Tafel, Tierheim, Friendly Fire
Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, heißt es. Skandale, Katastrophen oder im Lokalen Unfallmeldungen klicken sich am besten, behaupten viele Medien. Dementsprechend erleben wir tagtäglich unsere Nachrichten und selbst Überschriften in lokalen Tageszeitungen werden immer mehr zu Clickbait. Damit will ich mich nicht zufriedengeben.
Ja sicher, eine Schreckensmeldung generiert erst einmal Aufmerksamkeit, keine Frage. Meine Erfahrung ist aber auch, dass viele Menschen solche Meldungen zwar anklicken, aber allerhöchstens überfliegen, meist sogar nur die ersten Zeilen. Weil sie schnell merken, dass es ihnen auf Dauer nicht gut tut. Natürlich werde ich hier bei uns in der Kleinstadt oft darauf angesprochen, warum wohl der Supermarkt um die Ecke abgebrannt sein könnte. Ein Defekt oder doch Brandstiftung? Ja klar, das interessiert. Ebenso werde ich aber auch auf positive Artikel angesprochen.
In den letzten Tagen waren das vor allem zwei Geschichten. Eine über eine Zehnjährige, die sich zum Geburtstag lediglich wünschte, dass all ihre Gäste für die Tafel spenden. Und dann eine darüber, dass ein Tierheim zu den Spendenempfängern des diesjährigen Friendly Fire gehört. Beides habe ich wirklich gerne geschrieben und beides schlug relativ hohe Wellen. Die Meldung über die Zehnjährige Spenderin wurde sogar vom NDR aufgegriffen, die Friendly Fire-Geschichte ist ja sowieso in aller Munde, weil ein Spendenstream großer Streamer viele Menschen interessiert. Weil viele eben auch positive Nachrichten wollen.
So jedenfalls bin ich überzeugt, dass der sogenannte konstruktive Journalismus, also Nachrichten, die aufbauen, inspirieren und vielleicht sogar jemandem helfen, viel nachhaltiger in Erinnerung bleiben als die sich immer und immer übertreffenden Schreckensmeldungen. Das sage nicht nur ich, das ist seit einigen Jahren durchaus Thema für Journalisten. Darum möchte ich hier diese beiden Artikel noch einmal veröffentlichen. Und ihr könnt ja selber mal testen, wie es mit eurem Interesse für solche Berichterstattung aussieht und ob es euch danach besser geht als nach der Unfallmeldung auf der Bundesstraße oder was auch immer.
Fangen wir mit Friendly Fire an: Der Tierschutzverein Goslar ist einer der Spendenempfänger des diesjährigen Friendly Fire-Spendenstreams. „Wir haben noch nie was gewonnen, und jetzt sind wir bei Friendly Fire!“, sagt Katja Brentrup, die sich auf Initiative ihrer Tochter Maya hin beworben hat. Während für Maya ein großer Traum in Erfüllung geht, muss manch anderen vielleicht erst einmal erklärt werden, was Friendly Fire eigentlich ist.
Das Event wird seit elf Jahren als Stream auf Twitch und es erreichte in dieser Zeit bis zu 120 000 Zuschauer und brachte in den Jahren etwa 10 Millionen Euro Spenden ein. Die Streamer Gronkh und Pandorya, das Team von PietSmiet (Jonathan Apelt, Dennis Brammen, Sebastian Lenßen, Peter Smits und Christian Stachelhaus), PhunkRoyal, FisHC0p, MrMoregame und Der Haider spielen über 12 Stunden lang Spiele oder machen lustige Challanges, während die Zuschauer über die Spendenplattform Betterplace.org spenden können.
Der Fantasyautor Mikkel Robrahn gehörte über Jahre mit zum Team, Hella von Sinnen war vor einigen Jahren zu Gast, außerdem gibt es immer wieder Videospiele bzw. Spielepublisher (z. B. Ubisoft, Microsoft oder Bethesda), die das Event unterstützen. In diesem Jahr steht Friendly Fire unter dem Motto „Anno 117 – Pax Romana“, es ist also davon auszugehen, dass es ein antikes römisches Setting geben wird.
Das Tierheim in Goslar ist zwar nicht antik, es gibt aber einiges, was dringend gemacht werden muss. Spenden sind da mehr als willkommen, auf die ist der Tierschutzverein Goslar und Umgebung e. V. angewiesen. Maya und ihre Schwester Nelly sind durch Mama Katja immer mal wieder im Tierheim gewesen und so in die Arbeit dort hineingewachsen. Ebenso sind beide begeisterte Zuschauer von Friendly Fire bzw. der beteiligten Streamer.
„Die Idee war, dass ich einfach mal hinschreibe“, erzählt Maya, „eigentlich hatte ich gar nicht damit gerechnet, dass es etwas wird.“ Dann aber kam die Zusage, dass der Verein in diesem Jahr neben sechs anderen und dem Nothilfefond zu den ausgesuchten Begünstigten gehört. Das wiederum brachte erst einmal Arbeit mit sich, denn die Spendenempfänger sollen sich und ihre Arbeit in einem Video vorstellen, das den Zuschauern auch deutlich macht, wofür sie ihr Geld geben.
Gar nicht so leicht, sich in aller Kürze richtig zu präsentieren, stellten beide fest, das Video, das unter anderem auf Instagram zu sehen ist, kann sich aber sehen lassen (Anm. d. Verf.). Darin wird auch deutlich, dass Tierarztkosten aufgebracht werden müssen, was eben eine dauerhafte Herausforderung ist. Außerdem soll das Tierheim energetisch saniert werden, erläutert Katja, das Kaninchenaußengehege wetterfest und einiges mehr. „Das entscheiden wir in Ruhe, wenn wir wissen, wie viel Geld gespendet wird“, sagt sie.
Katzenhäuser, Katzenquarantäne, Katzenkrankenstation, Hundehaus, Hundequarantäne, Kleintierraum und ein tierärztlicher Behandlungsraum für im Schnitt 60 Katzen, 10 Hunde und 20 Kleintiere hält das Tierheim am Goslarer Ortsausgang bereit, Pension und Vermittlung inklusive. Definitiv viel Arbeit und jede Unterstützung wert.
Gerade für Maya ist die Mitwirkung bei Friendly Fire aber auch wirklich ein persönliches Highlight, da sie seit zehn Jahren insbesondere Fan von Gronkh ist. „Er ist ja gebürtiger Braunschweiger und sollte den Weg nach Goslar kennen, wenn er das Geld also persönlich vorbeibringen will, ist er herzlich willkommen“, sagt sie. Na dann, lieber Gronkh, was ihr mit eurem Spendenstream auf die Beine gestellt habt, ist mehr als beachtlich, dass der Tierschutzverein Goslar dabei ist, eine große Hilfe für viele Tiere und auch Menschen in der Umgebung, die Kirsche auf der Sahnetorte wäre es, wenn Maya auch noch eine Umarmung von dir bekommt!
Friendly Fire läuft am Samstag, 6. Dezember, ab 14 Uhr auf twitch.tv/gronkh.
Und was war mit der Spende an die Tafel? „Spielzeug habe ich genug“, sagt die zehnjährige Selma. Zu ihrem Geburtstag wünschte sie sich daher von allen nur Geld. Soweit nichts Ungewöhnliches. Selma jedoch wünschte sich das Geld nicht für sich, sondern als Spende für die Osteroder Tafel. Und ja, ihre Freunde und ihre Familie waren von der Idee begeistert, so dass letztlich 150 Euro zusammenkamen, die sie Luise Schrader überreichen konnte.
An ihrem Geburtstag war sie mit allen gemeinsam übrigens beim Bowling, erzählt sie freudig, das habe richtig Spaß gemacht. In der Schule hat sie in den Projekten zu den „17 Global Goals“, also den 17 Zielen der UN für Nachhaltigkeit, erfahren, dass es viele Kinder gibt, die sich sowas wie Bowling nicht leisten können. Auch in Deutschland.
Das bewegt Selma, sie ist sich bewusst, dass es ihr gut geht. Was nicht zuletzt auch an ihren älteren Brüdern liegt, wie sie sagt, und natürlich an ihrer Familie, die nicht auf die Lebensmittel der Tafel angewiesen ist. Dabei spendet sie nicht zum ersten Mal, auch das Tierheim und die Vogelstation hat sie beispielsweise schon bedacht. Jetzt eben die Tafel.
Luise Schrader erklärte ihr noch, dass die hier arbeitenden Ehrenamtlichen übrigbleibende Lebensmittel von Supermärkten abholen, dass diese dann hier sortiert und an viele Menschen weitergegeben werden. So können viele Familien sich trotz wenig Geld eine ausgewogenere Ernährung leisten. Gerade im Zusammenspiel mit der Rettung der Lebensmittel, die sonst weggeworfen würden, ein Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit. Das wusste Selma natürlich schon längst, freute sich aber, es noch einmal vor Ort zu hören.
Auch die Tafel freut sich über jede Spende, vor allem, wenn schon Kinder den Gedanken der gerechteren Verteilung verstehen und mittragen. So geht ein großer Dank nicht nur an Selma, sondern auch an alle, die erkennen, in welchem Überfluss wir leben und dass eigentlich genug für alle da ist.
