Politische Doppelmoral zerstört das Vertrauen in den Staat
„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“, formulierte Immanuel Kant. Für den Philosophen war der kategorische Imperativ das Grundprinzip allen moralischen Handelns. Etwas ist also nur dann moralisch, wenn es für alle gelten kann, also bei jedem Menschen akzeptabel wäre.
Darauf fußt bis heute unser Gerechtigkeitsempfinden und nicht zuletzt unser Rechtssystem. Artikel 3 des Grundgesetzes kann direkt daraus abgeleitet werden: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz
gleich.“ Wer daran rüttelt, untergräbt nicht nur die Verfassung, sondern das ethische Fundament unserer Gesellschaft.
Wenn nun ein hochrangiger Politiker an einem Gesetz mitwirkt, das für alle Menschen gilt, das er aber umgeht, wird das logischerweise als Doppelmoral angesehen. Ganz konkret: Die CDU, deren
Fraktionsvorsitzender Jens Spahn ist, sprach sich noch im Februar 2026 klar gegen eine Leihmutterschaft aus, bekräftigte das uneingeschränkte Verbot. Jetzt im Juni macht Jens Spahn öffentlich,
dass er und sein Ehemann dank einer Leihmutter aus den USA Eltern geworden sind.
Kann es da verwundern, dass viele sich vor den Kopf gestoßen oder deutlicher gesagt vollkommen verarscht fühlen? Ein Spitzenpolitiker nimmt sich etwas heraus, das er anderen verwehrt. Mehr
Doppelmoral geht nicht, kein Wunder also, dass dieses selbstgefällige Auftreten für fast noch mehr Empörung sorgt als seine bis heute unaufgeklärte Maskenaffäre.
Noch dazu scheint es ja in der CDU kein Einzelfall zu sein, denn auch der Virologe und Drogenbeauftragte der Bundesregierung Hendrik Streeck und sein Mann wurden kürzlich Eltern und da das Kind in Idaho geboren ist, wird von einer Leihmutterschaft ausgegangen. Damit scheint es für hochrangige Politiker völlig okay zu sein, diese Gesetzeslücke privat zu nutzen.
Natürlich ist es okay, denn Bundeskanzler Friedrich Merz gratulierte ja Jens Spahn noch öffentlich zu seinem Vaterglück. Auf den ersten Blick ja sogar nachvollziehbar, denn ein Kind ist
selbstverständlich immer ein Grund zu Freude. Allerdings hieß es auch, Merz habe von der Leihmutterschaft gewusst, was wiederum bedeutet, dass selbst der Bundeskanzler offenbar völlig fein damit
ist, wenn sich bestimmte Menschen etwas herausnehmen dürfen, was anderen verboten ist.
Inzwischen – also nach dem öffentlichen Empören – äußert sich Merz deutlich verhaltener, ein Rücktritt Spahns wird in regierungsnahen Kreisen nicht mehr ausgeschlossen. Ist das ein Schritt zurück
zur Moral? Nein, denn wenn der Kanzler erst durch die Öffentlichkeit überhaupt die Doppelmoral erkennt, dann ist sein Herumrudern nur ein Zeichen von Rückgratlosigkeit.
Interessant ist, dass zwar eine breite Mehrheit der Bevölkerung, der Politiker, der Journalisten etc. diese Arroganz und Gutsherrenart der Regierenden unerträglich finden, aber längst nicht alle.
So postete der Journalist Nikolaus Blome: „Es ist eklatante Doppelmoral, wenn CDU/CSU-Fraktionschef Jens Spahn eine US-Leihmutter mietet. Es ist Sozialneid, daran zu kritisieren, dass das nur
Besserverdienende können.“
Sozialneid? Sorry, Herr Kollege, das ist wirklich arg verpeilt! Wenn sich jemand daran stört, dass höheres Vermögen auch mehr Rechte mit sich bringt, dann ist das kein Sozialneid, sondern Gerechtigkeitsempfinden. Nach Kant und auch nach dem Grundgesetz. Denn wenn nicht mehr alle vor dem Gesetz gleich sind, dann bestätigen wir diejenigen, die seit Jahren gegen „die da oben“ wettern, die unsere Demokratie negieren und die extremistischen Populisten hinterherlaufen.
Und das ist das eigentlich Gefährliche an dieser Doppelmoral. Sie treibt etliche Menschen mit moralischem Empfinden aber möglicherweise wenig politischem Verständnis in die Arme derer, die für
alles einfache Lösungen haben und die am Ende tatsächlich den Gleichheitsgrundsatz in unserer Gesellschaft abschaffen wollen.
