht kannten.

 

Zerknirscht klingelte ich und beichtete, was passiert war. Das ältere Ehepaar nahm es zum Glück mit Humor. Vermutlich hatten sie sowas in der Siedlung früher schon häufiger erlebt. Damals, als auch deutsche Kinder noch auf der Straße spielten, statt sich gegenseitig auf Facebook zu mobben. Überhaupt kann ich mich eigentlich nur daran erinnern, dass wir als Kinder im Sommer immer alle gemeinsam auf der Straße gespielt haben. Heute sehe ich bei mir in der Nachbarschaft selten Kinder gemeinsam spielen. Sind die wirklich alle nur auf elektronische Medien angewiesen?

 

Über die Reaktion der Nachbarn bin ich jedenfalls mehr als glücklich, vor allem, weil ich auf keinen Fall möchte, dass M. der Eroberer sich einen Ruf als M. der Zerstörer einhandelt. Aber vielleicht war der Gartenzwerg ja auch ein Geschenk der ungeliebten Schwiegertochter und sie sind klammheimlich froh darüber, dass er endlich nicht mehr den Garten verschandelt.

 

 

Eine noch coolere Reaktion habe ich vor vielen Jahren nur mal bei der Mutter meines guten Freundes O. erlebt. Sie hatten gerade neu gebaut als eines schönen Nachmittags der Fußball des Nachbarsjungen durch gerade erst eingesetzte Panoramafenster krachte. O.s Mutter blieb trotz Baustellenstress und eines nicht unerheblichen Schreckens völlig gefasst und brachte den Ball sogar noch zurück. Auf meine Verwunderung meinte sie nur: „Ach, O. hat früher in der gesamten Nachbarschaft so viele Scheiben zerschossen, eigentlich haben die das andere Panoramafenster auch noch gut.“

 

Mich beeindruckt das bis heute und ich habe mich immer bemüht, bei Kindern ebenso zu reagieren. Meist gelingt es mir auch. Die Belohnung, bei den Kindern beliebter Spielgefährte zu sein ist jedenfalls einiges mehr wert als der möglichen Verärgerung unangemessen laut Luft zu machen.

 

Doch Spielgefährte hin oder her, jetzt unterbrechen wir erst einmal alles, weil S., D. und Rainer aus dem Büro der Rektorin zurückkommen. Alle drei strahlen uns an. „Es spricht gar nichts dagegen, dass S. im nächsten Jahr Schulkind wird“, fasst Rainer zusammen. Die Lehrer haben einen guten Eindruck und die Sprache lerne sie im Kindergarten sowieso ganz schnell. Besser kann es ja gar nicht sein. Nur mein Plan, jetzt nach Hause zu gehen, der geht leider nicht auf. A. und M. haben ja schon auf dem Schulhof gespielt, erklärt mir S. ganz sachlich, sie allerdings noch nicht. Also müssen wir noch bleiben, damit sie die Spielgeräte auch noch austesten kann. Okay, rein logisch und analytisch hat sie ohne jeden Zweifel das Zeug zum Schulkind, das muss ich zugeben.

 

Gebt den Kindern das Kommando

Wir gehören zur Familie - Teil 1

 

Von Anfang an war eines unserer wichtigsten Ziele die Anmeldung der Kinder im Kindergarten. Viel schneller als jeder Erwachsene können sie sich an eine neue Umgebung gewöhnen, viel schneller eine neue Sprache lernen und viel schneller neue Freunde finden, sagten wir uns. Noch dazu sind Kinder nun einmal diejenigen, die am allerwenigsten für die Kriege und Lebensumstände in ihrer Heimat können und die es daher unbedingt verdient haben, so schnell wie möglich ein Leben in sicheren Bahnen zu führen.

 

Heute dürfen wir S. sogar in der Grundschule anmelden, die sie dann ab dem nächsten Jahr besuchen darf. Darauf bin ich ehrlich gesagt ein wenig stolz. Immerhin hat es eine Weile gedauert, bis die drei einen Kindergartenplatz bekommen haben. „Ich kann sie ja nicht vorziehen, während andere Kinder schon viel länger auf der Warteliste stehen“, hatte die Leiterin uns damals bedauernd erklärt. Das mussten wir leider einsehen.

 

Dafür wurden wir dann aber gemeinsam mit F. und D. zu einer Besichtigung mit erstem Kennlerngespräch eingeladen und wurden als Paten fast wie Familienmitglieder betrachtet. Sowas bringt ehrlich gesagt ein paar Glücksgefühle mit sich. „Ich schreibe mir mal Ihre Namen auf und trage Sie in der Liste derer ein, die die Kinder aus dem Kindergarten abholen dürfen“, hatte eine Mitarbeiterin uns damals gesagt, „es kann ja sein, dass mal etwas ist und Sie hier statt der Eltern auftauchen.“

 

Tatsächlich haben wir bis heute einen ziemlich engen Draht und werden tatsächlich ab und zu angerufen, wenn etwas besonderes vorfällt oder manchmal auch einfach, um uns über Fortschritte zu informieren. Das ist, glaube ich, nicht selbstverständlich, erleichtert allerdings vieles und gibt Rainer und mir ein echt gutes Gefühl. Verantwortung zu tragen ist ja generell ein schönes Gefühl und auch das, auf die Familie aufpassen zu könne und sie in gewisser Weise zu beschützen. Mir bedeutet das jedenfalls sehr viel.

 

 

Ich hoffe, mit der Schule wird es ähnlich laufen. Die ist übrigens gleich nebenan und auch dort werden wir und vor allem S. sehr freundlich empfangen. Während Rainer mit D. und seiner Tochter ins Büro der Rektorin geht, um alles nötige zu besprechen, bleibe ich mit F. und A. und M. draußen auf dem Spielplatz. Sofort erobern die beiden das Klettergerüst mit der großen Rutsche, zu der allerdings ein paar für kleiner Kindergartenkinderbeine weit auseinanderliegende Stufen fühlen. A. sieht mich mitleidig an und fragt, ob ich sie hochheben kann. Mache ich natürlich. Nun will M diesen besonderen Service natürlich auch genießen und auch ihm gewähre ich es.

 

F. lässt mich machen und hält sich erst einmal im Hintergrund. Ich weiß nicht genau, ob sie es genießt, mal ein paar Minuten nicht ständig mit mindestens einem Auge auf die Kinder schauen zu müssen. Immerhin ist sie mit ihren 22 Jahren noch sehr jung und die drei sind nicht ihre leiblichen Kinder. Noch immer bewundere ich, wie sie diese für sie anfangs doch bestimmt nicht leichte Aufgabe hinbekommt und das auch noch liebevoll und so, dass die drei auch noch auf sie hören.

 

Über die Familiengeschichte wissen wir ja immer noch relativ wenig. Da wir nicht zu viel nachbohren wollen und immer nur darauf warten, dass die beiden von sich aus etwas erzählen, erfahren wir nur ab und zu etwas aus ihrer Zeit vor der Flucht. Schließlich wollen wir ihnen aber Brücken bauen, damit sie hier ankommen können, und nicht in der Vergangenheit stochern und alte Wunden aufreißen. Daher betrachte ich auch nach wie vor alles, was sie uns erzählen, als großen Vertrauensbeweis.

 

 

D. hat uns nur wenig von der leiblichen Mutter seiner Kinder erzählt. Mit ihr war er wohl von Syrien in den Irak gegangen, weil sie als kurdische Familie dort bessere Chancen hatten, erzählte er einmal. F. lernte er aber dann wieder in Syrien kennen, meine ich und seine erste Frau, so erzählte er neulich mal, sei auch geflohen und wohl inzwischen irgendwo in Europa.

 

Gar nicht nachzufragen klappt natürlich nicht immer, schließlich bin ich auch ein Stück weit neugierig. So hat er mir dann auch erzählt, dass die Mutter seiner Kinder wohl auch auf dem Weg nach Deutschland sei, er ihr aber nicht erzählen will, wo er sich genau aufhält, weil er Angst davor hat, sie wolle ihm die Kinder dann wieder wegnehmen. Wie das jetzt allerdings alles genau zusammenhängt, habe ich nicht verstanden, zum Teil weil die Geschichte doch komplizierter scheint, zum Teil aber auch, weil solche Gespräche auf Deutsch leider immer noch eine echt große Hürde darstellen.

 

Bei den Kindern ist das inzwischen bedeutend leichter. Die sprechen, soweit ich es beurteilen kann, inzwischen ebenso gut deutsch wie arabisch. S. sowieso, sie schnappt im Kindergarten so viel auf, dass ihr dabei gar nicht auffällt, wie sie die fremde Sprache lernt. A. ist leider allgemein ziemlich zurückhaltend und spricht nicht allzu viel, bei ihr bin ich mir allerdings sicher, dass sie fast alles, was wir sagen, versteht. Und M. lernt das Sprechen ja sowieso gerade erst und genießt den großen Vorteil aller mehrsprachig aufwachsenden Kinder, dass es für ihn selbstverständlich ist, mit seinen Eltern auf arabisch zu plappern und mit uns auf deutsch. Sein sich ständig erweiternder Wortschatz existiert einfach doppelt. Der kleine Nachteil an der Sache ist dann allerdings, dass er – je nach Bedarf – auch gerade mal die Sprache nicht versteht, in der man ihm etwas verbietet.

 

Fortsetzung folgt...

 

Ein Prozent anders

Lesen erweitert den Horizont - Teil 2

 

Somit müssten wir, so Grönemeyer, die natürliche Angst vor dem Fremden überwinden, um in einer immer enger zusammenwachsenden Welt, die ja ebenfalls ein Fakt ist, Stabilität erreichen zu können. Das hieß seiner Meinung nach aber keinesfalls, dass wir alle gleich sein sollen, denn zweitens müssten wir den Mut finden, uns nicht von der Wirtschaft zum Konsumenten und gläsernen Kunden machen zu lassen, sondern uns zu unserer Individualität bekennen und diese auch in all ihren Facetten ausleben.

 

Auch das war definitiv eine These, der ich zustimmen konnte. Und hier lag tatsächlich vielleicht auch das Neue an seinem Manifest, denn diese Verbindung zwischen genetischer Ähnlichkeit und dem Aufruf zur Individualität hatte ich so noch nie gefunden. Andersherum schon eher, wenn nämlich Unternehmen und Werbung die Menschheit in Käufergruppen einteilen, die sie dann aufgrund bestimmter gleicher Merkmale gezielt bewerben können.

 

 

Hier ging es aber offenbar darum, dass eine Gemeinschaft immer nur durch starke Persönlichkeiten und Heterogenität lebt und sich weiterentwickeln kann. Auch das war für mich keine neue Erkenntnis, aber immerhin war der Weg zu dieser Einsicht einer, den ich so noch nicht kannte. „Ob wir nun Christen, Juden, Moslems, Hindus, Freidenker oder Anhänger eines anderen Glaubens sind, wir dürfen nicht nur die Gemeinschaft der Gleichgesinnten im Blick haben, sondern sollten auf die Vielfalt des Lebens schauen“, hieß es im Buch.

 

Das reichte mir, um eine positive Rezension zu schreiben, doch letztlich blieben es banale Wahrheiten. Erst als ich meinen Text längst fertig hatte, kam mir der Gedanke, dass es in unserer Zeit vielleicht gerade darum geht. Darum, dass jemand diese banalen Wahrheiten, die uns eigentlich seit der Zeit der Aufklärung bekannt sind, noch einmal deutlich ausspricht. Immerhin gibt es genug Populisten, die gequirlten Blödsinn brabbeln und damit viele Leute verunsichern und ihnen Angst machen. Genauso muss es auch die anderen geben, die die alten Werte unserer Kultur in neue Worte fassen und diese dagegenhalten.

 

Natürlich werden diese Worte weniger gehört als die kämpferischen. Natürlich ist es leichter an das Nationalbewusstsein zu appellieren als an die Einsicht, dass wir als Menschen alle auf dem gleichen Planeten leben. Doch in einer Zeit, in der Reiche gegen Arme, der Westen gegen die arabische Welt und „Wir sind das Volk“-Schreihälse gegen erklärte Gutmenschen in Stellung gehen, ist es vielleicht wichtig, nicht in diesen Lagern, sondern in den Kategorien Menschheit und Individuum zu denken.

 

Kurz vor der Grönemeyer-Rezension schrieb ich – diesmal nicht für die Kirche – eine über ein Jugendbuch der Journalistin Annabel Wahba. In „Tausend Meilen über das Meer“ erzählt sie die Geschichte eines syrischen Jugendlichen, der mit seiner Familie zunächst nach Ägypten und von dort aus allein über das Mittelmeer nach Deutschland flieht. Das Spannende an dem Buch war einerseits, dass es auf den Gesprächen der Autorin mit einem 15-Jährigen minderjährigen Flüchtling, also auf einer wahren Begebenheit basierte und viel mehr noch, dass sie nicht auf die Tränendrüse drückte und nur die schrecklichen Erlebnisse der Flucht schilderte, sondern einen Schritt weiter ging.

 

 

Das Buch endete nämlich nicht mit der Ankunft in Deutschland, sondern fing da eigentlich erst richtig an. Der Junge kommt in eine deutsche Schule, in der ihm alles fremd ist, doch er hat keine Zeit, sich erst einmal in Ruhe zu integrieren, sondern gerät schon bald in die typischen Teenagerprobleme. Als die Jungen nämlich merken, dass er ein guter Fußballer ist, entsteht sehr schnell eine Konkurrenzsituation. Bei den Mädchen wiederum kommt er als Sportler gut an, was aber die Ablehnung der Jungen nur verstärkt. Schon bald verfängt er sich in einem Geflecht aus erster Liebe, Mobbing und Unsicherheiten, das wohl auch keinesfalls vom Kulturkreis, sondern lediglich von dieser blöden Pubertät abhängt.

 

Genau das hat mir an dem Buch unglaublich gefallen, vor allem, weil die Autorin alles so lebensnah erzählte. Je mehr ich mich darin vertiefte, desto mehr kam ich zu der Erkenntnis, dass die bei uns lebenden Flüchtlinge ja nicht nur mit der Integration zu kämpfen haben, sondern dazu auch noch mit all den Problemen, die auch unseren Alltag erschweren. Vielleicht sollten wir also gar nicht alles immer nur aus dem Blickwinkel verschiedener Kulturkreise betrachten, sondern eben zum einen als menschlich und zum anderen sehr individuell.

 

Zumindest nahm ich mir fest vor, so manches, womit F. und D. nicht klarkamen, nicht mehr als interkulturelles, sondern als generelles Problem anzusehen. Mit irgendwelchen Behördenformularen, die es auszufüllen gilt, habe ich ebensolche Probleme wie die beiden, Kinder im Kindergarten auf einen neuen Lebensabschnitt zu schicken ist auch für deutsche Eltern ein gewichtiger Schritt und auch bei vielen meiner deutschen Freunde gibt es bestimmte Gewohnheiten, Ticks oder wie immer man es nennen will, mit denen ich mich erst einmal anfreunden muss. Vieles hat wohl tatsächlich damit zu tun, dass wir Menschen zwar genetisch zu mehr als 99 Prozent gleich gebaut sind, dieses eine letzte Prozent aber für unglaublich viele Missverständnisse sorgen kann.

 

99 Prozent gleich

Lesen erweitert den Horizont - Teil 1

 

Grönemeyer kommt. Nein, nicht Herbert, sondern sein Bruder Prof. Dr. Dietrich. Der singt zwar nicht, dafür aber versteht man jedes Wort. Und er hat ja auch durchaus etwas zu sagen. Immerhin ist der Arzt für seine ganzheitliche Medizin bekannt und dafür, dass er nicht nur den Körper, sondern auch den Geist und die Seele seiner Patienten betrachtet. Nun sollte er den Festvortrag bei unserem großen Fest zum Luther-Jahr halten. Hat vermutlich auch damit zu tun, dass er im Harz geboren ist und daher vielleicht hier eher zusagt als anderswo.

 

Wie auch immer, da ich nun mal die Pressearbeit für den Kirchenkreis mache, sollte ich auch dieses Großevent ankündigen. Allerdings gehört das Schreiben von Ankündigungen für mich seit jeher zu den journalistischen Aufgaben, die ich weniger gerne erledige. Man kämpft sich durch immer gleiche PR-Texte, recherchiert ein wenig im Internet und schreibt am Ende einen Text, der fast wortwörtlich auch schon mal in Bochum, in Mannheim und in Stuckenborstel in der Zeitung stand. Nicht gerade preisverdächtig und eben auch stinklangweilig.

 

Ein Interview ist oft eine echt gute Alternative. Zudem hatte ich mit Mail- und Telefoninterview schon häufiger gute Erfahrungen gemacht. Jedenfalls mit sogenannten Medienprofis, also Leuten, die selbst kaum Zeit haben, sich für mehrere Stunden mit einem kleinen Lokaljournalisten in einem hübschen Café zu treffen. Blöd nur, dass ich über Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer kaum etwas weiß, geschweige denn über den Vortrag, den er halten würde.

 

 

Allerdings hatte der Mediziner gerade ein neues Buch veröffentlicht: „Wir – Vom Mut zum Miteinander“. Klang ja recht vielversprechend, ausschlaggebend war dann aber ehrlich gesagt die Seitenzahl von gerade einmal 71 Seiten. Das klang machbar. Und schließlich habe ich Literaturwissenschaft studiert und bin über Buchrezensionen überhaupt erst zum Journalismus gekommen. Was lag also näher als das Buch zu lesen, zu rezensieren und dann vielleicht als eine zweite Ankündigung ein darauf basierendes Interview nachzuschieben?

 

Nun muss ich allerdings zugeben, dass es sich in diesem Fall doch leichter anhörte als es letztlich war. Denn die ersten Kapitel kamen mir belanglos und voller Allgemeinplätze vor. Grönemeyer ließ sich über Fortschritt, den Reichtum der Industrienationen und die oft würdelosen Bedingungen für den ärmeren Teil der Weltbevölkerung aus. Dann über Humanismus und unsere Pflicht, jeden Menschen gleich zu behandeln, da wir eben auch von jedem gleich behandelt werden wollen und so weiter und so fort.

 

Um all das zu wissen, brauche ich keinen Grönemeyer, dachte ich mir, all das haben vor ihm auch schon andere geschrieben. Einen Verriss zu schreiben, kam aber auch nicht infrage, schließlich ging es ja darum, unsere eigene Veranstaltung zu bewerben. Also biss ich mich durch und hoffte auf etwas mehr Substanz dieses Büchleins, das immerhin mit „Ein Manifest“ untertitelt war. Ich gebe zu, so richtig packte er mich bis zum Schluss nicht.

 

 

Erst als ich über meine Rezension nachdachte und anfing, seinen Text im Kopf auseinanderzunehmen und mir für meinen Artikel zurechtzulegen, wurde mir nach und nach klar, wie der Autor eigentlich argumentierte. Es ging ihm letztlich um nicht weniger als um das friedliche Zusammenleben der gesamten Menschheit. Und das könnte, so verstand ich ihn, eigentlich so einfach sein. Ist es in unserer globalisierten Welt aber nicht, gerade in den letzten Jahren scheint es durch die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich, durch die uneingeschränkte Herrschaft des Kapitalismus und vor allem durch religiöse oder nationalistische Fanatiker sogar schwerer denn je.

 

Gut, den Ausgangspunkt hatte ich kapiert und konnte dem auch voll zustimmen. Nun sind es aber laut Grönemeyer nur zwei Faktoren, die die Welt dem Frieden ein gutes Stück näher bringen können. Zum einen müssten wir Menschen begreifen, wie ähnlich wir alle einander sind, wie wenig Unterschied Hautfarbe, Kultur etc. doch ausmachen. „Gerade weil unsere Erde aus dem Gleichgewicht zu geraten droht, unser Leben – das aller und das des Einzelnen – seine Balance verlieren könnte, wächst ein neues Bewusstsein für diese Gefahr, das Verlangen nach der Gemeinsamkeit aller Menschen“, schrieb er, „Geschwisterlichkeit, das ist für mich als Naturwissenschaftler auch ein naturgegebenes Faktum. Denn die DNA aller Menschen ist ja zu mehr als 99 Prozent identisch.“ Grundsätzlich auch keine neue Erkenntnis, das aber aus einem medizinischen Blickwinkel zu sehen ist durchaus interessant, dachte ich mir und freundete mich langsam mit dem Buch an.

 

Fortsetzung folgt...

 

Nur mit Übersetzer

Ärger mit Ärzten - Teil 3

 

Na gut, immerhin etwas. Die erste richtig positive Überraschung erleben wir dann allerdings in der Apotheke. Eine junge Asiatin bedient uns und sobald sie merkt, dass F. im Deutschen nicht ganz sicher ist, läuft sie erst einmal nach hinten. „Das hier ist eine Liste, auf der Dosierungshinweise und solche Dinge in verschiedenen Sprachen stehen“, erklärt sie als sie mit einem Formular zurückkommt. „Diese Tabletten“, sie deutet auf eine der Schachteln, die sie ebenfalls mitgebracht hat, „müssen einmal am Tag genommen werden, am besten auf nüchternen Magen. Und diese sollte sie dreimal am Tag, zu jeder Mahlzeit nehmen.“ Dann macht sie auf dem Formular einige Kreuzchen, zeigt es F. und wartet auf deren verstehendes Nicken. Manchmal kann die Sprachbarriere eben auch ganz einfach überwunden werden.

 

 Eine Weile geht es mit den Tabletten gut und F. meint auf unsere Nachfragen immer, es gehe ihr wieder gut. Jedenfalls ein paar Wochen lang sagt sie das, dann klagt sie plötzlich erneut über Schmerzen. Wieder im Unterleib. Und natürlich versprechen wir sofort, ihr zu helfen.

 

Diesmal ist es Rainer, der bei seinem Hausarzt anruft, um einen Termin zu machen. Ich verlasse mich darauf, dass alles gut geht, denn mit dem, was kommt, hätte ich tatsächlich nie gerechnet. Einige Stunden später ruft Rainer mich an und regt sich tierisch auf. Es dauert eine Weile, bis ich zwischen allem Fluchen heraushören kann, was eigentlich vorgefallen ist. „Die Ärztin sagte, sie würde gerne einen Termin machen, aber nur, wenn wir einen Übersetzer mitbringen.“ „Wo sollen wir den denn so schnell hernehmen?“, frage ich, „Da müssen wir doch auch erst einen Antrag bei der Stadt stellen. Und F. hat schließlich Schmerzen.“

 

 

Rainers Wut kann ich nur zu gut verstehen, doch er setzt noch einen drauf. „Nun kenne ich die Praxis ja und darum sagte ich, dass eine der Sprechstundenhilfen doch Türkin ist, ob sie denn nicht übersetzen könne“, er macht eine unheilvolle Pause, „da meinte die Ärztin, es könne ja wohl nicht Aufgabe ihrer Angestellten sein, als Übersetzer zu fungieren.“ Während er noch ein wenig flucht, bin ich einigermaßen sprachlos. Rein arbeitsrechtlich hat die Frau vielleicht ja sogar alle Argumente auf ihrer Seite, aber so wenig Hilfsbereitschaft von jemandem, dem der hippokratische Eid etwas bedeuten sollte, macht auch mich ziemlich sauer.

 

Bockig, und vielleicht auch, weil wir uns dem Stress nicht aussetzen wollten, verspreche ich, bei einem anderen Arzt einen Termin zu machen, einem, der einen ausländisch klingenden Namen hat. Vielleicht haben wir dort mehr Glück. Ich rief an, habe eine nette weibliche Stimme am anderen Ende, nenne meinen Namen. Soweit alles gut. Dann allerdings sage ich ihr, dass ich nicht für mich, sondern für eine Syrerin, die wir betreuten, einen Termin bräuchte. „Oh, das tut mir leid, aber der Doktor nimmt im Moment gar keine neuen Patienten mehr auf“, bekomme ich daraufhin zur Antwort und das Gespräch ist beendet.

 

Jetzt werde ich richtig sauer. Dass ich dann bei einer dritten Ärztin anrufe und es dort mit einem Termin für F. klappt, ist mir gar nicht mehr so wichtig. Viel wichtiger sind mir die folgenden Termine, zuerst mit meiner Chefin, die mir grünes Licht gibt, und dann offiziell als Journalist, dem ganz zufällig schlimme Zustände bei der Behandlung von Flüchtlingen zu Ohren gekommen sind, zuerst bei Rainers Hausarzt, um mir deren Version der Geschichte anzuhören und dann beim Sprecher der hiesigen Ärzteschaft.

 

 

Normalerweise spiele ich die Pressekarte in persönlichen Fällen ungern aus, doch diesmal kann ich mich nicht zurückhalten. Der Hausarzt versichert mir, dass meine Informationen natürlich nicht ganz korrekt seien, so habe sich das alles nicht zugetragen. Selbstverständlich würden sie jedem Patienten helfen, erst recht, wenn es um akute Schmerzen gehe. Seine Frau habe in diesem Fall, den er persönlich natürlich nicht genau kennt, sicher nur dazu geraten, einen Übersetzer mitzubringen, damit alles reibungsloser läuft.

 

Der Sprecher der Ärzteschaft versichert mir wenig später, dass ein Fall, wie ich ihn schildere natürlich nicht passieren dürfe und er sich das hier auch nicht vorstellen könne. „Meine Informationen besagen etwas anderes und Sie müssen verstehen, dass wir einer solchen Geschichte im Sinne des öffentlichen Interesses nachgehen müssen“, kontere ich. Unter Ärzten gebe es genau wie in Apotheken Vordrucke in unterschiedlichen Sprachen, die die Kommunikation erleichtern, erklärt er mir und er sei natürlich gerne bereit, mir das in einem Pressegespräch einmal zu erläutern.

 

Auf das Pressegespräch warte ich bis heute. Die ersten beiden Termine, die ich mit ihm mache, muss er leider aus dringenden medizinischen Gründen absagen, doch er verspricht, sich umgehend wieder bei mir zu melden, wenn er Zeit findet. Die Zeit sucht er wohl immer noch und leider ist meine Wut inzwischen auch weitestgehend verraucht, so dass ich nicht mehr nachhake. Bringt ja leider letztlich sowieso nichts. Zumindest habe ich auch schon von etlichen anderen gehört, dass sie ähnlichen Stress mit Ärzten hatten, die sich wohl solange wie möglich weigern, ein zweisprachiges Patientengespräch zu führen.

 

Außerdem überwiegt in unserem speziellen Fall am Ende tatsächlich das Positive. Ihren Termin hat F. nämlich schließlich bei einer Frauenärztin und deren Diagnose lautet: in neun Monaten werden sich die Unterleibsschmerzen von selbst erledigt haben.

 

 

Nur als Ausnahme

Ärger mit Ärzten - Teil 2

 

Der Arzt kritzelt einige Notizen in ein Formular, dann sagt er: „Melden Sie sich damit in der Notaufnahme, die kümmern sich dort um alles weitere.“ Ich folge mit F. den Schildern durch die Gänge des Krankenhauses. Vor allem sie scheint jetzt richtig zuversichtlich zu sein. Gut so.

 

 In der Notaufnahme gibt es eine Anmeldung, dort geben wir das Formular ab, und es gibt ein Wartezimmer, in dem nehmen wir kurz darauf Platz. Scheint mir irgendwie auch typisch deutsch zu sein. Allein in unserer Zeit als Paten haben wir gefühlt schon unzählige Stunden wartend vor irgendwelchen Ämtern verbracht. Weil es hierzulande nun einmal immer ordentlich der Reihe nach geht.

 

Ich erinnere mich an einen Termin mit D., den er neulich um neun Uhr bei der Stadt hatten. Wie immer habe ich ihn sehr zeitig abgeholt, um bloß nicht zu spät zu kommen und einen schlechten Eindruck zu vermitteln. So waren wir zehn Minuten vor der Zeit dort und haben artig vor der Tür gewartet. Um etwas fünf vor neun habe ich dann mal angeklopft und auch die Klinke heruntergedrückt. Die Tür war verschlossen. Um Punkt neun hat die Mitarbeiterin sie dann geöffnet. Von innen. Sie bat uns, noch fünf Minuten zu warten, dann würde sie uns hereinrufen.

 

Ehrlich gesagt war ich ebenso fassungslos wie D. Die nette Mitarbeiterin hat sich offensichtlich in ihrem Büro eingeschlossen, um bloß nicht vor der Zeit von Antragstellern gestört zu werden. Hatte ich so auch noch nicht erlebt. „In Syrien ist das anders“, machte D. mir klar. Dort warte man nicht vor Büros bis man dran ist, dort bekomme man auf den Ämtern eh nur einen Termin, wenn man genügend Bakschisch zahle. Da ist mir das deutsche System dann vielleicht doch lieber.

 

 

Trotzdem nervt mich das Warten, vor allem, weil ich eigentlich schon längst wieder zuhause sein wollte. Mehr als fünf Jahre unseres Lebens verbringen wir im Schnitt mit Warten, habe ich mal gelesen. Ob in Deutschland mehr als in Syrien oder anderswo weiß ich nicht. Aber die meiste Zeit davon wohl vor dem Computer, wenn irgendwelche Programme laden, gefolgt von der Zeit, die wir im Stau stehen und natürlich in den Wartezimmern der Ärzte.

 

Gerade die Zeit könnte man sich ja mit dem Lesen der dort herumliegenden Zeitschriften vertreiben. Blöderweise neige ich aber dazu, mir immer die Dinge aus diesen Zeitschriften zu merken, die ich garantiert nie im Leben brauche. Die nehmen dann in meinem Kopf Platz ein, den ich eigentlich mit sinnvolleren Fakten füllen könnte. Also warte ich mit F. ohne Zeitschrift und tatsächlich ist sie dann auch bald dran.

 

„Worum geht es denn?“, will der junge Mann an der Anmeldung wissen. „Sie klagt über Unterleibsschmerzen“, antworte ich, „mehr kann ich Ihnen nicht sagen, das müsste aber auf dem Formular stehen, das ich Ihnen gegeben habe.“ Er nickt und liest sich den Zettel noch einmal durch. Dann nickt er wieder und fragt: „Sie sind der Ehemann?“ Als Antwort schüttele ich den Kopf und erläutere: „Nein, nur ehrenamtlicher Pate, ich habe sie hergefahren.“

 

 

„Eigentlich hätten Sie zuerst einen Termin beim Hausarzt machen müssen und der hätte Sie dann gegebenenfalls zu uns überwiesen“, belehrt er mich. „Weiß ich ja, aber sie klagte über akute Schmerzen, und ich dachte, hier sei die Chance am größten, dass jemand Arabisch spricht“, versuche ich mich zu erklären. Wieder nickt der Mann. „Ist schon gut, das stimmt ja eigentlich auch, aber eigentlich soll es so eben nicht sein. Das sollte schon die Ausnahme bleiben.“

 

Wie auch immer, F. wird von einem Arzt in ein Behandlungszimmer begleitet und ich nehme noch einmal im Wartezimmer Platz. Diesmal blättere ich dann doch eine Zeitschrift durch und entdecke darin zuerst einen Artikel über unleserliche Handschriften, weil niemand mehr mit der Hand schreibt und auf der folgenden Seite dann einen über Krankenhauskeime. Sehr schnell beschließe ich, jetzt doch nicht mehr zu lesen und stattdessen lieber aus dem Fenster zu starren.

 

Nach einigem Starren kommt F. zurück ins Wartezimmer, strahlt und hält mir ein Rezept unter die Nase. Da ich es natürlich nicht lesen kann, platze ich noch einmal ins Behandlungszimmer und frage den Arzt, wie es denn jetzt weitergeht. F. soll sich erst einmal die beiden Medikamente besorgen und wenn sie nach drei Tagen immer noch Schmerzen hat, soll sie sich beim Hausarzt melden.

 

Fortsetzung folgt...

 

Nur im Notfall

Ärger mit Ärzten - Teil 1

 

F. klagt über Unterleibsschmerzen. Seit drei Tagen hat sie die und es wird nicht besser, sondern schlimmer. „Dann müssen wir mal mit ihr zum Arzt“, stellt Rainer nüchtern fest, „am besten so schnell wie möglich.“ Absolut richtig, nur jetzt am späten Nachmittag ist natürlich kein Arzt mehr zu erreichen. Und morgen? „Ich bin morgen leider den ganzen Tag unterwegs. Kannst du in deiner Mittagspause einen Termin machen?“ „Kann ich schon, aber den direkt morgen wahrzunehmen, schaffe ich auch nicht und dann ist erstmal Wochenende.“

 

Einen festen Hausarzt haben F. und D. noch nicht. Das ist wieder eine dieser Sachen, zu denen wir bis jetzt nicht gekommen sind. War vielleicht doof, das auf die lange Bank zu schieben, aber da weder ie beiden, noch die Kinder bisher krank waren, gingen lauter andere Dinge eben erst einmal vor. Zumindest wissen wir aber, dass wir bei der Ausländerbehörde Behandlungsscheine bekommen, die wir im Fall der Fälle möglichst vor einem Arztbesuch abholen sollen, es ist grundsätzlich aber auch im Nachhinein möglich.

 

Wir sehen uns an, dann F. und schließlich entscheide ich: „Also gut, ich fahre jetzt mit ihr ins Krankenhaus. Da ist auch die Chance am größten, dass jemand Kurdisch oder Arabisch spricht.“ Mir ist schon klar, dass man dort nur im Notfall aufschlagen sollte, aber ich fürchte, manchmal muss man im Leben auch dreist sein, um ans Ziel zu kommen.

 

Unterleibsschmerzen. Frauenprobleme also. Früher in der Schule war das eine beliebte allwöchentliche Ausrede, um nicht am Sportunterricht teilnehmen zu müssen. Im wahren Leben kann es allerdings auch etwas Ernstes sein. Mehr weiß ich dazu nicht und darum halte ich es für angebracht, so schnell wie möglich jemanden zu konsultieren, der sich mit sowas auskennt.

 

 

Wenige Minuten später sitze ich mit F. im Auto und als ich den Motor starte, schleicht sich plötzlich ein Lächeln auf F.s Gesicht. „Bollywood“, sagt sie und deutet aufs Radio. Tatsächlich läuft eine meiner Bollywood-CDs und sie scheint die Songs zu kennen. Bisher habe ich zwar immer wieder erlebt, dass D. und F. auf ihrem Smartphone arabische Musik hören, auf westliche haben sie allerdings kaum reagiert.

 

 Gerade Musik, so dachte ich dann immer, ist etwas, was die Kulturen trennt. Weil mit ihr Emotionen und oft auch kollektive Erinnerungen verbunden sind. Die Hits der 80er, der 90er und das Beste von heute, was bei uns im Radion rauf- und runtergedudelt wird, bedeuten Menschen aus anderen Kulturen eben nichts. Bei mir sind damit meist Erinnerungen an Partys, an romantische Stunden oder an was auch immer verbunden, wodurch diese Songs auch dann noch etwas in mir auslösen, wenn sie mir eigentlich längst zu den Ohren heraushängen müssten.

 

Mit den Songs aus bekannten Bollywoodfilmen scheint dieses Phänomen auch kulturkreisübergreifend zu funktionieren. Sicher bei uns nicht in dem Maße wie mit amerikanischen Popsongs, aber immerhin so, dass sie bei F. und mir Ähnliches auslösen. Ich nehme mir fest vor, mir das zu merken und immer eine Bollywood-CD im Auto zu haben, für den Fall, dass ich sie mal brauche, um die Stimmung aufzuhellen. Noch dazu freut es mich ganz ehrlich, dass ich endlich mal einen Beifahrer habe, der mich nicht schräg von der Seite ansieht und mich bittet, das fürchterliche Gejaule auszumachen. Das ist nämlich die weitaus häufigere Reaktion.

 

 

Am Krankenhaus angekommen melden wir uns am Empfang und ich erkläre nachdrücklicher als ich eigentlich will: „Wir brauchen erstens einen Arzt und zweitens jemanden, der Kurdisch oder Arabisch spricht.“ „Um was geht es denn überhaupt?“, bremst die freundliche Dame mich aus. Okay, sie hat ja Recht. „Wir betreuen eine syrische Familie“, erläutere ich deutlich verbindlicher und deute auf F., „und sie klagt über Unterleibsschmerzen, die seit einigen Tagen schlimmer werden.“

 

Jetzt wendet die Dame sich F. und und fragt: „Was sind denn das genau für Beschwerden, die Sie haben?“ F. versteht die Frage nicht, sieht hilflos zu mir. Ich erläutere, dass F. unsere Sprache noch nicht so gut spricht und wir deshalb hergekommen sind, weil wir dachten, hier sei die Chance am größten, jemanden zu treffen, dem sie all das in ihrer Muttersprache erklären kann. Endlich hat sie die Situation erfasst und tauscht ihre anfängliche Reserviertheit mit Hilfsbereitschaft.

 

Sie klickt im Computer herum und murmelt: „Da muss ich mal sehen, wer heute Dienst hat. Kurdisch und Arabisch, sagten Sie?“ Ich nicke. Nur wenig später hat sie einen Kollegen ausfindig gemacht, ruft ihn an, schildert ihm die Situation und verspricht uns, er sei in fünf Minuten bei uns. Ist er auch tatsächlich, begrüßt mich knapp und wendet sich dann an F. Ich weiß nicht, ob sie Arabisch oder Kurdisch miteinander sprechen, ehrlich gesagt klingt beides für mich noch immer ziemlich gleich. Immer wieder bin ich froh, dass ich mit Englisch und Französisch in der Schule zwei Sprachen gelernt habe, die mit unserer wenigstens verwandt sind. Und vor allem zwei, die dieselbe Schrift benutzen. Denn auch wenn ich die arabische Schrift wunderschön finde, sieht sie für mich immer mehr nach dekorativen Ornamenten aus als nach Buchstaben, Wörtern und Sätzen, die Regeln folgen, die ist irgendwann einmal begreifen könnte.

 

Fortsetzung folgt...

 

Wer soll das alles essen?

Syrische und deutsche Spielregeln - Teil 2

 

Reihum zu würfeln und ausschließlich eigene Spielfiguren dann auf ein klar definiertes Feld zu setzen, kommt mir mit einem Mal sehr deutsch vor. Für die Kinder ist es viel spannender, die Figuren dorthin zu setzen, wo es ihnen am besten gefällt und einfach so lange zu würfeln bis man selbst keine Lust mehr hat oder Bruder oder Schwester einem den Würfel entreißen. Ob das allerdings pädagogisch wertvoll ist und selbst die Entlastung der Eltern bezweifle ich stark. Vor allem, weil der wütend weggeworfene Würfel der gläsernen Schranktür gefährlich nahe kommt.

 

Als F. und D. mitspielen, geht es deutlich besser. So jung sie selber auch sind, sie schaffen es immer wieder spielend, die Kinder zu beruhigen und so zu beschäftigen, dass alle drei zufrieden sind. Nur S. mault noch, weil sie das Spiel doch gerne einmal richtig durchgespielt hätte. „Wir spielen es noch mal, wenn A. und M. nicht dabei sind“, verspreche ich ihr. „Nachher?“, fragt sie und strahlt mich an. Zu gerne würde ich es glaubhaft versprechen, doch da die Kinder beim momentanen Wetter draußen eben nur das gemeinsame Schlafzimmer und das Wohnzimmer zur Verfügung haben, ist es gar nicht so leicht, ihnen allen gerecht zu werden.

 

Ebenso haben wir oft das Gefühl, F. nicht ganz gerecht zu werden. Immerhin ist sie eine junge Frau und – nun ja, wir müssen es uns wohl eingestehen – sind nicht mehr ganz so junge Männer. Sie kümmert sich so rührend um die Kinder, die ja nicht einmal ihre eigenen sind, und gibt sich uns gegenüber so aufgeschlossen, dass wir selbst manchmal vergessen, dass das Frauenbild in ihrer Heimat sich doch deutlich vom hiesigen unterscheidet.

 

Noch dazu geht D. von Anfang an fleißig zu seinen Sprachkursen, doch bis die Mädchen ihren Kindergarten- und M. seinen Krippenplatz hatten, war F. währenddessen zuhause und hatte dementsprechend wenig Kontakte außerhalb der Familie. Auch wenn sie relativ aufgeschlossen ist, denke ich manchmal, dass ihr eine beste Freundin fehlen muss oder überhaupt Frauen, mit denen sie sich über – nun ja – Frauenthemen unterhalten kann.

 

 

Überhaupt glaube ich ja, dass es staaten- und religionsübergreifende Themen gibt, durch die alle Frauen dieser Welt sofort ins Gespräch kommen können und sich dann auch umgehend blendend verstehen. Darum wurden und werden sämtliche Kriege auch immer von Männern geführt. Weil wir diese Männerthemen eben nicht haben. Selbst beim angeblichen Männerthema Fußball kommt es ja schneller zum Streit als ein Schiri überhaupt anpfeifen kann.

 

Wie auch immer, wir sind jedenfalls froh, dass Monika ihren Besuch angekündigt hat und „unsere“ Familie endlich einmal kennenlernen möchte. Auch D. freut sich sehr darüber, doch am meisten leuchten F.s Augen als wir ihnen den Besuch ankündigen. Und das, da bin ich mir sicher, hat nicht nur mit der sprichwörtlichen orientalischen Gastfreundschaft zu tun, sondern eben auch mit diesen ominösen Frauenthemen, von denen ich keine Ahnung habe.

 

Letztere werden mir wohl auch weiterhin verschlossen bleiben, aber von der orientalischen Gastfreundschaft bekommen wir am Wochenende einen bleibenden Eindruck. Schon als wir ins Treppenhaus kommen, empfängt uns ein würzig-vielversprechender Duft. „Du hast doch aber gesagt, dass sie sich bloß keine Umstände machen sollen“, fragt Monika sofort an Rainer gewandt. Selbstverständlich hat er. Und selbstverständlich hat das nichts gebracht.

 

Die Kinder machen uns sofort die Tür auf, fallen erst uns und dann Moni völlig unbefangen um den Hals. D. ist auf dem Balkon und grillt, F. ist in der Küche und brutzelt irgendetwas. Dabei ist der Tisch im Wohnzimmer schon jetzt so voll, dass er sich beinahe durchbiegt. Es mag syrische Tradition sein, vielleicht auch Dankbarkeit oder auch der Wunsch, einmal zu zeigen, was sie kulinarisch drauf haben. Ganz offensichtlich nämlich eine Menge. Zumindest sehen all die verschiedenen Gerichte, bei denen wir nur von wenigen wissen, was es genau ist, verführerisch aus. Trotzdem sehen wir uns an und sagen wie aus einem Mund: „Wer soll das denn alles essen?“

 

 

Kurz darauf serviert D. sein Grillfleisch und F. bringt noch drei weiter Schüsseln aus der Küche, dann setzen wir uns und beginnen damit, uns genüsslich durch alles durchzuprobieren. Besonders das wie eine Mischung aus Spinat und Grünkohl schmeckende Grünzeug hat es uns angetan und wir rätseln noch, was es denn nun genau ist. „Molokhia“, erklärt F., doch wie das genau auf Deutsch heißt, weiß sie leider auch nicht*. „Egal, ist gesund“, beendet D. die Diskussion und füllt jedem von uns noch einen Löffel auf.

 

Es schmeckt wirklich hervorragend, doch es ist eben wirklich auch eine durchaus für 20 Personen ausreichende Menge. Irgendwann müssen wir die Segel streichen, ob das nun nach syrischer Tradition unhöflich ist, oder nicht. „Wenn wir in Syrien Gäste haben, dann essen alle so viel, bis sich keiner mehr bewegen kann“, erklärt D. und bietet uns noch einmal Nachschlag an. „Ich kann mich jetzt schon nicht mehr bewegen“, wehrt Moni ab und ich erkläre, ich würde mich so langsam wie ein gestrandeter Wal fühlen. Als ich F. und D. das entsprechende Foto im Bildwörterbuch rausgesucht habe, können auch sie darüber lachen und nehmen es uns offenbar nicht übel, dass wir Deutschen so früh schlapp machen.

 

Fürs Verdauungskoma bleibt allerdings keine Zeit, denn auch die Kinder wollen etwas von uns haben und jetzt endlich mit uns spielen. Als Überraschung hat Moni ein Mikadospiel mitgebracht, eigentlich ja auch eine gute Idee. Trotzdem befürchten Rainer und ich nach unseren jüngsten Erfahrungen, dass die Kinder mit den spitzen Stäbchen allerlei Dinge anstellen könnten, für die sie nicht gedacht sind. Also bilden wir erst einmal Teams, so dass jedem Erwachsenen ein Kind zugeordnet ist und wir im Zweifelsfalle eingreifen können.

 

Was dann passiert habe ich ehrlich gesagt schon seit Jahren nicht mehr erlebt. Wo wir am Anfang noch darauf achten, den Kindern die Regeln begreiflich zu machen, steigern wir uns mehr und mehr in das Spiel hinein, vergessen die Zeit völlig und spielen Runde um Runde mit wachsender Begeisterung. Vielleicht braucht es manchmal gar keine Frauenthemen, vielleicht gibt es sogar Dinge, die Männer und Frauen auf der ganzen Welt verbinden. Gemeinsam Spaß haben gehört auf jeden Fall dazu.

 

 

*Später google ich, dass Molokhia auf Deutsch „Langkapselige Jute“ heißt. Bei manchen Dingen ist es wohl besser, sie nicht zu übersetzen.

 

Wer ist an der Reihe?

Syrische und deutsche Spielregeln - Teil 1

 

Rainer und Monika führen seit mehr als zwanzig Jahren eine Fernbeziehung. Sie haben sich damals im Urlaub kennengelernt, erst war es nur ein Flirt, dann blieb nach der Rückkehr aber doch etwas, das sich wie Liebe anfühlte. Er fuhr immer häufiger zu ihr nach Bielefeld, bald dann jede Woche und es wurde eine echte Beziehung daraus.

 

Zu ihr zu ziehen oder sie hierher, war immer eine Überlegung, doch nie mehr. Trotzdem schafften sie es mit dieser Wochenendbeziehung, die Kinder großzuziehen, sich dort eine gemeinsame Wohnung zu suchen und nach vielen Jahren dann auch endlich mal zu heiraten. Es war eine der schönsten Hochzeiten, bei denen ich je zu Gast war, weil es völlig unverkrampft, ja irgendwie erwachsen und ohne diesen ganzen Stress und den unbedingten Willen zum Perfektionismus ablief.

 

Ehrlich gesagt war nicht nur die Hochzeit, sondern ist ihre gesamte Beziehung für mich der Inbegriff von Romantik. Von außen betrachtet ist es sicherlich stressig, jeden Freitag zweihundert Kilometer hin und sonntags zweihundert Kilometer zurück zu fahren. Trotzdem hat Rainer seinen Job hier nie aufgegeben und verlagert sein Privatleben größtenteils aufs Wochenende. Dass die beiden dabei immer noch verliebt sind wie am ersten Tag und mit jedem Stress fertig zu werden scheinen, bewundere ich sehr.

 

 

Außerdem bin ich natürlich ganz egoistisch und froh, dass Rainer noch hier ist, denn selbst Freundschaften über eine solche Entfernung wirklich intensiv zu pflegen, ist nun mal nicht einfach. Noch dazu muss ich bei allem Spaß, den unsere ehrenamtliche Arbeit macht, auch ganz klar sagen: ganz allein würde ich es nicht schaffen. Dazu sind es einfach zu viele Behördengänge, Anträge und Sprachschwierigkeiten, die dann ja noch mehr ins Gewicht fallen würden.

 

Da wir uns die Arbeit aber teilen, bleibt genug Zeit, damit wir auch emotional für D., F. und die Kinder da sein können. Und vor allem, auch mit ihnen zu spielen. Genau das brauchen S., A. und M. nämlich. Solange sie noch nicht in den Kindergarten gehen, sind sie ja fast immer mit ihren Eltern allein in der Wohnung, zumal es in der Nachbarschaft wenig Kinder im gleichen Alter zu geben scheint. Auch das war bei uns damals vollkommen anders.

 

Meine Eltern haben Anfang der 80er Jahre ein Haus in einer Neubausiedlung gekauft, genau wie dutzende andere Familien auch, die beruflich auf einem geraden Weg waren und sich das ersehnte Eigenheim endlich leisten konnten. Somit waren wir Kinder in der Straße fast alle im gleichen alter und noch dazu so viele, dass immer jemand zum Spielen da war. Ich weiß gar nicht, ob es sowas heute noch gibt oder ob es nicht typisch für den Wohlstand der 80er ist.

 

Andererseits kommen auch gerade viele Flüchtlingsfamilien nach Deutschland, die sich wie F. und D. eine bessere Zukunft für ihre Kinder wünschen, vor allem eine, die nicht von Krieg und Verlust geprägt ist. Somit könnte auch hier gerade eine Generation heranwachsen, die viel gemeinsam hat und sich vielleicht in zwanzig Jahren ebenso an Kindersitze und Anschnallpflicht im Auto, kalte Winter mit viel Schnee, die DRK-Kleiderkammer, die täglichen Anrufe in der Heimat und die vielen anderen neuen Eindrücke eines fremden Landes erinnert wie wir damals ans samstägliche Baden mit dem Playmobil-Piratenschiff, nach dem wir dann noch Wetten Dass gucken durften. Zumindest wünsche ich mir das.

 

 

Allerdings könnte es bis dahin auch ein weiter Weg werden. Rainer hat heute nämlich ein Spiel mitgebracht, dass wir mit den dreien ausprobieren wollen. Gar nicht so einfach. Auf Deutsch klingen die Regeln ziemlich einfach, auf Arabisch würde ich vermutlich auch nichts verstehen. Noch dazu findet A. es viel spannender, die Spielfiguren alle in einer Reihe aufzustellen und nicht sortiert nach Farben auf ihren Startfeldern. M. hingegen ist von den Würfeln fasziniert, allerdings weniger von ihrer eigentlichen Funktion als vielmehr davon, wie weit man sie durch Zimmer schleudern kann. S. will unbedingt mit uns spielen, überlegt nach einer Weile aber sehr angestrengt, wie sie ihre nervigen kleinen Geschwister loswerden kann.

 

Mensch ärgere dich nicht müssen wir in diesem Falle wörtlich nehmen und alle Kraft aufbringen, um ruhig und gelassen zu bleiben. Haben wir zu viel erwartet? Spielt man in Syrien überhaupt Brettspiele? Ja, natürlich, auch D. und F. können Schach und wollten sich sogar schon Figuren und ein Brett kaufen. Nur wie verbreitet Spiele für Kinder sind, weiß ich nicht. Auch bei uns wurden die wahrscheinlich nur erfunden, weil die Winter so lang sind und Eltern nicht wussten, wie sie ihre Sprösslinge über all die Monate in der Wohnung beschäftigen sollten.

 

Okay, später kam dann auch ein pädagogischer Aspekt dazu. Den würden wir ja gerade auch gerne im Blick haben, viel wichtiger ist allerdings, dass die Würfel nicht gleich auf nimmer Wiedersehen unterm Sofa verschwunden sind und A. das rote Männchen nicht verschluckt. Wir sollten unsere Ziele deutlich kleiner stecken, merken wir.

 

Fortsetzung folgt...

 

Euphorisierendes ehrenamtliches Engagement

Vom Untergang des Abendlandes - Teil 2

 

„Es wird immer schwieriger, die frei in der Gesellschaft herumwabernden Werte zu begründen“, machte er letztlich auch deutlich, warum die Kirche es heute oft so schwer hat, Menschen zu erreichen. Mich beeindruckten seine Ausführungen und beschäftigten mich noch lange. Wenn ich andere Glaubensrichtungen verdamme, ist es natürlich einfacher, meine eigene als die richtige hinzustellen. Allerdings möchte ich nicht in einer Zeit oder einem Land leben, in der mir die Obrigkeit vorschreibt, woran ich zu glauben habe. Ehrlich gesagt würde ich nicht einmal in einem Staat leben wollen, der allen meine Überzeugungen aufdrückt.

 

So wichtig mir mein christlicher Glaube auch ist, mein Glaube an die persönliche Freiheit ist mindestens ebenso groß. Und ehrlich gesagt denke ich auch, dass das nicht einmal ein Widerspruch ist. Genaugenommen sagt die Bibel ziemlich klar, dass Gott uns als freie Menschen geschaffen hat, die wir immer zwischen richtig und falsch, zwischen gut und böse wählen können. Das gilt im Großen wie im Kleinen und ist meiner Meinung nach letztlich das, was uns ausmacht.

 

 

Trotzdem oder gerade deshalb schätze ich auch, dass mein Glaube mir Orientierung gibt und mir eine Ethik vorgibt, mit der es sich gut leben lässt. Ein wichtiger Aspekt darin ist für mich wie gesagt die Nächstenliebe. Genau deshalb machte es mich froh und vielleicht sogar ein wenig stolz, dass unser Kirchenkreis in der Flüchtlingsdebatte schon ziemlich früh Farbe bekannte. Damals war es nicht nur der Superintendent, sondern auch noch einige andere, die ganz klar feststellten: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, heißt es in der Bibel, damit ist eigentlich alles zu diesem Thema gesagt.“

 

Das galt ja nicht nur für unseren Kirchenkreis, sondern für die gesamte Landeskirche. Als plötzlich alle Medien darüber berichteten, dass unser Landesbischof Flüchtlinge bei sich aufgenommen hatte, beeindruckte mich das sehr. Nicht, weil ich an der Einstellung der Kirche zweifelte, sondern weil ich sie im Hinblick auf die deutliche Zurückhaltung im Dritten Reich als feiger eingeschätzt hatte.

 

Umso mehr freut es mich im Moment, wenn sie Stellung zu gesellschaftlichen Fragen bezieht und sich nicht heraushält. Vor allem freut mich aber, dass die Verkündung der Standpunkte nicht nur dem Landesbischof überlassen wird, sondern dass sich eben auch die Pastoren hier zu Wort meldeten und das mitunter eben so eindringlich wie unser Superintendent auf diesem Neujahrsempfang.

 

Durch die Orientierungslosigkeit, führte er übrigens weiter aus, sind heute viel weniger ethische Systeme der Maßstab allen Handelns, sondern oft fast ausschließlich persönliche Bedürfnisse. Auch damit liegt er meiner Meinung nach nicht so falsch, zumindest habe ich das Gefühl, dass viele Leute heute und wahrscheinlich gerade die sogenannten Verfechter des christlichen Abendlandes mit Kants kategorischem Imperativ nichts mehr anzufangen wissen.

 

 

Wer das christliche Abendland retten wolle, müsse es ganz sicher nicht vor dem Islam retten, sagte er und wenn ich es richtig deute, verkniff er sich dabei nur mühsam einen Seitenhieb auf polarisierende Medien oder populistische Politiker. Die Überlegung, ob es überhaupt gut sei, dieses untergegangene Abendland der Verschmelzung von Staat und Kirche zu retten, äußerte er dagegen laut. All das mögen keine gänzlich neuen Ansichten sein, mir tat es aber gut, sie von einem Mann der Kirche einmal so differenziert in einen Kontext gestellt zu bekommen.

 

Die Lust werde zum Indikator für ein erfülltes Leben, meinte er, also ein rein subjektives und sogar von der momentanen Situation abhängiges Empfinden. Alles andere macht ja auch keinen Sinn, wenn das Vertrauen in jegliche moralische Instanz erschüttert ist. Das Handeln wird also nicht mehr nach moralisch richtig oder falsch bestimmt, sondern allein dadurch, ob es das persönliche Glück vermehrt. „Doch Glück entsteht nicht allein durch Lust“, schloss er und fügte augenzwinkernd hinzu, „deshalb macht ehrenamtliches Engagement oft glücklicher als eine heiße Nacht.“

 

Was das angeht, muss ich ihm absolut Recht geben. Bevor ich mich jetzt allerdings darüber auslasse, wieviel deutlicher mir manche Glücksmomente mit D., F. und den Kindern in Erinnerung geblieben sind als so mancher Sex, sollte ich dieses Kapitel wohl lieber beenden. Allerdings nicht, ohne an dieser Stelle einmal zu betonen, wie froh ich bin, dass ich evangelisch bin und dass unsere Geistlichen einen solchen Vergleich überhaupt ziehen können.

 

Pointierte pastorale Provokation

Vom Untergang des Abendlandes - Teil 1

 

Wenn ich bekenne, dass ich Christ bin, bekomme ich von anderen oft zu hören, welche Schuld die Christen bei den Kreuzzügen, der Eroberung Südamerikas und so weiter auf sich geladen haben. Der Hinweis, dass es dabei ja nicht um den Glauben an sich, sondern um Machtansprüche der katholischen Kirche oder weltlicher Herrscher ging, trifft meist auf taube Ohren. Eigentlich ganz genau wie in vielen Diskussionen über islamischen Fundamentalismus, wenn jemand verzweifelt klarzustellen versucht, es seien ja nicht alle Muslime so drauf.

 

Wahrscheinlich hat sich jede Religion und überhaupt jede Ideologie mit ihren negativen Auswüchsen herumzuärgern, weil wir Menschen es nun einmal beherrschen, tatsächlich alles ins Negative verdrehen zu können. Da wird dann ein Glaube, der grundsätzlich auf Nächstenliebe und durchaus nützlichen Moralvorstellungen beruht, dann missbraucht, um Kriege zu führen und sich über Andersdenkende zu erheben. Das war schon immer so und wird vermutlich auch immer so sein.

 

Deutlich bewusst wurde mir das bei einem Neujahrsempfang der Kirche, bei dem es thematisch um das christliche Abendland ging. Ein Pastor im Ruhestand zeigte dabei sehr pointiert auf, wie Europa überhaupt zum christlichen Abendland wurde, nämlich durch nichts anderes als durch das Schwert. Die jeweiligen Landesherren bestimmten, welches die richtige Religion war und natürlich konnte das zwischen Christen, Juden und Muslimen nicht gutgehen. Zwischen Katholiken und Protestanten auch nicht. Und ebenso wenig zwischen Kirche und Staat.

 

 

Das christliche Abendland war also im Grunde etwas, das von Konflikten geprägt war und mehr eine Sehnsucht nach einer einheitlichen Kultur ausdrückte als etwas natürlich Gewachsenes. Vor allem wurde es aber schon immer als etwas hingestellt, was verteidigt werden müsse, egal gegen wen, je nachdem, was gerade angesagt war, mal gegen die Juden, mal gegen den Kommunismus und heute wohl gegen die Islamisierung.

 

 Besonders beeindruckte mich an diesem Abend dann unser Superintendent, der sich als Mann der Kirche hinstellte und ohne mit der Wimper zu zucken behauptete: „Das christliche Abendland ist längst untergegangen.“ Natürlich war das provokativ gemeint und verfehlte auch seine Wirkung nicht, weder bei den Zuhörern, noch am nächsten Tag in den regionalen Medien. Allerdings blieb es nicht bei der pointierten Provokation, sondern er belegte seine These auch noch schlüssig.

 

 

Die europäische Kultur vergangener Zeiten sei nicht mehr unsere heutige, meinte er. Die Kirche und der Glaube erheben längst nicht mehr den Anspruch, sich in die weltliche Ordnung einzumischen. Vielmehr leben wir inzwischen in einem Zeitalter der klaren Trennung zwischen Staat und Kirche, was aus seiner Sicht sowohl positive wie auch negative Aspekte habe. Die positiven liegen auf der Hand, so führte er aus, wenn man sich den Frieden hier ansieht, die Religionsfreiheit und gänzlich fehlende Anfeindungen gegen die evangelische Kirche.

 

Ehrlich gesagt habe ich das noch nie so gesehen. Ich habe mir nie wirklich Gedanken darüber gemacht, wie es wäre, wegen meines Glaubens ausgegrenzt oder angefeindet zu werden. Musste ich mir nicht machen. In früheren Jahrhunderten war das selbst hier in meiner ach so geschätzten Heimat deutlich anders.

 

Allerdings gebe es auch eine negative Seite, erläuterte unser Superintendent weiter. Diese Toleranz gegenüber anderen Wertvorstellungen führe nämlich auch dazu, dass jeder Mensch sich selbst Gedanken über Moral machen muss und daher nicht selten zu einer Orientierungslosigkeit. Wir leben in einer Zeit, in der das Wissen immer größer wird, in der jeder sich spezialisieren muss und damit aber die Gesamtheit aus dem Blick verliere. Das hat bei vielen Menschen zur Folge, dass sie sich gerade in den grundsätzlichen Fragen des Lebens unsicher fühlen und sich nach absoluten Wahrheiten sehnen.

 

Fortsetzung folgt...

 

Die passende Zeit wird kommen

Glaubensfragen - Teil 2

 

Mit der zweisprachigen Bibel komme ich nicht so schnell voran, denn, ich gebe zu, ich habe es schon fast wieder vergessen als ich zwei Tage später in Hannover bin und nach einem Termin noch Zeit habe, durch die Innenstadt zu bummeln. Seit ich in der Kleinstadt wohne, mache ich das echt gerne, gar nicht unbedingt zum Shoppen, sondern vielmehr, um dem Maler zuzusehen, der mit Kreide ein ebenso flüchtiges wie großartiges Kunstwerk aufs Pflaster zaubert, oder bei Straßenmusikern stehenzubleiben und mich nicht selten zu fragen, warum andere, die weit weniger Talent haben, Plattenverträge bekommen. Aber darum soll es ja jetzt gar nicht gehen.

 

Als ich nämlich gedankenverloren durch die Fußgängerzone laufe, stoße ich fast mit einem jungen Mann zusammen, der mir ein unscheinbares Büchlein unter die Nase hält. „Das Neue Testament“ steht in goldenen Buchstaben darauf. „Darf ich dir eine Bibel schenken?“, fragt er und weist auf den Büchertisch, den ich, obwohl ich direkt darauf zulaufe, gar nicht wahrgenommen habe. Keine Zeugen oder so, sondern ein evangelischer Verein, der in Innenstädten kostenlos Bibeln verteilt. „Danke“, wiegele ich fast schon automatisch ab, „ich hab' schon 'ne Bibel.“

 

Dann werde ich aber doch noch wach und füge hinzu: „Allerdings könnte ich eine auf Arabisch brauchen.“ Jetzt lächelt er, führt mich zum Büchertisch und hakt nach: „Aber du bist kein Araber, oder?“ Kurz erzähle ich ihm, dass ich mich gemeinsam mit einem Freund um eine syrische Flüchtlingsfamilie kümmere und dass wir neulich bei einem Gespräch über Religion mal wieder an der Sprachbarriere gescheitert sind. „Dann nimmst du deiner Familie eine zweisprachige Bibel mit, und vielleicht lesen sie ja mal darin und finden Antworten“, sagt er und drückt mir das Neue Testament in Arabisch und Deutsch in die Hand.

 

 

Zurück in Osterode ruft Rainer mich an, dass er gerade bei F. und D. ist und fragt, ob ich auch noch vorbeikomme. Die Bibel nehme ich gleich mit und drücke sie den beiden in die Hand, ohne weiter darauf einzugehen. Die passende Zeit, um ihnen zu erklären, warum es mir wichtig ist, wird schon noch kommen. Im Moment bleibt dazu keine Zeit, denn die Kinder freuen sich, mich zu sehen und noch jemanden zum Herumtoben zu haben. Soll mir recht sein. Genaugenommen genieße ich das sehr und bin immer noch froh, dass alle drei keine Berührungsängste zeigen und meistens ausgelassen sind als ob sie nie etwas anderes als dieses heile Familienleben erlebt haben.

 

Vor allem bei M. scheint es echt so zu sein, dass er alle Erinnerungen an die Flucht längst verdrängt hat, bei den Mädchen, insbesondere bei A., kommt es mir manchmal so vor als tauchen einige Bilder aus der Vergangenheit wieder auf. Doch im Moment verblassen diese Bilder neben der momentanen Familienidylle wohl.

 

„Die Zeugen waren übrigens schon wieder da“, reißt mich Rainer aus meinen Gedanken. Schon nach dem ersten Besuch hatte er seiner Frau Monika davon erzählt, die nur vehement gefordert hatte: „Warum habt ihr die nicht gleich wieder vor die Tür gesetzt?“ Also frage ich ihn, ob er sie diesmal rausgeschmissen hat, und er antwortet: „War gar nicht nötig. F. hat die Tür gar nicht erst aufgemacht.“

 

Für einen Moment überlege ich, ob ich sie mit meiner Bibel zu sehr bedränge oder ob ich wie so viele Christen in unserem Land eigentlich zu übervorsichtig bin, wenn es um Glaubensfragen geht. Natürlich will ich niemandem meine Meinung aufdrücken oder irgendwie religiöse Gefühle verletzen, doch das heißt ja noch lange nicht, dass ich meine eigenen Überzeugungen verbergen muss, oder? Schließlich lebe ich als Protestant in der Tradition Martin Luthers, und dem war es wichtig, dass jeder die Bibel in seiner Sprache lesen kann, um selbst darüber nachzudenken und sich eben nicht von anderen den Glauben erklären lassen zu müssen.

 

 

Eine Antwort, darauf, noch dazu eine erstaunliche, bekomme ich dann als ich das nächste Mal bei F. und D. bin und die Kinder gerade im Kinderzimmer beschäftigt sind. Von sich aus schneidet D. das Thema Christen und Muslime erneut an. Er erzählt mir, dass er als Kurde für viele Syrer ohnehin nur ein Muslim zweiter Klasse ist, für die Fundamentalisten des IS sowieso, aber auch für viele andere. Offenbar macht ihm das zu schaffen und wirft Fragen auf.

 

Unterschiedliche Strömungen gibt es auch im Christentum, mache ich ihm klar. Schließlich ist es noch nicht so lange her, dass es auch hierzulande Glaubenskriege zwischen Katholiken und Protestanten gab, zumindest aber gewisse Vorbehalte, Einschränkungen und gegenseitige Abgrenzung. Für mich steht einfach fest, dass Religion etwas Persönliches ist und keinesfalls gesellschaftliche Auswirkungen auf was auch immer haben sollte. Aber das ist eben nur meine Ansicht und auch bei uns in Deutschland gibt es genug Menschen, die anders denken.

 

„Bei euch Christen ist es aber so, dass ihr immer anderen helfen wollt“, sagt D. jetzt, „bei Muslimen ist das anders.“ Ja, die Nächstenliebe ist für mich so ziemlich der wichtigste Aspekt meines Glaubens, versuche ich ihm klarzumachen. Doch auch da bin ich mir nicht sicher, ob sich das verallgemeinern lässt.

 

Jehovas Zeugen waren schon da

Glaubensfragen - Teil 1

 

D. hält mir eine Broschüre unter die Nase. Darauf prangt eine ziemlich kitschige Christus-Darstellung zwischen arabischer Schrift, die ich ja leider nicht lesen kann. Also blättere ich erst einmal ziemlich ratlos darin herum und entdecke weitere pathetische Bilder, die auf mich die gegenteilige Wirkung von dem haben, was die Grafiker vermutlich beabsichtigten.

 

Nun habe ich ohnehin Vorbehalte gegen allzu plakativ dargestellten Glauben. Meine Beziehung zu Gott ist für mich etwas sehr Persönliches und eher Stilles und seit jeher sind mir jene Menschen, die ihre Religiosität allzu offensichtlich und womöglich auch noch kämpferisch zur Schau stellen äußerst suspekt. Das gilt in erster Linie für alles, was mir zu fundamentalistisch vorkommt, aber auch für jene schwärmerische Form des Glaubens, den wir als Jugendliche im Konfirmandenunterricht bei einigen in der Gemeinde engagierten Damen so überaus lächerlich fanden.

 

Egal, beim Anblick der bunten Bildchen kommt mir allmählich ein Verdacht und die verlässlich in unserer Schrift angegebene Webadresse im Impressum bestätigt ihn schließlich. Es ist ein Heftchen der Zeugen Jehovas, die, wie D. mir erzählt, gestern geklingelt haben, um mit ihm mal über Gott zu sprechen. Was das angeht, sind sie eindeutig schneller als die Katholiken und Protestanten, allerdings sind wohl auch sie ziemlich schnell an der Sprachbarriere gescheitert.

 

 

Dennoch haben sie D. die Broschüre dagelassen und ihn ganz offensichtlich dazu gebracht, sich eingehend damit zu beschäftigen. Zumindest hat er die Texte gelesen und hat jetzt an mich einige Fragen zu unserer Religion. Leider scheitert es auch hier vor allem an der Sprache, dass ich nicht immer verstehe, worauf er hinaus will und ihm eben auch nur einen Bruchteil von dem begreiflich machen kann, was ich ihm gerne über meinen evangelischen Glauben mitgeben möchte. Trotzdem sträubt sich in mir alles dagegen, ausgerechnet den Zeugen Jehovas die Deutungshoheit über das Christentum zu überlassen.

 

Wieder zuhause schreibe ich umgehend eine Mail an die Pressestelle unserer Landeskirche und erkundige mich, ob es nicht auch von uns Materialien gibt, mit denen wir muslimische Flüchtlinge über unsere Kirche und unseren Glauben informieren können, ohne dabei gleich zu missionieren und sie zu bedrängen. Immerhin schreibe ich unter anderem für die Kirche, da sollte ich die Verbindungen doch auch nutzen. Außerdem bekomme ich auch noch am selben Tag eine Antwort, an wen ich mich wenden könne, um eine zweisprachige Bibel zu bekommen.

 

Die nächste Mail schiebe ich dann allerdings erst einmal auf die lange Bank. Zum einen, weil ich andere Dinge im Kopf habe, zum anderen, weil eine zweisprachige Bibel eigentlich nicht das ist, was ich mir vorgestellt habe. Wäre ich in einem muslimischen Land, würde ich mir niemanden wünschen, der mir einen Koran in die Hand drückt, sondern vielmehr jemanden, der mich an die Hand nimmt und mir einige Grundzüge des Islam erläutert.

 

 

Auch wenn ich für mich selbst eine religiöse Überzeugung habe, muss die noch lange nicht für andere gelten, denke ich. Daher habe ich schon immer mehrere Schritte rückwärts gemacht, wenn mich jemand von seinen Ansichten zu überzeugen versuchte und das übrigens nicht nur in Sachen Religion. In allem, was nicht faktisch eindeutig ist, möchte ich gerne die Chance bekommen, erst einmal selbst nachzudenken und mir eine eigene Meinung bilden, bevor ich einen Standpunkt einnehme. Wer das nicht akzeptieren kann und mir seine Sichtweisen aufzudrücken versucht, der muss bei mir mit einem ausgeprägten Fluchtreflex rechnen.

 

Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich gleich an den ersten Tagen als wir unseren türkischen Nachbarn I. und seine Familie kennenlernten, ihn bat, D. doch mal die hiesige Moschee zu zeigen und ihn vielleicht einigen Leuten vorzustellen, wenn er das will. Mir jedenfalls wäre es wichtig, in der Fremde andere Christen zu treffen, weil mir das eben in gewisser Weise vertraut ist und damit Sicherheit gibt.

 

Außerdem kam ich neulich mal unangekündigt vorbei und die Kinder empfingen mich an der Tür mit den Worten „Papa betet gerade.“ Ich nickte D. nur zu und gab ihm zu verstehen, dass ich ihn nicht stören wollte. Sowas hat für mich mit Respekt gegenüber jedem Glauben und vor allem gegenüber jedem Menschen zu tun. Etwas irritiert war ich allerdings, dass D. zum Beten auf einem einfachen Handtuch kniete, so dass ich I. kurz darauf fragte, ob es hier denn nicht irgendwo Gebetsteppiche zu kaufen gebe. „Brauchst du nicht“, kam prompt die Antwort, „ich habe noch einen, den ich ihm geben kann.“

 

Fortsetzung folgt...

 

Vier Männer und eine Lampe

Mehr Licht, weniger Salz - Teil 2

 

Somit kann ich durchaus verstehen, dass die Lampe D. und F. nicht gefällt, allerdings waren wir alle erst einmal froh, dass sie überhaupt vorhanden war. Nun geht es den beiden jedoch gar nicht um Geschmack, sondern um die Helligkeit. „In Syrien sind Lampen heller“, macht er uns klar. Und vermutlich schöner, füge ich in Gedanken hinzu und bleibe bei dieser Auffassung bis D. anfängt, mein Bildwörterbuch zu wälzen.

 

Als er schließlich gefunden hat, was er sucht, hält er uns das Bild einer schlichten Neonröhre unter die Nase und fragt, wo er so eine kaufen könne. Rainer und ich sehen uns fragend an. Meint er das gerade ernst? Will er sich tatsächlich eine Neonröhre ins Wohnzimmer hängen? Das wäre dann definitiv der Gegenentwurf zur typisch deutschen Gemütlichkeit der 80er. Trotzdem versprechen wir natürlich, am nächsten Tag mit ihm in den Baumarkt zu fahren und uns dort einmal umzusehen.

 

Gesagt, getan und so durchstöbern wir tags darauf zu dritt die Lampenabteilung, die von farbigen, blinkenden LEDs bis hin zum Fake-Kronleuchter nahezu alles zu bieten hat. D. sieht sich alles an, doch schüttelt immer wieder den Kopf. Er möchte eine helle Lampe, sagt er und zeigt mit den Händen eine lange Röhre. Dann entdeckt er in einer Ecke tatsächlich einen unscheinbaren Pappkarton mit schlichten Neonröhren für fünf Euro darin. Super Sonderangebot, weil die vermutlich eh kaum jemand kauft, und wenn, dann nur für die Garage oder so.

 

Doch D. strahlt übers ganze Gesicht, versichert uns noch mehrfach, dass das genau die Wohnzimmerlampe ist, die er sich vorstellt und wir begleiten ihn schließlich zur Kasse. „Hast du sowas schonmal anmontiert?“, fragt mich Rainer. „Nö, du?“ Okay, dann gilt es also, das nächste Problem in Angriff zu nehmen.

 

 

Rainer ruft nun seinen Bruder an, der verspricht, noch heute herzukommen. Er habe eigentlich schon die ganze Zeit gehofft, dass er auch einmal helfen kann, sagt er, um sich selbst um eine Flüchtlingsfamilie zu kümmern, fehle ihm die Zeit, doch er findet unser Engagement so gut, dass er sofort alles stehen und liegen lässt. Sowas gibt es eben auch.

 

Die Zeit, die er bei der Anfahrt eingespart hat, haben wir aber schon bald wieder raus. Natürlich lässt sich die Lampe nicht so einfach anbringen, wie wir zunächst dachten. Theoretisch geht es nur darum, auszumessen, wo genau sie unter die Decke soll, die Anschlüsse durch die Halterung zu fummeln und dann zwei Löcher zu bohren. Leider ist günstig eben manchmal auch billig, was in diesem Fall bedeutet, dass die Halterung aus ziemlich biegsamen Plastik ist und sich schon dann komplett verzieht, wenn wir die Kabel hindurchfriemeln. Dadurch ist sie in sich schief, die Löcher für die Schrauben stimmen nicht mehr mit unseren Markierungen überein und überhaupt sind die Schrauben viel zu dick für die vorgefertigten Löcher.

 

„Was habt ihr da eigentlich für einen Scheiß gekauft“, fragt Rainers Bruder nun schon zum dritten Mal und inzwischen bricht sogar D. mit uns in schallendes Gelächter aus, weil er einen neuen deutschen Satz gelernt hat und vielleicht auch etwas über die Qualität deutscher Sonderangebote in Baumärkten. Jedenfalls stehen jetzt seit fast einer Stunde vier Männer um eine Plastiklampe herum und verzweifeln langsam, weil alles nicht so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt haben.

 

 

Die Kabel sind störrisch und wollen einfach nicht in den dafür vorgesehenen Halterungen bleiben, die mitgelieferten Schrauben sind inzwischen durch andere ausgetauscht, die nicht nur durch die Löcher passen, sondern sogar noch lang genug sind, um in der Decke stecken zu bleiben und überhaupt sieht die ganze Lampe nun nicht mehr einfach und schlicht, sondern sehr modern gewunden aus. Die Leuchtstoffröhre passt nun allerdings nicht mehr rein. Also muss das Teil noch einmal ab, zurechtgebogen werden, die Kabel anders herum hinein, dann wieder an der Decke fixiert werden und so festgeschraubt, dass sie nur noch in der Mitte etwa zwei Zentimeter durchhängt.

 

Immerhin aber hängt sie und D. ist auch noch glücklich. Er hat jetzt mehr Licht und wenn ich ehrlich bin, ist das vom Prinzip her tatsächlich praktischer als die düstere 80er-Jahre-Funzel. Über Geschmack lässt sich ohnehin streiten und ich erinnere mich noch an die entsetzten Gesichter meiner Eltern, als ich mir damals eine Schwarzlicht-Neonröhre in mein Zimmer hängte. Rückblickend war die vermutlich schlimmer als das krumme Ding, das jetzt bei F. und D. im Wohnzimmer hängt.

 

„Wie können wir dir danken?“, fragen wir schließlich noch Rainers Bruder, doch der winkt großzügig ab. „Braucht ihr nicht“, sagt er, „wenn überhaupt, dann ladet mich irgendwann mal zu 'nem Bier ein und alles ist gut.“ Rainer und ich sehen uns an, fangen an zu lachen und sagen dann fast gleichzeitig: „Glaub uns, das willst du nicht wirklich...“

 

Bier aus den sieben Weltmeeren

Mehr Licht, weniger Salz - Teil 1

 

Als Rainer und ich bei F. und D. ankommen, sind der Vermieter und seine Frau gerade zu Besuch. Sie erklären den beiden gerade wortreich, dass sowohl sie als auch die Familie unten den Garten selbstverständlich nutzen dürfen, aber dementsprechend auch einige Pflichten haben und beim Rasenmähen helfen sollen. Rainer guckt mich an und ohne Worte weiß ich, dass er sagen will: „Wir halten uns aus der Diskussion raus, das ist nicht unser Bier.“

 

Wie es sich für einen etwas kühlen, aber sonnigen Nachmittag auf dem Balkon gehört stehen übrigens tatsächlich einige Dosen Bier auf dem klapprigen Gartentisch. Von D. stammen die nicht, bin ich mir fast sicher und als ob der Vermieter meinen Gedanken gelesen hat, bestätigt er: „Ich hab' mal 'n paar Dosen mitgebracht, richtig gutes deutsches Bier kennen die da ja gar nicht.“ Ich sage nichts dazu, stelle nur im Stillen fest, dass D. nicht gerade den Eindruck macht als würde er unter diesem Umstand sonderlich leiden.

 

Auch Rainer ist gerade ziemlich einsilbig als die Vermieterin ihm erklärt, wo im Keller Besen und für den Winter auch der Schneeschieber und Streusalz verstaut sind. Ist, wie gesagt, nicht unser Bier. Trotzdem frage ich mich, ob es in Syrien im Winter überhaupt schneit. Grundsätzlich ist es wärmer als hier, soviel haben F. und D. uns schon deutlich zu verstehen gegeben als wir für die Kinder warme Jacken kauften.

 

 

Ich erinnere mich noch gut an eine Tour durch den Harz mit der aus Kuba stammenden Frau meines Vaters und ihrem gemeinsamen Sohn, die bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal Schnee sahen. Sie war mindestens ebenso begeistert wie der Kleine und beide konnten gar nicht genug bekommen von diesem seltsamen weißen Zeug, das man in der Karibik nur aus dem Fernsehen kennt. Weniger begeistert war sie von dem wunderbaren alten Fachwerkhaus, in dem ich wohne. „Warum wohnst du in einer Ruine?“, fragte sie mich und erläuterte mir später den kubanischen Aberglauben, dass die Seelen früherer Bewohner in alten Häusern zu spüren sind und jeder, der es sich leisten kann, somit alles daransetzt, ein neues Haus zu bauen, in dem er der erste Bewohner ist. Wenn ich richtig informiert bin, dann ist dieser Glaube auch in Afghanistan und der arabischen Welt relativ verbreitet. Insofern können F. und D. ja froh sein, dass sie nur in einem Haus aus den 70er Jahren untergekommen sind. Die einzigen, die uns hier immer wieder mal auf den Geist gehen werden, sind die Vermieter, vermute ich mal.

 

Irgendwann verabschieden sich die beiden und ich habe den Eindruck, dass auch D. und F. nicht so traurig darüber sind. Unser aller Blick fällt auf die Bierdosen auf dem Tisch. Ich frage D., ob er als Moslem überhaupt Alkohol trinkt und er macht uns klar, dass er und seine Familie das längst nicht so streng sehen wie andere Muslime. Trotzdem trinke er sehr selten Alkohol und F. gar nicht. Da blitzt sie dann doch wieder auf, die unterschiedliche Rolle von Mann und Frau in der arabischen Welt.

 

 

Wenn das Bier aber schon mal hier ist, will er uns zeigen, wie man es in Syrien – wenn überhaupt – trinkt. Nämlich nicht pur, sondern mit Zitrone und Salz. „Salz?“, rutscht es mir heraus und ich sehe ihn fragend an. Er konsultiert noch einmal die Übersetzungs-App und bestätigt dann: „Salz.“ Bevor wir noch etwas sagen können, verschwindet er in der Küche und kommt kurz darauf mit drei gefüllten Gläsern zurück.

 

Noch vorsichtig nippe ich daran. Bier mit Zitrone, okay. Aber Salz geht gar nicht. Vor allem, weil es auch nicht gerade wenig ist. Das Gemisch schmeckt ehrlich gesagt als habe es jemand durch alle Weltmeere gezogen und zieht in meinem Mund alles zusammen. Rainer meint, ich soll mich nicht so anstellen und trinkt tapfer noch einen Schluck. Ich rede mich allerdings damit raus, dass ich ja mit dem Auto da bin und dass Alkohol im Verkehr hierzulande gar nicht geht. Das ist zwar nur die halbe Wahrheit und vielleicht auch etwas unhöflich, aber D. und F. können darüber lachen und nehmen es mir nicht übel.

 

Kurz darauf kommen wir an den nächsten Punkt, an dem syrischer und deutscher Geschmack offenbar deutlich auseinander gehen. „Mehr Licht“, versucht D. uns zu erklären, worauf er hinaus will. Ich gehe mal nicht davon aus, dass er damit auf Goethes angebliche letzte Worte anspielt, so gut kennt er sich in der deutschen Kulturgeschichte dann doch noch nicht aus.

 

 Außerdem zeigt er dabei auf die Wohnzimmerlampe, ein Modell aus dunklem Eichenholz mit floral verzierten Glaseinsätzen. Die stammt zwar nicht aus der Zeit Goethes, war aber meiner Meinung nach in den 80ern ebenso oft in deutschen Wohnzimmern vertreten wie der Faust in den Bücherregalen. Vielleicht sogar noch häufiger. Bei meinen Eltern hing damals ein ganz ähnliches Ungetüm, das dann auch tatsächlich erst vor einigen Jahren einer moderneren Variante weichen musste.

 

Fortsetzung folgt...

 

Weihnachtsstimmung ganz süß

Lahmacun mit Kinderpunsch - Teil 2

 

M., A. und S. scheinen die Rufe auch zu hören, jedenfalls stürmen sie sofort los und würden wahrscheinlich in laufender Fahrt aufspringen, wenn wir sie nicht zurückhalten würden. Schnell ordere ich ein paar Chips und kann nun wiederum D. nur mit Mühe davon abhalten, alles zu bezahlen. „Du willst schon das Essen bezahlen, also lass mich“, fordere ich und drückte ihm seinen Geldschein wieder in die Hand. Grundsätzlich finde ich es ja sympathisch, dass er sich so ungern zu etwas einladen lassen will, doch wenn man keine eigenen Kinder hat, nutzt man eben jede Gelegenheit, um auch mal eine Freude machen zu können.

 

Die leuchtenden Augen der drei als sie endlich aufsteigen dürfen, sind es jedenfalls wert, allerdings fällt die Auswahl bei all den Fahrzeugen und Reittieren unglaublich schwer. So sind wir dann auch die nächsten Minuten vollauf damit beschäftigt, A. und insbesondere M. davon abzuhalten, während der Fahrt immer wieder vom Hubschrauber auf das Nilpferd und dann vielleicht aufs Motorrad zu wechseln.

 

Da gibt es doch diese Scherzfrage, die ungefähr so geht: Du fährst mit deinem Auto in konstanter Geschwindigkeit, neben dir reitet ein Einhorn genauso schnell wie du und vor dir ein Schwein, das eindeutig größer ist als du, was machst du? Antwort: Steig vom Kinderkarussell ab und trink weniger Glühwein! M. hat zwar keinen Glühwein getrunken, das mit dem Absteigen beherrscht er aber perfekt und zwar immer genau dann, wenn wir gerade nicht hinsehen. Das Karussell stoppt, wir entschuldigen uns bei dem Betreiber, er startet wieder und sobald wir auch nur einmal unseren Blick abwenden, beginnt das Spiel von Neuem.

 

 

Hoffentlich ist Rainer bald hier, denke ich, denn ich möchte ihm die Aufsicht gerne aufs Auge drücken. Erst einmal übernimmt jedoch F., ihr reicht es nämlich und sie nimmt M. auf den Arm und lässt ihn unter Protest von außen zugucken. Die Mädchen fahren glücklich weiter im Kreis und können gar nicht genug bekommen. „So viele Dinge für Kinder gibt es in Syrien nicht“, stellt D. fest und ist ebenfalls ganz begeistert vom deutschen Weihnachtsmarkt.

 

Dann taucht endlich Rainer auf und wird von allen drei Kindern erst einmal so stürmisch begrüßt als sei er der Weihnachtsmann persönlich. Es geht eben auch ohne Rauschebart und rote Mütze und vor allem auch ohne einen Sack voll Geschenke. Diese Freude der drei, wenn wir einfach nur da sind und mit ihnen spielen, überwältigt und berührt mich jedes Mal wieder.

 

Noch stärker ist im Moment nur das Gefühl des Hungers, das sich knurrend aus meinem Bauch meldet. Jetzt, wo wir alle da sind, kann D. uns endlich in die kulinarischen Besonderheiten seiner Kultur einweihen, denkt er. Dass ich insbesondere zu Studienzeiten nicht eben selten Lahmacun beim Türken um die Ecke gegessen habe, weil es einfach lecker und preisgünstig war, erzähle ich ihm vorsorglich erst einmal nicht. Als Rainer nämlich verkündet: „Ich hab' gerade schon ein Fischbrötchen gegessen“, ist D. schon enttäuscht genug. Ob nun aus Heißhunger oder um eventuellen Experimenten aus dem Weg zu gehen, weiß ich nicht, nach kurzem Zögern, lässt er sich dann aber auch noch zu einem zweiten Gang überreden. Naja, norddeutsches Fischbrötchen und türkische Pizza, besser kann Integration eigentlich kaum schmecken.

 

Mir persönlich ist es lieber als alles typisch Weihnachtliche, was es hier so gibt, und auch, dass das Kinderkarussell mit elektronischen Beats unterlegte Kinderlieder statt Last Christmas und anderer Unerträglichkeiten spielt, stört mich nicht im Geringsten. Schön ist die Musik zwar trotzdem nicht, aber ich konzentriere mich eben aufs Kinderlachen von M., A. und S. Letztere hat inzwischen festgestellt, dass das Karussell ja gar nicht mal so schnell und gefährlich ist und versucht in jeder Runde mit mir abzuklatschen, wenn sie an mir vorbeifährt.

 

 

Dabei Lahmacun zu essen, ohne mich von oben bis unten zu bekleckern oder wahlweise vors galoppierende Schweinchen zu fallen, erfordert meine volle Konzentration, macht mich aber auch ausgesprochen glücklich. So glücklich, dass ich nach drei Runden beschließe, uns allen einen Kinderpunsch auszugeben, wobei ich nicht weiß, ob es echt die Sehnsucht nach billigem Glühwein ist, oder ob ich nur ein paar Minuten Ruhe vom Karussell brauche.

 

„Kinderpunsch?“, fragt Rainer skeptisch als ich für uns alle das gleiche bestelle. „Na, wir müssen sie nachher nach Hause fahren. So durchgefroren werden die Kinder bestimmt nicht noch eine Dreiviertelstunde zu Fuß laufen wollen.“ Schicksalsergeben stimmt er zu und bedauert sehr, dass Karussells immer nur im Kreis und nicht ausnahmsweise mal bis vor die Haustür fahren.

 

Der Kinderpunsch ist im Nachhinein doch keine so gute Idee, der ist nämlich erst viel zu heiß und sobald ich diesen einen, richtigen Augenblick verpasst habe, ist er ziemlich schnell kalt und dafür aber so unglaublich süß, dass ich das Gefühl habe, rosafarbene Einhörner würden auf meiner Zunge tanzen. F., D. und Rainer ergeht es ähnlich und selbst die Kinder lassen schließlich den Rest stehen. Dabei haben Süßigkeiten bei allen dreien meist keine lange Lebenserwartung. Egal. Zum deutschen Weihnachtsmarkt gehört das nun mal dazu. Zumindest stellt sich selbst bei mir zum ersten Mal seit Jahren wieder so etwas wie Weihnachtsstimmung ein.

 

 

Nachtrag: Mein Anflug von Weihnachtsstimmung verflüchtigte sich ziemlich schnell wieder, als ich gestern die Nachrichten aus Berlin hörte. Dass so etwas passiert, ist schrecklich, unfassbar und darf einfach nicht sein. Leider gibt es aber nun einmal Gutes wie Böses auf der Welt. Darum machte es mich heute wütend, als ich von meinem Bruder hörte, er traue sich gar nicht mehr mit seinen Kindern auf den Weihnachtsmarkt und wisse nicht, wie er sie überhaupt noch schützen soll. Allerdings sei ja abzusehen gewesen, dass sowas in unserem Land irgendwann passiere, schlug meine Mutter den gleichen Ton an, unsere Politik sei mehr oder weniger selbst schuld. Ich wollte und will gar nicht näher darauf eingehen, ich muss nur sagen, dass meine Erfahrungen der letzten Monate mir gezeigt haben, dass das Gute stärker ist und dass wir unsere Gesellschaft positiv beeinflussen können, wenn wir uns nur ein kleines bisschen Mühe geben.