Gedanken über Dankbarkeit

Dankbar oder desillusioniert? - Teil 2

 

Wenn er sowas sagt, macht mich das meist recht demütig und ich werde mir mal wieder bewusst, welch unfassbares Glück ich habe, ausgerechnet in diesem Teil der Welt geboren worden zu sein. Dazu habe ich nichts beigetragen, ich hatte einfach richtig Schwein, in einer Zeit und an einem Ort aufzuwachsen, wo ich bisher noch keinen Krieg, keinen Hunger und auch sonst keine lebensbedrohlichen Katastrophen miterleben musste.

 

Das ist ganz sicher nicht mein Verdienst, nichts, worauf ich stolz sein könnte, kein natürliches Privileg meiner Abstammung oder sonst etwas. Es ist purer Zufall oder eben die Gnade Gottes oder was auch immer andere glauben mögen, auf jeden Fall ein Glück, um das mich bestimmt die Mehrheit der Weltbevölkerung beneidet. Also sollte ich dankbar sein, bin es eigentlich auch, doch auch, wenn ich mir das bewusst mache, mein Unbehagen räumt es nicht aus.

 

Vielmehr schäme ich mich manchmal, wenn ich D. wieder mal erklären muss, dass die deutsche Bürokratie eben sehr genau ist und vieles schlicht nicht möglich ist oder aber quälend lange dauert, weil das in unserem System nun mal so unflexibel gehandhabt wird. Vor allem schäme ich mich, wenn er wie neulich auf Facebook einen Post teilt, mit dem er ausdrücken will, wie großartig er seine neue Heimat findet, und ich ihm erklären muss, dass das leider genau von jenen Leuten kommt, die ihn am liebsten loswerden wollen.

 

Ja, es ist tatsächlich so passiert. Im Internet sah ich, dass er ein Bild mit Deutschlandflagge, sprichwörtlichen blühenden Landschaften und einem passenden Slogan geteilt hatte. Als ich mich später mit ihm in der Stadt traf, sprach ich ihn drauf an, wies ihn auf das Parteilogo hin, das eben auch in die blühenden Landschaften eingefügt war, und musste ihm erläutern, dass eben diese Menschen glauben, Deutschland sei nur dann so großartig, wenn Menschen wie er nicht hineingelassen werden.

 

 

In solchen Momenten schäme ich mich für mein Land und für einige Menschen hier, die dieses große Glück, in Frieden und Reichtum zu leben, offenbar für ihren eigenen Verdienst oder mindestens für ein irgendwie gerechtfertigtes Privileg halten. Ja, es mag jetzt weinerlich klingen, aber in letzter Zeit raubt mir sowas viel Kraft, vor allem, wenn ich dann noch sehe, was manche Leute auf Youtube oder sonstwo rausposaunen oder mit welchen Parolen einige auf die Straße gehen.

 

Die Flüchtlinge sind unser Untergang, der Klimawandel ist eine Lüge, Corona ebenso, dies ist ja keine Demokratie mehr, die geheime Weltelite hat uns im Griff, macht uns zu Marionetten und hat längst die Umvolkung in die Wege geleitet. Wenn du das immer und immer wieder hörst, dann zweifelst du am menschlichen Verstand, wirst aber auch irgendwann müde, dagegen zu argumentieren. Aber muss man dem Stuss denn nicht Fakten entgegensetzen? Was passiert, wenn diese Meinungen irgendwann von Mehrheiten geteilt werden? Ist es als Journalist denn nicht genau meine Aufgabe, mich damit auseinanderzusetzen und solche Aussagen immer und immer wieder auf ihre Wahrheit hin zu überprüfen?

 

Vielleicht, ich weiß es ehrlich gesagt im Moment nicht. Es raubt mir nur schlicht die Kraft, weil ich es inzwischen schlicht nicht mehr hören kann. Zum Glück bin ich ja journalistisch auch für die Kirche zuständig und darf mich mitunter anderen Themen widmen. So jetzt beispielsweise dem Erntedankfest, das in diesem Jahr wie so vieles unter besonderen Bedingungen gefeiert wird.

 

Auch monatelang über besondere Bedingungen zu schreiben, macht irgendwann müde, doch das ist ein anderes Thema. In diesem Fall geht es um einen Erntedankgottesdienst, über den ich schreiben soll, so dass ich mit frisch desinfizierten Händen und Maske in der Kirchenbank sitze und der Dinge harre, die da kommen.

 

 

Es geht um die Frage, ob wir angesichts einer weltweiten Pandemie denn überhaupt dankbar sein können. Eine einfach Antwort gibt es darauf wohl nicht. Doch im Gottesdienst werden von mehreren Leuten mehrere Dinge zusammengetragen, für die sie in diesen Zeiten dankbar sind. So beispielsweise für die Webcam, die es trotz Abstand möglich macht, Gemeinschaft zu erleben. Für den Einkaufskorb, den im Frühjahr viele spontan gegriffen haben, um für andere einzukaufen und der damit zum Symbol gelebter Nächstenliebe in Zeiten wie diesen geworden ist.

 

Der Kirchenmusiker sagt, er sei dankbar für seine Trompete, denn in den Monaten, in denen Konzerte und andere Veranstaltungen abgesagt werden mussten, hätten viele festgestellt, wie wichtig die Musik und die Kultur allgemein ist. Das sagen ihm jetzt, wo allmählich einiges wieder stattfinden darf auch einige Menschen, was ihn natürlich freut, so erzählt er. Und der Pastor hat sein Fahrrad mitgebracht als Symbol für die Entdeckung der Langsamkeit in diesen Tagen, ein intensiveres Erleben der Natur und vor allem für die Freiheit. Jene Freiheit, die er hat, weil er unterwegs sein kann und keinem strengen Lockdown unterworfen ist, aber auch die Freiheit in diesem Teil der Welt, die es manchen sogar erlaubt, eben diese Freiheit laut auf den Straßen anzuzweifeln.

 

Es sind nur kleine Beispiele und pointierte Aussagen, doch sie bringen mich zum Nachdenken. Vor allem dann aber die Predigt, die einen Gedanken ausformuliert, den ich so ehrlich gesagt noch nie hatte und bei dem ich mich frage, ob ich nun dankbar oder doch eher desillusioniert sein soll. Es geht um die biblische Speisung der Fünftausend, also jene Geschichte als Jesus und seine Jünger für die Menge an Zuhörern gerade einmal fünf Brote und zwei Fische hat, diese sich aber auf wundersame Weise vermehren.

 

Damals gab es wenig, es wurde verteilt und reichte am Ende für alle, heute hingegen gibt es Lebensmittel im Überfluss, wir könnten problemlos die ganze Welt davon ernähren, doch es scheitert an der Verteilung.

 

 

Die Gesellschaft schafft mich

Dankbar oder desillusioniert? - Teil 1

 

In letzter Zeit hadere ich oft mit unserem Staat, mit den Medien oder zumindest Teilen davon und letztlich auch mit der Gesellschaft. Während ich früher immer deutlicher Optimist war, davon überzeugt, dass wir Menschen alle tief in uns immer das Gute wollen, zweifle ich daran inzwischen manchmal. Während ich vor einigen Jahren noch fest davon überzeugt war, dass wir unsere Welt in großen Teilen doch immer besser machen, sehe ich inzwischen vor allem das Gegenteil und bekomme zunehmend Angst vor der Zukunft.

 

Das gilt für unser Land, für Europa und letztlich auch für die ganze Welt, von der ich einmal dachte, sie könnte die Zeit der Kriege irgendwann überwinden, daran jetzt jedoch stark zweifle. Andererseits habe ich mir auch immer gesagt, dass wir selbst für unser Denken verantwortlich sind und somit auch für unser Gefühl, ob das Glas halbvoll oder halbleer ist. Bei mir war es immer der Glaube, der mir Zuversicht gab, und so war es auch neulich wieder. Doch erst einmal muss ich ein bisschen weiter ausholen.

 

 

Seit D. und seine Familie nach Deutschland gekommen sind, haben sie sich hier eingelebt, unsere Sprache gelernt und stehen inzwischen finanziell auf eigenen Füßen. Dazu haben Rainer und ich einen nicht eben geringen Teil beigetragen, können wir uns ohne Übertreibung zugestehen. Ganz anders aber sieht es meiner Meinung nach mit unseren Behörden aus.

 

Sicher, durch diese ehrenamtliche Arbeit habe ich wirklich viele hilfsbereite Menschen kennengelernt. Aber leider auch ebenso viele Mitarbeiter in Behörden oder auf Ämtern, die ziemlich stur waren, keinen Millimeter von ihren Vorschriften abrückten und es uns und vor allem den Geflüchteten, die sich hier etwas Neues aufbauen wollen, nicht eben leichter gemacht. Außerdem habe ich immer mehr den Eindruck gewonnen, dass es sich unsere Regierung mit einem einfachen „Wir schaffen das“ doch allzu einfach gemacht hat und sich anschließend immer wieder geschickt aus der Affäre zog.

 

Im Mittelmeer ertrinken nach wie vor Menschen, eine klare europäische Flüchtlingspolitik gibt es bis heute nicht, stattdessen wird hilflos zugesehen wie jene, die gegen die Neubürger wettern, immer mehr Zustimmung und Anhänger bekommen. Viele Medien verhalten sich keinen Deut besser, vor allem, weil dort immer nur von „den Flüchtlingen“ als eine anonyme Masse und äußerst selten über einzelne Individuen gesprochen wird. Dabei habe ich in dieser Zeit so viele bemerkenswerte Menschen kennengelernt, die ich für mein eigenes Leben, aber auch für uns alle als Bereicherung empfinde.

 

Auf diese Menschen bin ich zugegangen, habe mir etliche ihrer Geschichten angehört und dabei vor allem festgestellt, wie unterschiedlich die einzelnen Schicksale doch sind. Auch einige Berichte und Reportagen konnte ich schreiben, doch eben immer nur für eine relativ überschaubare Leserschaft und offenbar auch immer nur für jene, die ohnehin ein eher positives Bild von jenen haben, die da zu uns kommen.

 

 

Viele andere erreiche ich mit solchen Geschichten nicht und erreicht offenbar auch sonst niemand mehr. Weder mit persönlichen Erzählungen dieser Menschen, noch mit nüchternen Fakten. Das ist meiner Meinung nach zum einen ein großes Versagen derer, die berichten sollten, zum anderen macht es mich entsetzlich wütend, wie viele Leute auch in meinem persönlichen Umfeld dem populistischen Narrativ vom Fremden als Sündenbock auf den Leim gehen.

 

Im Grunde kann ich es immer noch nicht fassen, dass in unserer angeblich so aufgeklärten Gesellschaft vieles wieder normal zu werden scheint, was ich auf der Müllkippe der Geisteshaltungen wähnte. Und die Ohnmacht, einer Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken, lähmt mich manchmal regelrecht und macht mir Angst vor dem, was in den kommenden Jahren denn daraus werden soll.

 

Kurz gesagt, ich habe noch nie so stark wie jetzt an unserer Gesellschaft, also an ihren Strukturen und auch an den Menschen, gezweifelt. Nun ist es aber ausgerechnet D., mit dem ich häufig über Deutschland oder über die Unterschiede zwischen der arabischen Welt und Europa spreche und der mir immer wieder sehr deutlich sagt, wie sehr er die Freiheit hier schätzt, die Chancengleichheit und die Fürsorge für Schwächere.

 

Klar, er ist dankbar, dass er als Kurde nicht mehr offen diskriminiert wird und vor allem, dass er für S., A. und M. hier eine Perspektive in Sicherheit und langfristig sogar in Wohlstand sieht. Seiner Meinung nach, so kommt es in Gesprächen jedenfalls oft rüber, macht Deutschland alles richtig, sind alle Menschen hier erstaunlich hilfsbereit und nett und sind meine Kritikpunkte nichts im Vergleich zu den Sorgen, die er sich um seine alte Heimat und seine dort noch lebenden Verwandten und Freunde macht.

 

Fortsetzung folgt...

 

QAlitätsverschwörer

Die die Demokratie das Fürchten lehren

 

Am Wochenende habe ich mir wieder Videos, Bilder und Reportagen von der Demo in Berlin angesehen und auch mit einigen Leuten geschrieben, die dahinterstehen. Zwar musste ich mich als Marionette des Systems und Lügenpresse betiteln lassen, doch ganz ehrlich Leute, ich bin ein bisschen neidisch auf euch.

 

Ihr geht davon aus, dass die Elite sich ein Virus bzw. eine Pandemie ausgedacht hat, um ihre Weltherrschaft zu festigen und ein neues Zeitalter der Unterdrückung einzuleiten. Allein das ist schon mal ein toller Plot für einen Roman, muss ich zugeben.

 

Doch es ist ja nicht nur der Plot, es sind auch die Details, die mich als Hobby-Horrorautor vor Neid erblassen lassen. Diese Eliten, so sagt ihr, entführen Kinder, verschleppen sie in dunkle Keller, um dort sowas wie schwarze Messen zu feiern und vor allem, um ihnen Blut abzuzapfen. Dieses Kinderblut brauchen sie, um nicht zu altern, um ewig leben zu können. Schon das für sich genommen, ist brillant. Gut, eine ganz ähnliche Story gibt es schon in einem Horrorroman von John Saul, nur ist es dort eben eine kleine, verschworene vampirähnliche Gemeinschaft und nicht gleich die gesamte Weltelite, die das als geheimes Netzwerk vor den Augen der Bevölkerung verborgen hält.

 

 

Besonders cool finde ich auch die Auswahl eurer Helden für die Geschichte. Auf der einen Seite sind dort ein seiernder Sänger und ein veganer Koch, die alles aufdecken, es den Menschen gegen alle Repressionen der Medien und der Staatsmacht mitteilen und immer mehr Anhänger gewinnen. Gut, mir ist noch nicht ganz klar, wieso ausgerechnet diese beiden davon Wind bekommen und das gesamte teuflische Konstrukt durchblicken, während alle anderen sich täuschen lassen. An der Stelle würde ich im Storyboard noch einmal nacharbeiten, glaube ich.

 

Auf der anderen Seite habt ihr einen Präsidenten, der als Underdog an die Macht kommt und sozusagen von innen heraus mit dem ganzen verlogenen und dreckigen Pack aufräumt. Auch hier muss ich ja sagen, dass ich an der Ausgestaltung des Charakters noch ein wenig feilen würde, damit er als glaubwürdige Identitätsfigur und eben nicht eher satirisch daherkommt, doch nun gut, vielleicht ist das ja auch gewollt.

 

Ein Erzählstrang hat mir besonders gefallen, nämlich der, in dem eben jener Präsident selbst der anonyme Whistleblower sein soll, der die Geheimnisse der Eliten an die Öffentlichkeit trägt. Das ist ja schon nicht mehr nur Horror, sondern Stoff für einen großartigen Thriller. Aber gerade darum sollte diese Figur meiner Meinung nach kein tumber millionenschwerer Rassist sein, weil das mit der Lesersympathie dann wirklich schwierig werden kann.

 

 

Spannend finde ich auch, wie die Handlung sich dann entwickelt, nämlich dass immer mehr Menschen aufwachen, nicht mehr „Schlafschafe“ sein wollen und gegen die Diktatur der Elite protestieren und letztlich sogar Regierungsgebäude stürmen. Das wäre definitiv auch Stoff für einen Hollywood-Blockbuster. Doch auch hier muss ich sagen – ich kann den Kritiker in mir ja leider nicht ganz ausschalten – finde ich es ein wenig unglücklich gewählt, dass es überwiegend Spinner, Frustrierte, Extremisten etc. sind, die dieses ganze perfide System durchschauen.

 

Sicher, ihr erklärt es damit, dass die Intellektuellen, die seriösen Wissenschaftler und die Presse sowieso alle mit zur Verschwörung gehören, doch, um es vorsichtig auszudrücken, hier sehe ich doch noch einige Logiklöcher im Drehbuch. Ebenso, dass sämtliche Staaten der Welt plötzlich gemeinsam ein Virus erfinden und wirklich keiner ausschert, das ist mir als Erzählung ein wenig zu unausgegoren.

 

Nun gut, ihr versucht es damit zu erklären, dass all diejenigen in führenden Positionen gekauft sind, dazugehören und letztlich auch viele in der Bevölkerung, die sich gegen die Aufgeweckten stellen, dem System angehören und ganz bewusst die Unwahrheit verbreiten wollen. Sogar Rechte und andere Idioten haben sie eingekauft, um die Demonstrationen zu unterwandern und in ein schlechtes Licht zu rücken, während die Medien alles falsch darstellen und die Erwachten diffamieren wollen.

 

 

Sicher, das erzählt wunderbar die Geschichte einiger Underdogs, die sich gegen übermächtige Gegner zur Wehr setzen. Soweit kann ich das auch nachvollziehen. Doch solltet ihr nicht auf ein Happy End hinarbeiten, bei dem die Welt am Ende als befreit dasteht?

 

Im Moment, und so zeigten es ja auch viele Kommentare und Schilder und so weiter, sieht es ja eher aus als laufe es darauf hinaus, dass alle Schuldigen, also die Elite, die Politiker, die Medien, die Wissenschaftler, die Antifa und andere Aktivisten wie auch diejenigen Normalos, die einfach nicht eurer Meinung sind, am Ende für ihre Täuschung bestraft werden. Was wäre das denn bitte für ein Gemetzel? Und zudem sind dann ja nach dem Finale nur noch sehr wenige übrig.

 

Sicher, ihr sagt, es seien mehrere Millionen, die auf die Straßen gehen. Nur ist dann an dieser Stelle eure Inszenierung ziemlich misslungen, da man leider sieht, dass ihr nicht genug Statisten auf den Bildern habt. Aber okay, da kann man ja in der Post-Production mit CGI noch etwas machen. Also wenn ihr denn überhaupt au einen Hollywood-Blockbuster hinauswollt. Für de Horrorroman sind es mir wie gesagt zu viele offene Fragen. Am meisten stört mich aber nach wie vor, dass eure Protagonisten nicht unbedingt Sympathieträger sind, mir die Identifikationsfläche fehlt und viele Dialoge leider auch schlicht dumm und unausgereift sind.

 

 

Ja, mögt ihr nun sagen, da spricht der pure Neid aus mir. Zum Teil gebe ich es ja auch ganz offen zu. Selbstverständlich hätte ich diesen Roman gerne geschrieben, denn vieles darin ist so herrlich absurd, dass ich selbst nie auf die Idee gekommen wäre. Doch die Punkte, die ich angesprochen habe, hätte ich auf jeden Fall versucht, auszumerzen, da sie mir in der Summe leider wirklich zu realitätsfern erscheinen und mich emotional nicht so richtig packen.

 

Denkt doch einfach noch einmal über euren Plot nach, schreibt einige Dinge um, recherchiert noch ein wenig und passt das Drehbuch der Wirklichkeit an, dann wird das schon. Ach und bitte, tauscht die Hauptfiguren aus, denn die eignen sich in meinen Augen nach wie vor besser als durchgeknallte Bösewichte, denn als Helden.

 

Hm... wenn ich es mir recht überlege, dann bleibt am Ende doch keine so gelungene Erzählung übrig. Eher ein ziemlich wildes und an den Haaren herbeigezogenes Szenario, das an allen Ecken und enden bröckelt, wenn man genau hinsieht. Wie wär's, wenn ihr euch doch erstmal an einer kleinen Vampirgeschichte versucht oder zumindest an einer einigermaßen überschaubaren Verschwörung? Die Mondlandung war Fake, Reptiloiden sind unter uns, Bielefeld gibt es gar nicht. Sowas in der Art. Wenn das gut gemacht ist, dann ist es doch auch ganz unterhaltsam, es muss doch nicht gleich der ungelenke Versuch sein, alle Wahrheiten zu kippen.

 

Demonstrationen für unsere Freiheit und Grundrechte?

Wie sogenannte alternative Medien sich die „Covidioten“ zunutze machen

 

In den vergangenen Wochen habe ich mir mal die Mühe gemach, in einige sogenannte Berichterstattungen von den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen reinzuschauen. Bewusst nicht von etablierten Medien, sondern von denjenigen, die sich selbst gerne als alternative Medien bezeichnen und für sich in Anspruch nehmen, die einzigen zu sein, die nicht ideologisch gesteuert sind.

 

Im Internet und insbesondere auf Youtube gibt es ja eine Menge dieser Kanäle, die derzeit von den Demonstrationen angeblich für unsere Grundrechte berichten, über die Xavier Naidoos und Attila Hildmanns und viele andere da draußen, die die Corona-Pandemie teils für eine Erfindung halten, teils für einen vorgeschobenen Grund unserer Regierung, hier diktatorische Zustände einzuführen. Außerdem müssen wir natürlich aufpassen, weil Bill Gates uns ja alle zwangsimpfen und die Menschheit damit dezimieren will.

 

Nun gut, ich wollte mich möglichst neutral auf diese Form des Paralleljournalismus oder wie immer man es nennen möchte einlassen, so dass ich mir einen Kanal raussuchte, auf dem eine Liveschalte, ganz nach dem Vorbild der legendären Radiokonferenzen beim Fußball, gestreamt wurde, also immer zwischen mehreren Außenreporten in verschiedenen Städten hin- und hergeschaltet wurde. Diese Außenreportagen wurden dann von zwei Kommentatoren im Studio eingeordnet und eben koordiniert, nebenbei lief noch ein Chat, in dem Zuschauer sich rege an der Diskussion über die aktuellen Proteste beteiligten.

 

 

Zunächst einmal muss ich sagen, dass die gezeigten Bilder mich erst einmal wenig aus der Fassung brachten. In Berlin und Köln oder wo auch immer liefen die Reporter durch die Stadt und suchten nach den Orten, an denen wohl die Action stattfinden sollte und in Stuttgart stand der Korrespondent vor einem mäßig gefüllten Areal und schwadronierte darüber, dass ja letzte Woche so viel mehr los gewesen sein soll. Zwischendurch wurden Polizisten gefilmt, die irgendwo Absperrungen errichteten und vereinzelte Demonstranten, die diese Polizisten anpöbelten und in wenigen Fällen zurecht gewiesen wurden.

 

Letzte Woche sei so viel mehr los gewesen, hieß es jetzt auch von den beiden Herren im Studio und ebenso im Chat. Da nämlich wurde schon jetzt über die Polizeigewalt gewettert, über die böse Antifa und natürlich über das Merkel-Regime, das uns alle unterdrückt und dabei von den Systemmedien unterstützt wird. Da vor den Kameras nach wie vor wenig passierte, konzentrierte ich mich mehr und mehr auf den Chat und mehr und mehr wurde mir unwohl bei dem, was ich da las.

 

Eine Demokratie sei das hier schon lange nicht mehr, so der allgemeine Tenor, die Weltelite habe uns im Griff, wolle uns zwangsimpfen und Corona solle eben davon ablenken, was im Untergrund passiert. Das Stichwort sei Q-Anon antwortete mir jemand auf meine Nachfrage, es gehe dabei um aus Kinderblut gewonnenes Adrenochrom, doch im Chat sei nicht der richtie Ort, um mir das genauer zu erklären.

 

 

Im Chat war wohl allerdings der richtige Ort für Meinungsäußerungen wie: „Die Antifa ist eine Terrorgrupe von Merkel bezahlt“ oder „Mainstream-Sender werden Domonstranten wieder in den Rücken fallen“ oder „Bio-Deutsche werden verhaftet, nicht aber Hinzugereiste“. So ging es weiter, voller Hass gegen die Antifa, gegen die Presse und insbesondere gegen die Polizei und das böse System.

 

Während auf den Straßen immer noch nicht so viel passierte, wurden im Chat die Forderungen lauter, das nächste Mal die Demonstrationen doch nicht mehr anzumelden, denn das bringe ja nichts und man müsse härtere Geschütze auffahren, um etwas zu erreichen. Wenn doch mal eine Festnahme gefilmt wurde, kochte die Wut auf die Polizei hoch und die Festgenommenen wurden ohne Kenntnis der Situation bejubelt. Und als dann einer der Außenreporter doch noch die Wiese erreichte, auf der Attila Hildmann eine Rede halten sollte, wurde der allerdings gerade von einem südländisch aussehenden Mann argumentativ sozusagen in Grund und Boden geredet, worauf im Chat gefordert wurde: „Kann dem mal jemand eine überziehen“ und „Schlagt ihn tot“.

 

 

Das war ungefähr der Moment, wo ich es nicht weiter ertragen konnte und wegschalten musste. Tatsächlich habe ich auch noch in einige andere Livestreams reingeschaltet, wo es im Grunde nicht viel anders ablief. Oftmals wurden Passanten bzw. Demonstranten interviewt, von denen ich die wenigstens als „normale Bürger“ bezeichnen würde, denn viele hatten eindeutig entweder eine klar rechte politische Gesinnung und/oder ganz klar den Aluhut auf. Und da ist für mich leider der Punkt erreicht, wo Neutralität aufhört und wo ich immer sage, dass es nicht richtig sein kann, mit solchen Menschen gemeinsam auf die Straße zu gehen oder ihnen auch nur eine breite mediale Bühne zu bieten.

 

Zwei Dinge bleiben bei mir als Erkenntnis haften: Zum einen habe ich nicht zum ersten Mal festgestellt, wie gut diese angeblich alternativen Medien alle untereinander vernetzt sind und dass man über diese Netzwerke immer auch erschreckend schnell auf eindeutig rechtsextreme Kanäle stößt. Ein paar Klicks genügen und ich finde mich tief in einem Sumpf, den ich ohnehin für verfassungsfeindlich halte.

 

Zum anderen hat das, was bei den Befürwortern dieser Demonstrationen abgeht, in der breiten Masse nichts mehr mit Angst oder mit Überforderung durch die gegenwärtige Situation zu tun. Es scheint ausschließlich ein neues Ventil für einen schon lange schwelenden Hass zu sein und für eine Propaganda, der jedes Mittel recht ist, um ihr antidemokratisches Gift zu versprühen. Insofern halte ich all das auch nicht für tolerierbar, weil Menschen eben besorgt sind, sondern für hochgradig gefährlich.

 

 

Chaos oder Chance?

Jetzt stellen wir die Weichen für die Zeit nach der Corona-Krise - Teil 2

 

Apropos wieder normal: im Moment habe ich das Gefühl, wir haben wieder eine Zweiteilung der Gesellschaft, und zwar in jene, die nach noch mehr Lockerungen schreien und jene, die zur Vorsicht mahnen, damit in ein paar Wochen nicht alles von vorne beginnt. Auch hier sind die Stimmen an den Rändern wieder am lautesten, meiner Wahrnehmung nach insbesondere von denjenigen, die behaupten, Bill Gates wolle die ganze Welt impfen, um sie unter seine Kontrolle zu bringen und damit die Eine-Welt-Regierung der Eliten etablieren.

 

Sicher, das sind Stimmen, die die große Mehrheit als Verschwörungstheoretiker abtut. Doch im Netz sind sie laut wie nie, verknüpfen diese steile These mit diversen rechten Ideologien und haben durchaus die Kraft, unsere ohnehin gespaltene Gesellschaft noch weiter auseinander zu bringen. Immerhin eine Gesellschaft, die ohnehin verunsichert ist, in einer Ausnahmesituation und ja durchaus vor einer realen wirtschaftlichen Bedrohung unbekannten Ausmaßes steht. Die Auswirkungen der Krise werden uns noch viele Jahre, vielleicht Jahrzehnte beschäftigen, der Nährboden für all diejenigen, die das System umkrempeln wollen, ist als fruchtbar wie nie.

 

Dementsprechend habe ich bei vielen auch das Gefühl, ihnen geht es nicht primär um ihre Grundrechte, sondern vielmehr darum, sich jetzt einer verunsicherten breiten Masse zu präsentieren, deren Ängste zu schüren und am Ende daraus Profit zu schlagen. Sei es rein finanziell, etwas durch verkaufte Kochbücher oder Musik mit schwurbeligen Texten oder was auch immer, sei es durch Einfluss, durch eine Medienblase abseits des sogenannten Mainstreams, die ja im Grunde seit Angela Merkels „Wir schaffen das“ schon existiert und für viele durchaus einträglich ist.

 

 

Die Spaltung der Gesellschaft ist also nichts Neues, neu ist nur das Ausmaß, so scheint es mir. Diese im Netz als „Covidioten“ bezeichneten Demonstranten erreichen plötzlich nicht nur ihre üblichen rechten Bubbles, sondern viel mehr Menschen – und sie prägen diese nicht nur in Bezug auf ihre politische und gesellschaftliche Meinung, sondern sähen großes Misstrauen in die Wissenschaft und damit in alles das, was eben nicht Fake News, sondern bewiesener und vor allem beweisbarer Fakt ist.

 

Darin sehe ich die große Gefahr, die diese Bewegungen bergen. Denn ganz ehrlich, wenn ich ein paar Wochen lang mit Mundschutz zum Einkaufen gehen muss, schränkt das meine Grundrechte nicht wirklich ein, sondern sorgt am Ende höchstens für Segelohren. Wenn aber unserer Bildung die Glaubhaftigkeit entzogen wird, dann kann das eine Gesellschaft langfristig ins Chaos stürzen.

 

Damit will ich übrigens noch lange nicht alles gutheißen, was an politischen Maßnahmen derzeit durchgedrückt wird. Wenn beispielsweise Selbstständige nur in ihren Betriebskosten unterstützt werden, die sich bei mir im Grunde auf einen Kugelschreiber und ein Blatt Papier belaufen, während die Autoindustrie großkotzig verkünden darf, dass eine Kürzung der diesjährigen Boni für die Aktionäre das allerletzte Mittel wäre, dann läuft da einiges schief, was meiner Meinung nach noch viel mehr angeprangert werden müsste.

 

Erschreckend fand ich auch, wie schnell unser wunderbares vereintes Europa über den Haufen geschmissen wurde, die Nationalgrenzen dicht gemacht wurden, wohlgemerkt bei einer weltweiten Pandemie und einem Virus, das vermutlich nicht erst einen Reisepass beantragt. Bis heute finde ich erschreckend, dass international kaum zusammengearbeitet wird, jeder plötzlich wieder mit sich selbst beschäftigt ist.

 

Immerhin ja so sehr mit sich selbst und der Krise beschäftigt, dass an der europäischen Außengrenze nachweislich ein Flüchtling aus Pakistan erschossen wurde und der mediale wie gesellschaftliche Aufschrei über diese Art der Grenzsicherung weitgehend ausbleibt. Ebenso könnte die Situation in den großen und medizinisch kaum darauf vorbereiteten Flüchtlingslagern zur kompletten Katastrophe werden, wenn das Virus dort richtig um sich greift. Und auf dem Mittelmeer ertrinken prozentual gesehen so viele Menschen wie nie zuvor, weil wir uns weder in der Lage sehen, zu helfen, geschweige denn dafür überhaupt ein offenes Ohr zu haben.

 

 

 

Das sind die Werte, die ich momentan bedroht sehe, für die aber kaum jemand seine Stimme erhebt. Verantwortung, weil wir nun mal zu den Reichsten dieser Welt gehören, Hilfsbereitschaft, weil die uns nicht arm macht, anderen aber das Leben rettet, und Nächstenliebe, weil wir doch angeblich ein Land christlicher Werte sind. All das vermisse ich in den letzten Wochen stark. Zugunsten eines seltsamen Struggle of the Fittest, der mir ehrlich gesagt Angst macht.

 

Dabei sind all die guten Ansätze im Kleinen, im Zwischenmenschlichen ja da. Vielleicht sollten wir die Corona-Krise jetzt einfach als Chance begreifen, um uns unserer Werte bewusst zu werden und um ganz aktiv zu entscheiden, welche Rolle wir als diejenigen, die im schlimmsten Fall der Fälle vermutlich am längsten überleben würden, in der Welt und im Leben spielen wollen.

 

 

Lockdown oder Lockerungen?

Jetzt stellen wir die Weichen für die Zeit nach der Corona-Krise - Teil 1

 

Ein paar Wochen der Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie liegen jetzt hinter uns. Ein paar Wochen steht das öffentliche Leben nun mehr oder weniger still, wir spüren, dass wir vieles, was wir für selbstverständlich hielten, von einem Tag auf den anderen vermissen können. Es ist eine Situation, die noch vor wenigen Wochen unvorstellbar schien. Doch in solchen Extremsituationen zeigt sich das Wesen des Menschen, heißt es, und durchaus auch das einer Gesellschaft.

 

Am Anfang wurde Corona von vielen als Panikmache abgetan, während andere, nun ja, Panik verbreiteten. So weit, so normal. Doch schon da gab es im Grunde nur zwei Lager. Die berühmte Mitte, die nicht sofort weiß, ob das Virus komplett harmlos oder unweigerlich tödlich ist, und erst einmal abwartet, was verschiedene Experten sagen, die war wie so oft nicht zu hören. Ganz ähnlich war es dann bei den drastischen politischen Maßnahmen, die mehr oder weniger den Stillstand des öffentlichen Lebens anordneten.

 

Den einen war das viel zu lasch und sie forderten den konsequenten Lockdown, die anderen sahen sich in ihren Grundrechten eingeschränkt und riefen die Diktatur aus. Allerdings muss man hier auch zugeben, dass es durchaus eine Mehrheit gab, die mit #bleibzuhause zu Solidarität und Besonnenheit aufriefen, besonders – und das hat mich wirklich positiv überrascht – in den sozialen Netzwerken. Diese Stimmen gibt es auch nach wie vor, ich vermute sogar, dass sie auch immer noch die Mehrheit ausmachen.

 

 

Doch die Stimmen von den Rändern werden eben lauter. Interessant dabei finde ich, dass bestimmte populistische Parteien erst einmal die Regierung beschimpften, sie hätte viel zu spät gehandelt, während sie selbst schon viel früher eindeutige Maßnahmen ergriffen hätten. Seltsam, dass sie diese Maßnahmen zuvor nicht wenigstens zur Diskussion stellten, und seltsam auch, dass sie, als sie damit wenig Gehör bei ihren Anhängern fanden, ziemlich schnell umschwenkten und laut tönten, es sei doch bloß eine normale Grippewelle und alles viel zu übertrieben. Aber gut, das spricht für sich, denke ich.

 

Viel interessanter fand ich, dass nach dem Ausbremsen der Wirtschaft zwar die Solidarität beschworen wurde, jedoch im Detail jeder nur danach fragte, wie denn nun seine Branche unterstützt werde, was der Staat für ihn tun werde, oft verbunden mit dem Vorwurf, alle anderen seien ja viel besser dran. Zugegeben, als selbstständiger Journalist habe ich mir auch Sorgen gemacht, da ich ohne Aufträge, und das sind nun mal überwiegend Berichte über öffentliche Veranstaltungen, nun mal auch kein Einkommen habe. Doch es war schon erschreckend, wie eng der Horizont bei manchen wurde und die weltweite Pandemie plötzlich auf die eigenen beruflichen Einschränkungen heruntergebrochen werden konnte. Selbst globale Unternehmen mussten ja plötzlich Mietzahlungen aussetzen, weil die Milliardengewinne nicht mehr ganz so sprudelten.

 

Ganz zu schweigen von denen, die plötzlich wie irre Klopapier horten mussten, damit... ja, warum eigentlich. Ehrlich gesagt habe ich das bis heute nicht verstanden und bin bloß froh, dass Klopapier kein Mindesthaltbarkeitsdatum hat und auch noch tadellos ist, wenn diese Leute ihren Vorrat in dreißig Jahren ihren Enkeln vererben.

 

 

Auf der anderen Seite gibt es dann aber die, die plötzlich kreativ wurden. Da gibt es Menschen, die einen ehrenamtlichen Einkaufsservice für ältere und kranke Menschen anboten, damit diese sich nicht der Gefahr einer Ansteckung aussetzen müssen. Es gibt (überwiegend) Frauen, die hörten, dass in Krankenhäusern, bei Pflegediensten etc. die Schutzmasken knapp wurden und zu nähen begannen. Und es gibt beispielsweise die Jugendlichen, die in der Zeit, in der sie eh nicht zur Schule können, die Ausgabe bei der Tafel übernommen haben, weil diejenigen, die das sonst tun, eben selbst zur Risikogruppe gehören.

 

Kurz gesagt, es ist teils unglaublich, wie schnell Bewegung in die Gesellschaft kam und da sind all die kreativen Ideen von Kulturschaffenden noch nicht einmal eingeschlossen. Musiker veranstalten Wohnzimmerkonzerte, die sie in die Welt streamen, Autoren entdecken, dass auch Lesungen online funktionieren und sogar und vor allem die Kirche geht mit Videoandachten und einigem mehr ganz ungewohnt moderne Wege.

 

An einem Abend habe ich beispielsweise an einem Stream teilgenommen, bei dem der Streamer ein Rollenspielbuch vorgelesen hat und im Chat dann gemeinsam über die jeweiligen Entscheidungsmöglichkeiten in der Geschichte abgestimmt wurde. Es war ein interaktiver Spieleabend mit Freunden und für mich ein großartiges Format, das ich auch gerne häufiger miterleben möchte, wenn alles wieder normal ist.

 

Fortsetzung folgt...

 

Abstand halten

Keine Panik in der Pandemie

 

Alles fühlt sich so surreal an. Die Stadt ist nahezu menschenleer, nur vor der Apotheke stehen drei Menschen vor der Tür Schlange. Nun ja, eine Schlange mit ziemlich großem Abstand. Weil das nun mal das Gebot der Stunde ist. Darum dürfen ja auch nur zwei Kunden gleichzeitig hinein. Nur durch diesen Abstand zu anderen Menschen lässt sich die Pandemie einigermaßen in den Griff bekommen, heißt es. Ich hoffe, die Virologen liegen damit richtig.

 

Als Dauerzustand ist dieses an die Zombieapokalypse erinnernde Szenario nämlich nicht empfehlenswert, finde ich. Obwohl ich ja auch sagen muss, dass wir es relativ gut getroffen haben, wenn die Zombies nur Klopapier hinterherjagen und von allen Menschen mindestens einen Meter Abstand halten. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass weitestgehend Solidarität vorherrscht, von den üblichen Panikmachern oder Verschwörungstheoretikern einmal abgesehen.

 

Auch vor der Apotheke standen wir Kunden geduldig an bis jemand heraus kam und der nächste eintreten konnte. Als ich an der Reihe war, stellte ich mich vor die Plexiglasscheibe, die als Spuckschutz diente und orderte in aller Ruhe eine Flasche Hustensaft. D. hatte mich nämlich angerufen und darum gebeten, ihm und den Kindern den Hustensaft vorbeizubringen.

 

Die Mädchen waren letzte Woche schon krank gewesen, jetzt ging es ihnen wieder besser, doch sie hatten M. angesteckt, der nun hustete und Fieber hatte. Auch D. selbst war nicht ganz auf dem Posten und war schon beim Arzt gewesen, der ihn umgehen krank geschrieben hatte. Von Corona keine Rede. Auch nicht als ich wegen der Kinder beim Kinderarzt angerufen hatte.

 

 

Die Sprechstundenhilfe ließ sich die Symptome schildern, die mich ehrlich gesagt schon ein wenig beunruhigten, sie jedoch nicht aus der Fassung brachten. Wir sollten Fiebersaft geben, riet sie, und erst einmal beobachten. „Und wenn es bis Montag nicht besser ist, melde ich mich noch einmal bei ihnen“, schlug ich vor. Sie jedoch wehrte ab. „Nein, melden sie sich nur, falls es noch schlimmer wird.“ Na super. Wie sollte ich denn übers Telefon entscheiden, ob es schlimmer wurde?

 

F. und D. behielten zum Glück auch die Ruhe, kauften Fiebersaft und bekamen das Fieber so auch tatsächlich herunter. Das beruhigte uns alle erst einmal. Heute Morgen aber rief D. bei mir an und meldete, das Fieber sei nun zwar weg, doch er bekomme M.s Husten nicht in den Griff. „Warst du denn in der Apotheke und hast Hustensaft gekauft?“, fragte ich. Nun ja, er habe es versucht, erklärte er mir, dreimal sei er in einer Apotheke gewesen und habe versucht zu erklären, was sein Kind plagte. Da ihm aber das Wort Hustensaft nicht eingefallen sei, habe er dreimal Fiebersaft bekommen und wisse jetzt nicht mehr weiter.

 

Tatsächlich musste ich darüber erst einmal lachen, sagte dann aber schnell zu, den Einkauf für ihn zu erledigen. „Aber ich werde nicht lange bei euch bleiben, sondern dir nur an der Tür das Medikament überreichen“, warnte ich ihn vor. Er verstand, bedankte sich und war erst einmal beruhigt. Ich weniger, denn ich ahnte schon, dass es nicht so leicht werden würde.

 

In der Apotheke allerdings ist es sehr leicht, ich lege das Geld auf den Tresen, eine Tüte wird mir rübergeschoben, alles ohne Körperkontakt, aber auch ohne überzogene Angst, sondern einfach ruhig und vorsichtig. Ja sicher, ich hätte die Tüte nun auch bei D. vor die Tür stellen und mich vom Acker machen können, bevor er öffnete. Da ich mich aber wenigstens kurz erkundigen will, ob er alles richtig verstanden hat, was gerade an Maßnahmen angesagt ist, möchte ich doch mit ihm sprechen und das eben auch mit Augenkontakt, damit ich sicher sein kann, dass er am Ende nicht ebenso ratlos dasteht wie in der Apotheke.

 

 

Als er die Tür öffnet, sind die Kinder natürlich sofort da, springen an mir hoch und umarmen mich. Sicher nicht im Sinne eines Kontaktverbotes und ganz sicher eine wahre Einladung vor Viren, doch wie sollte ich erklären, dass sie mich nicht berühren dürfen? Ich hoffe einfach drauf, dass ich es bis nach Hause schaffe, mir nicht unbewusst im Gesicht herumzufuchteln und dass gründliches Händewaschen dann ausreicht.

 

M. freut sich über den Hustensaft, von dem F. ihm auch sofort einen Löffel verabreicht. Dann wendet er sich schnell wieder D.s Smartphone zu, auf dem er offenbar als Entschädigung spielen darf. Im ersten Moment denke ich, ich sehe nicht richtig. Der kleine M. zockt routiniert eine Runde PUBG, ballert Gegner weg und hält mir das Ergebnis dann stolz unter die Nase.

 

„Meinst du, dass das das richtige Spiel für ihn ist?“, frage ich D. Der lächelt verlegen, schüttelt den Kopf und erklärt dann aber: „Die Kinder dürfen nicht in die Schule, dürfen nicht raus und sich mit Freunden treffen, was soll ich machen?“ Ja, ich verstehe ihn. „Außerdem – das“, fügt er bedeutungsschwanger hinzu, „das ist nur ein Spiel.“ Auch hier verstehe ich, was er meint und beschließe, das Thema damit gut sein zu lassen.

 

Für D. und F. ist es aber noch nicht so ganz abgehakt. Wir reden erst eine Weile über die Pandemie, über die Maßnahmen, die in Deutschland ergriffen werden, dann aber kommen wir auf die Flüchtlingslager zu sprechen. Hier sitzen wir in unseren Häusern fest und müssen uns vielleicht wirtschaftliche sorgen machen. Das alles ist schlimm genug. Viele Lager aber sind hoffnungslos überfüllt, es gibt mancherorts nicht mehr ausreichend sauberes Trinkwasser, von Hygienevorschriften und medizinischer Versorgung einmal ganz abgesehen.

 

Auf dem Weg nach Hause lasse ich mir all das noch einmal durch den Kopf gehen. Sicher, für uns ist es eine unbekannte Situation voller Angst. Dort aber muss es sich wirklich wie die Zombieapokalypse anfühlen, wenn jemand das Virus einschleppt und weder etwas gegen die Ausbreitung, noch gegen die Symptome getan werden kann. Ehrlich gesagt will ich es mir gar nicht genauer vorstellen. Ich hoffe nur, dass wir bei all unseren eigenen Sorgen all diejenigen nicht vergessen, für die die Pandemie noch viel bedrohlicher ist.

 

Gretchen, wie hältst du es mit den Linken?

Peinliches politisches Taktieren in Thüringen

 

Was ist denn da bei unseren Nachbarn in Thüringen los? Sicher, die Wahl im Oktober brachte das Ergebnis mit sich, dass ausgerechnet die Partei, die politisch am weitesten links steht und die Partei des rechten Spektrums die meisten Stimmen haben. Dass das schwierig für eine Regierungsbildung ist, muss nicht extra erklärt werden. Doch muss das denn gleich dazu führen, dass sich sämtliche Parteien selbst zerlegen?

 

Zunächst gab es Anfang des Monats jene unsägliche Wahl zum Ministerpräsidenten, bei der der Kandidat der kleinsten Fraktion im Landtag sich am Ende völlig überrascht gab, dass die Rechten lieber ihn wählen als den „Klassenfeind“ zu akzeptieren. Der Tabubruch war da, ein Aufschrei ging durch die Republik und sämtliche Erklärungsversuche der FDP wirkten einfach nur lächerlich und hilflos.

 

An dieser Stelle sei aber auch ganz ernsthaft erwähnt, dass der Tabubruch des Paktierens mit den Rechten in den Medien, aber vor allem auch in der Bevölkerung eine Empörung lostrat, die einmal deutlich zeigte, wie die Mehrheit in diesem Land denkt und auch, dass solch ein Aufschrei der breiten Masse durchaus etwas bringt. Hätte es diesen nicht gegeben, wäre nämlich Thomas Kemmerich immer noch thüringischer Ministerpräsident, ins Amt gehoben von der AfD und damit durchaus Vorbild für andere, denen auch alles egal ist, wenn sie bloß ein Stück vom Kuchen der Macht abbekommen können.

 

 

Gerade für die CDU ist all dies eine durchaus existenzielle Frage. Wollen sie in Koalitionsfragen auch künftig auf ihrer klaren Ablehnung der Linken beharren? Das könnte aber bedeuten, dass sie früher oder später direkt oder indirekt mit den Rechten zusammenarbeiten und damit Linke und AfD auf eine Stufe stellen. Oder erkennen sie an, dass die Linke zwar viele grundsätzliche Themen komplett anders beurteilt, aber ja immerhin eine demokratische Partei ist, während die andere Seite durch die Duldung von Faschisten in ihrer Mitte dem sicher nicht entspricht? Genau das ist die Kernfrage, die insbesondere die CDU für sich zu klären gehabt hätte.

 

Statt einer Antwort trat dann aber wenig später die Vorsitzende zurück und lenkte die Diskussion damit von Landes- auf Bundesebene, von einer Auseinandersetzung über die Frage des Umgangs mit den Rechten hin zu einer Personaldebatte. In dieser zeigte sich, dass die Partei derzeit wenig zu bieten hat, wohl aber großes Potenzial, sich in internen Machtkämpfen aufzureiben. Ein Schelm, wer dabei an die letzten Jahre der SPD denkt, die damit in Thüringen ja immerhin noch acht Prozent der Wähler für sich begeistern konnten.

 

 

Nun meldete sich der frühere Ministerpräsident Bodo Ramelow zu wort, sicher auch nicht ganz uneigennützig, aber immerhin mit einem lösungsorientierten Vorschlag, der ausgerechnet die noch frühere CDU-Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht ins Spiel brachte. Sicher, damit setzte er der CDU sozusagen die Pistole auf die Brust, indem er eigentlich fordert, sie sollen sich jetzt entscheiden, ob sie lieber mit den Linken oder den Rechten zusammenarbeiten.

 

Von Ramelow ist das ein durchaus kluger Schachzug, denn zum Einen bringt es die Regierungsbildung weiter, zum Zweiten fordert er die CDU zu einer klaren Aussage auf und zum Dritten ist dies natürlich eine generell für die Linken nicht ganz unbedeutende Frage für die politische Arbeit der nächsten Jahre. Leider eierte die CDU erst einmal nur herum, wirklich klare Aussagen blieben aus.

 

Ausgerechnet Christine Lieberknecht selbst ist es nun, die zur Vernunft mahnt und ganz offen eine Zusammenarbeit mit der Linken fordert. Weil es endlich weitergehen muss, weil es hier in erster Linie um Sachfragen und nicht um Posten geht und weil am Ende aus all diesem Chaos eben vor allem die Rechten profitieren und sich nun schon seit Wochen ins Fäustchen lachen können. Ihre Partei solle Ramelow unterstützen und damit Politik sich nicht noch weiter unglaubwürdig macht. Denn das ist es, worum es in erster Linie geht. „Ich habe mir das so nie träumen lassen“, wird sie im Spiegel zitiert, „aber wir müssen realpolitisch handeln, um das Land zu beruhigen.“

 

Wer kommt wann und wo?

Wundersame Weihnachtstraditionen

 

In den Innenstädten herrscht Konsumtrubel wie jedes Jahr und in den Medien wird wieder einmal darüber diskutiert, ob wir Flüchtlinge in Deutschland aufnehmen oder einfach im Mittelmeer ertrinken lassen sollten. Überspitzt gesagt jedenfalls. Mich jedenfalls kotzt all das mehr und mehr an. Uns geht es gut, doch all das könnte ein Ende haben, denn „die“ uns unseren Wohlstand wegnehmen wollen. Wer immer „die“ auch sind.

 

Wir fühlen unsere Zukunft nicht etwa durch eine Industrie bedroht, die nicht radikal umdenken will, weil es ja teurer wäre, und auch nicht durch eine Politik, die keine Maßnahmen ergreift, weil es ja der Industrie schaden könnte. Nein, wir lassen uns von jugendlichen Klimaaktivisten triggern und von rechten Hetzern aufstacheln.

 

Seit Jahren geht das jetzt so, so kommt es mir vor. Seit Jahren lassen sich viele Menschen und Medien die Themen von jenen diktieren, die Angst vor dem Neuen oder vor dem Fremden schüren und damit ein Narrativ erschaffen, das uns in einer Opferrolle darstellt. Wir sind nicht das reiche Land, das den Klimawandel vorantreiben könnte, wir sind nicht das reiche Land, das noch viel mehr Menschen in Not helfen könnte, nein, wir sind diejenigen, die bald nichts mehr zu melden haben.

 

 

Wir tragen nicht etwa eine Mitschuld an der Welt, so wie sie ist, nein, wir müssen verteidigen, um nicht unterzugehen. Dabei werden Idealbilder heraufbeschworen, die es längst nicht mehr gibt und im Grunde auch nie gegeben hat. Und um diese Bilder zu verteidigen, sind alle Fake News recht und jede noch so absurde Verschwörungstheorie billig.

 

Inzwischen sind die Gräben in unserer Gesellschaft und selbst in meinem eigenen Umfeld so tief, dass ich nicht mehr daran glaube, sie noch überwinden zu können. Und es macht mich mehr und mehr mürbe, es überhaupt zu versuchen.

 

In den letzten Jahren habe ich viel für die Kirche gearbeitet und dabei festgestellt, dass es nicht nur wichtig ist, christliche Nächstenliebe aktiv zu leben, sondern auch unsere Pflicht. Vor allem gilt diese Nächstenliebe nicht nur für eine diffuse Gruppe, die einige durch Herkunft oder nationale Grenzen definieren wollen, sondern ganz nach dem Gleichnis des barmherzigen Samariters insbesondere auch für jene, die uns fremd und vielleicht auf den ersten Blick nicht einmal sympathisch sind.

 

 

Im Privaten habe ich mit D., F. und den Kindern zum Glück Menschen kennengelernt, die mir sehr sympathisch sind, die von Fremden zu Freunden wurden und bei denen ich spüre, was ein wenig Hilfe doch bewirken kann. Folglich sind sie auch diejenigen, mit denen ich in der Weihnachtszeit Zeit verbringen und die Welt da draußen manchmal ein Stück weit vergessen möchte.

 

Natürlich dreht sich bei S., A. und M. auch alles um Geschenke und sie sagen mir mehr als einmal, was sie sich alles wünschen würden. Allerdings haben gerade sie auch Verständnis dafür, wenn ich ihnen erkläre, dass eben nicht alle Wünsche erfüllt werden. Bei F. und D. gibt es keinen Weihnachtsbaum und keine sonstige kitschige Deko, dafür aber echte Freude, wenn wir uns treffen und durchaus intensive Gespräche.

 

Zum Beispiel fragte mich D. neulich, was es bei uns mit dem Nikolaus und dem Weihnachtsmann auf sich hat. Und warum kommt der eine am 6., der andere am 24. Dezember, beide bringen sie den Kindern Geschenke und zwischendurch gibt es noch einen Adventskalender, der möglichst auch mehr zu bieten haben muss als jeden Tag nur ein Stückchen Schokolade.

 

Anfangs tat ich mich schwer, ihm das zu erklären, ohne dabei wieder nur auf die Konsumgesellschaft zu schimpfen. Der Nikolaus, so erklärte ich, geht eben auf den real existierenden Bischof Nikolaus zurück, der Weihnachtsmann hingegen auf die wohl erfolgreichste Marketingidee der Welt und dann gibt es in Deutschland eigentlich auch noch das Christkind, das am Heiligen Abend die Geschenke gebracht hat. Das wiederum geht auf Jesus Christus zurück, was ja logisch ist, warum das Christkind hier in Deutschland allerdings ein blondgelocktes Mädchen ohne Migrationshintergrund sein muss und warum sich mancher aufregt, wenn es nicht so ist, kann ich leider nicht logisch erklären.

 

 

Jesus, Maria und Josef und die Weihnachtsgeschichte kennt D. als Kurde auch. Ebenso den Bischof Nikolaus, denn den gebe es in Syrien auch, erklärt er mir. Bei den Christen dort käme an Weihnachten der Weihnachtsmann „Baba Noel“, der auf eben jenen Bischof zurückgeht, doch der habe den Rest des Jahres, einschließlich des 6. Dezembers, frei. Das leuchtet mir ein, klingt für mich logisch und ergibt ja eigentlich auch mehr Sinn als eine erfundene Werbefigur.

 

Wir überlegen dann noch gemeinsam, wie es denn in anderen Ländern ist. F. weiß, dass der Weihnachtsmann in den USA Santa Claus und in Frankreich Père Noel heißt. Ob sich dahinter allerdings der Bischof oder der Coca-Cola-Mann verbirgt, wissen wir alle nicht. Ebenso wenig, ob ich anderen Ländern auch sowohl Nikolaus und Weihnachtsmann kommen oder doch das blondgelockte Christkind oder wer auch immer. Ist ja eigentlich auch egal.

 

Wichtig ist doch, dass wir alle bestimmte Traditionen haben, die uns wichtig sind und dass wir die Traditionen anderer respektieren. Wenn wir uns darüber austauschen, dann können wir entdecken, dass sie letztlich alle doch Gemeinsamkeiten haben. So zum Beispiel die, dass wir unseren Lieben gerne eine Freude machen und dass es beim Schenken eigentlich darum geht, dass wir uns und anderen gerade zum Jahresende Glück, Gesundheit und Frieden wünschen.

 

Alarmzeichen und Bullshit-Bingo

Der Anschlag in Halle und das unfassbare Medienecho

 

Der rechte Terroranschlag in Halle hat uns in dieser Woche erschüttert und betroffen gemacht. Dennoch war vieles, was in den Medien zitiert wurde, absolut vorhersehbar. Von einigen wurde natürlich sofort betont, dass es Angriffe auf Synagogen in Deutschland nie mehr hätte geben dürfen und dass nun endlich vehement gegen Rechtsextremismus vorgegangen werden müsse. Soweit richtig. Ebenso wurde der Mörder schnell als Einzeltäter deklariert, was ja auch schon beinahe reflexartig passiert, um Spekulationen vorzugreifen.

 

Dennoch gab es die natürlich. Im Chat zu einem „patriotischen“ Video auf Youtube habe ich mitgelesen, wie sofort vermutet wurde, es handle sich um eine Tat, die den Rechten nur in die Schuhe geschoben werden soll, dass es so kurz vor der Landtagswahl in Thüringen passierte, spreche doch dafür, denn so könnte die AfD am besten diskreditiert werden. Im besagten Chat wurde das natürlich zum Teil noch etwas drastischer ausgedrückt.

 

Der Videomacher und Host betonte zwar, dass er die Tat verurteile, allerdings immer mit dem Nachsatz: so wie er jegliche Gewalt verurteile, auch die von islamistischer oder linker Seite. Warum, frage ich mich, muss man das jedes Mal so plakativ betonen? Im Grunde doch nur, wenn man darauf hinweisen will, dass ja die anderen auch schlimm sind und um die Morde damit zu relativieren, oder nicht?

 

 

In den sozialen Medien passierte dann meiner Meinung nach genau das. Auf Twitter antwortete ich beispielsweise auf den Tweet eines jungen Mannes, der sinngemäß schrieb, er hoffe, der Rechtsextremismus werde nun nicht wieder verharmlost, indem Leute wieder schreiben, die Linken seien genauso doof. Er jedenfalls habe noch keinen Linken in Kampfmontur auf offener Straße schießen sehen. In meinem Kommentar gab ich mich zynisch und vermutete, wir könnten doch leider wieder Bullshit-Bingo spielen und es sei nur eine Frage der Zeit bis genau das Argument mit den Linken komme. Es dauerte nur wenige Stunden, dann postete jemand anderes darunter: „Bei jeder Straftat eines Flüchtlings können wir aber auch Linken-Bullshit-Bingo spielen.“

 

Viel schlimmer als das finde ich allerdings, wenn die Bundesvorsitzende einer großen Regierungspartei dann öffentlich sagt, dieser Anschlag sei ein „Alarmzeichen“ und wenn in etablierten Fernsehsendungen darüber diskutiert wird, ob eventuell Killerspiele eine Ursache für die Radikalisierung des Täters sein könnten. Nein, liebe Annegret, das ist kein „Alarmzeichen“, das ist Ausdruck des Versagens eines Staates, der die Gefahr des Rechtsextremismus seit Jahren und Jahrzehnten systematisch kleinredet. Und es hat auch nichts mit Videospielen zu tun, die ebenso verbreitet sind wie Krimis im Fernsehen oder Bogenschießen im Sportunterricht der zehnten Klasse in der Schule. Was diese Menschen radikalisiert ist eine rassistische Ideologie.

 

Klar, jeder Fundamentalismus kann in Extremismus umschlagen und dann ist es nur noch ein kleiner Schritt vom Denken zum Handeln. Das gilt für Religionen, für Linke, aber eben auch genauso für Rechte. Gegen all das sollten Polizei und andere Behörden vorgehen. Allerdings sprechen die Fakten nun einmal eine recht deutliche Sprache. Da gibt es Islamisten, die Attentate verüben. Daher gehören sie eingesperrt. Da gibt es Linke, die Autos anzünden. Auch sie gehören bestraft.

 

 

Aber die meisten extremistischen bzw. politisch motivierten Straftaten begehen eindeutig Rechte. Das belegt jede Polizeistatistik und die Amadeu-Antonio-Stiftung listet Fall für Fall und namentlich 198 Todesopfer rechter Gewalt seit 1990 auf. Darunter die beiden jüngsten Opfer der Anschläge von Halle oder der ermordete Kasseler Regierungspräsident Walter Lübke.

 

All diese Menschen wurden von Einzeltätern patriotischer oder völkischer Gesinnung ermordet, von sogenannten Reichsbürgern, von der Terrorvereinigung NSU, die ja angeblich auch nur als Trio agierte. Und all das soll bloß ein „Alarmzeichen“ sein? All das steht in keinerlei Zusammenhang? Nach all diesen Taten haben wir in unserem Staat kein Problem mit rechter Gewalt?

 

Offenbar ja nicht, denn bereits jetzt gibt es in den sozialen Netzwerken Tweets und Posts, die erläutern, dass letztlich Merkels Flüchtlingspolitik an allem Schuld ist. Weil unsere Regierung so viele Fremde ins Land lässt, müssen wir uns nicht wundern, wenn manche Bürger eben nicht nur besorgt reagieren, sondern auch zur Tat schreiten. Sorry, differenzierte kann ich die Gedankengänge hier nicht ausdrücken, weil ich sie nun mal absolut nicht nachvollziehen kann.

 

An dieser Stelle kann ich nur noch sagen, wie unfassbar ich all das finde, wie sehr es mich entsetzt. Mehr denn je bin ich froh, dass es D. und seine Familie hierher in den verschlafenen Harz gezogen hat, weil ich hier zum Glück überwiegend Leute kenne, die all das ebenso wenig nachvollziehen können. Und ich bin auch nach wie vor überzeugt, dass es der überwiegenden Mehrheit in ganz Deutschland so geht. Aber damit das so bleibt, dürfen wir die Argumentationen der Rechten nicht stillschweigend hinnehmen oder ihnen mediale Plattformen bieten. Denn eine Ideologie des Hasses erzeugt letztlich hasserfüllte Taten.

 

Bloß nicht von der Klimahysterie anstecken lassen

Leben und Sterben in der Bubble

Neulich schrieb ich für unser tägliches News-Portal einen Text. "Bloß nicht von der Klimahysterie anstecken lassen", nannte ich ihn. Um allen Unklarheiten vorzubeugen habe ich ihn gleich in der Unterzeile ganz deutlich als Glosse gekennzeichnet. Eigentlich groß genug, eigentlich im Journalismus auch keine ungewöhnliche Textform und meiner Meinung nach eigentlich auch ohne den Hinweis deutlich als solche zu erkennen. Aber okay. Bevor ich erzähle, was weiterhin passierte, hier erst einmal der Text:

 

 

"Extreme Hitze in ganz Deutschland und auch im Harz. Beinahe stündlich werden neue Temperaturrekorde vermeldet, die Medien überschlagen sich mit Tipps wie viel trinken oder in der Sonne keinen Hochleistungssport zu betreiben und in den sozialen Netzwerken gibt es kaum noch ein anderes Thema. Die einen posten Fotos aus dem Schwimmbad, die anderen lamentieren über den Klimawandel. Da kann das Gehirn dann schon mal Feuer fangen.

 

Wetter und Klima, das sind zwei verschiedene Dinge, betonen einige vehement. Stimmt ja auch. Schon immer gab es regionale Temperaturschwankungen, holen sie weiter aus, das hat nichts mit menschengemachtem Klimawandel zu tun. Ach. Also gibt es den gar nicht?

 

Naja zumindest lässt er sich nicht beweisen. Bei immer mehr Messstationen in Deutschland dürfen wir uns über neue Hitzerekorde nicht wundern. Aber was ist mit den Auswirkungen, die wir selbst regional spüren? Also trockene Böden und kahle Wälder hier im Harz und trockene Talsperren, die letztlich ja die Trinkwasserspeicher für große Teile Norddeutschlands sind. Dazu immer wieder Starkregenfälle, von denen selbst Nationalparkmitarbeiter behaupten, es habe sie in so kurzen Abständen früher nicht gegeben. Ist das nicht alarmierend?

 

 

Nicht unbedingt. Leere Talsperren gab es früher auch immer mal wieder, Regen sowieso, vieles hat auch mit unserer wachsenden Akribie des Datensammelns zu tun. Außerdem sind es ja nur regionale Phänomene und daher ist es Wetter und kein Klima.

 

Okay, gut. Nur gibt es diese Phänomene ja auch in anderen Regionen. Zum Beispiel in Afrika, wo durch die Dürre immer größere Gebiete zu unbewohnbaren Wüsten werden. Oder in der Arktis, wo der Permafrostboden langsam auftaut. Oder in Australien; dort werden gerade die schlimmsten Dürrekatastrophen seit Beginn der Aufzeichnungen vermeldet. Alles nur regionale Phänomene? Zumindest einige Forscher in der Schweiz sehen das anders und haben genau das jetzt auch in einer Studie veröffentlicht.

 

Sicher. Studien sogenannter Experten, die in den Mainstream-Medien veröffentlicht werden. All das ist doch Teil der Klimahysterie, die gerade von der links-grünen Mehrheitsgesellschaft angeheizt wird. Es lassen sich immer auch Wissenschaftler finden, die das Gegenteil beweisen. Und wenn nicht die, dann gilt eben immer noch, dass man sich ohnehin nicht auf die Lügenpresse, sondern vielmehr auf das eigene Urteilsvermögen verlassen sollte.

 

Ach und das eigene Urteilsvermögen stellt bei 35 Grad im Schatten dann fest, dass es keinen menschengemachten Klimawandel gibt? Zumindest bei einigen, die auf den verschiedenen Plattformen sehr aktiv sind, ist das der Fall. Oft sind das auch genau die Leute, die sich bei kühleren Temperaturen über mangelnden Schweinefleischkonsum in deutschen Kitas, über die Diskriminierung von durch den Verfassungsschutz beobachteten patriotischen Gruppierungen oder über gemeingefährliche Schlepperbanden im Mittelmeer aufregen. Und natürlich über Greta Thunberg, die neben Angela Merkel und einigen anderen für all das verantwortlich zu sein scheint.

 

 

 

Warum eigentlich sind es ausgerechnet diese völlig harmlosen völkischen Patrioten, die den Klimawandel absolut nicht wahrhaben wollen? Könnten die Themen vielleicht sogar zusammenhängen? Mal angenommen, wir wäre wirklich für die hohen Temperaturen und damit auch für die Dürren und so weiter verantwortlich. Dann könnte es ja sogar unsere moralische Pflicht sein, jenen Menschen, die aus unbewohnbar gewordenen Gebieten fliehen, irgendwie unter die Arme zu greifen. Und wenn das, was sich gerade andeutet, in den nächsten Jahren so weitergeht, dann hätte Europa ja irgendwann gar keine sachlichen Argumente mehr, um sich gegen Menschen aus jenen Regionen, die wir über Jahrhundert ausgebeutet haben, abzuschotten.

 

Puh, das wäre aber ziemlich blöd. Dann sollten wir wohl doch besser jene Expertenmeinungen, die globale Zusammenhänge darstellen, als Hysterie darstellen und lieber unserer eigenen Wahrnehmung vertrauen, dass die Hitze nur regional und auch nicht von Dauer ist. Na, stimmt ja auch, denn wenn ich mich aus den sozialen Netzwerken ausklinke und vielleicht auch noch den Computer herunterfahre, wird es schon merklich kühler"

 

 

Soweit der Text also, ich hoffte, damit vielleicht doch einige Leser zum Nachdenken bringen zu können. Und ein bisschen Provokation darf ja wohl sein, vor allem von mir, wo ich mich in den sozialen Netzwerken durchaus als linksgrünversiffter Mainstream-Journalist betiteln lassen muss. (Eigentlich auch seltsam, dass das Wort "Mainstream" zum Schimpfwort werden kann, aber das ist eine andere Geschichte.)

Am nächsten Tag aber erreichte mich und auch die Redaktion eine bitteböse Mail. Eine Leserin empörte sich, wie wir einen solchen Text veröffentlichen könnten und warum die Redaktion mit jemandem wie mir zusammenarbeite, sie werde uns von nun an jedenfalls nicht mehr lesen. Was sie störte, war allerdings nicht etwa die vermeintliche linksgrünversiffte Provokation, nein, sie schrieb: Da können Sie ja auch gleich Werbung für die AfD machen!"  Als ich das las, musste ich mehrfach schlucken. Nicht, weil ich nicht mit Kritik umgehen kann, damit hatte ich ja gerechnet, aber weil ich nicht erwartet hatte, dass jemand den Text als rechte Propaganda verstehen könne.

Noch einmal traf mich dann der Schlag als ich den Namen der Leserin in eine Suchmaschine eingab. Sie ist Lehrerin, so das Ergebnis. An einer Berufsschule. Deutschlehrerin! Sorry, aber dazu fiel mir leider nichts mehr ein. Seitdem frage ich mich aber, ob wir mittlerweile so sehr in unseren Bubbles gefangen sind, ob unjsere Gesellschaft so sehr gespalten ist, dass wir allein bei bestimmten Signalworten vielleicht schon überreagieren und nicht mehr fähig sind, einen Text rational zu begreifen. Ist es wirklich so weit gekommen?

 

 

Die wirkliche Macht in unserem Staat

Bestandsaufnahme mit erschreckenden Ergebnissen

 

Unsere Politiker und Führungspersönlichkeiten sind nur Marionetten, hinter denen ganz andere Machthaber stehen. Etwa ein Drittel der Deutschen stimmt dieser Aussage zu. Dementsprechend stecken Medien und Politik unter einer Decke und Studien, die den Klimawandel belegen, sind meist gefälscht. Fast die Hälfte von uns glaubt, dass es geheime Organisationen gibt, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben.

 

Zu diesen Erkenntnissen kam die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die seit 2006 ein Meinungsbild der Deutschen erhebt, insbesondere zu rechtsextremen Einstellungen. In diesem Jahr gingen die Wissenschaftler unter dem Titel „Verlorene Mitte – Feindselige Zustände“ auch erstmals auf sogenannte Verschwörungstheorien ein. Demnach sind es eben 32,7 %, die Politiker für Marionetten halten, 24,2 % gehen davon aus, dass Medien und Politik gemeinsam agieren, immerhin 11,6 % halten den Klimawandel für eine Verschwörung und 45,7 % meinen, dass die eigentliche Macht bei im Geheimen agierenden Organisationen liegt.

 

Damit offenbart sich ein durchaus erschreckendes Misstrauen in eine funktionierende Gesellschaft, auch wenn die Studie in ihrem Grundtenor immer eher beschwichtigt. Vor allem rechtsextreme Einstellungen haben seit 2016 nicht auffällig zugenommen, heißt es in den erläuternden Texten, dennoch sind die Prozentzahlen derer, die manchen Behauptungen zustimmen durchaus bedenklich.

 

 

In Deutschland dürfe man nichts Schlechtes über Ausländer sagen, ohne gleich als Rassist beschimpft zu werden, meinen 54,8 % der Befragten. Die deutsche Gesellschaft werde durch den Islam unterwandert, behaupten 25,9 %. Die Ausländer kommen nur hierher, um den Sozialstaat auszunutzen sagen 18,9 % und immerhin 21,5 % sind überzeugt, Deutschland brauche jetzt eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert.

 

Zwar glauben „nur“ 3,9 %, dass eine Diktatur unter gewissen Umständen die bessere Staatsform ist, doch 64,5 % stimmen der Aussage zu, dass demokratische Parteien alles zerreden und Probleme nicht lösen. Natürlich sind dies nur einige Zahlen, doch zeigen sie deutlich, dass es mit dem Vertrauen in unser politisches System und unsere Gesellschaft nicht allzu weit her ist.

 

Die Studie liefert traditionell nur wenig Erklärungsansätze, sondern fokussiert sich auf die Fakten, doch einige Befragungen legen den Schluss nahe, dass es beim Rechtsextremismus und -populismus mit wirtschaftlicher Unsicherheit zu tun hat, mit dem Angst vorm sozialen Abstieg und auch mit der Politik selbst, die sozusagen in vielen Punkten die Bodenhaftung verloren hat. Allerdings scheint die Empfänglichkeit für rechte Einstellungen auch deutlich mit dem Bildungsniveau zusammenzuhängen.

 

 

Meist kommt es zu sogenannter gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, was im Grunde bedeutet, dass ein Verantwortlicher für die eigene unsichere Situation gesucht wird. Es leben zu viele Ausländer in Deutschland behaupten 35 %. Durch die vielen Muslime fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land sagen 34,9 % und 17,6 % verlangen, Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland zu verwehren. 44,2 % glauben, dass die meisten Asylbewerber in ihrem Land gar nicht verfolgt werden, diese letztgenannten Zahlen sind laut Studie in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen.

 

Eine ebensolche Ablehnung gibt es gegenüber Juden, die angeblich versuchen aus der Vergangenheit des ritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen (21,6 %), gegenüber Sinti und Roma, die in den Augen von 36,7 % generell zu Kriminalität neigen, und auch gegenüber homosexuellen und Trans-Menschen, die ekelhaft oder albern sind (14,8 % bzw. 12,6 %) sowie Obdachlosen, die aus Fußgängerzonen entfernt werden sollten (24,4 %), Langzeitarbeitslosen, die ja gar keinen Job wollen (50,6 %) und Menschen mit Behinderung, die besser unter sich bleiben sollten (3,3 %).

 

Ach ja – und Frauen sollte es natürlich wichtiger sein, ihrem Mann bei seiner Karriere zu helfen als selbst Karriere zu machen (8,5 %). Nun sind all das natürlich oft Einstellungen, denen die große Mehrheit ausdrücklich widerspricht, doch insgesamt bietet die Studie einen aufschlussreichen Einblick in eine Vielzahl von Meinungen, denen auch im Jahr 2019 noch nicht eben wenige Mitmenschen zustimmen.

 

 

Wie wollen wir zusammen leben?

Erinnerungen an die Notunterkunft - Teil 2

 

Kennen wir die Menschen aus Syrien, aus Afghanistan, aus Eritrea oder woher auch immer inzwischen gut genug? Sicher nicht, denn soweit ich es beobachte, bleiben sie immer noch überwiegend unter sich, zumindest die Älteren. Haben sich etwa tatsächlich jene Befürchtungen bestätigt, dass die Flüchtlinge nicht zu uns passen und es nur auf unsere Sozialsysteme abgesehen haben? Wenn ich bedenke, wie viele mir auf diesem Fest erzählten, dass sie jetzt endlich arbeiten und nicht mehr auf den Staat angewiesen sind, bezweifle ich auch das. Eine junge Frau wagte sogar zu sagen: „Was für ein Blödsinn, wir sind es doch, die in eurer überalterten Gesellschaft in die Sozialsysteme einzahlen.“ Recht hat sie.

 

Kann es also sein, dass wir die Willkommenskultur, die wir hier hatten, uns Stück für Stück haben vergiften lassen? Wenn ich mir anhöre, wie öffentliche Debatten geführt werden, dann möchte ich das bestätigen. Inzwischen habe ich häufig das Gefühl, wir alle rechtfertigen uns nur noch dafür, dass wir damals Menschlichkeit und Nächstenliebe an den Tag gelegt haben. Wir lassen uns immer wieder auf die Argumentationen der Rechten ein und betonen hilflos, dass ja nicht alle Flüchtlinge nur des Geldes wegen hier sind, kriminell werden und sich nicht integrieren lassen wollen. Seltsam.

 

Der Film führt mir dies jedenfalls deutlich vor Augen. Damals war es anders, so scheint es mir, ich bin mir nicht sicher, ob die Mehrheit heute noch einmal so reagieren würde wie vor vier Jahren. Und wenn ich mir viele Reaktionen auf Ertrinkende im Mittelmeer und über die Schuld von Lebensrettern ansehe, die als Schleuser hingestellt werden, dann bestätigt das mein Gefühl leider umso mehr.

 

 

Etwa 1700 Einwohner hat St. Andreasberg, berichtete der Film, nun waren auf einen Schlag doppelt so viele Menschen im Ort. Selbstverständlich waren da viele am Anfang skeptisch, doch als die Geflüchteten schließlich fortzogen, vermissten viele sie auch als gute Kunden in den wenigen Geschäften, die es noch gibt. Am meisten vermissten sie jedoch die Mitarbeiter, denen sie in dieser Zeit eng ans Herz gewachsen waren.

 

Im Film werden immer wieder Kamerafahrten durch leere Gänge gezeigt, dazu in Rückblenden Fotos von gemeinsamen Aktionen und Festen, so dass die Trostlosigkeit dieser letzten Tage tatsächlich greifbar wird. Mit viel Engagement wurde Ordnung ins Chaos gebracht, all die individuellen Dramen aufgelöst, Freundschaften entstanden, Kinder wurden geboren und dann war all das plötzlich wieder vorbei.

 

Lalit Vachani ist ein aus Neu Delhi stammender Dokumentarfilmer, der international an verschiedenen Universitäten, so auch in Göttingen, tätig war und ist, wo er zu religiöser Diversität forscht und Seminare zum politischen Dokumentarfilm unterrichtet. Ursprünglich, so erzählte er, wollte er in St. Andreasberg über die Arbeitsabläufe und das Leben in der Erstaufnahmeeinrichtung berichten, doch bis alle Drehgenehmigungen eingeholt waren, stand dort dann schon die Schließung an. Somit wurde es ein völlig anderer Film als ursprünglich geplant.

 

 

Durch die Bilder, die an einen Lost Place denken lassen, ist es ein sehr stiller Film, doch einer, der eine große und wichtige Geschichte erzählt. Auf eine Weise zeigt er ein sterbendes Dorf, das von der Zuwanderung hätte profitieren können, ein anderes im Film geäußertes Fazit lautet: „Jetzt, wo wir die Infrastruktur aufgebaut haben, um Menschen zu helfen, schottet sich Europa ab.“

 

In der anschließenden Diskussion mit den Zuschauern beantworteten Vachani und Becker viele Fragen zum Film, es kam aber auch zum allgemeinen Austausch über die Zeit in der Notunterkunft Rehberg-Klinik. Eine Bewohnerin berichtete von ihren Erfahrungen, ebenso eine Mitarbeiterin und beide stellten fest, dass es eine schöne und wertvolle Zeit für alle Beteiligten war. Genau das, so Lalit Vachani, habe ihn beim Dreh am meisten beeindruckt, wie sehr die Geflüchteten das Leben der Menschen berührt haben und wie problemlos und schnell alle zusammenwuchsen, weil die Situation es eben erforderte.

 

Geht das wirklich nur im Kleinen und ist hochgerechnet auf unseren Staat vielleicht unmöglich? Können wir nur dann Menschen in unser Herz schließen, wenn wir persönlichen Kontakt zu ihnen haben? Aber müssen wir jemanden überhaupt persönlich in unser Herz schließen, um menschlich und verantwortungsvoll zu handeln? Reicht es nicht aus, dass wir uns klar machen, dass wir nun einmal zu jenem Teil der Welt gehören, wo es alles im Überfluss gibt, und viele dieser Menschen aus Teilen kommen, die letztlich für unseren Wohlstand ausgebeutet werden? Kann es nicht eine Bereicherung sein, wenn wir endlich dieses „Die könnten uns etwas wegnehmen“ aufgeben und gemeinsam anpacken, um die überalterte Gesellschaft in diesem Land neu zu definieren?

 

 

Was wurde aus der Willkommenskultur?

Erinnerungen an die Notunterkunft - Teil 1

 

Die Rehberg-Klinik in St. Andreasberg wurde einst als Heilstätte erbaut, war später ein Reha-Zentrum und stand dann leer bis sie 2015 zur Notunterkunft für Flüchtlinge wurde. Diese wurde im Sommer 2016 wieder geschlossen, so dass das Gebäude inzwischen erneut leer steht. Doch über die letzten Tage der Erstaufnahmeeinrichtung gibt es einen Dokumentarfilm von Lalit Vachani, der kürzlich im Beisein der Filmemacher und mit Einladung zur Diskussion gezeigt wurde.

 

Zu diesem Filmabend waren jedoch nicht nur die Filmemacher, also Regisseur Lalit Vachani und Kameramann Olli Becker, gekommen, sondern auch einige ehemalige Mitarbeiter des ASB, der die Einrichtung betrieben hatte und sogar ehemalige Bewohner. Auch wenn ich selbst mit der Rehberg-Klinik relativ wenig zu tun hatte, wollte ich mir diesen filmischen Einblick und vor allem die anschließende Gespräche mit denen, die dort ihre Erfahrungen gemacht hatten, unbedingt gönnen.

 

Leider war dann nicht viel los und als ich ankam befürchtete ich im ersten Moment, Zeit oder Ort durcheinandergebracht zu haben. Doch in der Aula der Schule waren zahlreiche Sitzreihen aufgebaut, es gab Getränke und sogar ein paar Knabbereien, also war ich wohl richtig. Nur schien sich eben außer den unmittelbar Betroffenen kaum jemand für das dokumentarische Werk zu interessieren. Na gut, das Wetter war super und die Schließung inzwischen schon wieder ein paar Jahre her, doch immerhin war dies ein Film über eine turbulente Zeit, die es so in Deutschland vermutlich nicht wieder geben wird.

 

 

Alles war anfangs ziemlich unkoordiniert, berichteten die Mitarbeiter im Film, Spontaneität und Organisationstalent war gefragt. Zudem ging es laut und hektisch zu, doch alle, die dort arbeiteten, wollten in dieser Zeit unbedingt helfen, und diejenigen, die einzogen, waren dankbar für jede Hilfe, die ihnen die Ankunft in Deutschland ein Stück weit erleichterte.

 

Die Mitarbeiter des ASB und einige Ehrenamtliche schafften es, dass die Rehberg-Klinik wie so viele andere Einrichtungen in diesen Monaten nicht im Chaos versanken. Ein kurdischer Mitarbeiter berichtet, wie er 2012 selbst als Flüchtling nach Deutschland kam und ihm hier ehrenamtlich sehr geholfen wurde. Das war für ihn der Grund, warum er 2015 beschloss, diese Hilfe nun weiterzugeben.

 

All das waren Erfahrungen, die ich so gut nachvollziehen konnte, ja eigentlich ganz ähnlich ebenso erlebt hatte. Überhaupt gab es damals im Sommer 2015 ja so viele, die gerne helfen wollten, die sich schließlich auch irgendwie engagierten, sei es bei den Organisationen wie dem Roten Kreuz, den Johannitern oder wem auch immer, sei es in den Einrichtungen selbst auf welche Weise auch immer oder aber so wie wir, indem sie sich um diejenigen kümmerten, die aus den Erstaufnahmestellen auf die Kommunen und in eigene Wohnungen verteilt wurden.

 

 

Wo sind diese Menschen eigentlich geblieben, frage ich mich manchmal. Damals gab es eine ganze Reihe von Paten, die unglaublich engagiert Geflüchteten Deutsch beibringen wollten, sie auf den Wegen zu den Behörden begleiteten und und und. Inzwischen hatten sich viele von ihnen komplett zurückgezogen und D. sagt Rainer und mir manchmal, wie sehr ihn andere um seine Freundschaft zu uns beneiden. Was ist aus den anderen Paten geworden?

 

Erst vor einigen Tagen wurde in der Stadt jenes interkulturelle Fest gefeiert, das verschiedene Institutionen und zum Glück auch ich damals mit aus der Taufe gehoben haben. Beim ersten Mal war es so ein voller Erfolg gewesen, mit Musik aus verschiedenen Kulturkreisen, einem mehr als üppigen Buffet und vor allem mit gegenseitiger Neugier und dem großen Wunsch, die Neubürger kennenzulernen und willkommen zu heißen.

 

In diesem Jahr gab es auch Musik und ein ebenso großes Buffet wie damals, nur blieb am Ende mehr als die Hälfte übrig. Viele der Flüchtlinge waren gekommen. Gut, manche sind inzwischen in größere Städte gezogen oder es hat sie durch den Beruf an andere Orte verschlagen, doch von denjenigen die noch immer hier wohnen, waren viele da. Nur wo waren die Deutschen? Außer den Vertretern der Institutionen und Organisationen und den paar „üblichen Verdächtigen“ sah ich niemanden mehr, der mal einfach so vorbeikam, um eine neue Kultur besser kennenzulernen.

 

Fortsetzung folgt...

 

Freiheit. Aber wie lange noch?

Beklemmende Heimatgefühle

 

„Mach mal ein Foto vom Ortsschild in Freiheit“, lautete mein Auftrag. Also jenes Ortsschild, das ich noch im letzten Eintrag hier im Blog so schön als Symbolbild verwendet habe. Na, es gibt nun mal wenig Orte mit so wohlklingenden Namen. Außerdem schien die Sonne, der Himmel war blau und die Blätter der Bäume grün. Ein schönes Symbolfoto für irgendeinen Artikel also. Doch halt...

 

Dann erst sah ich mir den Aufkleber auf dem Schild genau an. Dass Straßenschilder mit irgendetwas beklebt oder auch besprayt werden, nun gut, aber dieser hier störte mich doch mehr als die meisten, die ich sonst so sah. „Nafri go home“, stand darauf („Nafri“ ist die polizeiinterne Bezeichnung für „nordafrikanischer Intensivtäter“), ein Sticker der Jungen Alternativen.

 

Die Jugendorganisation der AfD wird wegen ihrer migrations- und insbesondere islamfeindlichen Haltung als Verdachtsfall eingestuft. Hier in Osterode waren wir bis jetzt immer stolz auf die Integration, die wir in den vergangenen Jahren geleistet haben und auch darauf, dass die AfD bei den letzten Wahlen weniger Stimmen als im Bundesdurchschnitt bekam (Bei der Europawahl waren es 8,35 Prozent, bei der Bundestagswahl 8,92 Prozent.)

 

Ein solcher Aufkleber, zynischerweise auf dem Ortseingangsschild eines Ortes mit dem Namen Freiheit, zeigt aber, dass wir hier wohl doch nicht im Tal der Glückseligen leben. Wird es mit der Freiheit für einige vielleicht bald vorbei sein? Na gut, ich überdramatisiere wohl ein bisschen, sagte ich mir.

 

 

Dann aber lese ich die Nachrichten und nehme zur Kenntnis, dass der Bundestag verschärfte Abschieberegeln beschließt, in den sozialen Medien treffend als #HauAbGesetz“ betitelt, Bundesminister Seehofer schwadroniert darüber, dass Gesetze so zu formulieren seine, dass das Volk sie nicht verstehen kann, und bei der SPD wird von einer „Einwanderung in die Sozialsysteme“ gesprochen.

 

Wenn ich also im letzten Eintrag noch in der Vergangenheitsform davon schrieb, unsere Politik habe sich die Agenda von Wut- und Hutbürgern und Populisten diktieren lassen, so habe ich heute den Eindruck, dass wir leider schon einen Schritt weiter sind. Wenn laut Umfragen knapp 20 Prozent der Deutschen überzeugt sind, Ausländer kämen nur in unser Land, um die Sozialsysteme auszunutzen, und mehr als 40 Prozent denken, dass die meisten Asylsuchenden in ihrem Land gar nicht verfolgt werden, und eben auch, dass ein Großteil der Geflüchteten grundsätzlich kriminell ist, dann haben meiner Meinung nach die Rechten genau das erreicht, was sie erreichen wollten, und sind jetzt dabei, diese Ansichten auch auf breiter politischer Basis zu etablieren. Aber dazu werde ich mich demnächst noch einmal ein wenig ausführlicher auslassen.

 

 

Jetzt fällt mir dazu nur ein, dass D. neulich seinem Profilbild bei Facebook einen dieser Rahmen verpasste, die es dort ja gibt. Einen Rahmen mit der deutschen Flagge, weil er diesem Land so dankbar ist, weil er hier eine neue, sichere Heimat gefunden hat und weil er hier als Kurde nicht verfolgt wird, wie er mir später erklärte. Eigentlich eine schöne Idee.

 

Blöderweise musste ich ihn auf das kleine Parteilogo am Rande aufmerksam machen und den dazugehörigen Spruch, der vielleicht den einen oder anderen irritieren könnte. Da war zwar auch von der Liebe für dieses Land die Rede, aber seitens der AfD eben eine Liebe, die anscheinend nicht jeder empfinden darf bzw. die nur bei einigen auch auf Gegenliebe trifft. Nach meiner Erklärung tauschte D. sein Profilbild wieder aus und hat nun einen Rahmen mit kurdischer Flagge.

 

Mein Profilbild, egal in welchem sozialen Medium, wird von keiner Flagge geziert. Und auch nicht von sonstigen Symbolen. Nur das Ortsschild Freiheit – natürlich ohne Sticker – das könnte ich mir eventuell noch vorstellen.

 

Die kindische Welt der Erwachsenen

Spätpubertäres Gebaren in der Politik

 

„CDU-Chefin bekennt sich zur Meinungsfreiheit“ titelte Spiegel online heute. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte eine solche Schlagzeile eine ebensolche Aussagekraft gehabt wie „Der Papst ist katholisch“ oder „Die Erde ist eine Kugel“. Doch halt – auch die letzte Aussage wird inzwischen von gar nicht so wenigen Menschen angezweifelt. Vor allem im Internet, diesem #Neuland. Offenbar leben wir in einer Zeit, in der die Meinungsfreiheit von einigen bis ins Letzte ausgedehnt wird, während andere sich offenbar zu ihr bekennen müssen. Nach 70 Jahren Grundgesetz eine spätpubertäre Phase oder was ist da eigentlich los?

 

Auslöser für eine Kette unnötiger bis peinlicher Reaktionen war ein Video des Youtubers Rezo, in dem dieser mit der Politik der aktuellen Regierung abrechnet. (Na, wenn ihr in den letzten Tagen nicht unter einem Stein geschlafen habt, wisst ihr das ja eh.) So richtig fanden die Spitzenpolitiker und ihre Berater der CDU keinen Weg, um mit der Kritik des 26-jährigen Internetstars umzugehen, seine mit Quellen belegten Äußerungen wurden auf Twitter lautstark als „Fake News“ bezeichnet, es sollte ein Antwortvideo kommen, was dann aber doch zurückgezogen wurde und nach dem desaströsen Wahlergebnis gipfelte alles im Vorschlag Annegret Kramp-Karrenbauers, die Meinungsäußerungen von Youtubern zu regulieren.

 

Zunächst dazu: Wenn mich nicht alles täuscht, dann lassen sich die Parteien in Wahlkämpfen schon immer gerne von Prominenten aus Film, Fernsehen, Sport etc. unterstützen. Aber wenn jemand durchs Internet prominent ist, soll das plötzlich nicht mehr gelten? Oder sind jetzt etwa alle, die Videos mit politischen Aussagen auf Youtube hochladen, Journalisten? Also im letzteren Fall fühle ich mich in meiner Berufsehre ziemlich herabgewürdigt, ansonsten ist es ein Angriff auf die Meinungsfreiheit und damit Zensur. Wie man es also dreht und wendet, ein solcher Vorschlag von Politikern einer Regierungspartei ist absolut indiskutabel.

 

 

Fuck, die Akteure hier sind nicht Mitglieder irgendeines Ortsrates, das sind diejenigen, die unser Land regieren. Allein mit diesem Verhalten bestätigen sie nicht nur Rezos Vorwurf der Inkompetenz, sie stellen auch noch unter Beweis, dass sie nicht kritikfähig sind, nicht nachdenken, bevor sie handeln und auch noch abseits des Grundgesetzes handeln. Sowas ist einfach hochgradig peinlich.

 

Allerdings ist dies eben auch nur ein vorläufiger Höhepunkt einer weiteren Reihe deutlichen Versagens. Bereits als Jugendliche auf die Straße gingen, um gegen den damaligen Artikel 13 eines neuen Urheberrechts zu demonstrieren, war die Reaktion der etablierten Politik in weiten Teilen pure Arroganz. Ebenso als Schülenr anfingen, für den Klimaschutz und damit ihre eigene Zukunft auf diesem Planeten zu streiken. „Die sollen lieber in die Schule gehen... überlasst das den Experten... wenn sie unbedingt wollen, sollen sie in ihrer Freizeit streiken.“ (Mich würde ja brennend interessieren, was Lokführer oder Piloten erreichen, wenn sie in ihrer Freizeit, vielleicht abends im heimischen Garten streiken – aber das nur nebenbei.)

 

All diese Themen, die große Teile der jüngeren Generation umtreiben, wurden mit einem arroganten Lächeln weggewischt. Auf der anderen Seite, wenn in den Jahren davor immer wieder besorgte Bürger auf die Straße gingen und sich nicht selten sogar in der Grauzone zwischen Meinungsfreiheit und Hetze bewegten, dann hieß es vollmundig, man müsse deren Sorgen ernst nehmen. Über Monate und Jahre hinweg ließ man sich die komplette politische Agenda von den Wut- und Hutbürgern und Populisten diktieren. Aber bei den Jugendlichen keine Spur davon.

 

 

Das Dumme an der Meinungsfreiheit ist übrigens: auch die Rechten haben ein Recht darauf. Wenn also besorgte Bürger behaupten, man dürfe in diesem Land ja nichts mehr sagen, die nationalen Regierungen würden von einer geheimen Elite gesteuert und die Erde ist eine Scheibe, dann dürfen die das äußern, weil eben die Freiheit der Meinung auch immer die Freiheit Andersdenkender ist. Sie dürfen sogar Videos auf Youtube hochladen, in denen sie behaupten, Rezo sei für sein Video von den Grünen bezahlt worden, ebenso wie Greta Thunberg von der NWO. Die Grenzen der Meinungsfreiheit sind erst da erreicht, wo die Beleidigung oder die Volksverhetzung anfängt. (Den Rechten sei an dieser Stelle nur noch einmal nahegebracht, dass damit auch alle anderen wiederum ihre Meinung zu solchen Parolen sagen dürfen und diese Meinungen nicht alle von einer dubiosen linksgrünversifften Elite gesteuert werden.)

 

Fakt ist also, dass unser großartiges Grundgesetz auch nach 70 Jahren noch Dinge reguliert, an die die Verfasser damals noch gar nicht denken konnten. Doch gewisse humanistische Grundsätze gelten eben zu jeder Zeit bzw. sollten gelten. In Artikel 1 heißt es übrigens: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Wenn sich nun aber Repräsentanten des Staates selbst so würdelos gebärden wie im Moment, dann dürfen wir uns leider nicht wundern, dass Populisten die Deutungshoheit an sich zu reißen versuchen und dass eine junge Generation sich vollkommen verarscht vorkommt und sich letztlich von der kindischen Welt der Erwachsenen abwendet – Ausgang ungewiss.

 

Genervtes Geschraube

Rate mal, wer Raten zahlt - Teil 2

 

Wenige Tage später ist der Fernseher dann da und zum Glück hat D. auch einen Bekannten, der ihm das Riesengerät anschließen und einstellen kann. In technischer Hinsicht bin ich ja schon froh, wenn ich auf meinem Computer meine Texte und Fotos wiederfinde und wenn ich weiß, wie ich sie hier im Blog einstellen kann. Dafür habe ich bis jetzt in all meinen Wohnungen sämtliche Möbel selbst aufgebaut, bis auf die Hängeschränke in der Küche, die nun wirklich allein nicht an die Wand zu dübeln sind, sogar alle ganz alleine.

 

Aus diesem Grund sage ich dann auch sofort zu als D. mit bittet, ihm beim Aufbau des neuen Wohnzimmer- und Fernsehschranks zu helfen. Zu zweit sicher kein Problem, denke ich mir, zumal D. früher ja auch handwerklich gearbeitet hat, sogar auf dem Bau und da kommt er mit Möbeln wohl allemal zurecht.

 

Diese Zuversicht stand allerdings nur bis ich die Montageanleitung in den Händen hielt. Also ehrlich gesagt arbeite ich fast immer nach Anleitung, weil ich dank einiger Lebenserfahrung festgestellt habe, am Ende spart es doch Zeit, wenn man nicht nach Stunden alles wieder auseinander schrauben muss, weil man ganz am Anfang Schraube A-19 übersehen oder die Rückwand vergessen hat oder sowas. Und tatsächlich finde ich die meisten Anleitungen auch völlig okay, wenn man sie erst einmal ein wenig hin und her gedreht hat.

 

Nicht so bei dieser. Es fängt schon mit der Zuordnung der einzelnen Schrankteile an. Die sehen nämlich auf den Abbildungen nicht so aus wie in echt, es sind nur jene Bohrungen etc. eingezeichnet, die gerade für den aktuellen Arbeitsschritt von Bedarf sind und daher kann ich nicht erst einmal alles in typisch deutscher Manier sortieren und zurechtlegen. Sämtliche Schrauben und Nägel natürlich nach Größen geordnet, um sie dann im Bedarfsfall schnell greifbar zu haben.

 

 

D. hingegen fängt schon einmal an, die unzähligen Holznöppel in die vermutlich vorgesehenen Löcher zu dröseln und sucht dabei nur verzweifelt den Leim, mit dem er die Festigkeit seines Möbels verstärken kann. Offenbar braucht dieser Schrank aber keinen Leim. Schade eigentlich, denn wenn ich den jetzt tief eingeatmet hätte, wäre ich vielleicht dem Prinzip auf die Spur gekommen, nach dem diese Montageanleitung erstellt worden war. Jedenfalls fing sie nicht mit Schritt 1, sondern mit Schritt 7 an und war auch nicht chronologisch zusammengetackert, sondern vermutlich so, wie die Zettel dem unterbezahlten Arbeiter in Südostasien in die Hände gefallen waren.

 

Wie auch immer nach einer gewissen Einarbeitungszeit legte auch ich los und zumindest die Seitenteile ließen sich ebenso aufbauen wie fast alles, was ich so in meiner Wohnung hatte. Insgesamt waren es zwei Schrankelemente an den Seiten, eine Art flache Kommode unten und ein Hängeschrank oben, für ein wahres von einer modernen Wohnwand umrahmtes Heimkino also.

 

Allerdings von einer Schrankwand mit Rissen in den mit Hochglanzlack beschichteten Türen, wie F. plötzlich feststellte als sie einen Blick auf die Einzelteile warf. Hätte ich alle Teile wie gewohnt zuvor sortiert, wäre es auch mir schon eher aufgefallen, dachte ich mir, ärgerlich war es aber so oder so. Vor allem, weil die Risse nicht nur oberflächlich, sondern richtig tief waren. Wir mussten reklamieren.

 

Eine Kundenhotline gab es tatsächlich, allerdings war die Nummer auf der Seite des Shops erst nach ziemlich langem suchen auf einer Unterseite zu finden und es gab dann nicht einmal eine tolle Bandansage mit musikalisch unterlegter Warteschleife, sondern nach langem Klingeln ging tatsächlich ein echter Mensch ans Telefon. Der wirkte auf mich ziemlich überrascht und erklärte uns dann auch nur, dass wir Fotos der beschädigten Teile machen und per Mail schicken sollten.

 

 

Grundsätzlich hasse ich es, begonnene Arbeiten nicht zu Ende führen zu können, doch jetzt ging es leider nicht anders. Also verstauten wir alles, insbesondere die Tür mit dem Glaseinsatz möglichst kindersicher im Flur und warteten zwei Tage. Dann allerdings wurden sämtliche Bauteile ohne Murren abgeholt und durch fabrikneue Pakete ersetzt. Immerhin. Auch wenn das für uns bedeutete, noch einmal ganz am Anfang anzufangen.

 

Schneller als beim ersten Versuch ging es diesmal auch nicht, denn die Anleitung hielt noch weitere Herausforderungen bereit, insbesondere bei der Tür des oberen Schrankteils. Während sich die Klappe auf dem Foto nach oben aufklappen ließ, tat sie das in der Anleitung nach unten und wie ich die Teile auch drehte und wendete, die Vorbohrungen ließen nichts anderes zu. Noch dazu waren die Arbeitsschritte zur Gesamtmontage der einzelnen Elemente gar nicht mehr verzeichnet und auch Dübel für das obere Element fehlten.

 

„Zur Befestigung an Wand prüfen diese zunächst und besorgen dann passende Teile“, hieß es lapidar. Natürlich war es Sonntagnachmittag und kein Baumarkt hatte geöffnet, so dass ich fürchtete, wir könnten unser Werk schon wieder nicht vollenden. Doch D. beteuerte, er habe auch dafür einen Freund, der helfen könne. Tatsächlich kam der am Abend und hatte auch wirklich passende Schrauben und Dübel zur Hand, so dass das Heimkino doch noch eröffnet werden konnte. Trotzdem fuchst es mich immer noch, dass ein blöder Schrank es geschafft hat, mir meine bisher fehlerlose Möbel-Aufbau-Bilanz so zu ruinieren.

 

Grüne Gesichter

Rate mal, wer Raten zahlt - Teil 1

 

D. will sich einen neuen Fernseher kaufen. Zugegeben, der, den er von Nachbar I. damals ja eigentlich auch nur übergangsweise bekommen hat, ist erstens nicht besonders groß, zweitens noch ein Röhrengerät und drittens zeigt er seit einiger Zeit auch recht seltsame Farben, also violetten Himmel und grüne Gesichter. Auf Dauer mag das zwar so manch illegale Substanz ersetzen, wirklich toll ist es aber nicht. Natürlich will D. jetzt gleich richtig zuschlagen und sich den größtmöglichen Flachbildmonitor kaufen.

 

Mein Verhältnis zum Fernsehen ist eh ein wenig gespalten. Nun verteufle ich nicht alles, was dort läuft, aber ich habe auch noch nie einen eigenen Fernseher besessen und komme mit dem Internet, Kino und ab und zu eine DVD wunderbar zurecht. Vor allem muss ich gestehen, dass ich auf Werbung im Fernsehen relativ allergisch reagiere.

 

 

Das hat zum Teil mit meiner Ex-Freundin zu tun, die damals ihre Kinder ziemlich oft vor dem Fernseher parkte und die Werbung auf den Kinderkanälen zumindest in den 90ern schlimmer war als jede illegale Substanz. Zum Teil liegt es aber auch daran, dass ich die meisten Spots einfach nur unerträglich dumm finde, voller überhöhter Versprechen bis hin zur ewigen Glückseligkeit und das für Produkte wie Küchenpapier oder Kaffeepads.

 

Apropos Kaffeepads oder noch schlimmer die entsprechenden Kapseln. Nun bin ich auch kein großer Kaffeetrinker, aber für jede Tasse eine nicht eben kleine und unverrottbare Plastikverpackung in die Umwelt zu schmeißen, das ist für mich der komplette Irrsinn. Gut, ich komme vom Thema ab, doch was ich eigentlich sagen wollte, ist, dass Werbung sich in aller Regel ziemlich negativ auf unser Konsumverhalten auswirkt. Bei den Kindern meiner Ex gab es immer wieder Streit um den neuesten angepriesenen Mist, der dann nach zwei Tagen unbeachtet in der Zimmerecke lag.

 

Da lobe ich mir doch all jene Länder, in denen es kein speziell für Kinder gemachtes Fernsehprogramm gibt, und wenn, dann wenigstens nur ein paar Sendungen, so dass die Kids danach wieder gezwungen sind, sich selbst zu beschäftigen und kreativ zu werden. Genau das haben F. und D. nämlich über ihr Syrien vor dem Krieg erzählt, doch S. A. und M. sind, was das angeht, schon sehr deutsch geworden und wissen genau, auf welchen Sendern rund um die Uhr die nervigsten Kinderserien laufen.

 

 

Na gut, „Tom und Jerry“ gucken sie gerne, da bleibe auch ich dann manchmal hängen und lache mit ihnen gemeinsam über genau das, was mich auch vor Jahrzehnten schon begeistert hat. Seltsam eigentlich, wie wenig man sich als Mensch doch weiterentwickelt. Tom und Jerry haben sich allerdings weiterentwickelt, zumindest haben sie auf dem jetzigen Fernseher grüne Gesichter und daher sehe ich natürlich ein, dass ein neues Gerät her muss.

 

Tags darauf gehen D., Rainer und ich in den nächsten größeren Elektronikfachmarkt und da wir konsequent an der Kasse stehenbleiben, fühlt sich schon zehn Minuten später ein Mitarbeiter beflissen, uns zu beraten. Ein Smart-TV soll es sein, damit D. damit im Internet auch Youtube und einige arabische bzw. türkische und kurdische Sender sehen kann. Das kann ich gut nachvollziehen. Der Verkäufer natürlich, denn schließlich sind das nun einmal nicht eben die günstigsten Geräte.

 

Schwieriger wird es dann als wir nach Ratenzahlungen fragen. Grundsätzlich natürlich gar kein Problem, da gibt es eine Hausbank, die für solche Fälle Kleinstkredite vergibt, sogar mit beliebiger Laufzeit. Ach, Moment mal, die Familie hat nur ein begrenztes Bleiberecht? Na, dann ist natürlich nichts machbar, das müssten wir verstehen. So viel also mal wieder zu dem Thema, dass Asylsuchende bei uns überall Vorteile haben.

 

Wir verlassen den Laden ziemlich frustriert. Rainer und ich versprechen, dass wir uns Gedanken machen, doch als wir wenig später wieder bei F. und F. aufschlagen, erzählt er uns stolz, dass er im Internet einen Fernseher bestellt hat, den er in kleinen Raten über die nächsten 24 Monate abbezahlen kann. Das Gerät sei sogar noch größer als die, die wir uns gemeinsam angesehen haben und weil das ja mit den Ratenzahlungen so gut klappt, hat er auch gleich noch einen neuen Wohnzimmerschrank bestellt. Prima Idee, wenn man gerade einen Job sucht, die Frau schwanger ist und auch sonst so manches in der Schwebe.

 

Fortsetzung folgt...

 

Ein Künstler, der leider wenig Größe zeigt

Indirekter Eingriff in die Berichterstattung - Teil 2

 

Irgendwann ist er dann wieder da und auch dran, muss also auf die Bühne und ich muss zugeben, dass seine Texte richtig gut sind. In denen spricht er sich in klaren Worten für eine Welt ohne Vorurteile und gegen Rassismus und jede Art der Diskriminierung aus, was mir wirklich gefällt. Dann schließlich holt er seine Freundin mit auf die Bühne, sie ist übrigens auch Musikerin, doch eigentlich treten beide nicht mehr gemeinsam auf. An diesem Abend dann doch und insbesondere für die jungen Organisatoren wird es ein ganz spezieller Abend, denn die beiden lassen so etwas wie eine exklusive Clubatmosphäre entstehen.

 

Mit diesen Eindrücken und ziemlich emotionalen Fotos fahre ich schließlich nach Hause und bin mir sicher, dass ich einen guten Artikel schreiben kann, der vor allem zeigt, dass die Jugendlichen alles richtig gemacht und hier einen unvergleichlichen Livemoment geschaffen haben. Mein unvergleichlicher Moment kommt dann allerdings nur wenig später, denn da ruft der Künstler mich unerwartet an und möchte mit mir noch einmal über meine Berichterstattung reden.

 

Meine Pressemitteilung ist natürlich längst verschickt und auch das Interview ist online, doch genau das möchte er jetzt nicht mehr. Wie beim Konzert bereits erwähnt, tritt er nicht mehr gemeinsam mit seiner Freundin auf, daher möchte er keine gemeinsamen Fotos veröffentlicht sehen. Na gut, sage ich, dann schicke ich eine Korrektur und bitte darum, die Bilder nicht zu veröffentlichen. Blöd gelaufen, weil gerade das der spannendste Moment war, aber bevor ich mich streite, lenke ich lieber ein.

 

 

Später ruft er mich dann noch einmal an, jetzt möchte er, dass auch das Interview nicht veröffentlicht wird und im Text solle ich seine Freundin auch nicht erwähnen. „Dann hättest du dich nicht mit ihr öffentlich auf eine Bühne stellen sollen“, werfe ich mal kurz ein, doch darum gehe es gar nicht. Worum denn dann? Nun ja, er zeige in seinen Texten nun einmal Haltung und das gefalle in unserer heutigen Zeit nicht jedem.

 

Noch verstehe ich nicht. Also holt er weiter aus. Durch seine Texte und Äußerungen gebe es im Moment im Netz viele rechte Trolle, die alles tun, um ihm zu schaden, daher wolle er denen keine Angriffsfläche bieten. Was das mit gemeinsamen Auftritten mit seiner Freundin zu tun hat, verstehe ich immer noch nicht und ehrlich gesagt ärgert mich inzwischen auch, dass ihm das erst jetzt einfällt.

 

Er ruft mich an diesem Abend dann noch ein weiteres Mal an, bittet mich, die entsprechenden Passagen zu löschen, ich könne nun mal nicht verstehen, was so abgeht, er kenne auch etliche andere, die sich gegen Rechts positionieren und wisse, womit die zu kämpfen haben. „Du, ich bin auch nicht erst seit gestern Journalist“, werfe ich ein, „und ich bin eigentlich überzeugt, dass es falsch ist, aus Angst den Schwanz einzuziehen und sich einschüchtern zu lassen.“ Nein, ich verstehe das nicht, beharrt er weiter. Nein, tue ich auch nicht.

 

 

„Meinst du nicht, wenn ich jetzt eine weitere Korrektur meines Pressetextes an die verschiedenen Redaktionen schicke, dass dann vielleicht der eine oder andere Journalist erst recht hellhörig wird und die Geschichte vielleicht noch größer macht als dir lieb ist?“ Auch das prallt völlig an ihm ab, so dass ich schließlich eigentlich nur noch genervt bin und meinen Text ein weiteres Mal umschreibe und all das, was diesen Abend für mich besonders gemacht hat, herausstreiche.

 

Natürlich hätte ich mich auf eine weitere Diskussion einlassen können und auf meine freie Berichterstattung pochen können und so weiter und so fort. Doch letztlich ist es schlicht nicht wichtig genug. Mir geht es ja vor allem darum, dass ich die Jugendlichen für ihr tolles Engagement lobe. Das kann ich auch, ohne einen sich offenbar für immens wichtig haltenden Musiker besonders herauszustellen.

 

Dennoch beschäftigt mich die Geschichte noch eine Weile. Zwar kann ich mir nach wie vor nicht zusammenreimen, warum der gemeinsame Auftritt rechten Trollen Futter geben soll, doch viel schlimmer finde ich eigentlich etwas anderes. Nämlich dass sowohl dieser Musiker wie auch ich uns am Ende offenbar von denen vorschreiben lassen, was in der Zeitung steht. Er, weil er irgendetwas befürchtet und ich, weil ich einfach keine Lust auf die Auseinandersetzung hatte. Das sind zwar noch keine Fake News, ein indirekter Eingriff in die Pressefreiheit ist es aber strenggenommen trotzdem. Und dass sowas ausgerechnet bei einem Konzert für Toleranz passiert, ist im Grunde ziemlich zynisch.

 

 

 

Jugendliche, die Großes auf die Beine stellen

Indirekter Eingriff in die Berichterstattung - Teil 1

 

Das Handy klingelt und eine recht junge Stimme meldet sich. Es gehe um ein Konzert, ein Konzert gegen Rechts, ob ich nicht darüber schreiben könne. Im Laufe des Gespräches klärt sich, dass die Idee dazu tatsächlich von einigen Jugendlichen kommt, sie haben sich ein bisschen Hilfe gesucht, doch organisiert haben sie alles mehr oder weniger in Eigenregie. Allerdings haben sie ihr Event bis jetzt nur in den sozialen Netzwerken gepostet und niemand dachte an die herkömmliche Presse.

 

Nun liegen mir Jugendliche besonders am Herzen, besonders, wenn sie Engagement zeigen und dann auch noch für eine gute Sache. Natürlich gilt der alte journalistische Grundsatz, dass ich mich auch mit einer guten Sache nicht gemein machen darf, doch gerade diesen Punkt sehe ich inzwischen etwas anders. Neutralität und Sachlichkeit ist gut und wichtig, bei bestimmten Themen, so bin ich inzwischen überzeugt, darf ich aber auch als Journalist nicht leidenschaftslos bleiben. Und wenn junge Menschen sich für Toleranz, Mitmenschlichkeit und eine offene Gesellschaft engagieren wollen, dann kommt bei mir umgehend Leidenschaft auf.

 

„Okay, dann trommel mal möglichst viele von euch zusammen und lass uns einen Termin machen, damit ich euer Konzert ankündigen kann, am besten schon morgen oder übermorgen, denn sonst ist es zu spät.“ Zwei Stunden später meldet er sich wieder und hat es tatsächlich geschafft, für den kommenden Tag ein Treffen mit dem Kern des Teams anzusetzen. Das beeindruckt mich ein wenig, muss ich zugeben.

 

 

Noch mehr beeindruckt mich am nächsten Tag dann die Leidenschaft, die die Jugendlichen für ihr Konzert zeigen. Einige von ihnen hatten nach einer Ausstellung über Anne Frank den dringenden Wunsch, irgendetwas auf die Beine zu stellen, das ihre Altersgenossen davor warnt, dass Geschichte sich wiederholt. Dazu haben sie die üblichen Vereine und Institutionen mit ins Boot geholt und ein Konzert mit gleich vier Bands organisiert, das schon in der kommenden Woche stattfindet. Also höchste Zeit für eine Ankündigung in der klassischen Presse, denn das fordern auch die, die sie unterstützen.

 

Ein Versprechen, dass ich auch zum Konzert komme und darüber berichte, gebe ich ebenfalls. Zum einen, weil mir der Einsatz und die Aussage des Events gefällt, zum anderen, weil ich von den vier Bands immerhin zwei kenne und auch rein privat unbedingt hören möchte. Die dritte ist ebenfalls aus der Region, die kenne ich aber nicht und als Hauptact konnten die Kids einen relativ bekannten überregionalen Künstler gewinnen. Finde ich beachtlich. Ein Pressefoto des Hauptacts bekomme ich auf meine Anfrage hin allerdings leider nicht mehr, stattdessen nur die Antwort, ich solle mir eines aus dem Netz holen. Zum Glück gelingt es mir aber, meine Pressemitteilung relativ weit zu verbreiten, so dass ich hoffe, doch noch ausreichend anzukündigen, wenn eben auch mit Fotos der Organisatoren und der regionalen Bands.

 

Ein paar Tage später ist es dann soweit und am frühen Abend bin ich einer der ersten Gäste, werde begeistert empfangen und werde backstage sofort mit Kaffee versorgt. Ehrlich gesagt habe ich schon Events von erwachsenen und professionellen Veranstaltern erlebt, die sich längst nicht so bemüht haben.

 

 

Zuerst begrüße ich die Musiker der beiden Bands, die ich kenne und wir plaudern ein wenig, dann frage ich jenen Jungen, der mich zuerst angerufen hat, ob denn auch der Hauptact schon da ist. „Ja, ist er, aber der ist schon mit seiner Freundin wieder weg und kommt dann hoffentlich pünktlich zu seinem Auftritt.“ Also Begeisterung klingt anders. „Naja“, gibt er zu, „er war ja so ganz nett, lässt aber schon irgendwie raushängen, dass er sonst auf größeren Events unterwegs ist.“

 

Gerade, wenn die Organisatoren Jugendliche sind und vermutlich sogar Fans, schreckt mich sowas grundsätzlich erst einmal ab. Da ich ihn aber nicht kenne – er ist in der HipHop-Szene unterwegs und das ist nun mal so gar nicht meine – warte ich erst einmal ab. Tatsächlich ist mein erster persönlicher Eindruck dann ein positiver, denn der Künstler ist mir gegenüber sehr umgänglich und stimmt sogar einem Interview zu, das ich übrigens auch angefragt hatte.

 

Während wir im Backstagebereich etwas aufnehmen, was ich eigentlich auch meiner Pressemitteilung anhängen möchte, spielt vorne schon die erste Band und selbst hier hinten merkt man deutlich, wie gut die Stimmung ist. Der Hauptact und seine Freundin verschwinden nach dem Interview erst noch einmal, doch das stört mich wenig, denn ich wollte ja sowieso vor allem die anderen Bands hören. Die rocken auch alle echt gut ab, und auch, wenn leider nur wenig Besucher da sind, ist die Stimmung großartig.

 

Fortsetzung folgt...

 

 

Mit dem stummen Timo im Keller

Streit mit dem Vermieter und kein Ende - Teil 2

 

Einsichtig zeigen sich die Vermieter nach dem Gutachten natürlich immer noch nicht, relativierende Begriffe wie „vermutlich“ oder „wahrscheinlich“ deuten sie als Beweis dafür, dass der Schimmel doch vom falschen Lüften kommt. Dennoch zeigen sie sich einem weiteren anwaltlichen Schreiben gegenüber kompromissbereit und da wir längst auch keine Lust mehr auf den Streit haben, vereinbaren wir schließlich einen Termin zur Schlüsselübergabe.

 

Pünktlich stehen D., Rainer und ich dann auch vorm Haus, die Vermieterin ist schon da, ebenfalls mit Verstärkung, von der ich vermute, dass es wohl ihr Sohn ist. Er wird uns bloß als Timo vorgestellt, sagt selbst aber die ganze Zeit über kaum mehr als drei Worte, so dass er für uns hinterher nur „der stumme Timo“ bleibt.

 

Dafür redet die Vermieterin umso mehr, erklärt uns wortreich, dass Anwälte ja sowieso lügen und dass unser Anwalt ihr gegenüber auch schon eingeräumt habe, dass in den meisten Fällen immer beide Parteien irgendwie Recht haben. Soll uns recht sein, wir wollen jetzt vor allem den Schlüssel los werden und damit dieses Kapitel im wahrsten Sinne des Wortes endlich abschließen.

 

Dennoch erfolgt ein ausgiebiger Rundgang durch die gesamte Wohnung, während der uns die Vermieterin bei Heizkörpern, Türen, Tapeten und anderen Details immer wortreich erklärt, wann diese eingebaut wurden, wie teuer sie waren, dass alle anderen Mieter damit immer voll zufrieden waren und sie pfleglich behandelten, nur durch D. und seine Familie sei nun alles verwohnt und müsse erneuert werden.

 

 

Da wir es uns ganz fest vorgenommen haben, kommentieren wir all das kaum, sind ähnlich stumm wie der stumme Timo, denn wir haben uns sagen lassen, wenn wir den Schlüssel erst einmal los sind, dann können keine weiteren Ansprüche geltend gemacht werden. Zudem sind es eben ihre unerschöpflichen Wortschwälle, mehr aber nicht, denn im Grunde sind es keine konkreten Schäden, die da festgestellt werden können.

 

Am Ende sind wir im Keller angekommen, wo wir noch einmal alle Zählerstände notieren, unserer Meinung auch die der anderen Wohnung im Haus, doch das ist uns egal, denn wir wollen nur noch hier raus. Dafür hat Rainer dann auch ein Schriftstück vorbereitet, mit dem sie uns die Schlüsselübergabe bestätigen soll. Natürlich geht auch das nicht so einfach und wir müssen ihre weiteren Ausführungen übers falsche Lüften und dass sie ihren Mietern ja oft genug erklärt habe, wie das richtig geht, über uns ergehen lassen. Irgendwann unterschreibt sie dann doch und wir sind heilfroh, die Tür endlich und endgültig hinter uns zuziehen zu können.

 

Alles andere ist nun Sache zwischen den Vermietern und der Stadt bzw. zwischen den Anwälten, wir haben schließlich auch genug Zeit investiert und D. versteht eigentlich immer noch nicht so ganz, wo genau das Problem liegt. In seiner Heimat werde zwar auch viel gestritten, so sagt er, doch dass auch Streit in Deutschland irgendwann in einem Papierkrieg mit den Behörden mündet, das kannte er vorher nicht.

 

 

Zunächst einmal ist nun Ruhe, doch nach einigen Wochen, F., D. und die Kinder haben sich schon längst in der neuen Wohnung eingelebt und schwärmen von den neuen Vermietern, die zum Glück nicht so viel reden wie die alten, erreicht uns wiederum ein Brief vom Anwalt. Jetzt haben die Vermieter noch einmal eine Mängelliste geschickt, voller Schäden, die D.s Familie ihnen noch bezahlen soll. Alles einzeln aufgeschlüsselt, nichts davon wurde bei der letzten Begehung oder davor mal angesprochen, einige Schäden sogar auf die Zeit nach der Schlüsselübergabe datiert.

 

Wenn wir uns auch zusammenreißen müssen und es in uns brodelt, so beherrschen wir uns doch und bleiben unserem Gebot der stoischen Ruhe treu. Laut Kompromiss ist ja alles schon einmal geregelt gewesen und wir konnten uns auch zähneknirschend damit anfreunden, wenn also jetzt noch Forderungen kommen, ist es an den Vermietern, diese auch durchzudrücken. Nicht unser Problem also und D. raten wir, dass er auf Briefe aufgrund der Sprachbarriere leider nicht antworten kann. Der Anwalt sieht es ebenso und verliert auch kein Wort darüber, dass in jedem Rechtsstreit eventuell beide Parteien irgendwie Recht haben.

 

Damit ist grundsätzlich Ruhe, doch irgendwie lässt mich das Thema dennoch nicht kalt. Ganz offiziell beginn ich zu recherchieren, stoße auf zahlreiche Flüchtlingsfamilien, die ähnlich schlechte Erfahrungen machten und sich über den Tisch gezogen fühlten. Am ende spreche ich sogar mit einem Vermieter, der mir gegenüber den schönen Satz sagt: „An jemand anderen als an Flüchtlinge würde ich einige Buden ja auch nicht loswerden.“

 

Genau das wird dann zur Überschrift in einem Presseartikel, der mir noch einmal viele Reaktionen einbringt, weil unsere Erfahrung wohl tatsächlich alles andere als ein Einzelfall ist. Sogar einige andere Zeitungen melden sich bei mir, weil sie die Geschichte ebenfalls aufgreifen wollen. Ob es grundsätzlich etwas ändert, weiß ich nicht, doch nach allem, was ich in den letzten paar Jahren erlebt habe, kann ich solche Dinge nun mal nicht mehr schweigend hinnehmen.

 

Mit der Gutachterin auf dem Dachboden

Streit mit dem Vermieter und kein Ende - Teil 1

 

Die neue Wohnung ist längst eingerichtet, der Streit über die alte aber immer noch nicht beigelegt. Die alten Vermieter beharren darauf, dass der Schimmel auf falsches Lüften und nasse zum Trocknen aufgehängte Wäsche in der Wohnung zurückzuführen ist. Daher bestehen sie auf den noch ausstehenden Monatsmieten und wollen vor allem die Kaution nicht rausrücken.

 

Inzwischen haben wir einen Anwalt eingeschaltet, der mehrfach Briefe geschickt und Kompromissvorschläge gemacht hat, doch gebracht hat das bis jetzt nichts. Rainer hat sich mehrfach am Telefon mit den Vermietern auseinandergesetzt, denn immerhin müssen F. und D. gerade jetzt jeden Cent umdrehen. Zwar hatten sie in der Wohnung Möbel, nämlich zum großen Teil immer noch jene, die ihnen damals als Erstausstattung gestellt worden waren, doch die haben entweder den Umzug oder aber unserer Begutachtung nicht standgehalten. Vieles ist beim leichten Anfassen schon auseinander gefallen, anderes wurde von Rainer und mir dann rigoros als Sperrmüll erklärt.

 

Zwischendurch haben wir D. und F. noch erklärt, dass auch in Deutschland Fliesentische und Schrankwände in Eiche rustikal nicht mehr modern sind und es durchaus auch geschmackvoll eingerichtete Wohnungen gibt. Gut, verglichen mit dem Pomp, den uns beide aus früheren syrischen Wohnungen und insbesondere aus arabischen Fernsehsendungen zeigen, ist wohl jede deutsche Wohnung ausgesprochen schlicht.

 

 

Auch das, was die beiden uns im Internet an Möbeln, die sie gerne hätten, gezeigt haben, traf nicht unbedingt unseren Geschmack und hätte so geballt aus jedem deutschen Wohnzimmer vermutlich einen Palast gemacht. Zum Glück haben sie sich jetzt doch etwas heruntergeschraubt und einen Mittelweg zwischen arabischem Schick und deutschem Flüchtlings-Geldbeutel gefunden. Da ist selbst ja durchaus für Deko und Verspieltes zu haben bin, gefällt mir das Ergebnis inzwischen richtig gut.

 

Weniger gefällt mir allerdings dieser nun seit gefühlten Ewigkeiten andauernde Streit mit den Vermietern. Ginge es nur um mich hätte ich vermutlich längst aufgegeben und zähneknirschend auf das Geld verzichtet, hier geht es mittlerweile aber ums Prinzip und wenn es ums Prinzip geht, dann können selbst wir Deutschen erbittert kämpfen.

 

Zu unserem Glück sind wir ja nicht ganz allein, schließlich bekommt D. sein Geld um Moment noch vom Staat, so dass auch der Landkreis durchaus etwas mit dieser Angelegenheit zu tun hat, genaugenommen die Kaution für die Wohnung ja gezahlt und dementsprechend auch Anspruch darauf hat. Daher bewilligen sie uns auf Nachfrage des Anwalts schließlich einen Gutachter.

 

Zum vereinbarten Termin bin ich da, noch haben wir die Schlüsselübergabe ja hinausgezögert, und auch D. ist mit dabei. Die Vermieter zum Glück nicht. Daher begrüßen wir die nette Dame vom Landkreis einigermaßen hoffnungsvoll, auch wenn sie mir ziemlich direkt offenbart, dass sie ja bloß Gutachterin, aber keine Expertin für Schimmel sei. Na, was soll's, immerhin stehen wir nicht mehr ganz allein da.

 

D. und ich führen sie durch die nun leere Wohnung, in der die diversen Schimmelflecken an den Wänden natürlich noch mehr auffallen. „Und das ist wirklich in jedem Zimmer?“, fragt die Gutachterin. „Ja, überall, obwohl wir nicht überall unsere Wäsche getrocknet haben“, antwortet D. geistesgegenwärtig. „Besonders ist es an allen Dachschrägen“, ergänze ich und deute auf die entsprechenden dunklen Stellen.

 

 

Tatsächlich nimmt sich die Dame viel Zeit, guckt sich alles sehr genau an und bittet dann auch darum, einmal auf den Dachboden blicken zu dürfen. Dort oben war ich auch noch nie. Umso mehr fällt mir gleich auf, dass der Holzboden hier voller Wasserflecken ist, alles sieht nicht sonderlich einladend aus und auch, wenn ich weder Experte noch Gutachter bin, erscheint mir all das hier nicht nach neuesten Standards gedämmt. Diesen Eindruck bestätigt auch die Frau vom Amt, macht sich Notizen und erklärt dann abermals: „Also ich bin ja keine Sachverständige... aber was ich hier sehe, spricht für mich nicht für falsches Lüften.“

 

Das ist doch genau der Satz, den wir hören wollten. Das Ergebnis jedoch bekommen wir dann schriftlich, klärt sie uns noch auf, das könne ein paar Tage dauern. Mir egal, ich bin erst einmal froh, dass sie uns bestätigt und uns Hoffnung macht. Denn bei mir ist es nun einmal so, je länger so ein Streit dauert, desto häufiger hinterfrage ich mich, ob die andere Partei nicht vielleicht doch im Recht sein könnte. Jurist dürfte ich mit diesem Charakterzug nicht werden, doch ich bin ja auch nicht D.s Anwalt, sondern lediglich ein Freund, der all das ehrenamtlich auf sich nimmt. Allerdings hinterfrage ich mich da inzwischen auch manchmal, ob ich es gemacht hätte, wenn ich vorher gewusst hätte, was da alles auf mich zukommt.

 

Fortsetzung folgt...

 

 

Kampfbereite Demonstranten?

Land der Dichter und Denker - Teil 2

 

Wenn es nicht so ernst und erschreckend wäre, dann würde ich das alles wohl ziemlich lächerlich finden. Doch in der großen Politik erfahren wir leider immer wieder, wie ernst das alles werden kann, wenn selbst Politiker etablierter Parteien populistische Reden schwingen, weil sie meinen, sie könnten die ideologischen Kleingärtner unter ihren Wählern damit wieder einfangen. Und auch im Kleinen beobachte ich leider immer wieder, dass all das die öffentliche Diskussion bestimmt.

 

Selbst bei uns in der ach so heilen Provinz gab es in den vergangenen Jahren vermehrt Kundgebungen und Demonstrationen, bei denen menschenverachtende Parolen in die Welt hinausgebrüllt wurden. Zum Glück aber auch immer wieder Gegendemontrationen, die deutlich gemacht haben, dass die Rechten eben noch lange nicht die Mehrheit sind. Bei etlichen dieser Veranstaltungen war ich dabei, teils um darüber zu berichten, teils um es mir einfach anzusehen.

 

Besonders in Erinnerung ist mir der Aufmarsch eines sogenannten Freundeskreises, gegen den später auch die Staatsanwaltschaft ermittelte. Die „Freunde“ trafen sich regelmäßig in verschiedenen Städten in der Region zu Kundgebungen, fast immer gab es eine deutlich größere Zahl von Gegendemonstranten und nicht selten war in der Presse hinterher von eskalierender Gewalt insbesondere seitens der Anhänger der Antifa zu lesen.

 

Als nun eine Veranstaltung in der Nachbarstadt angekündigt war, wollte ich mir das ganze als Pressevertreter einmal ansehen und mir ein eigenes Bild machen. Schon als ich ankam, mein Auto in einer Seitenstraße parkte und dann einfach dem Lärm nachging, war mir klar, dass die Stimmung an diesem Tag ziemlich aufgeheizt war. In den sozialen Netzwerken kursierte alles Mögliche, so wie in den sozialen Netzwerken ja immer alles Mögliche kursiert. Darauf gebe ich nicht viel.

 

 

Ziemlich am Rande des ganzen Trubels fing mich eine flüchtige Bekannte ab und raunte mir zu, ich solle ein wenig vorsichtig sein, wenn ich Fotos mache, die Stimmung sei aufgeheizt und etliche Schwarzgekleidete suchten nur nach einem Vorwand, um losschlagen zu können. Na gut, sagte ich mir, als Pussy hätte ich den Job als Journalist nicht wählen dürfen. Nein, das sagte ich mir natürlich nicht, aber es hätte doch in dieser Erzählung gut geklungen, wenn ich es mir gesagt hätte, oder nicht?

 

Stattdessen näherte ich mich dem Geschehen vorsichtig, machte zunächst Bilder aus der Entfernung, denn mit erkennbaren Gesichtern ist das ja so eine Sache. Was ich sah, waren zum Teil tatsächlich Vertreter, die ich der Antifa zuordnete, die mit lauter Musik und durchs Megafon gerufenen Parolen die rechten „Freunde“ zu übertönen versuchten und bunte Plakate vom Schlage „Refugees welcome“ schwenkten. Einschüchternd oder gar bedrohlich wirkte das auf mich jetzt nicht gerade. Vor allem nicht, weil sich in den Reihen dahinter viele auch mir bekannte Vertreter der Stadt, umliegender Städte, des Landkreises und einfach ziemlich viele „normale“ Bürger versammelt hatten.

 

Nur von den eigentlichen Veranstaltern bekam ich noch relativ wenig zu sehen. Also musste ich wohl doch näher ran und mir meinen Weg durch die Menge der Gegendemonstranten bahnen. Immerhin wollte ich wirklich Bilder von dort, wo sich beide Gruppen, getrennt von Einsatzkräften der Polizei, gegenüberstanden. Bewaffnet mit meiner Kamera bahnte ich mir meinen Weg nach vorne und zu meiner Überraschung wurde ich ziemlich schnell von allen durchgelassen. „Bist du von der Presse?“, fragte mich jemand. Als ich bejahte, machten alle noch viel schneller Platz und irgendwann hörte ich sogar jemanden rufen: „Komm hierher, hier hast du richtig gute Sicht...“

 

 

So gelangte ich ziemlich zügig bis an die Absperrung und konnte meine Bilder von den Polizisten und auch dem recht überschaubaren ätzende Parolen abfeuernden Grüppchen der Rechten machen. Von eskalierender Gewalt war hier, wo ich mich befand, jedenfalls nichts zu spüren. Dennoch hatte die gesamte Situation natürlich etwas Beklemmende, hier meinte ich zu spüren, wie tief eigentlich der Graben war, der sich mittlerweile durch unsere Gesellschaft zog.

 

Nun kam aber doch der Journalist in mir durch und auch, wenn mir privat klar war, auf welcher Seite ich hier stand, musste ich aus beruflicher Sicht auch die andere Seite dokumentieren. Folglich machte ich mich auf den Weg zum Einsatzleiter der Polizei und fragte einmal an, ob es okay sei, wenn ich mich hinter die Absperrung und zu den „Freunden“ wagte, um auch dort Bilder zu machen und vielleicht sogar einige Stimmen einzufangen. „Kannst du ja versuchen, Herr Dolle“, kam die Antwort, „aber halt dich ein bisschen zurück, denn es kann sein, dass einige von denen das nicht so gerne mögen und wir haben im Moment genug zu tun, so dass wir uns nicht auch noch um dich kümmern wollen.“

 

Also stellte ich mich mal naiv, ging offen auf das Grüppchen zu und zückte meine Kamera. Sofort steuerte ein Ordner der „Freunde“ auf mich zu und fragte, was ich denn hier wolle. Ich sei Journalist und wenn in der Stadt was los ist, dann sei es meine Aufgabe, darüber zu berichten, antwortete ich wahrheitsgemäß. Während ich dann also Fotos machte, baute er sich immer breiter vor mir auf, sagte nichts, wollte mir offenbar nonverbal einiges deutlich machen.

 

Tatsächlich machte ich noch einige Bilder von den besorgten „Freunden“ und ihren meiner Bannern mit meiner Meinung nach menschenverachtenden Parolen, entschied mich dann aber dafür, den Rückzug anzutreten und den netten Mann, der sich immer neu vor mir in Pose setzte, nicht weiter zu provozieren. Natürlich hätte ich auf eine Weise Lust gehabt, das Spiel noch ein wenig weiter mitzuspielen und vielleicht auch ihn noch einmal direkt – wie es seit dem „Hutbürger-Vorfall“ so schön heißt „ins Gesicht“ - zu fotografieren, doch wem hätte das am Ende genutzt?

 

Also machte ich mich auf den Rückweg, ich hatte gesehen, was es zu sehen gab. Keine eskalierende Gewalt, aber durchaus aufgeheizte Stimmung. Eigentlich bedarf dieses Erlebnis keines weiteren Kommentars und ebenso dachte ich, dass sich auch meine Leser selbst ein Bild machen konnten. Gut, wir sind hier in der Provinz und meine Erfahrungen mit Demonstrationen sind sicher nicht repräsentativ, doch dass all diese „Kleingärtner-Freunde“ nur besorgte Bürger sind und die Linken ebenso schlimm, wie uns manchmal in den Medien eingeredet wird, den Eindruck kann ich nun mal nicht bestätigen.

 

 

Der Kampf ums Sofa

Land der Dichter und Denker - Teil 1

 

Wenn Deutschland auf viele, die zu uns kommen, auf den ersten Blick wie ein Paradies wirken mag, dann sehe ich im Moment leider viele Schlangen, die die paradiesischen Zustände stören. Tatsächlich glaube ich auch, dass ich sehr viel Glück hatte mit dem Land, in dem ich geboren wurde. Es gehört zu den reichsten dieser Erde, es ist in vielerlei Hinsicht sehr fortschrittlich und vor allem wurden hier für die Menschen sehr viele Werte fest verankert, die auch mir sehr viel bedeuten.

 

Humanistische und christliche Werte sorgen für eine relative Gleichstellung aller, die Meinungsfreiheit ist eines unserer höchsten Güter und unser Staat greift vergleichsweise wenig in die persönliche Freiheit des Einzelnen ein. Das sind Werte, um die uns viele Menschen auf diesem Planeten beneiden. Ist es nicht also ein Hohn, dass sich hier immer mehr Kräfte breit machen, die genau diese Werte infrage stellen?

 

Da tauchen seit einigen Jahren Leute auf, die laut grölend auf die Straßen gehen und sich als Retter dieses freiheitlich christlichen Abendlandes aufspielen. Diese Leute beleidigen und bedrohen Flüchtlinge, die Regierung und unsere freie Presse und beklagen, dass sie dieses oder jenes angeblich nicht mehr sagen dürfen. Im Grunde ist das so absurd, dass es schon komisch wäre, wenn es mir denn nicht so viel Angst machen würde.

 

Diese Menschen sehen sich als Verteidiger unserer Kultur und meinen damit aber nicht die Nächstenliebe, Toleranz und persönliche Freiheit, die wir uns seit Jahrhunderten aufgebaut haben, sondern bloß eine Abgrenzung gegen alles, was ihnen fremd ist. Sie haben Angst, dass ihnen jemand ihr Stückchen vom Paradies streitig machen könnte, weil sie nicht begreifen können, dass genug für alle da ist.

 

 

Ist vielleicht das sogar ein Grund, warum wir heute nicht mehr im Paradies leben? Weil wir damit angefangen haben, im Gartenzäune im Garten Eden zu ziehen und einen Teil der saftigen, süßen Früchte für uns beanspruchen wollten. Weil wir nicht kapiert haben, dass genug für alle da ist und nicht damit leben können, dass der andere vielleicht eine Frucht futtert, bei der auch uns gerade das Wasser im Munde zusammengelaufen ist. Weil es nun einmal allzu menschlich ist, dass es in einem Garten eine Gartennutzungsordnung geben muss, an die sich gefälligst jeder zu halten hat. Oder ist das einfach nur typisch deutsch?

 

Tatsächlich glaube ich manchmal, dass dieses Kleingärtnerdenken, dieses Hausmeister-Gen bei uns Deutschen besonders ausgeprägt ist. Zwar haben wir uns über Generationen und dank vieler Dichter und Denker eine freiheitliche und offene Gesellschaft erkämpft, doch eigentlich sind wir noch gar nicht reif dafür. Wir sehnen uns nach einer Haus- und Gartenordnung, weil wir den Gedanken nicht ertragen können, dass wir den Müll einmal häufiger an die Straße schleppen als unser Nachbar. Und wenn dann auch noch Menschen hierher kommen, die ihren Müll vielleicht nicht einmal trennen, dann ist der Ärger natürlich vorprogrammiert.

 

 

Ein wenig erinnert mich all das immer an meinen Bruder und mich. Früher als wir noch Kinder waren. Als wir am Samstagabend länger aufbleiben und „Wetten Dass...“ im Fernsehen gucken durften. Dann fläzten wir uns nämlich nach dem Baden immer auf das große Sofa und kaum fing die Sendung an, begann der Kampf. „Das ist meine Seite. Da darfst du nicht drauf!“ Wenig später wurde dann aus den Sofakissen eine Grenzmauer errichtet, die natürlich von der anderen Seite immer wieder ein Stück versetzt wurde. Irgendwann kam es dann zum Kampf und zum Bombardement mit den übrigen Sofakissen und irgendwann wurde es unseren Eltern zu bunt und sie schickten uns beide ins Bett. So hatte am Ende dann keiner von uns etwas davon.

 

Neulich habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, wenn man all diesen besorgten Bürgern eine Parzelle in einer Kleingartenkolonie besorgen würde. Natürlich ein einer Kolonie, in der es nur Gleichgesinnte gibt, die jeden Samstag akkurat ihren Rasen mähen, ihre Gartenzwerge in Reih und Glied aufstellen und wo kein Apfelbaum seine Zweige über die Grenze zur Nachbarparzelle streckt. Dort dürften sie dann alles sagen, was sie ja laut grölend auf unseren öffentlichen Straßen und in den sozialen Netzwerken angeblich nicht sagen dürfen und niemand würde sie mit einer Kultur belästigen, die nicht ihre ist. Würden sie sich dann weniger absurde Sorgen machen?

 

Leider gibt es diese Kleingartenkolonien nicht und daher organisieren sich diese Leute nach wie vor anders und ziehen dabei immer wieder auch uns mit hinein. Durch meinen Job bekomme ich hin und wieder davon mit und bin manchmal sogar näher dran als mir lieb ist. Immer mal wieder gibt es Kundgebungen oder sogenannte Mahnwachen, über die ich berichten muss und während derer ich mir auch die Parolen anhören muss, die leider so gar nicht nach der Kultur des Vaterlandes der großen Dichter und Denker klingen.

 

Fortsetzung folgt...

 

 

Shoppen bis zum Umfallen

Verloren im Konsumtempel - Teil 3

 

Irgendwann geht es dann mit vollbeladenem Einkaufstrolley zur Kasse. Nicht nur die Kinder sind inzwischen relativ platt, auch ich habe absolut keine Lust mehr, mir auch nur noch ein T-Shirt mit Comicfigur oder Bling Bling anzusehen. F. jedoch ist glücklich und freut sich riesig über die fünf großen Papiertüten, die ihr am Ende in die Hand gedrückt werden.

 

Während wir uns mit Kindern und Tüten zwischen anderen Kunden hindurch zum Ausgang schlängeln, überlege ich, ob es vielleicht gerade dieses Gefühl ist, um das uns manch andere Kultur beneidet und damit eben auch der Grund, warum so viele zu uns kommen wollen, wenn die eigene Heimat keine Zukunft mehr bietet. Dass diese ganze glänzende Konsumwelt im Grunde nur Schein ist und noch dazu längst nicht für jeden in vollen Zügen erlebbar, das muss man ja erst mit der Zeit schmerzhaft lernen. Nach außen hin erwecken wir ja tatsächlich den Eindruck, dass all unser Seelenheil irgendwo in diesen fünf Einkaufstüten steckt.

 

Wenn ich dann noch überlege, mit welchem Pathos die Werbung Produkte an den Mann und die Frau bringt, dann nimmt das alles tatsächlich geradezu religiöse Züge an. Für den Moment sind F. und die Kinder aber wirklich rundum glücklich, vor allem als die drei endlich das versprochene Eis bekommen. Na gut, Eis macht nun ohne Zweifel glücklich, das muss ich eingestehen.

 

 

Auf dem jetzt etwas gemächlicheren Weg zurück nehmen D. und F. sich die Zeit, auch ein wenig auf die Stadt zu achten, in der sie sind. D. bewundert die großen und schönen Häuser – ja, ein paar davon gibt es in Braunschweigs Altstadt ja doch – und F. vor allem die vielen Geschäfte und unterschiedlichsten Menschen, die hier unterwegs sind. Sie möchte unbedingt nach Braunschweig ziehen, stellt sie schließlich fest. Weil alles hier größer ist als in Osterode, weil alles schöner ist und eben auch viel mehr los.

 

Mein Einwand, dass die Kleinstadt aber auch Vorteile hat, wenn es darum geht, sich in Deutschland einzugewöhnen, trifft jetzt gerade auf ziemlich taube Ohren. Dabei bin ich inzwischen überzeugt, dass vieles im fast noch familiären Umfeld einer Kleinstadt wirklich leichter ist, während die Anonymität einer Großstadt der Integration durchaus im Wege stehen könnte.

 

Bevor wir das Thema aber weiter vertiefen können, kommen wir an den Schlossarkaden an, jenem großen Shoppingcenter, in dem der Begriff Reizüberflutung in Bezug auf die Kinder fast schon verniedlichend wirkt. F. geht es ebenso. Auch sie blickt fast schon hektisch umher und weiß gar nicht mehr, wo sie zuerst nach weiteren Verlockungen suchen soll. Dann jedoch ist es mit einem Mal vorbei.

 

Ich höre sie mit D. leise reden und auch ohne die Sprache zu verstehen, höre ich raus, dass ihr jetzt plötzlich alles zu viel ist, sie nur noch an die frische Luft und sich setzen will. Auch das kann ich gut nachvollziehen. Gegen den Protest der Kinder packen wir die drei und bahnen uns den schnellsten Weg durch den Hinterausgang nach draußen.

 

 

Immerhin ist F. hochschwanger und schon seit Stunden auf den Beinen, vermutlich, ohne zwischendurch genug getrunken zu haben. So überfüllt es im Einkaufszentrum ist, und so hektisch auch auf dem großen Vorplatz, so ruhig ist es hier hinten. Es gibt einen kleinen Spielplatz mit einer Bank, eine kleine Oase der Ruhe, die wir jetzt dringend brauchen. D. kümmert sich besorgt um seine Frau, die eigentlich nur etwas trinken will.

 

Zu zweit stürmen wir wieder rein, steuern direkt auf den nächsten Drogeriemarkt zu und kaufen für jeden von uns eine große Flasche Wasser. Danach sofort wieder nach draußen, wo auch die Kinder jetzt etwas zur Ruhe gekommen sind und feststellen, dass sie all die Eindrücke erst einmal mit Wasser herunterspülen müssen. Ja, es war eigentlich nur ein Shoppingtrip in eine größere Stadt. Und doch ist es eben für F., D. und die Kinder eine ganz andere Welt mit so vielen neuen Eindrücken, bei denen wir nicht davon ausgehen können, dass sie sich alle mal so nebenbei verarbeiten lassen.

 

Auf der Rückfahrt sind wir dann alle recht schweigsam, hängen unseren Gedanken nach. Und nachdem wir die Kinder zuhause abgesetzt haben, fahren wir noch zur Frauenärztin, um uns bestätigen zu lassen, dass bei F. alles in Ordnung ist und nur der Flüssigkeitsmangel sie schwächeln ließ. Für sie und ihre Familie ist es eben nicht nur eine andere Welt, sondern auch ein völlig neuer Lebensabschnitt, der fast nichts mehr mit ihrem früheren Leben gemeinsam hat. Ich glaube, ich kann mir gar nicht ausmalen, wie aufregend das manchmal sein kann.

 

Mit Batman und Pikachu im Dschungel

Verloren im Konsumtempel - Teil 2

 

Vorm Primark angekommen, fangen F.s Augen an zu leuchten, sie ist jetzt kaum noch zu halten. Kaum durch die Tür scheint sie auch schon Witterung aufgenommen zu haben und läuft mit dem Blick einer Jägerin voraus. Wie eine Tigerin, die sich zielsicher ihren Weg durch den Dschungel bahnt. D. und ich kommen mit den Kindern kaum hinterher, aber das macht nichts. Spätestens, wenn die Jägerin ihre Beute gefunden hat und sie in die Umkleide schleppt, werden wir ihre Fährte wieder aufnehmen.

 

Auch S. und A. tragen dieses Shopping-Gen offenbar in sich, denn auch sie steuern zielsicher auf alles zu, was pink ist und glitzert. „Das will ich haben!“, ruft S. an jedem Kleiderständer. „Und ich das!“, tut ihre Schwester es ihr gleich. „Mädels, das ist eine Tischdecke...“, werfe ich zwischendurch mal ein, aber das beeindruckt die beiden Shopping Queens wenig. Auch sie haben den süßen Duft der Beute gewittert und befinden sich jetzt im Jagdfieber.

 

 

Bloß M. wirkt noch nicht so begeistert wie die drei Mädels, eher enttäuscht, dass es in dem blöden Laden gar kein Spielzeug zu geben scheint. Mir geht es im Grunde ja ähnlich, ich wäre auch lieber in einer Buchhandlung. Aber das hier ist nun mal kein Wunschkonzert, sondern eine ernste Sache, also die Jagd nach den besten Schnäppchen und besten Angeboten und so. Fehlt eigentlich nur noch Guido Maria Kretschmer, der uns 500 Euro und vier Stunden Zeit gibt. Erst viel später werde ich wissen, dass eine Beschränkung auf vier Stunden auch ein Segen sein kann, aber das ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

 

Der Einkaufswagen ist jedenfalls schon bald bis oben hin voll und F. bugsiert ihre Kinder zur Umkleidekabine. Während die Mädels sich freuen, alles mögliche anprobieren zu dürfen, tut M. das eher widerwillig und nutzt die erstbeste Gelegenheit, um sich vom Acker zu machen. Da D. beim Anprobieren hilft, mache ich mich auf die Suche nach unserem Ausreißer und entdecke ihn bald schon vor einem Schlafanzug mit Batman drauf. „Boah“, ruft er laut, „den will ich haben!“

 

Dummerweise sind die Verkäufer in Klamottenläden nicht so nett, dass sie nur Batman anbieten, sondern daneben auch noch Spiderman, dann etliche Pokémon und diverse andere Comichelden. Während er seinen Blick schweifen lässt, legt M. die Stirn in Falten und ihm ist anzumerken, dass jetzt eine gewaltig schwere Entscheidung auf ihn zukommt. Hilfesuchend blickt er zu mir, doch hier kann ich ihm leider nicht helfen, da muss er alleine durch.

 

 

Nach langem und ganz offensichtlich sehr schwierigem Abwägen greift er zu Pikachu und zu Batman und trägt nun seine Beute zu seinen Eltern. Da die aber gerade beide noch mit den Mädels beschäftigt sind, nehmen auch sie ihm die Entscheidung nicht ab und er bleibt auf sich allein gestellt. Die Stirn immer noch kraus gezogen und mit ernstem Blick kommt Pikachu schließlich in den Einkaufswagen und er trägt Batman zurück.

 

Doch wohin zurück eigentlich? Für einen Jungen seiner Größe ist das hier nun mal ein unüberschaubares Labyrinth und er muss mühsam jeden einzelnen Gang durchsuchen. „Hier war es auch nicht“, sagt er mit einer matten Ernsthaftigkeit, bei der ich mir ein Lachen kaum noch verkneifen kann. „Wenn Sie die Sachen suchen, die hängen dort vorne...“, erklärt mir eine freundliche Verkäuferin und deutet auf die Wand mit den Comicmotiven. „Danke, ich weiß“, gebe ich verschwörerisch grinsend zurück, „aber solange er sucht, ist er wenigstens beschäftigt.“ Jetzt muss auch sie lachen. „Ja, stimmt, ich weiß genau, was Sie meinen.“

 

Die Mädchen haben sich inzwischen für ihre Sachen entschieden, so dass M. nun endlich an der Reihe ist als er Batman endlich wieder an seinen Platz geleitet hat. Dafür sind jetzt S. und A. schnell gelangweilt und nutzen das, um im Labyrinth des Textildschungels Verstecken zu spielen. Erst verstecken sie sich voreinander, dann, als sie merken, dass das ja noch lustiger ist, auch vor uns. D. und ich gucken uns bald hilfesuchend an, weil wir die beiden tatsächlich aus den Augen verloren haben.

 

Augenblicklich spüre ich, wie mein Herz schneller schlägt, das nennt man wohl Verantwortungsbewusstsein. Eigentlich schön, mal zu spüren, dass das bei mir so ausgeprägt ist. Weniger schön ist, dass es dann noch zehn Minuten dauert bis wir auf die Idee kommen, mal eine Etage höher zu suchen, wo wir die beiden dann zum Glück vor einem Schuhregal zu finden. „Da sind Diamanten drauf“, erklärt A. ganz ergriffen. Na gut, in jedem Dschungel muss es ja auch den obligatorischen Schatz geben. Dennoch dachte ich, dass andere Stockwerke beim Verstecken gegen die Spielregeln verstoßen. Aber das Gesetz des Dschungels im Primark ist nun mal nicht ganz mein Fachgebiet.

 

Fortsetzung folgt...

 

Auf in die große Stadt

Verloren im Konsumtempel - Teil 1

 

Seit einigen Wochen hat D. nun endlich seinen Führerschein. Immer wieder lädt er uns ein, mal zum Döneressen oder ins Grüne zu fahren. Er macht das, weil er sich bedanken will für die unzähligen Fahrten, die Rainer und ich für ihn und seine Familie gemacht haben. Darum wagen wir es auch nur selten, abzusagen und genießen einfach die gemeinsamen Ausflüge. Im Moment brennt ihm jedoch ein größerer Trip auf den Nägeln. Nein, eigentlich nicht ihm, wie ich heraushöre, sondern vor allem F. Sie möchte unbedingt mal nach Braunschweig, mal shoppen in der großen Stadt sozusagen.

 

Natürlich will D. gerne mit ihr fahren, nur will er mich gerne dabei haben, weil er, wie er sagt, sich dort ja nicht auskennt. Kann ich irgendwie gut nachvollziehen. Als ich meinen Führerschein ganz frisch hatte, fuhr ich auch gerne bei uns durch die Gegend, doch wenn es mal in die nächstgrößere Stadt ging, war ich froh, wenn ich einen ortskundigen Beifahrer. Allerdings lernte ich schon bald, dass das auf keinen Fall meine Eltern sein durften. Deren Genörgel an meinem Fahrstil, diese ständige Besserwisserei in wirklich jeder Situation, das war schon bald schlimmer als die Zeit davor, als ich noch ständig betteln musste, wenn ich in die Disco oder wohin auch immer gefahren werden wollte.

 

Also sage ich D. zu und nehme mir fest vor, mit keinem Wort seinen Fahrstil zu kritisieren und mich echt darauf zu beschränken, sein lebendiges Navi zu sein. Navi zunächst in die Innenstadt und dort dann zu den angesagten Geschäften, wie er mir im nächsten Satz unmissverständlich klar macht. F. möchte durchaus für sich selber schauen, vor allem aber braucht sie auch Babyklamotten und Wintersachen für die Kinder. Modisch, also nicht wie aus der Kleiderkammer, aber eben auch nicht zu teuer. Na super. Als Shoppingberater bin ich natürlich genau der Richtige.

 

 

Am nächsten Samstag geht es los. Gleich früh, bevor es auf der Autobahn und in der Stadt möglicherweise zu voll wird. Zuerst fällt mir einmal auf, dass es an D.s Fahrstil überhaupt nichts zu kritisieren gäbe. Er fährt nicht zu langsam, nicht zu schnell, umsichtig und in jedem Fall so, dass ich ohne weiteres auch beruhigt einschlafen könnte. Ganz anders F. und die Mädchen. S. und A. sind mindestens so aufgeregt wie die Kandidatinnen bei Shopping Queen, nur ist das Budget bei uns vermutlich etwas geringer als in der Fernsehshow, während die Zeit allerdings deutlich länger bemessen sein könnte.

 

In Braunschweig lotse ich D. ruhig durch die Innenstadt und bin ein wenig erstaunt, wie treu er jeder meiner ansagen Folge leistet. Wenn ich mich an die ersten Fahrten mit meinen Eltern auf dem Beifahrersitz erinnere, dann war das damals aber ganz anders. Am Ende lotse ich D. ins Parkhaus, die enge sich nach oben schraubende Auffahrt hinauf und dann in die erste freie Parklücke. Erst beim Aussteigen bemerke ich seine Nervosität, gepaart mit einer gewissen Erleichterung. „Ich bin ins Parkhaus gefahren. Ganz alleine“, sagt er mehr zu sich als zu uns anderen und strahlt übers ganze Gesicht.

 

Für F. und die Kinder gibt es jetzt kein Halten mehr. Sie wollen endlich los. Vor allem M. ist genervt vom langen Stillsitzen und wir müssen ihn erst einmal davon abhalten, jetzt zwischen den parkenden Autos Verstecken zu spielen. Blöde Erwachsene. Dabei wäre das hier der ideale Ort dafür. Und die paar Autos, die hier herumkurven, die werden ja wohl für ihn bremsen.

 

 

Ich bremse jetzt jedenfalls nicht mehr, sondern geleite alle zum Fahrstuhl und dann direkt ins Innere des Konsumtempels namens Shopping Mall. In diesem Fall sogar mit dem wohlklingenden Namen Schlossarkaden und auch noch hinter historischer Fassade, womit wohl wieder einmal klar ist, wie Wertigkeiten in unserem Land verteilt sind. Während ich noch erläutere, welche Filialen der großen Ketten wo zu finden sind, stellt F. deutlich fest, dass ihr all das hier ein wenig zu viel Großstadt auf einmal ist. Ob es denn in der Stadt auch ganz normale Geschäfte gebe, will sie wissen und wird mir damit wieder einmal noch ein kleines bisschen sympathischer.

 

Also lassen wir das unpersönliche Center erst einmal hinter uns und machen uns auf den Weg in die Altstadt. Die Kinder sind völlig fasziniert von all dem Menschen, Autos und Straßenbahnen, die es so in Osterode nun einmal nicht gibt. D. bewundert hingegen das Rathaus und den Dom und hat jetzt tatsächlich erst einmal Augen für die Schönheit der Stadt. F. geht es ähnlich, sie beschließt kurzerhand, so bald wie möglich nach Braunschweig zu ziehen. Für sie spielt die Stadt wohl im Moment in einer Liga mit Paris oder Florenz, so dass auch ich beschließe, unseren Trip einfach in vollen Zügen zu genießen.

 

Während wir durch die Fußgängerzone bummeln, uns interessiert die Schaufenster ansehen und selbst die Kinder alle drei völlig entspannt jeder eine Hand eines Erwachsenen ergreifen, drängt sich mir plötzlich die Frage auf, was wohl wäre, wenn sie damals nicht aus Syrien geflohen wären. Ich weiß es nicht, will es vielleicht auch gar nicht wissen, aber ganz sicher wären F. und D. nicht entspannt mit ihren Kindern in die nächste Stadt allein ins Parkhaus und zum Shoppen gefahren. Manchmal sind es vielleicht doch die kleinen Dinge, die wir gar nicht genug schätzen können.

 

Fortsetzung folgt...

 

 

Was kommt da auf uns zu?

Mama war da - Teil 2

 

Einige Tage später, ich bin mit D. gerade wegen irgendetwas anderem unterwegs, klingelt sein Handy. Statt ranzugehen, reicht er es mir herüber. „Was...? Wer ist das?“, frage ich, doch er sagt nur, ich solle das Gespräch führen, er traue sich nicht. Na toll.

 

Am anderen Ende meldet sich eine weibliche Stimme und es dauert einen Moment bis ich kapiere, worum es eigentlich geht. Die Anruferin ist Mitarbeiterin in einer Erstaufnahmestelle in Nordrhein-Westfalen, jene Einrichtung, in der die Mutter von D.s Kindern im Moment lebt. Sie ist jene Ansprechpartnerin, der die Frau die Geschichte ihrer Kinder, die an einem anderen Ort in Deutschland leben, erzählt hat und die sie um Hilfe gebeten hat.

 

Inwiefern Hilfe, hake ich nach und erahne so langsam, warum D. dieses Gespräch nicht selbst führen wollte. Offenbar wusste er, dass dort in NRW etwas geplant wird, allerdings hätte ich auch nichts dagegen gehabt, von ihm ein wenig vorgewarnt zu werden. Immerhin muss ich jetzt spontan aus dem Bauch heraus reagieren und vielleicht Entscheidungen fällen, die ziemlich viel nach sich ziehen können. Doch erst einmal höre ich mir an, was die Anruferin zu sagen hat.

 

Die Mutter der Kinder lebe seit einigen Wochen gemeinsam mit ihrem neuen Partner in der Einrichtung und ist gerade in der Phase, in der sie ihre Anträge stellt, um dauerhaft oder vorerst in Deutschland bleiben zu dürfen. Alles nicht so einfach, erklärt mir die Anruferin, womit sie mir allerdings nichts Neues sagt. Außerdem hätte die Mutter ihr von ihren Kindern erzählt und dass sie seit ihrer Ankunft hier immer wieder versucht hätte, diese zu finden. Eigentlich habe sie sie im Irak vermutet, wo sie ja D., S., A. und M. verlassen hatte, seit sie allerdings weiß, dass ihre frühere Familie auch in Deutschland ist, wuchs in ihr der Wunsch, die Kinder wiederzusehen.

 

 

Soweit kann ich folgen. „Inzwischen hat sie ihre Kinder ja gefunden und auch schon besucht“, werfe ich ein, obwohl mir gar nicht klar ist, ob sie ihrer Helferin davon überhaupt erzählt hat. Doch, das wisse sie, sagt sie mir, doch genau das sei eben auch das Problem. Zum einen hätte dieser Besuch gar nicht stattfinden dürfen, denn als Bewohnerin einer Erstaufnahmeeinrichtung dürfe sie das Bundesland nicht einfach verlassen. Genau diese Landesregelungen seien übrigens auch der Grund, warum es so lange gedauert habe, ihre Kinder überhaupt zu finden.

 

Wenn ein Flüchtling sich nämlich in Deutschland an die Behörden wendet, dann sind das ausschließlich die Landesbehörden und die würde eben auch nur in ihren eigenen Systemen nach den Familienangehörigen suchen, also innerhalb der Landesgrenzen. Wenn die Suche von NRW nach Niedersachsen ausgedehnt wird, dann sei das mit erheblichem behördlichen Aufwand verbunden und nehme daher sehr viel Zeit in Anspruch. Während ich mir das anhöre, klappt mir zwar die Kinnlade herunter, weil ich mich wieder einmal frage, wem die deutsche Bürokratie am Ende des Tages eigentlich nutzen soll, doch ich lasse es unkommentiert und höre weiter zu.

 

 

eit ihrem Besuch jedenfalls hat die Mutter nun den Wunsch, ihre Kinder regelmäßig zu sehen. Wie das gehen soll, ist allerdings noch unklar. Zum einen haben D. und seine Familie eine sogenannte Residenzpflicht in Niedersachsen, während die Mutter der Kinder NRW nicht verlassen darf. „Aber eine Mutter muss ja schließlich ihre Kinder sehen dürfen!“, stellt die Anruferin kategorisch fest, so als ob sie von mir jetzt eine Lösung erwarten würde.

 

„Dann müssen wir also herausfinden, ob es irgendeine Möglichkeit gibt, ein Besuchsrecht einzufordern?“, frage ich und setze dann vorsichtig hinzu: „Oder hat sie den Wunsch, die Kinder dauerhaft zu sich zu holen?“ Die Antwort kommt prompt. „Nein, das auf keinen Fall. Sie hat ja einen neuen Partner und der will die Kinder nicht. Nur sehen möchte sie sie eben regelmäßig.“

 

Ihre Forderung bleibt unausgesprochen im Raum stehen. Sozusagen als Aufforderung an mich. Allerdings ist das nun wirklich eine Aufgabe, die mich überfordert. Zum einen ist all das juristisch nicht ganz einfach, vermute ich mal, zum anderen ist es auch rein menschlich längst noch nicht eindeutig. Natürlich soll jede Mutter ihre Kinder sehen dürfen. Andererseits bin ich aber auch überzeugt, dass ein Vater und dessen neue Frau, die diese Kinder übers Mittelmeer vor einem Krieg in Sicherheit gebracht haben, da durchaus ein Wörtchen mitzureden haben.

 

Als ich auflege, ist mir ein wenig schwindelig. Mir graut vor dem, was da jetzt auf uns zukommt.

 

 

 

Und plötzlich wird alles anders

Mama war da - Teil 1

 

Etwa eine Woche lang waren wir nicht bei D., haben nicht mal telefoniert und auch sonst nichts von ihm und der Familie gehört. Als Rainer und ich jetzt vor der Tür stehen, haben wir schon ein etwas schlechtes Gewissen. Freundschaften müssen gepflegt werden, sagen wir uns, andererseits wollen wir uns auch nicht aufdrängen und dann gibt es ja eben auch noch sowas wie unser eigenes Leben. Außerdem läuft ja im Moment eigentlich alles ganz gut, also von der Wohnungssuche und dem Streit mit dem Vermieter mal abgesehen.

 

Im Wohnzimmer überzeugen uns D. und F. dann aber davon, dass eben doch nicht alles von selbst in die richtigen Bahnen läuft. „Meine frühere Frau war da“, erzählt er uns, „sie wollte ihre Kinder sehen.“ Das sitzt. Unfähig, die Situation zu erfassen oder nachzuhaken sitzen wir beide erst einmal da und starren ihn an.

 

Immer wieder habe seine Ex ihn angerufen, erzählt er dann, habe sich nach den Kindern erkundigt und wollte schließlich seine Adresse wissen, um ihn zu besuchen. Natürlich hat D. irgendwann nachgegeben, nicht nur, weil es in seiner Natur liegt, sondern auch, weil er genau weiß, dass er den Kindern ihre Mutter und der Mutter ihre Kinder nicht vorenthalten darf. Das ist vermutlich überall auf der Welt so.

 

 

Mein Seitenblick geht sofort in F.s Richtung und ich stelle fest, dass sie verunsichert wirkt. Kein Wunder. Immerhin bahnt sich hier gerade etwas an, was ihr gesamtes Leben umkrempeln könnte. Schon wieder. Und ebenso das Leben der Kinder. Dabei haben die gerade mit Kindergarten, Schule, neuen Freunden, besseren Deutschkenntnissen als F. und D. gerade wieder eine gewisse Sicherheit im Leben.

 

Die drei sind übrigens schon im Bett, angeblich ziemlich müde vom auch für sie ereignisreichen Wochenende. Trotzdem wollen wir natürlich wissen, wie sie auf ihre leibliche Mutter reagiert haben. „Also S. und A. waren erstmal schüchtern und M. wusste gar nicht, wer diese Frau ist“, erzählt D. Auch das wundert mich nicht, schließlich hat ihre Mutter die Kinder damals im Irak verlassen, bevor sie überhaupt begreifen konnten, was das bedeutet. Dazu dann etliche Erlebnisse der Flucht, die selbst ich mir nicht ausmalen kann, also eigentlich kann wohl niemand so genau sagen, wie eine Kinderseele das alles verarbeitet.

 

Am Ende des Tages sei wohl aber alles harmonisch gewesen und sie hätten sich alle gut verstanden. Ein erneuter Seitenblick auf F. sagt mir, dass auch dazu viel Selbstbeherrschung notwendig war. „Was hätte ich denn machen sollen?“, fragt D. schließlich und weder Rainer noch ich können ihm darauf eine Antwort geben. Vermutlich hätte ich mich ebenso verhalten, auch wenn all das jetzt natürlich sehr viele Fragen aufwirft.

 

 

F. und D. wissen nicht, was nun wird, die Kinder hätten relativ normal reagiert als ihre Mutter dann wieder gefahren ist, doch uns allen ist klar, dass dieser Besuch erst ein Anfang war. Ein Anfang einer vermutlich verzwickten Geschichte, die von verschiedensten Emotionen, aber letztlich eben auch von deutschen Gesetzen geprägt sein wird.

 

Ist den Behörden eigentlich klar, dass F. nicht die leibliche Mutter ist? Immerhin tragen die Kinder nach arabischer Sitte den Nachnamen des Vaters. Kann es vielleicht sein, dass F. bei der Einreise einfach als leibliche Mutter registriert wurde? Und wenn ja, was bedeutet das rechtlich? Noch spannender finde ich allerdings die Frage, was die gesamte Situation moralisch bedeutet. Gut, laut D. hat seine damalige Frau ihn über Nacht und ohne Erklärung verlassen und ist geflüchtet. Wohin, das wusste er nicht, schließlich hat sie sich erst wieder bei ihm gemeldet als auch sie schließlich nach Deutschland kam.

 

Auf jeden Fall wird sie ihre Kinder sehen wollen. Und auf keinen Fall können und dürfen wir das komplett unterbinden. Das ist uns allen in diesem Moment klar. Alles andere jedoch ist gerade noch vollkommen offen. Allerdings kann sich all das, was wir in den letzten Monaten aufgebaut haben, jetzt vollkommen auf den Kopf gestellt werden. Daher schwebt nun eine diffuse Angst im Raum, eine Unsicherheit und leider auch das Wissen, dass nicht wir es sind, die über die nächsten Schritte entscheiden.

 

Fortsetzung folgt...

 

Vom selben Stern

Jeder, der ein Mikro hat, sollte seine Stimme erheben

 

Im Fernsehen sehe ich Bilder aus Chemnitz, Bilder, auf denen Menschen auf offener Straße den Hitlergruß zeigen, rechte Parolen grölen und jene, die ausländisch aussehen jagen. Es gab keine Hetzjagden, heißt es hinterher von offizieller Stelle, es gibt kein Problem mit Nazis und die Videos seien nicht echt.

 

Echt ist aber die Angst, die „unsere“ Syrer und viele andere Migranten haben, wenn sie solche Bilder sehen. Doch selbst von Politikern und anderen hochrangigen Mitgliedern unserer Gesellschaft ist immer nur zu hören, dass wir die Ängste der sogenannten „besorgten Bürger“ ernst nehmen müssen, mit ihnen in den Dialog kommen müssen und sie nicht als Rechte abstempeln dürfen. Über diejenigen, denen genau diese durch die Straßen ziehenden „besorgten Bürger“ Angst einjagen, redet keiner.

 

In den sozialen Netzwerken ist alles sogar noch schlimmer, dort wird gerade mal wieder vermehrt auf die „Lügenpresse“ eingeschlagen und dubiose Quellen verbreitet, die uns einreden wollen, es seien am Ende sogar Linke, die die Jagdszenen stellen, um Rechte in Verruf zu bringen. Mir macht all das inzwischen auch große Sorge, nicht nur, weil ich dann ja wohl auch Teil der „Lügenpresse“ bin, sondern auch, weil ich feststelle, dass die permanente Berieselung mit diesen Parolen mich inzwischen nicht mehr kalt lässt, obwohl ich mir genau das eigentlich vorgenommen habe.

 

Am Abend erlebe ich dann etwas völlig anderes. Eine große Gala, mit der eine Freundschaft zwischen zwei Schulen gefeiert wird, eine hier bei uns, die andere in Afrika, im Senegal. Anfangs war es nur ein kleines Schulprojekt, inzwischen ist weit mehr daraus geworden, eine Städtepartnerschaft wird angebahnt und es geht sogar über die Stadtgrenzen hinaus. Das Projekt soll einerseits neue Bande zwischen Deutschland und Afrika knüpfen und Möglichkeiten entwickeln, wie Entwicklungshilfe zeitgemäß und effektiv bleiben kann, andererseits dient es dem persönlichen Kennenlernen und Verständnis.

 

 

Bei der Gala wird deutlich, dass hier tatsächlich Freundschaften entstanden sind und auch, dass die Schüler aus beiden Ländern eigentlich dort wie hier von einer friedlichen, an einem Strang ziehenden Welt träumen. Stargast des Abends ist Adel Tawil, der diesen Gedanken mit seinem Song „Vom selben Stern“ unterstreicht und dabei auch zeigt, wie wichtig er solche Projekte findet, bei denen Menschen feststellen, dass wir unseren Planeten nur erhalten können, wenn wir uns nicht auf unsere engen Grenzen fokussieren.

 

Später, zuhause, nachdem ich meinen Artikel geschrieben habe und jetzt noch die Fotos von Adel Tawil bearbeite, gucke ich noch einmal die Nachrichten. Wieder sehe ich Bilder angeblich nicht rechter Parteien, die keine Scheu haben, neben Nazis zu marschieren und Journalisten, die angesichts einer bürgerlichen Gegenbewegung von rechten wie linken Extremisten sprechen, immer nur vereinzelte natürlich.

 

Ist es tatsächlich der selbe Stern, auf dem die Initiatoren der Städtefreundschaft und jene „besorgten Bürger“ leben? Immer häufiger frage ich mich das. 

Wenn hier Bundesminister davon sprechen dürfen, dass Migranten die Quelle allen Übels sind, ich dann aber von einem Kontinent höre, den globale Konzerne immer noch zu unseren Gunsten ausbeuten, wenn in Sachsen, wo kaum Migranten leben, eine breite Masse Menschen Angst vor der Islamisierung des Abendlandes hat, während ich von F., D. und den Kindern zum syrischen Abendessen eingeladen werde, dann frage ich mich, ob es mich vielleicht doch in ein paralleles Universum verschlagen hat.

 

 

 

Wenig später startet dann unser Krimifestival. Wie immer darf ich die Interviews mit den Autoren führen, unter anderem mit der Hamburgerin Simone Buchholz. In ihrem Buch geht es um brennende Autos während des G20-Gipfels und sie sagt den schönen Satz: „Es wunderte mich, dass die Leute sich über brennende Autos aufregten, aber nie über das, was Leute dazu bringt, sie anzuzünden.“

 

Darauf muss ich natürlich noch ein wenig näher eingehen. Und tatsächlich teilt sie meine Einschätzung, dass es eigentlich zu spät ist, um mit den „besorgten Bürgern“ zu reden, denn die hätten wir längst verloren. Vielmehr sollten wir über diejenigen reden, die sich für eine offene Gesellschaft stark machen und ganz besonders über die, die jetzt Angst vor denen haben, die in einigen Städten pöbelnd durch die Straßen ziehen. „Jeder, der ein Mikro hat“, sagt sie, „sollte es nutzen, um denen eine Stimme zu geben, die in unserem Land dank viel lauter schreienden Menschen nicht mehr gehört werden.“ Danke.

 

Wer Ausländer ist, bleibt draußen

Wanted: Wohnung ohne Schimmel - Teil 2

 

Schon am nächsten Tag ruft D. bei mir an und fragt, ob ich mit ihm eine Wohnung besichtigen könne. Zunächst einmal wundert mich, dass er so schnell überhaupt einen Besichtigungstermin klarmachen konnte. Als wir uns wenig später treffen, klärt er mich allerdings auf: „Ich habe überall angerufen, wo jemand eine freie Wohnung angeboten hat. Die meisten Leute legten sofort auf, wenn ich gesagt habe, dass ich Ausländer bin. Und die anderen legten dann auf, wenn ich erzählte, dass wir drei Kinder haben und F. gerade schwanger ist.“

 

Zum Glück ist Deutschland weder ausländer- noch kinderfeindlich. Manchmal liebe ich mein Heimatland so richtig. Das dämmert allmählich auch D. Inzwischen habe er den Eindruck, dass vielleicht doch nicht alle Deutschen nett sind, sagt er mir mit einiger Schwere in der Stimme. Auch die Wohnung, die wir jetzt besichtigen wollen, gehört keinem Deutschen, sondern einem Ausländer. Wie gesagt, alle Deutschen, die eine Wohnung vermieten wollten, wollen das wohl nicht an ihn. Und einige davon bemühten sich nicht einmal um eine Ausrede, sondern legten wortlos den Hörer auf.

 

Falls noch ein Funken Euphorie über den Besichtigungstermin in mir war, verfliegt er, sobald wir vor dem Haus stehen. Unter anderen Umständen hätte ich vielleicht versucht, durch eine Hintertür hineinzukommen, um es als Lost Place zu fotografieren. Darauf, dass dort angeblich gerade renovierte Wohnungen zu vermieten sind, wäre ich von außen nicht gekommen.

 

 

Leider setzt sich dieser Eindruck auch innen fort. Schon die steile alte Holztreppe nach oben sorgt nicht gerade für Vertrauen. Klar, hier und dort sieht man, dass die neuen Besitzer sich Mühe gegeben haben. Allerdings ersetzt Mühe oft weder das nötige Kleingeld, noch den Fachmann. Alles sieht ziemlich provisorisch aus und frisch renoviert ist leider stark übertrieben.

 

Neue Fenster sind gerade erst eingebaut worden, also zumindest nach hinten raus, erklärt der junge Mann, der uns herumführt. Die zur Straße hinaus werden natürlich auf jeden Fall noch erneuert, bevor die neuen Mieter einziehen. Ebenso wie die Fußböden in den meisten Zimmern und das Badezimmer. Dafür aber habe er auch alle Wände neu gestrichen, also alle bis auf die mit Holz vertäfelten Schrägen im Wohnzimmer, weil er nicht genau weiß, wie er das machen soll.

 

„Es gibt noch nicht mal eine Wohnungstür“, rutscht es mir raus. „Kommt alles noch. Wir haben das Haus gekauft, weil es günstig war, aber wir haben nicht viel Geld und darum dauert alles etwas länger.“ Aber er habe die Erfahrung gemacht, dass es für seine Landsleute und andere Ausländer schwer ist, in der Stadt eine passende Wohnung zu finden und dem wolle er abhelfen.

 

Ehrlich gesagt glaube ich ihm sogar, dass er gute Absichten hat. Und auch dem Stadtbild tut es gut, wenn so manch alter Kasten, für den kein Deutscher Geld ausgeben würde, neue Eigentümer findet, die zumindest engagiert sind. Leider ist in diesem Falle gut gemeint wirklich das Gegenteil von gut gemacht und auch D.s anfängliche Begeisterung flacht allmählich ab. Dennoch will er die letzte Entscheidung F. überlassen.

 

 

Kurzerhand holt er sie ab, ihr genügt ein Blick in alle Zimmer, dann wechselt sie ein paar Worte mit D., die sogar ich deuten kann. Die Wohnung ist gnadenlos durchgefallen, allein schon wegen der steilen Treppe, auf der sie Angst um ihre Kinder hätte. Oft bedaure ich ja, dass F. bis jetzt noch keinen Deutschkurs gemacht hat und sich mir gegenüber immer noch mit einigen Bruchstücken und vielen Gesten verständigen muss, doch über ihre Andeutung wie M. ungestüm schon am ersten Tag die Treppe runterknallt und wir ihn ins Krankenhaus bringen müssen, muss ich dann doch herzhaft lachen.

 

Später berichte ich Rainer von unserem Reinfall, der im Grunde nichts anderes erwartet hat. Dennoch ist es ein erster Schritt und wenn D. so weitermacht, dann findet er auch bald etwas, muntert er mich auf. Außerdem hat er noch eine zweite positive Nachricht. In Absprache mit seinem Anwalt und über die Stadt hat er nämlich einen Gutachter für den Schimmel in der Wohnung angefordert. Der wird sich nächste Woche einen Überblick verschaffen und dann haben wir Schwarz auf Weiß, ob es am falschen Lüften liegt oder nicht. Na super, das kann ja noch spannend werden.

 

Wer kündigt, gewinnt

Wanted: Wohnung ohne Schimmel - Teil 1

 

Ziemlich schnell ist D. im Internet auf der Suche nach neuen Wohnungen. Während Rainer und mir eigentlich erst einmal nur wichtig ist, dass die neuen vier Wände nicht von Schimmel befallen sind, träumen er und F. insgeheim schon vom eigenen Traumhaus. Zentrale Lage wäre toll. Für jedes Kind ein eigenes Zimmer. Einen Stellplatz fürs Auto direkt vor der Tür. Ein großer Garten. Modern und schön sollte sie natürlich auch noch sein.

 

All diese Träume zerplatzen nach und nach wie Seifenblasen. Zwar gibt es etliche freie Wohnungen in der Stadt, doch die Preise sind dann eben auch dementsprechend hoch. „Willst du jeden Monat 'ne Bank ausrauben, um die Miete bezahlen zu können?“, fragen wir D. „Also in Syrien...“, beginnt er, räumt dann aber ein, dass ein schickes Zuhause dort leider auch nur den Privilegierten vorbehalten ist. Nur hätte er eben nicht erwartet, dass das in Deutschland ebenso ist.

 

 

Für einen Moment überlege ich, ihm einen Vortrag über soziale Ungleichheit und die ungerechte Verteilung von Vermögen in unserem Land zu halten. Immerhin besitzt das oberste Prozent der Bevölkerung hier etwa ein Drittel des gesamten Vermögens und die Schere zwischen arm und reich klafft damit weiter auseinander als in vielen anderen Staaten. Andererseits müssen die Menschen in D.s Heimat um mehr als nur um ihre soziale Stellung fürchte und so halte ich lieber meine Klappe.

 

Trotzdem bin ich tief in mir drin, dass genau das bei uns die Wurzel vielen Übels ist. Unbezahlbarer Wohnraum, vorprogrammierte Altersarmut und natürlich auch gesellschaftlicher Neid, der zu Fremdenhass wird, all das entspringt meiner Meinung nach aus genau dieser einen Wurzel und könnte wahrscheinlich ziemlich leicht entschärft werden. Doch große gesellschaftspolitische Theorien bringen uns im Moment absolut nicht weiter.

 

D. erweist sich als Mann der Tat und ruft gleich mal einige Nummern an, die unter freien Wohnungen im Netz stehen. Die Antwort, die er bekommt, ist immer die gleiche: „Die Wohnung ist inzwischen leider schon vergeben, wir haben es nur noch nicht geschafft, die Anzeige zu löschen.“ Enttäuschung auf ganzer Linie. Bei D. jedenfalls. Rainer und ich haben sowieso nicht damit gerechnet, dass solche Schnellschüsse zum Erfolg führen.

 

Mein erster Anruf gilt der örtlichen Wohnungsbaugesellschaft, die durchaus bezahlbare und sogar recht schicke Wohnungen vermietet und gerade auch in den letzten Jahren und Monaten kontinuierlich neuen Wohnraum schafft. Allerdings hält sich der Erfolg auch hier in Grenzen. „So von jetzt auf gleich können wir Ihnen natürlich nichts bieten“, bekomme ich zu hören, „Aber ich kann Sie gerne auf die Warteliste setzen. Das dauert zwar einige Zeit, aber manchmal wird ja auch zwischendurch etwas Passendes frei.“ Wie lange „einige Zeit“ denn dauern wird, darüber möchte der Herr am Telefon keine genaue Prognose abgeben, doch er wird sich melden, sobald er uns helfen kann.

 

 

Rainer quälen unterdessen ganz andere Probleme. „Wenn wir jetzt eine Wohnung finden, dann müssen wir zusehen, dass wir auch sofort umziehen können“, konstatiert er. Zum einen können F. und D. es sich nicht leisten, in der Übergangszeit zwei Mieten zu zahlen und wir wissen auch nicht, was die Ämter dazu sagen, zum anderen möchte er den jetzigen Vermietern keinen Cent mehr als unbedingt nötig gönnen.

 

Rainer ist richtig sauer. Und wenn er sauer ist, dann läuft er mitunter zur Höchstform auf. Daher hat er auch schon mit seinem befreundeten Anwalt gesprochen und sich einige Tipps geben lassen. Der wichtigste sieht vor, dass wir erst einmal gar nicht auf die Kündigung wegen Eigenbedarfs eingehen, sondern unsererseits eine Kündigung schreiben, den Schimmel als Grund angeben und schriftlich ankündigen, für die letzten Monate keine Miete mehr zu zahlen, da die beanstandeten Mängel ja nicht beseitigt wurden. Darauf müssten die Vermieter dann ihrerseits erst einmal wieder reagieren.

 

Gesagt, getan, ein Brief wird aufgesetzt und abgeschickt, alles auch noch beweisbar, damit wir im Falle des Falles all unser Vorgehen belegen können. Fühlt sich ein bisschen an wie im Krimi, aber mir soll schon sehr bald klar werden, dass genau dieses Vorgehen leider das einzig richtige ist.

 

Fortsetzung folgt...

 

 

Die deutschen Kartoffeln

Mehlig oder festkochend, das ist hier die Frage

 

Unbedingt muss ich noch etwas für meinen Blog schreiben. War schon wieder viel zu lange viel zu faul. Jetzt so unter Druck fällt mir allerdings rein gar nichts ein. Die Geschichten, die ich noch schreiben könnte, dauern länger und die, die schnell erzählt sind, würden am Ende platt, unbedingt gewollt oder moralisierend klingen. All das will ich ja eigentlich nicht.

 

Erst einmal sitze ich lange vor dem leeren Dokument und sehe dem Cursor beim Blinken zu, dann beschließe ich, erst einmal zum Supermarkt zu gehen und noch etwas fürs Abendessen einzukaufen. In aller Ruhe schlendere ich durch die Gänge, schnappe mir mehr als ich eigentlich brauche und schlage dann den Weg zur Kasse ein. Doch vorm Süßigkeitenregal erregen zwei Leute meine Aufmerksamkeit, die aufgeregt miteinander diskutieren.

 

Der eine ein eindeutig südländischer Mann mittleren Alters, der geradezu klischeehaft gebrochen deutsch spricht, dazu aber fließend mit den Händen gestikuliert. Der andere ein sehr junger Angestellter, noch keine zwanzig Jahre alt und etwas hilflos wirkend. Nun bin ich ja allein berufsbedingt schon neugierig – als Journalist sollte man das wohl auch sein – so dass ich mich noch einmal dem Zeitschriftenregal zuwende und meine Augen darin umherwandern lasse, während meine Ohren in Richtung Süßigkeitenregal ausgerichtet sind.

 

Der ältere Mann hält einen Sack Kartoffeln in der Hand und ist offenbar unsicher, ob er das Richtige kauft. „Sind das Kartoffeln normal oder fest?“, will er von dem jungen Angestellten wissen. „Ja, das sind ganz normale Kartoffeln“, antwortet dieser und scheint nicht zu verstehen, warum der Kunde mit seiner Antwort nicht zufrieden ist.

 

 

 

„Nein, kann nicht gut lesen“, holt der Mann aus, „Sind Kartoffeln, wie heißt es, fest kochend oder weich?“ Der Junge, seiner Frisur und den schicken Sneakers nach kennt er sich mit Mode und aktuellen Trends deutlich besser aus als mit Kartoffeln, kapiert den Sinn der Fragen immer noch nicht. „Nein, das sind keine gekochten Kartoffeln, die sind roh, aber wenn man sie kocht, dann werden sie weich“, erklärt er seinem Kunden, den er inzwischen offenbar für ein wenig minderbemittelt hält.

 

Da ich mir inzwischen eh schon beinahe die Zunge abgebissen habe, um nicht laut loszulachen, entschließe ich mich dazu, mich jetzt mal einzumischen. „Darf ich helfen?“, frage ich den Mann, der mir geradezu dankbar seinen Kartoffelsack reicht. Tatsächlich muss auch ich kurz suchen, da ich zugegebenermaßen selbst auch selten Kartoffeln kaufe, dann entdecke ich jedoch den Aufdruck. „Festkochend. Hier steht es“, erkläre ich dem Mann und halte dem Jungen das Etikett unter die Nase.

 

 

„Ah, dann Kartoffeln falsch, ich brauche weiche“, stellt der Kunde fest, wendet sich zuerst an mich und sagt: „Danke, vielen Dank für Hilfe“ und dann an den Jungen, den er bittet: „Du mir zeigen weiche Kartoffeln?“ Sein Gesichtsausdruck verrät, dass er immer noch auf dem Schlauch steht. „Es gibt unterschiedliche Kartoffeln, mehlige und festkochende“, raune ich ihm zu. „Achso, das wusste ich nicht.“ Nee, offensichtlich nicht.

 

Während die beiden ihres Weges gehen, stelle ich mich an der Kasse an und muss immer noch schmunzeln. Ja sicher, mit gebrochenem Deutsch ist es hierzulande leider manchmal schwierig. Aber ab und zu scheitert die Verständigung eben auch daran, dass wir Einheimischen einfach keine Ahnung haben. Damit Integration funktioniert, müssen sich eben beide Seiten Mühe geben und geduldig sein.

 

Wenn die Menschen, die zu uns kommen, erst einmal checken, dass es auch bei uns deutschen Kartoffeln einige gibt, die ziemlich mehlig sind, dann ist das schon mal viel wert. Und wenn wir dann noch kapieren, dass mangelnde sprachliche Ausdrucksfähigkeit nichts, aber auch gar nichts mit Anderssein zu tun hat, dann sind auch wir einen großen Schritt weiter.

 

Wir ziehen in die Schlacht

Schimmel on the Wall - Teil 2

 

Gemeinsam mit D. rücken wir das Sofa ab und anschließend den Schrank im Kinderzimmer. Tatsächlich hat sich in vielen Ecken Schimmel gebildet, eigentlich in fast jedem Raum der Wohnung. „Das kann so nicht weitergehen“, entscheidet Rainer entschlossen. Lust auf eine erneute Diskussion mit den Vermietern haben wir allerdings auch nicht.

 

Am nächsten Tag ruft Rainer mich an. Er hat mal einen Brief an die Hausbesitzer aufgesetzt, in dem er die Missstände noch einmal aufzählt und darum bittet, die Vermieter mögen doch endlich Abhilfe schaffen. Jetzt will er von mir wissen, ob er mal wieder zu drastisch formuliert hat oder ob das so in Ordnung ist. Da ich weiß, wie impulsiv er manchmal sein kann, nehme ich mir seinen Text sofort vor. Diesmal ist allerdings alles sachlich und es gibt keinen Grund, es nicht so abzuschicken.

 

Die Antwort lässt natürlich nicht lange auf sich warten. Allerdings kommt die nicht per Post, sondern geht in den folgenden Tagen mehrfach als Anruf auf Rainers Handy ein. Er zieht es vor, nicht ranzugehen, schließlich haben wir Entschieden, dass jede Diskussion zwecklos ist. Drei Tage später versuchen die Vermieter es dann auch bei mir, doch auch ich habe leider immer in diesem Momenten so viel zu tun, dass ich nicht rangehen kann.

 

 

Was wir davon haben, erfahren wir, als wir D. und seine Familie das nächste Mal besuchen. Er hat nämlich Post bekommen. Von seinen Vermietern. Eine Kündigung wegen Eigenbedarfs. F. und D. verstehen nicht, was es mich dem Schriftstück auf sich hat, wir allerdings schon. In diesem Moment bin ich froh, dass Rainer nicht doch mit den Vermietern gesprochen hat, denn nach diesem Schachzug wäre er definitiv nicht mehr sachlich geblieben.

 

„Das ist doch echt eine Schweinerei“, poltert er los, „die haben ihre Gammelbude jahrelang leerstehen, dann kommen die Flüchtlinge und die sahnen monatelang vom Staat dick ab für eine Wohnung, in die sonst vermutlich niemand anderes eingezogen wäre; und kaum gibt es mal Probleme, kommt die Kündigung und sie wollen mit allem nichts mehr zu tun haben.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

 

 

Nun ja, fast nichts. Moralisch ist die Angelegenheit für uns klar, faktisch und im schlimmsten Falle juristisch allerdings noch lange nicht. „Bei 'ner Kündigung wegen Eigenbedarfs muss doch hinterher auch ein Verwandter hier einziehen, sonst ist es strenggenommen Betrug, oder nicht?“, frage ich. Rainer zuckt mit den Achseln. „Schon, aber das musst du dann ja erstmal nachweisen und das geht auch erst nach dem Auszug.“

 

„Ja, ausziehen müssen wir sowieso“, stelle ich ernüchtert fest. Zumindest kann ich mir nicht vorstellen, dass die Vermieter die Kündigung zurückziehen und dann etwas gegen den Schimmel unternehmen. Der Zug ist jetzt ganz sicher abgefahren. Die Erkenntnis fällt nicht leicht, vor allem , weil sie damit verbunden ist, dass die Familie schon wieder alle Zelte abbrechen und mehr oder weniger neu anfangen müssen.

 

„Dann wollen wir aber in die Innenstadt ziehen“, sagt D. und scheint das Ganze deutlich pragmatischer zu sehen als wir. Naja, er hat sicherlich auch keine Ahnung, wie schwer es für Ausländer in Deutschland sein kann, mit drei Kindern eine vernünftige Wohnung zu finden und auch nicht, dass all das mit einem Schulwechsel und der Suche nach neuen Kindergartenplätzen verbunden ist.

 

„Mein Freund K. ist Anwalt“, sagt Rainer plötzlich mit der fest entschlossenen Stimme Bruce Willis', der sich den scheinbar übermächtigen Gegnern furchtlos in den Weg stellt, „den werde ich mal einschalten, damit wir dann wenigstens die Miete für die letzten Monate nicht mehr zahlen müssen.“ Okay, damit steht es also fest: wir ziehen in die Schlacht.

 

 

 

Einmal zum Ninja werden

Schimmel on the Wall - Teil 1

 

Als Rainer und ich bei D. ankommen, fallen erst einmal wie gewohnt die Kinder über uns her. M. erklärt uns, dass er ein Ninja ist und will gegen uns kämpfen. A. hat im Kindergarten ein Bild gemalt, dass sie uns zeigen will. Und S. lernt in der Schule gerade erste Rechenaufgaben und möchte, dass wir ihr welche stellen. Kopfrechnen, ein Bild bewundern und gleichzeitig gegen einen Ninja kämpfen ist gar nicht so leicht, stelle ich fest.

 

Rainer macht sich sofort über einige Dokumente her, die noch ausgefüllt und an die Behörden zurückgeschickt werden müssen. Okay, dann kämpfe ich doch lieber kunstbegeistert und mathematisierend gegen den kleinen Krieger. Dass uns die größten Kämpfe noch bevorstehen, ahnen wir in diesem Moment nicht. Daher essen wir kurz darauf erst einmal alle gemeinsam ganz gemütlich, wenn auch nicht, ohne F. wieder einmal zu ermahnen, sie solle sich nicht verpflichtet fühlen, für uns zu kochen.

 

Allerdings fürchte ich, dass es ihrerseits keine Verpflichtung ist, sondern eine Mischung aus syrischer Gastfreundschaft, wo es nun einmal dazugehört, Gäste opulent zu bewirten, und dem Wunsch uns etwas zurückzugeben. Doch unsere Freundschaft ist keinesfalls eine Einbahnstraße. Immerhin bekommen wir S.s Schulerfolge mit, A.s Gemälde und dürfen mit M. asiatische Kampfkünste trainieren. Das ist Dank genug, auch wenn Rainer und ich uns einig sind, dass seitens der Behörden, für die wir ja im Grunde auch wie fleißige Bienchen arbeiten, durchaus mehr kommen dürfte.

 

 

Nach dem Essen hat D. noch ein ernstes Anliegen. „Da ist schon wieder Schimmel im Badezimmer“, stellt er fest, „was soll ich denn machen?“ Vor einigen Wochen hatten wir das Problem schon einmal. Da haben wir irgendein teures und penetrant nach Chlor stinkendes Zeug gekauft, damit sämtliche Fugen eingesprüht und geschrubbt und F. und D. geraten, die Prozedur bei Bedarf zu wiederholen.

 

Auch im Wohnzimmer an der Wand zum Balkon haben wir in den Fensterlaibungen schon Schimmel entdeckt und auch hier haben D. und F. ihn wohl inzwischen häufiger entfernt. Ehrlich gesagt haben wir auch nicht regelmäßig nachgeschaut. Ganz zu Anfang hatten wir den beiden ja auch ein zweisprachiges Plakat zum Thema richtige Lüften mitgebracht und wenn ich sehe, wie viel sauberer die Wohnung als meine eigene ist, dann bin ich überzeugt, dass der Schimmel andere Ursachen hat. Die Vermieter sollen uns allerdings schon bald eines besseren belehren.

 

„Ich setze mal einen Brief an die beiden auf und bitte sie, dass sie jetzt endlich etwas unternehmen“, schlägt Rainer vor. Genau wie ich es erwartet habe, mailt er mir den Entwurf noch am gleichen Abend zu, fragt mich, ob es sachlich genug und korrekt ist und als ich bejahe, schickt er das Schreiben auch umgehend ab. Damit sollte das Problem aus der Welt geschafft sein, denken wir an jenem Abend, haben uns aber gründlich getäuscht.

 

 

Wenige Tage später passt uns Frau Vermieterin ab als wir gerade aus dem Auto steigen und erklärt uns ebenso wortreich wie aufgebracht, dass der Schimmel eben doch vom falschen Lüften herrühre, außerdem davon, dass die Familie immer tropfnasse Wäsche in der Wohnung aufhänge, nicht richtig heize, die Kinder mit nassen Schuhen oder Socken durch die Wohnung laufen und überhaupt habe sie in der Wohnung unten im Haus keinen Schimmel und oben auch noch nie gehabt. Nach ihrem Redeschwall müssen wir erst einmal Luft holen.

 

„Sie sehen es so, wir sehen es anders“, erklärt Rainer beschwichtigend, „wichtig ist nur, dass wir jetzt eine Lösung finden und da kann es nicht sein, dass Sie das allein auf die Mieter abwälzen.“ Das sieht Frau Vermieterin leider ganz anders und wiederholt ihre Argumente noch einmal, diesmal allerdings mit gefühlt doppelt so vielen Worten. „Zur Not muss man eben ein Gutachten einholen“, beendet Rainer das Gespräch schließlich und bevor wir noch zu kampflustigen Ninjas werden, lassen wir die gute Frau einfach stehen.

 

Oben in der Wohnung angekommen will D. wissen, was los war. Wir schildern es ihm, versprechen, uns darum zu kümmern, doch er macht trotzdem noch einen bedrückten Eindruck. Er habe festgestellt, dass der Schimmel nicht nur im Bad und im Wohnzimmer ist, sondern auch im Kinderzimmer, ebenfalls an den Fenstern und auch hinter dem Kleiderschrank, der an der Wand zum Balkon steht. Das Problem ist also doch größer als wir dachten und muss jetzt so schnell wie möglich aus der Welt geschafft werden.

 

Fortsetzung folgt...

 

Widerstand gegen Rechtspopulismus

Innere Glaubenskriege - Teil 2

 

Wenige Tage später sollte ich bei einer Veranstaltung des Kirchenkreises über einen Vortrag von Pastor Wilfried Manneke berichten. Der ist Pastor in der Südheide, in einem Dorf, das seit Jahrzehnten als Hochburg der Neonazis gilt und als Veranstaltungsort für Sonnwendfeiern und andere Feste gilt. Manneke begann vor über zwanzig Jahren dagegen zu protestieren und ist bis heute eine der vehementesten Gegenstimmen zu den rechten Parolen, die dort unverhohlen verbreitet werden.

 

In seinem Vortrag zitierte er eine Studie, die ich so noch nicht gehört hatte und die mich zutiefst erschreckte. Etwa 20 Prozent aller evangelischen Christen unterstützen demnach rechtsextremes Gedankengut. Zwar weiß ich nicht, wie belastbar diese Zahl ist, doch auch nach diesem Abend ging sie mir lange nicht aus dem Kopf und bereitete mir Magenschmerzen.

 

„Rechtsextremismus und christlicher Glaube sind unvereinbar“, hielt Pastor Wilfried Manneke entschieden dagegen. Durch Konfirmanden, die mit rechten Parolen um sich warfen, wurde er auf die Neonazis in seinem und in den Nachbarorten aufmerksam und wollte im Sinne der Jugendlichen etwas dagegensetzen. Zunächst habe er versucht, Kontakt aufzunehmen und Gespräche zu führen, berichtete er, später gab es Drohungen gegen ihn, sogar Brandanschläge auf das Pfarrhaus. „Bis heute gibt es Nazitreffen in der Region“, sagte Manneke, „Das ist alles andere als harmlos.“

 

„Unser Kreuz hat keine Haken“, lautet das Motto der Initiative Kirche für Demokratie und gegen Rechtsextremismus, die er mitbegründete. Sie soll deutlich machen, dass vor Gott alle Menschen gleich sind und ihre Würde unantastbar. Sie betont, dass Kirche multikulturell ist, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit bekämpft und dass Protestantismus auf Demokratie setzt sowie sich für Frieden und Gerechtigkeit eintritt.

 

 

All dies lasse sich biblisch begründen, so dass eindeutig klar werde, wie gegensätzlich christliche Werte zum Weltbild der Nazis, Neonazis und Sympathisanten passen. Gerade im Gleichnis des barmherzigen Samariters gehe es um bedingungslose Hilfe, unabhängig von Herkunft, Stellung und anderer Merkmale, so Manneke. Und genau dies sei nun einmal die Definition christlicher Nächstenliebe, die mit rechten Positionen unvereinbar ist, und Nächstenliebe verlange Klarheit.

 

Gerade im Hinblick auf meine Erlebnisse mit Peter Hahne, taten mir diese Worte in diesem Moment ausgesprochen gut. Es gibt sie also doch noch, die weltoffene Kirche, die sich traut, Farbe zu bekennen, sagte ich mir. Gut, klar und deutlich war das, was Peter Hahne sagte auch, doch Pastor Manneke machte deutlich, dass es eben auch eine ganz andere Meinung gibt. Und seine Ausführungen waren deutlich weniger populistisch, sondern fundiert, persönlich und für mich sehr beeindruckend.

 

Offenbar sahen das aber an jenem Abend nicht alle so, denn in der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass einige innerhalb der Kirche viel zögerlicher vorgehen würden und überhaupt die Gefahr von Rechts erst einmal weit von sich schoben. Sowas passiert vielleicht in der Südheide, aber doch nicht bei uns. Dieser Gedanke, so schien es mir, schwebte unausgesprochen durch den Saal. Und wenn, dann ist es doch höchstens Populismus, aber keinesfalls gleich Extremismus. Dieser Gedanke wurde dann auch laut ausgesprochen.

 

 

Wie klar Wilfried Manneke diese Unvereinbarkeit zwischen rechtem Gedankengut und dem christlichen Glauben sieht, wurde deutlich als er ganz entschieden feststellte: „Manche unterscheiden säuberlich zwischen Rechtsextremisten und Rechtspopulisten, ich trenne da nicht so sehr.“ Das schmeckte erst einmal nicht jedem, doch Pastor Manneke führte aus, dass viele Positionen absolut identisch seien und oft seien es somit nur die Sprache und die Strategien, die das eine vom anderen trenne.

 

Aktuell würden Meinungen salonfähig gemacht, die den Werten des Christentums grundlegend widersprechen, so dass er zu der Ansicht kommt: „Ich halte die AfD für sehr gefährlich.“ Auch hier gab es im Plenum andere Meinungen und es wurde davor gewarnt, Menschen mit bestimmten Meinungen nicht zu schnell in die rechte Ecke zu drücken. Es müsse darum gehen, mit diesen Menschen in den Dialog zu treten, so eine von vielen vertretene Meinung.

 

Leider bin ich inzwischen zu der Überzeugung gekommen, dass ein Dialog oft nichts mehr bringt, weil die Meinungen sich gerade in den letzten Jahren deutlich verfestigt haben. Insbesondere die Meinungen derer im rechten Spektrum, während andere es inzwischen akzeptieren, dass „Gutmensch“ zum Schimpfwort wird und überall nur noch Verständnis für Verunsicherung, Wut und Hass aufgebracht wird. Daher wünsche ich mir oft viel deutlichere Worte derer, die all die Ängste, die die Rechten schüren, nicht teilen, sondern darauf hinweisen, dass christliche Werte keine nationalistischen sind und eine weltoffene Gesellschaft kein Zeichen von Schwäche.

 

Wider die christliche Barmherzigkeit

Innere Glaubenskriege - Teil 1

 

Eigentlich liebe ich es, über Vorträge mehr oder weniger prominenter Persönlichkeiten zu berichten. Zum einen, weil ich nun mal eine Schwäche für gute Rhetorik habe, zum anderen, weil ich denke, dass Erfahrungsberichte aus erster Hand wirklich den Horizont erweitern können. Manchmal jedoch machen die Vortragenden es einem nicht leicht, weil es mitunter schwer ist, journalistisch neutral über etwas zu schreiben, wozu ich selber eigentlich so viel sagen möchte.

 

Diese Erfahrung musste ich wieder einmal machen als der Journalist, Buchautor und bekennende Christ Peter Hahne in unserer Region unterwegs war. Er sprach zum Thema „Zukunft ist Herkunft“ und ich war anfangs sehr gespannt, was er zu sagen hatte. Schon die Finanzkrise habe gezeigt, wie zerbrechlich unser System ist, begann er, der nächste Einschnitt war die Flüchtlingsfrage. Die Finanzkrise habe Deutschland stark gemeistert, nun komme es auf die Belastbarkeit unserer Werte an. „'Der Islam gehört zu Deutschland' – etwas Dümmeres habe ich in meinem Leben noch nicht gehört“, bezog Hahne Position.

 

Dafür bekam er viel Applaus und ausgerechnet hinter mir saß jemand, der diese Aussage, sowie viele folgende kommentierte. In diesem Fall mit den Worten: „Recht hat er, endlich sagt 's mal jemand.“ Es ist ja nicht so, dachte ich mir, dass genau das nicht schon etliche andere gesagt haben, manche von ihnen haben es auch herausgebrüllt, nicht selten mit dem logischen Folgesatz: „Wir sind das Volk!“. Aber okay. Peter Hahne ist ein renommierter Journalist, da wird wohl noch mehr kommen, hoffte ich.

 

 

Uns würden viele Fakten verschwiegen, legte er dann tatsächlich nach, in seinem Job beim ZDF halte er sich zurück, doch in seinen Büchern und so auch hier rede er Klartext. Daher betonte er: „Muslime gehören nur dann zu Deutschland, wenn sie bereit sind, sich anzupassen.“ Wenn er solche Wahrheiten beispielsweise in Talkshow erwähne, werde er dafür angegangen und in eine rechte Ecke gestellt, kommentierte er, doch in solchen Fällen freue er sich nur darüber, weil sein Buchverkauf dadurch angekurbelt wird. Klartext sprechen, um den eigenen Buchverkauf anzukurbeln, dachte ich mir, na, wenn das die Motivation ist, dann bin ich gespannt, was noch folgt.

 

Außerdem fußen seine Aussagen nun einmal auf den christlichen Werten unseres Landes, betonte er, schon in der Präambel unseres Grundgesetzes heiße es schließlich, dass dieses Gesetz in Verantwortung vor Gott und den Menschen entstanden sei, und mit Gott sei nicht Allah, Buddha oder Zarathustra gemeint. Jene Zeilen, in denen es wenig später heißt: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“, spielten für Hahne in diesem Zusammenhang offenbar keine Rolle.

 

Er empfinde es als „absurd“, wenn in Bayern darüber diskutiert wird, ob in Behörden Kreuze aufgehängt werden dürfen oder nicht. In einem christlichen Land sei das selbstverständlich, nicht selbstverständlich sei hingegen, wenn Vertreter christlicher Kirchen bei Besuchen in muslimischen Gotteshäusern ihre Kreuze verstecken und somit unsere Werte verkaufen. Diese nämlich seien eine Ressource, die niemand sonst habe und durch unsere vorauseilende Political Correctness stehen sie jetzt auf dem Spiel.

 

Welche Werte das konkret sind, führte Hahne auch aus, indem er deutlich machte: „Dass unterlassene Hilfeleistung bei uns ein Delikt ist, liegt ausschließlich am Gleichnis des barmherzigen Samariters. Doch wenn bei Unfällen heute Trauben von Gaffern stehen, dann zeigt sich, wie diese Werte verfallen sind.“ Auch hier ging Hahne mit keinem Wort darauf ein, dass mit besagtem Gleichnis eigentlich definiert wird, wie die christliche Nächstenliebe zu verstehen ist und dass letztlich auch jegliches Asylrecht genau darauf fußt. Gerade christliche Werte haben doch nichts mit der Verteidigung des Nationalstaates gegen fremde Kulturen zu tun, sondern fordern uns zu Barmherzigkeit und Toleranz auf.

 

 

Für ihn ist es der Verlust unserer christlichen Wurzeln und es es ist die Einwanderung anderer, die ihre Wurzeln ernst nehmen, was unser Land in Gefahr bringt. Dabei machte er einen eindeutigen Unterschied zwischen christlichen Einwanderern aus dem ehemaligen Ostblock und heutigen Flüchtlingen aus der arabischen Welt, denn die Christen hätten hier zuerst Kirchen und eine Gemeinschaft aufgebaut und nicht Parallelgesellschaften, in denen Frauen unterdrückt werden und sogenannte Ehrenmorde durch die Scharia legitimiert sind.

 

Peter Hahne war schon immer jemand, der mit seinen Büchern auch ganz bewusst provozierte. So weit, so gut. Doch wenn er von Muslimen spricht, die hier Parallelgesellschaften aufbauen, in denen Frauen unterdrückt Ehrenmorde legitimiert werden, dann bedient er sich mindestens populistischer Rhetorik, die weit über Provokation hinaus geht. Mir fiel es jedenfalls zunehmend schwerer, ihm zuzuhören, erst Recht, weil der Typ hinter mir seine Worte in genau jene Sprache übersetzte, die dann ganz eindeutig „rechte Ecke“ ist.

 

Das ist in jedem Fall eine Verzerrung, deren Wirkung sich ein renommierter Journalist ganz sicher bewusst ist. Damit nahm Hahne ganz bewusst jene „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Rolle ein, die sonst vor allem Vertreter des rechten Randes unserer Gesellschaft für sich gepachtet haben. All das tat mir als Journalist weh, weil es leider rhetorisch kaum besser war als vieles, was die Populisten von sich geben. Und es tat mir als Christ weh, weil Hahne hier ein ähnlich fundamentalistisches Christentum repräsentiert wie die Islamisten, die er offenbar so fürchtet. Aber seine Bücher hat Peter Hahne auch an diesem Abend gut verkauft und das war ja offenbar sein primäres Ziel.

 

Fortsetzung folgt...

 

Verdrehte Religion

Kuchen zu Ramadan - Teil 2

 

Spätestens jetzt ist mir der Appetit auf Kuchen vergangen. „Er will nichts mehr mit dir zu tun haben, bloß weil du nicht-muslimische Freunde hast?“, hake ich ungläubig noch einmal nach. Ungläubig in diesem Moment wohl im doppelten Wortsinn. D. bestätigte. Diese Einstellung gebe es leider unter manchen Muslimen. Unter Arabern deutlich mehr als unter Kurden, versichert er mir, Kurden seien schließlich sowieso oft eine Minderheit und könnten sich relativ gut mit Andersgläubigen arrangieren. Manchen Arabern falle das leider schwer.

 

Tatsächlich habe er hier in Deutschland sogar Flüchtlinge kennengelernt, die ihren ehrenamtlichen Paten anfangs nicht die Tür öffneten, eben, weil sie keinen Kontakt zu Deutschen haben wollten. Das wiederum habe ich von einigen Paten auch schon gehört und konnte wiederum deren Frustration verstehen, wenn ihre Hilfsangebote so mit Füßen getreten werden. „Manche von denen, die damals die Tür nicht aufgemacht haben“, erzählt D. weiter, „kommen heute zu mir und fragen mich nach Dingen, die sie eigentlich Deutsche fragen wollen. Doch inzwischen klingelt natürlich niemand mehr bei ihnen.“

 

Integration klappt eben nur, wenn sie von beiden Seiten erwünscht ist, schießt es mir durch den Kopf und der Gedanke stimmt mich traurig. Wenn es auf der einen Seite Deutsche gibt, die Muslime ablehnen, auf der anderen Seite Muslime, die keinen Kontakt zu Deutschen wollen, dann ist es ganz schön schwer, diejenigen herauszufiltern, die helfen wollen und die, die Hilfe annehmen. Oder es müssten eben beide Seiten über ihren Schatten springen. Und dazu müssten beide Seiten erst einmal ansehen, dass wir letztlich alle im selben Boot sitzen. Unsere Welt ist doch inzwischen so globalisiert, dass wir es uns nicht mehr leisten können, andere kategorisch abzulehnen, oder?

 

 

Zum Glück sieht D. das ziemlich ähnlich. Er habe sich intensiv mit dem Koran beschäftigt, erzählt er mir. Damals in seiner alten Heimat schon und auch jetzt in Deutschland. Einen Grund, warum er nicht mit Deutschen befreundet sein soll, habe er darin nicht gefunden. „Es ist ein falscher Glaube“, sagt er. Es seien falsche Propheten, die den Gläubigen einreden, andere abzulehnen oder gar zu hassen. All das, was der IS und andere Fundamentalisten predigen sei aus seiner Sicht nicht im Islam und durch den Koran begründet, sondern allein das Machtinstrument bestimmter Gruppen.

 

Ehrlich gesagt bin ich gerade in diesem Moment froh, das so deutlich von ihm zu hören. Allein diese Gewissheit, dass es eben auch diese Meinung gibt und die Hoffnung, dass die meisten derer, die zu uns kommen, so denken. Auch bestimmte andere religiöse Regelungen, fährt D. fort, seien so explizit im Koran nicht vorgeschrieben. Letztlich auch die Regelungen, was Ramadan betrifft. Spricht er und bietet mir lächelnd ein zweites Stück Kuchen an. Ich lehne ab. „Danke, ich bin satt. Für die nächsten zwei Stunden mache ich Ramadan“, sage ich lächelnd und zum Glück kann auch er darüber lachen.

 

 

„Weißt du, im Christentum ist es doch nicht anders“, greife ich dann das erste Thema noch einmal auf, „auch bei uns gibt es leider Leute, die versuchen mit der Bibel zu begründen, dass es falsch ist, wenn wir Flüchtlinge aufnehmen.“ Meist sind das genau diejenigen, die zuvor mit der Bibel und dem Glauben nichts am Hut hatten, erläutere ich weiter und D. nickt wissend. So bestimmte Dinge scheinen doch in allen Religionen gleich zu sein. Eben, weil es gar nicht um die Religion geht, sondern um allzu menschlichen Egoismus oder was auch immer.

 

Es sind diejenigen, die Zwietracht schüren und dafür jede noch so absurde Begründung heranziehen. Leider haben diese Menschen wohl in allen Kulturen einen gewissen Erfolg damit, weil Menschen sich nun einmal sehr leicht verängstigen lassen. „Wenn mir jemand hilft und mein Freund sein will, so wie Rainer und du, dann kann es nicht falsch sein, die Freundschaft anzunehmen“, stellt D. fest. Damit ist eigentlich alles gesagt.

 

„Ach komm, lass uns das letzte Stück Kuchen noch teilen“, schlage ich vor. Doch daraus wird nichts mehr, denn inzwischen hat sich M. schon darüber hergemacht und nur Krümel übrig gelassen. Ihm ist Religion noch völlig egal, er fordert jetzt nur, dass wir uns endlich um ihn kümmern und mit ihm spielen.

 

Verbotene Freundschaften

Kuchen zu Ramadan - Teil 1

 

Es ist Sonntag, die Sonne strahlt, ich mache einen kleinen Spaziergang. Dabei komme ich auch beim Bäcker vorbei und aus einer Laune heraus kaufe ich ein paar Stück Kuchen und mache mich dann auf den Weg zu F., D. und den Kindern. Mir kommt die Idee grandios vor, passt zu diesem perfekten Tag. Zumindest denke ich das bis ich bei der Eisdiele Freunde von mir treffe und mit ihnen ins Plaudern komme.

 

„Ach, fastet die Familie gar nicht? Es ist doch Ramadan“, sagen sie und ich erstarre plötzlich. Wie gesagt: Sonntag, Sonne, an nichts denken. Das kann ich gut. Na egal. Zur Not müssen sie den Kuchen eben in den Kühlschrank stellen und heute Abend essen, sage ich, fest entschlossen, mich nicht aus dem Tritt bringen zu lassen. „Ja, klar“, kommt prompt die Antwort von meinen Freunden, „du weißt doch aber, wie das mit der arabischen Gastfreundschaft ist. Am Ende musst du dann den Kuchen essen und alle sehen dir dabei zu.“

 

Die beiden lachen, ich lache mit. Zumindest äußerlich. Im Hinterkopf spiele ich währenddessen kurz all meine Möglichkeiten durch. Entweder gehe ich noch einmal nach Hause und werde mich die nächsten zwei Tage nur noch von Kuchen ernähren, oder ich verschiebe meinen Besuch auf nach Sonnenuntergang, oder ich stelle mich mitten in die Fußgängerzone, verschenke den Kuchen und tue dann so als sei nichts gewesen. Wäre auf jeden Fall mal was anderes als Straßenmalerei oder Straßenmusik, kommt mir aber trotzdem ziemlich dämlich vor.

 

 

Letztlich beschließe ich, mich als unachtsam zu outen und setze meinen Weg wie geplant fort. Irgendeine Lösung wird sich für den Kuchen schon finden. Zur Not schmachten ihn die drei Kinder eben stundenlang an, bevor sie dann vorm Schlafengehen noch ein Stück essen dürfen, woraufhin sie vermutlich Bauchschmerzen bekommen und keiner eine ruhige Nacht hat. Außer mir natürlich, denn ich habe ja in guter deutscher Sonntagssitte Kuchen mitgebracht. Mist, manchmal ärgere ich mich so richtig über meine Gedankenlosigkeit.

 

Als ich dann vor der Tür stehe und D. mich reinlässt, kommt mal wieder alles ganz anders. „Sorry, ich hab nicht an Ramadan gedacht und einfach Kuchen gekauft“, entschuldige ich mich ganz bei der Wahrheit bleibend. „Ist doch super“, antwortet D., „Ramadan ist in Syrien, hier ist Deutschland und hier gibt es jetzt Kuchen.“

 

Während wir alle noch den Mund voll haben, ich mit Himbeeren, S. und A. mit Käsekuchen und M. hat überall Schokolade im Gesicht, frage ich D. noch einmal genauer nach Ramadan und wie er es mit dem Fasten hält. Früher habe er sich schon daran gehalten, sagt er, aus Überzeugung, aber eben auch, weil es dort eben üblich ist. Hier in Deutschland habe er zunächst noch alleine gefastet, während die Kinder sich bis zum siebenten Lebensjahr und F. sich als Schwangere sich sowieso nicht daran halten müssen.

 

 

Inzwischen hat er entschieden, dass Ramadan in Deutschland keine Pflicht ist, wobei ich seiner Erklärung dazu nicht wirklich folgen kann. Manches Dinge verändern sich eben, wenn man sich in eine neue Gesellschaft integriert. Das wiederum verstehe ich gut. Allerdings finde ich es auch wichtig, einige Traditionen und Überzeugungen, gerade religiöse, beizubehalten, sage ich ihm. Schließlich würde ich auch nicht all meine Lebensgrundsätze aufgeben, bloß um irgendwo so wenig wie möglich anzuecken.

 

Es gehe immer darum einen Mittelweg zu finden, erklärt mir D. Für Muslime sei das nicht immer ganz einfach, insbesondere nicht für Araber. „Was genau meinst du?“, frage ich. „Im Deutschkurs habe ich einen Freund, der hat auf meinem Handy irgendwann das Foto gesehen, auf dem ich mit dir und Rainer drauf bin. Daraufhin meinte er, ich könne als Muslim nicht mit Deutschen befreundet sein.“

 

Als ich das höre, bleibt mir beinahe die Himbeere im Halse stecken. Okay, dass es solche Ansichten gibt, ist mir nicht neu. Ihnen aber so nah, quasi um nur zwei Ecken herum zu begegnen, schockiert mich doch ein wenig. „Mit einer solchen Einstellung wird dein Freund es hier aber nicht unbedingt leicht haben“, kommentiere ich kopfschüttelnd. „Ich habe ihm gesagt, dass ihr meine Freunde seid und dass es keine Rolle spielt, ob ihr Deutsche, Araber oder Kurden seid“, erzählt D. weiter, „Jetzt will er nichts mehr mit mir zu tun haben.“

 

Fortsetzung folgt...

 

 

Die Zukunft ist ungewiss

Bei Anruf Angst - Teil 2

 

Erst einmal vergeht etwas Zeit, ohne dass wir wieder von der Mutter der Kinder hören. Rainer und ich sind uns aber sicher, dass sie sich wieder melden wird. Und D. und F. wissen es auch. Dennoch ziehe ich es vor, mit ihnen nicht weiter darüber zu sprechen. Zum einen könnten wir in etwas herumstochern, das die beiden nur noch mehr beunruhigt, zum anderen weiß ich gar nicht so genau, ob ich überhaupt das Recht dazu habe, in einer so persönlichen Sache weiter zu bohren.

 

Rainer sieht das allerdings deutlich pragmatischer. So möchte er am liebsten, dass wir uns einen Plan zurechtlegen, für den Fall, dass sich die Frau wieder meldet. Außerdem regeln wir die Überweisungen des Hartz IV auf D.s Konto und kümmern uns auch um seine Ausgaben oder vielmehr darum, dass diese Ausgaben nicht zu viel werden. Hier in Deutschland ist das wahrscheinlich das Persönlichste, was man überhaupt für jemanden tun kann.

 

Wenn ich überlege, dann weiß ich von keinem meiner Freunde, wie es auf deren Konten aussieht und auch nicht bei meiner Familie. Persönliche Lebenskrisen wie Scheidungen, Sorgerechtsstreit und manches andere, weiß ich von vielen aus meinem engeren Umfeld allerdings doch. Ist es also normal, dass der Kontostand privater ist als die seelischen Nöte und Sorgen? Oder ist das ein Zeichen dafür, wie seltsam verdreht unsere Welt eigentlich ist?

 

 

Bei mir ist es eigentlich generell so, dass ich die meisten Probleme mit mir selbst abmache und kaum jemandem davon erzähle. Es fällt mir ehrlich gesagt schwer, um Hilfe zu bitten, nicht, weil ich zu stolz dazu wäre, sondern vielmehr, weil ich niemanden damit belasten will. Umgekehrt lasse ich aber meist alles stehen und liegen, wenn jemand, der mir nahesteht, meine Hilfe braucht. Wenn ich mich mit D. unterhalte, habe ich immer das Gefühl, dass solche Dinge in seiner Welt anders laufen.

 

Zum einen scheint mir die Familie viel enger als bei uns zusammenzuleben und das Wort Privatsphäre eine deutlich unwichtigere Rolle zu spielen als bei uns. Zum anderen scheint man sich aber auch im Bekanntenkreis viel häufiger um Hilfe zu bitten. Während man bei uns inzwischen für fast alles einen Fachmann ruft, so scheint mir dort eine Kultur der Nachbarschaftshilfe viel weiter verbreitet. Zumindest höre ich das aus dem heraus, was D. mir von früher erzählt und ich sehe es ja auch ganz direkt, wenn er hier inzwischen aus dem Deutschkurs viele Leute kennt, die er im Fall der Fälle um Hilfe bittet oder ihnen wiederum Unterstützung anbietet.

 

Neulich erst kamen wir mal wieder auf die Betten der Kinder zu sprechen, deren Lattenroste bei jeder Gelegenheit aus dem Gestell rutschen und auf dem Boden landen. Ich schlug D. vor, mal neue zu kaufen, doch er winkte ab und meinte, er habe gerade welche von einem Freund bekommen. Dafür habe er diesem Freund beim Umzug geholfen und alles sei gut. Klar, sowas gibt es bei uns auch, und doch, so scheint es mir, nicht in dieser Regelmäßigkeit und nicht mit dieser Selbstverständlichkeit.

 

 

Doch auch, wenn gegenseitige Hilfe in D.s früherer Heimat selbstverständlich war, bedankt er sich bei uns immer noch jedes Mal sehr überschwänglich für alles, wobei wir ihm unter die Arme greifen. Liegt es vielleicht daran, dass wir Deutschen in der Welt den Ruf haben, eben nicht immer uneigennützig zu helfen? Oder hat es damit zu tun, dass er uns nur selten etwas zurückgeben kann? Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr nehme ich mir vor, mich wenigstens zum Essen einladen zu lassen, wenn F. gekocht hat und solche Dinge. Mir wäre es schließlich auch äußerst unangenehm, wenn ich Freundschaftsdienste nicht erwidern könnte.

 

Wir sitzen übrigens gerade beim Essen als das Telefon klingelt und ich an D.s Stimme höre, es muss etwas sehr Ernstes sein. Zwar verstehe ich kein Wort dessen, was er auf Arabisch sagt, doch seine Stimmlage und F.s Gesichtsausdruck verraten Rainer und mir ganz deutlich, um was es geht.

 

Zum Glück sind die Kinder an diesem Abend schon früh im Bett. Bestimmte Dinge müssen sie nicht unbedingt hautnah mitbekommen, denke ich mir. Als D. auflegt, diskutiert er erst einmal aufgebracht mit F. und sie ebenso aufgebracht mit ihm. In ihren Stimmen schwingt Sorge mit, vielleicht sogar Angst. Nein, bei ihr ist es Sorge, sage ich mir nach ein paar Minuten, bei ihm tatsächlich Angst. Dann endlich sieht er uns an und übersetzt: „Das war meine frühere Frau. Sie will die Kinder sehen...“

 

Anmerkung: Das Bild oben stammt auch wieder vom syrischen Künstler Aiman Aldarwish, der nach seiner Ankunft in Deutschland mit seiner Familie in einer Erstaufnahmestelle im Harz untergebracht war. Dort knüpfte er erste Kontakte, die schließlich dazu führten, dass er seine Bilder hier ausstellen konnte und somit auch weiterhin seiner Passion nachgehen konnte. Ihn und seine Werke lernte ich in St. Andreasberg kennen und muss zugeben, dass ich seitdem ein bisschen Fan von seiner Kunst bin.

 

Die Vergangenheit meldet sich zurück

Bei Anruf Angst - Teil 1

 

„Meine frühere Frau hat angerufen!“, begrüßt mich D. mit einiger Aufregung schon auf der Straße, noch bevor ich mein Auto richtig geparkt hatte. Es ist genau jene Situation, mit der wir schon lange gerechnet haben. „Sie ist jetzt in Deutschland“, fügt D. hinzu, also genau das, was ich geahnt habe. Und seine zitternde Stimme bestätigt mich in meiner Annahme, dass die Geschichte jetzt erst losgehen wird.

 

Nun wusste ich ehrlich gesagt nicht viel über D.s erste Ehe mit der Mutter seiner Kinder. Nur, dass sie ihn verlassen hatte, um allein nach Europa zu gelangen, er plötzlich mit drei Kleinkindern alleine dastand und schließlich F. kennenlernte. Bereits als er uns das zum ersten Mal erzählte, stellten Rainer und ich uns darauf ein, dass diese Geschichte uns irgendwann einholen könnte. Jetzt war es also soweit.

 

Als wir nach oben gehen, erzählt er noch einmal genauer, was passiert ist. Dass seine erste Frau in Europa ist, hatte er schon früher erzählt und auch, dass sie nicht wissen soll, wo er sich genau aufhält. Ansonsten weiß ich eben nur, dass diese Frau ihn und die Kinder damals verlassen hat, um allein aus dem Kriegsgebiet zu fliehen.

 

Da ich weder die Umstände in Syrien und im Nordirak genau kenne, noch die persönlichen, erlaube ich es mir nicht, ein moralisches Urteil zu fällen. Vermutlich gibt es wie bei jeder Geschichte zwei Seiten und vermutlich ist in diesem Fall alles recht komplex, zu komplex jedenfalls als dass ich mir überhaupt ein Bild machen könnte. Überhaupt bin ich ja der Meinung, dass wir Mitteleuropäer uns immer viel zu schnell ein Bild von allen möglichen Konfliktregionen in der Welt machen und unsere Maßstäbe und Wertvorstellungen anlegen, um Zusammenhänge zu bewerten, von denen wir schlicht keine Ahnung haben.

 

 

Doch darum geht es jetzt nicht. Jetzt geht es darum, dass D.s frühere Frau in Deutschland ist und zu ihm Kontakt aufgenommen hat. Bis jetzt habe sie sich nur erkundigt, ob es ihm und den Kindern gutgehe und ihrerseits vermeldet, dass sie wohlbehalten aus der Heimat geflohen und Europa durchquert hat. Doch dabei wird es nicht bleiben. Das weiß ich und das weiß auch D.

 

F. weiß das auch, doch sie sagt an diesem Tag wenig, hält sich sehr zurück, vielleicht auch vor allem Rainer und mir gegenüber. Auch das ist wieder mal ein Zug an ihr, den ich sehr bewundere. Gerade, wenn ich bedenken, wie ich mit Anfang Zwanzig war. Auf keinen Fall wäre es mir damals gelungen, die Verantwortung für drei Kinder zu übernehmen, aus der Heimat zu fliehen und mir in einer fremden Kultur ein neues Leben aufzubauen.

 

In den kommenden Wochen könnte dieses neue Leben komplett auf den Kopf gestellt werden, doch F. bleibt besonnen. Das nötigt mir ein großes Maß an Bewunderung ab, vor allem, weil ich ahne, dass gerade sie sich so manches hier anders und wahrscheinlich leichter, unbeschwerter vorgestellt hat.

 

Manchmal frage ich mich, wie es wohl war als D. sie nach der Flucht seiner ersten Frau kennengelernt hat. Hat sie sich so sehr in ihn verknallt, dass ihr alles andere egal war? Oder ahnte sie, worauf sie sich einlässt und hat es in Kauf genommen, weil sie wusste, das sie stark genug dafür ist? D. scheint mir im Moment jedenfalls nicht stark.

 

 

„Sie ist eine falsche Frau, eine böse Frau, ich habe Angst“, sagt er schließlich über die Mutter seiner Kinder. Wahrscheinlich spielt dabei auch die Verbitterung eine Rolle, dass sie ihn wohl von einem Tag auf den anderen mit den Kindern allein ließ. Damals lebten sie im Nordirak, erzählte er mir, weil sie als Kurden in Syrien große Angst vor den sich anbahnenden Veränderungen im Land hatten. Doch auch im Irak wurde die Lage bedrohlicher, was wohl der Grund für die Flucht war.

 

Für einige Zeit lebte D. mit den Kindern in einer Wellblechhütte und eine Weile sogar in einem Zelt. Davon hat er mir Fotos gezeigt. Diese Fotos hat er auf seinem Handy gespeichert, gleich neben Videos vom farbenfrohen Haus seiner Eltern vor dem Krieg und von pompösen Hochzeiten zu Zeiten als die Unruhen gerade erst begannen. Fotos vom Krieg selbst habe ich mal auf dem Handy eines Irakers sehen dürfen/müssen. Bilder aus Bagdad, auf denen all das zu sehen war, was selbst die Nachrichtensendungen hier nicht ausstrahlen.

 

Wie viele solcher Bilder D., F., seine frühere Frau und die Kinder gesehen hatten, kann ich nur mutmaßen. Direkt danach zu fragen traue ich mich bis heute nicht. Zumindest aber gehe ich davon aus, dass es durchaus gute Gründe für jeden gibt, aus Angst um Leib und Leben, dieses Land zu verlassen und nach einem sicheren Ort zu suchen. Ob es auch Gründe für eine junge Mutter gibt, ihre drei Kinder dort zurückzulassen, da bin ich mir nicht sicher. Aber, wie gesagt, ich kenne die Umstände nicht.

 

 

Fortsetzung folgt...

 

 

Anmerkung: Das Bild oben stammt vom syrischen Künstler Aiman Aldarwish, der nach seiner Ankunft in Deutschland mit seiner Familie in einer Erstaufnahmestelle im Harz untergebracht war. Dort knüpfte er erste Kontakte, die schließlich dazu führten, dass er seine Bilder hier ausstellen konnte und somit auch weiterhin seiner Passion nachgehen konnte. Ihn und seine Werke lernte ich in St. Andreasberg kennen und muss zugeben, dass ich seitdem ein bisschen Fan von seiner Kunst bin.

 

 

Geförderter Fanatismus

Schreckgespenst Salafismus - Teil 2

Jede Form von Extremismus lasse sich am effektivsten durch Prävention vermeiden, ist der Polizist überzeugt, wenn Vorurteile Fakten weichen. Material zur Aufklärung über islamistischen Salafismus, dschihadistische Propaganda und Islamfeindlichkeit gibt es mittlerweile einiges von der Polizei, vom Bund und den Ländern. Doch die ersten Kontakte zu Extremisten werden meist über das Internet geknüpft, so dass es für die Polizei äußerst wichtig ist, immer die sozialen Netzwerke im Blick zu behalten. „Wir werten viele Äußerungen aus und überprüfen sie“, erläutert der Experte, „in Einzelfällen werden Nutzer auch beobachtet.“

 

Am meisten bringt aber immer noch das persönliche Gespräch oder eben der Umgang mit denjenigen, gegen die es Vorurteile gibt. Aus genau diesem Grund besuchte ich wenig später eine weitere Informationsveranstaltung, auf der diesmal nicht nur der Polizeiexperte zum Thema Salafismus sprachen, sondern auch Vertreter der örtlichen muslimischen Gemeinde und ein Islamwissenschaftler.

 

Muslime haben das größte Interesse, gewaltbereiten Salafismus zu bekämpfen, denn sie sind am häufigsten Opfer von Terrorismus. Außerdem ist es ihre Religion, die durch die fundamentalistische Auslegung in aller Welt mehr und mehr mit Skepsis oder gar Angst betrachtet wird. Das machte Bacem Dziri vom Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück gleich zu Beginn deutlich.

 

Der Einladung waren tatsächlich viele Menschen gefolgt, die nun in einem kleinen Raum des ehemaligen Güterbahnhofs saßen. Der Güterbahnhof war längst nicht mehr in Betrieb und vor einigen Jahren hatte die muslimische Gemeinde hier in Eigenleistung ihre Moschee gebaut. Seitdem lud die Gemeinde einmal im Jahr zum Gemeindefest und Tag der offenen Tür ein, das ich auch gerne besuchte, wenn ich nicht darüber berichten musste. Einfach, weil es schön war und man interessante Gespräche über verschiedene Kulturen und Religionen führen konnte. Viele andere aber ließen sich dort nicht blicken, weil sie trotz allem Vorbehalte hatten.

 

 

Den Anfang machte an diesem Tag wieder der Polizeiexperte. Anschließend sprach jemand von der Beratungsstelle zur Prävention neo-salafistischer Radikalisierung des Landes Niedersachsen und machte deutlich, wie die professionelle Propaganda des sogenannten Islamischen Staates den Dschihad als eine Art Jugendkultur inszeniert und damit erstaunlich erfolgreich ist. Und schließlich wurde direkt in die Moschee eingeladen, wo Bacem Dziri die theologische Dimension des Salafismus aus muslimischer Sicht darstellte.

 

Der Salafismus, der auf dem Wahhabismus basiert, sei keinesfalls die einzig konsequente Umsetzung des Islam und auch nicht, wie es oft dargestellt wird, die älteste und reinste. „Religiosität ist ihnen wichtiger als Religion“, sagte Dziri und machte deutlich, dass es innerhalb des Islam verschiedenste Auslegungen des Koran gibt, von denen die fundamentalistische eine ist, die nicht traditionell verankert ist und historisch begründet werden kann. Muslime bewahrten und pflegten beispielsweise immer schon alte Kulturgüter, während deren Zerstörung eindeutig einer modernen Ideologie entspringt.

 

 

Gleiches gilt für die vom IS propagierte Schwarz-Weiß-Sicht auf die Welt. Hier werden Antipathien gezielt genutzt, um Hass zu schüren. „Sie profitieren sehr davon, dass es äußere Feinde gibt“, sagte der Theologe und sprach auch über die Bedeutung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit islamischer Theologie wie am Osnabrücker Institut. Junge Muslime können nur durch eine Beschäftigung mit ihrem Glauben gefestigt werden und sich so vor radikalen Ideologien schützen.

 

Allerdings haben die Salafisten vor allem in Europa großen Erfolg mit ihrer Art der Frontenbildung und bieten insbesondere für junge und desorientierte Menschen Orientierung, Anerkennung und eine Distanz zu vielem, was sie an der Gesellschaft ihrer Elterngeneration stört. Auf Unmut folgt eine Identifizierung mit dem Salafismus, dann eine Ideologisierung und schließlich die Mobilisierung, hieß es schließlich. Befragungen von aus dem sogenannten Dschihad Zurückgekehrten zeigen, dass sie oft erst vor Ort in Syrien realisieren, worauf sie sich eingelassen haben.

 

Auf die erschreckenden Fakten folgte eine Einladung zum gemeinsamen Abendessen, das die Frauen der Gemeinde liebevoll vorbereitet hatten. So wurde der Abend noch lang und zwischen gefüllten Weinblättern und anderen Spezialitäten wurde mir, dass es hier um ein Problem geht, dem Muslime, Christen und andere gemeinsam etwas entgegensetzen müssen. Denn letztlich ist es immer auch ein Scheitern von Integration, das Parallelgesellschaften ermöglicht und durch Verbitterung Extremismus fördert. Somit wäre eine gelungene Integration dann auch die beste Prävention.

 

Gefährliches Halbwissen

Schreckgespenst Salafismus - Teil 1

 

Den arabischen Frühling habe ich wie so viele andere damals voller Hoffnung, aber eben auch sehr oberflächlich mitverfolgt. Die Revolutionäre waren die Guten, die gestürzten Diktatoren die Bösen und am Ende würden alle für eine neue, demokratische Ordnung sorgen. Zuerst sah es ja auch wirklich so aus.

 

Dank Hamed Abdel-Samad, den ich mehrmals live erleben durfte, setzte ich mich dann mit der Situation in Ägypten etwas genauer auseinander und erkannte, dass die Verhältnisse doch deutlich komplizierter sind. Nicht nur in Ägypten, sondern auch in Iran, in Afghanistan – auch hier hatte ich jeweils das Glück, mehrere Vorträge von Landsleuten und Experten zu hören – und schließlich auch in Syrien.

 

Die Lage in Syrien schien mir besonders komplex und undurchsichtig und genau das vermittelte ja irgendwann auch die hiesige Berichterstattung. So richtig durchschaut habe ich die Fehden zwischen dem Assad-Regime, der Al-Nusra-Front, dem IS und der Freien Syrischen Armee wahrscheinlich bis heute nicht. Nur in einem bin ich mir sehr sicher: es ist deutlich komplizierter als die Schwarz-Weiß-Malerei vieler hiesiger Medien.

 

 

So wie der arabische Frühling hierzulande damals als Hinwendung zu unserem Wertesystem hochstilisiert wurde, so wurde der Salafismus verteufelt und schon früh als Instrument der angst eingesetzt. Ein Schreckgespenst, das auch uns bedrohte. Da ist sicher auch etwas dran, doch auch in diesem Fall wurden immer wieder Parolen nachgeplappert, ohne eigentlich zu wissen, was dahinter steckt.

 

Einen kleine, aber äußerst hilfreichen Einblick bekam ich vor einiger Zeit durch einen Islamismus-Experten der Polizei. Der warnte vor dem langen Arm des sogenannten Islamischen Staates ebenso wie vor dem gefährlichen Halbwissen, mit dem hier nicht selten der Eindruck vermittelt wurde und noch wird, dass jeder Mensch aus dem arabischen Kulturkreis zur Gewalt im Namen Allahs bereit ist und einen tiefen Hass auf unsere westliche Welt in sich trägt.

 

„Die Salafisten sind nur eine kleine Gruppe von etwa 0,3 Prozent der Muslime“, erläuterte der Polizeiexperte, eine kleine, aber gefährliche Minderheit, die sich auf die strikte Islamauslegung der Altvorderen beruft. Daher lehnen sie sowohl andere muslimische Lebensweisen als auch die demokratische Ordnung Europas ab und richten sich ausschließlich nach den Gesetzen der Scharia des 7. Jahrhunderts. Gefährlich wird es, wenn die Anstrengung auf dem Weg zu Gott, der Dschihad, ihrer Auslegung nach alles bekämpfen muss, was ihrem Verständnis von muslimisch widerspricht.

 

 

Dieses Ziel verfolgt der sogenannte Islamische Staat mit einer radikalen Entschlossenheit, die brutales Töten glorifiziert, Selbstmordattentäter zu Märtyrern macht und den Terror zum heiligen Krieg erklärt. Als wäre all das nicht schon erschreckend genug, setzt er gezielte Propaganda ein, um auch junge Menschen in Europa zu erreichen, und hat damit Erfolg. Etwa 750 Menschen aus Deutschland seien bereits in die vom IS besetzten Gebiete gezogen, erläuterte er mir vor etwa drei Jahren, 120 davon inzwischen nicht mehr am Leben.

 

Der gewaltbereite Islamismus ist damit auch zu unserem Problem geworden, sagte er, sowohl für Jugendliche, die sich von der martialischen Propaganda angesprochen fühlen, wie auch für andere Muslime, die durch die Verunsicherung im Land unter eine Art Generalverdacht geraten. „Viele fühlen sich in eine Ecke gedrängt, damit macht man viel kaputt.“ Wenn dann von der anderen Seite noch allzu deutsche Propaganda hinzukommt, macht das die Sache nicht besser.

 

Brisante Fälle seien in unserer bisher nicht vorgekommen, Auffälligkeiten und Überprüfungen hingegen schon. Sogenannte „Gefährder“, also nach Kriterien des Bundeskriminalamtes als gefährlich eingestufte Personen, gebe es hier ebenfalls keine, was nicht heißt, dass die Polizei die Entwicklung der Szene nicht im Auge behalte. „Das Problem ist da, aber es ist gering“, stellte er fest. Das gelte übrigens auch für die hiesige rechte Szene, in der es aus seiner Sicht derzeit „relativ ruhig“ sei.

 

Fortsetzung folgt...

 

 

Wir hätten lieber einen König

Beständigkeit statt Veränderung - Teil 2

 

Wenn ich mit D. über Syrien oder über den Islam rede, dann bestärkt er mich noch in meiner Meinung. Diese Freiheit, die er und seine Familie hier kennenlernen, gab es in seiner Heimat nicht. Gerade als Kurde durfte er nicht einmal sein eigenes Leben voll und ganz bestimmen, geschweige denn irgendetwas darüber hinaus. „Hier sind alle Menschen gleich“, sagt er manchmal voller Bewunderung, „und hier darf sich jeder frei entscheiden.“

 

Doch mir scheint als sei uns dieses riesengroße Glück manchmal nicht mehr bewusst. Natürlich gibt es Grenzen der persönlichen Freiheit und ich glaube auch nicht, dass es gut wäre, wenn immer nur die Masse über alles entscheidet. Manches gehört nun einmal in die Verantwortung von Fachleuten. Aber in den Bereichen, in denen wir Weichen stellen können und dürfen, sollten wir es da nicht auch tun?

 

Der Kabarettist Volker Pispers behauptete in seinen Programmen immer wieder, der Deutsche wolle eigentlich gar keine Demokratie. Ein nicht unerheblicher Prozentsatz der Bevölkerung hätte viel lieber eine Monarchie, in der ein gütiger König uns die Bürde der Entscheidungsfindung abnimmt. Das sei übrigens auch der Grund, warum Angela Merkel seit Jahren immer wieder gewählt wird, auch wenn sie keinerlei politischen Standpunkt hat.

 

 

Die Beständigkeit ist uns Deutschen anscheinen viel wichtiger als die Veränderung. Das mag an einem relativ hohen Lebensstandart liegen, muss wohl aber auch eine besondere Mentalität sein, die Neues erst einmal generell fürchtet. Und selbst in den Kirchengemeinden sind viele wohl der Ansicht, dass am besten alles so bleiben soll, wie es ist – ungeachtet schwindender Mitgliederzahlen und leerer Gottesdienste. Es gibt ja auch diesem blöden Spruch, dass es in Deutschland keine Revolution geben könne, weil wir dafür unerlaubt abgesperrte Rasenflächen betreten müssten.

 

Auch das ist übrigens ein Punkt, den wir F., D. und den Kindern erst einmal beibringen mussten. Obwohl es im Stadtpark tolle gepflegte Rasenflächen gibt, dürfen wir dort nicht einfach ein Picknick machen, Fußballspielen oder sonstwas. In der arabischen Welt sei das anders, dort treffen sich Menschen einfach dort, wo Platz ist und wo es schön ist. Wir hingegen haben viel mehr Rechte, halten uns aber auch unglaublich gerne an Regeln, ob unsinnig oder nicht. „Der Sabbat ist für den Menschen gemacht und nicht der Mensch für den Sabbat“, heißt es schon in der Bibel. Aber woher sollen wir das auch wissen, wenn uns die Kirche so egal ist wie es bei dieser Wahl den Anschein machte?

 

Manchmal frage ich mich, was wohl wäre, wenn wir in unserem Land unzumutbare Zustände hätten. Was müsste passieren, damit wir uns wirklich gegen eine Regierung auflehnen? Und damit meine ich nicht den dämlichen „Wir sind das Volk“-Protest der sogenannten Wutbürger. Ich meine keinen destruktiven Nationalismus, sondern eine wirkliche progressive Revolution. Kein hasserfüllter Schritt zurück, der letztlich auch wieder nur darauf abzielt. Beständigkeit als höchstes Gut zu verkaufen, sondern den Mut zu wirklicher Veränderung, wenn der Karren in den Dreck gefahren ist.

 

 

Etwas, was mit dem arabischen Frühling vergleichbar ist, kann ich mir in unseren Breiten leider echt nicht vorstellen. Schließlich gingen auch die großen Umbrüche in der Vergangenheit bei uns selten vom Volk aus. Vom Mauerfall und der Wende vielleicht einmal abgesehen. Da haben Deutsche tatsächlich einmal eine friedliche Revolution in Gang gebracht, die auch nachhaltig ein System verändert hat. Aber das waren eben auch nicht die satten Wohlstandsdeutschen, sondern die anderen.

 

Geht es uns vielleicht wirklich noch zu gut, dass wir uns Sorgen über ein paar Flüchtlinge machen, die angeblich unser Sozialsystem unterwandern und zerstören, statt uns den globalen Problemen wie dem Klimawandel oder der sozialen Ungerechtigkeit zu widmen? Oder sind wir einfach zu bequem, um zumindest zu versuchen, herannahende Katastrophen für die nachfolgenden Generationen noch abzuwenden und mummeln uns lieber in unsere altbekannte Angst vor dem Fremden und vor der Veränderung ein?

 

Vielleicht ist es weit hergeholt, dass mich eine Kirchenvorstandswahl auf solche Gedanken bringt, aber je mehr ich durch D. und seine Familie mitbekomme, worauf es ankommt, wenn man nichts mehr hat und alles neu aufbauen muss, desto häufiger packt mich die Wut. Die Wut auf die Bequemlichkeit in diesem Land, die sich in einer endlosen Schleife aus Pessimismus und Meckerei äußert, und auch die Wut auf mich selbst, dass es mir nicht gelingt, mit meinem Texten Menschen wachzurütteln oder aber auch nur all das verständlich auszudrücken, was mir eigentlich durch den Kopf geht.

 

Sie hätten das Recht zu wählen

Beständigkeit statt Veränderung - Teil 1

 

Eine Wahlbeteiligung von 15 Prozent. Diese Zahl zieht mich heute doch ein wenig runter. In den vergangenen Wochen gab es für mich beruflich kaum ein Thema, das mich so gefordert hat wie die Kirchenvorstandswahl. Immer wieder habe ich für unsere beiden Kirchenkreise Pressemitteilungen geschrieben und das Prozedere sowie die Bedeutung für die Gemeinden erläutert. Ganz zu schweigen von den Artikel zuvor, in denen ich darum warb, dass sich überhaupt jemand als Kandidat aufstellen lässt.

 

Am Tag vor der Wahl habe ich darüber berichtet, dass in einer Gemeinde sogar mit einem Konzert und einer Andacht „reingefeiert“ wurde und am Wahltag selbst schrieb ich über unseren Landesbischof Ralf Meister, der den wahrscheinlich jüngsten Wähler – der war gerade am Tag zuvor 14 geworden – bei dessen Urnengang begleitete. Mehr Pressearbeit geht kaum.

 

Und nun haben ganze 15 Prozent – in den Kirchenkreisen, für die ich schreibe, waren es 17 bzw. 24 Prozent – der hiesigen Christen mitbestimmt, wer die Geschicke in ihrer Gemeinde in den kommenden Jahren leiten wird. Dabei ist die Arbeit im Kirchenvorstand nun wirklich viel mehr als sonntags mit dem Klingelbeutel durch die Kirche zu laufen. Unser Landessuperintendent Eckhard Gorka sagte mir mal, dass die Kirchengemeinden in ländlichen Gebieten etwa 60 Prozent des kulturellen Angebots bestreiten. Sie organisieren Konzerte, Gemeindefeste, Basare und so viel mehr, wenn die Kommunen es finanziell kaum wuppen können.

 

 

 

Daher finde ich durchaus, dass so ein Kirchenvorstand äußerst wichtig ist, erst recht in einer Region wie unserer, wo so viele Leute sich fortwährend beklagen, dass ja nichts los sei und früher alles besser war. In den Kirchenvorständen hätten sie zumindest die Gelegenheit, einiges mitzugestalten, denn in der Kirche kann für vieles dann durchaus Geld locker gemacht werden und Sponsoren sind für kirchliche Veranstaltungen auch relativ leicht zu finden.

 

Doch offenbar ist es vielen viel zu mühsam, den Ort, in dem sie leben, mitzugestalten. Immer nur meckern ist viel einfacher. In der Politik ist es ja letztlich nicht anders. Auch da finden sich oft kaum genug Kandidaten für einen Gemeinde- oder Stadtrat, weil „die da oben ja sowieso machen, was sie wollen.“

 

Diesen Satz höre ich in den letzten Jahren irgendwie ständig. „Die machen mit uns ja sowieso, was sie wollen.“ Aber auch nur, wenn wir es mit uns machen lassen. Immerhin leben wir in einem System, in dem wir ein Mitspracherecht haben. Doch ich habe mehr und mehr das Gefühl, dass es mit unserer Demokratie nicht so weit her ist. Die ist viel zu anstrengend und blöderweise gehört man dann auch noch manchmal zur Minderheit und wird überstimmt.

 

Gut, aus politischer Sicht kann ich die Demokratieverdrossenheit im Moment sogar verstehen. Wenn ich überlege, welcher Kindergarten uns in Atem gehalten hat, bevor wir nach der Bundestagswahl nun endlich eine Regierung haben, dann wundert mich der scharfe Ton nicht. Den schlage ich durchaus auch selber an, wenn es mal wieder vor allem um Macht und Ämter und das eigene Ego geht statt um die vielen Probleme, die wir dringend anpacken müssen.

 

 

 

Aber generell bin ich nach wie vor davon überzeugt, dass wir das beste System haben, das bis jetzt erfunden wurde. Politisch und ehrlich gesagt auch religiös. Unsere politische Demokratie mag noch nicht besonders alt sein und sie kam zustande, ohne dass wir als Volk dafür kämpfen mussten. Doch aus religiöser Sicht war es kein geringerer als Martin Luther, der für das Mitspracherecht von Laien in der Kirche kämpfte und letztlich sogar eine Abspaltung von der katholischen Kirche in Kauf nahm.

 

Auch, wenn es in Zeiten der Ökumene nicht sonderlich populär klingt, für mich ist das immer noch ein Meilenstein und auch ein Grund, warum ich gerade der evangelischen Kirche angehöre. Die ist durch und durch basisdemokratisch, jeder kann in vielen Punkten mitreden und darf sich einbringen und allzu viele starre Dogmen gibt es zum Glück nicht.

 

Fortsetzung folgt...