Nik Kahl und das Tourleben mit Lord of the Lost
Musik war immer sein Leben. In Osterode und inzwischen weltweit mit seiner Band Lord of the Lost. Von alten Freunden und Wegbegleitern wird Niklas Kahl zu Hause oft darauf angesprochen, dass er doch gerade noch in Südamerika, Asien oder irgendwo in Europa auf Tour war. „Ja klar, ich poste schließlich auch nur die Dinge, die mir mit der Band so passieren“, sagt er, hier sei er nun mal vor allem Vater, Ehemann und Privatmensch. Und er hat recht, das ist privat und soll privat bleiben.
Allerdings gibt es von den Bühnen dieser Welt, von den Hotels oder auch aus dem Tourbus genug zu erzählen. Da Lord of the Lost gefühlt eine jener Bands ist, die immer unterwegs ist, kann Nik viel beobachten, vergleichen, in einen Kontext setzen, was andere so geballt vermutlich nicht erleben. „Ich fühle mich sehr privilegiert, dass ich so viel durch die Welt reisen und mir andere Systeme angucken darf“, sagt er voller Dankbarkeit.
„Außer der Antarktis und Afrika waren wir auf allen Kontinenten.“ Und das allein in den vergangenen Monaten. Etwa 80 Konzerte in eineinhalb Jahren, das ist schon sehr viel live. „Die Leute sind überall ganz anders“, stellt er fest, „Wenn du in Argentinien auf der Bühne stehst, denkst du, du bist bei nem Endspiel irgendeiner Weltmeisterschaft, die feiern das Leben so dermaßen! Und wenn du in China bist, gucken die dich aus großen Augen an und wenn der Song vorbei ist, wird ganz kurz applaudiert und dann siehst du die Erwartungshaltung ‚okay und was kommt jetzt?‘.“
In China werden sie aber vermutlich nicht mehr spielen, nimmt er an. Auch nach Russland können sie nicht mehr „Da wurden wir 2019 schon fast verhaftet“, erzählt er von einem ausverkauften Konzert, bei dem das Publikum begeistert war, aber zwischen den Leuten einige Staatspolizisten mit Kalaschnikow standen und alles genau überwachten. „Das ist wirklich gruselig. Und du kannst davon ausgehen, wenn wir jetzt versuchen würden, in Russland einzureisen, wir am Flughafen direkt verhaftet werden würden. Allein schon, weil wir lackierte Fingernägel haben.“
China mache es ähnlich, nur subtiler, aber für beide Regime ist die Band viel zu offen gegenüber Menschen jedweder Couleur ist. So mussten sämtliche Texte beispielsweise vorher eingereicht und beglaubigt werden. In den USA fühle er sich hingegen noch wohl. „Es ist natürlich ein völlig verrücktes Land“, sagt er, sie hatten dort tolle ausverkaufte Konzerte, beispielsweise in New York. „Aber je weiter du ins Landesinnere kommst, desto dümmer und schlimmer wird’s, muss man leider sagen.“
In Minneapolis waren sie, als die ICE (United States Immigration and Customs Enforcement) dort gerade massiv ihre Macht demonstrierte, berichtet er. „Uns wurde von Tourmanager gesagt, wir dürften aus dem Gebäude, in dem der Club war, in dem wir spielten, nicht rausgehen. Es sei zu gefährlich.“ Unter Personenschutz sei er dann doch kurz draußen gewesen, weil auf der Kreuzung vor dem Club zwanzig bis dreißig Schlagzeuger saßen, die aus Protest trommelten und so gegen die Zustände demonstrierten. Es war genau jener Club, in dem kurz zuvor auch Bruce Springsteen laut seine Meinung gesagt und gesungen hatte.
„Es war geil zu sehen, wie die Leute vor Ort dagegen halten“, sagt er, erzählt aber auch von Menschen mit Migrationshintergrund etc. die aktuell große Angst haben. Durch den Vergleich der Erlebnisse ist er davon überzeugt, dass eine breite Zivilgesellschaft sich gegen ein System zur Wehr setzen kann. Das bleibt für ihn auch nicht nur Beobachtung aus verschiedenen Staaten der Welt, sondern auch Auftrag für uns alle, unsere Demokratie zu schützen. Denn auch hier sieht er die Kultur durch bestimmte Kräfte bedroht.
Doch Nik redet nicht nur über Politik, sondern hat auch andere Tourgeschichten zu erzählen, so beispielsweise auch, dass er manchmal kaum mehr weiß, in welcher Stadt er am Tag zuvor war, weil letztlich die Arbeit, also die Musik und die Show im Fokus steht. „Es ist auch ein bisschen wie eine Klassenfahrt, nur mit Erwachsenen“, vergleicht er lachend und fügt schnell hinzu: „naja, was man halt so ‚erwachsen‘ nennt.“ Also eher eine Klassenfahrt nur mit den besten Freunden.
Die Band sei jedenfalls wie eine große Familie, was so wichtig ist, wenn man über solch eine lange Zeit auf so engem Raum zusammenlebt. Das beinhaltet definitiv alle, die mit auf Tour sind, denn
in einem Bus kann man nun mal niemandem aus dem Weg gehen. „Du hast die krassesten Glücksmomente zusammen, aber auch das komplette Gegenteil.“
Auch damit spielt er wieder auf ein Erlebnis in den USA an. „Wir sind tatsächlich fast gestorben“, erzählt er. Im Tourbus nämlich waren sämtliche Scheiben gerissen, eine der Toiletten war defekt,
es war nichts so wie bestellt und es wurde nachts bei -26 Grad draußen extrem kalt. „Ich bin in meiner Koje mit langer Unterhose unter einer Jeans, in der ich geschlafen habe, mit Schal, mit
Mütze, mit Winterjacke und allem aufgewacht und hatte zwei komplett durchgefrorene Halbliter-Wasserflaschen neben mir“, beschreibt er.
Später fiel dann auch noch der Stromgenerator aus, also gab es auch kein Licht mehr und auch die Lüftung fiel aus. Während die meisten schliefen, konnten zwei nicht zur Ruhe kommen, die dann wiederum bemerkten, dass etwas nicht stimmte und ihnen schwindelig wurde. Tatsächlich drangen Abgase ins Innere und es war ein großes Glück, dass nicht alle geschlafen haben. „Es hat sich angefühlt wie einer dieser U-Boot-Filme, bei denen das Ding manövrierunfähig Richtung Grund sinkt“, kann Nik es inzwischen zum Glück mit Humor erzählen. Gerade in solchen Situationen sei der Zusammenhalt aller enorm wichtig.
Im Positiven erinnert er sich zum Beispiel gerne an ihren Auftritt in Phoenix, dem Wohnort von Alice Cooper. Vorband damals war die Band der Tochter von Alice Cooper, in der dessen Bassist auch
Gitarrist ist. „Dann klopft es plötzlich an deiner Garderobe und dann steht Alice Cooper da“, erzählt er davon, „Es war dann so, dass wir am nächsten Tag in L.A. gespielt haben, und ihm hatte es
so gut gefallen, dass er dort direkt nochmal zur Show gekommen ist.“ Und noch einmal kam er in die Garderobe, um sich einfach nur zu bedanken.
Solche Geschichten verursachen ja allein beim Zuhören Gänsehaut, und zwar die, die sich gut anfühlt. Nik kann durch seine Erfahrungen inzwischen viele solcher Geschichten erzählen. Nicht nur von
der Zeit mit LOTL, sondern auch mit vielen seiner vorherigen Bands, die ihn und eben auch die Musikszene in Osterode prägten. Ihm zuzuhören, wie er über Menschen redet, die im Kleinen, wie im
Großen einfach begeistert von Musik sind und sich kreativ ausleben, setzt dem, was wir sonst so aus aller Welt hören, etwas Positives entgegen. Danke dafür, Nik.
Das ungeschnittene Interview gibt es auf Youtube:
