„Die können doch zur Tafel gehen“

Empörung über das Versagen von Politik

 

Bei X aka Twitter ging dieser Tage ein Video viral, das die Unionspolitikerin Andrea Behr bei einer Wahlkampfveranstaltung zeigt. Es gab einen Zwischenruf aus dem Publikum. Ob Kinder denn hungern sollten, wenn die CDU/CSU gegen eine Erhöhung des Bürgergeldes ist. Daraufhin sagte Behr: „Die können doch zur Tafel gehen, die sind doch tafelberechtigt.“


Dieser Satz löste Empörung aus. Bei all jenen, die für die Erhöhung sind, bei jenen, die sich mit Kinderarmut auseinandersetzen, und etlichen Menschen mehr, die eine solche Aussage als höchst unsozial und auch als alles andere als christlich empfinden. Auch bei mir, denn ich engagiere mich auch ehrenamtlich für die Tafel, und zwar, um Menschen in Armut zu helfen, aber bestimmt nicht, um verpfuschte Sozialpolitik auszugleichen.


Die Tafel selbst hat sich natürlich ebenfalls geäußert. „Unverschämtheit. Ehrenamtliche Angebote, für vorübergehende Notsituationen gedacht, ersetzen nicht den Staat. Dass sich die Not bei so vielen Menschen verfestigt hat, ist auch Folge der Politik von CDU/CSU. Statt etwas zu ändern, wird widerlich abfällig über Betroffene gesprochen“, hieß es von der Tafel Deutschland e.V. und weiter: „Wir sind eine private, spendenbasierte, ehrenamtliche Initiative. Es gibt KEINEN Anspruch auf Unterstützung. Wenn eine Tafel z.B. zu wenig Lebensmittel hat, kann sie keine Menschen neu unterstützen, auch wenn sie die Aufnahmekriterien erfüllen würden.“

 

 

Bei der Osteroder Tafel gibt es diese Situation häufiger. Immer wieder sind Lebensmittel knapp, Familien stehen auf der Warteliste, nicht allen kann geholfen werden. Die Lebensmittel, die in den Ausgabestellen an jene Menschen ausgegeben werden, die diese Hilfe bitter nötig haben, kommen von Geschäften aus der Region, es sind Lebensmittel, die sonst weggeworfen werden würden. Kommt von dort nichts, bleibt auch nichts für die Tafel.


Genau das sehen wir als unsere Aufgabe, zum einen die Hilfe für die Menschen, die sonst kaum über die Runden kommen, zum anderen die Rettung von Lebensmitteln aus Überproduktionen. Beides ist meiner Ansicht nach eine Folge politischen Versagens. Auf der einen Seite mangelnde Umverteilung und damit Ungerechtigkeit, auf der anderen ein Konsumverhalten, das aus den Fugen geraten und wenig nachhaltig ist.


Wenn nun jemand die Tafel als selbstverständlichen Teil eines sozialen Netzes erachtet – und anders kann ich solche Aussagen nicht verstehen – dann ist es zum einen eine politische Bankrotterklärung und zum anderen ein Schlag ins Gesicht für alle, die dort ehrenamtliche Arbeit leisten. Wenn Frau Behr oder wer auch immer also meint, die Tafel könne in die Sozialpolitik ihrer Partei fest eingeplant werden, dann soll sie bitte auch dafür sorgen, dass die Versorgungslücken, die wir haben, umgehend und vollständig geschlossen werden.


Gerade aus den Reihen einer angeblich christlichen Partei ist eine solche Sichtweise eine Schande und ja, wie die Tafel Deutschland sagt, eine absolute Unverschämtheit. Jede Empörung ist mehr als angebracht und ehrlich gesagt auch darüber, dass von der Parteispitze – natürlich – keine Stellungnahme dazu kam.

 

 

Daher habe ich mich dann an die CDU hier gewandt. Die unterstützt die Tafel immer wieder, beteiligt sich auch mit Spenden. Ja, neben Lebensmitteln benötigen wir auch Geld, denn Fahrzeuge, Kühlhaus, Mitarbeiter (nicht alles geht ehrenamtlich, wenn wöchentlich Märkte und mehrere Ausgabestellen in der gesamten Region angefahren werden müssen) verursachen nun mal Kosten.


Jedenfalls wandte ich mich an die hiesige CDU-Kreistagsfraktion und bekam auch umgehend eine Antwort. „Die von Ihnen angesprochene Aussage, Betroffene „können doch zur Tafel gehen“, ruft auch beim CDU-Kreisverband Göttingen und der CDU-Kreistagsfraktion Göttingen Unverständnis hervor“, hieß es in der Mail. Man wisse, dass die Tafeln spendenfinanziert und ehrenamtlich arbeiten und selbstverständlich keine staatlichen Leistungen ersetzen. Na immerhin.


Weiterhin gab es sogar noch einen Hinweis auf einen Antrag im Kreistag, der besagt, dass der Landkreis einen Unterstützungsfonds für die Tafeln bereitstellen wird. Insofern war es vielleicht sogar gut, so offensiv nachzuhaken und die Tafel damit einmal mehr ins Bewusstsein der Politik zu bringen. Das ist ohnehin oft eine gute Sache und ja letztlich auch eine Kernaufgabe von Journalismus. Zumindest bin ich der Meinung, dass wir Journalisten uns auch immer für Schwächere und für mehr Gerechtigkeit stark machen sollten.