The Show must go on

Hinter den Kulissen der Travestie

 

Im Gegensatz zu glamourösen und schrillen Show wirkt die Garderobe hinter der Bühne provisorisch und bestenfalls pragmatisch. Klapptische, zwei Stühle und an die Wand gelehnte Spiegel. Thomas und Lothar Finze reicht das aber vollkommen aus, dank jahrelanger Erfahrung konzentrieren sie sich ausschließlich auf ihr Make-up, auf ihre Perücken und schließlich die mit Pailletten besetzten glitzernden Bühnenoutfits.

 

Mehr als 30 Jahre standen Lothar und Thomas als Travestie-Duo Kim & Roy auf der Bühne. Oft war es die Bühne im Carte Rouge im Deutschen Haus in Badenhausen, aber auch viele andere, denn ihre Shows kamen durch detailverliebte selbstironische Nummern immer sehr gut an. Vor drei Jahren gab es dann die große Abschiedsshow in der Osteroder Stadthalle, seitdem steht Lothar nur ab und zu als er selbst an Roys bzw. Thomas’ Seite.

 

„Obwohl ich das so lange gemacht habe, brauche ich beim Schminken immer noch Thomas’ Hilfe“, sagt Lothar fast ein wenig entschuldigend. Dabei sind es bloß die langen falschen Wimpern, die Thomas ihm mit sichererer Hand anklebt. Es war das Alter, das ihn dazu trieb, die Rolle der Kim an den Nagel zu hängen. Dabei hat ihm die Travestie nicht nur Spaß gemacht, sie war über die Jahre auch ein Ventil und Anker für ihn, sagt er. Doch alles hat nun einmal seine Zeit.

 

 

Zeit ist auch gefühlt das, was Thomas kaum braucht, um sich in Roy zu verwandeln. „Etwa eine Stunde brauche ich, um mich fertig zu machen, aber wenn es sein muss, schaffe ich es auch in einer halben“, sagt er. Das habe er sich so antrainiert, weil damals im Deutschen Haus ja in der Regel der ganz normale gastronomische Betrieb herrschte, den sie beide beherrschen mussten, bevor sie sich dann manchmal zwischen Tür und Angel für ihre Show zurechtmachen müssen.

 

Inzwischen hätte er mehr Zeit dazu. Es ist eine Show im Deutschen Kaiser in Herzberg, um die Gastronomie und das Drumherum kümmern sich hier andere. Auch ganz angenehm, vor allem, wenn draußen alles klappt. Dennoch braucht Thomas nicht viel Zeit, was auch den Kolleginnen Ottilie S. und Melody Heart auffällt, die heute gemeinsam mit Roy und Lothar den Saal zum Kochen bringen wollen.

 

„Warum hetzt ihr denn so?“, fragen sie zwischendurch und fügen ein gespielt bissiges „Und das in eurem Alter“ hinzu. Ja, solche Sprüche dürfen sein, wenn alle Beteiligten wissen, dass es nicht ernst gemeint ist. Das ist der typische derbe Humor, der auch in der Show stattfindet, es darf schon mal unter die Gürtellinie gehen, nur die Grenze zum Geschmacklosen darf nie überschritten werden. Ein gewisses Niveau war Lothar und Thomas bzw. Kim und Roy immer wichtig.

 

 

Das bezieht sich sowohl auf den Humor, der nie verletzend sein sollte, wie beide sagen, aber auch auf die einzelnen Nummer, die immer eine kleine Geschichte erzählen, mit überraschenden Gags aufwarten, eben bis in jede Geste und sogar die Mimik durchdacht sind. Eines der Highlights für viele Fans (und ja, es gibt etliche, die sich kaum einen Auftritt der beiden entgehen lassen) war und ist „Barcelona“ von Freddie Mercury und Montserrat Caballé. Zum Playback des ikonischen Songs werden Lothar und Thomas auch an diesem Abend in die Rollen der beiden Stars schlüpfen.

 

Zuerst aber erläutert Thomas, warum er sich hinter den Kulissen nicht mehr Zeit lässt. Gewohnheit zum einen, zum anderen wollen sie ihre Gäste bereits beim Einlass begrüßen und sich dabei auch ein wenig Zeit für kurzen Smalltalk nehmen, und außerdem, so räumt er mit einem Lächeln ein, wird das Make-up nicht besser, wenn er sich mehr Zeit nimmt, sondern er nur perfektionistischer und dann wird hier noch mal ein Strich gezogen und dort noch mal gepudert, was letztlich kaum einen sichtbaren Unterschied mache.

 

Melody Heart und Ottilie S. lassen sich trotzdem nicht aus der Ruhe bringen. Brauchen sie auch nicht, denn wer wo auf der Bühne zu stehen hat, wenn alle vier vorne sind, haben sie schon geklärt und sind den Ablauf präzise durchgegangen. „Es ist schön, mit Kollegen zu arbeiten, bei denen das alles so gut klappt“, sagt Lothar. Stress braucht er nicht mehr, dazu war sein Leben bewegt genug.

 

 

Das erzählt er übrigens sehr persönlich und selbstkritisch in seiner Biografie „Ungeschminkt“, die aus gutem Grund den Untertitel „Kampf ein Leben lang“ trägt. Im Buch geht der 1953 Geborene auch auf jene Zeit ein, in der Travestie noch lange nicht von allen als Kultur und Homosexualität von den meisten nicht als normal angesehen wurde. (Ein Interview mit Lothar zu seinem Buch ist auf dem Kanal CrYzZ Storys auf Youtube unter dem Titel „Interview mit Lothar Finze von "Kim und Roy" zu finden.)

 

Nach seinem Abschied als Kim hatte er sich damals eigentlich einen anderen Bühnenpartner an Roys Seite gewünscht, schließlich ist Thomas 17 Jahre jünger und brennt noch immer für seine Shows. Doch daraus wurde letztlich nichts. So steht Lothar jetzt eben für die männlichen Rollen doch noch ab und zu im Rampenlicht, wenn auch, wie er sagt, nur noch als familiäre Aushilfe – The Show must go on.

 

Dass Thomas und er als Team funktionieren, zeigt sich ja auch in Finzes Deko- & Geschenkewelt in der Osteroder Marientorstraße, das seit wenigen Monaten auch ein kleines feines Bistro beinhaltet. Offenbar kommen Gastronomen noch schlechter aus ihrer Haut als Travestiekünstler. Den Gästen allerdings gefällt es, denn der kleine Widerstand gegen die Verödung der Innenstadt wird von vielen begeistert angenommen.

 

 

Jetzt aber geht es um die anstehende Show in Herzberg, nicht mehr lange, dann beginnt der Einlass. Lothar probiert noch eine neue Perücke aus, die er dann aber doch wieder verwirft und zu einer gewohnten greift. Thomas wirft sich in ein grün schillerndes Outfit, zieht noch einmal seine Perücke zurecht und fixiert einige widerspenstige Strähnen mit Haarspray. Ach ja und ein wenig Parfüm kann auch nicht schaden.

 

Wenige Minuten später klappern die Absätze der Pumps auf dem Weg ins Foyer des Deutschen Kaiser. Wie ein wahrer Kaiser ist Lothar natürlich an seiner Seite, so dass sie gemeinsam die Türen öffnen und die davor wartenden Gäste begrüßen. Viele von ihnen kennen die beiden auch seit vielen Jahren, gehören zu denen, die dankbar sind, dass Kim und Roy einen Hauch von verruchter weiter Welt in den Harz brachten. Andere wiederum haben sich noch nie eine Travestieshow angesehen, wirken etwas unsicher, was sie an diesem Abend erwartet.

 

Was sie erwartet, sind natürlich Männer in pompösen Frauenkleidern, Musik zum Mitschunkeln, viele Schlagerhits, aber eben auch „Barcelona“. Dazu zotige Witze, vor allem aber kreative Gags, unter anderem Thomas’ unverwechselbare Mimik, wenn er – ganz Diva – in die Rolle von Whitney Houston schlüpft und „I will always love you“ parodiert. Noch mehr Gefühl schwappt allerdings ins Publikum, als Lothar erklärt, er habe jeden Auftritt in den 35 Jahren gemeinsam auf der Bühne genossen, „aber vor allem habe ich es aus Liebe zu Thomas gemacht.“

 

 

Christian Dolle

Freier Journalist

Marienvorstadt 22, 37520 Osterode

Tel: 0175 4713247