Wir sind es, die die Zukunft gestalten

SchulKinoWochen zum Thema Demokratie

 

Jonas Kaufmann reiste an die polnisch-ukrainische Grenze, um dort Flüchtlinge zu unterstützen. Dadurch lernte der 20-jährige Schauspieler Menschen seiner Generation kennen, die doch in ganz anderen Welten zu leben scheinen, und er lernte viel über sich selbst und das Leben. Er machte einen Film darüber, über den er bei den Schulkinowochen in Herzberg zum Thema Demokratie sagte, er habe ihn nie als politischen Film gesehen, doch durch die Diskussionen mit Schülern über sein Regiedebüt habe er festgestellt, dass Demokratie von Menschen gestaltet wird.


Die SchulKinoWochen Niedersachsen sollen Medienkompetenz von Jugendlichen stärken. Es geht um künstlerische Auseinandersetzung, aber auch um gesellschaftliche Aspekte von Filmen. In der Kinowelt Central-Lichtspiele in Herzberg waren am vergangenen Mittwoch Schüler*innen der BBS 1 Osterode, des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium Herzberg, des Pädagogiums Bad Sachsa, der Kooperativen Gesamtschule Bad Lauterberg und der Oberschule Hattorf aus verschiedenen Jahrgängen zu Gast, die zwischen mehreren Filmen wählen konnten.

 

 

Einer davon eben „Der Kern, der dich zusammenhält“ von Jonas Kaufmann, ein anderer „Warum ich hier bin“ von Regisseur Wolfgang Latteyer, der ebenfalls zu Gast war, oder unter anderem auch „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“, ein Spielfilm mit Meltem Kaptan und Alexander Scheer über den Fall des nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 in Guantanamo inhaftierten Murat Kurnaz oder vielmehr über seine Mutter und ihre Bemühungen, den Sohn aus den menschenunwürdigen Haftbedingungen zu befreien.


Rabiye Kurnaz schaltete seinerzeit den Anwalt Bernhard Docke ein, der ebenfalls in Herzberg zu Gast war. Wenn der Film selbst noch zwischen Tragik und (Galgen-)Humor schwankt, so erzählte Rechtsanwalt Docke sehr ernüchternd über die Verhältnisse in Guantanamo, die nichts mehr mit einem Rechtsstaat oder Menschenrechten zu tun haben und auch über die unrühmliche Rolle der deutschen Regierung in diesem Fall.


Deutschland nämlich wollte Murat Kurnaz nicht zurückholen, da er neben der deutschen auch eine türkische Staatsbürgerschaft habe und man somit nicht zuständig sei. Maßgeblich involviert in die Verhandlungen damals seien der spätere Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen, sowie auch der jetzige Bundespräsident Fank-Walter Steinmeier gewesen.


„Es war ein rechtsfreier Raum, ich musste erst einmal rechtsstaatliche Grundlagen erkämpfen“, sagte Bernhard Docke. Dabei war von Beginn an völlig klar, dass Kurnaz nichts mit den Anschlägen zu tun hatte, also eindeutig unschuldig war. „Die Menschen in Guantanamo verloren alle Grundrechte, das darf nicht sein“, erläuterte der Jurist, wobei ihm eine gewisse Fassungslosigkeit auch nach all den Jahren noch anzumerken war.

 

 

Kein Politiker habe sich je bei Murat Kurnaz oder seiner Mutter entschuldigt, klagte er, schloss dann aber doch noch positiv. „Murat hat sich seinen Humor bewahrt und ins Leben zurückgefunden. Das ist bei Folteropfern selten“


Um Leid, Angst und das Gefühl von Hilflosigkeit ging es auch in der Diskussion um Jonas Kaufmanns Film. Ihm zur Seite stand Roman Sachuk, den er bei seinem Trip an die Grenze kennenlernte und der auch eine wichtige Rolle im Film spielt. Roman studierte, als Putin sein Heimatland überfiel, floh zunächst nach Polen und lebt aktuell in Deutschland. Zwar werden sein Schulabschluss und sein Studium hier nicht anerkannt, doch er spricht fließend mehrere Sprachen, so dass er hoffnungsvoll ist, irgendwann auch wieder eine Zukunft zu haben.


Diese direkten und authentischen Eindrücke kamen bei den Schüler*innen gut an, es entwickelte sich eine sehr lebhafte Diskussion, für die einige sogar noch länger blieben. Ja, die sogenannte Generation Z ist durch die vielen Krisen in der Welt verunsichert, doch sie hat auch Hoffnung. Das wurde an diesem Tag sehr deutlich. Viele Jugendliche sind sich der Zerbrechlichkeit unserer Gesellschaft und eben unserer Demokratie bewusst, ebenso aber bereit, sie selbst zu gestalten und eben auch zu verteidigen. Denn verglichen mit vielen anderen leben sie doch ein sehr privilegiertes Leben und sind alles andere als machtlos.