Protest gegen AfD-Parteitag an KZ-Gedenkstätte Moringen
Ein Straßenfest für Demokratie mit einer Demonstration für Vielfalt und Erinnerung wurde am vergangenen Freitag in Moringen gefeiert. Auslöser war der Parteitag der Northeimer Kreistagsfraktion der AfD direkt neben der KZ-Gedenkstätte. Das hatten viele Bürgerinnen und Bürger als Provokation aufgefasst, so dass zahlreiche Initiativen, Vereine, Gewerkschaften, Parteien und Kirchengemeinden zum Protest eingeladen hatten.
Bereits in der Nacht zuvor hatte es eine Mahnwache gegeben und auf der anderen Seite wurden zahlreiche Deutschlandflaggen rund um die Kommandantur des Moringer KZ aufgehängt. Keine Straftat, wohl aber geschmacklos genug, um mehrere hundert Menschen nach Moringen zu holen, um für Vielfalt und Erinnerungskultur Flagge zu zeigen.
„Es ist die Zeit wach zu sein. Es ist Zeit, Position zu beziehen. Es ist nicht mehr die Zeit, sich hinter einer Neutralität zu verstecken“, sagte Stefan Wilbricht, Leiter der Gedenkstätte, bei der Auftaktkundgebung. „Unsere Geschichte mahnt uns: Wir müssen alle gemeinsam einstehen für diese Demokratie. Wir müssen alle gemeinsam einstehen für Vielfalt und wir müssen zusammenstehen gegen Spaltung, Menschenverachtung und eine Ideologie, die uns alle nach ihrem Wert messen und teilen soll.“
Bereits zuvor hatte sich eine Handvoll Personen, die mit einer Flagge verkündeten, das Volk zu sein, an der Seite der Demo-Route aufgestellt. Auch das mutmaßlich eine gezielte Provokation, die Demoteilnehmer wohl davon abhalten sollte, zum Start zu laufen und sie stattdessen in lautstarke Diskussionen zu verwickeln. Es fruchtete nur kurz, was vielleicht auch mit der deutlichen Polizeipräsenz entlang der Strecke zu tun hatte.
Von der ehemaligen Domäne aus setzte sich der Zug in Bewegung, um ein deutliches Statement zu setzen. „Northeim ist bunt“, „Einbeck ist bunt“, „Holzminden ist bunt“ war auf den Bannern zu lesen. Das ist doch schon was. Und „Nazis? Hatten wir schon mal, war… [Kothaufen-Emoji]“ Ziel war das bunte Straßenfest mit zahlreichen bunten Ständen vor dem Torhaus. Darunter alle im Bundestag vertretenen demokratischen Parteien, das Bündnis für soziale Gerechtigkeit und gegen Rechtsextremismus im Landkreis Northeim, die Omas gegen Rechts aus verschiedenen Orten und auch aus Osterode, Schüler*innen der KGS Moringen, die Harz-Weser-Werke und viele mehr. Insgesamt zwischen 600 und 1000 Menschen (die Schätzungen der Polizei und des Göttinger Tageblatts bzw. des NDR gehen hier weit auseinander) waren dort.
Auch die Kirchengemeinde Moringen waren vertreten, hatte sehr aktiv zum Besuch des Festes und zur Teilnahme an der Demo aufgerufen. Auch vor dem Hntergrund, das sozusagen zeitgleich die Synode der Landeskirche in Hannover eine Forderung nach einem AfD-Verbotsverfahren auf den Weg brachte. „Es ist uns als Kirchengemeinde wichtig, hier – mit vielen anderen aus der Zivilgesellschaft – für unsere Gedenkstätte, für den Wert des Erinnerns, für die Menschenwürde zu stehen. Wir schätzen das Leben, wie wir es gegenwärtig in Moringen leben“, formulierte der Kirchenvorstand aus Moringen seine Begründung, „Das gemeinsame Erinnern macht uns bewusst, dass die unantastbare Menschenwürde der Anfang für alles ist, was eine Gesellschaft offen und lebenswert macht. Dass diese offene, inklusive Gesellschaft Bestand hat, dafür stehen wir hier heute.“
Auch andere Vertreter*innen aus Kirchengemeinden im Kirchenkreis Leine-Solling waren angereist. „Menschenwürde, Nächstenliebe, Zusammenhalt“, machte ein Banner deutlich, wofür die Kirche steht. „Unser Kreuz hat keine Haken“, verkündete ein anderes. „Jeder Mensch hat einen Namen! Jeder Mensch hat eine Würde! Menschenwürde kennt keine Ausnahme! ‚Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan‘ (Matthäus 25,40)“, formulierte der Reli-LK der KGS Moringen.
Damit war eigentlich alles gesagt. Doch eine Pastorin sagte zudem noch, sie sehe die Kirche auch in der Pflicht, diesmal klar Stellung zu beziehen, da sie es damals zu wenig getan habe. Ja, an diesem Wochenende hat die Kirche Position bezogen. Mit Präsenz in Moringen und mit einem deutlichen Beschluss in Hannover.
Auf der Bühne sorgten Kaunoka, die KGS-Band, das Künstlerkollektiv Fakten, KlezPo und viele andere für ein abwechslungsreiches Programm, das irgendwann auch vergessen ließ, dass sich nur wenige Meter weiter jene versammelten, für die diese Vielfalt, Offenheit und gegenseitige Toleranz verachtenswert ist. Man wird sie vielleicht nicht los, aber man kann sie übertönen. Wir sind mehr.
