Das Glaubensbekenntnis unserer Gesellschaft
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, steht am Anfang unseres Grundgesetzes. Doch was bedeutet Würde eigentlich? Wie können wir sie fassen? Ein „Achtung gebietender Wert, der einem Menschen innewohnt, und die ihm deswegen zukommende Bedeutung“, definiert der Duden. „Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“, sagt das Grundgesetz weiter.
Immanuel Kant machte deutlich, dass jeder Schuh einen Wert hat. Wenn er gebraucht wird. Wenn er kaputt ist, nicht mehr. Der Mensch habe diesen Wert, seine Würde immer. Auch, wenn er krank ist, nicht arbeiten kann etc. Ein interessanter Gedanke in einer Zeit, in der die Politik den Bürgern vorwirft, zu oft krank zu sein und soziale Aufgaben des Staates drastisch einzuschränken versucht.
Achtet und schützt unsere Regierung unser aller Würde aktuell noch? In den USA würde ich dem angesichts erschütternder Medienberichte über ICE und dem autokratischen Agieren Donald Trumps widersprechen. Und ja, auch bei uns sehe ich die Menschenwürde angesichts vieler Äußerungen, die noch vor wenigen Jahren niemand gewagt hätte öffentlich auszusprechen, durchaus bedroht.
Zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust gibt es hier in Osterode eine Gedenkwoche mit vielen verschiedenen Veranstaltungen. In der Berufsschule war ich beispielsweise bei einer Lesung von Carmen Barann und Marie Anne Langefeld, die sich dem Begriff der Würde auf eine literarische Weise annäherten.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ sei das Glaubensbekenntnis der Bundesrepublik, sagten sie. Die Überzeugung, dass alle Menschen die gleiche Würde haben, habe sich als „fundamentaler Prozess“ in der Welt nur langsam durchgesetzt, sagte Schulleiter Dr. Carsten Wehmeyer. Das Grundgesetz schütze diese Überzeugung, „keinerlei Willkür staatlicher Gewalt soll es bei uns je wieder geben“, führte er aus. „Die Menschenrechte und die Demokratie sind unbedingt schützenswert“, betonte auch Johann-Hinrich Witzel, jener Pastor, der die Gedenkwoche federführend zusammen mit der Stadt, dem Kirchenkreis, den Omas gegen Rechts und einigen anderen Akteuren initiierte.
Carmen Barann und Marie Anne Langefeld widmeten sich dem Thema Würde in einer Art Überblick von der Bibel über Gedichte bis hin zu Erfahrungsberichten. Was ist überhaupt Würde? Ist uns Menschen Freiheit und Gleichheit eingeboren? Achten wir immer und in jeder Situation die Würde des anderen? In verschiedensten rezitierten Texten beleuchteten sie unterschiedlichste Aspekte.
„Wir brauchen eine Kultur der Fürsorge und Achtsamkeit“, stellten sie heraus. Die Würde müsse oberstes Prinzip menschlichen Zusammenlebens sein, daher dieser erste Artikel im Grundgesetz. Im Nationalsozialismus wurden marginalisierte Gruppen gezielt und systematisch eingeschränkt, verfolgt, getötet. Der christliche Glaube, schon zu Beginn des Alten Testaments, wenn Gott alle Menschen nach seinem Bild erschafft, steht dem entgegen, Moral und Ethik zu jeder Zeit ebenso.
„Würdig mit anderen umzugehen ist eigentlich gar nicht so schwer“, stellten die Referentinnen schließlich fest. Es habe auch mit Selbstbewusstsein zu tun, denn wenn wir lernen, uns selbst zu schätzen, gelingt uns das auch bei anderen.
Berührt hat mich, dass sich im Anschluss einige der Schüler und der anderen Zuhörer für diese Sichtweisen bedankten. Sie schilderten zudem noch eigene Erlebnisse, in denen Würde verletzt wurde, beispielsweise die junger Menschen im Internet, der Omas gegen Rechts auf der Straße oder von Menschen mit Migrationshintergrund in vielen Alltagssituationen. Gerade diese Diskussion zeigte, dass Angriffe auf die Würde sich in jüngster Zeit mehren und ihr Schutz daher nicht bloßes Lippenbekenntnis sein darf.
Gerade so manche persönliche Geschichte machte mich nachdenklich. Immer wieder schienen wir bewusst oder unbewusst die Würde anderer zu verletzen. Da brauchen wir ein geschärftes Bewusstsein. Auf der anderen Seite gibt es aber auch diejenigen, die die Würde bestimmter Gruppen ganz gezielt zu untergraben versuchen. Hier reicht ein Bewusstsein dafür nicht mehr aus, denke ich, hier müssen wir aktiv das Glaubensbekenntnis der Bundesrepublik, die Basis unseres friedlichen Zusammenlebens verteidigen. Nicht mit Gewalt, aber mit einer entschlossenen Haltung.
