"Harry, mach doch mal einen Kaffee!"

Guilty Pleasure: Derrick - Teil 1

 

In letzter Zeit habe ich ein neues „guilty pleasure“ entdeckt. Nein, nicht Fortnite zocken, die Bild lesen oder das Dschungelcamp gucken, sondern Derrick. Alte Folgen aus den 70ern bis 90ern auf Youtube. „Harry, fahr schon mal den Wagen vor“, ihr wisst schon.

 

Der Satz soll ja angeblich nie gefallen sein, dafür aber hab ich eine Folge gesehen, in der Derrick in seiner Wohnung mit einem Informanten redet und dabei Harry ganz selbstverständlich und lapidar bitter: „Mach uns doch mal einen Kaffee.“ Wann habt ihr zuletzt in eurer Wohnung einen Kollegen von euch gebeten, einem Gast von euch einen Kaffee zu machen?

 

Okay, einige von euch ahnen vielleicht bereits, warum es mein guilty pleasure ist. Der Begriff bedeutet ja, dass man an etwas Gefallen findet, obwohl man erkennt, dass es – nun ja – vielleicht nicht die höchste Qualität hat. Trash TV eben oder in die Jahre gekommene und schlecht gealterte Krimiserien.

 

Nun war Derrick damals ja eine angesehene und überaus erfolgreiche Serie. Das beweisen vor allem die Kommentare unter den Videos. „So schön, diesen oder jene noch mal zu sehen, das waren noch echte Schauspieler“ oder „Damals kamen die Krimis noch ohne Geballer und Gewalt aus, sowas gibt es heute gar nicht mehr“ oder „Die sprechen alle so deutlich, nicht das Genuschel von heute“. Gut, wer nur Til Schweiger-Filme guckt, der muss sich nichts wundern, dass er nix versteht. Und ja, die Besetzung der Serie war schon hochkarätig, gar keine Frage.

 

 

Aber diese Drehbücher! Und diese Dialoge! Okay, eines nach dem anderen und zuerst ein Beispiel: Erst vor ein paar Tagen hab ich eine Folge gesehen, in der Derricks Nachbar bei ihm klingelt, ein Oberstudienrat, der den Kommissar bittet, doch die Hefte aus seiner Wohnung zu holen, die er dort auf dem Schreibtisch hat liegen lassen. Derrick ist mäßig irritiert, klingelt an der Wohnungstür des Nachbarn und stellt fest, dass die Frau des Lehrers ihren Liebhaber zu Besuch hat. Darum traut sich der Ehemann auch nicht rein.

 

Okay, skurril, aber nun denn. Dann jedoch ist der Lehrer in seiner Klasse, ich vermute mal eine Oberstufenklasse und klagt seinen Schülern sein Leid. Die trösten ihn, regen sich über seine Frau auf, so sehr, dass sie ihn später in seiner Wohnung besuchen und auf ihn einreden, er dürfe sich das nicht gefallen lassen. Naja und dann nimmt die Geschichte ihren Lauf, der Liebhaber wird tot aufgefunden, Derrick ermittelt gegen die Schüler, stellt am Ende fest, dass der Lehrer durch deren Zuspruch endlich den Mut fand, den Widersacher aus dem Weg zu räumen.

 

Ganz im Ernst: Wer schreibt sowas?!? Vor allem aber dient die völlig an den Haaren herbeigezogene Geschichte eben meist nur als Trägermaterial für die pseudointellektuellen moraltriefenden Dialoge, die die Fans der Serie wohl damals wie heute als große Schauspielkunst ausgelegt haben. Immer und immer wieder geht es um die Verrohung in der Welt, eigentlich immer mit dem Unterton, dass ja früher alles besser war, das alles verpackt in wohlklingende Phrasen, die Derrick und Harry nach Möglichkeit auch noch mehrmals wiederholen, damit sie auch der letzte Zuschauer mitbekommt und sich den großen Fragen des Lebens stellen kann, wie beispielsweise der, ob jemand als Täter geboren wird oder die Umstände ihn dazu machen.

 

 

Eine wirkliche Antwort gibt es selten, dazu trieft jede einzelne Folge vor entsetzlicher Langeweile, das sind meist die Momente, wo ich dann nebenbei zu den Kommentaren runterscrolle. Die sind jedenfalls alles andere als langweilig, denn hier wird meist wie gesagt in den höchsten Tönen geschwärmt. Ab und zu gibt es auch einige negative oder zumindest kritische Anmerkungen, die dann jedoch sofort von mehreren Fans wortreich gekontert werden.

 

Zum Beispiel hab ich einen Kommentar gelesen, in dem jemand anmerkte, dass damals ja offenbar in jeder Folge Alkohol getrunken und geraucht wurde, vor allem in Stresssituationen. Ja, fällt mir auch immer wieder auf, ist sicher bei Derrick kein Einzelfall, auf jeden Fall bin ich froh, dass sich die Produktionen dahingehend verändert haben. Nicht so die Fans der Serie. Als Antwort stand nämlich wortwörtlich darunter: „Wenigstens das hat die linksgrüne Verbotsmafia noch nicht verboten“.

 

Ups, wo kommt denn plötzlich der politische Einschlag her? Alles andere als ein Einzelfall. In einer anderen Folge wurde angemerkt, dass eine weibliche Figur ja ziemlich nervig sei und dazu vielleicht auch ein bisschen dumm, wenn sie nicht ahne, was um sie herum passiert oder so, also der Fall war jedenfalls ziemlich durchschaubar. Die Antwort aus dem Nichts darauf: Na und, so nervig und dumm wie Claudia Roth sei sie noch lange nicht, die sei viel schlimmer. What???

 

Fortsetzung folgt...